ich habe gerade meiner ältesten und sehr fernen freundin in einem langen telefonat die geschichte zu der bildergeschichte mit dem hühnergott erzählt. als ich zu ende bin meint sie: „du bist wie alice im wunderland“ und „warum drehst du eigentlich keine filme?“ (sie kennt die bildergeschichte nicht) ich: „wahrscheinlich hast du recht“.
nein. ich habe keinen hühnergott gefunden. die hühnergötter haben mich gefunden. vierundzwanzig. aber nur einer war der richtige. der siebte. und fünf schwäne flogen an mir vorbei. als ich geworfen hatte. im selben augenblick.

16 Antworten auf „31. juli 2005

  1. Die Schwäne waren wirklich beachtlich. Ich habe mir vorhin die Serie angesehen. Und offenbar haben die Hühnergötter sie wirklich gefunden. 24! Bei meinem Rügen-Aufenthalt mußte ich mich schon mächtig anstrengen. Wie ein blindes Huhn sondierte ich mich durch die Feuersteinfelder und fand nur mit Mühe einen sehr kleinen.

  2. soll ich ihnen etwas sagen? ich habe keinen gesucht. wirklich nicht. ich blickte manchmal auf die steine, auch um mir nicht den fuß zu verknacksen. und dann war es wie ein zwinkern. ich war mir nicht sicher, ob ich einen finden wollte. denn dann müsste ich ja werfen. und ich war mir nicht sicher. aber dann…

    ich legte sie dann an stellen, die ich mir merken konnte, neben büsche, in einen hohlen stamm, um sie auf dem rückweg entlang der kreidefelsen mitzunehmen. die schweren ausgebeulten taschen in meiner jacke. und dann alle so groß. faustgroß. ich trug sie in die kleine pension, wo ich übernachtete und wählte dann die, die ich mit nach hause nehmen wollte. vier habe ich mitgenommen.

    die anderen habe ich verteilt. im gestrüpp und im blumenbeet vor meinem schlafzimmerfenster. irgendwann wird sich die pensionswirtin wundern, wo die hühnergötter herkommen.

  3. Sinnvolle Rituale Man muß die Natur in Unordnung bringen, um in ihr eine neue Ordnung zu finden.

    Die Pensionswirtin wird sich denken, hui (oder „nü“), ich suchte keine Hühnergötter, die Hühnergötter fanden mich. (Aber vielleicht denkt sie auch nur, „diese Touristen immer. Müssen immer alle Hühnergötter aus den Steinfeldern klauben. Besser, ich bringe sie zurück…“).

    Einen neuen Sinn im Chaos finden. Genau so.

  4. die wirtin wird etwas anderes tun. das was alle mecklenburger machen, einer alten tradition folgend: die hühnergötter auf einer schnur aufreihen und zum schutz gegen böse eindringlinge aufhängen. das sieht man überall, wenn man die augen öffnet. lustig machen sich die einheimischen nur über touristen, die hühnergötter kaufen, statt sie selbst am meer zu finden.

  5. Funktioniert das denn eigentlich noch, wenn Dritte davon wissen?

    Bei den Sternschnuppen darf man die eigenen Wünsche ja nicht verraten, sonst geht’s nicht in Erfüllung.

  6. das kann ich nicht sagen. ich habe es ja noch nie vorher getan. und auch nur einmal – jetzt.
    ?
    mein gefühl sagt mir, dass es gerade bedeutsam sein könnte, erkennbar zu machen, was man sich wünscht, braucht. das heimliche wünschen hat mir nie geholfen. leider. so gesehen… aber ich habe auch noch nie eine sternschnuppe gesehen und bin sowieso keine große zauberkünstlerin. ich mag keine rituale, die nach kuhhandel riechen. das mit dem stein ergab sich so – ich habe mich – ergeben.

