12. August 2010


Lustig und ernst. Telefonat mit Jan. Vorhin. Provozierend, nicht beruhigend, wenn er so investigativ fragt. Wenn man an sich selbst plötzlich so bewusst wahrnimmt, wo man meint, sich abgrenzen zu müssen. Das ist interessant. Oder sich verteidigt, die Grenzen, die man zieht, verteidigt. Und warum. Es ging vor allem um Familiengeschichte. Meine. Die Ängste der Elterngeneration. Das mit Strenge ummäntelte Schutzbedürfnis meiner Eltern uns beiden Kindern gegenüber, das zu Enge wurde, den Freiheitsdrang anstachelte. Die Gegenkraft auf den Plan rief. Was man vorgelebt bekam, was man nicht wollte, später für sich selbst, wenn man erwachsen wäre. Ich. Man ist natürlich immer ich.

Aber davor. Und das ist jetzt wieder mein schlenkerpuppenhaftes Schreiben, meine Gedanken- und Gefühlssprünge, chronologisch chaotisch. Die Frage nach meinem Befinden beantworte ich mit „kann man alles in meinem Blog lesen…“ „Aber ich will es lieber von dir hören“. Zaghaftes Nachhaken, zaghafte Verweigerung. Ich lenke ein bißchen ab, auf meinen Frida-Eintrag. Jan ist schließlich kunstaffin, haha. Nun interessiere dich doch mal ein bißchen! Warst ja auch nicht drin, in der Ausstellung.

Wir telefonieren also, ich trinke Bordeaux und er blättert währenddessen zu meinem Blog und fängt launig an, den Frida-Eintrag vom ersten bis zum letzten Satz vorzulesen. Aber vollendet. Ich durfte ja schon so mancher Blog-Lesung beiwohnen, die mich auch an der Sinnhaftigkeit des Konzeptes zweifeln ließ. Aber das gerade eben. Theatralische Übertreibung an der richtigen Stelle, als hätte er den Text schon mindestens fünfmal gelesen. An Stellen, die mir so gar nicht in den Sinn gekommen wären. Teilweise kommen mir die Sätze eitel vor. Dann wieder putzig. Das sollen sie natürlich auch, Jan liest sie extra so. Wo ich Kennerschaft durchblicken lasse, verfällt er in französischen Akzent, damit die ganze Raffinesse meiner verfeinerten Kunstsinnigkeit noch besser zum Ausdruck kommt. Ich kann seine affige Schnute durchs Telefon sehen. Auch versäumt er nicht, korrigierende Einschübe einzuflechten, wichtige Ergänzungen, Sätze, die ich eben ganz offensichtlich vergessen habe. Großes Kino. Das waren gerade ein paar sehr schöne Stunden mit dir am Telefon. Und auch das sehr Ernste danach.

Heute mal früher ins Bett. Aber erst noch ein Gute Nacht-Schluck. Müde bin ich geh zur Ruh, schließe meine Äuglein zu. Santé.

12. August 2010

Hab mir gerade gedacht, Donner und Doria wären eigentlich auch hübsche Namen für ein Geschwisterpärchen. Donner ist doch ein saucooler Name für einen Jungen. Kommt ja von dem schönen altgermanischen Donar. Aber Donner klingt viel besser. Vehementer! Doria, als kleine Schwester muss dann immer ein bißchen ausgleichen, wenn Donner wieder der Rappel packt. Donner lässt sich nur von Doria was sagen. Von sonst niemandem. Das ist natürlich klischeehaft, das ruhigere, ausgleichende Mädchen. Aber egal. Das liegt nun mal am Namen. Aber Doria lässt sich die Butter auch nicht vom Brot nehmen. Sie ist Donner ebenbürtig. Sie ist nur nicht so rumpelig wie er, der kleine Erdendonner. Donner ist eben ein kleiner Rocker! Und sein bester Freund heißt Blitz. Wenn die beiden um die Häuser ziehen, bleibt kein Auge trocken!

11. August 2010



Ach ja Frida.
Wäre ja eher verwunderlich, wenn ich mit ihr so gar nichts am Hut hätte. Moment mal, ich mach die Musik aus. Ich kann mich nicht so richtig auf meine Gedanken einlassen, wenn nebenher Musik läuft. Ja also Frida. Fridamania. Ich mag das, dass sie ein Popstar geworden ist. Und auch, dass sie es noch zu Lebzeiten erfahren hat. Es gibt nicht so viele Künstler, die sich so ungeniert in den Mittelpunkt ihres Werkes stellen. Klar, ist mir das nah. Vorgestern, der letzte Tag dieser großen Retrospektive. Ich wie immer im Hinterkopf, ja sollte ich hin… müsste ich eigentlich hin und dann fiel es mir erst wieder einen Tag vor dem letzten ein. Immerhin. Ich reihte mich ein, in die lange Schlange der Menschen ohne besondere Zutrittsprivilegien. Nachmittagssonne, Abendsonne. Hatte vergessen, etwas zu lesen mitzunehmen, kein Buch in der Tasche, weil das eine gerade am Abend zuvor fertig gelesen, das Langhans-Buch. Und ich lese auch insgesamt nicht mehr so viel. Ich verdaue wahrscheinlich mehr, was ich in den letzten vierundvierzig siebenunddreißig Jahren gelesen habe. Und das war viel. Ich hab immer viel gelesen. Nur die letzen zwei, drei Jahre nicht mehr. Aber kommt wieder.
Also auf dem Weg von der U-Bahn Potsdamer Platz zum Gropius Bau in einen Kiosk. Herrje. Ich kaufe nie mehr Zeitungen und Zeitschriften. Wie ein Marsmännchen stand ich vor den Regalen und dachte, was hat mich denn früher interessiert? Oder vielleicht eine Bunte oder Gala? So wie beim Arzt im Wartezimmer? Ein bißchen Klatsch und Tratsch? Aber das sind so Wegwerf-Produkte. Wenn schon Print, dann was ordentlich Gedrucktes. Vielleicht die Vogue. Seh ich gar nicht, da im Regal, mal fragen. Haben Sie die Vogue? Ja, hat er. Also die Vogue. Ich hab von Mitte der Achtziger bis weit in die Neunziger Vogue gelesen. Irgendwann hatte ich das Gefühl, es wiederholt sich alles. Immerhin kündigt das Cover der Ausgabe an, dass es ein paar Fotostrecken mit Rockstars gibt und ein Jagger-Interview. Ich fühle mich schon ein bißchen zu Hause in dieser Ausgabe. Und eine Coke. Danke.
Also eingereiht. Man sieht dann ja auf dem einen Foto diese Ankündigung „ab hier kann die Wartezeit 4 – 6 Stunden betragen“. Wir lachten, wie wir da standen. Man konnte den Eingang vom Gropius-Bau da hinten ja fast schon sehen. So ein Hype „4 – 6 Stunden“. Die hauen ja ganz schön auf den Putz. Nun ja. Ein milder Spätsommernachmittag. Ein milder Spätsommerabend. Zweieinhalb Stunden später am Eingang. Der Erlösung nah. Ha ha. Von wegen. Ich hab das ja alles vorher nicht recherchiert usw. ich kann nur versichern, dass ich niemanden außer mir kenne, der in der Ausstellung war, weil sich niemand die Beine in den Bauch stehen wollte und die VIP-Karten schon seit Monaten weg waren. Nun war ich also drin. Im Gropius-Bau.
Schlange Garderobe, Taschen-Abgabe-Pflicht, Kamera diskret am Körper, ich hab keine subversiven Pläne, aber man weiß ja nie. Schlange Karten kaufen. Saukalt zieht es vom dunklen Innenhof, der ein Baugerüst trägt. Aber arschkalt. Ich nahezu barfuß mit meinen Zehensandalen. Auf die Idee bin ich gar nicht gekommen, dass in so einem Museum die Klima-Anlage zum Anschlag aufgedreht ist, und der alte Kasten sich aber auch sowieso nicht aufheizt. Ich versuche durch Auto-Suggestion meinen Fußsohlen vorzuschwindeln, dass es eigentlich gar nicht so kalt ist, sondern mehr so lauwarm. Schlange Obergeschoss. Man wird in jeder Schlange irgendwann zur nächsten Etappe durchgewunken und so lange muß man eben warten. Aber später mal, wenn man dann drin ist (cirka noch mal zwei Stunden später von Eingangstür unten zu Ausstellungseingangstür oben), in der Ausstellung, darf man sich frei bewegen. Ich hab extra nachgefragt. Und bis zum Schluss bleiben. Fein. Oben ist es nicht mehr ganz so eisig, wenn auch nicht warm. Da muss man jetzt eben durch!
So, drin. Ja, ganz viele Bilder die man kennt. Ganz viele Zeichnungen, die man nicht kennt. Ganz viele Fotos, die man kennt, ganz viele Fotos, die man nicht kennt. Schon schön. Das Gipskorsett mit Hammer und Sichel. Drei Kleider. Eine Halskette.
Am meisten faszinierten mich zwei Zeichnungen, die ich nicht kannte und ein Foto, das mir vertraut war. Die eine Zeichnung war ein Akt einer Frau, ziemlich üppig gebaut. Sehr sexy. Erica (?) Soundso. Und eine ihrer „Ich und Diego, mein Ein und Alles-Zeichnungen“. So nenne ich das jetzt mal, hab den Titel vergessen. Die war sehr klein und schlicht und innig. Einen Moment war ich mit Diego versöhnt, obwohl ich eine gewisse Verachtung für ihn hege. Dieser Windhund. Und das Foto, die Fotografie, die ich am liebsten mag, ist Frida im Innenhof ihres blauen Hauses (das mit dem Blau ist bekannt, es ist eine Schwarzweiß-Fotografie). Sie sitzt auf einem Stuhl und trägt einen chinesischen Anzug, Mao-Anzug sagt man heute dazu. Sie trägt ihr Haar offen, lang und glatt, in der Mitte gescheitelt. Sie sitzt sehr lässig da, in der Sonne oder ist es Halbschatten und sie raucht. Eine Abbildung der modernsten und unabhängigsten Frau unter der Sonne (von ihrer Diego-Fixierung abgesehen). Mir fallen nicht so viele Frauen ein, die man einfach so anstatt von Frida auf diesen Stuhl setzen könnte. Veruschka vielleicht. Vera von Lehndorff. Oder Uschi Obermaier. (EDIT und Patti Smith, unbedingt Patti und Nico und St. Phalle) Oder mich. Haha.
Ja. Für diese Bilder und auch die anderen natürlich hat es sich allemal gelohnt. Ich bin ja keine Kunstpassantin, die das mal eben mitnehmen wollte. Da ist schon eine tiefe Verbundenheit. Aber das war für viele so, die in der Schlange standen, das faszinierte mich. Nur die wenigen Gespräche in meinem Radius der Wartenden. Neben mir eine Frau, ca. Mitte Fünfzig, die schon im Casa Azul war, vor zehn Jahren oder mehr, in Fridas Haus. Viele von weit her angereist. Babylonisches Sprachgewirr erfüllte die Schlange. Hinter mir zwei deren Muttersprache nicht Englisch war. Er Italiener, sie – – – ? Keine Ahnung. Sie sprach akzentfrei, aber suchte zu sehr nach Begriffen, dass man Englisch für ihre Muttersprache hätte halten können. Er ganz schlimmer italienischer Akzent. Ich muss dann auch versuchen wegzuhören, das ist anstrengend, auf Dauer. Die beiden lernten sich also in der Frida-Schlange kennen. Nach eineinhalb Stunden tauschten sie E-Mail-Adressen und Telefon-Nummern und zeigten sich gegenseitig Sachen auf den Displays ihrer Handys. Vielleicht Familienfotos. Ich weiß noch, dass sie sagte, sie hätte sich am Anfang in Berlin sehr einsam gefühlt, aber jetzt nach vier Wochen, ist es langsam in Ordnung. Sie hat so eine große Familie, die sie vermisst. Wo auch immer. Vielleicht ein osteuropäisches Land. Die beiden mochten sich.
Ja. Und ich und Frida. Das ist eine Geschichte, die zum Anfang der Neunziger reicht. Ich wusste etwa seit Mitte der Achtziger, dass diese Kahlo mit ihren knallbunten Bildern und Kostümen existiert, ihr Look wurde auch gerne in Hochglanz-Fotosproduktionen zitiert. Nicht selten in der Vogue. Darüber konnte man gar nicht hinwegsehen. Als ich Anfang der Neunziger eine Affäre mit einem Lateinamerikaner begann, wurde ich unversehens in ein Frida-Kahlo-Universum in Berlin geworfen. Seine Wohnung, ein schönes Dachgeschoss am Charlottenburger Schloss war das reinste Kahlo-Museum. Ich wohnte ein paar Sommerwochen bei ihm, als seine Frau, die Scheidung war nur noch eine Formalie, mit den beiden Kindern verreist war. Er übersetzte das Synchrondrehbuch für einen Kahlo-Film, der 1986 entstand und hatte sich schon deshalb mit ihr intensiv beschäftigt. Diese ganze Wohnung sah aus wie eine Fortsetzung der Bildbände, die Fridas Umgebung zeigten. Gewebtes aus Lateinamerika an den Wänden, über Sofas. Ein Bananenbaum auf dem Balkon, neben dem Oleander, wo wir frühstückten. Überall lagen Bildbände und Bücher über ihr Leben herum. Drucke, Poster. Und ich hatte Zeit zu lesen und las. Alles was da herumlag. Die Geschichte ist ja bekannt. Viele Jahre später erschien eine Faksimile-Ausgabe ihres gemalten Tagebuchs, die ich mir kaufte. Und ich erinnere intensiv eine Inszenierung von Kresnik in der Volksbühne über ihr Leben und Sterben. Ich bin kein großer Tanztheater-Fan, aber das war grandios.
Ich bewegte mich sehr schnell durch die Ausstellung. Aber das mache ich meistens. Bei bestimmte Exponaten verweile ich länger. Die Textur interessierte mich, der Farbauftrag. Sie malte sehr dünnflüssig. Man sieht selten den Pinselstrich. Beinah wie vorskizziert und dann ordentlich ausgemalt. Manche Bilder überraschend kleinformatig. Diejenigen, die sie im Bett malte. Aber das versteht sich von selbst.
Da lief ein Film, eine Dokumentation, auf einem lieblos in den dunklen Baustellenbereich (der gar keine Baustelle war, wie ich später erfuhr, sondern eine andere Ausstellung) plazierten Fernseher und davor drei dicht besetzte Stuhlreihen. Ich verstand das nicht. Es gibt so einen schönen Kinosaal im Gropiusbau. Mir war immer noch kalt und ich verließ die Ausstellung nach einer guten halben Stunde. Sah mich noch ein paar Minuten in der Buchhandlung um, kaufte fünf Frida-Postkarten und lief schnell nach draußen, wo gerade ein Taxi kam.

Ich sagte der Taxifahrerin, dass ich so schnell wie möglich in meine Badwanne nach Hause will. Der zweite Teil meines Frida-Abends. Ich hatte Postkarten gekauft, die sie selbst zeigten und während das Wasser in die Badwanne lief, machte ich ein paar Bilder. Trank einen Schluck Rotwein und warf zwei Aspirin ein. Ich hatte die Befürchtung, mich erkältet zu haben. Deswegen auch das heiße Bad. Erkältungsbad. So ein unfassbar dunkelgrüner Badezusatz. Ich glaube, ich hab die Kurve gekriegt. So war das mit Frida. Und jetzt geh ich schlafen.
http://www.flickr.com/apps/slideshow/show.swf?v=71649

http://www.flickr.com/photos/gaganielsen/sets/72157624702840074
http://fkahlo.com

10. August 2010



I was five and he was six. We rode on horses made of sticks. He wore black and I wore white. He would always win the fight.
Bang bang, he shot me down
Bang bang, I hit the ground
Bang bang, that awful sound
BANG BANG
my baby shot me down.
Seasons came and changed the time. When I grew up, I called him mine. He would always laugh and say „Remember when we used to play?“
Bang bang, I shot you down
Bang bang, you hit the ground
Bang bang, that awful sound
BANG BANG
I used to shoot you down.
Music played, and people sang. Just for me, the church bells rang.
Now he’s gone, I don’t know why. And till this day, sometimes I cry. He didn’t even say goodbye. He didn’t take the time to lie.
Bang bang, he shot me down
Bang bang, I hit the ground
Bang bang, that awful sound
BANG BANG
my baby shot me down.

Song written by Sonny Bono; voc. Nancy Sinatra

08. August 2010

Rio forever


Wo bin ich, bin ich in Liebe,
wo bin ich, bin ich schon da?
Wo bin ich, bin ich auf Sternen,
Wann bin ich, bin ich schon da?
Du bist in mir, tief tief in mir.
Wo bist du, bist du in Liebe,
wo bist du, bist du schon da?
Wo bist du, bist du in aus Sternen,
wann bist du, bist du schon da?
Ich bin in dir, tief tief in dir.
Wo sind wir, sind wir in Liebe,
wo sind wir, sind wir schon da?
Wo sind wir, sind wir zwei Engel,
wann sind wir, sind wir schon da?
Du bist in mir, tief tief in mir.
Ich bin in dir, tief tief in dir.
(RIO)

08. August 2010

Rio forever


Wo bin ich, bin ich in Liebe,
wo bin ich, bin ich schon da?
Wo bin ich, bin ich auf Sternen,
Wann bin ich, bin ich schon da?
Du bist in mir, tief tief in mir.
Wo bist du, bist du in Liebe,
wo bist du, bist du schon da?
Wo bist du, bist du in aus Sternen,
wann bist du, bist du schon da?
Ich bin in dir, tief tief in dir.
Wo sind wir, sind wir in Liebe,
wo sind wir, sind wir schon da?
Wo sind wir, sind wir zwei Engel,
wann sind wir, sind wir schon da?
Du bist in mir, tief tief in mir.
Ich bin in dir, tief tief in dir.
(RIO)

08. August 2010


[ Auszug fb-Kommentar von mir auf der Wall der sehr geschätzten Tina …): ]
„(…) ich hatte jenen Bildband von ihr (L. Riefenstahl) Mitte der Achtziger aus einer Stadtbücherei geliehen und wollte ihn ungern zurückgeben. Er war zu dem Zeitpunkt nur antiquarisch erhältlich, es gab kein Internet, das zu recherchieren und ich hatte eh kein Geld, so nahm ich in Kauf, irgendwann viel später eine irrwitzige Summe für Entleihungs-Überziehungs-Gebühren zu entrichten. Daran dachte ich natürlich keine Sekunde, so lange ich den Bildband bei mir hatte. Er war schon gefühlt meiner, aber dann kamen doch sehr ermahnende Briefe der Berliner Amerika-Gedenk-Bibliothek. Tja… Dieser Bildband hat mich wahnsinnig inspiriert, bis heute. Es gibt ein auf Eis liegendes Filmprojekt mit Cosmic, das davon inspiriert ist. Er versteht das auch. Diese Schlagschatten, die starken Kontraste, das Archaische…“

08. August 2010

Gestern-heute kurz vor dem Aufwachen, Halbschlaf noch, jemand erklärt mir, (ein Mann glaube ich, ja sicher) „das ist die Pergomannen-Automatik“ (wörtlich). Das seltsame Wortgebilde, das mir rein gar nichts sagt, bleibt hängen, ich wiederhole es im Geist so oft, bis ich ein paar Minuten später kurz aus dem Bett schlüpfe, um es auf einen Zettel zu schreiben. Ob es das Wort gibt, „Pergomannen“ wenigstens? Nein. Kein Suchergebnis im Weltnetz. Ich hab mich auch nicht verhört. Es war nichts mit Pergamon. Wir haben ja hier in Berlin den furiosen, aus Kleinasien entwendeten Pergamon-Altar. Egal. Intensive Träume zur Zeit, nicht erinnerbar. Viele verschiedene Begegnungen, Szenen, nichts ist einfach. So fühlt es sich an, nach dem Aufwachen.
Vorgestern in der S-Bahn gab ich zum ersten Mal seit langem einem Musiker zwei Euro. Ich wurde sentimental, weil er wie Rio klang. Nicht, dass man den Eindruck hatte, er versucht so zu klingen, sondern er hatte einfach denselben Duktus, von Geburts wegen. Dieses leicht Vernuschelte, lässig Schlampige am Ende der Silben. Dabei völlig unaffektiert. Ich sagte es ihm. Er sang seine eigenen Lieder. Deutsche Texte. Mit Heimatbezug. In einem Song ging es um Moabit. Ich hab die Adresse von seiner Seite vergessen. Er hat sie mir gesagt. Er wurde fast ein bißchen rot, als ich ihm sagte, dass er ein bißchen wie Rio klingt. Und er meinte, wegen Rio hätte er überhaupt angefangen Musik zu machen. Und heute, auf diesem Friedensfestival, oder gestern, spielten zwei Jungs aus der Scherben-Familie ein paar der schönsten Songs. Marius del Mestre, früher Rhythmusgitarrist bei den Scherben, hat dieses Rio-Genuschel auch drauf. Klar, er versucht auch wie Rio zu klingen, aber ich find es in diesem Fall okay. Obwohl mich sonst Plagiate meistens eher nicht so begeistern. Ist so eine Art Gedenk-Gottesdienst. Mein Gestern. Ich lass mich in die Wolken fallen und tauche in die Himmel…

07. August 2010

http://www.flickr.com/apps/slideshow/show.swf?v=71649

[ related entry ]
Normalerweise versuche ich etwas zu schreiben, das sich nachvollziehbar auf die Bilder bezieht. Aber Bilder sprechen ja auch. Manchmal erzählen sie auch eine Geschichte, die man selbst anders erinnert. Und am Ende aller Tage (ca. 2057), wenn dieser hochauflösende, riesige Flat Screen Monitor im Museum für Kommunikation hängen wird ( 3 x 4 m), und siebenundvierzig Jahre Blogeinträge von Gaga Nielsen zeigen wird, dann werden alle für immer glauben, das mein Leben eine Aneinanderreihung wundersamer, poetischer Augenblicke war. Und beinah ist es wahr.

Eigentlich ja. Und das andere, das wird einfach gelöscht. Im Gedächtnis. Im Herz. Und auf allen Festplatten.

03. August 2010


16. Juli 2010. Ich weiß immer noch nicht, ob es Haselnussbrand oder Haselnussgeist ist. Aber man muss ihn unbedingt probieren. Balkon, Animalprint-Fähnchen. Jam & Spoon, Silly, Erinnert. Das Teehaus, in dem kein guter Platz frei ist, der schöne Hofgarten voll besetzt. Kein Wunder. So ein schöner Sommerabend. Eine Weile sitzen wir, unentschieden, weil das Essen so gut ist da. Glücklicherweise kommt ewig keiner, um wenigstens die Getränkebestellung entgegenzunehmen. Erleichtertes Aufstehen. Guten Gewissens doch weiter. Das Licht war auch so seltsam, da in dem Durchgang, eine grelle Funzel, die geisterhaft grün aus dem Bambus leuchtete. Mir fällt das Pan Asia ein. So schön hatte ich das gar nicht in Erinnerung. Eine große Holztreppe im Hof, wie ineinandergeschobene Podeste, darauf prall gefüllte große Bodenkissen aus Leinen, in weiß und pink. Kleine Windlichter auf niedrigen Tischen. Schön ist das. Wie Ferien. In dieser Stadt kann man Urlaub machen. Ich spüre, was für ein Luxus es ist, in dieser Ecke der Stadt, des Landes, des Erdteils, der Erde zu leben. Mir wird ganz demütig. Der Kellner ist genauso nett wie er attraktiv aussieht. Normalerweise ist immer irgendwas, über das man hinwegsieht. Aber dieser szenige Typ ist charismatisch, charmant, ein bißchen flirty und sehr zuvorkommend. Und das Essen ganz und gar wie ich es mag. Mit frischen Zutaten, alles hat noch Biss, die zarten Zuckerschoten… Kein versupptes Geschwurbel. Eiskalter Chardonnay.
Ich weiß nicht mehr genau, worüber wir sprachen, aber ich holte nach dem zweiten Glas weit aus. Sagte Sachen wie, dass ich mir als Kind, als Mädchen, nie vorgestellt, erträumt habe eine Familie zu gründen, Mit Kind und Mann und Haus und Hof. Ich dachte eher, das wäre ein unheilvolles Schwert, das jede Frau früher oder später ereilt. (Das hab ich nicht gesagt, das fällt mir nur jetzt wieder ein). Ich hab von etwas ganz anderem geträumt. Ich wollte unbedingt frei sein. Frei von Bindungen an Menschen, die mir irgendetwas diktieren könnten, mich vereinnahmen würden, in einem vorstrukturierten Leben, dessen weiterer Verlauf das Potenzial an Unwägbarkeit verloren hat. (Das hab ich auch nicht gesagt, das schreib ich jetzt nur). Aber ich hab mich an einen Platz geträumt, als erwachsene Frau gesehen, die in einem Adlerhorst lebt, über den Dächern einer Stadt, einer Metropole. Die niemandem Rechenschaft schuldig ist. Es ist wahr geworden. Ich lebe in einem Adlerhorst über den Dächern der Stadt. Der schönsten Stadt, die ich kenne, in der meine Sprache gesprochen wird. Ich bin dankbar. Ja, schon wieder. Ich bin überhaupt in letzter Zeit ganz oft dankbar. Ganz ungeplant. Ohne Vorsatz. Ich weiß nicht, ob man sich sein Schicksal erarbeitet. Das wissen die Götter. Meines ist schon sehr seltsam. Sie haben mir auf jeden Fall einen sehr eigenwilligen und sehr mäandernden Weg zugedacht, für den man auch viel Kraft braucht. Innerlich. Innere Stärke. Widerstandskraft. Was so leicht aussieht, von Außen, ist das Ergebnis von Arbeit. An mir selbst. Da ist ein großer Aufruhr in mir. Kräfte sind am Werk, die mich von einem Pol zum anderen ziehen. Ich versuche ein inneres Ideal eines schöneren Ichs zu bewahren, zu behüten. Die Schönheit kommt nicht von Außen abhanden. Von innen. Das ist die einzige Gefahr. Aber so lange man einem Menschen ansieht, dass er darum kämpft, den guten Geist zu bewahren, gibt es diese Spur im Gesicht. Diesen Silberstreifen. So ein zartes Glitzern. Etwas Filigranes. Die Schönheit eines schüchternen Gebets.

04. August 2010

Ist jetzt mehr so privat von Freundin zu Freundin. Aber wenn man nach beendetem Gespräch fünf Minuten später noch einmal angerufen wird, mit der Mitteilung, sie hätte etwas Wichtiges (!) vergessen. Und das Wichtige ist dann, dass sie dieses Bild mit der Schildkröte entzückend findet und mir das unbedingt sagen will. Und sie mir dann auch noch zutraut, ich hätte das in meinem fortgeschrittenen Alter zustandebracht. Worauf ich maßlos stolz wäre, was aber leider nicht der Fall ist. Dann also dann, ja dann ist das schon einen kleinen persönlich gewidmeteten Blogeintrag wert.

04. August 2010

Ist jetzt mehr so privat von Freundin zu Freundin. Aber wenn man nach beendetem Gespräch fünf Minuten später noch einmal angerufen wird, mit der Mitteilung, sie hätte etwas Wichtiges (!) vergessen. Und das Wichtige ist dann, dass sie dieses Bild mit der Schildkröte entzückend findet und mir das unbedingt sagen will. Und sie mir dann auch noch zutraut, ich hätte das in meinem fortgeschrittenen Alter zustandebracht. Worauf ich maßlos stolz wäre, was aber leider nicht der Fall ist. Dann also dann, ja dann ist das schon einen kleinen persönlich gewidmeteten Blogeintrag wert.

03. August 2010


Puppenspiele kommen mir in den Sinn. Ich wollte das eigentlich als Kommentar unter meinen letzten Eintrag schreiben, aber manche meiner Kommentare geraten so lang, dass sie einen eigenen Eintrag wert sind. Ich erinnere mich, dass ich keine Baby-Puppe hatte und nur deshalb dachte, ich bräuchte auch eine, weil alle eine hatten. Eine Freundin hatte so eine, wo man oben Wasser einfüllen konnte und dann kamen Tränen oben und Pipi unten raus. Das war das einzige, was mich daran fasziniert hat, der Show-Effekt. Ich liebte meine einzige Puppe Michaela viel mehr.
Sie war schon groß und hatte Haare. Nicht so ein hilfloses Wesen, das umsorgt werden musste. Windeln wechseln, dieser ganze Kram. Puppenwagen mit reglosem Plastikbaby schieben. Doofe rosa Strampelanzüge an- und ausziehen. Ich hab das auch mal ausprobiert, aber es wurde mir schnell langweilig. Meine Puppe musste wie eine große Freundin sein, jemand, mit dem ich mich vergleichen konnte. Michaela hatte so ein schönes Gesicht. Man konnte Frisuren machen mit den langen blonden Haaren. Nicht nur eia eia, hast du dir in die Windel gemacht. Michaela kriegte glamouröse Abendkleider aus den Seidentüchern meiner Mama verpasst. Sie ging dann aus. Tanzen. Michaela machte Sachen, die ich später machen wollte. Wenn ich groß war.
Die Freundinnen hatten Spaß daran, die immer selben Baby-Pflege-Rituale mit ihren Plastik-Säuglingen nachzuspielen. Immer dasselbe. Jeden Tag. Und sie sprachen mit ihrem Plastik-Baby als wäre es lebendig und müsste erzogen werden. Es wurde auch viel geschimpft mit den Plastik-Babies. Gemahnt, gerügt. Dass es schon wieder gewickelt werden muss, das unerzogene Baby. Die Puppenmuttis guckten dann streng auf das Plastikwürmchen und drohten mit Papa.
Was mir alles einfällt… wieviel Erinnerung verschüttet ist und ausgegraben werden kann. Ich wollte immer attraktive Frauen als Puppe haben. Deswegen liebte ich meine Fake-Barbie Petra auch so. Barbiepuppen fand ich viel interessanter. Die hatten tolle Sachen zum Anziehen, keine langweiligen Baby-Strampler und hatten sogar schon Busen. Puppen nackig ausziehen und untersuchen, wie sie unten und überall ausschauen war auch interessant. Leider fehlten meistens die wichtigsten Sachen am Körper. Also die interessantesten, die man auch in echt nicht so oft sehen konnte. Ken hatte kein Geschlechtsteil und auch bei den Barbiepuppen fehlten wichtige Körperöffnungen. Barbie hatte nicht mal Brustwarzen. Das war wohl nicht wichtig, weil die Brüste bei der gängigen Mode sowieso verdeckt bleiben. Aber die Augen wurden sehr detailliert ausgearbeitet. Lange Wimpern waren aufgemalt. Zum Klimpern. Um Ken zuzuzwinkern.
Ich erinnere mich, wie es war, einen meiner Neffen zu wickeln. Nur zum Spaß, ich besuchte meinen Bruder und er zeigte es mir, sagte, „mach doch auch mal!“. Ich liebte das kleine Wesen und wunderte mich, dass es so einfach war, dass er nicht quäkte und nicht schrie sondern mich nur wohlig anlächelte. Das war ganz einfach. Auch nicht eklig. Ich fragte mich, warum so ein Gedöns um Babywickeln gemacht wird. Na gut, ich musste es ja auch nicht alle paar Stunden machen. Aber mein Bruder fand es auch nicht der Rede wert. Das machte er mal ebenso nebenher. Er hatte ja viel Zeit. Da hat er dann einfach mal die Gitarre beiseite gelegt.
(Die Geschichte von Michaela)
(Michaela lernt Selbstverteidigung)
(Die Geschichte von Arielle)
(Michaela auf Flickr)

03. August 2010


Puppenspiele kommen mir in den Sinn. Ich wollte das eigentlich als Kommentar unter meinen letzten Eintrag schreiben, aber manche meiner Kommentare geraten so lang, dass sie einen eigenen Eintrag wert sind. Ich erinnere mich, dass ich keine Baby-Puppe hatte und nur deshalb dachte, ich bräuchte auch eine, weil alle eine hatten. Eine Freundin hatte so eine, wo man oben Wasser einfüllen konnte und dann kamen Tränen oben und Pipi unten raus. Das war das einzige, was mich daran fasziniert hat, der Show-Effekt. Ich liebte meine einzige Puppe Michaela viel mehr.
Sie war schon groß und hatte Haare. Nicht so ein hilfloses Wesen, das umsorgt werden musste. Windeln wechseln, dieser ganze Kram. Puppenwagen mit reglosem Plastikbaby schieben. Doofe rosa Strampelanzüge an- und ausziehen. Ich hab das auch mal ausprobiert, aber es wurde mir schnell langweilig. Meine Puppe musste wie eine große Freundin sein, jemand, mit dem ich mich vergleichen konnte. Michaela hatte so ein schönes Gesicht. Man konnte Frisuren machen mit den langen blonden Haaren. Nicht nur eia eia, hast du dir in die Windel gemacht. Michaela kriegte glamouröse Abendkleider aus den Seidentüchern meiner Mama verpasst. Sie ging dann aus. Tanzen. Michaela machte Sachen, die ich später machen wollte. Wenn ich groß war.
Die Freundinnen hatten Spaß daran, die immer selben Baby-Pflege-Rituale mit ihren Plastik-Säuglingen nachzuspielen. Immer dasselbe. Jeden Tag. Und sie sprachen mit ihrem Plastik-Baby als wäre es lebendig und müsste erzogen werden. Es wurde auch viel geschimpft mit den Plastik-Babies. Gemahnt, gerügt. Dass es schon wieder gewickelt werden muss, das unerzogene Baby. Die Puppenmuttis guckten dann streng auf das Plastikwürmchen und drohten mit Papa.
Was mir alles einfällt… wieviel Erinnerung verschüttet ist und ausgegraben werden kann. Ich wollte immer attraktive Frauen als Puppe haben. Deswegen liebte ich meine Fake-Barbie Petra auch so. Barbiepuppen fand ich viel interessanter. Die hatten tolle Sachen zum Anziehen, keine langweiligen Baby-Strampler und hatten sogar schon Busen. Puppen nackig ausziehen und untersuchen, wie sie unten und überall ausschauen war auch interessant. Leider fehlten meistens die wichtigsten Sachen am Körper. Also die interessantesten, die man auch in echt nicht so oft sehen konnte. Ken hatte kein Geschlechtsteil und auch bei den Barbiepuppen fehlten wichtige Körperöffnungen. Barbie hatte nicht mal Brustwarzen. Das war wohl nicht wichtig, weil die Brüste bei der gängigen Mode sowieso verdeckt bleiben. Aber die Augen wurden sehr detailliert ausgearbeitet. Lange Wimpern waren aufgemalt. Zum Klimpern. Um Ken zuzuzwinkern.
Ich erinnere mich, wie es war, einen meiner Neffen zu wickeln. Nur zum Spaß, ich besuchte meinen Bruder und er zeigte es mir, sagte, „mach doch auch mal!“. Ich liebte das kleine Wesen und wunderte mich, dass es so einfach war, dass er nicht quäkte und nicht schrie sondern mich nur wohlig anlächelte. Das war ganz einfach. Auch nicht eklig. Ich fragte mich, warum so ein Gedöns um Babywickeln gemacht wird. Na gut, ich musste es ja auch nicht alle paar Stunden machen. Aber mein Bruder fand es auch nicht der Rede wert. Das machte er mal ebenso nebenher. Er hatte ja viel Zeit. Da hat er dann einfach mal die Gitarre beiseite gelegt.
(Die Geschichte von Michaela)
(Michaela lernt Selbstverteidigung)
(Die Geschichte von Arielle)
(Michaela auf Flickr)

03. August 2010


16. Juli 2010. Ich weiß immer noch nicht, ob es Haselnussbrand oder Haselnussgeist ist. Aber man muss ihn unbedingt probieren. Balkon, Animalprint-Fähnchen. Jam & Spoon, Silly, Erinnert. Das Teehaus, in dem kein guter Platz frei ist, der schöne Hofgarten voll besetzt. Kein Wunder. So ein schöner Sommerabend. Eine Weile sitzen wir, unentschieden, weil das Essen so gut ist da. Glücklicherweise kommt ewig keiner, um wenigstens die Getränkebestellung entgegenzunehmen. Erleichtertes Aufstehen. Guten Gewissens doch weiter. Das Licht war auch so seltsam, da in dem Durchgang, eine grelle Funzel, die geisterhaft grün aus dem Bambus leuchtete. Mir fällt das Pan Asia ein. So schön hatte ich das gar nicht in Erinnerung. Eine große Holztreppe im Hof, wie ineinandergeschobene Podeste, darauf prall gefüllte große Bodenkissen aus Leinen, in weiß und pink. Kleine Windlichter auf niedrigen Tischen. Schön ist das. Wie Ferien. In dieser Stadt kann man Urlaub machen. Ich spüre, was für ein Luxus es ist, in dieser Ecke der Stadt, des Landes, des Erdteils, der Erde zu leben. Mir wird ganz demütig. Der Kellner ist genauso nett wie er attraktiv aussieht. Normalerweise ist immer irgendwas, über das man hinwegsieht. Aber dieser szenige Typ ist charismatisch, charmant, ein bißchen flirty und sehr zuvorkommend. Und das Essen ganz und gar wie ich es mag. Mit frischen Zutaten, alles hat noch Biss, die zarten Zuckerschoten… Kein versupptes Geschwurbel. Eiskalter Chardonnay.
Ich weiß nicht mehr genau, worüber wir sprachen, aber ich holte nach dem zweiten Glas weit aus. Sagte Sachen wie, dass ich mir als Kind, als Mädchen, nie vorgestellt, erträumt habe eine Familie zu gründen, Mit Kind und Mann und Haus und Hof. Ich dachte eher, das wäre ein unheilvolles Schwert, das jede Frau früher oder später ereilt. (Das hab ich nicht gesagt, das fällt mir nur jetzt wieder ein). Ich hab von etwas ganz anderem geträumt. Ich wollte unbedingt frei sein. Frei von Bindungen an Menschen, die mir irgendetwas diktieren könnten, mich vereinnahmen würden, in einem vorstrukturierten Leben, dessen weiterer Verlauf das Potenzial an Unwägbarkeit verloren hat. (Das hab ich auch nicht gesagt, das schreib ich jetzt nur). Aber ich hab mich an einen Platz geträumt, als erwachsene Frau gesehen, die in einem Adlerhorst lebt, über den Dächern einer Stadt, einer Metropole. Die niemandem Rechenschaft schuldig ist. Es ist wahr geworden. Ich lebe in einem Adlerhorst über den Dächern der Stadt. Der schönsten Stadt, die ich kenne, in der meine Sprache gesprochen wird. Ich bin dankbar. Ja, schon wieder. Ich bin überhaupt in letzter Zeit ganz oft dankbar. Ganz ungeplant. Ohne Vorsatz. Ich weiß nicht, ob man sich sein Schicksal erarbeitet. Das wissen die Götter. Meines ist schon sehr seltsam. Sie haben mir auf jeden Fall einen sehr eigenwilligen und sehr mäandernden Weg zugedacht, für den man auch viel Kraft braucht. Innerlich. Innere Stärke. Widerstandskraft. Was so leicht aussieht, von Außen, ist das Ergebnis von Arbeit. An mir selbst. Da ist ein großer Aufruhr in mir. Kräfte sind am Werk, die mich von einem Pol zum anderen ziehen. Ich versuche ein inneres Ideal eines schöneren Ichs zu bewahren, zu behüten. Die Schönheit kommt nicht von Außen abhanden. Von innen. Das ist die einzige Gefahr. Aber so lange man einem Menschen ansieht, dass er darum kämpft, den guten Geist zu bewahren, gibt es diese Spur im Gesicht. Diesen Silberstreifen. So ein zartes Glitzern. Etwas Filigranes. Die Schönheit eines schüchternen Gebets.

