Aus meinem goldenen Notizbuch XLI. 24. Mai 2021, auch Balkon.

Der Tod in Venedig. Im vergangenen Dezember bestellte ich mir dieses vermeintlich überaus bekannte Werk von Thomas Mann. Wenn ich es anderen gegenüber erwähnte, stellte sich meist heraus, dass viele den Titel kannten oder Viscontis Film gesehen hatten, daher zuweilen das Adagietto von Mahlers Fünfter damit verbinden konnten, jedoch das zugrundeliegende Buch nie gelesen hatten. Ebensowenig wie ich.

Eine private Konversation, in der ein Vergleich mit Aschenbach eine Rolle spielte, erweckte in mir den Wunsch der Lektüre. Als es angekommen war, verschönerte ich zunächst den mir zu schlicht erscheinenden Einband, der mir nicht angemessen erschien. Dann begann ich erwartungsfroh mit dem ersten Kapitel. Ich war enttäuscht, sehr enttäuscht. Und verärgert. Ich empfand unendlich viele Beschreibungen als unnötig verschachtelt, hölzern und umständlich, ja unvirtuos und erkennbar gedrechselt. Die Hauptfigur erschien träge, freud- und leblos. Aschenbach war noch lange nicht in Venedig, mir riss der Geduldsfaden. Dafür war ich nicht bereit, meine kostbare Lebenszeit zu opfern.

Ich war konsterniert und las zur Unterfütterung der Plausibilität meines Eindrucks, absichtsvoll Kritiken im unteren Bewertungsbereich, wo Unverständnis über die hohe Einstufung des Werkes geäußert wurde. Ich fühlte mich verstanden. Der Eindruck wuchs, dass es nicht das beste Werk von Mann zu sein schien, da einige Kritiken das Buch in Relation zu anderen Werken Manns setzten und es dabei nicht sehr gut abschnitt. Ich legte es beiseite und bedauerte, dass der von mir liebevoll verzierte Einband nicht mit dem Inhalt zu korrespondieren schien.

Dann aber ergab sich die Lektüre, die ich gestern beschrieb. Wälsungenblut war fünf Jahre früher entstanden und ich fand dort Gefallen an Manns Sprache, die mir in Wälsungenblut elegant und raffiniert und inspiriert erschien, ganz anders als jene ersten Seiten vom Tod in Venedig. Ich konnte mit dem empfundenen Gefälle nicht meinen Frieden machen. Nach einer Weile nahm ich das Buch erneut zur Hand und entschied, die mühseligen und mir unendlich ereignislos und langweilig erscheinenden Passagen bis zur Ankunft in Venedig zu ersparen. Ich blätterte vorwärts, bis Aschenbach am Lido eintrifft und es sich im Hotel kommod macht. Und siehe da, sobald die entscheidende Begegnung mit Tadzio stattgefunden hatte, bekam ich Lust weiterzulesen. Ab da überblätterte ich nichts mehr und fand an mehreren Passagen echten Gefallen. Sie versöhnten mich mit dem Buch. Ich will aus diesen Passagen zitieren.

S. 48
„(…) Oder war er einfach ein verzärteltes Vorzugskind, von parteilicher und launischer Liebe getragen? Aschenbach war geneigt, dies zu glauben. Fast jedem Künstlernaturell ist ein üppiger und verräterischer Hang eingeboren, Schönheit schaffende Ungerechtigkeit anzuerkennen und aristokratischer Bevorzugung Teilnahme und Huldigung entgegenzubringen.“

