http://www.flickr.com/apps/slideshow/show.swf?v=140556
Irgendwann dazwischen, zwischen Singsang heute Nachmittag. Die Sonne verwöhnt Berlin. Vielleicht das ganze Land. Die Berlinale-Gäste werden sich freuen, die schönen Frauen auf dem roten Teppich. Sie können ihre Roben ein paar Minuten zeigen, ohne sich gleich zu erkälten. Man steht immer noch an, wenn man Berlinale-Karten haben will, höre ich. Manche haben Verbindungen und werden beglückt, aber der Rest steht sich die Beine für das begrenzte Kontingent in den Bauch. Ein Glück, dass das an mir vorbeirauscht. Wundert mich selber seit einigen Jahren, dass es mich nicht mehr elektrisiert. Erschreckend, wie ignorant und selbstgenügsam ich mitunter bin. Man darf es gar nicht laut artikulieren. Aber mit Arroganz oder Ignoranz hat es weniger zu tun, als mit einem zunehmenden Geiz, was meine frei verfügbare Zeit angeht. Es ist ja nicht so, dass bei der Berlinale bessere Filme laufen, als im regulären Kinoprogramm, eher im Gegenteil. So ein Festival bietet eben auch eine Plattform für Experimente, bei denen man noch nicht recht weiß, ob sie ein Publikum finden. Viel Freude allen, die sich die Mühe machen, sich damit zu befassen. Sicher auch nicht zuletzt wegen der Elektrizität von Mediendichte, der Hoffnung, irgendeine prominente Figur aus dem internationalen Film zu sehen. Mir ist das zu unpersönlich, so auf Distanz, zum roten Teppich oder dem Podium einer Pressekonferenz. Ich hatte vor zweiundzwanzig Jahren einen Liebhaber, der immer auf der Berlinale zu tun hatte, als Dolmetscher und Übersetzer. Er musste unter anderem auf der parallel laufenden Verleiher-Messe Übersetzungen für noch nicht synchronisierte oder noch nicht untertitelte Filme aus dem Spanischen machen, die er dann dolmetschenderweise während der Film lief, vortrug. So habe ich es zumindest verstanden. Und wenn dann ein spanisch sprechender Filmstar oder Regisseur anwesend war, hat er häufig den Auftrag gehabt, bei Interviews zu dolmetschen. So hatte er regelmäßig mit Carlos Saura und anderen Protagonisten aus Spanien und Lateinamerika zu tun. Mit Saura hat er dann auch abseits der Berlinale freundschaftlichen Kontakt gepflegt. Und wen er da nicht alles noch getroffen hat. Aber ich hatte damit nichts zu tun, das wurde schön auseinanderdividiert. Wie überhaupt auch anderes. Oh ich könnte pikante Sachen erzählen, aber so interessant war er dann doch wieder nicht. Jedenfalls ein Schlitzohr. Meine wenigen Berlinale-Besuche datieren auf die Anfangsjahre, als ich gerade nach Berlin gekommen war, da wollte ich auch diese Luft schnuppern. Was mir sehr eingebrannt ist: die vielen, vielen Kabel auf dem Boden vom Zoopalast, von den ganzen Fernseh-Teams. Und viel Geschnatter, alles sehr voll und viele ernst und wichtig dreinschauende Film-Liebhaber. Bei einem Eröffnungsfilm dabei zu sein, ist schon festlich, dafür lohnt es sich anzustehen, wenn überhaupt. Wozu ich nicht nein sagen würde ist, wenn mich einer zu irgendeinem Empfang mit wirklich hochattraktiven Leuten bitten würde, da würde ich schon aus Berechnung hingehen. Als Gast wohlgemerkt. Aber sich als Fotograf zu akkreditieren, ist ein Zirkus, der mir schon aus Kenntnis aus zweiter Hand in jeder Hinsicht zu viel wäre. Die Geschichten aus der Foto-Lounge, da neben dem Hyatt reichen mir schon. Viel Gedöns um das passende, zulässige Licht für ältere Filmdiven usw. usf. Ich liebe es, solche Geschichten erzählt zu bekommen, aber ich möchte mich nicht an solchen Vorgaben abarbeiten müssen. Und ich bin ja auch viel zu beschäftigt, meine eigene innere Diva ins rechte Licht zu setzen. Was mich mit fortschreitendem Alter auch vor neue Herausforderungen stellt. Ist doch immer wieder interessant, worauf so ein planloser Eintrag thematisch hinauszulaufen beliebt, am Ende. Hätte ich selber nicht gedacht. Aber das Schönste an diesem Wochenende war ein Bild auf offener Straße. Ich war am späten Samstagnachmittag einkaufen in der Brunnenstraße. Als ich an der Ampel Ecke Bernauer Straße warte, dass es grün wird, es war gerade dunkel, höre ich von rechts das Klappern von Hufen. Mit furiosem Tempo fährt eine dunkelgrüne offene Kutsche mit zwei Schimmeln an mir vorüber. Der Kutscher sieht aus wie Johnny Depp in diesem einen Film von Jim Jarmusch, Dead Man. Er ist ungefähr um die dreißig, hat wehendes, braunes, langes Haar, und eine runde, kleine Brille auf, und einen schwarzen Zylinderhut. Verwegen galoppiert er mit seinen beiden Pferden über die dunkle Kreuzung, und ich sehe noch fasziniert, wie synchron die beiden Schimmel ihre Beine in der Kurve bewegen, ungeheuer rasant, und man bangt beinah, dass alles gut geht, mitten auf einer Kreuzung zwischen lauter Autofahrern, die es eilig haben. Ein Bild aus einer anderen Zeit. Da dachte ich, ich sollte vielleicht auch diesen Touristen-Programmpunkt in Wien wahrnehmen. Mit einem Fiaker fahren, Pferde sind so schön. Aber ob so ein Fiaker in Wien genauso verwegen langhaarig und malerisch daherkommen darf, wie dieser wilde Kutscher in der Brunnenstraße, das muss sich noch zeigen. Vielleicht schaue ich mal, wo er seinen Standort hat. Man kann ja überhaupt auch in Betracht ziehen, in der eigenen Stadt Sachen zu machen, auf die sonst nur Touristen kämen. Jedenfalls ging ich nach dem Eindruck dieses Bildes, das wie ein Traumfetzen in die Wirklichkeit trat, die Treppe hinunter zur U-Bahn, um eine Station zum Rosenthaler Platz zu fahren, und merkte auf einmal, dass mir Tränen in die Augen stiegen. So sehr hat mich dieses Bild angerührt. Und weil Berlin immer wieder für mich voller Wunder ist, von denen man vorher gar nichts weiß. Und es immer so sein wird.
edit: ich entschuldige mich für den kitschigen Schluss von diesem gestrigen, nächtlichen Blogeintrag. Wenn ich die Lektorin von diesem Privat-Blog wäre, würde ich das Gefasel ersatzlos streichen! (auch, wenn es stimmt! KEIN PARDON!)