02. August 2010


20. Juni 2010. Balkonzimmer. Auguststraße. Synagoge. Sommer. Spielplatz. Kids. Vielleicht weil sie Ringelshirts anhatten und die Haare des Jungen so schön wehten. Und manchmal sah es aus wie Absicht, fast wie eine Choreographie. Obwohl die Mädels ein bißchen anmutiger hätten sein können. Aber hey – sie hatten Spaß. Ich glaube, je älter ich werde, umso mehr komme ich wieder dahin, absichtslosem Spiel ohne vorführbare Ergebnisse am Ende, von der schönen Erinnerung abgesehen, Freude abzugewinnen. Am Ende eines Tages zählt, woran man Freude hatte.

2. August 2010

23. Juni 2010. Mittwoch. Könnte ein Mittwoch gewesen sein. Germany-Ghana. Ich habe vorhin schon einen Eintrag dazu geschrieben, ist mir abgestürzt. Ich fang noch mal an. Dass ich Deutschland-Wimpern gekauft hatte, hab ich geschrieben. Nicht nur für die beiden kleinen Mädchen als Mitbringsel beim Gartenfest, sondern auch für mich und Cosmic. Die gab’s bei Karstadt in der Schreibwarenabteilung, sonst waren die gar nicht so leicht zu kriegen. Und so schwarzrotgoldene Hawai-Girlanden. Und Armbändchen. Da ging ich aus der Wohnung auf die Auguststraße mit meinen glitzernden Deutschland-Wimpern. Im Fußball-Karnevals-Fieber. Wie sich die Menschen über meine Verkleidung freuten! Junge, sportiv wirkende Männer lächelten mir anerkennend zu. Einer fragt sogar nach der Uhrzeit. So fünf vor Acht, gefühlt, sag ich. An der Stelle wo andere eine Uhr haben, hab ich ein Deutschland-Armbändchen. Zwinkern geht ohne Probleme mit Deutschlandwimpern. Ritrovo. Stefan ist außer sich: „Ick hab jar nich jewusst, dass du sone Fußballbraut bist! Ick bin stolz auf dich!“ Cosmic hat noch gar keine Wimpern dran. In fünfundzwanzig Minuten beginnt das Spiel! Der Kellner will die Bestellung entgegennehmen, Cosmic bittet ihn um noch etwas Geduld: „wir müssen uns erst noch schminken und dann bestellen wir!“.

Ich male Cosmic mit schwarzem Kajal Brot und Spiele ins Gesicht und klebe die Wimpern an. Stefan macht dabei ein verrutschtes Eierfon-Foto und muss es gleich auf seine Facebook-Pinnwand posten. So, Cosmic ist fertig bemalt. Kajal steht ihm gut. Diabolisch sieht er aus. Wir fotografieren uns eifrig gegenseitig, Stefan muss uns mehrmals wie Schulkinder ermahnen, dem Fußballereignis mehr Aufmerksamkeit entgegenzubringen. Das Spiel ist ein bißchen langweilig, Fotos machen macht einfach mehr Spaß, als den lahmen Jungs zuzugucken. Am schlimmsten war die letzte Viertelstunde des Spiels. Als ob man Zeitlupe schaut. Die wurden immer langsamer. Ja, ich weiß, die wollten Zeit schinden, damit bloß nichts mehr passiert, schon klar. Action auf dem Spielfeld könnte gefährlich werden, sehr gefährlich! Deutschland hat gerade mal so gewonnen. Ich konnte also einigermaßen erhobenen Hauptes die Krone aufbehalten. Mir ist, als hätte ich vorhin noch mehr dazu geschrieben… ach, egal… ich erinnere mich ja auch so. Die Erinnerung ist wie ein Film, den man in sich trägt. Man muss ihn nur anschmeißen. Den sentimentalen Projektor. Hab ich doch wieder schön gesagt. Meine Leser freuen sich über solche Formulierungen. Nicht so furchtbar wichtig, dass ich Lasagne hatte. Und Cosmic irgendwelche Nudeln. Pasta sagt man beim Italiener ja gerne dazu. Stefan und Katja Pizza. Aber jede Menge Grappa. Das war schon wichtig. Und dass ich Katja sofort mochte. Und ihr Profil, wie sie da so saß mit meinem Hut. Ich dachte an den blauen Engel und Romy in das Mädchen und der Kommissar.

Später zu H. Den Namen kürze ich lieber ab. Erstens weiß man nie und zweitens ist der Name eh nicht so schön. Aber der Film war es, den wir gesehen haben. Er hat ein unfassbar riesiges Video-Archiv, da bei sich zu Hause in seiner Siebziger Jahre-Hippie-Wohnung. Stop Making Sense. Ich hatte ganz vergessen, wie großartig dieser Film ist. Ein Wunder. Ich sitze fassungslos vor diesem Meisterwerk. Cosmic gleitet wie hypnotisiert auf den Teppich, näher zum Fernseher. Wahnsinn dieser Film. David Byrne. Was für ein Genie. Ich hab ihn einmal live gesehen, aber gar nicht bei einem Talking Heads-Konzert, sondern 1987 bei der Berlinale. Im Zoopalast stolperte er auf die Bühne um sein Spielfilm-Regie-Debut zu präsentieren. Er stotterte. Man konnte spüren, dass er feuchte Hände hatte. Vor lauter Aufregung redete er wirr. Alle liebten ihn. Standing Ovations, um es ihm zu zeigen, ihn zu beruhigen. Ganz dunkle feuchte Bambi-Augen hatte er. Heute, als ich die Bilder noch einmal ansah, von diesem Public Viewing beim Italiener, dachte ich an einen Fellini-Film. Man könnte auch denken, wir wären einem Fellini-Film entsprungen. Mit unseren Wimpern. Und überhaupt. Aber es ist nur unser eigener Film gewesen. Wie immer. Ich spiele am liebsten in meinen eigenen Filmen mit, da darf ich den Text immer ganz frei sprechen. Ich merke mir doch so schlecht Text.
http://www.flickr.com/apps/slideshow/show.swf?v=71649
Groß gucken.

2. August 2010

23. Juni 2010. Mittwoch. Könnte ein Mittwoch gewesen sein. Germany-Ghana. Ich habe vorhin schon einen Eintrag dazu geschrieben, ist mir abgestürzt. Ich fang noch mal an. Dass ich Deutschland-Wimpern gekauft hatte, hab ich geschrieben. Nicht nur für die beiden kleinen Mädchen als Mitbringsel beim Gartenfest, sondern auch für mich und Cosmic. Die gab’s bei Karstadt in der Schreibwarenabteilung, sonst waren die gar nicht so leicht zu kriegen. Und so schwarzrotgoldene Hawai-Girlanden. Und Armbändchen. Da ging ich aus der Wohnung auf die Auguststraße mit meinen glitzernden Deutschland-Wimpern. Im Fußball-Karnevals-Fieber. Wie sich die Menschen über meine Verkleidung freuten! Junge, sportiv wirkende Männer lächelten mir anerkennend zu. Einer fragt sogar nach der Uhrzeit. So fünf vor Acht, gefühlt, sag ich. An der Stelle wo andere eine Uhr haben, hab ich ein Deutschland-Armbändchen. Zwinkern geht ohne Probleme mit Deutschlandwimpern. Ritrovo. Stefan ist außer sich: „Ick hab jar nich jewusst, dass du sone Fußballbraut bist! Ick bin stolz auf dich!“ Cosmic hat noch gar keine Wimpern dran. In fünfundzwanzig Minuten beginnt das Spiel! Der Kellner will die Bestellung entgegennehmen, Cosmic bittet ihn um noch etwas Geduld: „wir müssen uns erst noch schminken und dann bestellen wir!“.

Ich male Cosmic mit schwarzem Kajal Brot und Spiele ins Gesicht und klebe die Wimpern an. Stefan macht dabei ein verrutschtes Eierfon-Foto und muss es gleich auf seine Facebook-Pinnwand posten. So, Cosmic ist fertig bemalt. Kajal steht ihm gut. Diabolisch sieht er aus. Wir fotografieren uns eifrig gegenseitig, Stefan muss uns mehrmals wie Schulkinder ermahnen, dem Fußballereignis mehr Aufmerksamkeit entgegenzubringen. Das Spiel ist ein bißchen langweilig, Fotos machen macht einfach mehr Spaß, als den lahmen Jungs zuzugucken. Am schlimmsten war die letzte Viertelstunde des Spiels. Als ob man Zeitlupe schaut. Die wurden immer langsamer. Ja, ich weiß, die wollten Zeit schinden, damit bloß nichts mehr passiert, schon klar. Action auf dem Spielfeld könnte gefährlich werden, sehr gefährlich! Deutschland hat gerade mal so gewonnen. Ich konnte also einigermaßen erhobenen Hauptes die Krone aufbehalten. Mir ist, als hätte ich vorhin noch mehr dazu geschrieben… ach, egal… ich erinnere mich ja auch so. Die Erinnerung ist wie ein Film, den man in sich trägt. Man muss ihn nur anschmeißen. Den sentimentalen Projektor. Hab ich doch wieder schön gesagt. Meine Leser freuen sich über solche Formulierungen. Nicht so furchtbar wichtig, dass ich Lasagne hatte. Und Cosmic irgendwelche Nudeln. Pasta sagt man beim Italiener ja gerne dazu. Stefan und Katja Pizza. Aber jede Menge Grappa. Das war schon wichtig. Und dass ich Katja sofort mochte. Und ihr Profil, wie sie da so saß mit meinem Hut. Ich dachte an den blauen Engel und Romy in das Mädchen und der Kommissar.

Später zu H. Den Namen kürze ich lieber ab. Erstens weiß man nie und zweitens ist der Name eh nicht so schön. Aber der Film war es, den wir gesehen haben. Er hat ein unfassbar riesiges Video-Archiv, da bei sich zu Hause in seiner Siebziger Jahre-Hippie-Wohnung. Stop Making Sense. Ich hatte ganz vergessen, wie großartig dieser Film ist. Ein Wunder. Ich sitze fassungslos vor diesem Meisterwerk. Cosmic gleitet wie hypnotisiert auf den Teppich, näher zum Fernseher. Wahnsinn dieser Film. David Byrne. Was für ein Genie. Ich hab ihn einmal live gesehen, aber gar nicht bei einem Talking Heads-Konzert, sondern 1987 bei der Berlinale. Im Zoopalast stolperte er auf die Bühne um sein Spielfilm-Regie-Debut zu präsentieren. Er stotterte. Man konnte spüren, dass er feuchte Hände hatte. Vor lauter Aufregung redete er wirr. Alle liebten ihn. Standing Ovations, um es ihm zu zeigen, ihn zu beruhigen. Ganz dunkle feuchte Bambi-Augen hatte er. Heute, als ich die Bilder noch einmal ansah, von diesem Public Viewing beim Italiener, dachte ich an einen Fellini-Film. Man könnte auch denken, wir wären einem Fellini-Film entsprungen. Mit unseren Wimpern. Und überhaupt. Aber es ist nur unser eigener Film gewesen. Wie immer. Ich spiele am liebsten in meinen eigenen Filmen mit, da darf ich den Text immer ganz frei sprechen. Ich merke mir doch so schlecht Text.
http://www.flickr.com/apps/slideshow/show.swf?v=71649
Groß gucken.

30. Juli 2010


Was für ein unfassbar schöner Sommer. Die Abende sind so lau, immer weht ein ganz sanfter lauer Wind durch die Gassen möchte man schreiben, aber man nennt die kleinen Straßen in Berlin Mitte nicht so. Nicht einmal die „kleine Auguststraße“. Ich wohne ja außerdem in der großen Auguststraße. Ich bin sehr dankbar in diesem Sommer, dass ich ihn so unbeeinträchtigt (bislang…) von Atemnöten erleben darf. Ich stehe davor, wie vor einem Wunder. Heute sagte ich zu einer Freundin, weißt du, ich habe in der letzten Zeit etwas sehr Interessantes gelernt. Dass man einen Tiefpunkt, was es auch immer sei, eine seelische Krise viel besser bewältigen kann, wenn man sich mit äußerster Aufmerksamkeit um sein körperliches Wohl kümmert, um die physische Stabilität, nicht alles hinschmeißt, gerade dann kein Schindluder treibt. Den Körper mit Überfluss an Gutem verwöhnt. Dinge wie viel Schlaf, geschmeidige Bewegungen, sich einzubalsamieren, gute Sachen zu essen, Nahrung, in der noch Leben ist, guter Wein, guter Champagner, gutes Gras. Aber nicht in einem dekadenten Maß, dass es ins Schadhafte kippen könnte. Diese Balance lernen und zelebrieren. Gestern Abend zum Beispiel, bevor ich wegging, ein Glas Veuve, ein bißchen homegrown, aber nur eine ganz kleine Zigarette. Später beim Konzert, ein großes Glas Wasser, Matthias und Stefan scherzten noch, geh weg mit dem Wodka! Sie trauen mir nicht zu, dass ich Wasser trinke. Dann drei Gläser Beaujolais. Aber nicht mehr. Das war die Grenze. Danach nur noch ein, zwei Gläser Wasser zuhause. Es hat mir nicht geschadet. Der pflegliche Umgang mit dem Körper wirkt auf die Psyche, weil dann die irrtümliche, fatale Schlussfolgerung, die ich früher hatte, nicht mehr passiert, dass es mir auch körperlich schlecht ginge, weil ich in einer seelischen Krise bin. Das stimmt gar nicht. Wenn ich morgens tief ausgeruht aufstehe, kommt mir all das, was mein Herz umtreibt, nicht mehr ganz so schwer und unüberwindbar vor. Das Gefühl von körperlicher Stärke bestärkt die Vorstellung von psychischer Kraft. Die Berge versetzt. Kraft verleiht, die über den Körper hinausgeht.

30. Juli 2010


Was für ein unfassbar schöner Sommer. Die Abende sind so lau, immer weht ein ganz sanfter lauer Wind durch die Gassen möchte man schreiben, aber man nennt die kleinen Straßen in Berlin Mitte nicht so. Nicht einmal die „kleine Auguststraße“. Ich wohne ja außerdem in der großen Auguststraße. Ich bin sehr dankbar in diesem Sommer, dass ich ihn so unbeeinträchtigt (bislang…) von Atemnöten erleben darf. Ich stehe davor, wie vor einem Wunder. Heute sagte ich zu einer Freundin, weißt du, ich habe in der letzten Zeit etwas sehr Interessantes gelernt. Dass man einen Tiefpunkt, was es auch immer sei, eine seelische Krise viel besser bewältigen kann, wenn man sich mit äußerster Aufmerksamkeit um sein körperliches Wohl kümmert, um die physische Stabilität, nicht alles hinschmeißt, gerade dann kein Schindluder treibt. Den Körper mit Überfluss an Gutem verwöhnt. Dinge wie viel Schlaf, geschmeidige Bewegungen, sich einzubalsamieren, gute Sachen zu essen, Nahrung, in der noch Leben ist, guter Wein, guter Champagner, gutes Gras. Aber nicht in einem dekadenten Maß, dass es ins Schadhafte kippen könnte. Diese Balance lernen und zelebrieren. Gestern Abend zum Beispiel, bevor ich wegging, ein Glas Veuve, ein bißchen homegrown, aber nur eine ganz kleine Zigarette. Später beim Konzert, ein großes Glas Wasser, Matthias und Stefan scherzten noch, geh weg mit dem Wodka! Sie trauen mir nicht zu, dass ich Wasser trinke. Dann drei Gläser Beaujolais. Aber nicht mehr. Das war die Grenze. Danach nur noch ein, zwei Gläser Wasser zuhause. Es hat mir nicht geschadet. Der pflegliche Umgang mit dem Körper wirkt auf die Psyche, weil dann die irrtümliche, fatale Schlussfolgerung, die ich früher hatte, nicht mehr passiert, dass es mir auch körperlich schlecht ginge, weil ich in einer seelischen Krise bin. Das stimmt gar nicht. Wenn ich morgens tief ausgeruht aufstehe, kommt mir all das, was mein Herz umtreibt, nicht mehr ganz so schwer und unüberwindbar vor. Das Gefühl von körperlicher Stärke bestärkt die Vorstellung von psychischer Kraft. Die Berge versetzt. Kraft verleiht, die über den Körper hinausgeht.

30. Juli 2010

Man sollte die nächtlich trunken verfassten sentimentalen Texte auch als sein eigener Leser nur nachts lesen, wenn man selbst wieder trunken und sentimental ist. Also einfach bis heute Nacht übergehen. In der S-Bahn gerade Bilder gesichtet. Ganz viele gelöscht. Ein paar bleiben. Gar nicht so wenige. Ich hatte einen guten Winkel, von unten, die Kamera fast auf dem Boden, vorne, am Rand der Bühne. Das Licht fiel direkt ins Gesicht, und flutete die Linien, hellte alles auf, löschte ein paar Spuren der Jahre, die mir gestern und die letzten Male mehr auffielen als sonst. Beim Löschen fiel mir auf, dass es immer Bilder waren, auf denen man die Augen sieht. Wirklich schöne sind aber auch dabei. Aber auf allen schönen von gestern Abend sind deine Augen geschlossen. Der Ausdruck in den Augen ist es, der dem Bild die Magie, den Zauber gibt. Bei hingebungsvoll geschlossenen Augen stellt man sich automatisch ein beseeltes tief dunkel blickendes Auge vor, hinter dem schützenden Augenlid. Man kann gar nicht anders. Ich mag klare Augen, wache, tief und warm blickende Augen, mit einem starken gesunden Kontrast von Weiß und weit geöffneter Pupille. Die vergrößerte Pupille ist ein Zeichen der Hingabe an den Augenblick, die Gegenwart. Wenn sich Menschen sehr wohl fühlen, vergrößern sich die Pupillen. Auch im Zustand der Verliebtheit, bei Erregung. Es ist auch ein Zeichen von großem Vertrauen. Deshalb haben kleine Kinder so oft riesige Pupillen, auch wenn es hell ist. Sie träumen noch, denn keiner reißt sie aus ihren Träumen, wenn sie noch sehr klein sind. Niemand fordert rationales Verhalten von einem Säugling. Normalerweise verkleinern sich die Pupillen bei Helligkeit sehr stark. Ein Schutzmechanismus. Wenn man aber sehr entspannt ist und vertraut, weiten sie sich selbst in der strahlenden Sonne. Und dann gibt es so seltsame Exemplare wie mich, die überwiegend sehr weit geöffnete Pupillen haben. Viele denken, ich hätte sehr dunkle Augen, aber das stimmt nicht. Meine Augen sind blau, so ein taubenblau. Ich bin nicht so sehr vertrauensselig, aber ich bin innerlich meistens auf so einem verträumten Level, das der Psycho-Analytiker als Alpha-Zustand kennt. Dieser irrationale Zustand wie kurz vor dem Einschlafen. Das ist mein natürlicher Grundzustand. Ich verhalte mich ganz normal und kann mich sachlich unterhalten, aber parallel läuft immer ein intensiver Traum-Bewusstseinstrom, in dem ich mich eigentlich aufhalte. Unausgesetzt. Das andere ist nur Show. Für die soziale Kompatibilität. In Wahrheit träume ich die ganze Zeit. Nico hatte das auch. Darin sind wir verwandt. Das habe ich gleich bei ihr erkannt. Wir träumen uns durch unsere Tage, unser Leben. Und wir werden nur vollständig wach, wenn sich das Traumhafte in der Wirklichkeit manifestiert. Dann sind wir ganz da.

30. Juli 2010

(nur nachts und betrunken zu lesen)
wie weit weg du bist
und wie egal es dir (scheinbar) ist
ich hatte einen Satz im Kopf
und ich glaube, er reimte sich sogar
aber ich hab ihn vergessen
irgendwas mit checken
was war es
was war es nur
trunken. ich … wie kann das sein….
es kann so sein…. denn auch oft,
sehr oft, wenn sich die Dinge dem Ende neigen,
den Enden neigen, tun sie es,
weil die Kraft versiegt
oder in andere Wege fließt,
manchmal noch ein Schimmer,
eine Erinnerung,
an das Furiose, das man so gerne so lange gehabt hätte…
er, der Fotograf, der dich zum ersten mal sah und bewunderte.
Und ich, die ich dich zum hundersten Mal sah.
Mit Erinnerung,
mit Bildern im Herzen von unsagbarer Intensität.
Und nichts, kaum etwas kam dem gleich.
Aber für ihn war selbst das heute Abend furios genug.
und sei dir gegönnt.
Und beschieden.
Aber ich sehe die Entfernung. Entfremdung…
Das bloggt man nachts. Spät.
Nachdem man
Ich nach Hause kam.
Und … ja – – – ein prägnanter Satz war da in meinem Kopf,
den ganzen Abend, nachdem ich ging.
Ich suche nach dir, den ich kannte.
Du entgleitest, bist irgendwo,
wo du nicht mehr zu fassen bist.
Nichts Wesentliches von dir.
Nicht mehr in Bildern einzufangen.
Ich sehe, wie du arbeitest.
Hart sogar.
Aber das Spiel ist vorbei.
Ist zu Ende. Unser Spiel.
Nur noch Erinnerung.
Wenn ich Glück habe,
erhasche ich einen Abglanz der Erinnerung.
Ich werde ihn festhalten.
Und bewahren. Und erinnern.
Für immer.

28. Juli 2010


Niki et Jean reloaded. Autobiographically. Cidre. Niki et Jean, Film. Patti und Robert, Buch. Leicht zu verstehen. Schwer zu begreifen. „Ich habe immer davon geträumt, in einem Werk von mir zu leben“ sagt Niki gerade. Der Film läuft. Es ist so wertvoll, wenn jemand weiß, was einem etwas gibt. Nicht jeder kann mir einen Film schicken, den ich mir ansehe, noch am selben Abend. In der Welt von Niki und Jean bin ich zuhause. Niki und Jean. Patti und Robert. Gestern kam das Buch. Nein, nicht das da oben von Niki und Jean. Das andere. Von Patti. Aber gerade läuft dieser Film und ich kriege das alles nicht mehr auseinander. Es gehört zusammen. Niki und Jean. Patti und Robert. Ich las vor dem Schlafengehen etwa zehn Seiten. Ich musste bei jedem zweiten Satz weinen. So geht das nicht. So kann man nicht lesen. Ich legte das Buch in meine Tasche. Meine Ramones-Tasche, in die mein Beamer passt. Niki und Jean. Robert und Patti. Am Anfang sein Tod. So fängt das Buch an. Ich blättere zu den Bildern. Die Bilder tun mir weh. Just kids. Ich schlage das Buch zu, lege es in meine Tasche, für morgen, für heute. Meine Ramones-Tasche. Ein anderes Buch liegt daneben. Weil ich nicht wissen kann, ob ich es aushalte, in Pattis Buch zu lesen. Oder mich lieber ablenke. Mit den Beschreibungen von Hildes Lampenfieber in der Philharmonie. Den Studioaufnahmen. Den Erinnerungen an analoge Aufnahmen in einem Berliner Tonstudio. Mittags. In der Sonne. Ich lese über die Tonaufnahmen. In der Tasche liegt Pattis Buch. Irgendwann lese ich weiter. Halte ich es aus. Aber nicht unterwegs. Das wird schwierig. Ich hasse verlaufene Wimperntusche. Niki sagt, es gab Rivalität. Aber wir haben immer miteinander gespielt. Sie kannten sich vier Jahre. Waren befreundet. Dann änderte ein Abend diese Verbindung. Zwei Tage später zog sie zu ihm. Niki und Jean. Patti und Robert. Ich hab diesen Film nicht bestellt. Er flog mir heute zu. Von jemandem, der auch die Geschichte von Robert und Patti kennt. Gut kennt. In seinem Brief dazu schreibt er mir, schreibst du mir „(…) schicke ich diesen schönen kleinen Film über ein großartiges und großartig charmantes Künstlerpaar (…)“ Da hat sich jemand was dabei gedacht. Ich weiß das sehr zu schätzen. Bin gerührt. Wie meistens, in diesen Tagen. Tut vieles gut und weh. Zugleich.

An einer Stelle im Buch schreibt Patti, dass Fred zu ihr sagte, ich weiß nicht, wie er (Robert) das macht, aber ich sehe auf allen Bildern, die er von dir gemacht hat, ihn. Ich weiß, was er meint. Ich verstehe das alles. Viel zu gut. Schmerzhaft. (u. ewig). Ich dachte gestern Nacht und heute, ich kann das Gefühl nicht in Worten greifen. Aber es durchflutet mich. Egal, ob ich Worte dafür finde.

28. Juli 2010

Die Freundin zum Lachen bringen, kann glaube ich auch als gute Pfadfindertat gelten. Schade, dass man sich so gar keine Notizen beim Telefonieren macht. Seit sie auch bloggt, ruft sie gelegentlich durch’s Telefon „Du musst das bloggen! Sofort!“. Ich blogge es dann nie. Mein Blog-Biorhythmus folgt anderen Vitalitätsströmen, leider. Frau Klugscheisser hat für solche Fälle die sehr vernünftige Rubrik „Sätze, die man sofort bloggen muss“ eingerichtet. Ich merke das zwar, wenn mir eine halbwegs amüsante Wendung unterläuft, aber wenn man es dann schreibt, ist es leider meistens nicht mehr annähernd so lustig, wie im Kontext launig trunkenen Palavers (sie Riscal ich Veuve). Der Witz basiert ja mitunter auch auf den speziellen klimatischen Bedingungen, die nur in einem hermetisch abgeschlossenen Freundinnen-Parallel-Universum gegeben sind.
Aber damit es festgehalten ist, für dich und die Ewigkeit, meine Liebe: ich habe dich gestern meines Wissens zweimal zum Lachen gebracht. Das erste mal, als ich dir die Geschichte von Berufsmeditierer Langhans und seinem späten Gebrechen schilderte, welches ihn zu der Erkenntnis brachte, dass man nicht nur seiner Geistesvitalität und spirituellen Gesundheit sondern auch seinem Körper eine gewisse Aufmerksamkeit zukommen lassen sollte. Er kam durch ein Gebrechen am Bewegungsapparat wie von Zauberhand (Zeichen und Wunder) plötzlich ganz von selbst darauf, dass er möglicherweise zu viel herumgehockt ist. Bewegung hätte gut getan! Ich verkürzte das am Telefon auf „(…) war dann quasi seine Initiation in die Verkörperung“. Das klingt jetzt überhaupt nicht lustig, wenn ich das so lese. Siehst du, deswegen blogge ich solche Sätze eigentlich nicht. Der Satz war natürlich untermalt von gemeinem Lachen und das Wort „Initiation“ muss man sich sensibel betont vorstellen. Seitdem turnt er wohl, der Langhans. Haha. Und dann hast du dich noch kaputtgelacht, als ich den schönen alten Begriff „Hofschranzen“ aufleben ließ. Das Wort war dir so ungeläufig, dass du sogar dessen Existenz anzweifeltest, aber du wusstest intuitiv sofort, was ich meine. Das war glaube ich der Höhepunkt unseres gestrigen Telefonats. Ich wüsste niemanden außer dir, außer vielleicht noch Jan, der sich dermaßen ungebührlich über meine doch mitunter recht unflätigen Gedankengänge amüsiert. Das macht mich schon recht dankbar. Die Wikipedia-Erklärung hat dir dann auch noch prima gefallen. Es ging natürlich um Monarchie. Ich bin ja Monarchistin.

Foto: Cosmic

28. Juli 2010

Die Freundin zum Lachen bringen, kann glaube ich auch als gute Pfadfindertat gelten. Schade, dass man sich so gar keine Notizen beim Telefonieren macht. Seit sie auch bloggt, ruft sie gelegentlich durch’s Telefon „Du musst das bloggen! Sofort!“. Ich blogge es dann nie. Mein Blog-Biorhythmus folgt anderen Vitalitätsströmen, leider. Frau Klugscheisser hat für solche Fälle die sehr vernünftige Rubrik „Sätze, die man sofort bloggen muss“ eingerichtet. Ich merke das zwar, wenn mir eine halbwegs amüsante Wendung unterläuft, aber wenn man es dann schreibt, ist es leider meistens nicht mehr annähernd so lustig, wie im Kontext launig trunkenen Palavers (sie Riscal ich Veuve). Der Witz basiert ja mitunter auch auf den speziellen klimatischen Bedingungen, die nur in einem hermetisch abgeschlossenen Freundinnen-Parallel-Universum gegeben sind.
Aber damit es festgehalten ist, für dich und die Ewigkeit, meine Liebe: ich habe dich gestern meines Wissens zweimal zum Lachen gebracht. Das erste mal, als ich dir die Geschichte von Berufsmeditierer Langhans und seinem späten Gebrechen schilderte, welches ihn zu der Erkenntnis brachte, dass man nicht nur seiner Geistesvitalität und spirituellen Gesundheit sondern auch seinem Körper eine gewisse Aufmerksamkeit zukommen lassen sollte. Er kam durch ein Gebrechen am Bewegungsapparat wie von Zauberhand (Zeichen und Wunder) plötzlich ganz von selbst darauf, dass er möglicherweise zu viel herumgehockt ist. Bewegung hätte gut getan! Ich verkürzte das am Telefon auf „(…) war dann quasi seine Initiation in die Verkörperung“. Das klingt jetzt überhaupt nicht lustig, wenn ich das so lese. Siehst du, deswegen blogge ich solche Sätze eigentlich nicht. Der Satz war natürlich untermalt von gemeinem Lachen und das Wort „Initiation“ muss man sich sensibel betont vorstellen. Seitdem turnt er wohl, der Langhans. Haha. Und dann hast du dich noch kaputtgelacht, als ich den schönen alten Begriff „Hofschranzen“ aufleben ließ. Das Wort war dir so ungeläufig, dass du sogar dessen Existenz anzweifeltest, aber du wusstest intuitiv sofort, was ich meine. Das war glaube ich der Höhepunkt unseres gestrigen Telefonats. Ich wüsste niemanden außer dir, außer vielleicht noch Jan, der sich dermaßen ungebührlich über meine doch mitunter recht unflätigen Gedankengänge amüsiert. Das macht mich schon recht dankbar. Die Wikipedia-Erklärung hat dir dann auch noch prima gefallen. Es ging natürlich um Monarchie. Ich bin ja Monarchistin.

Foto: Cosmic

27. Juli 2010

Heute vor drei Jahren.
Irgendwie fast schon mystisch. Seit Jahren erhalte ich immer wieder Mails aus einer Nico gewidmeten Newsgroup. Ich lese sie seit längerem nicht mehr. Ich hab so viel über Nico gelesen, erfahren, so viele Bilder gesehen, Filme, kenne alle Songs in- und auswendig… was soll da noch an Neuigkeiten passieren. Aus irgendeinem Grund hatte ich heute Lust, die letzte Mail dieser News Group zu lesen. Ein Mitglied, Zoltan, erwähnte, dass er gerade in Berlin war, auch am Grab und dass er Fotos gemacht hätte, ob Interesse bestünde, sie zu sehen.

Da fiel mir wieder ein, dass ich vor einiger Zeit ein Bild rahmte und an ihrem Grab hinterlegte, und fragte mich, ob es wohl noch dort sei. Ich kam auf die Idee, die Bildersuche im Netz zu bemühen, um ein möglichst aktuelles Bild des Grabes zu finden. Das neueste, das ich fand, war vom letzten Sommer. Dieses hier. Mein Bild war noch da. Man sieht es mittlerweile auf fast allen Bildern im Netz, die ihr Grab zeigen. Das rührt mich. Es wird mit Respekt behandelt und gilt als ein fester Bestandteil ihrer letzten Ruhestätte, wie es scheint. Es wäre ein Sakrileg, das Bild zu entwenden. Ich hoffe, es ist immer noch da. Doch, ja ich glaube schon. Denn Zoltan schrieb in der News Group, dass er ein bißchen enttäuscht sei, dass keine neuen Reliquien dazukommen wären seit seinem letzten Besuch, es sei ganz unverändert…

Außer dem Bild der Berliner Fotografin Ilse Ruppert, fand ich auch noch eines, auf dem man die poetrYclub-Karte sieht, die Cosmic am 14. Juni 2008 dort hinterlegte, als wir zum ersten mal gemeinsam unterwegs waren, in Berlin Arizona. Die Karte lag in dieser Steinschale, von Regen und Sonne und Wind und Wetter gezeichnet und gewellt. Nach nur vier Wochen schon so viel Patina. Auch dieses Bild rührt mich. Überhaupt diese Spuren der Vergänglichkeit. Wie schnell alles geht. Ich mag es sehr, wie sich auf meinem Bild durch das Eintreten von Feuchtigkeit Verfärbungen am Passepartout zeigen.

Amüsiert hat mich auch, dass jemand anderes unter eine Fotografie des Grabes schrieb, ein Fan hätte ein gerahmtes Bild hinterlegt und darunter auf Französisch eine Widmung geschrieben. Was ich unter das Bild schrieb, war nicht französisch sondern ein englisches Textfragment des Nico-Songs Nibelungenland „in flames I run, in flames I run, waiting for the sign to come…“ den man am Ende auch in meinem kleinen Film hören kann. Das irgendwie Mystische daran ist eigentlich nur, dass ich Ilse Ruppert unter ihrem Foto dankte und ihr einen Link zu dem Set heraussuchte, um ihr das Entstehen zu zeigen. Und da fiel mein Blick auf das Datum, es war genau heute vor drei Jahren, dass ich dieses Bild für Nico machte und es ihr ans Grab brachte. Schön, heute Abend an sie zu denken. Und an die Momente, als ich dort war. Es waren immer schöne Augenblicke. Besondere. Vor neun Tagen war ihr Todestag. Ich dachte nicht daran. Aber aus irgendeinem Grund scheint dieser 27. Juli mein Nico-Gedenktag zu sein.

Ich merke gerade, wie gut es mir tut, mich damit abzulenken, mich ihr zuzuwenden. Sie hat mir immer gut getan. Wenn ich mich mit ihr beschäftigte, war ich mir selbst immer sehr nah. Bin es. Bei ihr und doch ganz bei mir. Ich trinke auf dich, Nico. Ich mache jetzt für dich meine letzte Flasche Veuve auf. Zur Feier des Tages. Auf dich und mich. Auf uns, und alle die uns nah sind und waren.

27. Juli 2010

Nächster Eintrag. 19. Juni Zweitausendzehn. Ein Samstag. Ein Sonnabend. Komisch, Sonnabend kenne ich erst im lebhaften Sprachgebrauch, seit ich in Berlin lebe. In Bayern sagt kein Mensch Sonnabend. Am Tag, also tagsüber hing ich drei frischgewaschene Charlie-Shirts in den Wind. Wie sie da wehten, hoch über der Auguststraße. Schön sah das aus.