S. 82
„(…) Amor fürwahr tat es den Mathematikern gleich, die unfähigen Kindern greifbare Bilder der reinen Formen vorzeigen: So auch bediente der Gott sich, um uns das Geistige sichtbar zu machen, gern der Gestalt und Farbe menschlicher Jugend, die er zum Werkzeug der Erinnerung mit allem Abglanz der Schönheit schmückte und bei deren Anblick wir dann wohl in Schmerz und Hoffnung entbrannten. So dachte der Enthusiasmierte; so vermochte er zu empfinden. Und aus Meerrausch und Sonnenglast spann sich ihm ein reizendes Bild. Es war die alte Platane unfern den Mauern Athens, — war jener heilig-schattige, vom Dufte der Kirschbaumblüten erfüllte Ort, den Weihbilder und fromme Gaben schmückten zu Ehren der Nymphen und des Acheloos. Ganz klar fiel der Bach zu Füßen des breitgeästeten Baums über glatte Kiesel; die Grillen geigten. Auf dem Rasen aber, der sanft abfiel, so, daß man im Liegen den Kopf hoch halten konnte, lagerten Zwei, geborgen hier vor der Glut des Tages (…)“

S. 107
„(…) Aschenbach saß an der Balustrade und kühlte zuweilen die Lippen mit einem Gemisch aus Granatapfelsaft und Soda, das vor ihm rubinrot im Glase funkelte. Seine Nerven nahmen die dudelnden Klänge, die vulgären und schmachtenden Melodien begierig auf, denn die Leidenschaft lähmt den wählerischen Sinn und läßt sich allen Ernstes mit Reizen ein, welche die Nüchternheit humoristisch aufnehmen oder unwillig ablehnen würde.“

18 Antworten auf „25. Mai 2021

  1. Das wirklich – p o e t i s c h-wirklich – Interessante am Tod in Venedig ist, daß viele Sätze tatsächlich gestellt, bisweilen sogar allzu geziert sind und, wie oft bei Mann, ein Bildungshintergrund nicht nur verwendet (was richtig und notwendig ist), sondern auch ausgestellt wird, nämlich bezeichnet im Sinn von „schauen Sie her, wie gelehrt ich bin“; es gibt also wahrhaftig Gründe genug, von dieser Novelle genervt zu sein. Hat man sie aber gelesen und das Bücherl wieder zugeschlagen, vergeht zwar vielleicht einige Zeit, doch dann, immer wieder, steigen ihre Atmosphäre, ihre Dringlichkeit (Aschenbachs – nämlich Manns selber – pädophile Not) und vor allem Schönheiten in einem (und, ecco, einer) auf, die lebenslang halten – nicht unähnlich Erinnerungen an Kindheit, da wir über die heutige Verbalisierungsfähigkeit noch nicht verfügten, ja sie nicht im entferntesten hatten. Will sagen: Manns Dichtung schreibt sich – anfangs unspürbar – in unser Unter- und Unbewußtes ein, und es ist sehr wohl möglich, daß unsere Widerstände gegen die Novelle daran einigen Anteil haben. – Ich bin mir bis heute nicht darüber klar, ob dieses subversiv psychische Geschehen von Mann poetisch kalkuliert worden ist; falls ja, zeugte es von einer ästhetisch genialen Methodik; falls nein, davon, daß eine Erzählung, hat sie nur Bedeutung genug, sich selbst ermächtigt, in uns zu bleiben. Beides, je für sich, wärer ein – Wunder.

  2. Kann ich alles sehr gut nachvollziehen. Ich habe den Eindruck, Mann war ganz nah an seinem Talent und innersten Kern, wenn er sich dem hingab, was man heute „flow“ nennt, das sind seine großen Momente. Ich vermute aber auch, dass die auf mich eher hölzern und auch wie hart erarbeitet wirkenden Passagen, die nicht so recht in den Fluss kommen wollen, seiner auferlegten Arbeitsdisziplin geschuldet sind. An manchen Bildern und Szenen scheint er sich unendlich abzuarbeiten, es will sich keine Eleganz im Satzbau einstellen. Und dann fließt es auf einmal und man ist nur noch ergriffen.

  3. Volker Ludewig
    Aschenbach wäre heute ein Prenzlberger Bi-Papa, der nie seine Prostata gefunden hat. Darauf eine Granatapfelschorle.

    Gaga Nielsen
    ich denke, Aschenbach würde heute in Schöneberg leben 😉

    Alban Nikolai Herbst
    Eher noch in Friedenau. Oder er hätte eine kleine Villa in Dahlem.