6 Antworten auf „10. Februar 2014

  1. Bei mir ist eine Zeit lang mal regelmäßig eine Pferdekutsche irgendwo hin und wieder zurück kutschiert, auf der breiten, massig befahrenen Straße unter meinem Fenster. Bemerkenswert daran fand ich, daß das Getrappel sogar den summenden Klangteppich der Autos übertönte, auf eine ganz eigene Weise, und ich stellte mir dann gerne vor, wie es sich wohl anhören würde, wenn auf dieser Straße wie früher viele Pferdekutschen unterwegs wären. Das muß noch lauter als heute gewesen sein, obwohl man ja gerne mal über den Autolärm schimpft, aber dafür war die Luft besser.

    Das Schöne an Berlin ist auch, daß man immer mal wieder unverhofft in einen Filmdreh platzt, selbst wenn man nicht direkt in Mitte wohnt. Einmal zum Beispiel kam ich aus dem Supermarkt um die Ecke und an der Tankstelle daneben stand ein riesiger amerikanischer Straßenkreuzer umringt von Kameraleuten. Später erfuhr ich, daß Tarantino dort gedreht hatte. Und in meinem alten Büro auf der Arbeit haben mal Harald Juhnke und sein Kompanon gedreht, irgendeine Serie, die ich schon wieder vergessen habe. Sie rückten Freitagvormittag an, bauten auf dem Hof erst einmal ein riesen Catering auf, wo Juhnke eine ziemlich lange Zeit saß, wartete und hoffentlich nur Kaffee schlürfte, bis sich nachmittags das Büro von den Angestellten langsam leerte und die Kameras aufgebaut werden konnten. An anderen Orten, außer vielleicht in Potsdam, erlebt man sowas nicht so oft.