Ich war fleißig, weil ich unsere Foto-Schießerei am Montag vorbereitete. Vielleicht würde ich die T-Shirts brauchen können. Ja, brauchte ich. Brauchten wir. Jetzt hab ich nur noch eins hier. Das Größte, in das ich zweimal reinpasse. Vielleicht packe ich die Nähmaschine aus und näh es enger, dann hab ich ein Minikleid mit Charlie drauf. Dazu ein paar kecke Stiefelchen, das kommt bestimmt nicht schlecht. Ein Bowler dazu wäre auch sehr cool. Aber die sind teuer. Melonen sind verdammt teuer. Aber man muss sich auch mal was Schönes gönnen. An Pan Tau fand ich die Melone ja nicht so attraktiv, aber die Serie hab ich als Kind geliebt.
Und später kamst du. Mein Gott das klingt wie eine Zeile aus einem Siebziger Jahre-Schlager. Ist das nicht von Daliah Lavi? „Dann kamst du…“ Die fand ich ja auch immer toll als Kind. Ach nein, das war „Wann kommst du?“. „Dann kamst du“ ist von Vicky Leandros, wie ich mich gerade bei youtube schlau gemacht habe. Das war ja sogar ein Grand Prix-Hit. „Après toi…“ Mais oui…! Je me souviens. Langsam kommt die Erinnerung. Na ja, ist ja nun auch sehr lange her. Ich weiß auch nicht, warum ich in letzter Zeit immer zwischen der zweiten und dritten Person wechsle. Vielleicht weil du jetzt so weit weg bist und ich die stummen Buchstaben zu ein bißchen mehr Leben erwecken will, damit sie noch einmal anfangen zu atmen. Den Herzschlag der erlebten Stunden wieder spüren. Ich sollte Schlagertexte schreiben. Für Michelle. Manchmal ist einem das eigene Pathos zuwider, peinlich. Und doch muss es sein. Muss es irgendwie rein.
Wir waren verabredet – nein, richtiger – ich durfte dich begleiten zu einem Fest, einem jährlich wiederkehrenden Gartenfest in Kleinmachnow. Vorher wickelte ich am Küchentisch noch den Dépardieu-Artikel um den Wein. Du hattest ein weißes Hemd an. Es gibt ein einziges Foto von diesem Abend. Du in meiner Küche. Später fotografierte ich nicht. Es hätte einfach nicht gepasst. Peinlich wäre es gewesen. Wie ein Paparazzo, eine Paparazza wäre ich mir vorgekommen. Obwohl kein Bunte-Leser auch nur ein Produzenten-Gesicht gekannt hätte. Es hätte einfach nicht gepasst. Aber ich war auch nicht traurig, keine inneren Haderstunden „Ach, hätte man das doch jetzt für die Ewigkeit eingefangen!“ Nein, alles ganz friedlich.
Wir laufen zur S-Bahn, über den Hackeschen Markt. Bis Zehlendorf müssen wir und von da fährt ein Bus. An der Bushaltestelle müssen wir so lange warten, dass wir anfangen, die Umgebung der Haltestelle zu erkunden. In einem Hinterhof so schöne alte Autos. Nein, Automobile muss man sagen. Ein dort ansässiger Oldtimer-Club hat ein Treffen. Was für herrliche Automobile. Ich kann mir plötzlich vorstellen, einen cremeweißen Cadillac mit offenem Verdeck zu haben, so ein Modell aus den Zwanziger Jahren, mit Wurzelholz-Amaturenbrett und cognacfarbenen Velourslederbezügen. Vor meinem inneren Auge fahre ich bereits wie Kim Novak als Lylah Clare durch Robert Aldrichs „Große Lüge Lylah Clare“. Und herrlich, wie das Ersatzrad vorne in eine Vertiefung in der Kühlerhaube eingebaut ist. Ich bin entzückt. Und du erkennst sofort, dass man dann natürlich unbedingt so eine Lederkappe und perforierte Handschuhe aus feinstem Straußenleder braucht. So wie früher. Der Bus kommt.
Alte Alleen, alte Bäume, man ahnt noch den Wald, aus dem dieses putzige Kleinmachnow erwuchs. Zu deinem alten Schulfreund Christian. In eurer Jugend einer der Widerspenstigsten, Rebellischsten von allen, wie du sagst. Aber er hat noch was davon. Etwas attraktiv Störrisches in den Augen. Aggressiv, auf eine produktive Art. Fernsehserien produziert er. Sehr erfolgreich. Alphatier, durchdringender Blick. Ihr beiden seid zweifellos die attraktivsten Männer in diesem Fernsehgarten. Das Haus perfekte Kulisse eines eleganten ZDF-Fernsehspiels. Blondierte Frauen in weißen Sommer-Anzügen. Ungewöhnlich hanseatisch für Berliner Verhältnisse. Pfingstrosen schwimmen in rhythmisch platzierten Glaschalen auf verwirrend elegant eingedeckten Bierzelt-Tischen. Dezente Hintergrundmusik im windgeschützen weißen Gartenzelt, nicht zu laut, nicht zu aufdringlich. Bekannte Melodien, ein bißchen Swing, ein bißchen Jazz, ein bißchen Lounge. Gegrilltes, große Meerestiere. Die King Prawns so riesig, dass ich den Kampf mit der Schale fürchte und vorzugsweise die unkomplizierter einzuverleibenden Grillwürstchen nehme, auf die ich sowieso den größeren Appetit habe. Es gibt scharfe Soße. Sehr gut. Der Rotwein angenehm, obgleich aus Italien. Es scheint sich um eine hochklassige Empfehlung zu handeln. Der Bruder des Gastgebers ist Weinhändler und auf Italiener der Oberliga spezialisiert. Leider abwesend. (Weinhändler sind mir prinzipiell sympathisch).
Die meisten Gäste waren von Beruf irgendwas mit Film- und Fernsehproduktion oder Drehbuchautoren. Die Menschen hinter den Kulissen der Branche. Viel Serie, viel Tatort. Gar keine Schauspieler dabei. Es wurde über schwindende Fördergelder gefachsimpelt und auch ein bißchen gelästert und ich lernte ein schlimmes neues Wort beim Zuhören. Produzent X zu Produzent Y „und dann hat dieser Schauspieler, der Soundso, na du weißt schon – Entschuldigung, sagte ich Schauspieler? Ich meinte natürlich Darsteller – äh – Gesichtsvermieter -„ Na ja. Gelästert wird überall.
Wir brachten dem Gastgeber den Dépardieu-Wein mit, das hab ich doch schon irgendwo erwähnt (ah ja, hier). Und seine Tochter… er hat zwei Töchter, ungefähr acht und zehn und – hab ich das nicht auch schon geschrieben? Ich hab gerade ein déjà vu bei meinem eigenen Geschreibsel – jedenfalls haben wir den Mädchen supercoole Deutschland-Wimpern mitgebracht und tolle Deutschlandpappkronen und Deutschland-Herzchen-Tattoos, weil man war ja noch voll der Hoffnung und im WM-Fieber und die kleinere der beiden, die Sängerin werden will (und später irgendwann dieses Zeug redete, von wegen wir sähen uns ähnlich), sang mir ihr Lieblingslied vor, das Papa nicht mehr hören kann, auf dem Rasen, neben dem Feuer und weil sie so klein ist und ich so groß, kniete ich mich hin. Und sie sang „Orchester in mir“. Ein Lied, eigentlich von Christina Stürmer, das irgendeine Kinderkanal-gecastete Mädchen-Band („Saphir“) erfolgreich gecovert hat. Und sie sang es mit so viel Herz die Kleine. Ich war den Tränen nah. Und kniete vor ihr im Rasen und die Erwachsenen auf der Terrasse, außer Hörweite wunderten sich über das seltsame Schauspiel. Sie konnte den Text nicht ganz auswendig und guckte dabei in das Booklet der CD und verhaspelte sich, es war auch sehr schummrig und schwer zu lesen. Aber sie sang es mit so viel Herz. Ein Lied von einem Mädchen, das ihren Märchenprinzen auf einer Party trifft, aber er ist schon vergeben, doch wenn sie ihn sieht, dann spielt jedesmal „ein Orchester in ihr“ bzw. „in mir“. Dieses Lieben und Verliebtsein, das ist in jedem angelegt, es ist, als ob man es von Anfang an in sich trägt. Man muss es nicht erst durchlebt haben. Sonst könnte die kleine Anna, das gar nicht so tief nachempfinden. Das war der schönste Moment auf der Gartenparty.
Und ich erinnere gerne die lebensfrohe Tante von Christian mit dem hellgrünen Lidschatten, die war auch sehr toll. Und ihr sinnenfroher Mann, der Ex-Banker, glücklicher Ruheständler. Die mochte ich gleich, beide, in ihrer Lebensfreude. Du auch. Hellgrüner Lidschatten, tausend Lachfalten, knallroter Mund. Großartig. Und ja, natürlich erinnere ich den etwas frustrierten Produktionsregisseur oder wie sich sein Job nennt, den ost-sozialisierten, eloquenten, politisierbereiten in der schwarzen Lederjacke. In unserer Raucherecke da. Und dass man eine gewisse subversive Bereitschaft spürte, deren praktische Umsetzung, Manifestation im Unwägbaren versuppte. Wie meistens. Und später hörte ich von dir, dass eines eurer Terrassengesprächsthemen, als ich mich ganz und gar dem singenden Kind hingab, sexuelle Treue und deren Wertigkeit bzw. in Frage zu stellende, innerhalb von sehr lange währenden Langzeitbeziehungen war. Interessantes Gesprächsthema. Vor allen Dingen im aktiven Diskurs mit zwei so attraktiven Frauen, wie deinen beiden Gesprächspartnerinnen. Die hatten wirklich Klasse und Sex Appeal. Keine Frage. Von Schönheit ganz zu schweigen. Der Mann in mir wäre noch viel dichter an den beiden drangeblieben.
Und am Ende, als wir plötzlich ernst sprachen, da in diesem eleganten Wohnraum stehend, wo man sich kaum traute, Platz zu nehmen, so gestylt war alles. Sehr ästhetisch, ein bißchen zu sehr wie in einer Hochglanzzeitschrift. Man überlegte, ob man dem ausgezirkelten Layout des Raumes noch gerecht würde, wenn man sich in einem der roten Sessel niederließe, da gegenüber von dem blitzweißen Sofa. Wovon redeten wir da am Ende eigentlich… was war das noch… – unsere Väter. Dass unsere Väter zum großen Teil von Frauen erzogen wurden, die ihre Männer im Krieg verloren hatten. Und was das mit den Vätern machte. Mit ihrem Mannsein, ihrem männlichen Selbstverständnis. Ihrer Durchsetzungskraft. Das fehlende gelebte Leitbild männlicher Aggression. Meinen Vater betraf das nicht. Er hatte einen Vater, der sehr alt wurde. Mein Großvater hatte sich vor der Wehrmacht gedrückt. Er hatte in irgendwelchen Schnaps getunkte Zigarren geraucht, bis ihm speiübel war zur Musterung. Dann wollten sie ihn nicht. Er wurde 83 Jahre alt. Ich hielt seine Hand, als er starb. Ach ja… dieses Fest in Kleinmachnow… Katja und ihr Lebensgefährte, auch ein Drehbuchautor, nahmen uns mit zurück nach Berlin. Er hatte uns diese beiden Filme ans Herz gelegt. Wir glauben ihm sofort, als er uns Crazy Heart und The Wrestler nahe legt, die wir uns unbedingt ansehen sollten. In einem waren wir. In Crazy Heart… noch gar nicht so lange her. Ein schöner Film. Von dem Abend gibt es auch ein paar Bilder. Irgendwann. Später.

26. Juli 2010

11. Juni Zweitausendzehn. U-Bahn Samariterstraße. Kinzigstraße. Weserstraße. Kurz bevor ich die Jungstraße überqueren will sehe ich, dass ich nicht weiter in Richtung deiner Wohnung laufen muss, weil du mir schon entgegenkommst. Du hast dieses robuste dunkelbraune Baumwollhemd an, das dir so gut steht und du eher selten trägst. Ich hab auch was Braunes an, auch eher selten, als hätten wir uns verabredet.
Wir sind verabredet, einen neuen möglichen Proberaum anzugucken. Im ehemaligen Funkhaus der DDR in der Nalepastraße. Man kann dort jetzt Proberäume mieten. Die Akustik im ehemaligen Großen Sendesaal soll so hervorragend sein, dass er schon von Sting und den Black Eyed Peas für Aufnahmen gebucht wurde. Bevor es losgeht, treffen wir Sebastian, den neuen Booker für die Gigs im Osten. Über ihn kam die Connection, er ist auch Drummer und ist bereits mit seiner Band Mieter in der Nalepastraße. Ein Café in der Kinzigstraße. Ein bißchen Kennenlernen. Wir sitzen nebeneinander auf der Bank, draußen. Ich spüre deine Wärme. Du stellst mich als diejenige vor, die u. a. auch die Bandfotos machen wird. Cappuccino. Dein Tabak.
Aber vielleicht hab ich auch gar nicht geraucht. Wenn du anfängst, krieg ich immer Lust. Alleine rauche ich nie. Das war früher, in meiner Jugend. Da hab ich mir immer Tabak gekauft und gedreht. Alles Mögliche. Samson, Drum, Old Holborn, später härtere Sorten. Schwarzer Krauser, Gauloises. In meinem Zimmer unterm Dach aus dem Fenster geraucht. Und auf Schulhöfen. Waldlichtungen. In Diskotheken. Bei Konzerten… irgendwann hab ich erkannt, dass ich eigentlich nur eine Gesellschaftsraucherin bin, das Ritual mag, ja auch den Geschmack der ersten drei Züge. Dreimal im Jahr kauf ich mir selbst eine Schachtel, meistens rauche ich die Zigaretten meiner Begleitung. Meiner Lunge geht es gut, meine Verabredungen mit Rauchern sind überschaubar geworden.
Man fährt eine ganze Weile dahin, zum Funkhaus. Proberäume, zumal mit Fenstern sollten ja immer ein bißchen abgeschieden liegen. Auch wenn die Schallisolierung gut ist. Den Luxus eines Proberaumes mit einem Fenster, das sich auch öffnen lässt, ab und zu auskosten. Das Gelände ist gut bewacht, man kommt nicht ohne Weiteres in das Funkhaus, muss angeben, in welche Raumnummer man will. Unserer ist in der siebten Etage. Wieso schreib ich eigentlich ‚unserer‘. Nicht meiner. Ich werde dort ja kaum proben. Identifikation.

Cosmic hat seine neue Kamera dabei. Er hat sich die gleiche wie ich gekauft, er hatte sie mal in der Hand und sie gefiel ihm. Was bislang bei keiner anderern Digitalkamera der Fall war. Er hat früher viel und gut fotografiert, analog. In seinem Jahr in Kalifornien hat er sogar irgendeinen Preis für ein Foto gewonnen, hat er mir erzählt. Die wenigen alten Bilder die ich sah, waren tatsächlich gut. Eine mir vertraute Sichtweise auf die Dinge. Subtil. Klar und irgendwie traumhaft, surreal. Als er mir entgegenkam, in der Weserstraße, mit hochgehaltener Kamera, drehte ich mich um, weil mir nicht nach fotografiert werden war. Er lachte, weil ich mich so zierte. Später hat er mich doch ein paar mal erwischt. Ich bin da sehr scheu. Auf einigen Bildern sieht er erschöpft aus, so empfand ich ihn gar nicht. Es war wohl das harte Licht an dem Fenster. Von mir ist ein Bild dabei, auf dem ich zufrieden in die Welt lächle. Man könnte denken, ich wäre ein zutiefst ausgeglichener Mensch, der in seiner Mitte ruht. Verückt. Dabei ist Cosmic derjenige von uns beiden, der meditiert und gute Gedanken hegt und pflegt. Ich bin dagegen ein Monster. Eigentlich müsste er gucken wie ich und umgekehrt. Verkehrte Welt. Verrückt. Ein Freund von Sebastian war noch dabei und dessen Gefährtin. Ich kannte ihn gar nicht, aber diese Jägermeisterfahne im Hintergrund und seine Tattoos gefielen mir. Das sieht alles so ein bißchen verhauen aus. Wie das eben muss, bei so Proberäumen von Rockbands. Der Raum ist ganz gut und hat Fenster. Auf einer Scheibe klebt ein Stones-Sticker. Micks Zunge. Diese Ikone. Das Kreuz der Christen, Coca Cola und diese Zunge. Die drei größten Ikonen der Welt. Wir sehen uns noch ein bißchen das Gelände an, die Sonne geht schon unter. Seltsame Hinterlassenschaften, ein gepolsterter Stuhl im Nirwana.

Das Funkhaus liegt an der Spree, ein paar Fußballfans haben einen kleinen Fernseher ins Gras gestellt und grillen und gucken WM. Auf einem breiten Grasstreifen am Wegesrand fängt sich das Abendlicht in den Grashalmen, ich würde mich am liebsten in das grün und gelb flirrende Wiesenbett legen, aber so romantisch ist die Umgebung dann auch wieder nicht. Da im Gras, da hätte man wirklich schöne Bilder machen können. Ein Herr von der Sicherheitszentrale kommt mir entgegen, ich habe meine Kamera in der Hand, er lächelt mich an, geht an mir vorbei. Fünfzig Meter hinter mir ist Cosmic, fokussiert den Schutt, mit der gleichen Kamera. Der Sicherheitsmensch geht an mir vorbei, auf ihn zu und teilt ihm mit, dass Fotografieren auf dem Gelände nur mit Genehmigung erlaubt sei, ob er eine hätte. Nein. Keiner von uns hat eine Genehmigung. Wir machen das einfach. Tut ja auch keinem weh. Wir fahren zurück, noch einmal in das Café von vorhin, ich trinke ein Astra, Cosmic bestellt in Experimentierlaune ein Starkbier, das ihm dann noch nicht schmeckt und netterweise zurückgenommen wird, gegen ein Helles getauscht. Sebastian erzählt, dass er von der Biographie des Typen fasziniert ist, der in den USA diese Wrestling Shows populär gemacht hat. Ich frage ihn, ob er die Biographie von Fritz Rau kennt. Er weiß gar nicht, wer das ist. Er ist noch so jung. Vielleicht Ende Zwanzig. Ich erkläre es ihm. Ja, das Buch interessiert ihn.
Wir haben Hunger. Landen in einem indischen Lokal, irgendwo da am Boxhagener Platz. Ich hatte eigentlich eine nette Einladung zum Grillen in Köpenick, aber das war uns zu weit. Ich wollte gerne irgendwohin, wo wir noch nicht waren. Also dieser Inder da, warum nicht. Ich stelle wieder einmal fest, dass mir in indischen Lokalen meistens nur dieses aufgeplusterte Brot so richtig schmeckt. Alles andere ist mir zu pampig, zu einerlei. Ich bin auch ein bißchen pampig. Der trocken bezeichnete Wein ist so lieblich, dass ich ihn in hohem Bogen auf das Kopfsteinpflaster schütte. Bestelle einen Riesling hinterher. Geht einigermaßen. Ein Abend, an dem ich auf Krawall gebürstet war, könnte man denken. Aber es stimmt nicht. Ich hab ein paar Dinge ausgesprochen, die ich sonst aus Diplomatie für mich behalte. Man weiß ja, dass man ein sensibles Gegenüber hat. Ich weiß das. Aber es gibt einen Punkt, wo unter den Teppich kehren, die Qualität von Unwahrheit bekommt. An diesem Abend hab ich ein paar Staubmäuse hervorgeholt. Ich weiß nicht mehr, ob du wirklich wütend warst, aber ich erinnere mich, dass du anschließend glaubtest, dich sehr entschuldigen zu müssen, weil du so ‚böse‘ zu mir warst. Ach. Ich verstand deine Reaktion. Angemessen, über meine Statements zuweilen in Verzweiflung zu geraten. Aber wir gingen nicht im Bösen auseinander, an diesem Abend. Das weiß ich auch noch. Es tat uns beiden leid. Das Leid Tun.

[ Bilder ]

24. Juli 2010

http://www.flickr.com/apps/slideshow/show.swf?v=71649
Meine Faves anderer flickr-User der letzten Jahre. Ein paar bekannte Gesichter sind auch dabei. Einfach zurücklehnen und laufen lassen. Andere machen auch großartige Sachen. Ich bin ehrlich gesagt eher selten auf anderen Accounts. Für mich ist flickr ein externer Speicher um hierher Bilder und Sets zu verlinken, ein back up der letzten digitalen Jahre, auf das ich immer Zugriff habe. Manchmal stolpere ich über einen Kommentar auf ein Profil und dann gucke ich doch auf die ersten Seiten des Streams und bleibe hängen.
Wie gestern Nacht, als ich bei Robert aus Berkeley und seinen self-shoots hängenblieb, die er überwiegend mit seinem Mobile macht. Schon vor geraumer Zeit kamen wir in Kontakt, er stieß auf mich, weil ich ein, zwei Bilder in meinem Stream habe, die mit Patti Smith zu tun haben, seither verfolgt er meinen Stream. Er ist der Kurator der Patti Smith Collection in Berkeley. Gestern Nacht bin ich zum ersten mal über seine Selbstportraits gestolpert und einige davon sind in meinen Faves gelandet, was äußerst selten vorkommt. Ich wusste gar nicht, wie er aussieht, dass er so ein rougher, tougher ist. Ich stellte ihn mir filigraner, ätherischer vor. Auf jeden Fall sehr sympathisch. Ich vermute, wir sind derselbe Jahrgang, 1965. In seinem Profil beschreibt er sich als gypsy, tramp and theif.
Meine Faves sind eine Hommage an das Traumhafte, eine Sammlung von Traumfetzen, mit denen mich andere berührt haben. Danke.

23. Juli 2010


Dieses Lied von Hildegard Knef bewegt mich sehr. Auf der letzten Platte von ihr. Ich erinnere mich an den Gottesdienst, ihre Trauerfeier in der Gedächtniskirche. Dieses Lied war ein Teil davon. Ich hatte leider keine Zeit um hinzugehen, verfolgte den Trauergottesdient auf einem kleinen Fernseher nebenher, in der Fasanenstraße. Gar nicht weit davon. Neben dem Sarg stand ein Selbstportrait, eine Zeichnung von ihr. Sie konnte sehr gut zeichnen, malte auch. Sie konnte eigentlich alles.
Die alte brüchige Stimme geht mir unter die Haut. Und dieses „gib mir Antwort“. Etwas was ich oft denke, nicht an einen Menschen gerichtet, sondern an dieses Schicksal. Die Götter des Geschicks. Wie schweigsam sie sind. Wie oft. Meistens findet man die Antwort irgendwann in sich selbst. Vielleicht ist das die Antwort. Das Echo von Gott. Der wir selbst sind. Ein Teil davon. Heute Nacht, heute Morgen sehr viel Klarheit. Eine Antwort. Am Ende eines langen Weges.

21. Juli 2010

Wenn Merkur in Konjunktion mit dem Geburtsmerkur steht, sollte man eigentlich kommunizieren. Der transitierende Merkur am Himmel auf zwanzig Grad Löwe, wie bei meiner Geburt. Die rechte Lust will sich nicht einstellen. Faul und träge auf dem abendlichen Balkon. Ich hab euch doch sowieso schon das Meiste erzählt. Und die schlimmen Sachen, die ich für mich behalte, die wollt ihr gar nicht wissen. Wer will schon Gruselgeschichten aus dem richtigen Leben hören. Also ich nicht. Wenigstens nicht von Menschen, die mir am Herzen liegen. Andere gerne! Unsympathische Leute dürfen meinethalben unsympathische Sachen erleben. Mir schnurzpiepegal, aber die mir Lieben und Netten sollen mir zutiefst sympathische Sachen erleben. Ich werde einen Erlass … äh – Dings veranlassen müssen. So einen königlichen. Merkur in Löwe gilt ja als Königskonstellation. Dekret heißt das Wort. Ich wäre eine gute Königin, das könnt ich mir glauben. Brot und Spiele für alle! Und Champagner! Und schön soll mein Volk sein. Und mein Königreich. Darauf leg ich Wert! Man kann da heutzutage eine Menge machen! Es muss nicht immer gleich eine Operation sein. Herzenswärme zum Beispiel, das wichtigste Schönheitsmittel ist relativ preisgünstig zu haben. Hab ich neulich erst im Angebot gesehen. Bei Rossmann. Bei der Kassiererin.

Eigentlich drücke ich mich gerade davor, irgendetwas Sinniges zu der eben hochgeladenen Fotostrecke zu schreiben. Ich war wieder einmal bei einem Konzert von poetrYclub. Weil ich aber handelsübliche Konzertberichterstattung verabscheue, wie der Teufel das Weihwasser und ich dunkel ahne, dass ich verqueres Zeug schreibe, das irgendwie auch noch ins Private geht, und mich auch überhaupt keiner zwingt, schreib ich mich erst mal ein bißchen warm. Außerdem, wer will schon lesen, wie ein Konzert war, der nicht da war, außer man wäre ein Hardcore-Fan, der wegen Bandscheibenvorfall der Schwiegermutter verhindert gewesen ist. Also für wen soll ich meine Eindrücke festhalten? Interessant ist ja immer erst der Moment, wo es brüchig wird, von der Konvention abweicht. Ich könnte es wagen zu schreiben, dass mich Cosmic befremdet hat, wie er da mit der Gitarre vor dem Auftritt auf der Straße herumlief, um den Block, der Ausdruck so abwesend.

Aber man gewöhnt sich mit der Zeit daran, dass die Stunde vor dem Konzert sehr speziell ist, man sich ganz auf sich selbst konzentriert, sein Ego, ein bißchen unzugänglich wird. Später erfuhr ich, dass er ziemlich müde war, erschöpft, lieber geschlafen hätte. Dafür war der Auftritt echt gut. Ich fand den Sound sehr überraschend. Ganz trocken und percussiv die Gitarren, sehr knackig, erdig. Gefiel mir gut. Auch dass keiner unkoordiniert über die Bühne gestolpert ist. Das war alles sehr stimmig. Und das obwohl sich die Gitarren wegen der Hitze dauernd verstimmt haben. Wir durften dann viel beim Stimmen zugucken.

Das Publikum, von dem ich noch nicht einen Menschen bei einem Konzert vorher getroffen hatte, war aber bestimmt nicht aus diesem Grund von Anfang an fasziniert. Gregor, der Inhaber merkte überrascht an „ick hab jar nich jewusst, dass die früher schon so gerockt haben!“ Von wegen soundsoviel Jahrhunderte alte Lyrik, die zum Vortrag kam. „Der Teufel hat die Welt verlassen, weil er weiß, die Menschen machen selbst die Höll‘ einander heiß“.

Ich winkte einige Passanten in den Raum der friendly society, die schüchtern dahin guckten, woher die Musik kam, sich zunächst nicht hineintrauten. Besonders zwei ganz hübsche blonde junge Mädchen. Irgendwie skandinavisch. Ich denke ja immer auch an die Fotos, da sollen schließlich nur schöne Menschen drauf sein! Letztlich hab ich sie nicht fotografiert aber glücklich waren sie trotzdem. Gregor ist furchtbar nett, er macht diesen Laden, diese Mischung aus Galerie und Designer-Laden und hastenichgesehen.

Da war gleich ein Draht da. Albern. Schön. Ach Mensch. Ja, schön war es. Der rote Hut ist eine eigene Show. Mein roter Hut und mein Charlieshirt, das Cosmic jetzt einfach trägt, als hätte es ihm schon immer gehört. Wahrscheinlich war es einfach die Bestimmung der beiden Teile. Der Hut ist mir eh ein bißchen zu groß. Ich hab ihn nur einmal in meinem zweiten Opus aufgesetzt und bei diversen Foto-Geschichten. Und das Charlie-Shirt… tja. Cosmic trägt jetzt die kleinere Größe, ich hatte ein größeres für ihn vorgesehen, aber er wollte lieber das kleinere. Und er klopft mich ja immer weich. Er ist ein Schlitzohr. Ich hab Gregor noch was abgekauft, aus seiner Schmuck-Kollektion. So ein fetischmäßiges Kettenglieder-Teil für den Hals, das aussieht wie aus bösem schweren Eisen, ist aber Gummi. Hihi. Mit den Fotos bin ich nicht so super zufrieden, außer mit denen, auf denen ich drauf bin, das sind eindeutig die besten! Ich wackle eben nicht herum, sondern konzentriere mich voll auf das Bild und Gaga Nielsens Objektiv!

Auch gucke ich sehr präsent in selbiges, was einem guten Bild immer zuträglich ist. Aber na ja. Ich hab die meisten Bilder trotzdem nicht weggeschmissen. Ist auch wegen der Erinnerung. Ich bin ja eine sentimentale Kuh. Wissen wir ja. Obwohl Matthias der Drummer eigentlich auch ganz gut auf den Fotos ausschaut. Er wirkte sehr ausgeschlafen und hat schön getrommelt und ich hab mich auch noch ein bißchen mit ihm über Berühmtsein unterhalten. Das Thema geht uns schließlich alle an!


Danach hab ich mich von den beiden Gitarristen nach Friedrichshain abschleppen lassen, obwohl wir ja schon in Mitte waren, wo ich gleich zuhause gewesen wäre. Stefan hatte so einen Asiaten, Thai glaub ich im Hinterkopf, da bei seiner Wohnung am Petersburger Platz. Da hab ich dann nicht mehr fotografiert. Irgendwann ist dann auch gut. Außerdem war das irgendwie sowieso nicht der Tag der Tage, um die beiden abzulichten. Das Essen war wirklich gut. Man konnte die einzelnen Bestandteile genau identifizieren, was ich sehr schätze. Und knackig. Und viel zu billig! Meinte Stefan auch noch zum Patron. „Ihr seid viel zu billig! Das kannst du nicht machen!“ Echt jetzt. Und dann noch ein Cappuccino im Dings… im … na – da hat mich Stefan neulich zum Fußballgucken eingeladen, aber ich war zu faul, es war ja auch so heiß. Ach ja, Café Duo. Der portugiesische Besitzer sehr nett. Stefan schwärmte von Lissabon. Das machen ja alle. Ich auch unbekannterweise. Cosmic kennt die Stadt auch nur aus dem Wim Wenders Film. Es gibt zwei Städte in Europa, die mich noch interessieren. Lissabon und Barcelona. Sonst eigentlich nix (edit: und Istanbul!). In Rom war ich auch noch nicht, aber das ist mir irgendwie nicht so wichtig. Man denkt ja auch, man kennt das ganze dolce vita aus diesen Fellini-Filmen und Mario-Adorf-Geschichten. Wo war ich? Ach ja, ich wollte euch nur erzählen, wie ich mich drücke, einen Blogeintrag zu dieser Fotostrecke zu schreiben. Guckt einfach ein bißchen die Bilder an. Bis ich wieder etwas hochgradig Substanzielles mitzuteilen habe, wie man das von mir kennt und zurecht erwarten darf! Ach ja, und beim Intro von Sing out dachte ich, ihr spielt zum ersten mal Schwesterbraut live und bei der Rose hab ich geweint. Nicht, dass ich es vergesse.

Die Rose ist ein Lied. Das mir zu Herzen geht. Und Cosmic singt immer die Hookline falsch, die zentrale Zeile. Aber ich finde es eigentlich besser als das Original. Rückert schrieb „Und kränkt die Liebe dich, sei dir’s zur Lieb ein Sporn, dass du die Rose hast, das merkst du auch am Dorn.“ Und Cosmic singt meistens „dass du die Rose hast, das merkst du erst am Dorn“. Seit ich es ihm sagte, wechselt er manchmal. Erst am Dorn zu merken, dass man die Liebe hat, wäre ja ein bißchen traurig. Tragisch. Aber wenn einem jemand sehr nah ist, streichelnah sozusagen, und derjenige macht eine falsche, etwas unglückliche Bewegung, kann das schon sehr weh tun. Wahrscheinlich hab ich auch deswegen geweint. Ich weine ja oft. Aber ich hab auch gesungen. Ganz laut. Als das Ende der Goldenen Zeit in Hey Jude überging. Und sogar bei Stern, bei diesem dab dab dab, das ich schon immer ein bißchen doof fand. Aber ich mag das Lied trotzdem. Es war ein schöner Abend mit euch, nach so langer Zeit.


[alle Bilder]

21. Juli 2010

Wenn Merkur in Konjunktion mit dem Geburtsmerkur steht, sollte man eigentlich kommunizieren. Der transitierende Merkur am Himmel auf zwanzig Grad Löwe, wie bei meiner Geburt. Die rechte Lust will sich nicht einstellen. Faul und träge auf dem abendlichen Balkon. Ich hab euch doch sowieso schon das Meiste erzählt. Und die schlimmen Sachen, die ich für mich behalte, die wollt ihr gar nicht wissen. Wer will schon Gruselgeschichten aus dem richtigen Leben hören. Also ich nicht. Wenigstens nicht von Menschen, die mir am Herzen liegen. Andere gerne! Unsympathische Leute dürfen meinethalben unsympathische Sachen erleben. Mir schnurzpiepegal, aber die mir Lieben und Netten sollen mir zutiefst sympathische Sachen erleben. Ich werde einen Erlass … äh – Dings veranlassen müssen. So einen königlichen. Merkur in Löwe gilt ja als Königskonstellation. Dekret heißt das Wort. Ich wäre eine gute Königin, das könnt ich mir glauben. Brot und Spiele für alle! Und Champagner! Und schön soll mein Volk sein. Und mein Königreich. Darauf leg ich Wert! Man kann da heutzutage eine Menge machen! Es muss nicht immer gleich eine Operation sein. Herzenswärme zum Beispiel, das wichtigste Schönheitsmittel ist relativ preisgünstig zu haben. Hab ich neulich erst im Angebot gesehen. Bei Rossmann. Bei der Kassiererin.

Eigentlich drücke ich mich gerade davor, irgendetwas Sinniges zu der eben hochgeladenen Fotostrecke zu schreiben. Ich war wieder einmal bei einem Konzert von poetrYclub. Weil ich aber handelsübliche Konzertberichterstattung verabscheue, wie der Teufel das Weihwasser und ich dunkel ahne, dass ich verqueres Zeug schreibe, das irgendwie auch noch ins Private geht, und mich auch überhaupt keiner zwingt, schreib ich mich erst mal ein bißchen warm. Außerdem, wer will schon lesen, wie ein Konzert war, der nicht da war, außer man wäre ein Hardcore-Fan, der wegen Bandscheibenvorfall der Schwiegermutter verhindert gewesen ist. Also für wen soll ich meine Eindrücke festhalten? Interessant ist ja immer erst der Moment, wo es brüchig wird, von der Konvention abweicht. Ich könnte es wagen zu schreiben, dass mich Cosmic befremdet hat, wie er da mit der Gitarre vor dem Auftritt auf der Straße herumlief, um den Block, der Ausdruck so abwesend.

Aber man gewöhnt sich mit der Zeit daran, dass die Stunde vor dem Konzert sehr speziell ist, man sich ganz auf sich selbst konzentriert, sein Ego, ein bißchen unzugänglich wird. Später erfuhr ich, dass er ziemlich müde war, erschöpft, lieber geschlafen hätte. Dafür war der Auftritt echt gut. Ich fand den Sound sehr überraschend. Ganz trocken und percussiv die Gitarren, sehr knackig, erdig. Gefiel mir gut. Auch dass keiner unkoordiniert über die Bühne gestolpert ist. Das war alles sehr stimmig. Und das obwohl sich die Gitarren wegen der Hitze dauernd verstimmt haben. Wir durften dann viel beim Stimmen zugucken.

Das Publikum, von dem ich noch nicht einen Menschen bei einem Konzert vorher getroffen hatte, war aber bestimmt nicht aus diesem Grund von Anfang an fasziniert. Gregor, der Inhaber merkte überrascht an „ick hab jar nich jewusst, dass die früher schon so gerockt haben!“ Von wegen soundsoviel Jahrhunderte alte Lyrik, die zum Vortrag kam. „Der Teufel hat die Welt verlassen, weil er weiß, die Menschen machen selbst die Höll‘ einander heiß“.

Ich winkte einige Passanten in den Raum der friendly society, die schüchtern dahin guckten, woher die Musik kam, sich zunächst nicht hineintrauten. Besonders zwei ganz hübsche blonde junge Mädchen. Irgendwie skandinavisch. Ich denke ja immer auch an die Fotos, da sollen schließlich nur schöne Menschen drauf sein! Letztlich hab ich sie nicht fotografiert aber glücklich waren sie trotzdem. Gregor ist furchtbar nett, er macht diesen Laden, diese Mischung aus Galerie und Designer-Laden und hastenichgesehen.

Da war gleich ein Draht da. Albern. Schön. Ach Mensch. Ja, schön war es. Der rote Hut ist eine eigene Show. Mein roter Hut und mein Charlieshirt, das Cosmic jetzt einfach trägt, als hätte es ihm schon immer gehört. Wahrscheinlich war es einfach die Bestimmung der beiden Teile. Der Hut ist mir eh ein bißchen zu groß. Ich hab ihn nur einmal in meinem zweiten Opus aufgesetzt und bei diversen Foto-Geschichten. Und das Charlie-Shirt… tja. Cosmic trägt jetzt die kleinere Größe, ich hatte ein größeres für ihn vorgesehen, aber er wollte lieber das kleinere. Und er klopft mich ja immer weich. Er ist ein Schlitzohr. Ich hab Gregor noch was abgekauft, aus seiner Schmuck-Kollektion. So ein fetischmäßiges Kettenglieder-Teil für den Hals, das aussieht wie aus bösem schweren Eisen, ist aber Gummi. Hihi. Mit den Fotos bin ich nicht so super zufrieden, außer mit denen, auf denen ich drauf bin, das sind eindeutig die besten! Ich wackle eben nicht herum, sondern konzentriere mich voll auf das Bild und Gaga Nielsens Objektiv!

Auch gucke ich sehr präsent in selbiges, was einem guten Bild immer zuträglich ist. Aber na ja. Ich hab die meisten Bilder trotzdem nicht weggeschmissen. Ist auch wegen der Erinnerung. Ich bin ja eine sentimentale Kuh. Wissen wir ja. Obwohl Matthias der Drummer eigentlich auch ganz gut auf den Fotos ausschaut. Er wirkte sehr ausgeschlafen und hat schön getrommelt und ich hab mich auch noch ein bißchen mit ihm über Berühmtsein unterhalten. Das Thema geht uns schließlich alle an!


Danach hab ich mich von den beiden Gitarristen nach Friedrichshain abschleppen lassen, obwohl wir ja schon in Mitte waren, wo ich gleich zuhause gewesen wäre. Stefan hatte so einen Asiaten, Thai glaub ich im Hinterkopf, da bei seiner Wohnung am Petersburger Platz. Da hab ich dann nicht mehr fotografiert. Irgendwann ist dann auch gut. Außerdem war das irgendwie sowieso nicht der Tag der Tage, um die beiden abzulichten. Das Essen war wirklich gut. Man konnte die einzelnen Bestandteile genau identifizieren, was ich sehr schätze. Und knackig. Und viel zu billig! Meinte Stefan auch noch zum Patron. „Ihr seid viel zu billig! Das kannst du nicht machen!“ Echt jetzt. Und dann noch ein Cappuccino im Dings… im … na – da hat mich Stefan neulich zum Fußballgucken eingeladen, aber ich war zu faul, es war ja auch so heiß. Ach ja, Café Duo. Der portugiesische Besitzer sehr nett. Stefan schwärmte von Lissabon. Das machen ja alle. Ich auch unbekannterweise. Cosmic kennt die Stadt auch nur aus dem Wim Wenders Film. Es gibt zwei Städte in Europa, die mich noch interessieren. Lissabon und Barcelona. Sonst eigentlich nix (edit: und Istanbul!). In Rom war ich auch noch nicht, aber das ist mir irgendwie nicht so wichtig. Man denkt ja auch, man kennt das ganze dolce vita aus diesen Fellini-Filmen und Mario-Adorf-Geschichten. Wo war ich? Ach ja, ich wollte euch nur erzählen, wie ich mich drücke, einen Blogeintrag zu dieser Fotostrecke zu schreiben. Guckt einfach ein bißchen die Bilder an. Bis ich wieder etwas hochgradig Substanzielles mitzuteilen habe, wie man das von mir kennt und zurecht erwarten darf! Ach ja, und beim Intro von Sing out dachte ich, ihr spielt zum ersten mal Schwesterbraut live und bei der Rose hab ich geweint. Nicht, dass ich es vergesse.

Die Rose ist ein Lied. Das mir zu Herzen geht. Und Cosmic singt immer die Hookline falsch, die zentrale Zeile. Aber ich finde es eigentlich besser als das Original. Rückert schrieb „Und kränkt die Liebe dich, sei dir’s zur Lieb ein Sporn, dass du die Rose hast, das merkst du auch am Dorn.“ Und Cosmic singt meistens „dass du die Rose hast, das merkst du erst am Dorn“. Seit ich es ihm sagte, wechselt er manchmal. Erst am Dorn zu merken, dass man die Liebe hat, wäre ja ein bißchen traurig. Tragisch. Aber wenn einem jemand sehr nah ist, streichelnah sozusagen, und derjenige macht eine falsche, etwas unglückliche Bewegung, kann das schon sehr weh tun. Wahrscheinlich hab ich auch deswegen geweint. Ich weine ja oft. Aber ich hab auch gesungen. Ganz laut. Als das Ende der Goldenen Zeit in Hey Jude überging. Und sogar bei Stern, bei diesem dab dab dab, das ich schon immer ein bißchen doof fand. Aber ich mag das Lied trotzdem. Es war ein schöner Abend mit euch, nach so langer Zeit.


[alle Bilder]

18. Juli 2010

Zum Erinnern. Köpenick. 5. Juni 2010. Treffpunkt diese U-Bahnhaltestelle der U 5 Elsterwerdaer Platz. Du hältst Candy auf mich, als ich die Treppe herunterkomme, du standest links unten und ich wusste nicht, ob du filmst oder fotografierst. Das Foto sah ich später. Man sah die Gitterstäbe des Geländers, des Treppengeländers, es hatte eine Aura von Baader-Meinhof, ich mit meiner schwarzen Sonnenbrille, dem unnahbaren Gesichtsausdruck, dem Eigensinn in meiner Visage, Herzens-Guerillera. Ich weiß nicht, ob du das Foto gelöscht hast, es ist nicht in deiner Reihe Schwesterbraut. Warten auf den Bus. Sonne. Irgendwie wie Warten auf einen Greyhound in Amerika. Haltestelle Rübezahl. Müggelberge. Müggelturm. Eine Seite aus einer alten Speisekarte aus DDR-Zeiten. Fleckig. Seltsame Gerichte. Fotografiert. Auf dem Müggelturm spinnen wir, dass es ein angemessenes Anwesen sei. Der Blick über den Müggelsee, das große Waldgebiet. Man könnte da etwas daraus machen. Aus der Dachterrasse. Alles sehr exclusiv versteht sich. Mit Heli-Landeplatz. Du bist nicht schwindelfrei. Man darf dich dann nicht anfassen, wenn sich alles dreht. Ein Kindheitserlebnis. Du am Fenster. Deine Mama in Angst. Vielleicht hattest du vorher keine. Aber seither. Weil sie Angst hatte, nicht einmal du selbst. Auch ich bin nicht völlig schwindelfrei, aber im Vergleich zu dir nicht der Rede wert. Du fotografierst mich immerhin da oben. Über dem Meer der Bäume. Und später am Steg, am Müggelsee. Dem Anlegesteg des Ausflugsdampfers, den wir spontan nehmen, um zu unserem Ziel zu kommen, das wir uns ausgeguckt haben, der Spreearche. Einem Hausboot im Wasser. Wildromantisch gelegen. Vom Schiff durch den Spreetunnel. An Liegewiesen am Wasser vorbei. Da ist die Stelle. Klingeln. Ich fotografiere den Steg. Später dich im gleißenden Licht. Wir essen nichts, weil uns nicht nach Hausmannskost ist, aber lassen es uns gut gehen, eiskaltes Bier und was Schönes zum Rauchen.

