ab in die tonne.

tabula rasa. gnadenlos ausgemistet, den schuhschrank. der berg da oben kommt weg. keine ahnung, wieviele paare es sind. vierzig, fünf- zig? mehr? genau dreißig paar schuhe sind übrig. mehr als genug. ich habe alles aussortiert, was unbequem, abgeschrammt, irreparabel, irrelevant, überflüssig ist.
z. b. so ein paar nervtötender, hässliche schlapp-schlapp-geräusche produzierender schwarzer badeschlappen der marke gap. heutzutage überall modisch flip flops geheißen. ich gehöre ja nun leider zu den ewiggestrigen, die sich affig vorkämen, turnschuhe außerhalb des englisch sprechenden auslands als sneakers zu bezeichnen.
jedenfalls: ich hasse dieses geräusch und das verliergefühl beim laufen, dieser nur einmal getragenen dinger. außerdem drückt nach spätestens zehn minuten laufen der viel zu harte gummisteg zwischen dem großen zeh und dem anderen (wie heißt der eigentlich, der zeh daneben?) obwohl ich zehensandalen ja sehr mag. die vier paar, die ich behalte, haben einen so gut wie nicht spürbaren zehensteg und einen riemen über der ferse, damit man halbwegs laufen kann, die mit abstand bequemsten darunter, ich muß es leider sagen, von herrn lauren, der offenbar im gegensatz zu den anderen herstellern, die anschmiegsamkeit des zehenstegs überprüfen lässt.
in dem schuhberg liegen auch drei paar hochhackige schlangenleder- imitat-sandaletten. tussi-schuhe par excellence. ein paar davon, das auf dem bild, mit zwölf cm absatz. eine minute anhaben und nur noch füße spüren. brennende fußsohlen. ein scheißgefühl. nie getragen, außer beim anprobieren. bei schlangenledermuster setzte bei mir regelmäßig der verstand aus.
ich habe in den neunziger jahren schuhkauforgien veranstaltet. nicht etwa, weil ich irgendwie besonderes interesse an vielen schuhen gehabt hätte, sondern aus ungläubigem staunen, fassungslosigkeit und glücksgefühl, wenn es in meiner exotischen schuhgröße etwas gab, das nicht nach gesundheitsschuhen für damen über sechzig mit wassereinlagerungen aussah.
manchmal passt mir größe einundvierzig, aber meist nur bei sanda- len. bei geschlossenen schuhen brauche ich eine halbe nummer größer, was es fast nie gibt, also dann gleich zweiundvierzig. in der kategorie ist das angebot ungefähr so groß wie für größe fünfund- dreißig. nur mit dem unterschied, dass man nicht auf die kinder- schuhabteilung ausweichen kann, sondern sich nur noch bei den groben tretern für das andere geschlecht bedienen kann.
mir sind tatsächlich einmal, vor vielen jahren, in einem schuhgeschäft die tränen gekommen.
ich betrat den letzten von – ich weiß nicht wievielen schuhläden in der steglitzer schloßstraße (ein schuhgeschäft neben dem anderen) und lief abermals durch meterlange reihen in den größen 36 bis 39. für 40 und 41 waren die regale dann schon etwas kürzer, ca. fünf meter lang. ich sah in jenen reihen von größe 36 bis 41 ungefähr hunderttausend schuhe, die mir auf anhieb gefallen hätten. dann stand ich vor dem etwa einen meter fünfzig breiten regal für die größen 41 1/2 bis 42 und habe die fassung verloren.
