„(…) 9. November 2018… Etwa um vier Uhr nachmittags, als es zu schneien begann, erreichte Karl Liebknecht, begleitet von einer Gruppe rebellierender Matrosen, das Schloss. „Jubel erscholl“, erzählt Ben Hecht, der gerade als vierundzwanzigjähriger Reporter der Chicagoer ‚Daily News‘ nach Berlin gekommen war. „Ich sah, wie ein kleiner Mann, fahl und übernächtigt, aus einem Taxi stieg und durch den Schnee zum Eingang des Schlosses tappte. Liebknecht eilte, von etwa hundert Matrosen gefolgt, die Marmortreppe hinauf. „Es waren keine Befehle ausgegeben worden“, berichtet Hecht. „Es sah aus wie eine Revolution, bei der jeder tun konnte, was er wollte. Ich stellte keinerlei Fragen und folgte Liebknecht. Die weiten Schlossräume waren verlassen, anwesend war nur ein verwirrter alter Mann mit einer Lederschürze.“ Vom Hauptbalkon des Schlosses begann Liebknecht vor den Tausenden seiner Anhänger eine Rede zu halten. „Der Tag der Freiheit ist gekommen“, rief er. „An dieser Stelle wird nie wieder ein Hohenzoller stehen. Ich proklamiere die freie sozialistische Republik.“ Mit Ben Hechts Deutschkenntnissen war es noch nicht weit her, und so entgingen ihm Teile der Rede.

Aber als gewissenhafter Reporter folgte er dem Redner in das verlassene Schlafzimmer des Kaisers. „Liebknecht fing an, sich auszuziehen. Seine schwarzen Augen funkelten fast poetisch verklärt. Nach kurzer Zeit stand Liebknecht barfüßig in seinem langen Winter-Unterzeug da. Einige Knöpfe fehlten, und die ausgebeulte Sitzfläche war vom vielen Waschen abgenutzt. Er nahm eine Aktentasche und vier dicke Bücher auf. Mit ihnen unter dem Arm, näherte er sich dem Bett des Kaisers. Die Matrosen standen erstarrt und beobachteten ihn. Liebknecht placierte seine ausgebauchte Aktentasche und die vier Nachschlagewerke auf dem kleinen Nachttisch und kroch unter die kühlen königlichen Decken. In dem Raum war es still geworden. Ich hörte die königlichen Sprungfedern quietschen, als Liebknecht die Beine ausstreckte. Und dann, als er nach einem der Bücher griff, gab es plötzlich ein krachendes Geräusch. Der zierliche Nachttisch mit seinen spindeldürren Beinen war unter dem ungewohnten Gewicht revoulutionärer Literatur zusammengebrochen. Die Lampe schlug auf den Boden, und die Glühbirne zerplatzte. Und die Revolutionsgarde floh von ärgeren Gespenstern verfolgt, als ich sie mir in meiner Phantasie hätte vorstellen können.“

Otto Friedrich, Weltstadt Berlin – Größe und Untergang 1918 – 1933, Verlag Kurt Desch 1973, S. 25 – 26

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s