Eine kleine Motorjacht, der Kapitän sieht aus wie Rosa von Praunheim in seinen besten Jahren. Nackter Oberkörper. Später in die Altstadt von Köpenick. Wir suchen das schönste Restaurant am Wasser, flanieren auf Puppenstubenwegen, sehen das Schlossrestaurant im Schlossgarten, geschlossene Gesellschaft, eine Hochzeit. Aber das Schlossportal steht dir wieder sehr gut, wie du da so durchläufst. Ich lache und sage, das einzige was falsch ist und ich deshalb auch nicht im Bild festhalte, ist dass du diese Tasche über der Schulter hast. Das sieht aus, als wärst du ein Besucher. Wenn du da wohnen würdest, würdest du nicht mit einer Tasche herumlaufen. Du lachst und gibst mir Recht. Machst du ja oft. Nicht immer aber meistens. Wir finden ein anderes Restaurant, Luise heißt es. Auch am Wasser. Auch eine Hochzeit. Aber keine völlig geschlossene Gesellschaft. Wir finden an einem Tisch mit einem norwegischen Paar Platz und unterhalten uns auf Englisch. Der Mann ist auch Musiker. Ein Jazz-Saxophonist und interessiert sich sehr für das was du tust. Und empfiehlt uns unbekannte skandinavische Musiker. Zettel werden bekritzelt, mit Namen, die mir längst wieder entfallen sind. Ich glaube ich hatte einen weißen Franzosen. Und etwas Gutes zu essen. Du auch. Fast zu Fuß den Weg zur S-Bahn, weil irgendeine Straßenbahn ausfiel. S-Bahn. Ich denke bis Ostkreuz. Und danach ein, zwei Gläser Wein im Bariton. Wo ich frage, in welcher Ecke eure Bühne war. Bei einem dieser Auftritte, bei denen ich nicht war. Heute werde ich euch wieder sehen. Dich und Stefan und wohl auch Mat. Ich hab euch seit November nicht mehr gemeinsam auf einer Bühne gesehen. Mat nur einmal im Übungsraum. Und in Aufnahmen in eurem Archiv gehört. Da war unser gemeinsamer Gig in der Disharmonie, aber da waren wir allein, abgesehen von Hannes am Klavier. Heute Nachmittag, oder besser früher Abend. Friendly Society nennt sich der Laden. Sunny Sunday Salon. Wir waren vor einer Woche dort um zu gucken, wie es da aussieht. Als wir in L.A. waren. Wer um 17:30 kommt, kriegt ein Eis. Ich glaube, ich kriege ein Eis.
[ Bilder ]

17. Juli 2010


Ich versuche dann mal ganz subtil nicht zu beschreiben, was es mit der Strecke GER-ESP auf sich hat. Raten Sie doch mal! Eine neue Vorgehensweise. Ich rücke kaum Details heraus und überlasse jegliche Assoziation dem Leser. Also bitte, raten Sie doch mal, wer wo was und warum. Für den Anfang gebe ich ein leichtes Bilderrätsel auf, damit Sie schnell ein Erfolgserlebnis haben. Also: Wer ist auf den Fotos und was passiert und warum und überhaupt? Ich bin durchaus gewillt, falsche Mutmaßungen zu verifizieren. Oder eben auch nicht. Attraktive Erklärungen, die mir zuträglich sind, kann man dann ja auch einfach mal eben so stehen lassen.

17. Juli 2010


Ich versuche dann mal ganz subtil nicht zu beschreiben, was es mit der Strecke GER-ESP auf sich hat. Raten Sie doch mal! Eine neue Vorgehensweise. Ich rücke kaum Details heraus und überlasse jegliche Assoziation dem Leser. Also bitte, raten Sie doch mal, wer wo was und warum. Für den Anfang gebe ich ein leichtes Bilderrätsel auf, damit Sie schnell ein Erfolgserlebnis haben. Also: Wer ist auf den Fotos und was passiert und warum und überhaupt? Ich bin durchaus gewillt, falsche Mutmaßungen zu verifizieren. Oder eben auch nicht. Attraktive Erklärungen, die mir zuträglich sind, kann man dann ja auch einfach mal eben so stehen lassen.

16. Juli 2010




Gedanken über Privatheit. Nebenbei nicht uninteressant zu erfahren, wieviele Abonnenten sich einfinden würden, wenn dieses Blog nur noch über den Abonennten-Status im Zugriff wäre. Oder wie viele stille Leser sich auf Flickr registrieren würden, um über „mark as a friend“ in den Genuss aller Bilder zu kommen. Ich grüble gerade ein bißchen. Diese Sache mit der Intimsphäre. Meiner Intimsphäre. Damit meine ich nicht einmal Bilder, die viel Haut oder mich zeigen. Man kann jemanden sehr intim ablichten, ohne unter der Gürtellinie zu fotografieren. Manche Augenblicke will man nicht mit der ganzen Welt teilen, in einem geschützten Raum wissen. Wenn man seinen erotischen Projektionen lange Leine lässt, können sie ganz schön galoppieren. Ich schlafe darüber. Im Augenblick ist noch so gut wie alles zu sehen. Aber ich schwanke. Vorhin dreissig Bilder dieser Strecke auf „only friends and family can see this“ this gesetzt. Dann wieder auf public („anyone can see this“). Mal hü mal hott. Es arbeitet. Diese seltsamen Bildstrecken die ich mache, sind eine privater Fotoroman. Manche Bilder darunter sind so schön, dass man sie in einer Art kindlicher Freude oder meinetwegen auch kindlichem Stolz zeigen möchte, teilen möchte. Aber eben nicht in jedem Fall und nicht mit Hinz und Kunz. Man will nicht jeden zauberhaften Moment zum Allgemeingut erklären, preisgeben…
Wie seht Ihr das? Sich hier und da zu registrieren kostet ja nur ein paar Login Daten aber keine Euros. Man hätte bei Zugriff über Abonnenten-Status auf das Blog keine Zufalls-Leser mehr, die hängenbleiben könnten. Aber wie oft passiert das schon. Kriegt dann halt so einen exclusiven Charakter. Die Leser suchen einen, aber man sucht sich dann auch die Leser aus. Solche Gedankengänge haben immer einen konkreten Anlass. Ich bin ja nicht die erste, die sich das überlegt. Die Zugriffszahlen auf mein Blog schwinden ohnehin, aber das ist ja seit twitter und facebook bei allen Blogs der Fall. Aber meinen treuen Lesern, die nicht über Referrer kommen, bin ich schon sehr zugewandt. Ich gehe mal schlafen. Bin gespannt, was ihr dazu meint. Je persönlicher ich blogge, schreibe, fotografiere, umso interessanter ist es für mich selbst. Und es wird immer persönlicher. Das ist für mich eine Qualität, von der ich nicht lassen will. Auf keinen Fall. Lieber in einem geschützten Raum weiter wild agieren, als weniger zu riskieren.

17. Juli 2010


Foto: Cosmic
Befangen, mich befragend. Wind weht. Kindergeschrei vom Spielplatz. Quak quak. Lachen. Sonne. Wind. Früher Abend, hell wie Nachmittag. Kaffee. Weiter erzählen? Einfach so…? Schwer. Ich mach es mir schwer. Ich mach es mir nicht leicht. Nie. Das Schwere… es ist schwer, weil die durch Zeit und Empfinden verdichteten Gefühle und Erinnerungen wiegen. Ein Gewicht haben. Mit ihrem Gewicht im Herzen liegen. Und verdichtete Leichtigkeit? Schwerelosigkeit ist auch addierbar. Die Leichtigkeit bleibt. Kann man die leichtfüßigen Erinnerungen wie einen Luftballon an die schweren binden und sie zum Fliegen bringen? Zum Fortfliegen, im Windschatten der Leichtigkeit? Dafür braucht man tausend Luftballons oder Helium, nicht wahr? Ich hab keine tausend Luftballons. Und zu wenig Helium. Ehrlich gesagt, hab ich gar kein Helium.

17. Juli 2010


Foto: Cosmic
Befangen, mich befragend. Wind weht. Kindergeschrei vom Spielplatz. Quak quak. Lachen. Sonne. Wind. Früher Abend, hell wie Nachmittag. Kaffee. Weiter erzählen? Einfach so…? Schwer. Ich mach es mir schwer. Ich mach es mir nicht leicht. Nie. Das Schwere… es ist schwer, weil die durch Zeit und Empfinden verdichteten Gefühle und Erinnerungen wiegen. Ein Gewicht haben. Mit ihrem Gewicht im Herzen liegen. Und verdichtete Leichtigkeit? Schwerelosigkeit ist auch addierbar. Die Leichtigkeit bleibt. Kann man die leichtfüßigen Erinnerungen wie einen Luftballon an die schweren binden und sie zum Fliegen bringen? Zum Fortfliegen, im Windschatten der Leichtigkeit? Dafür braucht man tausend Luftballons oder Helium, nicht wahr? Ich hab keine tausend Luftballons. Und zu wenig Helium. Ehrlich gesagt, hab ich gar kein Helium.

16. Juli 2010




Gedanken über Privatheit. Nebenbei nicht uninteressant zu erfahren, wieviele Abonnenten sich einfinden würden, wenn dieses Blog nur noch über den Abonennten-Status im Zugriff wäre. Oder wie viele stille Leser sich auf Flickr registrieren würden, um über „mark as a friend“ in den Genuss aller Bilder zu kommen. Ich grüble gerade ein bißchen. Diese Sache mit der Intimsphäre. Meiner Intimsphäre. Damit meine ich nicht einmal Bilder, die viel Haut oder mich zeigen. Man kann jemanden sehr intim ablichten, ohne unter der Gürtellinie zu fotografieren. Manche Augenblicke will man nicht mit der ganzen Welt teilen, in einem geschützten Raum wissen. Wenn man seinen erotischen Projektionen lange Leine lässt, können sie ganz schön galoppieren. Ich schlafe darüber. Im Augenblick ist noch so gut wie alles zu sehen. Aber ich schwanke. Vorhin dreissig Bilder dieser Strecke auf „only friends and family can see this“ this gesetzt. Dann wieder auf public („anyone can see this“). Mal hü mal hott. Es arbeitet. Diese seltsamen Bildstrecken die ich mache, sind eine privater Fotoroman. Manche Bilder darunter sind so schön, dass man sie in einer Art kindlicher Freude oder meinetwegen auch kindlichem Stolz zeigen möchte, teilen möchte. Aber eben nicht in jedem Fall und nicht mit Hinz und Kunz. Man will nicht jeden zauberhaften Moment zum Allgemeingut erklären, preisgeben…
Wie seht Ihr das? Sich hier und da zu registrieren kostet ja nur ein paar Login Daten aber keine Euros. Man hätte bei Zugriff über Abonnenten-Status auf das Blog keine Zufalls-Leser mehr, die hängenbleiben könnten. Aber wie oft passiert das schon. Kriegt dann halt so einen exclusiven Charakter. Die Leser suchen einen, aber man sucht sich dann auch die Leser aus. Solche Gedankengänge haben immer einen konkreten Anlass. Ich bin ja nicht die erste, die sich das überlegt. Die Zugriffszahlen auf mein Blog schwinden ohnehin, aber das ist ja seit twitter und facebook bei allen Blogs der Fall. Aber meinen treuen Lesern, die nicht über Referrer kommen, bin ich schon sehr zugewandt. Ich gehe mal schlafen. Bin gespannt, was ihr dazu meint. Je persönlicher ich blogge, schreibe, fotografiere, umso interessanter ist es für mich selbst. Und es wird immer persönlicher. Das ist für mich eine Qualität, von der ich nicht lassen will. Auf keinen Fall. Lieber in einem geschützten Raum weiter wild agieren, als weniger zu riskieren.

14. Juli 2010

…ist nur wegen des Datums
am 14. Juli denke ich immer an ein Lied von André Heller. Denn eine Zeile darin heißt „und du kommst über mich, wie der vierzehnte Juli über Paris…“
(Ach ja… Revolution des Herzens… Sturm auf die Bastille der Herzkammer)

14. Juli 2010

…ist nur wegen des Datums
am 14. Juli denke ich immer an ein Lied von André Heller. Denn eine Zeile darin heißt „und du kommst über mich, wie der vierzehnte Juli über Paris…“
(Ach ja… Revolution des Herzens… Sturm auf die Bastille der Herzkammer)

14. Juli 2010

Bin ich noch einen Blogeintrag schuldig, wenn ich ankündige, betrunken blogge ich besonders schön? Und was schrieb ich noch in der Mail… „könnte noch ehrlich werden… da beginnt die wahre Poesie und die Kunst“ Oh là là. Ich nun wieder. Trunken gebloggt, trunken gemailt… aber vorher nüchtern telefoniert glaub ich. Ja. Sehr. Alle Jubeljahre muss man sich Grundsatzerklärungen von mir anhören, sogar die langjährigste Freundin, obwohl ich ihr unterstellen darf, dass sie das meiste davon versteht, weiß, fühlt… Ich spüre diese vorsichtigen versuchten Einwände, meiner Aggression entgegenzuwirken, um mich vor mir selbst zu schützen vermute ich. Ja, ich höre mich dann furchterregend an. Gefährlich. Weiß ich doch. Sie ist mein Ventil, denn sie ist nicht gemeint, ich darf meinen Abgrund offenbaren. Muss nicht politisch korrekt artikulieren. Darf Eins zu Eins sein. Wie wertvoll. Und kriege keinen Arschtritt. Keine schlechte Note. Danke. Ich finde überhaupt, dass ich ziemlich gute Noten verdient hätte, für investigatives Verhalten. Oder so ähnlich. Ich habe ein irrwitziges Ideal, meine Abgründe nicht zu vertuschen, um sie zu transzendieren, im Licht zu läutern. Aber das verstehen nur ganz wenige Menschen. Ich muss zum siebenundachtzigsten Mal Hans Blüher zitieren… „Nur sehr seltene Menschen sind in der Lage, das Verbrecherische in sich zu erkennen“. So ähnlich. Ein Philosoph aus den Zwanzigern. Ich schrieb den Satz vor etwa fünfundzwanzig Jahren auf eine selbstgebastelte Postkarte. Sie zeigte ein Foto von mir. Ich schaue darauf sehr ernst und auch ein bißchen in eine andere Welt. Und in mich. In mich selbst. Ich schickte die Karte der Freundin. Genau der. Ach… Ende dieses Eintrages. Ich werde ein bißchen schlafen, dunkle Geister vertreiben. Helle rufen. Alle Engel rufen. An meiner Seite zu wachen. Dem Teufelsbraten mit dem Engelherz.

13. Juli 2010

Das ist jetzt fürchterlich banal und ich bin ja auch (schon wieder) trunken, aber eine hat auf ihrem facebook-Probil bei „über mich“ oder weiß der Geier Lebensmotto hastenichgesehen „Ich denke, also spinn ich“. Das erschien mir in meiner Trunkenheit plötzlich ungeahnt tiefsinnig, dass ich es gleich bloggen muss. Bitte verzeiht mir diesen möglicherweise profanen Einschub. Aber es hat schon viel Wahres auch, oder? Könnte man auch denken, wenn man nüchtern wäre, oder? Übrigens Wein vom Weinberg von Gérard Dépardieu. Neulich mutmaßenderweise, dass man damit Eindruck schinden könnte, einem Fernsehproduzenten zur Gartenparty mitgebracht. Fand er auch sehr super. Und schmeckt. Nicht nur der Name. Château de Tigne, Anjou Rouge (erdig, straight, viel Tannin, sein Lieblingsweinberg, weil Heimat, Kindheit… er hat wohl inzwischen über elf, meinte der Herr Fachverkäufer). Ach ja. Eingewickelt in diesen hübschen kleinen Text. Tolles Mitbringsel, nur so als Tipp. Bei Galeria Kaufhof am Alex in der Schicki-Micki-Maus-Feinkost-Abteilung. Gar nicht so teuer! (im Verhältnis zur sonstigen Preispolitik der Dépardieu’schen Weine). Der Empfänger bemerkte noch, sein ebenfalls weinhändelnder Bruder hätte Dépardieu schon auf diversen Weinmessen gesichtet, getroffen und er sei unfassbar groß und dick und überhaupt ein Monstrum! Aber natürlich wahnsinnig sympathisch. Glaub ich. Alles.

13. Juli 2010



Je déclare l‘ état de bonheur permanent
Et le droit de chacun à tous les privilèges.
Je dis que la souffrance est chose sacrilège
Quand il y a pour tous des roses et du pain blanc.
Je conteste la légitimité des guerres,
La justice qui tue et la mort qui punit,
Les consciences qui dorment au fond de leur lit,
La civilisation au bras des mercenaires.
Je regarde mourir ce siècle vieillissant.
Un monde différent renaîtra de ses cendres
Mais il ne suffit plus simplement de l‘ attendre
Je l‘ ai trop attendu. Je le veux à présent.
Que ma femme soit belle à chaque heure du jour
Sans avoir à se dissimuler sous le fard
Et qu‘ il ne soit plus dit de remettre à plus tard
L‘ envie que j‘ ai d‘ elle et de lui faire l‘ amour.
Que nos fils soient des hommes, non pas des adultes
Et qu‘ ils soient ce que nous voulions être jadis.
Que nous soyons frères camarades et complices
Au lieu d‘ être deux générations qui s‘ insultent.
Que nos pères puissent enfin s‘ émanciper
Et qu‘ ils prennent le temps de caresser leur femme
Après toute une vie de sueur et de larmes
Et des entre-deux-guerres qui n‘ étaient pas la paix.
Je déclare l‘ état de bonheur permanent
Sans que ce soit des mots avec de la musique,
Sans attendre que viennent les temps messianiques,
Sans que ce soit voté dans aucun parlement.
Je dis que, désormais, nous serons responsables.
Nous ne rendrons de compte à personne et à rien
Et nous transformerons le hasard en destin, seuls
à bord et sans maître et sans dieu et sans diable.
Et si tu veux venir, passe la passerelle.
Il y a de la place pour tous et pour chacun
Mais il nous reste à faire encore du chemin
Pour aller voir briller une étoile nouvelle.
Je déclare l‘ état de bonheur permanent.
Georges Moustaki, Déclaration

11. Juli 2010

Gestern in L.A.



In diesem Café, da bei der Casting-Allee, sagst du immer wieder, man könnte denken, wir sind in L.A. Vielleicht weil es so heiß ist und die Menschen so schön. Oder gutaussehend. Es fällt meinem Fotografenauge ins Auge. Man könnte überall draufhalten. In Berlin-L.A. Aber ich werde diskreter, in jeder Hinsicht. Höre mir deine Ideen an. Pläne wäre zuviel gesagt. Ich amüsiere mich über den Part, der mir darin zukommt. Klar, kann man schon machen. Würde ich schon auch hingehen, wenn es sich ergibt. Weil wir so ein Hingucker sind, meinst du also. Ja ich weiß. Man spürt das ja. Dieses déjà vu, eine Art positive Irritation in fremden Gesichtern, die einem entgegenkommen. Keine Ahnung, was sich der liebe Gott dabei gedacht hat. Auf jeden Fall sind wir ziemlich gut darin, L.A. in Berlin zu spielen. Ich wollte eigentlich nicht Schauspielerin werden, aber wenn ich so vehement gecastet werde, da in der Casting Allee, in Berlin-L.A. Okay. Aber über die Gage müssen wir nochmal reden. Ich bin gewissermaßen in Vorleistung gegangen. Sag ich. Du widersprichst mir gar nicht. Was du tun kannst, fragst du mich. Außer das Lied vom Mond singen. (Aretha singt Say A little prayer.) Ich trinke den zweiten Cappuccino, ziehe meinen Stuhl ein bißchen mehr in die heiße Nachmittagssonne von L. A. und zünde mir eine deiner Manitou-Zigaretten an. Später wirst du ein bißchen wütend, weil ich dir erkläre, dass es relativ einfach ist, den Umgang mit einer Digitalkamera zu lernen. Nein, verdammt, das wäre etwas anderes sagst du. Ich soll aufhören damit. Klein zu machen, was ich mache. Mit dir. Seit zwei Jahren. Du bist richtig sauer. Es gefällt mir, wie du dich aufregst. Du regst dich viel zu wenig auf für meinen Geschmack. Es ist also Leben in der Bude. Schön. Okay. Lass uns weiter Hollywood spielen. Bis ich cut sage.

Aber nicht heute. Lass uns noch ein bißchen weiterspielen. Bis unsere verrückte Kindheit vorbei ist. Ich glaube, das dauert noch lange. Auch wenn mir jemand die Schaufel wegnimmt. Kinder brauchen gar keine Schaufel zum Spielen. Unser Spielplatz ist in unserem Kopf. Mein Sandkasten ist dein Herz. Dein Sandkasten sei mein ganzes Herz. Mein Sandkasten sei dein ganzes Herz. Die wahren Abenteuer sind im Herz. Der Heller Franzi singt Kopf, aber das ist mir wurscht.
http://www.flickr.com/apps/slideshow/show.swf?v=71649
Alle Bilder aus L.A.

11. Juli 2010

Gestern in L.A.



In diesem Café, da bei der Casting-Allee, sagst du immer wieder, man könnte denken, wir sind in L.A. Vielleicht weil es so heiß ist und die Menschen so schön. Oder gutaussehend. Es fällt meinem Fotografenauge ins Auge. Man könnte überall draufhalten. In Berlin-L.A. Aber ich werde diskreter, in jeder Hinsicht. Höre mir deine Ideen an. Pläne wäre zuviel gesagt. Ich amüsiere mich über den Part, der mir darin zukommt. Klar, kann man schon machen. Würde ich schon auch hingehen, wenn es sich ergibt. Weil wir so ein Hingucker sind, meinst du also. Ja ich weiß. Man spürt das ja. Dieses déjà vu, eine Art positive Irritation in fremden Gesichtern, die einem entgegenkommen. Keine Ahnung, was sich der liebe Gott dabei gedacht hat. Auf jeden Fall sind wir ziemlich gut darin, L.A. in Berlin zu spielen. Ich wollte eigentlich nicht Schauspielerin werden, aber wenn ich so vehement gecastet werde, da in der Casting Allee, in Berlin-L.A. Okay. Aber über die Gage müssen wir nochmal reden. Ich bin gewissermaßen in Vorleistung gegangen. Sag ich. Du widersprichst mir gar nicht. Was du tun kannst, fragst du mich. Außer das Lied vom Mond singen. (Aretha singt Say A little prayer.) Ich trinke den zweiten Cappuccino, ziehe meinen Stuhl ein bißchen mehr in die heiße Nachmittagssonne von L. A. und zünde mir eine deiner Manitou-Zigaretten an. Später wirst du ein bißchen wütend, weil ich dir erkläre, dass es relativ einfach ist, den Umgang mit einer Digitalkamera zu lernen. Nein, verdammt, das wäre etwas anderes sagst du. Ich soll aufhören damit. Klein zu machen, was ich mache. Mit dir. Seit zwei Jahren. Du bist richtig sauer. Es gefällt mir, wie du dich aufregst. Du regst dich viel zu wenig auf für meinen Geschmack. Es ist also Leben in der Bude. Schön. Okay. Lass uns weiter Hollywood spielen. Bis ich cut sage.

Aber nicht heute. Lass uns noch ein bißchen weiterspielen. Bis unsere verrückte Kindheit vorbei ist. Ich glaube, das dauert noch lange. Auch wenn mir jemand die Schaufel wegnimmt. Kinder brauchen gar keine Schaufel zum Spielen. Unser Spielplatz ist in unserem Kopf. Mein Sandkasten ist dein Herz. Dein Sandkasten sei mein ganzes Herz. Mein Sandkasten sei dein ganzes Herz. Die wahren Abenteuer sind im Herz. Der Heller Franzi singt Kopf, aber das ist mir wurscht.
http://www.flickr.com/apps/slideshow/show.swf?v=71649
Alle Bilder aus L.A.

10. Juli 2010


Ich frage mich, ob hier irgendeiner meiner Leser ahnt, wie schwer es ist, drei Personen so zu fotografieren, dass keiner Scheisse aussieht! Zwei ist schon nicht einfach, wenn man ihnen eine Beschäftigung gibt, geht es schon irgendwie. Aber drei, das ist wie einen Sack Flöhe hüten. Einer guckt ins Objektiv, einer guckt in die Luft. Der Dritte… kann man ja wegschneiden!.

Einer ist arschcool auf dem Bild, die anderen beiden merken gar nicht, dass gerade ein Foto gemacht wird und hampeln herum! Einer macht Turnübungen, man wärmt sich auf bis zum Anpfiff. Schließlich ist WM und man ist voll bei der Sache! Einer läuft aus dem Bild. Guck mal einer an.

Nun steht der große Stefan vorne und der kleine Matthias hinten, man denkt, es handelt sich um unterschiedliche Menschenrassen, Größenunterschied gefühlt zwei bis drei Meter. Es wird sich gereckt und gestreckt. Man tut was man kann, schließlich sollen coole Fotos entstehen! Sieht nur dummerweise komplett Kacke aus, dieses Gespreize! Aber zum Glück hat Frau Nielsen erste Hilfe im Fototäschchen, eine Flasche Côtes du Rhône! Die sollen erst mal was trinken, damit sich die Aufregung legt. Na bitte! Geht doch. Wie? Du willst den Hut nicht aufsetzen, Stefan? Ach, du trägst nie Hüte? Na und? Interessiert das irgendwen? Und Stefan, das T-Shirt, mit dem runden Ausschnitt unter dem Jackett, das sieht nicht aus. Schau, ich hab da was dabei, probier das mal an. Wie? Du magst Charlie Chaplin nicht? Wie bitte? Dann zieh es verkehrt rum an! Schwarz geht immer. Na also. Ja, und die Sonnenbrille! Stell dich nicht so an! Komm, nimm noch einen Schluck! Rauch eine! Rauch einfach, beschäftige dich! Mach, was du sowieso machen würdest, ja, check dein Eierfon!

Ist doch gut! Finde ich gut! Ja! Schon besser! Schön, super! Nein, Matthias, Augenklappe ist nicht uncool, Augenklappe ist cool. Glaub mir. Stefan probier doch mal die Mütze. Ja! Na und, ist doch egal, siehst du eben aus wie Klaus Meine, ist doch lustig! Haha! Findet Cosmic auch. Guck ihn dir an. Obercool mit seinem Zylinder. Der kann anziehen was er will.

Ja, das ist schön, genau! Macht ein bißchen was! Ja, super! Geht doch! Hey! Wow. Cool! Schön! Na Stefan, noch einen Schluck Wein? Komm, einer geht noch!

So ungefähr. Ist jetzt ein bißchen anders geworden, als der ursprünglich geplante, gepflegte Erlebnisbericht meines neulichen Foto-Schießens mit der poetrYclub-Bande, aber ich denke, man hat eine ungefähre Vorstellung. Nach Anfangsschwierigkeiten kam die Sache gewissermaßen ins Rollen. Und ein paar brauchbare Bilder sind bestimmt dabei. Mir ist dunkel, als hätte Stefan sogar gesagt, es hätte ihm richtig Spaß gemacht. Doch, hat er gesagt! Nur schade, dass er anschließend weder als Klaus Meine noch mit rotem Hut zum Pizzaessen gehen wollte. Aber das gewöhnen wir ihm noch ab bzw. bringen wir ihm noch bei. Ein bißchen Las Vegas hat noch keinem geschadet.

[ Hier alle Bandenfotos ]

10. Juli 2010


Ich frage mich, ob hier irgendeiner meiner Leser ahnt, wie schwer es ist, drei Personen so zu fotografieren, dass keiner Scheisse aussieht! Zwei ist schon nicht einfach, wenn man ihnen eine Beschäftigung gibt, geht es schon irgendwie. Aber drei, das ist wie einen Sack Flöhe hüten. Einer guckt ins Objektiv, einer guckt in die Luft. Der Dritte… kann man ja wegschneiden!.

Einer ist arschcool auf dem Bild, die anderen beiden merken gar nicht, dass gerade ein Foto gemacht wird und hampeln herum! Einer macht Turnübungen, man wärmt sich auf bis zum Anpfiff. Schließlich ist WM und man ist voll bei der Sache! Einer läuft aus dem Bild. Guck mal einer an.

Nun steht der große Stefan vorne und der kleine Matthias hinten, man denkt, es handelt sich um unterschiedliche Menschenrassen, Größenunterschied gefühlt zwei bis drei Meter. Es wird sich gereckt und gestreckt. Man tut was man kann, schließlich sollen coole Fotos entstehen! Sieht nur dummerweise komplett Kacke aus, dieses Gespreize! Aber zum Glück hat Frau Nielsen erste Hilfe im Fototäschchen, eine Flasche Côtes du Rhône! Die sollen erst mal was trinken, damit sich die Aufregung legt. Na bitte! Geht doch. Wie? Du willst den Hut nicht aufsetzen, Stefan? Ach, du trägst nie Hüte? Na und? Interessiert das irgendwen? Und Stefan, das T-Shirt, mit dem runden Ausschnitt unter dem Jackett, das sieht nicht aus. Schau, ich hab da was dabei, probier das mal an. Wie? Du magst Charlie Chaplin nicht? Wie bitte? Dann zieh es verkehrt rum an! Schwarz geht immer. Na also. Ja, und die Sonnenbrille! Stell dich nicht so an! Komm, nimm noch einen Schluck! Rauch eine! Rauch einfach, beschäftige dich! Mach, was du sowieso machen würdest, ja, check dein Eierfon!

Ist doch gut! Finde ich gut! Ja! Schon besser! Schön, super! Nein, Matthias, Augenklappe ist nicht uncool, Augenklappe ist cool. Glaub mir. Stefan probier doch mal die Mütze. Ja! Na und, ist doch egal, siehst du eben aus wie Klaus Meine, ist doch lustig! Haha! Findet Cosmic auch. Guck ihn dir an. Obercool mit seinem Zylinder. Der kann anziehen was er will.

Ja, das ist schön, genau! Macht ein bißchen was! Ja, super! Geht doch! Hey! Wow. Cool! Schön! Na Stefan, noch einen Schluck Wein? Komm, einer geht noch!

So ungefähr. Ist jetzt ein bißchen anders geworden, als der ursprünglich geplante, gepflegte Erlebnisbericht meines neulichen Foto-Schießens mit der poetrYclub-Bande, aber ich denke, man hat eine ungefähre Vorstellung. Nach Anfangsschwierigkeiten kam die Sache gewissermaßen ins Rollen. Und ein paar brauchbare Bilder sind bestimmt dabei. Mir ist dunkel, als hätte Stefan sogar gesagt, es hätte ihm richtig Spaß gemacht. Doch, hat er gesagt! Nur schade, dass er anschließend weder als Klaus Meine noch mit rotem Hut zum Pizzaessen gehen wollte. Aber das gewöhnen wir ihm noch ab bzw. bringen wir ihm noch bei. Ein bißchen Las Vegas hat noch keinem geschadet.

[ Hier alle Bandenfotos ]

10. Juli 2010

Dieser kleine Musikfilm von Miss Stever macht wirklich Laune. Besonders das kesse Damenballett. Und der Hut. Toll. Einfach toll. Von hundert Videos, die ich sehe, gefällt mir ungefähr keines. Aber dies hier. Und was für ein geiler Beat. Oh yeah.

04. Juli 2010

Als ich das Bild bekam und zwei Freundinnen zeigte, meinten beide, es müsste unbedingt auf genau diese Ecke auf dem Sofa gestellt werden. Und das Kissen, das Gestreifte sollte ich ein wenig davor drapieren. Ich fand die Idee auch lustig und probierte es gleich aus. Aber aus irgendeinem Grund wollte Cosmic lieber in der Badewanne schlafen, als auf dem Sofa. Na ja. Jedem das Seine. Am Anfang bin ich immer ein bißchen erschrocken, wenn ich ins Bad gekommen bin, aber mittlerweile hab ich mich an ihn gewöhnt und zucke nicht mehr zusammen, wenn ich ihn da liegen sehe. Er ist ja auch ganz friedlich. Wer schläft, sündigt nicht! Im Übrigen Cosmics wichtigstes Steckenpferd, noch vor Schokolade, Pudding und Kuchen essen. Er betreibt sein Hobby sehr gewissenhaft und lässt es nie an Disziplin fehlen, wenn es darum geht, die Ruhephasen einzuhalten. Darin ist er mir ein großes Vorbild, an dem ich mich und auch jeder andere sich stets orientieren kann.

Nun der Tag mich müd gemacht, soll mein sehnliches Verlangen
Freundlich die gestirnte Nacht wie ein müdes Kind empfangen
Hände lass von allem Tun, Stirn vergiss du alles Denken
Alle meine Sinne nun wollen sich in Schlummer senken
Und die Seele unbewacht will in freien Flügen schweben
Um im Zauberkreis der Nacht tief und tausendfach zu leben

(H. Hesse)

04. Juli 2010

Als ich das Bild bekam und zwei Freundinnen zeigte, meinten beide, es müsste unbedingt auf genau diese Ecke auf dem Sofa gestellt werden. Und das Kissen, das Gestreifte sollte ich ein wenig davor drapieren. Ich fand die Idee auch lustig und probierte es gleich aus. Aber aus irgendeinem Grund wollte Cosmic lieber in der Badewanne schlafen, als auf dem Sofa. Na ja. Jedem das Seine. Am Anfang bin ich immer ein bißchen erschrocken, wenn ich ins Bad gekommen bin, aber mittlerweile hab ich mich an ihn gewöhnt und zucke nicht mehr zusammen, wenn ich ihn da liegen sehe. Er ist ja auch ganz friedlich. Wer schläft, sündigt nicht! Im Übrigen Cosmics wichtigstes Steckenpferd, noch vor Schokolade, Pudding und Kuchen essen. Er betreibt sein Hobby sehr gewissenhaft und lässt es nie an Disziplin fehlen, wenn es darum geht, die Ruhephasen einzuhalten. Darin ist er mir ein großes Vorbild, an dem ich mich und auch jeder andere sich stets orientieren kann.

Nun der Tag mich müd gemacht, soll mein sehnliches Verlangen
Freundlich die gestirnte Nacht wie ein müdes Kind empfangen
Hände lass von allem Tun, Stirn vergiss du alles Denken
Alle meine Sinne nun wollen sich in Schlummer senken
Und die Seele unbewacht will in freien Flügen schweben
Um im Zauberkreis der Nacht tief und tausendfach zu leben

(H. Hesse)

27. Juni 2010

Ich versuche, den siebzehnten Mai zu erinnern, was nicht schwer ist. So viele Bilder im digitalen Herzen und weit mehr. Ich versuche mich genau zu erinnern. Es war die letzte Reise-Etappe, der letzte Tag, vor unserer Rückkehr nach Berlin. Ein Montag, 17. Mai 2010. Ich erinnere mich, was an diesem Tag vor zwei Jahren war. Ich begegnete Cosmic in der Galerie Sakamoto. Wir kannten uns nicht. Der Rest ist Geschichte, unsere Geschichte. Eine Bildergeschichte, eine Filmgeschichte. Eine Geschichte von zwei Menschen, die sehr eigensinnig sind, und mit dem Eigensinn des anderen, den Außenstehende mitunter exzentrisch empfinden mögen, gut zurechtkommen. Vorsichtig formuliert. Wenn man tief stapelt, ist die Wucht geringer, wenn es einen Erdrutsch gibt.
Das schrieb ich gestern und lasse es gerade auf mich wirken. Erst einmal Kaffee. Gleißende Sonne auf dem Balkon, wo ich gerade allerdings nicht bin, weil ich gerne den Kontrast der Buchstaben beim Schreiben sehe. An einem heißen Tag wie diesem heute, schlüpft man aus dem Bett unter die Dusche und zieht sich nur die Kaffeetasse an. Vor dem Klapprechner auf dem Bodenkissen. Orangensaft, Erdbeeren, Schatten, weich. Vogelgezwitscher am Gipsdreieck. So versuche ich mich zu erinnern, die Tasten zu füttern.
Es begann damit, dass ich mich an die Geschichte erinnerte, die Cosmic mir aus seiner Kindheit erzählte. Er hatte mit Freunden ein Spiel, das einen verrückten Namen hatte. Es hieß Bumbadala. Das ist ein geheimes Wort, und bedeutet Afrika spielen. Ein paar kleine Jungs trafen sich auf den Feldern in Gerbrunn und zogen sich nackig aus und spielten Afrika! Im Sommer, wenn es heiß war. So wie heute. Sie versteckten sich schnell in den Maisfeldern, wenn ein Bauer näherkam und für den Fall, dass man flüchten musste, hatte man den Gürtel noch an, um den die Unterhose gewickelt war. Für den Notfall. Einmal kamen Flieger und flogen ganz tief über die Felder und die kleinen Afrikaner hatten Angst, dass sie entdeckt werden. Aber es ging gut aus. Afrika blieb unentdeckt!
Ich sah diese Bilder vor meinem inneren Auge und bekam große Lust, Afrika zu besuchen. Wie es wohl heute aussehen mag? Gut dreißig Jahre später? Ob man noch etwas von dem Zauber spüren würde? Wo das genau gewesen wäre, fragte ich. Und ob wir da nicht auch hinfahren könnten. In die Nähe von Würzburg, einen kleinen Ort am Rande der Stadt, da wo er aufgewachsen sei, bis die Familie nach Schweinfurt umzog. Gerbrunn heißt der Ort. Es sei schon ein Umweg, aber wir gucken mal. Gerade zu dem Zeitpunkt ergab sich ein geschäftlicher Anlass hinzufahren. Eine Besprechung und irgendeine wichtige Unterschrift. Da könnten wir doch auf dem Rückweg nach Gerbrunn, meint Cosmic. Ich freue mich. An Würzburg bin ich in meiner Kindheit ein paar mal vorbeigefahren, auf dem Weg zu den Großeltern, die nicht weit davon ein Haus hatten, und wo ich als Kind oft die Sommerferien verbrachte und im Main badete. Aber in Würzburg war ich nie.
Der siebzehnte Mai begrüßte uns mit strahlendem Sonnenschein. Solche schlichten, wahren Sätze schreiben Kinder in Schulaufsätzen. Cosmic hat heute einen Anzug an und wie er da so steht, mit seinem Drei-Tage-Bart und seiner Hilfiger-Sonnenbrille, die er schon zig mal für immer verloren glaubte, wie er da also so steht, im sonnigen Ebracher Hof, den Cappuccino nimmt, kommt er mir ein bißchen vor wie ein Agnelli-Erbe, der eine Nacht in Rom durchgefeiert hat. Und jetzt eine Spritztour in die Toskana. Ich bin dabei. An sanften Hügeln vorbei, Rapsfelder. Raps, soweit das Auge reicht. Gleißendes Gelb, mit der Sonne um die Wette. Weinberge. Gelbgrüne Toskana. Ich träume und schon sind wir da. Ein kurzer Halt, Cosmic springt aus dem Auto, um an einer Wohnungstür zu klingeln. Er möchte sich beim Freund seiner Schwester, der hier lebt und leidenschaftlich gerne kocht, erkundigen, wo man später gut essen könnte, am liebsten regionale Küche. Ich mache ein Foto, wie die beiden fachsimpeln, sie stehen im Wagenschlag, während ich auf dem Beifahrersitz warte. Das Bild ist nur noch in meinem Kopf, ich habe es gelöscht. Es war eigentlich sehr schön, das Licht… wie die beiden da so stehen. Aber ich kenne die kleinen Eitelkeiten und verstehe sie alle. Eine gewisse Silhouette, eine verkürzte Perspektive, die das eine oder andere Detail unvorteilhaft erscheinen lässt. Ich verstehe jede Befindlichkeit und diskutiere wenig. Dieses Bild hat keiner außer mir je gesehen. Aber ich kann es abrufen. Meine Festplatte im Kopf hat eine unerhörte Speicherkapazität.
In einer schönen Altbauwohnung in Würzburg. Fischgratparkett, Flügeltüren. Schöne Möbel. Viele Bücher, die blauweiß gestreifte Tapete in der Küche. Wie ein Strandkorb. Eine ganze Wand im Flur mit weißen Regalen, dicht bestückt mit CDs klassischer Musik. Ich denke, das ist so eine erlesene Auswahl, und diese Fülle… der Bewohner muss etwas mit Musik zu tun haben. Und tatsächlich, Raphael, Cosmics Geschäftspartner leitet neben den Kunstmarktgeschichten der beiden einen Chor. Die Sonne scheint immer noch, ein paar Wolken ab und zu, wir gehen auf den kleinen Balkon. Kaffee, Zigarette. Ich checke ein Video auf meiner Kamera, das ich am Abend in der Disharmonie aufnahm, ich muss es auf der Kamera schneiden, sonst kann ich es nicht herunterladen, es ist zu umfangreich. Es zeigt die Szene, als Cosmic mich auf die Bühne bat und von uns erzählte. Und wie er danach das Lied sang, vom Mond. Die beiden, Raphael und Cosmic lassen mich für eine Weile allein, um die Unterschrift zu erledigen. Ich habe alles, was ich brauche, einen Platz an der Sonne, meine Kamera und eine Tasse Kaffee. Die beiden waren nicht einmal eine Stunde weg und sind schon wieder zurück. Es stellt sich heraus, dass die vermeintlich fehlende Unterschrift bereits existierte, es also gar keine Notwendigkeit gab, nach Würzburg zu fahren. Aber wie gut… ohne diesen kleinen Irrtum hätten wir uns vielleicht gar nicht auf den Weg gemacht. Das sollte so sein, meint Cosmic später in einem Café in Gerbrunn.
Wir machen uns direkt auf den Weg. Gerbrunn, der Ort seiner Kindheit. Mindestens zwanzig Jahre war er nicht da. Ich bin auch ganz aufgeregt. [Kleine Schreibpause in der Sonne.]
Ja – wo war ich… wo sind wir. Wir fahren direkt in das kleine Dorf, ohne Umwege in die Straße am Rande der Felder, wo er als kleiner Junge wohnte. Wir parken ganz in der Nähe des Hauses. Im Stückackerweg. Es ist ein einfaches, dreistöckiges Haus für mehrere Familien, in der oberen Wohnung mit Balkon auf die weiten Felder wohnte er mit Mama und Papa und den beiden Geschwistern. Die kleinste Schwester war noch nicht geboren. Ein paar Wolken haben den Himmel kurzzeitig verdunkelt, wir stehen vor der Garage. Das war das Fußballtor. Links davon kann man in den kleinen Garten gehen, der eigentlich nur ein Stück Rasen ist, das bis zu den Feldern reicht. Was für eine Weite. Wieder gelb. Wieder Raps. So weit das Auge reicht. Cosmics Blick streift nach oben, zu den Fenstern. Wir gehen wieder vor das Haus. Aus einem der offenen Fenster im Erdgeschoss schaut eine jüngere Frau, sie unterhält sich mit einer anderen Hausbewohnerin, die auf dem Treppenabsatz steht. Cosmic würde gerne noch einmal das Haus von innen sehen und erklärt, dass er hier vor vielen Jahren mit seiner Familie lebte. Ob das möglich sei? Aber ja.