    Gaga Nielsen
    Ja, auch das passte zu unserem heutigen Aschenbach, aber er würde sich sehr gut auskennen in Schöneberg! Er lebt ja auch in den Nächten und möchte Kontakte pflegen.

    Volker Ludewig
    Verklärt Ihr ruhig… 😁

    Gaga Nielsen
    ….wo seh ich (unangemessen) rosé?

    Volker Ludewig
    Es war in Schöneberg im Monat Mai! 😁

  4. Als ich das erste Foto gesehen habe, glaubte ich echt, der Umschlag sei vom Verlag so gestaltet und dachte: Oh, was für eine hübsche Ausgabe! Gekauft hätte ich sie aber trotzdem nicht, da ich den Tod in Venedig schon als Kind gelesen und nichts davon in Erinnerung behalten habe. Als Kind ist man ja viel eher bereit, mit so etwas seine Lebenszeit zu verschwenden, stelle ich immer wieder fest. Da hat man noch so viel davon. Und ich sage mir immer, wenn bei mir von einem Buch nichts hängen bleibt, dann soll das so sein. Entweder es resoniert oder nicht. Das Buch hat dann keine weitere Bedeutung für mich, außer daß ich damit angeben kann, es gelesen zu haben. *gg*
    Ich habe jetzt in Besitz nur eine Ausgabe von Manns Doktor Faustus, an die ich mich aber noch nicht herangetraut habe – wegen meiner knappen Lebenszeit. Falls du das auch besitzt, könntest du es ja schon mal vortesten. ;-)

  5. Nein, Manns Doktor Faustus besitze ich nicht.

    Ich möchte dringend anführen, dass sich mit verändertem Lebensalter die Interessenslage und Wahrnehmung verändern kann, was Literatur, Dichtung aber auch Filme und Musik anbelangt. Die Thematik vom Tod in Venedig ist mir erst heute tief nachfühlbar. Das Schwinden der eigenen äußeren Jugend und die tiefe Wahrnehmung dessen, was Jugend auch nur betrachten zu dürfen, für eine Bereicherung darstellt. Als Kind kennt man weder Jugend noch Alter und kann den Schmerz der Vergänglichkeit nicht vergleichbar nachempfinden. Das war auch, was mich an dem Buch interessierte, vorrangig.

  6. Das ist mir alles vollkommen klar und ich bin mir sicher, daß ich nur die Hälfte verstanden habe. Aber es ist trotzdem nicht so, daß ein Kind überhaupt keine Ahnung vom Leben hat und nicht auch zwischen den Zeilen eine Menge mitbekommen kann. Ich habe andere Literatur gelesen, wie zum Beispiel Theodor Storm, dessen Novellen auch oft sehr tragisch sind und von Vergänglichkeit erzählen – die haben sehr mit mir resoniert. Ich habe als Kind geradezu solche Literatur gesucht, genau deshalb habe ich wahrscheinlich auch zu Tod in Venedig gegriffen – alleine wegen des Titels. Und ich denke, daß Resonanz nicht nur alleine etwas mit Verstehen im intellektuellen Sinne zu tun hat, sondern vor allem mit dem Erspüren und Mitschwingen dessen, was erzählt wird und für mich eben innerlich ebenso bedeutsam ist. Und ich denke, daß sich das zwar mit dem Alter vom intellektuellen Verständnis verändern kann, aber vom grundlegenden Kern, bleibt das, was mich seelisch anzieht und berührt eben im Grunde bis auf die intellektuelle „Ausweitung“ und das tiefere Verstehen relativ ähnlich. Und nur um des intellektuellen Verstehens Willen würde ich das Buch trotzdem nicht mehr lesen, gerade in Hinblick auf die knappe Lebenszeit. Da sind mir andere Dinge wichtiger.

  7. Ich lese grundsätzlich nicht aus intellektueller Ambition, ich will auf der Gefühlsebene berührt werden, und das war durchaus in den späteren Passagen der Fall. Würde aber dennoch nicht sagen, dass man das Buch „gelesen haben muss“, dafür war mein Ärgernis eingangs auch zu groß.