da stand unberührt in reih und glied, alles was das herz begehrt, wenn man nach vernünftig aussehenden schnürschuhen und rentner- sandalen in gedeckten beigetönen mit perforierung sucht. schuhe, wie sie krankenschwestern tragen, die den ganzen tag auf den beinen sind. das war einfach zuviel. mir sind vor allererbärmlichstem selbst- mitleid die tränen hochgestiegen und ich kam mir vor wie ein krüppel. nur weil meine füße eine läppische halbe nummer länger sind, als das produktionstechnisch abgesegnete fußmaß der deutschen durch- schnittsfrau generationen vor mir.
von da an habe ich, bis noch vor wenigen jahren (genauer, bis meine kauffreude ins gegenteil, nämlich überdrussbedingte einkaufsphobie umschlug) alles gekauft, was in meiner größe an halbwegs scharfen schuhen zu kriegen war. so wie die generation, die den krieg erlebt hat und im keller eingemachtes für schlechte zeiten hortet.
nebenbei hat mich saumäßig geärgert und verständnislos gelassen, dass weltweit der ganze klamottenkram mit frauen vermarktet wird, die im durchschnitt meine körpergröße, irgendwas um einsachtzig haben, und demzufolge eine ähnliche schuhgröße. die arme veruschka von lehndorff ließ sich aus verzweiflung ein ganzes glied ihrer beiden großen zehen amputieren – sie hatte schuhgröße 46 und nach der amputation wohl 41 oder 42. eine grauenvolle vorstellung. und diese verstümmelung nur, weil sie vorher nie handelsübliche schuhe tragen konnte.
mittlerweile habe ich allerdings wieder mehr vertrauen in den hiesigen schuhhandel und glaube fest daran, dass ich bei bedarf schon wieder welche finde, die einigermaßen meinen vorstellungen entsprechen. außerdem liegt mein interesse bei neuerwerb derzeit eher bei schnellem schuhwerk, das viel aushält und nach fünf stunden und länger über stock und stein immer noch nicht zu spüren ist.
die schuhe, die bleiben durften, sind die, die sich gut am fuß anfühlen. unabhängig von marke und preislage. in dem allseits bekannten trödelladen c&a (oder wie der berliner gerne sagt „charme und anmut“) gab es zuweilen eine überraschend größere auswahl in meiner be- hindertengröße. zwei paare aus dem hause charme & anmut durften bleiben. marke war mir immer egal. dass sergio-rossi-schühchen dabei sind, ist reiner zufall, weil sie passten und extravagant waren (und runtergesetzt).
unter den hinterbliebenen sind einige, ja nicht einmal wenige, hoch- hackige stiefeletten etc., die unbequem aussehen, es aber nicht sind. sagen wir, gemessen daran, wie foltermäßig unbequem stilettos sein können. wenn ich also wollte, könnte ich. vielleicht – nein – bestimmt habe ich in nicht allzu ferner zukunft mal wieder spaß, in waffen- scheinpflichtigem schuhwerk rumzulaufen.
und morgen ist der kleiderschrank dran. gestern habe ich beim roten kreuz angerufen, um zu erfahren, wo der nächste altkleider-container steht. ein ziemlich gutes gefühl auszumisten. befreiend. kann ich nur empfehlen.