Wir gehen hinein. Das Treppenhaus ist in sonnigem Gelb gestrichen. So war es auch früher schon, sagt Cosmic. Wir gehen eine Treppe tiefer, in den Keller, da gibt es eine kurze Erinnerung… irgendwas mit eingeschlossen sein… und da, an der Türschwelle, da ist die kleine Tochter vom Nachbarn in Scherben gefallen und hat sich die Knie ganz böse zerschnitten. Ja, da war das… Wir könnten ja vielleicht mal nach oben schauen, und klingeln? Warum nicht. An der Wohnungstür, ganz oben. Nach kurzem Klingeln nähert sich jemand der Tür und macht auf. Es ist eine Mama um die dreißig. Hinter ihr im Flur zwei kleine Jungs, Spielsachen auf dem Boden, ein Fußball. Cosmic erzählt, dass er hier gewohnt hat. Die Frau ist sehr freundlich und entschuldigt sich, dass sie uns nicht hereinbitten kann, weil sie gerade auf dem Sprung ist, der eine ihrer Jungs muss zum Fußballtraining. Wie alt er denn ist, fragt Cosmic. Elf. Siehst du, so alt war ich damals auch, sagt er. Es sieht noch alles so aus wie in seiner Erinnerung, kaum verändert, so weit man die Wohnung erahnen kann, beim Blick durch die Tür. Wir verabschieden uns und drehen uns um. Auf einem Treppenabsatz steht ein Gummibaum, ein Teil der Wand ist aus bunten Glassteinen. Wenn man durch den rosa Stein sieht, kann man in die Vergangenheit schauen, wie durch ein Kaleidoskop. Staunender Blick durch die Glasbausteine der Kindheit. Die Straße runter. Cosmic blickt zurück. Ich komme mit.

Nach rechts. Wo der Stückackerweg endet, und der Wald anfängt. Und die Felder. Afrika. Das kleine Waldstück, waren da alte Kabelrollen… ohne Kabel? Irgendsoetwas. Abenteuerspielplatz. Ich erinnere mich auch an solchen Tage und Plätze und Spiele in den Wäldern meiner Kindheit. Lager bauen, Feuerchen machen. Alles so ähnlich… Und auch ein Feldweg. Vielleicht wollte ich es auch deswegen so gerne sehen, weil ich an die Spiele im Wald und den Feldern meiner Kindheit dachte. So viele Ähnlichkeiten. Was Kinder eben spielen. Wir biegen in den Feldweg, am letzten Haus vorbei führt er leicht nach oben, bis zum Horizont. Der Himmel bricht auf. Cosmic erzählt noch einmal von den Flugzeugen. Und dem wichtigsten Ort, da oben, da hinten. Man sieht in der Ferne einen wild bewachsenen Hügel und da laufen wir jetzt hin. Das ist der Schutti. Der Schuttberg. Ein wildes Kinder-Königreich aus Schottersteinen und Sand und Erde. Damals noch nicht so wild und grün wie wir ihn jetzt sehen. Da oben konnte man machen was man wollte. Freies wildes Land. Schönster Spielplatz ohne Grenzen. Hier kam kein Bauer mehr hin, weil es keine Saat zu beschützen gab, zwischen Steinen und Geröll. Es ist ein Paradies. Ich denke an Island, an die Steinwüsten im Hochland, Sprengisandur, die Steinpiste. Es gibt noch Schotter und Geröll da oben, auf dem Schutti. Rundherum wilde Natur. Cosmic tanzt von einem Schotterberg zum anderen und schaut ins weite Land. Und erinnert sich. Weit zurück. Es ist, als wären wir am Ziel. Das ist der schönste Ort der Reise und dieser Nachmittag schenkt ihn uns mit tiefblauem Himmel. Stille und Wind, wie an einem Sonntag. Es ist ein Sonntag. Dieser Montag ist ein Sonntag. Daran gibt es nichts zu rütteln.

Das Bild, das sich mir zeigt, da im Osten oder ist es Süden… dieser Blick auf dieses gelbe Feld, eingebettet in saftiges gelbes Grün, irgendwo links ein altes Gemäuer, vielleicht ein Getreidespeicher. Das Bild erinnert mich an Vincent van Goghs Gemälde einer Landschaft bei Auvers. Ich habe einen Druck davon, in unrealistischen Farben, viel zu leuchtend, viel zu viel Gelb darin, viel zu viel Sommer darin. Van Goghs Original, das in der Münchner Pinakothek hängt, leuchtet viel weniger, die Farben verströmen nicht diese sommersatte Wärme, es ist viel blauer, das Original. Aber ich liebe diesen verfälschten Druck, der neben einer Tür hängt. Und immer wenn mein Blick diese Landschaft streifte, in den Wochen davor, träumte ich davon in dieser Landschaft zu sein. Durch diese Landschaft zu wandern. Ich bin kein Riesenfan von Vincent van Goghs Bildern und auch nicht von Kalenderdrucken. Aber dieses hat es mir angetan. Und da stand ich. Mittendrin in meinem Bild. In Auvers. In Gerbrunn. Es gibt das wirklich. Dabei dachte ich, dass ich vielleicht bei der Rückertwanderung darauf treffen würde, auf dieses Bild. Nicht annähernd. Ich musste nach Gerbrunn. Am siebzehnten Mai.

Auf meiner Kamera gibt es eine kurze Filmsequenz, die Cosmic zeigt, wie er über die Hügel tanzt. Ich sage tanzen, er würde vielleicht sagen stolpern. Aber ich sage tanzen. Du hast getanzt. Irgendwann wird man es sehen können. Geschnitten mit den Bildern meiner Kamerafahrt über die chronologischen Bilder unserer Zeit, wie sie da hingen, in der Disharmonie, unterlegt mit deinem Neujahrsmorgen. Der Grobschnitt, der Gänsehaut verursacht… “Unter Hügeln und am Meer, harren Trümmer uns zu lehren, dass die Zeit in Kreisen mäht, und alles Irdische vergeht…“ und springst auf den Schuttberg und drehst dich um und schaust zum Himmel.

Du nimmst noch einen Stein und wir gehen den Weg zurück. Stückackerweg. Da an dem Mäuerchen habt ihr Sweet gehört. Ballroom Blitz. Mit deinem Kassettenrekorder. Und Luftgitarre gespielt. Und da, an dem Haus da hinten da ist der heilige Georg aufgemalt. Das Bild hat dich immer schon fasziniert. Georg, der Drachentöter. Dessen Namen du trägst. Und da rechts. Das Tapeten- und Gardinengeschäft, das gibt es noch… ob es auf ist? Sieht so geschlossen aus. Oh, ein Schild, wegen Krankheit… eine ältere Frau vor dem Haus, sie weiß Bescheid… das Geschäft hat schon seit einem Jahr nicht mehr auf. Wir gehen zum Auto zurück und tuckern ein bißchen kreuz und quer durch die kleine Siedlung. Überall Erinnerungsfetzen. Vorbei an einer modernen Kirche, da schau, rechts ein Café, da könnten wir einen Kaffee trinken, ja komm. Draußen in der Sonne, im Café, Blumentöpfe überall, da hinten eine alte Kirche, neben uns ein Maibaum. Schön, ich denke an Wales. Die kleinen Dörfer in Südengland, als ich auf den Spuren von Dylan Thomas war, vor zwanzig Jahren. Genau so. Sonntagsruhe überall. Cosmic entdeckt ein Buch über Gerbrunn an der Theke. Eine Heimatchronik. Beim Blättern fällt ihm eine Todesanzeige besonders auf. Georg Adam Hofmann, geboren am 31. Oktober 1799 in Gerbrunn, gestorben am 2. April 1867. Privatier. Es gibt ein bißchen Text um seine Verdienste, er hatte wohl eine gewisse Bedeutung und setzte sich für die Abschaffung eines Zinssatzes für die Bevölkerung ein. Ich habe mir nicht gemerkt, worum es ging, aber Cosmic betrachtete lange fasziniert die Anzeige. “Schau, er hat fast den gleichen Geburtstag wie ich, am 31. Oktober geboren. Und heißt auch Georg. Und das mit diesem Zinsgeld… das ist schon merkwürdig“. Cosmic beschäftigt das Zinsgeldsystem auch. Ich fotografiere ihn mit dem Buch und die Anzeige. Vielleicht gibt es das Buch ja zu kaufen? Ich frag mal. Die Bedienung sagt, da rechts ist gleich das Rathaus, da gibt es das. Das Rathaus hat leider schon zu. Was? Schon 19 Uhr? Das ist unglaublich. So lange sind wir schon unterwegs? Die Zeit ist wie im Flug vergangen. Komm, lass uns noch eine rauchen und vielleicht noch einen Cappuccino…?

Auf vergessenen Wegen zurück mit dem Auto durch Gerbrunn, da schau, in dem Laden haben wir an Fasching immer Luftschlangen gekauft und da Eis… Cosmic ist ganz weit weg und doch ganz nah. Die Straße nach Würzburg. Er hat einen besonderen Ort im Auge, in seinem undurchschaubaren Hinterkopf. Da will er hin. Ja, das muss ich dir auch noch unbedingt zeigen. Den Schützenhof. Es geht beinah serpentinenartig nach oben. Ich bin sehr fasziniert von den Weinbergen mitten in der Stadt, beinah irreal. Sehr schön. Immer weiter nach oben. Es lohnt sich, du wirst es sehen, sagt Cosmic. Wir sind am Ziel. Über den Hügeln der Stadt, auf dem Nikolausberg. Es ist ein Biergarten mit einem unfassbar weiten Blick über das Maintal. Der Fluß mäandert zwischen Weinbergen, wenn man es nicht wüßte, könnte man denken, es ist der Rhein, irgendwo an der Loreley. Ein Ort, an dem Cosmic an vielen Sonntagen mit seiner Familie war. Man fuhr zum Essen hin, es gab Schnitzel und Pommes Frites und erfreute sich an dem schönen Ausblick. Und es gab einen Papagei in der Wirtstube und andere Tiere. Eine Ziege ist immer noch da, schau. Wir sitzen auf den rotlackierten Gartenstühlen, die gleichen Stühle und Tische wie früher. An einem Tisch an der Mauer kann ich weit das Maintal überblicken. Diesen Ort besuchen vor allem die Würzburger, sagt Cosmic, Touristen kennen das gar nicht. Cosmic trinkt ein Bier, ich nur Wasser, was ich mir eigentlich so gut wie nie bestelle, aber mir ist so. Wir wollen ja noch essen gehen. Es ist ein bißchen nieselig geworden und der Biergarten fast leer, der richtige Moment um zu gehen. Ein schöner Ort.

Bergabwärts, links, ah – da rechts da war doch ein Schwimmbad… das gibt es nicht mehr, interessant… Wir fahren in die Innenstadt, die Altstadt. Das empfohlene Restaurant hat heute am Montag Ruhetag, aber unweit am Marktplatz gefällt uns der Ratskeller. In einer Nische im Gewölbe studieren wir die imposante Karte mit regionalen Leckereien. Geld spielt heut keine Rolle, komm! Ich bin auf dem Silvaner-Trip und weiß auf jeden Fall schon, was ich trinke. Cosmic muss ja noch fahren und bestellt brav ein Spezi. Ich habe noch nie einen Autofahrer getroffen, der so gewissenhaft seinen Alkohol-Pegel überwacht. Ich bin stolz auf ihn Und was haben wir eigentlich gegessen? Ein Blick auf die online-Speisekarte bringt mir ein déjà vu bei „Bürgermeisterplatte Tournedo vom Rind und Schweinefilet mit Sc. Béarnaise und grüner Pfeffersoße, Bohnenbündchen und Berner Rösti“ und Cosmic hatte möglicherweise ein Schnitzel aber das darf hier nicht erwähnt werden, also überlesen Sie bitte diese unvegetarische Unpässlichkeit. In Wahrheit hat er natürlich nur den Kartoffelsalat gegessen und mir das Schnitzel überlassen. Ich brauche einfach Unmengen Fleisch! Der Ratskeller also… ja. Ich tauche in diesen Tag und was finde ich noch… Der Weg führte nicht direkt zurück nach Schweinfurt, sondern über einen schönen Umweg, nach Gaibach, wo das Aufnahmestudio von Sven Peks im „Alten Forsthaus“, einer idyllischen ehemaligen Ruine liegt. Dort wurde die poetrYclub-Platte „Goldene Zeit“ vor fünf Jahren gemischt. Leider ist keiner da. Aber in der Nähe, ist noch etwas Sehenswertes – die Konstitutionssäule von Gaibach, zu Ehren der bayrischen Verfassung errichtet. Die Sonne geht langsam unter, und ich kann mir vorstellen, warum das ein attraktiver Treffpunkt war, für die kids, damals. Ein bißchen was rauchen, die Sonne untergehen sehen… wir kehren zurück. Und da ist noch dieser Baggersee von dem ich hörte. Es ist noch nicht dunkel, aber man ahnt es schon. Ein paar Enten und Schwäne auch irgendwo. Ein bißchen zu aufgeräumt, das Seeufer. Ein bißchen zu glatt, ein bißchen zu gerade. Kein Ruf der Wildnis. Mehr wie ein Parksee, den man nur anschaut, aber sich nicht in die Fluten stürzt. Wir haben so viel Schönes gesehen an diesem Tag. Wir brauchen keinen Baggersee.
Mephisto. Noch einmal… ich sehe auf dem Foto, auf den Bildern, diesen Stapel. Die A-Serie meiner Bilder, die ausgestellt waren. Diese 126 Bilder der Cosmic-Gaga-Collection. Zwei Jahre, die wir mehr oder weniger miteinander verbrachten. Mal mehr, mal weniger. Aber immer intensiv. Ich hatte die Bilder nach dem Konzert in der Disharmonie vergessen, es gibt drei komplette Sätze. Und einen davon wollte Cosmic mir gerne abkaufen. Ich zögerte. Warum, soll unerwähnt bleiben, aber ich zögerte lange. Er sagte es zum ersten Mal, als er die Bilder nur auf Fotografien gesehen hatte. Dann wieder. Und wieder. Ich war hin- und hergerissen. Nach diesem Tag, auf dem Weg ins Mephisto, als ich das wiedergewonnene Paket auf der Fußmatte liegen sah, hob ich es auf. Nahm es mit. Und in dieser Bar fiel mir ein, dass ich ihm wenigstens eines schuldig war. Er war ja auf fast allen Bildern. Mehr als der Hälfte. Und er hatte als einziger richtig erraten, aus wievielen Bildern ich diese hundertsechsundzwanzig selektierte. Hundertsechsundzwanzig von Zweitausendirgendwas. Ich hab die Zahl wieder vergessen. Ein blödes Ratespielchen in einem facebook-Kommentar. Sag eine Zahl, sag ich. Cosmic: „Dreiunddreißig“. Ich ziehe die Postkarte mit der Nummer dreiundreißig aus dem Set. Ein Bild, das ich sehr mag. Er auch. Er schwankte, nannte noch eine andere Nummer, sechsundsechzig. Auch schön. Mag ich auch sehr. Aber nimm die dreiundreißig. Die ist es. Ich kritzle eine Widmung auf die Rückseite. Und es ist so dunkel in der Bar, so schummrig, dass Cosmic nicht alles sofort entziffern kann. Vor allem die letzte Zeile, das unter dem Datum. Ich lese ihm vor. „SWC, 17. Mai 2010, (historisch(es Datum)“. Er schaut ein bißchen so ähnlich wie als er durch die Glasbausteine in Gerbrunn schaute, als ich ihm in Erinnerung bringe, das heute der siebzehnte Mai ist. Und auch vor zwei Jahren der siebzehnte Mai war. Und wir uns vor zwei Jahren begegneten. Ich weiß nicht genau, woher die glitzernde Stelle in deinem Augenwinkel kam. Aber meine, das weiß ich genau. „Komm, lass uns wenigstens noch ein gemeinsames Foto machen…“ Denn eine Nummer fehlte noch. Es ist die Nummer Hundertsiebenundzwanzig. 127 Augenblicke Ewigkeit.
10-05-17 (92)
[…alle Bilder vom 17. Mai…]

04. Juli 2010

Dienstag, 18. Mai 2010. Der Tag der Abreise, unsere Rückkehr nach Berlin. Ebracher Hof. Mein Blick fällt auf den großen Karton in der Ecke des Zimmers. Der große Karton, den ich vor Beginn der Reise als Eilsendung vorweg geschickt hatte, damit mein Fluggepäck nicht so schwer würde.
Unten im Karton Plakate, die den Abend ankündigten. Romantik Liebe Rebellion. Darauf ein großes Tuch aus Leinen, das ich manchmal als Hintergrund für die Projektionen benutze, wenn es im Raum keine geeignete Projektionswand gibt. Weißes Leinen. Cirka zwei Meter zwanzig mal zwei Meter achtzig. Zusammengelegt. Karrabinerhaken an den Ecken. Darauf, geschützt in luftgepolsterter Folie, der Beamer. Noch ein Tuch, schwarz. Manchmal muss man abdunkeln. Oder muss die Projektionsfläche vor einem Fenster spannen, das nicht ausreichend abzudunkeln ist. Dann lege ich zwei oder drei dieser großen Tücher übereinander. Ganz hinten das schwarze Tuch. Im Karvana war es so. Unser Konzert, im Sommer vor einem Jahr, begann als es draußen noch hell war. Ich spannte Tücher auf fast drei Metern Höhe, auf einer wackeligen Leiter balancierend. Klopfte mit einem Stein Nägel in die Wand. Stefan, groß wie ein Wikinger, stand interessiert daneben, grinste entspannt: „Ich finde, du machst das sehr gut!“ Ich fiel nicht von der Leiter. Cosmic wurstelte unten mit Verstärker-Kabeln. Wir bauten eine improvisierte Bühne in einer Ecke des Karvana, einem Café in Friedrichshain auf. Erinnerungen.
Ich trug an jenem Abend ein rotes Barett und ein Rüschenhemd, auch rot, das dem sehr späten Elvis zur Ehre gereicht hätte. Aus irgendeinem Berliner Second Hand-Laden, in den Neunzigern gekauft. Als es noch Retro nach Gewicht gab. Wildleder-Shorts. Eine zerschnittene schwarze Veloursleder-Jeans. Schwarze Stiefel. Eine Nadelsteifen-Anzug-Weste über dem Las Vegas-Hemd. Ich erinnere mich oft, was ich anhatte.
Auf dem schwarzen Tuch im Karton lagen kleinere Plakate. Und zuletzt, ganz oben, die drei einzeln verpackten Sätze der Cosmic-Gaga Collection. Die A-Serie, die B-Serie, die C-Serie. Auf einer Seite des Kartons die Schachtel mit allen Kabeln, die ich brauche. Das Strom-Kabel für den Beamer. Ein Hub für die USB-Anschlüsse. Das Kabel für den Hub. Zwei USB-Kabel, um den Beamer mit meinem Rechner zu verbinden. Ein fünf Meter langes und ein extra kurzes. Das Kabel für den Ton kriege ich von Cosmic oder dem Veranstalter. Eine scheinbar langweilige Aufzählung von Kabeln. Kleiner Detailfetisch für mein eigenes Erinnern. Man schreibt ja auch für sich… Manchmal ist es durch die Raumsituation bedingt ungünstig, den Beamer auf dem Tisch neben dem Rechner zu haben, dann brauche ich eine lange Leitung zu meinem Notebook. Im Karvana war es so. Und immer Gaffa-Tape, um die Kabelstränge am Boden zu schützen, und damit es keine Stolperfallen gibt.
In der Schachtel mit den Kabeln liegt auch ein Feuerstein. Gefunden an einem Strand im Baltikum. Ersatz für einen Hammer, wenn man einen Nagel in die Wand schlagen muss. Das muss man eigentlich immer. Nägel sind immer dabei. Aufbewahrt in einer Streichholzschachtel vom Hotel Nizza in Frankfurt. Wenn ich einen Nagel mit dem Stein einschlage, blitzen die Funken. Insofern schön, weil ich mir seit langem einen Feuerstein gewünscht hatte und als ich diesen Stein fand, einfach nur weil er mir gut gefiel, wusste ich gar nicht, dass es ein Feuerstein ist. Bis ich den ersten Nagel damit in die Wand schlug. Feuerherz. Und Klammern in der Form von Spiralen, um die Bilder aufzuhängen. Hundertfünfzig Meter weiß-violette, gedrehte Kordel. Alles sollte schön aussehen. Besonders schön. Es gab auch noch ein dickes Päckchen mit den vier Plakatmotiven in der Größe von Handzetteln. Wir verteilten fast alle in der Stadt, an den Tagen vor unserem Konzert. Nur noch wenige waren übrig.
Jetzt, früh am Morgen am Tag der Abreise, fiel mein Blick also auf den Karton, in dem immer noch dieselben Sachen lagen, aber wüst durcheinander. Beim Abbau in der Nacht nach dem Konzert gepackt. Hastig. Ganz anders als beim Aufbau. Der ist zwar eilig, aber nicht hastig. Das ist ein Unterschied. In hingebungsvoller Eile baut man auf, in eiliger Hast baut man ab. Aber so durcheinander wie er jetzt war, wollte ich den Karton nicht mit nach Hause nehmen. Ich breitete den Inhalt auf dem Bett aus. Fand die Setlist. Ein ausgedruckter Screenshot der Dateien meiner Filme. Mit Änderungen, Durchstreichungen, Pfeilen, Anmerkungen. Noch war die Erinnerung frisch. Ich wusste, was die gekritzelten Anmerkungen zu bedeuten hatten. Ich nahm eines der kleinen Plakate und setzte mich mit verschränkten Beinen auf das breite Bett, wie ich es immer tue (ich bewohne in Hotels eigentlich nur die Betten) und schrieb die Set-List auf der Rückseite eines der kleinen Plakate noch einmal ab. So, wie der Ablauf wirklich war. Welchen Film ich bei welchem Song zeigte.
Mein Blick wanderte weiter zu den Fotografien. In beiden Serien fehlten Bilder. Einige hatte ich verschenkt. Ich vervollständigte die A-Serie mit Bildern aus der B-Serie. Ich nahm ein Lieblingsbild aus dem Stapel und schrieb etwas auf die Rückseite. Dann verpackte ich beide Stapel neu. Die A-Serie mit besonderer Sorgfalt. Und dann war da noch dieses Blatt, jener ausgedruckte Text Du bist mein Mond… Wir hatten beide unabhängig voneinander einen Ausdruck von diesem Text dabei, der sich nicht in dem Reclam-Buch findet. Meiner lag gefaltet in dem kleinen gelben Buch. Ich las diesen Text, um mich zu beruhigen, im Zug auf dem Weg nach Coburg. Jetzt nahm ich das Blatt aus dem Rückertbuch und schlug die Fotografie darin ein.
Es ist ein Bild von uns beiden. Am vierten Juli 2008 entstanden, in einer Galerie in Berlin Mitte. Projektgalerie Hofmann von Sell. In der Galerie stand ein Klavier und du spieltest zum ersten mal, zaghaft noch, „Ich weiß, diese Welt wird untergehen, doch mit dir ist selbst das wunderschön…“ Kaum einer der Vernissagenbesucher interessierte sich für die Bilder, als du das spieltest. Später irgendwann standen wir draußen, in der Nacht, Jan war auch dabei. Ich fotografierte erst euch beide und dann uns. Nur ein einziges Bild. Wie wir die Köpfe zusammensteckten und unverabredet gleichsam vertrauensvoll in die Kamera schauen. Das Bild hat mich immer sehr berührt. Wir kannten uns kaum, aber man erahnte bereits die mögliche Nähe. Wenn ich dieses Bild von uns sehe, verstehe ich die kleine Anna, die vor zwei Wochen bei einem Gartenfest deines Freundes Christian mit uns am Feuer saß, seine Tochter, da waren viele Gedanken in ihrem empfindsamen Kopf. Sie zögerte erst ein wenig und fragte dann in ihrer etwas schüchternen und doch mutigen Art, ob wir Geschwister seien oder irgendwie verwandt, weil wir uns ähnlich sehen würden. Ihr seht irgendwie gleich aus. Da ist so eine Ähnlichkeit…“. Das sagte sie, die kleine Anna. Zehn Jahre alt vielleicht. Du sagtest, dass wir nicht richtig blutsverwandt seien aber… eben anders verwandt. Das fällt mir zu dieser Fotografie von uns ein. Ich schrieb noch deinen Namen auf den improvisierten Umschlag Hab ja alles fotografiert.
Ich legte meine anderen Sachen auf das Bett, alle T-Shirts, die ich dabei hatte, drei Kleider. Einiges darunter, das ich gar nicht getragen hatte. Ein ziemlich schräges Kleid mit einem Op Art Muster, irrwitzige Applikationen von Hunderten von kleinen Kreisen in schwarz und Weiß. Kann man gar nicht beschreiben. Bis heute noch ungetragen. Und da war die Papiertüte aus dem Weinladen, wo ich den schlimmen Wein gekauft hatte. Die DIN A 3 Plakate lagen auf dem Bett und mir fiel auf, dass es dieselbe Größe wie die Tüte ist. In dem Karton waren auch noch meine dicken Klebestifte und ich bastelte kurzerhand eine poetrYclub-Einkaufstüte. Die sah richtig echt aus. Total schön.

Von jedem Plakatmotiv und jeder Größe nahm ich eines und rollte sie ein, gebunden mit einem Stück der weiß-violetten Kordel. Dann packte ich das A-Päckchen in die Tüte und klammerte die Set-List und die Postkarte mit ein paar der Spiralklammern an die Tüte. Ich stellte die Tüte mal hierhin und mal dahin und machte Fotos und träumte vor mich hin und vergaß darüber fast die Zeit. Ich musste ja auch noch die anderen Sachen packen. Aber eines musste ich noch machen. Ich steckte die Romantik Liebe Rebellion-Tüte in eine große braune Tüte ohne Aufschrift und klebte sie oben ein bißchen zu, damit man nicht gleich sehen konnte, was darin ist. Das würde nur unnötige Fragen aufwerfen. So, fertig. Und jetzt die Klamotten. Geschafft. Ich bin bereit.
Das Zimmer mit der Nummer Fünf sieht wieder aus wie vorher. Ich hänge das wüste Acrylbild über dem Bett wieder von Hochkant auf quer, wie es vorher war. Mir gefiel es zwar nicht ausnehmend gut, aber Hochkant noch am ehesten. Ich nehme das flammende Tuch von der Lampe am rechten Nachttisch, das das Licht so warm machte. Es ist jenes rot und orange in der Sonne wehende Tuch aus meinem Hippolyta-Opus. Ich hatte die Vorhänge des Hotelzimmers halb zugezogen und nur ein wenig zur Seite gerafft. Jetzt hingen sie wieder ordentlich der Schwerkraft folgend. Obwohl dieses einzige Einzelzimmer mit breitem Bett sonst detailweise ein ungewöhnliches Interieur hatte. Es gab keinerlei Schränke, sondern nur gemauerte, weiß gekalkte Nischen mit eingelassenen Ablagebrettern und einer zwischen zwei Nischen eingelassenen Kleiderstange. Ich erkannte, dass alle meine Sachen, die hingen, schwarz waren. Das Bad hatte einen superschicken Eingang, eine riesige Schiebetür aus einem einzigen Spiegel, von der Decke bis zum Boden. Dunkler Holzfußboden. Der Blick aus dem Zimmer auf die Rittergasse. Nicht spektakulär, aber die Lage an sich schon, an einem zentralen Nerv in der Altstadt, in einem Renaissance-Gebäude, neben dem supermodernen Georg-Schäfer-Museum.
Ich deponierte mein Gepäck mit der geheimen Tüte in der Nische unter der Treppe am Empfang. Cosmic war in seinem Elternhaus, wo er zum Abschied mit seiner Familie noch einmal zu Mittag essen wollte. Danach würden wir gemeinsam zurück nach Berlin fahren. Ich überbrückte die Zeit, bis er kam, im Restaurant des Hotels und surfte ein bißchen durch’s Netz. Unser Freund Yvelle hatte ein neues Video hochgeladen, in dem er sang, das schaute ich mir an und ließ die Bilder auf mich wirken, die ich in den letzten Tagen gemacht hatte. Die wenigen Filmsequenzen. Der Blick in den Himmel von Gerbrunn, deinen Himmel, dein Tanzen. this used to be my playground…
Die Hausdame (aka Zimmermädchen) winkt mir zu als sie mich da sitzen sieht und die beiden Mitarbeiterinnen vom Service signalisieren mir unablässig ihre Bereitschaft zu Diensten zu sein. Haben Sie noch einen Wunsch? Nein? Wirklich nicht? Ich vermute, dass die beinah ein bißchen zu begeisterte Bedienung irgendetwas mit dem Trinkgeld zu tun hat, das ich eine krumme Summe zu einer sehr geraden machend, aufrundenderweise gerade gab, als ich nach dem Frühstück die gesamte Hotelrechnung beglich. Beim Surfen finde ich doch tatsächlich eine Konzertkritik, in der ich erwähnt werde, in der Online-Ausgabe der Mainpost. Vielleicht hatten die Hotel-Mitarbeiter ja auch die Zeitung gelesen und nun war ich womöglich berühmt! Als ich gerade diesem Gedanken nachhänge, betritt Cosmic das Restaurant. Er kümmert sich um das Gepäck, verstaut es im Heck, während ich meinen Rechner herunterfahre und mit überschwänglichem Händeschütteln verabschiedet werde. Cosmic muss später darüber lachen. Er weiß inzwischen, dass das Trinkgeld nicht fürstlich, sondern königlich war. Während er auf das Mittagessen wartete, mailten wir blödsinnig hin und her
„(…) die Schulden beim Ebracher Hof habe ich unter Hinzufügung eines fürstlichen Trinkgeldes bereits beglichen, bitte fragen Sie nicht nach dem Gesamtbetrag. Ich vermute die aufgerundete Summe führte dazu, dass die freundliche Service-Mitarbeiterin noch freundlicher wurde und mir sogleich eine ganze Flasche des Getränkes meiner Wahl spendierte, da ich ja nun noch ein wenig länger verweilen werde, bis ich von Ihnen abgeholt werde!“
„(…) Sehr geehrte Madame Nielsen, ein königliches Trinkgeld ist die richtige Methode, um das Volk in Schweinfurt zu begeistern, ihre Herzen zu erschließen. Diese Gesten sind in unserer Gegend sehr selten, ist doch der Geiz das Vorherrschende, in aller Regel. Diese großzügige Geste wird also sicherlich dazu führen, daß Ihre Zeit in Schweinfurt nicht in Vergessenheit geraten wird. Solche Dinge sprechen sich unter dem Volk wie ein Lauffeuer herum. Selten wurde ein königlicher Besuch so positiv aufgenommen. Zuletzt war der Besuch des Königs Ludwigs des II mit ähnlicher Zustimmung ausgegangen, nun haben Sie diese schöne Tradition wieder aufgegriffen. Ich werde nun noch zum Müller gehen, um das frisch gemahlene Mehl zu bezahlen und dem Bäcker zukommen zu lassen. Morgen werden auf dem Marktplatz dann die Brotlaibe unter den Hungernden verteilt. Wir können also später getrost den Rückweg nach Berlin antreten, nicht ohne vorher noch eine Flasche von dem köstlichen Brand des Herrn Gößwein mit zu nehmen. Mit königlichem Gruße King George der Kosmische“
„(…) Wie recht Sie doch haben! Sagte ich ein fürstliches Trinkgeld? Ich muss mich revidieren – es war selbstverfreilich einer Königin würdig. Die Königskrone zu tragen fordert von uns solches! Das Volk dankt es einem auch umgehend und die Herzen fliegen der Königin zu! Gerade eben winkte mir eine Untertanin, die als Kammerzofe am Ebracher Hof ihr Tagwerk verrichtet zum Abschiedsgruße zu und wünschte beglückt und nochmals ihren Dank entrichtend eine gute Weiterreise. So ist’s recht! Mit dem Segen des Volkes reist es sich wohlgemut! [ > Morgen werden auf dem Marktplatz dann die Brotlaibe unter den Hungernden verteilt.] Wie froh ich bin, dass Sie das richten! Ich käme ja doch nicht mehr dazu – die Staatsgeschäfte halten mich in diesen letzten Stunden in der königlichen Reichsstadt Schweinfurt derart auf Trab, dass ich froh bin, wenn ich zeitig fertig bin, wenn der Kutscher vorfährt! So ein köstlicher Brand wird meine Lebensgeister wecken, Sie werden es sehen! Entrichten Sie auch bitte Ihren königlichen Schwestern und den königlichen Hunden sowie dem Großkönig Siegfried meinen Abschiedsgruß! Gott zum Gruße wohlan! Gaga Königin von und zu Gaganien, Fürstin zu Berlin und Brandenburg“
Bevor wir die Stadt endgültig verlassen, wollten wir also noch einmal kurz in die Traumfüllung, ein kleiner Laden mit feinen Obstbränden, Essigen, Ölen und sonstigen Essenzen, von Hand abgefüllt. Cosmic hatte den Laden vor vielen Jahren mit seinem Feund Micha in die Welt gesetzt. Ich war schon gespannt. In großen Glasballons gab es hochprozentige Flüssigkeiten, Brände und jede Menge Geister. Ich wollte selbstverständlich jede Menge gute Geister von dieser Reise mitnehmen und entschied mich auf Cosmics Empfehlung für einen Trester, einen Wildpflaumenbrand und einen Geist aus gebrannten Haselnüssen, über dessen Aroma ich völlig aus dem Häuschen war und bin. Wie allerfeinstes Nougat. Micha war leider nicht da, aber Cosmic kannte auch die anderen Mitarbeiter und spielte kurzerhand Verkäufer und füllte das Gewünschte ab. Souverän schritt er hinter die Ladentheke und beschriftete alle Flaschen mit einem OH-Stift. Ich war gerührt, was er da gekritzelt hatte. Abschied. Die wirklich letzte Etappe in SWC. Auf die Autobahn nach Berlin.
Die ähnliche Strecke fuhr ich zuletzt irgendwann in den Achtzigern, noch vor Mauerfall. Seither nie mehr auf dieser Autobahn gewesen. Autobahnen kriegen auch nie so richtig Patina, da stellt sich nicht so richtig viel Sentimentalität ein. Das Wetter ist eher so gemischt, Wolken, mal Sonne, Wolken, mal Sonne. Kein Regen. Autobahnraststätte. Ein Kaffee. Weiter. Ich wühle in der kleinen CD-Sammlung im Handschuhfach. Handschuhfach? Heisst das wirklich so? Handschuhfach? Hat man da früher Handschuhe und weiter nichts drin abgelegt? So ein Wort, so geläufig, noch nie über den Sinn nachgedacht. Wenige CDs darin. Die poetrYclub-Platte liegt natürlich auch da. Und irgendwas von einer Singer Songwriterin, die ich überhaupt nicht kenne. Sting, John Lee Hooker, Klaus Schulze, Stadium Arcadium von den Chilies, die ich ja sehr mag. Im Radio ist kein erträglicher Sender zu finden.
Es gab sogar eine Musik-Cassette glaub ich oder verwechsle ich da was? Irgendwie Eric Clapton unplugged oder war es doch eine CD? Ich hätte gerne mit dir Layla beim Autofahren gehört, das andere Zeug von ihm ist mir zu – mir fehlt das richtige Wort… (unspezifisch… undifferenziert…) Aber bei Layla unplugged denke ich an eine Reise durch Arizona in einem Jeep Cherokee. Mit drei wilden Weibern. Layla, you’ve got me on my knees. Layla, I’m begging, darling please. Layla, darling won’t you ease my worried mind… Und wir hörten diesen Song immer wieder. Irgendwo on the road zwischen dem South Rim des Grand Canyon und Marlboro Country, Monument Valley. Gut, Tears in Heaven ist auch schön. Ist das nicht auch auf der Scheibe? Aber irgendwie wollte man sich nicht durch das restliche weiße Blues-Gedudel von Herrn Clapton durcharbeiten. Vielleicht war die CD auch gebrannt und nicht beschriftet. Hab’s vergessen.
Ein bißchen John Lee Hooker, ein bißchen Sting, ach nö, lieber doch nicht, o.k. die Chilies, da weiß man was man hat. Als die Platte läuft, merke ich, wie differenziert meine Anlage zuhause dann doch offenbar ist und auch mein kleiner Player. Mir ist gerade beim Hören von Stadium Arcadium im Auto, als fehlten ganze Sphären, die ich sonst wahrnehme und mir einen heftigen Kick geben. Eine meiner Lieblingsplatten dudelt irgendwie unspektakulär durch. Ich zappe trotzdem hoffnungsvoll zu Hey, meinen Lieblingssong und er ist großartig wie immer. Schöne Autobahnkilometer. Und komm, ach, mach doch einfach die poetrYclub-Platte, mach Blüh wie die Blum… das ist so schön… Immer wieder. Ich hab eine der beiden tiefschwarzen Sonnenbrillen auf, die ich in Kauflaune bei meinem einzigen Alleingang durch die Schweinfurter Innenstadt erstand. Die andere werde ich auf der Ablage von Cosmics Chrysler vergessen. Später Klaus Schulze, überraschend sinfonisch. Irgendetwas daran erinert mich an Also sprach Zarathustra von Richard Strauss, hatte ich auf Vinyl…
Brandenburg. Jetzt kann man wieder mal Radiosender probieren, meint Cosmic. Was für ein Glückstreffer! Die beste Band der Welt, die auch wir ohne Vorbehalt abgöttisch lieben und verehren, singt „Junge“. Wir flippen ein bißchen aus, manche Textstellen kann ich auswendig. „Elektrische Gitarren und immer diese Texte Das will doch keiner hörn! Wie kommst du nach Hause, soviel schlechter Umgang! Wir werden dich enterben! Und immer deine Freunde, ihr nehmt doch alle Drogen! Und ständig dieser Lärm! (Achtung!!! Der absolute, ultimative Höhepunkt!!!) „Denk an deine Zukunft, denk an deine Eltern Willst du dass wir sterb’n?!?!?“ Wir lachen uns kaputt in unserem lustigen Auto und zünden in Gedanken eine Kerze für Farin, Bela und Rodrigo an. Leider kam danach nur noch der übliche Schrott und wir waren uns einig, dass es völlig ausreichend wäre, wenn es nur noch einen einzigen Radiosender geben würde, der nur Ärzte spielt.
Berlin. Messe-Zentrum. West-City. Cosmic verfährt sich ein bißchen, er ist so selten im Westen der Stadt. Aber Schilder nach Mitte gibt ja immer. Er ist eigentlich ganz schön müde, aber ich würde unheimlich gerne noch etwas Schönes essen gehen, ein bißchen das Ende unserer Reise zelebrieren. Und dann ist da ja noch die Tüte. Die möchte ich ihm eigentlich nicht einfach nur so im Kofferraum hinterlassen. Das wäre ja blöd. Richtig doof wäre das. Nein, das geht gar nicht. Ich hoffe, dass er doch schwach wird und erzähle ihm von einem vietnamesischen Teehaus, ganz neu, in der Rosenthaler Straße, gleich bei mir um die Ecke, das er noch nicht kennt. Ich war auch nur mal ganz kurz drin und hab gesehen, dass es sehr schön da ist. Und das Auto? Wo parke ich das Auto? Meine Ecke ist in der Hinsicht wirklich ein kleiner Problemfall, aber Cosmic wird bereits schwach und peilt „seinen“ persönlichen Parkplatz an. Die Ecke vorm Eingang vom Hackbarths. Eigentlich nicht wirklich zum Parken vorgesehen, aber nun ja!
Das Chén chè ist wunderbar. Das Essen, die in chinesische Seide gebundenen Karten, die Möbel, die ganze Atmosphäre. Ich kann mich kaum erinnern, bei asiatischem Essen je derart virtuos gezauberte Aromen serviert bekommen zu haben. Es gibt auch Wein. Einen guten Syrah aus Frankreich. Cosmic bestellt eine Schale mit Tee mit frischem Ingwer. Er schnieft ein bißchen. Da bahnt sich vielleicht was an. Ingwer ist da sehr gut. Dann der Nachtisch. Der Nachtisch. Mir fehlen die Worte. Ihm auch. Was ist das? Unglaublich, unfassbar delikat. Wir essen sprachlos seufzend, wie so oft über Kreuz. Da waren geröstete Sesamsamen und dieses warme weiche, weiße, nach Vanille und – — ah.- was war das…? Noch ein Syrah für mich bitte… – – – ich besuche die Waschräume und finde mich in einem an stylishe Bilder in der Vogue von thailändischen Ayurveda-Spas erinnerndem Ambiente. Das Waschbecken ist offenbar aus der Schale einer riesigen Nuss gemacht, oder was ist das – ein Gehölz, wie eine etwas unförmige riesenhafte halbe Kokosnuss… Und wieder eine schwimmende Lotusblüte… So viel Liebe zum Detail. Wie schön. Und so nah. Ach Berlin…
Eine Zigarette im Garten. Es gibt einen Gong. Und ein Buddha steht da auch, glaub ich. Und noch mehr schwimmende Blüten in kleinen Schalen auf kleinen Tischen. Ein kleiner Brunnen. Schön da draußen. Es ist noch kein warmer Frühlingsabend, aber man kann es sich vorstellen, wie es erst sein wird, in einer lauen Nacht. Wir gehen wieder rein, zu unserem Platz an der Tür zum Garten. Da war ja noch was. „Ach ja… da fällt mir ein… ich wollte dir noch etwas zeigen“ sag ich. Und greife nach der braunen Tüte, die neben meinem Stuhl wartet. Und mache sie langsam auf. Dramaturgie ist wichtig! Ich ziehe die Romantik Liebe Rebellion-Tüte langsam aus der braunen Tüte heraus und stelle sie auf den Tisch. Cosmic guckt, wie man gucken muss, wenn man so etwas macht. Er darf selber schauen, was drin ist. Ganz unten liegt das Päckchen. Die A-Serie. Er schaut mich an. Ich hab ihn nur einmal wirklich weinen sehen, wegen seiner Mama. Und noch ein anderes mal ein bißchen. Und einmal hast du es mir geschrieben. Es ist ein schöner Augenblick, wie du da so vor mir sitzt und wegen einer Tüte weinst. Ich sage „Aber das ist doch eigentlich mein Part, ich bin doch sonst immer die Heulsuse“. Du lachst ein bißchen. Das wollte ich. „Hier, die A-Serie, die ist für dich. Du musst eine haben, es geht gar nicht anders. Auch wenn ich es erst nicht wollte, aber heute morgen dachte ich, als ich die Bilder auf der Bettdecke sah, sie gehören auch dir. Du bist auf fast jedem Bild zu sehen. Wer, wenn nicht du sollte sie haben.“ Ich glaube – nein, das ist kokett – ich weiß, du hast dich gefreut. Am Ende dieser Reise.
http://www.flickr.com/apps/slideshow/show.swf?v=71649