    An mir konnte ich beobachten, dass mich Bücher, die ich in früher Jugend (keine Kinderbücher, Erwachsenenliteratur, auch Sachen von Fontane, Pornographisches, leichte Kost, schwer Verdauliches) las, heute nicht mehr berühren können, weil ich als junges Mädchen darin eine völlig neue Welt entdecke, die mich schon um des Neuen willen interessierte. Das gilt auch für mehrere Sachen, die ich in meinen Zwanzigern oder Dreißigern las. Ich habe viele Bücher von früher noch aufbewahrt. Manche damals zeitgenössische Prosa, z. B. aus den Achtzigern oder Neunzigern, ist seltsam schlecht gealtert, seinerzeit kam es mir frisch und interessant vor, und das war es sicher auch.

    An sich tendiere ich nicht dazu, Bücher von früher nochmals zu lesen, Wenn einem aber ein Buch einst wie eine Offenbarung schien und man später zutiefst verwundert nochmals darin blättert und meint, das darf doch nicht wahr sein, dass man rein gar nichts mehr von der früheren Faszination wiederbeleben kann (so ging es mir mit Henry Millers „Koloss von Maroussi“), dann hängt das aus meiner Sicht mit einer Lebensentwicklung zusammen.

    Auch im Bereich der Musik gibt es Künstler, die mir geradezu unterträglich geworden sind, also beim Wiederhören der alten Aufnahmen. Künstler, die ich früher zutiefst schätzte und verehrte. Selbst meine Geschmacksvorlieben beim Essen haben sich verändert. Ich mochte früher kein Marzipan, heute liebe ich es. Auch da gibt es keinen intellektuellen Hintergrund für die Veränderung meiner Neigungen.

    Ich will den Künstler nicht namentlich nennen, aber es gibt jemanden im Bereich Chanson, in dessen Gesang ich mich in den Neunziger Jahren badete, wenn ich es heute höre, fallen mir unangenehm schiefe Töne auf, die ich früher glattweg abgestritten hätte, weil ich von dem Gesamtpaket emotional ergriffen war. Ich kann die schiefen kieksigen Töne heute nicht mehr ertragen, sie hindern mich schlichtweg daran, mich in eine Emotion fallen zu lassen, es stellt sich kein Gefühl mehr ein. Nur bei ca. zwei, drei Aufnahmen; früher mochte ich Aberdutzende. Mir wird von den schrägen Tönen fast körperlich schlecht, verbunden mit einer Art Fremdscham.

  8. Klar, das kennen wir alle. Gibt bei mir auch Musik, Essen, Bücher oder andere Vorlieben, die ich heute gar nicht mehr nachvollziehen kann. Bei Büchern empfinde ich dann weniger Fremdscham als Bedauern, da man sie damals als großes Abenteuer erlebt hat und dieses Prickeln vollkommen weg bleibt. Ich glaube, das hat oft auch gerade mit der großen Phantasie und Ruhe zu tun, mit der man als Kind noch in der Lage ist, in ein Buch einzutauchen. Mit dem Alter gibt es da ja zunehmend Störfaktoren, Verantwortungen und Zeitdefizite. Ich habe allerdings erlebt, daß mein Vater, als er pflegebedürftig war, obwohl früher hochintellektuell, ab diesem Zeitpunkt nichts Anspruchsvolles mehr lesen wollte, sondern zu den alten Kinderbüchern wie Karl May und Heidi zurückkehrte und diese mit großem Vergnügen las. Also vielleicht besteht ja im hohen Alter noch Hoffnung, daß man doch wieder Gefallen an dem ein oder anderem vorher Abgelegtem findet. Und falls nicht, gibt es trotzdem Bücher, die einem allein in der Erinnerung an das Lesevergnügen verbunden bleiben. Manchmal ist es sogar ganz gut, es dabei zu belassen.