16 Antworten auf „14. juli 2005

  1. Zuletzt gabs hier mal ärger wegen vollgestopftem Schuhschrank. Meine Frau hat ca 6-7 paar Schuhe und ich habe mich gefragt, wieso man so viele Schuhe braucht?

    Ich werde ab jetzt schweigen

  2. ach, manchmal wird man im ausgestorbenen schlussverkauf entschädigt, weil doch interessante modelle in große größen noch finden kann. ich kenn das zu genüge. wie man mit zehenstegschlappen voran kommt ist mir ein rätsel, ich kriege sofort ne blase, aber auch n krampf, weil die mir von fuß fallen. ebenso clogs, (was ich heute nicht mehr beweine), da fehlt mir wohl ein gen. ausmisten ist jedenfalls wirkllich befreiend… nicht nur im zuge von umzug. schönes wühlen dir.

  3. mit zehenstegschlappen kommt niemand wirklich gut voran. eigentlich sind die dinger ja auch nur für den weg von der umkleidekabine im schwimmbad zum schwimmbecken erfunden worden. oder so ähnlich. es gibt aber wirklich feine zehenstegsandalen, wo gar nichts drückt. eher selten, das ist wahr.

    herr rollinger, mit ihrer frau sind sie glaube ich ganz gut bedient. ich könnte jetzt auch nicht behaupten, dass die verbliebenen 30 unbedingt notwendig wären – aber es sind so schöne, gut erhaltene dabei, die ohne irgendwelchen zierrat und schnickschnack immer gut aussehen werden. unter den dreißig schuhen sind alleine drei paar, sehr verschieden aussehende schwarze hohe lederstiefel, was man nicht wirklich braucht – but nice to have…

  4. Ausmisten …das müsste ich auch langsam mal. Großartiger Text. Besonders der kleine Satz:

    mir sind tatsächlich einmal, vor vielen jahren, in einem schuhgeschäft die tränen gekommen.

    süß :-)

  5. kann man den satz eigentlich falsch verstehen – ich meine, mir kommen ganz oft die tränen – nur normalerweise nicht wegen des begrenzten warensortiments. das kommt schon rüber, oder? ja, ich denke schon. das klingt jetzt vielleicht übertrieben, aber ich habe mich gefühlt wie aschenputtel, das nie nie nie so herrliche perlenbestickte schuhe wie die bösen stiefschwestern haben wird.

  6. Kann ich verstehen, das ging meiner Mutter früher auch so (selbe Schuhgröße), bis sie dann einen Laden fand, der große Größen führt. Oma-Schuhe gibt es zwar dort auch, aber eben auch andere, und meine Mutter ist ohnehin nicht so der Typ für Stilettos oder Schlangenlederpumps. Die letztgenannten hat ihre schöne, reiche Cousine getragen, die kaufte sich ihre Schuhe immer in Italien, dort gab es Eleganz in Größe 42.

    Ansonsten habe ich fast das Gefühl, dass Sie mehr Schuhe ausgemistet haben, als ich je besaß. Aber ich habe ja auch nur Größe 40 und kaufe nicht gerne Schuhe (nach meinen Vorstellungen welche maßanfertigen lassen, ja, das wäre etwas!).

  7. ja in der erwähnten schuh- äh – schlosstraße gibt es auch so ein (sauteures) spezialgeschäft für übergrößen, da bin ich auch immer zum gucken hingegangen. irgendwie war da aber nie was dabei. besonders auffällig: entweder waren die schuhe sehr damenhaft gediegen oder sehr grell in einer art, dass man gleich erkannt hat, das ist das sortiment für transvestiten, die für ihre shows gerne sachen wie grellrote lackpumps mit 15 cm-absatz haben wollen. also auf eine art schrill, die peinlich oder seltsam kitschig-nuttig aussieht. in dem laden waren einfach keine wirklich coolen schuhe. und die gediegeneren ladyschuhe waren mir dann wieder zu damenhaft. schuhe in pastell- tönen mit blumenapplikation und lack und schleife mit mittelhohem absatz. so königin-elisabeth-schuhe. na ja. ich will nicht jammern. ich habe dann halt doch durch viele zufälle was gefunden. diese zufälle waren immer in dem zusammenhang ‚gerade neue winterkollektion geliefert worden und das einzige paar in der größe erwischt‘. auswahl war da in dem sinn nicht.

    das ist ja auch wieder so ein thema aus der abteilung jammern auf hohem niveau.

    interessant finde ich nach wie vor, dass sowohl die hersteller als auch der handel offenbar die idee pflegen, wenn eine frau schon so groß ist, will sie das übel bestimmt nicht noch durch übermäßig hohe absätze verschlimmern. bloß nicht auffallen. ich hatte als jugendliche vor- übergehend eine leicht verkrampft gebückte körperhaltung, weil ich immer das größte mädchen in der klasse war, größer als einige jungen. bis ich begriffen habe, wie furchtbar das aussieht, wenn man wie ein fragezeichen durch die gegend läuft. und kleiner sieht man auch nicht aus. heute ist es mir egal und bei konzerten sieht man besser. außerdem sind ja heute viele junge frauen auch insgesamt größer. und so eine monströse größe ist 1,80 dann ja auch wieder nicht… auch bemerkenswert, dass sich wirklich kleine männer (unter 1,65) davon kaum abschrecken lassen. das hat mich mehr als einmal überrascht.