04. Juli 2010

Dienstag, 18. Mai 2010. Der Tag der Abreise, unsere Rückkehr nach Berlin. Ebracher Hof. Mein Blick fällt auf den großen Karton in der Ecke des Zimmers. Der große Karton, den ich vor Beginn der Reise als Eilsendung vorweg geschickt hatte, damit mein Fluggepäck nicht so schwer würde.
Unten im Karton Plakate, die den Abend ankündigten. Romantik Liebe Rebellion. Darauf ein großes Tuch aus Leinen, das ich manchmal als Hintergrund für die Projektionen benutze, wenn es im Raum keine geeignete Projektionswand gibt. Weißes Leinen. Cirka zwei Meter zwanzig mal zwei Meter achtzig. Zusammengelegt. Karrabinerhaken an den Ecken. Darauf, geschützt in luftgepolsterter Folie, der Beamer. Noch ein Tuch, schwarz. Manchmal muss man abdunkeln. Oder muss die Projektionsfläche vor einem Fenster spannen, das nicht ausreichend abzudunkeln ist. Dann lege ich zwei oder drei dieser großen Tücher übereinander. Ganz hinten das schwarze Tuch. Im Karvana war es so. Unser Konzert, im Sommer vor einem Jahr, begann als es draußen noch hell war. Ich spannte Tücher auf fast drei Metern Höhe, auf einer wackeligen Leiter balancierend. Klopfte mit einem Stein Nägel in die Wand. Stefan, groß wie ein Wikinger, stand interessiert daneben, grinste entspannt: „Ich finde, du machst das sehr gut!“ Ich fiel nicht von der Leiter. Cosmic wurstelte unten mit Verstärker-Kabeln. Wir bauten eine improvisierte Bühne in einer Ecke des Karvana, einem Café in Friedrichshain auf. Erinnerungen.
Ich trug an jenem Abend ein rotes Barett und ein Rüschenhemd, auch rot, das dem sehr späten Elvis zur Ehre gereicht hätte. Aus irgendeinem Berliner Second Hand-Laden, in den Neunzigern gekauft. Als es noch Retro nach Gewicht gab. Wildleder-Shorts. Eine zerschnittene schwarze Veloursleder-Jeans. Schwarze Stiefel. Eine Nadelsteifen-Anzug-Weste über dem Las Vegas-Hemd. Ich erinnere mich oft, was ich anhatte.
Auf dem schwarzen Tuch im Karton lagen kleinere Plakate. Und zuletzt, ganz oben, die drei einzeln verpackten Sätze der Cosmic-Gaga Collection. Die A-Serie, die B-Serie, die C-Serie. Auf einer Seite des Kartons die Schachtel mit allen Kabeln, die ich brauche. Das Strom-Kabel für den Beamer. Ein Hub für die USB-Anschlüsse. Das Kabel für den Hub. Zwei USB-Kabel, um den Beamer mit meinem Rechner zu verbinden. Ein fünf Meter langes und ein extra kurzes. Das Kabel für den Ton kriege ich von Cosmic oder dem Veranstalter. Eine scheinbar langweilige Aufzählung von Kabeln. Kleiner Detailfetisch für mein eigenes Erinnern. Man schreibt ja auch für sich… Manchmal ist es durch die Raumsituation bedingt ungünstig, den Beamer auf dem Tisch neben dem Rechner zu haben, dann brauche ich eine lange Leitung zu meinem Notebook. Im Karvana war es so. Und immer Gaffa-Tape, um die Kabelstränge am Boden zu schützen, und damit es keine Stolperfallen gibt.
In der Schachtel mit den Kabeln liegt auch ein Feuerstein. Gefunden an einem Strand im Baltikum. Ersatz für einen Hammer, wenn man einen Nagel in die Wand schlagen muss. Das muss man eigentlich immer. Nägel sind immer dabei. Aufbewahrt in einer Streichholzschachtel vom Hotel Nizza in Frankfurt. Wenn ich einen Nagel mit dem Stein einschlage, blitzen die Funken. Insofern schön, weil ich mir seit langem einen Feuerstein gewünscht hatte und als ich diesen Stein fand, einfach nur weil er mir gut gefiel, wusste ich gar nicht, dass es ein Feuerstein ist. Bis ich den ersten Nagel damit in die Wand schlug. Feuerherz. Und Klammern in der Form von Spiralen, um die Bilder aufzuhängen. Hundertfünfzig Meter weiß-violette, gedrehte Kordel. Alles sollte schön aussehen. Besonders schön. Es gab auch noch ein dickes Päckchen mit den vier Plakatmotiven in der Größe von Handzetteln. Wir verteilten fast alle in der Stadt, an den Tagen vor unserem Konzert. Nur noch wenige waren übrig.
Jetzt, früh am Morgen am Tag der Abreise, fiel mein Blick also auf den Karton, in dem immer noch dieselben Sachen lagen, aber wüst durcheinander. Beim Abbau in der Nacht nach dem Konzert gepackt. Hastig. Ganz anders als beim Aufbau. Der ist zwar eilig, aber nicht hastig. Das ist ein Unterschied. In hingebungsvoller Eile baut man auf, in eiliger Hast baut man ab. Aber so durcheinander wie er jetzt war, wollte ich den Karton nicht mit nach Hause nehmen. Ich breitete den Inhalt auf dem Bett aus. Fand die Setlist. Ein ausgedruckter Screenshot der Dateien meiner Filme. Mit Änderungen, Durchstreichungen, Pfeilen, Anmerkungen. Noch war die Erinnerung frisch. Ich wusste, was die gekritzelten Anmerkungen zu bedeuten hatten. Ich nahm eines der kleinen Plakate und setzte mich mit verschränkten Beinen auf das breite Bett, wie ich es immer tue (ich bewohne in Hotels eigentlich nur die Betten) und schrieb die Set-List auf der Rückseite eines der kleinen Plakate noch einmal ab. So, wie der Ablauf wirklich war. Welchen Film ich bei welchem Song zeigte.
Mein Blick wanderte weiter zu den Fotografien. In beiden Serien fehlten Bilder. Einige hatte ich verschenkt. Ich vervollständigte die A-Serie mit Bildern aus der B-Serie. Ich nahm ein Lieblingsbild aus dem Stapel und schrieb etwas auf die Rückseite. Dann verpackte ich beide Stapel neu. Die A-Serie mit besonderer Sorgfalt. Und dann war da noch dieses Blatt, jener ausgedruckte Text Du bist mein Mond… Wir hatten beide unabhängig voneinander einen Ausdruck von diesem Text dabei, der sich nicht in dem Reclam-Buch findet. Meiner lag gefaltet in dem kleinen gelben Buch. Ich las diesen Text, um mich zu beruhigen, im Zug auf dem Weg nach Coburg. Jetzt nahm ich das Blatt aus dem Rückertbuch und schlug die Fotografie darin ein.
Es ist ein Bild von uns beiden. Am vierten Juli 2008 entstanden, in einer Galerie in Berlin Mitte. Projektgalerie Hofmann von Sell. In der Galerie stand ein Klavier und du spieltest zum ersten mal, zaghaft noch, „Ich weiß, diese Welt wird untergehen, doch mit dir ist selbst das wunderschön…“ Kaum einer der Vernissagenbesucher interessierte sich für die Bilder, als du das spieltest. Später irgendwann standen wir draußen, in der Nacht, Jan war auch dabei. Ich fotografierte erst euch beide und dann uns. Nur ein einziges Bild. Wie wir die Köpfe zusammensteckten und unverabredet gleichsam vertrauensvoll in die Kamera schauen. Das Bild hat mich immer sehr berührt. Wir kannten uns kaum, aber man erahnte bereits die mögliche Nähe. Wenn ich dieses Bild von uns sehe, verstehe ich die kleine Anna, die vor zwei Wochen bei einem Gartenfest deines Freundes Christian mit uns am Feuer saß, seine Tochter, da waren viele Gedanken in ihrem empfindsamen Kopf. Sie zögerte erst ein wenig und fragte dann in ihrer etwas schüchternen und doch mutigen Art, ob wir Geschwister seien oder irgendwie verwandt, weil wir uns ähnlich sehen würden. Ihr seht irgendwie gleich aus. Da ist so eine Ähnlichkeit…“. Das sagte sie, die kleine Anna. Zehn Jahre alt vielleicht. Du sagtest, dass wir nicht richtig blutsverwandt seien aber… eben anders verwandt. Das fällt mir zu dieser Fotografie von uns ein. Ich schrieb noch deinen Namen auf den improvisierten Umschlag Hab ja alles fotografiert.
Ich legte meine anderen Sachen auf das Bett, alle T-Shirts, die ich dabei hatte, drei Kleider. Einiges darunter, das ich gar nicht getragen hatte. Ein ziemlich schräges Kleid mit einem Op Art Muster, irrwitzige Applikationen von Hunderten von kleinen Kreisen in schwarz und Weiß. Kann man gar nicht beschreiben. Bis heute noch ungetragen. Und da war die Papiertüte aus dem Weinladen, wo ich den schlimmen Wein gekauft hatte. Die DIN A 3 Plakate lagen auf dem Bett und mir fiel auf, dass es dieselbe Größe wie die Tüte ist. In dem Karton waren auch noch meine dicken Klebestifte und ich bastelte kurzerhand eine poetrYclub-Einkaufstüte. Die sah richtig echt aus. Total schön.

Von jedem Plakatmotiv und jeder Größe nahm ich eines und rollte sie ein, gebunden mit einem Stück der weiß-violetten Kordel. Dann packte ich das A-Päckchen in die Tüte und klammerte die Set-List und die Postkarte mit ein paar der Spiralklammern an die Tüte. Ich stellte die Tüte mal hierhin und mal dahin und machte Fotos und träumte vor mich hin und vergaß darüber fast die Zeit. Ich musste ja auch noch die anderen Sachen packen. Aber eines musste ich noch machen. Ich steckte die Romantik Liebe Rebellion-Tüte in eine große braune Tüte ohne Aufschrift und klebte sie oben ein bißchen zu, damit man nicht gleich sehen konnte, was darin ist. Das würde nur unnötige Fragen aufwerfen. So, fertig. Und jetzt die Klamotten. Geschafft. Ich bin bereit.
Das Zimmer mit der Nummer Fünf sieht wieder aus wie vorher. Ich hänge das wüste Acrylbild über dem Bett wieder von Hochkant auf quer, wie es vorher war. Mir gefiel es zwar nicht ausnehmend gut, aber Hochkant noch am ehesten. Ich nehme das flammende Tuch von der Lampe am rechten Nachttisch, das das Licht so warm machte. Es ist jenes rot und orange in der Sonne wehende Tuch aus meinem Hippolyta-Opus. Ich hatte die Vorhänge des Hotelzimmers halb zugezogen und nur ein wenig zur Seite gerafft. Jetzt hingen sie wieder ordentlich der Schwerkraft folgend. Obwohl dieses einzige Einzelzimmer mit breitem Bett sonst detailweise ein ungewöhnliches Interieur hatte. Es gab keinerlei Schränke, sondern nur gemauerte, weiß gekalkte Nischen mit eingelassenen Ablagebrettern und einer zwischen zwei Nischen eingelassenen Kleiderstange. Ich erkannte, dass alle meine Sachen, die hingen, schwarz waren. Das Bad hatte einen superschicken Eingang, eine riesige Schiebetür aus einem einzigen Spiegel, von der Decke bis zum Boden. Dunkler Holzfußboden. Der Blick aus dem Zimmer auf die Rittergasse. Nicht spektakulär, aber die Lage an sich schon, an einem zentralen Nerv in der Altstadt, in einem Renaissance-Gebäude, neben dem supermodernen Georg-Schäfer-Museum.
Ich deponierte mein Gepäck mit der geheimen Tüte in der Nische unter der Treppe am Empfang. Cosmic war in seinem Elternhaus, wo er zum Abschied mit seiner Familie noch einmal zu Mittag essen wollte. Danach würden wir gemeinsam zurück nach Berlin fahren. Ich überbrückte die Zeit, bis er kam, im Restaurant des Hotels und surfte ein bißchen durch’s Netz. Unser Freund Yvelle hatte ein neues Video hochgeladen, in dem er sang, das schaute ich mir an und ließ die Bilder auf mich wirken, die ich in den letzten Tagen gemacht hatte. Die wenigen Filmsequenzen. Der Blick in den Himmel von Gerbrunn, deinen Himmel, dein Tanzen. this used to be my playground…
Die Hausdame (aka Zimmermädchen) winkt mir zu als sie mich da sitzen sieht und die beiden Mitarbeiterinnen vom Service signalisieren mir unablässig ihre Bereitschaft zu Diensten zu sein. Haben Sie noch einen Wunsch? Nein? Wirklich nicht? Ich vermute, dass die beinah ein bißchen zu begeisterte Bedienung irgendetwas mit dem Trinkgeld zu tun hat, das ich eine krumme Summe zu einer sehr geraden machend, aufrundenderweise gerade gab, als ich nach dem Frühstück die gesamte Hotelrechnung beglich. Beim Surfen finde ich doch tatsächlich eine Konzertkritik, in der ich erwähnt werde, in der Online-Ausgabe der Mainpost. Vielleicht hatten die Hotel-Mitarbeiter ja auch die Zeitung gelesen und nun war ich womöglich berühmt! Als ich gerade diesem Gedanken nachhänge, betritt Cosmic das Restaurant. Er kümmert sich um das Gepäck, verstaut es im Heck, während ich meinen Rechner herunterfahre und mit überschwänglichem Händeschütteln verabschiedet werde. Cosmic muss später darüber lachen. Er weiß inzwischen, dass das Trinkgeld nicht fürstlich, sondern königlich war. Während er auf das Mittagessen wartete, mailten wir blödsinnig hin und her
„(…) die Schulden beim Ebracher Hof habe ich unter Hinzufügung eines fürstlichen Trinkgeldes bereits beglichen, bitte fragen Sie nicht nach dem Gesamtbetrag. Ich vermute die aufgerundete Summe führte dazu, dass die freundliche Service-Mitarbeiterin noch freundlicher wurde und mir sogleich eine ganze Flasche des Getränkes meiner Wahl spendierte, da ich ja nun noch ein wenig länger verweilen werde, bis ich von Ihnen abgeholt werde!“
„(…) Sehr geehrte Madame Nielsen, ein königliches Trinkgeld ist die richtige Methode, um das Volk in Schweinfurt zu begeistern, ihre Herzen zu erschließen. Diese Gesten sind in unserer Gegend sehr selten, ist doch der Geiz das Vorherrschende, in aller Regel. Diese großzügige Geste wird also sicherlich dazu führen, daß Ihre Zeit in Schweinfurt nicht in Vergessenheit geraten wird. Solche Dinge sprechen sich unter dem Volk wie ein Lauffeuer herum. Selten wurde ein königlicher Besuch so positiv aufgenommen. Zuletzt war der Besuch des Königs Ludwigs des II mit ähnlicher Zustimmung ausgegangen, nun haben Sie diese schöne Tradition wieder aufgegriffen. Ich werde nun noch zum Müller gehen, um das frisch gemahlene Mehl zu bezahlen und dem Bäcker zukommen zu lassen. Morgen werden auf dem Marktplatz dann die Brotlaibe unter den Hungernden verteilt. Wir können also später getrost den Rückweg nach Berlin antreten, nicht ohne vorher noch eine Flasche von dem köstlichen Brand des Herrn Gößwein mit zu nehmen. Mit königlichem Gruße King George der Kosmische“
„(…) Wie recht Sie doch haben! Sagte ich ein fürstliches Trinkgeld? Ich muss mich revidieren – es war selbstverfreilich einer Königin würdig. Die Königskrone zu tragen fordert von uns solches! Das Volk dankt es einem auch umgehend und die Herzen fliegen der Königin zu! Gerade eben winkte mir eine Untertanin, die als Kammerzofe am Ebracher Hof ihr Tagwerk verrichtet zum Abschiedsgruße zu und wünschte beglückt und nochmals ihren Dank entrichtend eine gute Weiterreise. So ist’s recht! Mit dem Segen des Volkes reist es sich wohlgemut! [ > Morgen werden auf dem Marktplatz dann die Brotlaibe unter den Hungernden verteilt.] Wie froh ich bin, dass Sie das richten! Ich käme ja doch nicht mehr dazu – die Staatsgeschäfte halten mich in diesen letzten Stunden in der königlichen Reichsstadt Schweinfurt derart auf Trab, dass ich froh bin, wenn ich zeitig fertig bin, wenn der Kutscher vorfährt! So ein köstlicher Brand wird meine Lebensgeister wecken, Sie werden es sehen! Entrichten Sie auch bitte Ihren königlichen Schwestern und den königlichen Hunden sowie dem Großkönig Siegfried meinen Abschiedsgruß! Gott zum Gruße wohlan! Gaga Königin von und zu Gaganien, Fürstin zu Berlin und Brandenburg“
Bevor wir die Stadt endgültig verlassen, wollten wir also noch einmal kurz in die Traumfüllung, ein kleiner Laden mit feinen Obstbränden, Essigen, Ölen und sonstigen Essenzen, von Hand abgefüllt. Cosmic hatte den Laden vor vielen Jahren mit seinem Feund Micha in die Welt gesetzt. Ich war schon gespannt. In großen Glasballons gab es hochprozentige Flüssigkeiten, Brände und jede Menge Geister. Ich wollte selbstverständlich jede Menge gute Geister von dieser Reise mitnehmen und entschied mich auf Cosmics Empfehlung für einen Trester, einen Wildpflaumenbrand und einen Geist aus gebrannten Haselnüssen, über dessen Aroma ich völlig aus dem Häuschen war und bin. Wie allerfeinstes Nougat. Micha war leider nicht da, aber Cosmic kannte auch die anderen Mitarbeiter und spielte kurzerhand Verkäufer und füllte das Gewünschte ab. Souverän schritt er hinter die Ladentheke und beschriftete alle Flaschen mit einem OH-Stift. Ich war gerührt, was er da gekritzelt hatte. Abschied. Die wirklich letzte Etappe in SWC. Auf die Autobahn nach Berlin.
Die ähnliche Strecke fuhr ich zuletzt irgendwann in den Achtzigern, noch vor Mauerfall. Seither nie mehr auf dieser Autobahn gewesen. Autobahnen kriegen auch nie so richtig Patina, da stellt sich nicht so richtig viel Sentimentalität ein. Das Wetter ist eher so gemischt, Wolken, mal Sonne, Wolken, mal Sonne. Kein Regen. Autobahnraststätte. Ein Kaffee. Weiter. Ich wühle in der kleinen CD-Sammlung im Handschuhfach. Handschuhfach? Heisst das wirklich so? Handschuhfach? Hat man da früher Handschuhe und weiter nichts drin abgelegt? So ein Wort, so geläufig, noch nie über den Sinn nachgedacht. Wenige CDs darin. Die poetrYclub-Platte liegt natürlich auch da. Und irgendwas von einer Singer Songwriterin, die ich überhaupt nicht kenne. Sting, John Lee Hooker, Klaus Schulze, Stadium Arcadium von den Chilies, die ich ja sehr mag. Im Radio ist kein erträglicher Sender zu finden.
Es gab sogar eine Musik-Cassette glaub ich oder verwechsle ich da was? Irgendwie Eric Clapton unplugged oder war es doch eine CD? Ich hätte gerne mit dir Layla beim Autofahren gehört, das andere Zeug von ihm ist mir zu – mir fehlt das richtige Wort… (unspezifisch… undifferenziert…) Aber bei Layla unplugged denke ich an eine Reise durch Arizona in einem Jeep Cherokee. Mit drei wilden Weibern. Layla, you’ve got me on my knees. Layla, I’m begging, darling please. Layla, darling won’t you ease my worried mind… Und wir hörten diesen Song immer wieder. Irgendwo on the road zwischen dem South Rim des Grand Canyon und Marlboro Country, Monument Valley. Gut, Tears in Heaven ist auch schön. Ist das nicht auch auf der Scheibe? Aber irgendwie wollte man sich nicht durch das restliche weiße Blues-Gedudel von Herrn Clapton durcharbeiten. Vielleicht war die CD auch gebrannt und nicht beschriftet. Hab’s vergessen.
Ein bißchen John Lee Hooker, ein bißchen Sting, ach nö, lieber doch nicht, o.k. die Chilies, da weiß man was man hat. Als die Platte läuft, merke ich, wie differenziert meine Anlage zuhause dann doch offenbar ist und auch mein kleiner Player. Mir ist gerade beim Hören von Stadium Arcadium im Auto, als fehlten ganze Sphären, die ich sonst wahrnehme und mir einen heftigen Kick geben. Eine meiner Lieblingsplatten dudelt irgendwie unspektakulär durch. Ich zappe trotzdem hoffnungsvoll zu Hey, meinen Lieblingssong und er ist großartig wie immer. Schöne Autobahnkilometer. Und komm, ach, mach doch einfach die poetrYclub-Platte, mach Blüh wie die Blum… das ist so schön… Immer wieder. Ich hab eine der beiden tiefschwarzen Sonnenbrillen auf, die ich in Kauflaune bei meinem einzigen Alleingang durch die Schweinfurter Innenstadt erstand. Die andere werde ich auf der Ablage von Cosmics Chrysler vergessen. Später Klaus Schulze, überraschend sinfonisch. Irgendetwas daran erinert mich an Also sprach Zarathustra von Richard Strauss, hatte ich auf Vinyl…
Brandenburg. Jetzt kann man wieder mal Radiosender probieren, meint Cosmic. Was für ein Glückstreffer! Die beste Band der Welt, die auch wir ohne Vorbehalt abgöttisch lieben und verehren, singt „Junge“. Wir flippen ein bißchen aus, manche Textstellen kann ich auswendig. „Elektrische Gitarren und immer diese Texte Das will doch keiner hörn! Wie kommst du nach Hause, soviel schlechter Umgang! Wir werden dich enterben! Und immer deine Freunde, ihr nehmt doch alle Drogen! Und ständig dieser Lärm! (Achtung!!! Der absolute, ultimative Höhepunkt!!!) „Denk an deine Zukunft, denk an deine Eltern Willst du dass wir sterb’n?!?!?“ Wir lachen uns kaputt in unserem lustigen Auto und zünden in Gedanken eine Kerze für Farin, Bela und Rodrigo an. Leider kam danach nur noch der übliche Schrott und wir waren uns einig, dass es völlig ausreichend wäre, wenn es nur noch einen einzigen Radiosender geben würde, der nur Ärzte spielt.
Berlin. Messe-Zentrum. West-City. Cosmic verfährt sich ein bißchen, er ist so selten im Westen der Stadt. Aber Schilder nach Mitte gibt ja immer. Er ist eigentlich ganz schön müde, aber ich würde unheimlich gerne noch etwas Schönes essen gehen, ein bißchen das Ende unserer Reise zelebrieren. Und dann ist da ja noch die Tüte. Die möchte ich ihm eigentlich nicht einfach nur so im Kofferraum hinterlassen. Das wäre ja blöd. Richtig doof wäre das. Nein, das geht gar nicht. Ich hoffe, dass er doch schwach wird und erzähle ihm von einem vietnamesischen Teehaus, ganz neu, in der Rosenthaler Straße, gleich bei mir um die Ecke, das er noch nicht kennt. Ich war auch nur mal ganz kurz drin und hab gesehen, dass es sehr schön da ist. Und das Auto? Wo parke ich das Auto? Meine Ecke ist in der Hinsicht wirklich ein kleiner Problemfall, aber Cosmic wird bereits schwach und peilt „seinen“ persönlichen Parkplatz an. Die Ecke vorm Eingang vom Hackbarths. Eigentlich nicht wirklich zum Parken vorgesehen, aber nun ja!
Das Chén chè ist wunderbar. Das Essen, die in chinesische Seide gebundenen Karten, die Möbel, die ganze Atmosphäre. Ich kann mich kaum erinnern, bei asiatischem Essen je derart virtuos gezauberte Aromen serviert bekommen zu haben. Es gibt auch Wein. Einen guten Syrah aus Frankreich. Cosmic bestellt eine Schale mit Tee mit frischem Ingwer. Er schnieft ein bißchen. Da bahnt sich vielleicht was an. Ingwer ist da sehr gut. Dann der Nachtisch. Der Nachtisch. Mir fehlen die Worte. Ihm auch. Was ist das? Unglaublich, unfassbar delikat. Wir essen sprachlos seufzend, wie so oft über Kreuz. Da waren geröstete Sesamsamen und dieses warme weiche, weiße, nach Vanille und – — ah.- was war das…? Noch ein Syrah für mich bitte… – – – ich besuche die Waschräume und finde mich in einem an stylishe Bilder in der Vogue von thailändischen Ayurveda-Spas erinnerndem Ambiente. Das Waschbecken ist offenbar aus der Schale einer riesigen Nuss gemacht, oder was ist das – ein Gehölz, wie eine etwas unförmige riesenhafte halbe Kokosnuss… Und wieder eine schwimmende Lotusblüte… So viel Liebe zum Detail. Wie schön. Und so nah. Ach Berlin…
Eine Zigarette im Garten. Es gibt einen Gong. Und ein Buddha steht da auch, glaub ich. Und noch mehr schwimmende Blüten in kleinen Schalen auf kleinen Tischen. Ein kleiner Brunnen. Schön da draußen. Es ist noch kein warmer Frühlingsabend, aber man kann es sich vorstellen, wie es erst sein wird, in einer lauen Nacht. Wir gehen wieder rein, zu unserem Platz an der Tür zum Garten. Da war ja noch was. „Ach ja… da fällt mir ein… ich wollte dir noch etwas zeigen“ sag ich. Und greife nach der braunen Tüte, die neben meinem Stuhl wartet. Und mache sie langsam auf. Dramaturgie ist wichtig! Ich ziehe die Romantik Liebe Rebellion-Tüte langsam aus der braunen Tüte heraus und stelle sie auf den Tisch. Cosmic guckt, wie man gucken muss, wenn man so etwas macht. Er darf selber schauen, was drin ist. Ganz unten liegt das Päckchen. Die A-Serie. Er schaut mich an. Ich hab ihn nur einmal wirklich weinen sehen, wegen seiner Mama. Und noch ein anderes mal ein bißchen. Und einmal hast du es mir geschrieben. Es ist ein schöner Augenblick, wie du da so vor mir sitzt und wegen einer Tüte weinst. Ich sage „Aber das ist doch eigentlich mein Part, ich bin doch sonst immer die Heulsuse“. Du lachst ein bißchen. Das wollte ich. „Hier, die A-Serie, die ist für dich. Du musst eine haben, es geht gar nicht anders. Auch wenn ich es erst nicht wollte, aber heute morgen dachte ich, als ich die Bilder auf der Bettdecke sah, sie gehören auch dir. Du bist auf fast jedem Bild zu sehen. Wer, wenn nicht du sollte sie haben.“ Ich glaube – nein, das ist kokett – ich weiß, du hast dich gefreut. Am Ende dieser Reise.
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27. Juni 2010

Ich versuche, den siebzehnten Mai zu erinnern, was nicht schwer ist. So viele Bilder im digitalen Herzen und weit mehr. Ich versuche mich genau zu erinnern. Es war die letzte Reise-Etappe, der letzte Tag, vor unserer Rückkehr nach Berlin. Ein Montag, 17. Mai 2010. Ich erinnere mich, was an diesem Tag vor zwei Jahren war. Ich begegnete Cosmic in der Galerie Sakamoto. Wir kannten uns nicht. Der Rest ist Geschichte, unsere Geschichte. Eine Bildergeschichte, eine Filmgeschichte. Eine Geschichte von zwei Menschen, die sehr eigensinnig sind, und mit dem Eigensinn des anderen, den Außenstehende mitunter exzentrisch empfinden mögen, gut zurechtkommen. Vorsichtig formuliert. Wenn man tief stapelt, ist die Wucht geringer, wenn es einen Erdrutsch gibt.
Das schrieb ich gestern und lasse es gerade auf mich wirken. Erst einmal Kaffee. Gleißende Sonne auf dem Balkon, wo ich gerade allerdings nicht bin, weil ich gerne den Kontrast der Buchstaben beim Schreiben sehe. An einem heißen Tag wie diesem heute, schlüpft man aus dem Bett unter die Dusche und zieht sich nur die Kaffeetasse an. Vor dem Klapprechner auf dem Bodenkissen. Orangensaft, Erdbeeren, Schatten, weich. Vogelgezwitscher am Gipsdreieck. So versuche ich mich zu erinnern, die Tasten zu füttern.
Es begann damit, dass ich mich an die Geschichte erinnerte, die Cosmic mir aus seiner Kindheit erzählte. Er hatte mit Freunden ein Spiel, das einen verrückten Namen hatte. Es hieß Bumbadala. Das ist ein geheimes Wort, und bedeutet Afrika spielen. Ein paar kleine Jungs trafen sich auf den Feldern in Gerbrunn und zogen sich nackig aus und spielten Afrika! Im Sommer, wenn es heiß war. So wie heute. Sie versteckten sich schnell in den Maisfeldern, wenn ein Bauer näherkam und für den Fall, dass man flüchten musste, hatte man den Gürtel noch an, um den die Unterhose gewickelt war. Für den Notfall. Einmal kamen Flieger und flogen ganz tief über die Felder und die kleinen Afrikaner hatten Angst, dass sie entdeckt werden. Aber es ging gut aus. Afrika blieb unentdeckt!
Ich sah diese Bilder vor meinem inneren Auge und bekam große Lust, Afrika zu besuchen. Wie es wohl heute aussehen mag? Gut dreißig Jahre später? Ob man noch etwas von dem Zauber spüren würde? Wo das genau gewesen wäre, fragte ich. Und ob wir da nicht auch hinfahren könnten. In die Nähe von Würzburg, einen kleinen Ort am Rande der Stadt, da wo er aufgewachsen sei, bis die Familie nach Schweinfurt umzog. Gerbrunn heißt der Ort. Es sei schon ein Umweg, aber wir gucken mal. Gerade zu dem Zeitpunkt ergab sich ein geschäftlicher Anlass hinzufahren. Eine Besprechung und irgendeine wichtige Unterschrift. Da könnten wir doch auf dem Rückweg nach Gerbrunn, meint Cosmic. Ich freue mich. An Würzburg bin ich in meiner Kindheit ein paar mal vorbeigefahren, auf dem Weg zu den Großeltern, die nicht weit davon ein Haus hatten, und wo ich als Kind oft die Sommerferien verbrachte und im Main badete. Aber in Würzburg war ich nie.
Der siebzehnte Mai begrüßte uns mit strahlendem Sonnenschein. Solche schlichten, wahren Sätze schreiben Kinder in Schulaufsätzen. Cosmic hat heute einen Anzug an und wie er da so steht, mit seinem Drei-Tage-Bart und seiner Hilfiger-Sonnenbrille, die er schon zig mal für immer verloren glaubte, wie er da also so steht, im sonnigen Ebracher Hof, den Cappuccino nimmt, kommt er mir ein bißchen vor wie ein Agnelli-Erbe, der eine Nacht in Rom durchgefeiert hat. Und jetzt eine Spritztour in die Toskana. Ich bin dabei. An sanften Hügeln vorbei, Rapsfelder. Raps, soweit das Auge reicht. Gleißendes Gelb, mit der Sonne um die Wette. Weinberge. Gelbgrüne Toskana. Ich träume und schon sind wir da. Ein kurzer Halt, Cosmic springt aus dem Auto, um an einer Wohnungstür zu klingeln. Er möchte sich beim Freund seiner Schwester, der hier lebt und leidenschaftlich gerne kocht, erkundigen, wo man später gut essen könnte, am liebsten regionale Küche. Ich mache ein Foto, wie die beiden fachsimpeln, sie stehen im Wagenschlag, während ich auf dem Beifahrersitz warte. Das Bild ist nur noch in meinem Kopf, ich habe es gelöscht. Es war eigentlich sehr schön, das Licht… wie die beiden da so stehen. Aber ich kenne die kleinen Eitelkeiten und verstehe sie alle. Eine gewisse Silhouette, eine verkürzte Perspektive, die das eine oder andere Detail unvorteilhaft erscheinen lässt. Ich verstehe jede Befindlichkeit und diskutiere wenig. Dieses Bild hat keiner außer mir je gesehen. Aber ich kann es abrufen. Meine Festplatte im Kopf hat eine unerhörte Speicherkapazität.
In einer schönen Altbauwohnung in Würzburg. Fischgratparkett, Flügeltüren. Schöne Möbel. Viele Bücher, die blauweiß gestreifte Tapete in der Küche. Wie ein Strandkorb. Eine ganze Wand im Flur mit weißen Regalen, dicht bestückt mit CDs klassischer Musik. Ich denke, das ist so eine erlesene Auswahl, und diese Fülle… der Bewohner muss etwas mit Musik zu tun haben. Und tatsächlich, Raphael, Cosmics Geschäftspartner leitet neben den Kunstmarktgeschichten der beiden einen Chor. Die Sonne scheint immer noch, ein paar Wolken ab und zu, wir gehen auf den kleinen Balkon. Kaffee, Zigarette. Ich checke ein Video auf meiner Kamera, das ich am Abend in der Disharmonie aufnahm, ich muss es auf der Kamera schneiden, sonst kann ich es nicht herunterladen, es ist zu umfangreich. Es zeigt die Szene, als Cosmic mich auf die Bühne bat und von uns erzählte. Und wie er danach das Lied sang, vom Mond. Die beiden, Raphael und Cosmic lassen mich für eine Weile allein, um die Unterschrift zu erledigen. Ich habe alles, was ich brauche, einen Platz an der Sonne, meine Kamera und eine Tasse Kaffee. Die beiden waren nicht einmal eine Stunde weg und sind schon wieder zurück. Es stellt sich heraus, dass die vermeintlich fehlende Unterschrift bereits existierte, es also gar keine Notwendigkeit gab, nach Würzburg zu fahren. Aber wie gut… ohne diesen kleinen Irrtum hätten wir uns vielleicht gar nicht auf den Weg gemacht. Das sollte so sein, meint Cosmic später in einem Café in Gerbrunn.
Wir machen uns direkt auf den Weg. Gerbrunn, der Ort seiner Kindheit. Mindestens zwanzig Jahre war er nicht da. Ich bin auch ganz aufgeregt. [Kleine Schreibpause in der Sonne.]
Ja – wo war ich… wo sind wir. Wir fahren direkt in das kleine Dorf, ohne Umwege in die Straße am Rande der Felder, wo er als kleiner Junge wohnte. Wir parken ganz in der Nähe des Hauses. Im Stückackerweg. Es ist ein einfaches, dreistöckiges Haus für mehrere Familien, in der oberen Wohnung mit Balkon auf die weiten Felder wohnte er mit Mama und Papa und den beiden Geschwistern. Die kleinste Schwester war noch nicht geboren. Ein paar Wolken haben den Himmel kurzzeitig verdunkelt, wir stehen vor der Garage. Das war das Fußballtor. Links davon kann man in den kleinen Garten gehen, der eigentlich nur ein Stück Rasen ist, das bis zu den Feldern reicht. Was für eine Weite. Wieder gelb. Wieder Raps. So weit das Auge reicht. Cosmics Blick streift nach oben, zu den Fenstern. Wir gehen wieder vor das Haus. Aus einem der offenen Fenster im Erdgeschoss schaut eine jüngere Frau, sie unterhält sich mit einer anderen Hausbewohnerin, die auf dem Treppenabsatz steht. Cosmic würde gerne noch einmal das Haus von innen sehen und erklärt, dass er hier vor vielen Jahren mit seiner Familie lebte. Ob das möglich sei? Aber ja.