  9. Das mit der erwähnten Fremdscham, die ich selbst beinah bizarr finde, hängt wohl in dem erwähnten Fall auch damit zusammen, dass seit den Performances der Achtziger und Neunziger Jahre keine erkennbare Weiterentwicklung stattgefunden hat, und nun eine (nicht gut) gealterte Stimme und Pose aufrecht erhalten wird, die ich noch nicht bemitleiden kann, weil das Alter noch nicht so hochbetagt ist. Ich kenne auch ganz privat Menschen (M ä n n e r), die einen Stil weiterkultivieren, der in den Achtzigern absolut modern wirkte, als sie in der Blüte ihrer Jugend waren, und die keinen Weg in eine zeitgemäßere Ästhetik finden konnten, obgleich sie sich damals als explizite Ästheten empfanden.

  10. Du machst einen richtig neugierig. *gg* Man sieht immer wieder mal Menschen, auch Frauen, die scheinbar irgendwo in der Zeit stehengeblieben sind. Manchmal denke ich, daß sowas vielleicht auch recht bequem ist, wenn man einfach bei dem bleibt, was man mal als gut empfunden hat und aktuelle Mode hat ja nicht immer etwas mit Ästhetik zu tun – frühere Mode allerdings auch nicht. Ganz schlimm finde ich diese alten, hohen Stonewash-Jeans aus den 90ern. Neulich habe ich mir nach langer Zeit mal wieder Crocodil Dundee angeschaut aus eben jener Zeit, amüsierte mich über die Klamotten und dachte immer nur – oh mein Gott, war ich damals jung! Fremdschämen würde ich mich aber eher bei Leuten, die krampfhaft versuchen mit plastischen Ops jung zu bleiben, sowas ist mir irgendwie immer peinlich anzuschauen, vielleicht tut es mir aber auch einfach nur leid. Was dagegen jemand trägt oder macht, so lange er sich damit wohlfühlt, meinetwegen.

  11. Natürlich gibt es auch zuhauf Frauen, auf die das zutrifft, aber da ist es für mich eher ein ästhetisches Missfallen, als ein privater Schmerz, da ich im Fall von Verliebtheit in Männer (ausschließlich Männer), eine starke Identifikation mit dem Gesamtpaket hatte, und wenn dann ganz viel von den attraktiven Dingen flöten geht, ist das wie ein kleiner Tod, auch wenn man kein bißchen mehr verliebt ist. Manchmal beruhte ein Teil der Attraktivität aber auch auf der extradicken rosa Brille, die ich mir immer gerne aufsetze, wenn es mich erwischt. Es ist ein schöneres Gefühl, wenn man einen früheren Geliebten nach Jahrzehnten wieder sieht, trifft, und noch halbwegs verstehen kann, warum man so verliebt war.

  12. Ina Weisse
    Es kann keinen heutigen Aschenbach geben. Um solche Empfindungen zu entwickeln, braucht man vor allem etwas und das ist Zeit. Zeit zur Beobachtung und Selbstreflexion.

    Gaga Nielsen
    Es gibt Menschen, die ein ausgeprägtes Bedürfnis danach haben und sich die Zeit nehmen, egal in welcher Epoche sie leben. Ich zum Beispiel. Man zieht sich zurück, um die Dinge sehr bewusst wahrzunehmen und zu verarbeiten, sogar in Gesellschaft. Mann war ja schon familiär immer im Kontext mit anderen Menschen, aber hat sich seinen Rückzuck gesichert. In sein Arbeitszimmer und seine Phantasie. Das will und sucht man oder eben nicht.

    P.S. Gustav Mahler, den Thomas Mann als role model bei der Erschaffung von Aschenbach vor Augen hatte, wenn man der Literaturforschung glauben darf, lebte ebenfalls eigenbrötlerisch sein Rückzugsbedürfnis aus, selbst in der Sommerfrische zog er sich weitgehend in sein Komponierhäuschen zurück, wo ihm in einem Körbchen die Mahlzeiten geräuschlos vor die Tür gestellt wurden. Ehe hin oder her. Diese Rückzugsbestrebungen haben letztlich doch alle, die eine einsame Kunstform ausüben, und die ihnen mehr am Herzen liegt als weltliche Kontakte. So auch Thomas Mann:

