„Was Musik anbelangt, war Berlin immer noch eine Bastion des Traditionalismus“ meint Yehudi Menuhin. „Beethoven und Brahms waren die Götter und Furtwängler und Walter ihre Propheten; und Frau Louise Wolff, die Inhaberin der größten Konzertagentur Berlins, ihre Hohepriesterin. Ich erinnere mich noch gut an das Galadiner, das Frau Wolff am Tage meines Debüts, am 12. April 1929, nach der Generalprobe gab. Die Generalprobe war entscheidender als das Konzert selbst, weil dazu alle wichtigen Musiker erschienen. Am Diner nahmen mindestens vierzig Personen teil. Sie alle verbeugten sich voreinander und schüttelten sich die Hände: „Mahlzeit“.

Mehr als vierzig Jahre nach diesem Ereignis spielt Menuhin im Durcheinander seines New Yorker Hotelzimmers die Szene nach. Er schüttelt die Hände imaginärer Prominenz und wiederholt die Aufforderung, zu speisen. „Dann aßen sie, bis sie nicht mehr konnten. Schließlich erhoben sie sich und verbeugten sich wieder, so tief sie konnten – allerdings nicht mehr ganz so tief wie vor dem Essen: „Mahlzeit, Mahlzeit“. Diese Art, zu leben – repräsentiert durch Damastdecken auf jedem Tisch und Spitzendeckchen auf dem Damast -, wollte man unbedingt aufrechterhalten, so lange wie man es irgend konnte.“

„Ich spreche speziell vom kulinarischen Musikgenuß, weil er im damaligen Berlin sehr wichtig war“, fährt Menuhin fort. „Dieses Musikleben ersetzte etwas, was in der Hauptstadt einer Weltmacht durch Kolonien oder sonst einen außenpolitischen Prunk repräsentiert werden mag. Alle Lust an Macht- und Prachtfreudigkeit, die in anderen Völkern durch die Staatsmacht befriedigt wird, wurde in Berlin auf die Opernbühnen und Konzertpodien transponiert.“

Otto Friedrich, Weltstadt Berlin – Größe und Untergang 1918 – 1933, Verlag Kurt Desch 1973, S. 173/174

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