Wir gehen hinein. Das Treppenhaus ist in sonnigem Gelb gestrichen. So war es auch früher schon, sagt Cosmic. Wir gehen eine Treppe tiefer, in den Keller, da gibt es eine kurze Erinnerung… irgendwas mit eingeschlossen sein… und da, an der Türschwelle, da ist die kleine Tochter vom Nachbarn in Scherben gefallen und hat sich die Knie ganz böse zerschnitten. Ja, da war das… Wir könnten ja vielleicht mal nach oben schauen, und klingeln? Warum nicht. An der Wohnungstür, ganz oben. Nach kurzem Klingeln nähert sich jemand der Tür und macht auf. Es ist eine Mama um die dreißig. Hinter ihr im Flur zwei kleine Jungs, Spielsachen auf dem Boden, ein Fußball. Cosmic erzählt, dass er hier gewohnt hat. Die Frau ist sehr freundlich und entschuldigt sich, dass sie uns nicht hereinbitten kann, weil sie gerade auf dem Sprung ist, der eine ihrer Jungs muss zum Fußballtraining. Wie alt er denn ist, fragt Cosmic. Elf. Siehst du, so alt war ich damals auch, sagt er. Es sieht noch alles so aus wie in seiner Erinnerung, kaum verändert, so weit man die Wohnung erahnen kann, beim Blick durch die Tür. Wir verabschieden uns und drehen uns um. Auf einem Treppenabsatz steht ein Gummibaum, ein Teil der Wand ist aus bunten Glassteinen. Wenn man durch den rosa Stein sieht, kann man in die Vergangenheit schauen, wie durch ein Kaleidoskop. Staunender Blick durch die Glasbausteine der Kindheit. Die Straße runter. Cosmic blickt zurück. Ich komme mit.

Nach rechts. Wo der Stückackerweg endet, und der Wald anfängt. Und die Felder. Afrika. Das kleine Waldstück, waren da alte Kabelrollen… ohne Kabel? Irgendsoetwas. Abenteuerspielplatz. Ich erinnere mich auch an solchen Tage und Plätze und Spiele in den Wäldern meiner Kindheit. Lager bauen, Feuerchen machen. Alles so ähnlich… Und auch ein Feldweg. Vielleicht wollte ich es auch deswegen so gerne sehen, weil ich an die Spiele im Wald und den Feldern meiner Kindheit dachte. So viele Ähnlichkeiten. Was Kinder eben spielen. Wir biegen in den Feldweg, am letzten Haus vorbei führt er leicht nach oben, bis zum Horizont. Der Himmel bricht auf. Cosmic erzählt noch einmal von den Flugzeugen. Und dem wichtigsten Ort, da oben, da hinten. Man sieht in der Ferne einen wild bewachsenen Hügel und da laufen wir jetzt hin. Das ist der Schutti. Der Schuttberg. Ein wildes Kinder-Königreich aus Schottersteinen und Sand und Erde. Damals noch nicht so wild und grün wie wir ihn jetzt sehen. Da oben konnte man machen was man wollte. Freies wildes Land. Schönster Spielplatz ohne Grenzen. Hier kam kein Bauer mehr hin, weil es keine Saat zu beschützen gab, zwischen Steinen und Geröll. Es ist ein Paradies. Ich denke an Island, an die Steinwüsten im Hochland, Sprengisandur, die Steinpiste. Es gibt noch Schotter und Geröll da oben, auf dem Schutti. Rundherum wilde Natur. Cosmic tanzt von einem Schotterberg zum anderen und schaut ins weite Land. Und erinnert sich. Weit zurück. Es ist, als wären wir am Ziel. Das ist der schönste Ort der Reise und dieser Nachmittag schenkt ihn uns mit tiefblauem Himmel. Stille und Wind, wie an einem Sonntag. Es ist ein Sonntag. Dieser Montag ist ein Sonntag. Daran gibt es nichts zu rütteln.

Das Bild, das sich mir zeigt, da im Osten oder ist es Süden… dieser Blick auf dieses gelbe Feld, eingebettet in saftiges gelbes Grün, irgendwo links ein altes Gemäuer, vielleicht ein Getreidespeicher. Das Bild erinnert mich an Vincent van Goghs Gemälde einer Landschaft bei Auvers. Ich habe einen Druck davon, in unrealistischen Farben, viel zu leuchtend, viel zu viel Gelb darin, viel zu viel Sommer darin. Van Goghs Original, das in der Münchner Pinakothek hängt, leuchtet viel weniger, die Farben verströmen nicht diese sommersatte Wärme, es ist viel blauer, das Original. Aber ich liebe diesen verfälschten Druck, der neben einer Tür hängt. Und immer wenn mein Blick diese Landschaft streifte, in den Wochen davor, träumte ich davon in dieser Landschaft zu sein. Durch diese Landschaft zu wandern. Ich bin kein Riesenfan von Vincent van Goghs Bildern und auch nicht von Kalenderdrucken. Aber dieses hat es mir angetan. Und da stand ich. Mittendrin in meinem Bild. In Auvers. In Gerbrunn. Es gibt das wirklich. Dabei dachte ich, dass ich vielleicht bei der Rückertwanderung darauf treffen würde, auf dieses Bild. Nicht annähernd. Ich musste nach Gerbrunn. Am siebzehnten Mai.

Auf meiner Kamera gibt es eine kurze Filmsequenz, die Cosmic zeigt, wie er über die Hügel tanzt. Ich sage tanzen, er würde vielleicht sagen stolpern. Aber ich sage tanzen. Du hast getanzt. Irgendwann wird man es sehen können. Geschnitten mit den Bildern meiner Kamerafahrt über die chronologischen Bilder unserer Zeit, wie sie da hingen, in der Disharmonie, unterlegt mit deinem Neujahrsmorgen. Der Grobschnitt, der Gänsehaut verursacht… “Unter Hügeln und am Meer, harren Trümmer uns zu lehren, dass die Zeit in Kreisen mäht, und alles Irdische vergeht…“ und springst auf den Schuttberg und drehst dich um und schaust zum Himmel.

Du nimmst noch einen Stein und wir gehen den Weg zurück. Stückackerweg. Da an dem Mäuerchen habt ihr Sweet gehört. Ballroom Blitz. Mit deinem Kassettenrekorder. Und Luftgitarre gespielt. Und da, an dem Haus da hinten da ist der heilige Georg aufgemalt. Das Bild hat dich immer schon fasziniert. Georg, der Drachentöter. Dessen Namen du trägst. Und da rechts. Das Tapeten- und Gardinengeschäft, das gibt es noch… ob es auf ist? Sieht so geschlossen aus. Oh, ein Schild, wegen Krankheit… eine ältere Frau vor dem Haus, sie weiß Bescheid… das Geschäft hat schon seit einem Jahr nicht mehr auf. Wir gehen zum Auto zurück und tuckern ein bißchen kreuz und quer durch die kleine Siedlung. Überall Erinnerungsfetzen. Vorbei an einer modernen Kirche, da schau, rechts ein Café, da könnten wir einen Kaffee trinken, ja komm. Draußen in der Sonne, im Café, Blumentöpfe überall, da hinten eine alte Kirche, neben uns ein Maibaum. Schön, ich denke an Wales. Die kleinen Dörfer in Südengland, als ich auf den Spuren von Dylan Thomas war, vor zwanzig Jahren. Genau so. Sonntagsruhe überall. Cosmic entdeckt ein Buch über Gerbrunn an der Theke. Eine Heimatchronik. Beim Blättern fällt ihm eine Todesanzeige besonders auf. Georg Adam Hofmann, geboren am 31. Oktober 1799 in Gerbrunn, gestorben am 2. April 1867. Privatier. Es gibt ein bißchen Text um seine Verdienste, er hatte wohl eine gewisse Bedeutung und setzte sich für die Abschaffung eines Zinssatzes für die Bevölkerung ein. Ich habe mir nicht gemerkt, worum es ging, aber Cosmic betrachtete lange fasziniert die Anzeige. “Schau, er hat fast den gleichen Geburtstag wie ich, am 31. Oktober geboren. Und heißt auch Georg. Und das mit diesem Zinsgeld… das ist schon merkwürdig“. Cosmic beschäftigt das Zinsgeldsystem auch. Ich fotografiere ihn mit dem Buch und die Anzeige. Vielleicht gibt es das Buch ja zu kaufen? Ich frag mal. Die Bedienung sagt, da rechts ist gleich das Rathaus, da gibt es das. Das Rathaus hat leider schon zu. Was? Schon 19 Uhr? Das ist unglaublich. So lange sind wir schon unterwegs? Die Zeit ist wie im Flug vergangen. Komm, lass uns noch eine rauchen und vielleicht noch einen Cappuccino…?

Auf vergessenen Wegen zurück mit dem Auto durch Gerbrunn, da schau, in dem Laden haben wir an Fasching immer Luftschlangen gekauft und da Eis… Cosmic ist ganz weit weg und doch ganz nah. Die Straße nach Würzburg. Er hat einen besonderen Ort im Auge, in seinem undurchschaubaren Hinterkopf. Da will er hin. Ja, das muss ich dir auch noch unbedingt zeigen. Den Schützenhof. Es geht beinah serpentinenartig nach oben. Ich bin sehr fasziniert von den Weinbergen mitten in der Stadt, beinah irreal. Sehr schön. Immer weiter nach oben. Es lohnt sich, du wirst es sehen, sagt Cosmic. Wir sind am Ziel. Über den Hügeln der Stadt, auf dem Nikolausberg. Es ist ein Biergarten mit einem unfassbar weiten Blick über das Maintal. Der Fluß mäandert zwischen Weinbergen, wenn man es nicht wüßte, könnte man denken, es ist der Rhein, irgendwo an der Loreley. Ein Ort, an dem Cosmic an vielen Sonntagen mit seiner Familie war. Man fuhr zum Essen hin, es gab Schnitzel und Pommes Frites und erfreute sich an dem schönen Ausblick. Und es gab einen Papagei in der Wirtstube und andere Tiere. Eine Ziege ist immer noch da, schau. Wir sitzen auf den rotlackierten Gartenstühlen, die gleichen Stühle und Tische wie früher. An einem Tisch an der Mauer kann ich weit das Maintal überblicken. Diesen Ort besuchen vor allem die Würzburger, sagt Cosmic, Touristen kennen das gar nicht. Cosmic trinkt ein Bier, ich nur Wasser, was ich mir eigentlich so gut wie nie bestelle, aber mir ist so. Wir wollen ja noch essen gehen. Es ist ein bißchen nieselig geworden und der Biergarten fast leer, der richtige Moment um zu gehen. Ein schöner Ort.

Bergabwärts, links, ah – da rechts da war doch ein Schwimmbad… das gibt es nicht mehr, interessant… Wir fahren in die Innenstadt, die Altstadt. Das empfohlene Restaurant hat heute am Montag Ruhetag, aber unweit am Marktplatz gefällt uns der Ratskeller. In einer Nische im Gewölbe studieren wir die imposante Karte mit regionalen Leckereien. Geld spielt heut keine Rolle, komm! Ich bin auf dem Silvaner-Trip und weiß auf jeden Fall schon, was ich trinke. Cosmic muss ja noch fahren und bestellt brav ein Spezi. Ich habe noch nie einen Autofahrer getroffen, der so gewissenhaft seinen Alkohol-Pegel überwacht. Ich bin stolz auf ihn Und was haben wir eigentlich gegessen? Ein Blick auf die online-Speisekarte bringt mir ein déjà vu bei „Bürgermeisterplatte Tournedo vom Rind und Schweinefilet mit Sc. Béarnaise und grüner Pfeffersoße, Bohnenbündchen und Berner Rösti“ und Cosmic hatte möglicherweise ein Schnitzel aber das darf hier nicht erwähnt werden, also überlesen Sie bitte diese unvegetarische Unpässlichkeit. In Wahrheit hat er natürlich nur den Kartoffelsalat gegessen und mir das Schnitzel überlassen. Ich brauche einfach Unmengen Fleisch! Der Ratskeller also… ja. Ich tauche in diesen Tag und was finde ich noch… Der Weg führte nicht direkt zurück nach Schweinfurt, sondern über einen schönen Umweg, nach Gaibach, wo das Aufnahmestudio von Sven Peks im „Alten Forsthaus“, einer idyllischen ehemaligen Ruine liegt. Dort wurde die poetrYclub-Platte „Goldene Zeit“ vor fünf Jahren gemischt. Leider ist keiner da. Aber in der Nähe, ist noch etwas Sehenswertes – die Konstitutionssäule von Gaibach, zu Ehren der bayrischen Verfassung errichtet. Die Sonne geht langsam unter, und ich kann mir vorstellen, warum das ein attraktiver Treffpunkt war, für die kids, damals. Ein bißchen was rauchen, die Sonne untergehen sehen… wir kehren zurück. Und da ist noch dieser Baggersee von dem ich hörte. Es ist noch nicht dunkel, aber man ahnt es schon. Ein paar Enten und Schwäne auch irgendwo. Ein bißchen zu aufgeräumt, das Seeufer. Ein bißchen zu glatt, ein bißchen zu gerade. Kein Ruf der Wildnis. Mehr wie ein Parksee, den man nur anschaut, aber sich nicht in die Fluten stürzt. Wir haben so viel Schönes gesehen an diesem Tag. Wir brauchen keinen Baggersee.
Mephisto. Noch einmal… ich sehe auf dem Foto, auf den Bildern, diesen Stapel. Die A-Serie meiner Bilder, die ausgestellt waren. Diese 126 Bilder der Cosmic-Gaga-Collection. Zwei Jahre, die wir mehr oder weniger miteinander verbrachten. Mal mehr, mal weniger. Aber immer intensiv. Ich hatte die Bilder nach dem Konzert in der Disharmonie vergessen, es gibt drei komplette Sätze. Und einen davon wollte Cosmic mir gerne abkaufen. Ich zögerte. Warum, soll unerwähnt bleiben, aber ich zögerte lange. Er sagte es zum ersten Mal, als er die Bilder nur auf Fotografien gesehen hatte. Dann wieder. Und wieder. Ich war hin- und hergerissen. Nach diesem Tag, auf dem Weg ins Mephisto, als ich das wiedergewonnene Paket auf der Fußmatte liegen sah, hob ich es auf. Nahm es mit. Und in dieser Bar fiel mir ein, dass ich ihm wenigstens eines schuldig war. Er war ja auf fast allen Bildern. Mehr als der Hälfte. Und er hatte als einziger richtig erraten, aus wievielen Bildern ich diese hundertsechsundzwanzig selektierte. Hundertsechsundzwanzig von Zweitausendirgendwas. Ich hab die Zahl wieder vergessen. Ein blödes Ratespielchen in einem facebook-Kommentar. Sag eine Zahl, sag ich. Cosmic: „Dreiunddreißig“. Ich ziehe die Postkarte mit der Nummer dreiundreißig aus dem Set. Ein Bild, das ich sehr mag. Er auch. Er schwankte, nannte noch eine andere Nummer, sechsundsechzig. Auch schön. Mag ich auch sehr. Aber nimm die dreiundreißig. Die ist es. Ich kritzle eine Widmung auf die Rückseite. Und es ist so dunkel in der Bar, so schummrig, dass Cosmic nicht alles sofort entziffern kann. Vor allem die letzte Zeile, das unter dem Datum. Ich lese ihm vor. „SWC, 17. Mai 2010, (historisch(es Datum)“. Er schaut ein bißchen so ähnlich wie als er durch die Glasbausteine in Gerbrunn schaute, als ich ihm in Erinnerung bringe, das heute der siebzehnte Mai ist. Und auch vor zwei Jahren der siebzehnte Mai war. Und wir uns vor zwei Jahren begegneten. Ich weiß nicht genau, woher die glitzernde Stelle in deinem Augenwinkel kam. Aber meine, das weiß ich genau. „Komm, lass uns wenigstens noch ein gemeinsames Foto machen…“ Denn eine Nummer fehlte noch. Es ist die Nummer Hundertsiebenundzwanzig. 127 Augenblicke Ewigkeit.
10-05-17 (92)
[…alle Bilder vom 17. Mai…]

18. Juni 2010

„Der deutsche Kader braucht immer gleich ne Psychotherapie, wenn mal was in die Hose geht, anstatt Eier zu zeigen und sich zu sagen Neues Spiel, neues Glück! Und zwar innerhalb EINES Spieles. Das finde ich auf Dauer ein bißchen sissymäßig.“
Noch so ein fb-Kommentar von Frau Nielsen. Von heute natürlich. Ich poste euch jetzt meine Kommentar-Highlights, so lange ich keine gescheiten neuen Blogeinträge verfasse, okay? (aber kommt bald wieder)

18. Juni 2010

„Der deutsche Kader braucht immer gleich ne Psychotherapie, wenn mal was in die Hose geht, anstatt Eier zu zeigen und sich zu sagen Neues Spiel, neues Glück! Und zwar innerhalb EINES Spieles. Das finde ich auf Dauer ein bißchen sissymäßig.“
Noch so ein fb-Kommentar von Frau Nielsen. Von heute natürlich. Ich poste euch jetzt meine Kommentar-Highlights, so lange ich keine gescheiten neuen Blogeinträge verfasse, okay? (aber kommt bald wieder)

17. Juni 2010

Etwas Großes zu schenken
(der Welt)
bedeutet,
Etwas Großes zu denken
(auch sich selbst)

(nur so’n facebook-Kommentar v. Fr. Nielsen)

12. Juni 2010

Nicht les‘ ich in der Sterne Schicksalsbuch
Und doch glaub‘ ich, versteh ich solche Kunst
Nicht meld‘ ich von der Zeiten Glück und Fluch
Von Not und Seuchen und der Stunde Gunst
Auch der Minuten Lauf verkünd‘ ich nicht
Was jede bringt, ob Regen, Blitz und Winde
Von keiner großen Fürsten Zukunft spricht
Die Weissagung, die ich am Himmel finde
Aus deinen Augen schöpf‘ ich meine Kunde
(…)
William Shakespeare, XIV. Sonett
Übersetzung Max Josef Wolff, 1903

10. Juni 2010

Lustige Anfrage von Frau F., haben bestimmt viele von euch auch bekommen. Frau F. fragte im Auftrag eines Auftraggebers an, ob ich bereit wäre, in meinem Blog gegen Honorar Werbung zu platzieren. Natürlich bin ich bereit, für ein Schwimmbad voller Goldtaler in Entenhausen, ein Zipfelchen von meinem hübschen Blog herzugeben, sofern die Reklame sich geschmeidig in mein handgeklöppeltes Drumherum einfügt und ein tolles Produkt, das ich sowieso konsumiere, damit hofiert wird. Frau F. wollte mir aber nur 100 US Dollar im Jahr geben und leider auch nicht für was, was ich benutze, was ja doof ist. Deswegen hab ich ihr das geschrieben:
Liebe Frau F.,
ich bin leider etwas überfordert mit der Identifikation Ihrer Text-Werbung innerhalb der beispielhaft verlinkten Blogs. Bei diesen Beispielen findet sich mehrfach Werbung unterschiedlicher Art in den Seitenleisten. Aber insgesamt spricht mich das vom Layout her leider gar nicht an – das ist mir zu hektisch. Mein Blog hat vor allen Dingen den Anspruch der Welt-Poetisierung, auch in ästhetischer Hinsicht, da passt Ihr freundliches Angebot leider nicht hinein. 100 USD ist da schon ein bißchen wenig Schmerzensgeld.
Sicher werden Sie noch vielfach unter anderen Blogs fündig!
Wenden Sie sich gerne an mich, wenn Sie eine neue Idee in der Hinsicht haben, die ästhetisch und inhaltlich mit meinen Vorstellungen kompatibel ist. Ich bin in keinster Weise abgeneigt, Produkte zu hofieren, die ich gerne konsumiere. Zum Beispiel Veuve Cliquot ;-)
Viele Grüße aus Berlin
Gaga Nielsen

——– Original-Nachricht ——–
Datum: Wed, 9 Jun 2010 15:48:25 -0400
Von: „Susi F.“
An: „Gaga Nielsen“
Betreff: Re: Ich habe eine Frage über Ihres Blog Gaga Nielsen
Sehr geehrte Frau Nielsen,
Vielen Dank für Ihre Rückmeldung. Ja, dass ist unsere Website. Meine Kunde ist Vxxxxx (http://www.vxxxxx.de). Wir möchten einen Textlink auf einer der Unterseite platzieren. Wir können den Link in dem schon geschriebenen Text integrieren. Es gibt keinen Banner, keinen Button und kein Gewinnspiel, nur Text.
Hier gibt ein Paar Beispiele:
http://thepubliceyeblog.blogspot.com/2007/10/was-fotografinnen-brauchen-notizbcher.html
(Visitenkarten)
http://alexander-baumbach.de/2009/12/von-diskreditierungen-und-strafverfahren
(Kalender)
Wir können 100 USD anbieten, um den Textlink für ein Jahr zu platzieren.
(…) Grußformel

Meine Antwort ist doch ganz okay, oder?

09. Juni 2010

Fortsetzung des kleinen Reisetagebuchs. Sonntag, 16. Mai 2010. Der neue Tag nach unserem Konzert in der Disharmonie bricht streng genommen bereits mitten in der Nacht an. Zu sieben Uhr dreißig ist Treffpunkt am Theater in SWC, Abkürzung für Schweinfurt City, wie ich lernen durfte. Wir haben Hoffnung, dass die Sonne die sich nach Lausbubenmanier allzu gerne versteckt, sich vielleicht an diesem hohen Tag, immerhin der Geburtstag Rückerts, für ein paar Stunden blicken lassen wird. Am Treffpunkt steht ein Bus parat, der schon sehr ordentlich mit überwiegend älteren Herrschaften besetzt ist. Der schätzungsweise cirka siebzigjährige Herr Schömburg, der die Wanderung anführen wird, auch ein großer Rückertfreund, begrüßt uns launig mit Handschlag. Auch die anderen Mitwanderer entbieten den hiesigen Gottesgruß. Die gutgelaunte Truppe scheint schon von früheren Geselligkeiten untereinander bekannt zu sein und hat allerhand zu plaudern.

Cosmic steuert auf den erwiesenen Vorzugsplatz, die noch unbesetzte Rückbank. Da es sich bei uns beiden um ordentlich gewachsene Menschen handelt, ist nunmehr kein Spielraum mehr auf der Bank. Ich ziehe mir die Schuhe aus und nutze den noch ebenfalls unbesetzten, vor mir befindlichen Zweier-Sitzplatz um die Beine etwas hochzulegen und damit den Blutkreislauf zu entlasten. Schließlich müssen Kräfte für die anstehende zwanzig Kilometer-Wanderung zu Ehren des großen Dichterfürsten gesammelt werden. Eine ältere Dame fragt nach, wie es dazu käme, dass wir beide diese Wanderung machen wollten. Cosmic erhellt seinen Bezug zu Rückert und fügt hinzu, dass er die erwähnten Vertonungen erst am Abend zuvor in der Disharmonie zu Gehör gebracht hat. Die Erwähnung der Disharmonie verursacht der Dame sichtliches Unbehagen, dem sie in deutlichen Worten Ausdruck verleiht. Die Macher wären früher ihre Nachbarn gewesen, als es noch an einem anderen Standort war und die hätten nie alles ordentlich aufgeräumt und laut war es auch immer. Oder so ähnlich. Cosmic verteidigt die jetzigen Veranstalter, dass es sich offenbar um eine Verwechslung handeln müsste, aber die Dame beharrt unerbittlich auf ihren unerquicklichen Erinnerungen.

Ich erinnere, dass heute der Geburtstag von Herrn Rückert sei und wir den Dichter heute ehren wollen und ich mich schon darauf freuen würde, wenn der Herr Schömburg vielleicht sogar ein Rückert-Gedicht zitieren würde. Die Dame entgegnet keck „Sie können ja ein Gedicht aufsagen!“ Dem triumphierenden Gesichtsausdruck nach zu urteilen, annehmend, dass von mir jungem Gemüse nichts derartiges zu erwarten sei. Sportlich und ohne Zeitverzug pariere ich schön betonend „Die Liebe saß im Mittelpunkt und blickte rings ins Ferne. Und wo von ihr ein Blick hinfunkt, erblüh’n am Himmel Sterne!“ Mein doch recht kurzer Vortrag hat offenbar das Herz der Dame zum Erweichen gebracht, denn der nassforsche Gesichtsausdruck weicht einem zuerst überraschten und dann geradezu weichen, ja verklärtem Blick. „Oh… – – – “ höre ich eine beinahe sprachlos entzückte Mitwandererin raunen „Wunderschön…! Das ist ja wunderschön. Seh’ns… und ich kenn nicht mal ein einziges Gedicht!“

Der Bus zuckelt los und nimmt noch hie und da weitere Wandersgesellen auf, darunter leider nicht unser erwarteter Dr. Kreutner, der große Vorsitzende der Rückert-Gesellschaft. Denn der habe gestern eine „ungute Bewegung“ gemacht, erläutert Herr Schömburg, und sei deswegen unpässlich. Umso größer die Freude, als der Bus erneut an einer Landstraße hält und sich ein etwas jüngerer Wandersmann hinzugesellt. Ich habe diesen Kopf schon auf Cosmics facebook-Profil entdeckt. Der Kopf hat schon mal kommentiert und ein schwer psychedelisches Video verlinkt, welches mich mächtig beeindruckte. Es ist sein Freund Uli. Der Sohn unseres Wanderführers und ein guter alter Freund von Cosmic. Was für eine Freude. Er hat noch nie an einer der Wanderungen teilgenommen, die sein Vater nun schon seit vielen Jahren durchführt, aber heute war der Tag gekommen! Uli nimmt auf einer Sitzbank vor uns Platz und wir fangen an zu erzählen. Uli kommt mir gar nicht fremd vor, eigentlich wie jemand, den man schon immer kennt.

Halt! Eine Wallfahrtskirche. Alle aussteigen. Kirche zu. Alle einsteigen. Herr Schömburg weiß zu jeder Kirche, die auf unserem Weg liegt, viel zu erzählen. Und Bildstöcke! Gerade die Bildstöcke am Wegesrand mit Darstellungen von Heiligen und Ereignissen, an die man sich gerne zurückerinnert (Mildtätigkeit, Wunder, Heilung) gefallen Cosmic und mir ausnehmend gut und inspirieren uns zu synchronen Phantastereien, welchen Begebenheiten aus unserem Leben man Ehre mit dem einen oder anderen Bildstock in Berlin zollen könnte. Mir fällt zum Beispiel der ereignisreiche Tag ein, als ihm sein Freund Micha das Rückertbüchlein auf den Tisch legte und er sogleich drei Gedichte vertonte, alles an einem Nachmittag! Das wäre wahrlich einen Bildstock wert. Man könnte Cosmic an einem alten, gedrechselten Tisch sitzend darstellen, die in Lettern auf Papier manifestierte Gabe aus Freundeshand empfangend. Der Blick so leicht schräg nach oben, gen Himmel.

Der Himmel tut sich auf, wir wandern am Alt-Main entlang, wo das Flussbett noch nicht begradigt wurde. Herr Schömburg erzählt, dass er auch musiziert und dass jeder seinen eigenen Rückert hat. Der eine hat den Liebesfrühling-Rückert, der andere hat den Totenlieder-Rückert und wieder ein anderer hat wieder einen anderen Rückert. Der ehemalige Bürgermeister von Schweinfurt wandert auch mit und entpuppt sich als Vogelkenner. Eine Nachtigall will er erkannt haben und auf jeden Fall einen Pirol! Pschht! Tirilirilii macht der Pirol.

Wir wandern auf blumigen Wiesenwegen und Herr Schömburg erklärt, warum der alte Rückert Anno Dingenskirchen überhaupt diese lange Strecke gewandert ist. Er war eigentlich mit der Kutsche unterwegs, von Coburg Richtung Schweinfurt, auf dem Weg zu Weinlese im elterlichen Weinberg (wo sagenhaft, aber wahr Cosmics Elternhaus steht, wie bereits mitgeteilt) und in dieser Kutsche hatte er Gesellschaft von wohl circa drei Damen, die ihm zu viel dummes Zeug redeten. Bei Eltmann stieg er aus. Lieber ging er den weiten Weg allein auf Schusters Rappen, als das Geschnatter weiter zu ertragen, wie er später in einem Brief festhielt. Und so stieg er aus, und wanderte einmal und nie wieder diese Strecke. Zwanzig Kilometer ungefähr.

Wir wandern über Stock und Stein und Herr Schömburg erzählt mir eine ganze Menge. Ich bin beeindruckt, dass er von ein
er Sache mehr weiß, als Dr. Kreutner, der Vorsitzende der Rückertgesellschaft, nämlich, was es mit den Jahren um den Tod von Rückerts Frau Luise auf sich hat. Schreibtechnisch! Hat er nun seinen Schmerz über den Verlust in Zeilen gefasst oder ist er verstummt, wie Kreutner meinte, als ich ihn darauf ansprach? Herr Schömburg erzählt, in welcher antiquarischen mehrbändigen Ausgabe er späte Verse von Rückert aus dieser Zeit gelesen hat. Er beschriebe in einem Gedicht sogar ihr blasses Antlitz, ihr Totengesicht. Ich bin beeindruckt von unserem Wanderführer. Eine kleine Rast auf einer Waldlichtung am Fluss. Cosmic und ich haben weder Rücksäcke noch Proviant dabei, aber Uli schenkt uns einen Apfel, den er für uns mit seinem Taschenmesser teilt.

Die nächste Rast ist dann auch schon das Mittagessen in einem zünftigen Turnheim (oder wie man das nennt). Schnitzel und so Sachen sind auf der Speisekarte. An den Fenstern hängen Gardinen, die man früher Stores genannt hat. Und Wimpel. So Zeugs. Der Kaffee ist das Komplizierteste, weil die Maschine neu geliefert ist und die Bedienung erst die Betriebsanleitung lesen muss, aber sie hat es geschafft! Draußen ein Zigarettchen. Wir spielen Kung Fu Fighting auf dem Sportrasen und Cosmic, der Super-Handballer (früher) unterstellt mir einen Hang zu unkoordinierten Bewegungen. Ich wäre bestimmt so eine gewesen, die den Ball immer verhauen hat. Also irgendwo hingeworfen, wo er nicht hingehört. Ich bin empört, aber er hat Recht. Ich hab nicht gut geworfen, aber aus Faulheit, weil es mir schnurzpiepegal war. Ich und unkoordiniert! Frechheit! Das wird er noch büßen, mir solche schlimmen Sachen zu unterstellen, ich schmiede bereits an einem Racheplan.

Ich kann leider gar nicht sagen, wie die Kirchen auf unserem Weg alle geheißen haben, in denen wir waren, aber jede hat etwas für sich. In einer ist sogar Gottesdienst! Die Mitwandererin, die ich mit meinem Sprüchlein im Bus zu rühren vermochte, erkennt fachmännisch, dass eine Kommunion gegeben wird. Sehr schöne Kostüme sind zu sehen. Das kennt man ja von den Katholiken, aber man geht viel zu selten zu so einer Aufführung! Auch hat das Volk sehr schön und andächtig mitgesungen. Die Reihenfolge von den Kirchen weiß ich auch nicht mehr genau, aber das ist ja auch nicht so wichtig. In einer waren so Klosterfrauen-Gruften mit schöner Bildhauerei drauf. Zum Beispiel der Totenkopf vom FC Sankt Pauli!

Draußen auf dem Kirchhof war dann schöne Sonne und ich hab schöne Fotos von Uli und Cosmic gemacht, wo man gleich denkt, wir hatten dauernd schönes Wetter. Daran erinnert man sich gerne. Uli lacht sehr schön und Cosmic spielt Vogel flieg. Das ist mir erst aufgefallen, als ich die Fotos daheim angeschaut habe. Wie kann man so ein schönes Foto zufällig machen. Sachen gibt’s…

Nach einer Weile kommen wir sogar zu einem Quellsee mit einer unterirdischen Höhle und einem Flüsschen, wo das Gestein ganz orange war, weil viel Eisen drin ist. Glaub ich. Manche haben Kneipp-Badekur gespielt aber wir hatten keine Lust die Schuhe und die Strümpfe auszuziehen. Die Sonne war auch gerade wieder weg und Cosmic setzt sich die Kapuze auf und sieht aus wie Merlin, der jeden Baum beim Vornamen kennt. Dann hat er die Sonne wieder herbeigezaubert und wir waren auf einem Lehrpfad, wo so Sachen zum Natur lernen aufgebaut waren. Eine Biberburg und lauter Baumstämme aus verschiedenen Hölzern. Da konnte man draufhauen und den Unterschied hören, wie hart Eichenholz ist im Gegensatz zu Weide oder Pappel. Das haben fast alle gemacht, den Hammer geschwungen und draufgehauen. Cosmic auch. Ich hab nur zugeschaut. Zu faul! Weiter geht die Wanderung (wanderwanderwander). Eine Weile ist Cosmic ganz vorne, als wollte er die Gruppe anführen, Uli und ich trödeln hinterher, sehen ihn und den Rest der Gruppe nur noch in der Ferne und erzählen uns Geschichten von früher. Er von seinen Ausbüchsereien nach Indien und Berlin, ich erzähle ihm Indianergeschichten.

Wir kommen zu einem Schloß, das Cosmic und mir super gefällt. Ich mache gleich Fotos, wo man einwandfrei sieht, dass Cosmic der geborene Schloßherr ist, ja wie dafür gemacht. Bei keinem anderen aus der Wandergruppe könnte man denken, dass ihm das Schloss gehört, aber die Art schon alleine, wie familiär Cosmic auf das Schloßportal zugeht. Das kann kein Zufall sein! Sicher ist Reinkarnation im Spiele!

Nach dem Schloßbesuch waren wir noch in einer Kirche, die rund war, mich aber trotzdem nicht beeindruckt hat und dann noch ein jüdisches Viertel und dann in eine Gastwirtschaft. Cosmic, Uli, sein Papa Schömburg und ich setzen uns draußen in die späte Nachmittagssonne und trinken einen Haufen Cappuccino. Herr Schömburg isst Wurstsalat und trinkt dazu ein Bier. Wir machen lustige Fotos, auf einem winkt Uli in die Kamera, damit es richtig schön nach Ausflug und Erinnerungsfoto ausschaut. Das hat auch einwandfrei geklappt, wie man sieht.

Die Wandergesellschaft im Inneren der Gastwirtschaft findet kein rechtes Ende mit der Kaffeetrinkerei und Cosmic muss dem Herumgetrödel ein Ende bereiten, weil wir schließlich alsbald zurück nach Schweinfurt müssen, um pünktlich zu unserer Essenseinladung zu kommen. Es gibt Spargel und einen Nachtisch, der Cosmic schon in Gedanken in Aufruhr versetzt. Also los jetzt.
Schnell umziehen! Die erdverkrusteten Schuhe aus und saubere Sachen an! Zu Füßen des Beifahrersitzes liegt die Tüte mit den drei Flaschen Wein, die ich als Mitbringsel zum Essen gekauft habe. Eine Notfallaktion am Tag vorher, dem Samstag als wir zur Probe unseres Auftritts aufbrachen. Schnell! Ein Weinladen! Wo? Hier! Okay! Ich steig schnell aus, bin gleich zurück! Laden schon zu, klopf klopf, macht auf. Wie nett! Sehe gar nicht gleich, dass ich in einem italienischen Weingeschäft gelandet bin. Unwirsch bemängle ich das ausschließlich aus Weinen italienischer Herkunft bestehende Sortiment. Die Frage nach dem besten Weißwein, zu Spargel passend und bitte möglichst überhaupt nicht fruchtig, gerne Richtung Grüner Veltliner oder Vinho Verde (spritzig, trocken), wird abschlägig beschieden. Das würde ja gar nicht zum Spargel passen. Ich hoffe immer noch, dass so ein kleiner Einzelhändler fachmännische Kenntnisse haben könnte und ich nur wieder unbelehrbar auf meinen Vorurteilen herumreiten will, zeige mich also in der Not willig und verlasse mit drei verschiedenen Flaschen italienischer Rebsäfte seiner Empfehlung das Geschäft. Cosmic berichte ich den misstrauenerregend günstigen Preis für drei Flaschen des geforderten „besten Weins“. Sicher alles nur Vorurteile! Und gibt es nicht Menschen, die freiwillig Wein aus Italien trinken? Eben!
Wir kommen an. Als Cosmic einparkt, erkenne ich seinen Bruder, der uns durch die Scheibe zuwinkt. Er ist mit seiner kleinen Familie gekommen, die auch gerade aus dem Auto aussteigt. Aus dem Wohnzimmer dringt Fussballbegeisterung in die Küche. Ein wichtiges regionales Spiel, die Mannschaftsaufstellung habe ich leider vergessen. Cosmics Schwestern wuseln in der Küche herum, um allen ein schönes Mahl zu zaubern. Ich bin ganz angetan von den schönen Wackersteinen auf den Töpfen, in denen sich der Zaubernachtisch nach Mama-Rezept befindet. Kartoffeln müssen noch geschält werden und die Sauce Hollandaise! Oder war es Bernaise? Auf jeden Fall muss Cosmic mithelfen. Das macht er sehr gut. Nach Anleitung seiner kleinen Schwester rührt er vorsichtig die Soße, die wenig später auf dem schön gedeckten Tisch steht. Der Wein wird geöffnet. Mir ist ein wenig bang. Die Farbe ist schon etwas misstrauenserregend. Dieser gelbliche Farbton lässt nichts Gutes befürchten. Aha. So schmeckt also ein Wein, der nach Ansicht des Verkäufers zum Spargel zu empfehlen wäre. Mir fehlen zwar die Worte, aber mutig bekenne ich, dass es sich bei dem mitgebrachten Tropfen nicht um ein Getränk handelt, das ich weiter zu trinken gedenke. Nicht dass der Wein ausgesprochen schlecht wäre, wahrscheinlich sogar recht vollmundig, sofern man im Einzelfall auf einen beerig lieblichen Tropfen mit einer ausgeprägten Natursüße aus sein sollte. Erlösung naht. Cosmics Papa hat noch eine offene Flasche Riesling griffbereit. Der Abend ist gerettet! Und danach einen schönen Julius-Spital Silvaner. Der Spargel ist genauso wunderbar wie die Kartoffeln, der zarte Schinken, und die Sauce Bernaise oder Hollandaise. Der österreichische Nachttisch Mohr im Schlafrock Hemd nach Mama-Rezept befindet sich auf dem deutschen Drogenindex.