    „Beim Schreiben ist er ein Pedant. Strikt nach Stundenplan unterteilt sich Thomas Mann seinen Arbeitstag. Um acht Uhr steht er auf, trinkt einen Kaffee. Ab halb zehn sitzt er drei Stunden lang an seinem neusten Werk. Nichts und niemand darf ihn stören während dieser Zeit, kein Besucher und kein Telefonanruf, auch die sechs Kinder nicht, die ihm seine Frau Katia vom Leibe halten muss. Am Nachmittag folgen Korrespondenz und Tagebuch. Hier notiert Mann auf Tausenden von Seiten auch viel Banales, zum Beispiel was er gegessen und an Schlaftabletten eingenommen hat.“

    Quelle https://www1.wdr.de/stichtag/stichtag1226.html

  13. P.S. hierzu auch…

    „(…) Manns tiefe Verehrung für den Komponisten, die Erschütterung des Dichters beim Empfang der Nachricht vom Tode des Musikers und die Verbindung der Novelle mit der Gestalt Gustav Mahlers: ‚… und indem sich später diese Erschütterung mit den Eindrücken und Ideen vermischte, aus denen die Novelle hervorging, gab ich meinem orgiastischer Auflösung verfallenen Helden nicht nur den Vornamen des großen Musikers, sondern verlieh ihm auch bei der Beschreibung seines Äußeren die Maske Mahlers…‘“

    Quelle https://www.grin.com/document/320772

  14. Alban Nikolai Herbst
    Nur daß, soweit irgend bekannt ist, Mahler, anders als Mann, nicht mit pädophilen, auch nicht homoerotischen Wünschen insofern geschlagen war, als sie in seiner und Manns Zeiten nur unter existentiellen Schwierigkeiten auch nur geäußert werden konnten. Das ist der Grund, weshalb in Mahlers Werk, anders als in Manns, Verdrängung nicht wirklich eine Rolle spielt, nicht einmal – in dieser Hinsicht – Sublimation. Mahlers Dämonen waren völlig andere. Aschenbach ist also eine Wunschprojektion Manns: wie er selbst s i c h als Mahler (unbewußt) wünschte. Lest nur mal seine, Manns, Äußerungen nach der Uraufführung von Mahler VIII.

    Gaga Nielsen
    Wohl wahr, alles. Aber die Verdrängung führte immerhin nicht so weit, dass Mann eine Lolita-oder Alma-Figur zusammengeheuchelt hätte. Auch traute er sich, aus Aschenbach einen Schriftsteller zu machen. Gustav Mahler hat Thomas Mann auf seinen Huldigungsbrief nach der Uraufführung geantwortet, lese ich hier, aber den Huldigungsbrief Manns fand ich leider noch nicht.

    https://www.sueddeutsche.de/kultur/gustav-mahler-und-thomas-mann-ob-der-brief-wol-in-ihre-haende-gelangt-1.3918470?

    P.S. ich finde immer nur dieselben Zitatfragmente in gleichartigen Artikeln, wie hier

    https://www.gustav-mahler-vereinigung.de/newsreader/07-11-2019-19-30-uhr-hans-rudolf-vaget-die-maske-mahlers-thomas-mann-und-gustav-mahler-im-lichte-neuer-quellen.html

    nämlich: „(…) Offenbar kam es jedoch bei jenem festlichen Anlass zu keinem persönlichen Austausch zwischen dem Autor der „Buddenbrooks“ und dem gefeierten Komponisten und Dirigenten.

    Stattdessen schickte Thomas Mann zwei Tage danach, zusammen mit einem Exemplar seines Romans „Königliche Hoheit“, einen formellen Huldigungsbrief. Er glaube, so beteuerte er, dass sich in dem Verehrten „der ernsteste und heiligste künstlerische Wille unserer Zeit“ verkörpere. Dies erklärt, dass er es für gut und richtig befand, seinem fiktiven Alter Ego in „Der Tod in Venedig“, dem Schriftsteller Gustav von Aschenbach, die „Maske Mahlers“ zu verleihen, dazu den Vornamen und das ungefähre Alter.“

    …nichtsdestotrotz halte ich es nicht für Nebelkerzen, die Mann womöglich auch für sich selbst werfen wollte, sondern die Wahrnehmung von seiner göttlichen Schöpfergewalt als Schriftsteller, ideale Versatzstücke miteinander zu vermählen, einen feingeistigen, tiefsinnigen Künstler, der auch äußere Kultiviertheit ausstrahlte und so wunderbar in das schöne Ambiente des Hotel des Bains passte (unter anderem….).