  2. Kutschen haben immer etwas Zeitreisiges (Ausnahme Hochzeits-). Mir kam bei einem meiner Langläufe an der Isar im Sommer ein Einspänner (wenn das so heißt) entgegen, aus dem mir vier Herren mit ihren riesigen Sombreros winkten. Ich wollte den wahren Hintergrund gar nicht kennen, so viele erdachte Erklärungen fielen mir umgehend dazu ein.

    Aus München kenne ich Filmaufnahmen natürlich auch, ich habe sie mittlerweile für mich in Sorten eingeteilt (deren Entsprechung mit der Realität mir ebenfalls einerlei ist): Profiaufnahmen fürs Fernsehen sind die mit weiträumigen Straßenabsperrungen und Zettel im Briefkasten der Anwohner zwei Wochen vor Dreh (hatte ich sowohl in meiner Wohnung als auch in der Haidhauser Agentur, in der ich um die Jahrtausendwende arbeitete, mehrfach). Merkmal der Professionalität sind auch Kabelbündel und Bewirtungswagen.
    Ganz anders die Studentenprojekte auf dem Weg zur großen Kinokarriere, denen ich vor allem bei Isarläufen in der Morgendämmerung begegne: Sie sparen sich um diese Uhrzeit die Absperrungen (selbstverständlich versuche ich sehr, weder durch Bild noch durch Ton zu stören), alle Herumstehenden sind sehr jung, es wird viel beraten.

  3. Der Nachsatz ist doch aber unnötig. So ein Schluß hätte ja von mir sein können! Vom Namen der Stadt vielleicht… egal. Dann müßte ich ja mein halbes Blo… oh. Nein, nein, das ist alles schon in Ordnung so.

  4. Kitsch: Ich möchte gerne von Berlin träumen in der Nacht. Ich wohne schon so lange hier. Seit 1978. Und ich liebe Berlin. Ein „Löffelschnitzer“ aus dem Wald, dem Thüringer Wald. Aber es gelingt mir nicht (als ob man Träume gelingen lassen könnte). Die Nachtträume verbeißen sich in der Vergangenheit, Jugend, Kindheit. Das nervt. Und die Berlinale hilft nicht. Was auch nicht ihre Aufgabe ist.

  5. Ich hatte gestern das Vergnügen, bei der Entstehung eines Kinofilms mitzuwirken. War sehr aufregend. Eine Freundin von mir dreht nämlich gerade einen Film. Und weil wir sie alle unterstützen (mehr mental jetzt), machen wir für sie Sachen. Ich habe also gestern die blonde Sekretärin gespielt, die ein intimes Gespräch zwischen Vater und Tochter stört. Den Vater habe ich nicht gleich erkannt – den Schauspieler meine ich. Dann irgendwann dämmerte es mir, dass der halt einfach nur in die Jahre gekommen ist und ich ihn aus einem anderen Jahrhundert kenne. Ein großer Schauspieler, das war sofort zu spüren. Die Professionalität und das Auftreten beim Dreh, ich war begeistert. Und habe dann spontan meinen Text vergessen, weil ich so konzentriert auf meine Schritte war. Ich wollte ihn ja auf keinen Fall beim Vorbeigehen rempeln. Aber da war so wenig Platz zwischen ihm und der Kamera und ich musste da durch. Ja, die kleine Szene wurde immer und immer wieder gedreht. Einmal sind die zwei selber in die falsche Richtung gegangen, da kam dann flux ein Techniker und hat mit so Neonklebestreifen einen Richtungspfeil auf den Boden geklebt. Irgendwann habe ich mich entschuldigt, weil ich’s mal wieder vermasselt hab‘. Da hat er gar nicht reagiert. Der war so in seiner Rolle, dass alles andere an ihm vorbeigerauscht ist. Beim Mittagessen saß ich dann neben ihm und da war er sehr nett. Ich bin dann heimgegangen und hab‘ erst mal gegoogelt. Ja, da ist’s mir alles wieder eingefallen, die Serien und die anderen Filme. Für den hab‘ ich mal geschwärmt. Komisch ist das mit dem Älterwerden. Manche Leute bleiben für mich in der Erinnerung immer jung. Ich übrigens selber auch.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

w

Verbinde mit %s