  7. Moment: Sie haben NOCH NIE eine Sternschnuppe gesehen? Das mag ich kaum glauben. Allein letztes Jahr in der Bretagne… ein wahrer Regen. Ich hatte gar nicht so viele Wünsche (oder heißt das, ich habe jetzt noch welche übrig? Dann wünsche ich Ihnen jetzt eine Sternschnuppe!)

  8. hm. es ist ja immerhin august. da soll es oft welche geben. aber ich weiß doch nicht genau, wie das geht. ich glaube, man muß weg von den lichtern der stadt. und dann? legt man sich dann auf einem hügel ins gras und guckt einfach in den sternenhimmel? muß man nach einer bestimmten himmelsrichtung schauen? ich glaube, ich muß noch viel lernen.

    das scheinen sie gut zu können, einem sachen zu wünschen, die man dann auch kriegt (wegen steinreich und so). jetzt bin ich doch ein bißchen neugierig geworden. ich stelle mir vor, dass das so ein bißchen aussieht, wie der verglühende schweif von einer silvester- rakete. ein pinselstrich aus sternenlicht.

    ich habe auch schon eine idee, wo ich gucken gehen könnte. aber ich glaube ja immer, dass man in solchen sachen keinen verbissenen ehrgeiz haben darf. ich müsste also am besten einfach – sowieso und überhaupt – eine nachtwanderung machen. vielleicht zum teufelsberg. oder zum berliner falkplan-quadrat g 8. meinem stromlosen lieb- lingsquadrat.

    und dann wünsche ich mir: ach so. das darf man ja nicht sagen. (ich kleine plaudertasche)

  9. August ist die beste Zeit, wenn die Erde den Schweif des Swift-Tuttle kreuzt und die Perseiden durch den Himmel schießen. (Das habe ich gerade nachgeschlagen, von solchen theoretischen Dingen habe ich keine Ahnung.)

    In der Bretagne lag ich letztes Jahr oft nachts noch auf der Bank vor dem kleinen Ferienhaus, faselte endlos vor mich hin und versank mit den Blicken im (übrigens unglaublich fantastischen, sternreichen) Nachthimmel. Ein gutes Dutzend Sternschnuppen verglühen zu sehen, war an manchen Abenden nicht schwer. Die Lichtstreifen ziehen mit einiger Geschwindigkeit quer über den Himmel, sind aber rasch verglüht. Zwei, drei Sekunden, dann ist der Spuk vorbei.

    Kennen Sie das Gefühl, wenn man nachts auf dem Rücken irgendwo draußen liegt, in den Himmel starrt und auf die Sterne – und man plötzlich diesen Sog spürt, so als würde der Körper in die Undendlichkeit des Weltraums gezerrt? Manchmal wird das so stark, daß man ich mich mit den Händen am Gras festhalten muß, weil ich den Eindruck habe, jeden Moment von der Erdoberfläche gesaugt zu werden.

    Man fühlt sich sehr schutzlos und unendlich klein, wenn man in die Milchstraße schaut, diese Nebel verfolgt, Sterne entdeckt – und noch einen und noch einen und tausende.

    G8 reicht bestimmt nicht aus. Zuviele Reflektionen, Dunst und Lichtstrahlen von der Stadt. Auf Rügen (und sicher an anderen Orten ohne störende Licht- und Luftverschmutzung) wäre es sicher erfolgreicher gewesen.

  10. ja. den taumel kenne ich. als ob magnetismus im spiel wäre. das intensivste erleben eines sternenhimmels fühlte ich nachts in utah und arizona in der wildnis des navajo reservates. ich erinnere die erste nacht in navajo mountain auf dem rainbow plateau, der höchsten ansiedlung im reservat – als ich – profan und wunderbar – aufwachte, weil ich pinkeln musste.

    ich schlief ja in einem strom- und wasserlosen hogan aus roter erde und wacholderstämmen gebaut. es gab ein ‚outhouse‘ im wüsten- sand, fünfzig meter entfernt, zwischen wacholderbüschen und sage- brush. ich war zu faul die fünfzig meter zu laufen, stolperte schlaf- trunken aus der tür in die kühle wüstennacht und war sofort hellwach.