    Gaga Nielsen
    Auch interessant, dass Mann, als er dieses Portrait des im fortgeschrittenen mittleren Alter befindlichen Aschenbach schrieb, selbst erst 36 Jahre jung war, der Blüte eines jüngeren Mannes. Also kein so spätes öffentliches Bekenntnis der Hingezogenheit zu junger, männlicher Schönheit. Ich gehe davon aus, dass er durchaus ein sexuelles Vorleben hatte, als er mit immerhin bereits 29 Katia Pringsheim kennenlernte. Die Tagebücher, auch die vorehelichen, die ich leider nicht kenne, sollen auch unverschleiert seine Vorlieben erkennen lassen. Will sagen, er hat schon ein bißchen auf dem Seil der Offenbarung getanzt, immerhin 1911…. und ganze hundert Jahre später erst, ist es keine große Angelegenheit mehr, homosexuelle Neigung nicht zu verhehlen.

    Mir wird gerade erst bewusst, dass da nicht ein Mann im Alter von Mahler, der damals Mitte Fünfzig war, eine melancholische Rückschau an die Jugend hielt. Ich kann mir kaum ein erotisch vitaleres Alter als Mitte Dreißig vorstellen 😉

  15. kid37 – 26. Mai, 20:44
    Kenne auch nur den Film, war da aber mit 15, 16 zu unbedarft und hab mich schnell gelangweilt. Viele kennen aber auch den Film gar nicht, sondern verwechseln den mit Wenn die Gondeln Trauer tragen, den ich wiederum sehr mag.

    Kann aber noch eine banale Anekdote beitragen von einer Interrailfahrt, als ich 17 war. (Das ist also ewig her, da fuhren noch Dampflokomotiven.) Im Abteil lernte ich ein ebenso junges Trio aus Ludwigshafen kennen, die ich der Sprache wegen überhaupt nicht verstand. Eine war eine junge Frau, die sich an dem angeregten Nichtverständnis überhaupt nie beteiligte und sehr angestrengt und nachdrücklich in ihr Buch vertieft blieb. Ich fragte sie, was sie da lese. Es war Tod in Venedig, was sie mir aber eher indigniert zu verstehen gab. Obwohl ich laut „Ah, Aschenbach!“ rief, entlarvte sie mich wohl doch als Ignoranten. Der Zug fuhr übrigens nach Rom. Immerhin.

    g a g a – 26. Mai, 20:54
    Immerhin! Das klingt doch sehr ma(h)lerisch…
    Worin bestand die Entlarvung, wie trat sie zutage?

  16. kid37 – 26. Mai, 21:45
    Na ja, bloß den Namen „Aschenbach“ als Eisbrecher zu benutzen, war da nicht beeindruckend genug. Sie (oder wir alle) war halt in diesem schwierigen Alter, in dem man das Ernsthafte in aller inbrünstigen Ernsthaftigkeit liebt und ansonsten von der kränkelnden Welt nicht gestört werden möchte. Vermutlich wirkte ich auch nicht sehr helle – ich habe diese Ludwigshafener ja sprachlich einfach nicht verstanden!

    g a g a – 26. Mai, 21:52
    Vielleicht hat sie es auch gar nicht recht wahrgenommen, vielleicht klingelte in ihrem Kopf bei der Lektüre ohnehin fünfzig mal der Name Aschenbach und sie hielt es für ein Echo in ihrem Kopf. Mag auch sein, dass sie sich durch die Lektüre absondern wollte und diese für sie eine besondere Bedeutung hatte. Vielleicht war es das Lieblingsbuch eines unerreichbaren, fernen Geliebten, und durch die Lektüre suchte sie Verbindung zu ihm.

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