Diese Geschichte ist meine liebste in dem Hollywood-Geschichtsbuch von Otto Friedrich:

„Der Schriftsteller und Drehbuchautor Ben Hecht spielte Geige mit dem Wohlbehagen des Amateurs, und so beschloss er, die sogenannte Ben-Hecht-Symphonietta zu gründen, die sich jeden Donnerstagabend in Hechts Villa zum Konzertieren treffen sollte. Er warb ein eigenartiges Bündel von Talenten an. Charles MacArthur (ein Dramatiker und in den Dreißiger Jahren einer der höchstbezahlten Drehbuchautoren) spielte Klarinette, Harpo Marx die Harfe, aber nur in A-Dur. George Antheil, ein Komponist, sollte vom Klavier aus so etwas wie Ordnung halten.

Groucho Marx wollte gern mitmachen, aber die anderen entschieden, dass das nicht ginge, weil er nur Mandoline spielen konnte, und die hielten sie für unter der Würde der Ben-Hecht-Symphonietta. Das Ganze war zum Teil ein Witz, aber irgendwo nehmen alle Kammermusiker ihre Obsession ernst.

Bei ihrer ersten Probe in einem der oberen Räume des Hechtschen Hauses hatten die Musiker gerade zu spielen begonnen, als lautes Klopfen an der Tür ertönte. Plötzlich flog die Tür auf, und auf der Schwelle erschien Groucho Marx. »RUHE BITTE!« rief er, dann verschwand er wieder und knallte die Tür hinter sich zu.

Die versammelten Musiker blickten einander ziemlich ratlos an. »Groucho ist eifersüchtig«, erklärte Harpo Marx. Hecht meinte von unten merkwürdige Geräusche gehört zu haben, aber die Musiker beschlossen einmütig, die Unterbrechung zu ignorieren und Groucho sich selbst zu überlassen. Sie fingen wieder an zu spielen. Und wieder klopfte es an der Tür. Wieder erschien Groucho Marx. »RUHE, IHR LAUSIGEN AMATEURE!« schrie er.

Als die Musiker ihn immer noch ignorierten, drehte Groucho sich um und stampfte die Treppe hinunter. Erneut wandten sich die Musiker ihren Instrumenten zu. Da kam von unten ein donnernder Orchestertusch. Es war die Ouvertüre zu Tannhäuser.

»Wie vom Donner gerührt«, erzählte Antheil, »krabbelten wir alle die Treppe hinunter, um zu sehen, was los war. Und da stand Groucho und dirigierte mit großen, fledermausartigen Bewegungen das Symphonieorchester von Los Angeles. Mindestens hundert Mann hatten sich in das Wohnzimmer gequetscht. Groucho hatte sie angeheuert, weil es ihn (wie er später erklärte), verletzt habe, daß wir ihn nicht in unsere Symphonietta aufnehmen wollten. Wir nahmen ihn auf.«“

Groucho

Otto Friedrich, City of Nets/Markt der schönen Lügen. Die Geschichte Hollywoods in seiner großen Zeit, S. 80 – 81, Kiepenheuer & Witsch (dt. Übersetzung) 1988

3 Antworten auf „03. Januar 2022

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