    der weiteste dunkelblaueste samtenste himmel den ich je sah. um mich nur horizonte und über mir das funkeln der abermilliarden sterne. ich suchte mir eine stelle im sand neben einem kleinen wacholder- busch und ging in hocke. das war das bislang unvergesslichste pinkelerlebnis in meinem leben.

    ich sah um mich und über mich und es war als verdrehte sich der dreidimensionale raum, als würde ich gleich abheben und in die schwerelosigkeit katapultiert. ich sah nur dunkelblau und glitzern und hörte – nichts. reine stille. meilenweit.

    ich war glücklich, da in dieser nacht an einem der schönsten plätze der erde. scheiß auf die klospülung, scheiß drauf. scheiß auf beleuchtung. die klare luft machte mich hellwach und gegenwärtig. und ich dachte nur – was für ein großartiger moment. ich. hier. alles. alles eins. zeitlos. ewig.

    ich glaube fast, es ist sogar leichter, in g8 die sterne zu sehen als in küstennahen regionen auf rügen. rügen ist in großen teilen ungleich zivilisierter als das kleine naturschutzgebiet in g8. die küstenorte und häfen werden ja stark beleuchtet. verblüffenderweise hat es auf den boddenseiten nicht selten ähnlichkeit mit bestimmten teilen des berliner hinterlandes. der wasserlandschaft der havel mit den schilfufern in den verschwiegeneren regionen, dem unvermarkteten berlin. in orten wie gatow und kladow. aber das ist eine andere geschichte.

    „wenn die Erde den Schweif des Swift-Tuttle kreuzt und die Perseiden durch den Himmel schießen“ ;-) im ersten moment dachte ich… hui – nicht dass mich das pathos überrascht hätte – aber es spricht für sie, zuzugeben, dass es zitiert ist. sie zitieren sehr schön. durchaus.

  11. Öh, also der Satz war schon von mir. So pathetisch ist doch kein Astronom. Ich habe nur die Informationen nachschlagen müssen.

    Aber egal, wieso mußte ich bei Ihrer Antwort an Patti Smith denken? Ach so, „Pissing in A River“. Großer Song und ein toller Text, schwankend zwischen Metapher und Beschreibung. Wasser, wässern, Erde und Sterne… dazu ein samtener Himmel – was haben Sie doch für schöne Erinnerungen.

    Ich frage mich bei solchen naturvereinigenden, transzendentalen Erlebnissen, was ist darin eine Bruchstelle im solipsistischen Realitätsmodell, eine Tür zum eigenen Irrsinn womöglich – und was ist darin vielleicht reine, archaische Naturerfahrung, ein Zurück-zu-den-Wurzeln. Bin ich der Mann, der vom Himmel fiel? fragte ich mich in noch schlimmer pubertierenden Jahren (heute habe ich mich ja besser im Griff).

    Kennen Sie diesen 50er-Jahre-B-Film-Klassiker „Die unglaubliche Geschichte des Mr. C.“ (The Incredible Shrinking Man)? Am Ende, als Herr C. nur noch stecknadelgroß ist und droht, in den Mikrokosmos zu schrumpfen und dabei die Sterne beobachtet, die Unendlichkeit des Makrokosmos und die wichtigen Fragen stellt, nach dem Wohin und Woher… große Szene. Ein wenig pathetisch vielleicht.