  8. Ich sitze hier gerade probehalber mit meinen neuen schuhen, und sehe da ihre sehr, sehr hübschen braunen Lederschuhe (die, die so „derb“ ausshen und sich halb unter den weißen Hochhackdingern verstecken.). Von denen wollen Sie sich trennen? Och.

    Ich habe übrigens mehr Schuhe als manche Frau, stelle ich beim Lesen ihrer Kommentare fest. Derzeit zehn oder elf Paar. Heute habe ich welche gesehen, die ich unbedingt bräuchte – kosteten sie nicht 250 Euro. So weit geht die Schuhliebe bei mir dann nicht.

  9. ich weiß schon, welche sie meinen. die so antik aussehen. das waren ganz schöne flache schnürschuhe, die auch oscar wilde gut zu gesicht gestanden hätten. leider nicht mehr zu reparieren. die sohle löste sich vollständig vom rest. habe ich sehr oft angezogen. im grunde sind alle außer denen, die bei calypso gelandet sind, auf die eine oder andere art ramponiert. ich bin ja keine dekadente kuh und schmeiße so was schönes einfach weg. meine lieblingsschuhe sehen alle früher oder später den schuster. aber irgendwann isses halt vorbei. dass ich überhaupt noch so viele hatte, die nichts mehr taugen, liegt an meiner anhänglichkeit. da sind auch schlangenleder-stiefeletten. die habe ich zeitweise jeden tag getragen. aber das feine leder lässt sich nicht mehr nähen. vorbei. abschied.

    250 euro ist wirklich gemein. vielleicht werden sie ja demnächst runtergesetzt. die fangen jetzt schon wieder an mit preise reduzieren. die würde ich ja gerne mal sehen.

  10. Oh, hat Herr Kid etwa wieder braune Schuhe gekauft?

    Frau Gaga, wo Sie gerade wieder Veruschka erwähnten… ich weiß nicht, ob Sie manchmal auf dem Sofa Platz nehmen, jedenfalls hat Herr Praschl dort auf eine Site aufmerksam gemacht, die Ihnen vielleicht auch gefällt.

  11. oh! schöne standfotos. hätte ich nicht mitgekriegt, da ich herrn praschl nur ganz unregelmäßig besuche. schön, dass er an sie erinnert. veruschka zu kennen, ist ja doch eher so ein generationendingens.

  12. Ich entdeckte das eben auch nur zufällig, denn ich bin kein regelmäßiger Gast dort. Doch als ich es sah, musste ich gleich an Sie denken.

  13. das ist schön. veruschka ist (für mich) eine elektrisierende persönlichkeit. zu zeiten von blow up war sie eher ein schlummernder vulkan. heute ist sie ganz wunderbar. jemand, den ich gerne kennen würde. wenn man ge- legenheit hat, sie in einem interview zu erleben, staunt man über ihre klarheit und schnörkellosigkeit. eine sehr tiefsinnige person. ich habe in meinem videoarchiv ein altes band aus der sendereihe willemsen aus den neunziger jahren, damals eine der wenigen der allgemeinheit zugänglichen premiere-sendungen. diese gespräche waren sehr intim und sehenswert. kennen sie wahrscheinlich auch. einmal war veruschka bei ihm und ich habe es aufgezeichnet. eine schwierige durch den krieg geprägte kindheit, sie ist eine eigensinnige kämpfernatur und erstaunlich introvertiert.
    ich sehe mir das jetzt an.

  14. Satz falsch verstehen… Nein, ich glaube man versteht ihn richtig. Ich selber laufe auf Größe 41 durch die gegend und kann Deine Einschätzung absolut verstehen. Hab ich doch auch einen (nicht zu knappen) Schuhfetisch und liebe es durch Schuhläden zu streifen….. und ärgere mich immer, wenn ich bei 39 etwas entdecke, das mir gefällt und es diese Schuhe bei 41 nicht gibt…. grummel

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