  12. should I go the length of a river
    [the royal, the throne, the cry me a river]

    uaaahhh.
    manifest der vergeblichkeit. aber so schön.

    den film sah ich vor wenigen jahren auf arte, wenn ich mich nicht irre. ich erinnere dieses mitfiebern in diesem verzweifelten ausgesetztsein angesichts der scheinbar wachsenden materie … das ende — so ein gefühlserinnerungsfetzen.

    pathos ist ja eine ganz wunderbare angelegenheit, sofern das ver- zaubernde erhöht wird. (und nicht in’s schnulzige abdriftet – aber da ist die kunst der verdichtung gefragt – verdichten, ohne zu übertreiben) weniger eine frage des ‚ob‘ und ‚überhaupt‘ pathos wagen, sondern – pathos worüber.

    die frage der kategorisierung der eigenen wahrnehmung in die abteilungen irrsinn und höhere wahrnehmung ist nach meinem empfinden – mhm – müßig, ja unnütz. denn – wenn sich irrsinn so gut anfühlt – so what? und wenn es denn erleuchtung ist – um so besser ;-) das beste an solchen momenten ist ja, dass man nicht mehr zweifelt und analysiert. nur noch einfach da ist. wie die steine da. und der sand. gras. alles.

    (korsischer rotwein und mariannes ‚after the poison‘ im hintergrund machen mich scheinbar pathetisch… – nein, die wahrheit ist – ich bin pathetisch – nomaler aggregatzustand)

    ich überlege gerade, ob es sinn ergibt, irrsinn mit chaos, und er- leuchtung (ja ich finde das wort auch blöd und abgedroschen aber mir fällt an der stelle nichts anschaulicheres ein – transzendenz klingt mir an der stelle zu wenig vibrierend, obwohl ich viel mit dem begriff hantiere) oder das empfinden von sinnhaftigkeit (? ja vielleicht) mit kosmos in verbindung zu bringen. in analogie zu setzen. auflösung, störung der (ur-)ordnung und rückkehr zur (ur-)ordnung. rückkehr zum frieden der elemente. (vorübergehend, wenigstens… in einem augen- blick)

  13. Wo Sie schon beim Pinkeln und dem Sternenhimmel waren. Meine ersten Sternschnuppen – wenigstens die ersten, an die ich mich erinnern kann, sah ich vor etwa zehn Jahren. Ich war auf einem dieser unsäglichen Volksfeste in meinem Heimatort und ziemlich betrunken. In diesem Zustand wird man ja nahezu viertelstündlich vom Ruf der Natur ereilt. Ich verließ also das Festzelt und beschloss, nicht das stinkende Toilettenhäuschen aufzusuchen (die Zivilisation bringt ein bisweilen ekliges Antlitz zum Vorschein), sondern einen etwas abseits gelegenen Busch. Wie ich dort stehe und mich ein erleichterndes Gefühl überkommt, lege ich den Kopf in den Nacken und brabbele irgendetwas vor mich hin. Plötzlich zischen und verglühen droben am Himmel etliche Sternschnuppen, wohl im Einklang mit etlichen meiner zischenden und verglühenden Hirnzellen. Die Wünsche sind leider nicht in Erfüllung gegangen.

  14. ich habe das sehr gerne. wenn sich das scheinbar profane mit dem wunderbaren verbindet. man kann alles zelebrieren. aber den letzten satz, den hätten sie ruhig weglassen können. können sie sich denn heute noch an die wünsche erinnern?

    ob man nur ein begrenztes wunschkonto hat? ich glaube, ich würde mich nicht trauen, mehr als drei sachen zu wünschen – wenn überhaupt. in solchen sachen bin ich schüchtern. demütig bis zur selbstverleugnung. komisch eigentlich. woher habe ich das bloß.

    ist wirklich nicht ein einziger in erfüllung gegangen? ich hab’s: sie waren einfach zu betrunken, um verständlich zu wünschen. wenn die zunge schwer wird, spricht man auch manchen unfug. ich meine: wir brauchen jetzt eine echte erklärung dafür. es kann nicht angehen, dass das nicht funktioniert. ihre gedanken hätten deutlicher sprechen müssen. oder so… mensch –

  15. Ich kann mich nur noch dunkel an einen Wunsch erinnern – wahrscheinlich war es auch der einzige -, der jedenfalls nicht in Erfüllung ging. Vielleicht sollte man auch gar nicht für sich wünschen, sondern lieber für andere. Diese Wünsche gehen bestimmt eher in Erfüllung.

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