Der Abend endet auf der lauschigen Terrasse mit einem Pfeifchen und einem Zigarettchen und noch einem und dem wunderbaren Silvaner und Papa und Cosmic und Schwester und Schwester und Bruder und Schwägerin und Nichte und Neffe und Sebastian und einem Geburtstagsständchen über’s Telefon nach New York. Nicht nur Friedrich Rückert hat an diesem Tag Geburtstag. Woran erkennt man, dass der Mond zu- oder abnimmt, fragt Cosmics Papa in die Runde. Und erklärt den gegensätzlichen Bogen sehr schön mit zwei lateinischen Begriffen, was zu veritabler himmlischer Verwirrung führt. Aber schön! Der Abend. Ich glaube, den Hunden hat er auch gefallen. Doch ganz bestimmt. Und mir sowieso.
alle Bilder.

10. Juni 2010

Lustige Anfrage von Frau F., haben bestimmt viele von euch auch bekommen. Frau F. fragte im Auftrag eines Auftraggebers an, ob ich bereit wäre, in meinem Blog gegen Honorar Werbung zu platzieren. Natürlich bin ich bereit, für ein Schwimmbad voller Goldtaler in Entenhausen, ein Zipfelchen von meinem hübschen Blog herzugeben, sofern die Reklame sich geschmeidig in mein handgeklöppeltes Drumherum einfügt und ein tolles Produkt, das ich sowieso konsumiere, damit hofiert wird. Frau F. wollte mir aber nur 100 US Dollar im Jahr geben und leider auch nicht für was, was ich benutze, was ja doof ist. Deswegen hab ich ihr das geschrieben:
Liebe Frau F.,
ich bin leider etwas überfordert mit der Identifikation Ihrer Text-Werbung innerhalb der beispielhaft verlinkten Blogs. Bei diesen Beispielen findet sich mehrfach Werbung unterschiedlicher Art in den Seitenleisten. Aber insgesamt spricht mich das vom Layout her leider gar nicht an – das ist mir zu hektisch. Mein Blog hat vor allen Dingen den Anspruch der Welt-Poetisierung, auch in ästhetischer Hinsicht, da passt Ihr freundliches Angebot leider nicht hinein. 100 USD ist da schon ein bißchen wenig Schmerzensgeld.
Sicher werden Sie noch vielfach unter anderen Blogs fündig!
Wenden Sie sich gerne an mich, wenn Sie eine neue Idee in der Hinsicht haben, die ästhetisch und inhaltlich mit meinen Vorstellungen kompatibel ist. Ich bin in keinster Weise abgeneigt, Produkte zu hofieren, die ich gerne konsumiere. Zum Beispiel Veuve Cliquot ;-)
Viele Grüße aus Berlin
Gaga Nielsen

——– Original-Nachricht ——–
Datum: Wed, 9 Jun 2010 15:48:25 -0400
Von: „Susi F.“
An: „Gaga Nielsen“
Betreff: Re: Ich habe eine Frage über Ihres Blog Gaga Nielsen
Sehr geehrte Frau Nielsen,
Vielen Dank für Ihre Rückmeldung. Ja, dass ist unsere Website. Meine Kunde ist Vxxxxx (http://www.vxxxxx.de). Wir möchten einen Textlink auf einer der Unterseite platzieren. Wir können den Link in dem schon geschriebenen Text integrieren. Es gibt keinen Banner, keinen Button und kein Gewinnspiel, nur Text.
Hier gibt ein Paar Beispiele:
http://thepubliceyeblog.blogspot.com/2007/10/was-fotografinnen-brauchen-notizbcher.html
(Visitenkarten)
http://alexander-baumbach.de/2009/12/von-diskreditierungen-und-strafverfahren
(Kalender)
Wir können 100 USD anbieten, um den Textlink für ein Jahr zu platzieren.
(…) Grußformel

Meine Antwort ist doch ganz okay, oder?

09. Juni 2010

Fortsetzung des kleinen Reisetagebuchs. Sonntag, 16. Mai 2010. Der neue Tag nach unserem Konzert in der Disharmonie bricht streng genommen bereits mitten in der Nacht an. Zu sieben Uhr dreißig ist Treffpunkt am Theater in SWC, Abkürzung für Schweinfurt City, wie ich lernen durfte. Wir haben Hoffnung, dass die Sonne die sich nach Lausbubenmanier allzu gerne versteckt, sich vielleicht an diesem hohen Tag, immerhin der Geburtstag Rückerts, für ein paar Stunden blicken lassen wird. Am Treffpunkt steht ein Bus parat, der schon sehr ordentlich mit überwiegend älteren Herrschaften besetzt ist. Der schätzungsweise cirka siebzigjährige Herr Schömburg, der die Wanderung anführen wird, auch ein großer Rückertfreund, begrüßt uns launig mit Handschlag. Auch die anderen Mitwanderer entbieten den hiesigen Gottesgruß. Die gutgelaunte Truppe scheint schon von früheren Geselligkeiten untereinander bekannt zu sein und hat allerhand zu plaudern.

Cosmic steuert auf den erwiesenen Vorzugsplatz, die noch unbesetzte Rückbank. Da es sich bei uns beiden um ordentlich gewachsene Menschen handelt, ist nunmehr kein Spielraum mehr auf der Bank. Ich ziehe mir die Schuhe aus und nutze den noch ebenfalls unbesetzten, vor mir befindlichen Zweier-Sitzplatz um die Beine etwas hochzulegen und damit den Blutkreislauf zu entlasten. Schließlich müssen Kräfte für die anstehende zwanzig Kilometer-Wanderung zu Ehren des großen Dichterfürsten gesammelt werden. Eine ältere Dame fragt nach, wie es dazu käme, dass wir beide diese Wanderung machen wollten. Cosmic erhellt seinen Bezug zu Rückert und fügt hinzu, dass er die erwähnten Vertonungen erst am Abend zuvor in der Disharmonie zu Gehör gebracht hat. Die Erwähnung der Disharmonie verursacht der Dame sichtliches Unbehagen, dem sie in deutlichen Worten Ausdruck verleiht. Die Macher wären früher ihre Nachbarn gewesen, als es noch an einem anderen Standort war und die hätten nie alles ordentlich aufgeräumt und laut war es auch immer. Oder so ähnlich. Cosmic verteidigt die jetzigen Veranstalter, dass es sich offenbar um eine Verwechslung handeln müsste, aber die Dame beharrt unerbittlich auf ihren unerquicklichen Erinnerungen.

Ich erinnere, dass heute der Geburtstag von Herrn Rückert sei und wir den Dichter heute ehren wollen und ich mich schon darauf freuen würde, wenn der Herr Schömburg vielleicht sogar ein Rückert-Gedicht zitieren würde. Die Dame entgegnet keck „Sie können ja ein Gedicht aufsagen!“ Dem triumphierenden Gesichtsausdruck nach zu urteilen, annehmend, dass von mir jungem Gemüse nichts derartiges zu erwarten sei. Sportlich und ohne Zeitverzug pariere ich schön betonend „Die Liebe saß im Mittelpunkt und blickte rings ins Ferne. Und wo von ihr ein Blick hinfunkt, erblüh’n am Himmel Sterne!“ Mein doch recht kurzer Vortrag hat offenbar das Herz der Dame zum Erweichen gebracht, denn der nassforsche Gesichtsausdruck weicht einem zuerst überraschten und dann geradezu weichen, ja verklärtem Blick. „Oh… – – – “ höre ich eine beinahe sprachlos entzückte Mitwandererin raunen „Wunderschön…! Das ist ja wunderschön. Seh’ns… und ich kenn nicht mal ein einziges Gedicht!“

Der Bus zuckelt los und nimmt noch hie und da weitere Wandersgesellen auf, darunter leider nicht unser erwarteter Dr. Kreutner, der große Vorsitzende der Rückert-Gesellschaft. Denn der habe gestern eine „ungute Bewegung“ gemacht, erläutert Herr Schömburg, und sei deswegen unpässlich. Umso größer die Freude, als der Bus erneut an einer Landstraße hält und sich ein etwas jüngerer Wandersmann hinzugesellt. Ich habe diesen Kopf schon auf Cosmics facebook-Profil entdeckt. Der Kopf hat schon mal kommentiert und ein schwer psychedelisches Video verlinkt, welches mich mächtig beeindruckte. Es ist sein Freund Uli. Der Sohn unseres Wanderführers und ein guter alter Freund von Cosmic. Was für eine Freude. Er hat noch nie an einer der Wanderungen teilgenommen, die sein Vater nun schon seit vielen Jahren durchführt, aber heute war der Tag gekommen! Uli nimmt auf einer Sitzbank vor uns Platz und wir fangen an zu erzählen. Uli kommt mir gar nicht fremd vor, eigentlich wie jemand, den man schon immer kennt.

Halt! Eine Wallfahrtskirche. Alle aussteigen. Kirche zu. Alle einsteigen. Herr Schömburg weiß zu jeder Kirche, die auf unserem Weg liegt, viel zu erzählen. Und Bildstöcke! Gerade die Bildstöcke am Wegesrand mit Darstellungen von Heiligen und Ereignissen, an die man sich gerne zurückerinnert (Mildtätigkeit, Wunder, Heilung) gefallen Cosmic und mir ausnehmend gut und inspirieren uns zu synchronen Phantastereien, welchen Begebenheiten aus unserem Leben man Ehre mit dem einen oder anderen Bildstock in Berlin zollen könnte. Mir fällt zum Beispiel der ereignisreiche Tag ein, als ihm sein Freund Micha das Rückertbüchlein auf den Tisch legte und er sogleich drei Gedichte vertonte, alles an einem Nachmittag! Das wäre wahrlich einen Bildstock wert. Man könnte Cosmic an einem alten, gedrechselten Tisch sitzend darstellen, die in Lettern auf Papier manifestierte Gabe aus Freundeshand empfangend. Der Blick so leicht schräg nach oben, gen Himmel.

Der Himmel tut sich auf, wir wandern am Alt-Main entlang, wo das Flussbett noch nicht begradigt wurde. Herr Schömburg erzählt, dass er auch musiziert und dass jeder seinen eigenen Rückert hat. Der eine hat den Liebesfrühling-Rückert, der andere hat den Totenlieder-Rückert und wieder ein anderer hat wieder einen anderen Rückert. Der ehemalige Bürgermeister von Schweinfurt wandert auch mit und entpuppt sich als Vogelkenner. Eine Nachtigall will er erkannt haben und auf jeden Fall einen Pirol! Pschht! Tirilirilii macht der Pirol.

Wir wandern auf blumigen Wiesenwegen und Herr Schömburg erklärt, warum der alte Rückert Anno Dingenskirchen überhaupt diese lange Strecke gewandert ist. Er war eigentlich mit der Kutsche unterwegs, von Coburg Richtung Schweinfurt, auf dem Weg zu Weinlese im elterlichen Weinberg (wo sagenhaft, aber wahr Cosmics Elternhaus steht, wie bereits mitgeteilt) und in dieser Kutsche hatte er Gesellschaft von wohl circa drei Damen, die ihm zu viel dummes Zeug redeten. Bei Eltmann stieg er aus. Lieber ging er den weiten Weg allein auf Schusters Rappen, als das Geschnatter weiter zu ertragen, wie er später in einem Brief festhielt. Und so stieg er aus, und wanderte einmal und nie wieder diese Strecke. Zwanzig Kilometer ungefähr.

Wir wandern über Stock und Stein und Herr Schömburg erzählt mir eine ganze Menge. Ich bin beeindruckt, dass er von ein
er Sache mehr weiß, als Dr. Kreutner, der Vorsitzende der Rückertgesellschaft, nämlich, was es mit den Jahren um den Tod von Rückerts Frau Luise auf sich hat. Schreibtechnisch! Hat er nun seinen Schmerz über den Verlust in Zeilen gefasst oder ist er verstummt, wie Kreutner meinte, als ich ihn darauf ansprach? Herr Schömburg erzählt, in welcher antiquarischen mehrbändigen Ausgabe er späte Verse von Rückert aus dieser Zeit gelesen hat. Er beschriebe in einem Gedicht sogar ihr blasses Antlitz, ihr Totengesicht. Ich bin beeindruckt von unserem Wanderführer. Eine kleine Rast auf einer Waldlichtung am Fluss. Cosmic und ich haben weder Rücksäcke noch Proviant dabei, aber Uli schenkt uns einen Apfel, den er für uns mit seinem Taschenmesser teilt.

Die nächste Rast ist dann auch schon das Mittagessen in einem zünftigen Turnheim (oder wie man das nennt). Schnitzel und so Sachen sind auf der Speisekarte. An den Fenstern hängen Gardinen, die man früher Stores genannt hat. Und Wimpel. So Zeugs. Der Kaffee ist das Komplizierteste, weil die Maschine neu geliefert ist und die Bedienung erst die Betriebsanleitung lesen muss, aber sie hat es geschafft! Draußen ein Zigarettchen. Wir spielen Kung Fu Fighting auf dem Sportrasen und Cosmic, der Super-Handballer (früher) unterstellt mir einen Hang zu unkoordinierten Bewegungen. Ich wäre bestimmt so eine gewesen, die den Ball immer verhauen hat. Also irgendwo hingeworfen, wo er nicht hingehört. Ich bin empört, aber er hat Recht. Ich hab nicht gut geworfen, aber aus Faulheit, weil es mir schnurzpiepegal war. Ich und unkoordiniert! Frechheit! Das wird er noch büßen, mir solche schlimmen Sachen zu unterstellen, ich schmiede bereits an einem Racheplan.

Ich kann leider gar nicht sagen, wie die Kirchen auf unserem Weg alle geheißen haben, in denen wir waren, aber jede hat etwas für sich. In einer ist sogar Gottesdienst! Die Mitwandererin, die ich mit meinem Sprüchlein im Bus zu rühren vermochte, erkennt fachmännisch, dass eine Kommunion gegeben wird. Sehr schöne Kostüme sind zu sehen. Das kennt man ja von den Katholiken, aber man geht viel zu selten zu so einer Aufführung! Auch hat das Volk sehr schön und andächtig mitgesungen. Die Reihenfolge von den Kirchen weiß ich auch nicht mehr genau, aber das ist ja auch nicht so wichtig. In einer waren so Klosterfrauen-Gruften mit schöner Bildhauerei drauf. Zum Beispiel der Totenkopf vom FC Sankt Pauli!

Draußen auf dem Kirchhof war dann schöne Sonne und ich hab schöne Fotos von Uli und Cosmic gemacht, wo man gleich denkt, wir hatten dauernd schönes Wetter. Daran erinnert man sich gerne. Uli lacht sehr schön und Cosmic spielt Vogel flieg. Das ist mir erst aufgefallen, als ich die Fotos daheim angeschaut habe. Wie kann man so ein schönes Foto zufällig machen. Sachen gibt’s…

Nach einer Weile kommen wir sogar zu einem Quellsee mit einer unterirdischen Höhle und einem Flüsschen, wo das Gestein ganz orange war, weil viel Eisen drin ist. Glaub ich. Manche haben Kneipp-Badekur gespielt aber wir hatten keine Lust die Schuhe und die Strümpfe auszuziehen. Die Sonne war auch gerade wieder weg und Cosmic setzt sich die Kapuze auf und sieht aus wie Merlin, der jeden Baum beim Vornamen kennt. Dann hat er die Sonne wieder herbeigezaubert und wir waren auf einem Lehrpfad, wo so Sachen zum Natur lernen aufgebaut waren. Eine Biberburg und lauter Baumstämme aus verschiedenen Hölzern. Da konnte man draufhauen und den Unterschied hören, wie hart Eichenholz ist im Gegensatz zu Weide oder Pappel. Das haben fast alle gemacht, den Hammer geschwungen und draufgehauen. Cosmic auch. Ich hab nur zugeschaut. Zu faul! Weiter geht die Wanderung (wanderwanderwander). Eine Weile ist Cosmic ganz vorne, als wollte er die Gruppe anführen, Uli und ich trödeln hinterher, sehen ihn und den Rest der Gruppe nur noch in der Ferne und erzählen uns Geschichten von früher. Er von seinen Ausbüchsereien nach Indien und Berlin, ich erzähle ihm Indianergeschichten.

Wir kommen zu einem Schloß, das Cosmic und mir super gefällt. Ich mache gleich Fotos, wo man einwandfrei sieht, dass Cosmic der geborene Schloßherr ist, ja wie dafür gemacht. Bei keinem anderen aus der Wandergruppe könnte man denken, dass ihm das Schloss gehört, aber die Art schon alleine, wie familiär Cosmic auf das Schloßportal zugeht. Das kann kein Zufall sein! Sicher ist Reinkarnation im Spiele!

Nach dem Schloßbesuch waren wir noch in einer Kirche, die rund war, mich aber trotzdem nicht beeindruckt hat und dann noch ein jüdisches Viertel und dann in eine Gastwirtschaft. Cosmic, Uli, sein Papa Schömburg und ich setzen uns draußen in die späte Nachmittagssonne und trinken einen Haufen Cappuccino. Herr Schömburg isst Wurstsalat und trinkt dazu ein Bier. Wir machen lustige Fotos, auf einem winkt Uli in die Kamera, damit es richtig schön nach Ausflug und Erinnerungsfoto ausschaut. Das hat auch einwandfrei geklappt, wie man sieht.

Die Wandergesellschaft im Inneren der Gastwirtschaft findet kein rechtes Ende mit der Kaffeetrinkerei und Cosmic muss dem Herumgetrödel ein Ende bereiten, weil wir schließlich alsbald zurück nach Schweinfurt müssen, um pünktlich zu unserer Essenseinladung zu kommen. Es gibt Spargel und einen Nachtisch, der Cosmic schon in Gedanken in Aufruhr versetzt. Also los jetzt.
Schnell umziehen! Die erdverkrusteten Schuhe aus und saubere Sachen an! Zu Füßen des Beifahrersitzes liegt die Tüte mit den drei Flaschen Wein, die ich als Mitbringsel zum Essen gekauft habe. Eine Notfallaktion am Tag vorher, dem Samstag als wir zur Probe unseres Auftritts aufbrachen. Schnell! Ein Weinladen! Wo? Hier! Okay! Ich steig schnell aus, bin gleich zurück! Laden schon zu, klopf klopf, macht auf. Wie nett! Sehe gar nicht gleich, dass ich in einem italienischen Weingeschäft gelandet bin. Unwirsch bemängle ich das ausschließlich aus Weinen italienischer Herkunft bestehende Sortiment. Die Frage nach dem besten Weißwein, zu Spargel passend und bitte möglichst überhaupt nicht fruchtig, gerne Richtung Grüner Veltliner oder Vinho Verde (spritzig, trocken), wird abschlägig beschieden. Das würde ja gar nicht zum Spargel passen. Ich hoffe immer noch, dass so ein kleiner Einzelhändler fachmännische Kenntnisse haben könnte und ich nur wieder unbelehrbar auf meinen Vorurteilen herumreiten will, zeige mich also in der Not willig und verlasse mit drei verschiedenen Flaschen italienischer Rebsäfte seiner Empfehlung das Geschäft. Cosmic berichte ich den misstrauenerregend günstigen Preis für drei Flaschen des geforderten „besten Weins“. Sicher alles nur Vorurteile! Und gibt es nicht Menschen, die freiwillig Wein aus Italien trinken? Eben!
Wir kommen an. Als Cosmic einparkt, erkenne ich seinen Bruder, der uns durch die Scheibe zuwinkt. Er ist mit seiner kleinen Familie gekommen, die auch gerade aus dem Auto aussteigt. Aus dem Wohnzimmer dringt Fussballbegeisterung in die Küche. Ein wichtiges regionales Spiel, die Mannschaftsaufstellung habe ich leider vergessen. Cosmics Schwestern wuseln in der Küche herum, um allen ein schönes Mahl zu zaubern. Ich bin ganz angetan von den schönen Wackersteinen auf den Töpfen, in denen sich der Zaubernachtisch nach Mama-Rezept befindet. Kartoffeln müssen noch geschält werden und die Sauce Hollandaise! Oder war es Bernaise? Auf jeden Fall muss Cosmic mithelfen. Das macht er sehr gut. Nach Anleitung seiner kleinen Schwester rührt er vorsichtig die Soße, die wenig später auf dem schön gedeckten Tisch steht. Der Wein wird geöffnet. Mir ist ein wenig bang. Die Farbe ist schon etwas misstrauenserregend. Dieser gelbliche Farbton lässt nichts Gutes befürchten. Aha. So schmeckt also ein Wein, der nach Ansicht des Verkäufers zum Spargel zu empfehlen wäre. Mir fehlen zwar die Worte, aber mutig bekenne ich, dass es sich bei dem mitgebrachten Tropfen nicht um ein Getränk handelt, das ich weiter zu trinken gedenke. Nicht dass der Wein ausgesprochen schlecht wäre, wahrscheinlich sogar recht vollmundig, sofern man im Einzelfall auf einen beerig lieblichen Tropfen mit einer ausgeprägten Natursüße aus sein sollte. Erlösung naht. Cosmics Papa hat noch eine offene Flasche Riesling griffbereit. Der Abend ist gerettet! Und danach einen schönen Julius-Spital Silvaner. Der Spargel ist genauso wunderbar wie die Kartoffeln, der zarte Schinken, und die Sauce Bernaise oder Hollandaise. Der österreichische Nachttisch Mohr im Schlafrock Hemd nach Mama-Rezept befindet sich auf dem deutschen Drogenindex.

Der Abend endet auf der lauschigen Terrasse mit einem Pfeifchen und einem Zigarettchen und noch einem und dem wunderbaren Silvaner und Papa und Cosmic und Schwester und Schwester und Bruder und Schwägerin und Nichte und Neffe und Sebastian und einem Geburtstagsständchen über’s Telefon nach New York. Nicht nur Friedrich Rückert hat an diesem Tag Geburtstag. Woran erkennt man, dass der Mond zu- oder abnimmt, fragt Cosmics Papa in die Runde. Und erklärt den gegensätzlichen Bogen sehr schön mit zwei lateinischen Begriffen, was zu veritabler himmlischer Verwirrung führt. Aber schön! Der Abend. Ich glaube, den Hunden hat er auch gefallen. Doch ganz bestimmt. Und mir sowieso.
alle Bilder.

31. Mai 2010


Wie ein Purpurstreifen deine Lippen
und deine Reden lieblich
Wie ein Granatschnittstück deine Stirne
hinter deiner Binde
Gleich David’s Thurm dein Hals
gebaut zur Fernschau
tausend Schilde hangen daran
alle Waffen der Helden
Deine Brüste gleich zwei Rehen
Zwillingen einer Gazelle
die unter Lilien weiden
Ganz schön bist du, meine Freundin
und kein Tadel an dir
Ehe sich der Tag verweht
und die Schatten sich neigen
soll ich mich wegwenden
zum Myrrhenberge
und zum Weihrauchhügel?
Mit mir, meine Schwester Braut
mit mir sollst du kommen
vom Libanon schauen
von der Spitze des Amanus
von der Spitze des Senir und Hermon
von den Löwenhöhlen
von den Pardelbergen
Du hast mich beherzt gemacht, Schwester Braut
du hast mich beherzt gemacht
mit einem Blicke von deinen Augen
mit einer Schnur von deinem Halse
Wie schön ist deine Minne, Schwester Braut
wie süss deine Minne, mehr denn Wein
und deiner Würze Duft mehr als alle Wohlgerüche
Honigseim träufeln deine Lippen, Schwester Braut
Honig und Milch unter deiner Zunge
der Duft deiner Kleider
gleich dem Duft des Libanon
Ein verschlossener Garten bist du, Schwester Braut
ein verschlossener Garten
ein versiegelter Quell
Deine Gaben ein Paradies
Granatäpfel und edle Früchte
Cyperblumen und Rosen
Narde und Krokus
Würzrohr und Zimmet
sammt allen Bäumen des Libanon
Myrrhe und Aloe
sammt dem Edelstein der Wohlgerüche
Ein Gartenquell
ein Born lebendigen Wassers
das vom Libanon rieselt
Erwache Nord, sang ich
Südwind komm
durchfächele meinen Garten
dass die Würzen fliessen
Es komme mein Freund
in seinen Garten
und geniesse dessen edle Frucht
Gekommen bin ich in meinen Garten
meine Schwester Braut
gepflückt hab‘ ich meine Myrrhe und meine Würzen
gegessen hab‘ ich meinen Honig und meinen Seim
getrunken hab‘ ich meinen Wein und meine Milch
Esset immerhin, Freunde
trinkt und berauscht euch, Genossen
Ich schlief, aber mein Herz wachte
meines Freundes Stimme hörte ich
klopfend an die Thüre
Öffne mir, meine Schwester
meine Freundin, Täubchen, Unschuld
denn mein Haupt ist voll von Thau
meine Locken von Feuchtigkeit der Nacht
(…)
Das Lied der Lieder

31. Mai 2010


Wie ein Purpurstreifen deine Lippen
und deine Reden lieblich
Wie ein Granatschnittstück deine Stirne
hinter deiner Binde
Gleich David’s Thurm dein Hals
gebaut zur Fernschau
tausend Schilde hangen daran
alle Waffen der Helden
Deine Brüste gleich zwei Rehen
Zwillingen einer Gazelle
die unter Lilien weiden
Ganz schön bist du, meine Freundin
und kein Tadel an dir
Ehe sich der Tag verweht
und die Schatten sich neigen
soll ich mich wegwenden
zum Myrrhenberge
und zum Weihrauchhügel?
Mit mir, meine Schwester Braut
mit mir sollst du kommen
vom Libanon schauen
von der Spitze des Amanus
von der Spitze des Senir und Hermon
von den Löwenhöhlen
von den Pardelbergen
Du hast mich beherzt gemacht, Schwester Braut
du hast mich beherzt gemacht
mit einem Blicke von deinen Augen
mit einer Schnur von deinem Halse
Wie schön ist deine Minne, Schwester Braut
wie süss deine Minne, mehr denn Wein
und deiner Würze Duft mehr als alle Wohlgerüche
Honigseim träufeln deine Lippen, Schwester Braut
Honig und Milch unter deiner Zunge
der Duft deiner Kleider
gleich dem Duft des Libanon
Ein verschlossener Garten bist du, Schwester Braut
ein verschlossener Garten
ein versiegelter Quell
Deine Gaben ein Paradies
Granatäpfel und edle Früchte
Cyperblumen und Rosen
Narde und Krokus
Würzrohr und Zimmet
sammt allen Bäumen des Libanon
Myrrhe und Aloe
sammt dem Edelstein der Wohlgerüche
Ein Gartenquell
ein Born lebendigen Wassers
das vom Libanon rieselt
Erwache Nord, sang ich
Südwind komm
durchfächele meinen Garten
dass die Würzen fliessen
Es komme mein Freund
in seinen Garten
und geniesse dessen edle Frucht
Gekommen bin ich in meinen Garten
meine Schwester Braut
gepflückt hab‘ ich meine Myrrhe und meine Würzen
gegessen hab‘ ich meinen Honig und meinen Seim
getrunken hab‘ ich meinen Wein und meine Milch
Esset immerhin, Freunde
trinkt und berauscht euch, Genossen
Ich schlief, aber mein Herz wachte
meines Freundes Stimme hörte ich
klopfend an die Thüre
Öffne mir, meine Schwester
meine Freundin, Täubchen, Unschuld
denn mein Haupt ist voll von Thau
meine Locken von Feuchtigkeit der Nacht
(…)
Das Lied der Lieder

30. Mai 2010

Reisetagebuch, Samstag 15. Mai 2010. Der Tag unseres Auftrittes in der Disharmonie. Am Abend zuvor, spät am Abend nach der Rückertführung am vierzehnten Mai, gegen 22:30 Uhr sind wir vor Ort, um das Wichtigste aufzubauen. Wir müssen noch das Ende der laufenden Show von einem Comedian abwarten, die zieht sich länger hin, als erwartet. Es ist halbzwölf als wir loslegen, ich brauche einen Tisch vor der Bühne für den Beamer und das Notebook. Alles wird verkabelt, der Ton gecheckt und die ersten Bilder angebracht.

Es ist fast halbdrei Uhr morgens als wir die Disharmonie verlassen, ich bin bei Weitem nicht fertig. Ein kleiner Schlummertrunk im Mephisto. Am nächsten Nachmittag ab drei können wir weiter machen, dann wird auch gegen vier Hannes zum Soundcheck dazukommen. Ich verbringe den ganzen Vormittag damit, endlich festzulegen, zu welchen Songs ich überhaupt welchen Film laufen lassen will. Dabei entsteht noch etwas Neues, eine phantastische Überlagerung von der Hand- und Sandszene aus Arizona und den flirrenden Farben und meiner Hand aus Hippolyta. Während ich, Gott sei es gedankt, endlich Sicherheit gewinne, was ich zeigen werde, wächst meine Freude auf den Abend. Ich ziehe mich dreimal um und dann ziehen wir los. Jeder checkt seine Sachen für sich ab, Cosmic muss noch ein paar Sachen mit dem Looper regeln, ich bringe die letzten Fotografien am Bühnenrand an und klebe die Verkabelung mit Gaffertape ab. Als es fertig ist, bin ich von meinem eigenen Werk regelrecht gerührt. Wie der Raum plötzlich aussieht. Als wäre es ein privates kleines Museum. Was doch ein paar Bilder ausmachen. […]

Eine Stunde vor Einlass machen wir einen gemeinsamen Durchgang um zu sehen, ob es einigermaßen passt, was ich da ausgebrütet habe. Cosmic spielt immer nur zwei drei Akkorde des Anfangs eines Stückes und ich lasse die ersten Sequenzen meiner Filmbilder auf mich wirken und gucke, ob überhaupt auch der richtige Film kommt, wir eine einheitliche Setlist haben. Wenn Cosmic die Reihenfolge kurzfristig ändert, muss ich die Nummerierung meine Filme ändern, weil ich nach Nummerierung, blind mit shortcuts blättere, damit das Publikum nie Desktop und Ordnerverzeichnisse sieht, sondern einfach einen Film nach dem anderen im Vollbildmodus.

Als die ersten Gäste kommen, sind wir gerade fertig. Ich schmeiße ein paar meiner Opus-Filme mit Ton an und wir gehen eine Treppe höher in den Backstagebereich, der früher tatsächlich der Übungsraum von Cosmics Band Suzi Cream Cheese war. Zwanzig Jahre muss das her sein. Oder noch länger. Im Kühlschrank gibt es sogar zwei Flaschen Bier mit Alkohol. Der Rest des Kühlschranks ist mit Wasser, Saft und alkoholfreiem Bier bestückt. Ich genehmige mir ein Bier zur Beruhigung, Hannes auch. Cosmic trinkt nur Wasser. Unter anderen Umständen hätte ich eine Flasche guten Bordeaux mitgenommen, aber da ich selbst nicht als Gast zuschauen kann, bin ich vorsichtig mit Alkohol, bis die Kuh vom Eis ist. Wenn ich einen Moment unkonzentriert bin, die falschen shortcuts drücke, kann es schnell peinlich werden. Ich bin ein bißchen angespannt, Cosmic auch, das spüre ich. Dann ist es so weit. Ich gehe als erste nach unten in den Saal und nehme meinen Platz ein.

Gerade ist der letzte Film zu Ende und ich blende nur das poetrYclub-Logo ein, das nach einer Weile mit dem Motto unseres Abends wechselt: Romantik Liebe Rebellion. Cosmic betritt die Bühne und beginnt mit Widerspruch. Manchmal kann ich den Abend für ein paar Sekunden so genießen, als wäre ich Zuschauer, aber dann muss ich mich auch schon wieder konzentrieren und darauf achten, wann sich sein Song dem Ende neigt, um den laufenden Film ins Dunkel auszublenden und zum nächsten zu blättern, während er vielleicht eine Ansage macht und dann abchecken, wann er den ersten Akkord greifen wird, damit genau dann der nächste Clip startet. Ich spüre, dass er sehr gut ist und erfahre erst später, mit welchen technischen Widrigkeiten er zum Teil kämpfen musste. Ich habe es nicht gemerkt.

Das Publikum ist während des ersten Sets sehr leise, die Lieder sind es auch. Ich spüre den Respekt, es hat beinah etwas Andächtiges. In der kurzen Pause, die wir verabredet haben, hole ich etwas zu trinken, begrüße Cosmics Zauberschwestern und schon geht es weiter mit Zauberkreis. Dann Blume der Ergebung. Sing out geht zu Ende. Als nächstes steht auf der Setlist das neue Lied, das er gerade gemacht hat, das Mondlied nenne ich es immer. „Du bist mein Mond“, das er auf der Treppe drei Tage vorher gesungen hatte. Cosmic fängt nicht gleich mit dem nächsten Song an, sondern möchte etwas sagen. Während die letzten Bilder von Arizona laufen (die Bilder, wo man seine Hände im Sand sieht. Er baute eine Frau, einen Frauenkörper in den Sand. Das war nicht abgesprochen, das ist es nie. Wir tun nie abgesprochene Sachen, wenn ich filme. Und so oft wir Filme zeigten, war es meistens diese Szene die den meisten im Gedächtnis blieb). Und während also diese Bilder laufen, erzählt Cosmic ein bißchen, warum man diese Bilder sieht und von wem sie sind, und wie wir uns begegneten. Ich bin sehr gerührt. Er bittet mich auf die Bühne und ich spüre eine Welle der Wärme aus dem Publikum. Es ist ein bißchen, als ob die Temperatur im Raum steigt. Deshalb traue ich mich auch, auf der Bühne zu erzählen, warum ich überhaupt hier bin. Und dann singt Cosmic endlich das Lied. „Du bist mein Mond“ und ich darf den Text halten, weil er ihn noch nicht so richtig kann. Das war ein sehr schöner Moment. Für mich der schönste des Abends.

Danach gab es Stern und die Show war eigentlich zu Ende, aber das Publikum ließ das nicht so recht zu. Er durfte noch zweimal auf die Bühne zurück. Als erste Zugabe gab es Neujahrsmorgen, von dem man hier die Audiospur hören kann. Ich ließ dazu die Bildspur von meinem letzten Opus 47 im loop laufen, und ich empfand das als den hypnotischsten Song an diesem Abend. Als eigentlich letzte Zugabe gab es eine wilde Version von die Goldene Zeit die in Hey Jude mit Hannes am Klavier endete. Das hatte Cosmic schon bei der Probe im Hinterkopf und ich konnte es mir nicht so recht vorstellen, aber es war grandios. Und noch eine Zugabe und noch eine. Ganz herzliches Publikum, warmer langer Applaus. Geschafft.

Nach ein paar Minuten Rückzug backstage wieder nach unten, ein bißchen mit dem Publikum reden. Mit den wenigen die ich kannte, ein bißchen quatschen. Da war unter anderem eine Frau, die mir schon bei der Rückertführung aufgefallen war. Sie war jüngerer Generation als die meisten, die an dem Rundgang teilnahmen. Ich ging zu ihrem Tisch, nachdem sie mir gewunken hatte. Sie war mit ihrem Lebensgefährten gekommen und begrüßte mich herzlich und erzählte, dass sie eine Urururenkelin von Friedrich Rückert sei. Und wie es sie freut, was wir da machen.
Die jüngere seiner beiden Schwestern wünschte sich zwei Bilder ihres Bruders, die sie besonders mochte. Wir krakelten unsere Widmungen auf die Rückseite und eine Unbekannte bekannte, sie sei nur zufällig gekommen, eine Freundin hätte sie mitgenommen und sie wollte ehrlich sein. Sie hätte sich zu Beginn gefragt, ob sie es gut oder grenzwertig finden soll, was hier an zum Teil Privatem öffentlich von uns zelebriert wurde. Aber nachdem sie die Musik, die Bilder und die Filme, den ganzen Abend auf sich wirken ließ, sei sie restlos überzeugt, dass es große Poesie sei, was wir hier fabrizierten. Ohne jeden Zweifel. Das hat mich schon glücklich gemacht. Und Cosmic auch. Ja, ein schöner Abend.
Als der letzte Gast gegangen war, packten wir unsere Sachen und bauten alles wieder ab. Wie das eben so ist. In der Altstadt fanden wir wieder zu jener Bar, Mephisto. Wir haben nicht dauernd auf die Uhr geschaut, aber wir hatten im Hinterkopf, dass wir am nächsten Tag verdammt früh aufstehen müssen. Wegen der anstehenden Wanderung zu Ehren Friedrich Rückerts Geburtstag. Treffpunkt der Wandergruppe 7:30 Uhr.
http://www.ipernity.com/mp/8096868.a54a330f.mp3.swf Hier ist der Song Neujahrsmorgen
Und hier sind alle Bilder.

30. Mai 2010

Reisetagebuch, Samstag 15. Mai 2010. Der Tag unseres Auftrittes in der Disharmonie. Am Abend zuvor, spät am Abend nach der Rückertführung am vierzehnten Mai, gegen 22:30 Uhr sind wir vor Ort, um das Wichtigste aufzubauen. Wir müssen noch das Ende der laufenden Show von einem Comedian abwarten, die zieht sich länger hin, als erwartet. Es ist halbzwölf als wir loslegen, ich brauche einen Tisch vor der Bühne für den Beamer und das Notebook. Alles wird verkabelt, der Ton gecheckt und die ersten Bilder angebracht.

Es ist fast halbdrei Uhr morgens als wir die Disharmonie verlassen, ich bin bei Weitem nicht fertig. Ein kleiner Schlummertrunk im Mephisto. Am nächsten Nachmittag ab drei können wir weiter machen, dann wird auch gegen vier Hannes zum Soundcheck dazukommen. Ich verbringe den ganzen Vormittag damit, endlich festzulegen, zu welchen Songs ich überhaupt welchen Film laufen lassen will. Dabei entsteht noch etwas Neues, eine phantastische Überlagerung von der Hand- und Sandszene aus Arizona und den flirrenden Farben und meiner Hand aus Hippolyta. Während ich, Gott sei es gedankt, endlich Sicherheit gewinne, was ich zeigen werde, wächst meine Freude auf den Abend. Ich ziehe mich dreimal um und dann ziehen wir los. Jeder checkt seine Sachen für sich ab, Cosmic muss noch ein paar Sachen mit dem Looper regeln, ich bringe die letzten Fotografien am Bühnenrand an und klebe die Verkabelung mit Gaffertape ab. Als es fertig ist, bin ich von meinem eigenen Werk regelrecht gerührt. Wie der Raum plötzlich aussieht. Als wäre es ein privates kleines Museum. Was doch ein paar Bilder ausmachen. […]

Eine Stunde vor Einlass machen wir einen gemeinsamen Durchgang um zu sehen, ob es einigermaßen passt, was ich da ausgebrütet habe. Cosmic spielt immer nur zwei drei Akkorde des Anfangs eines Stückes und ich lasse die ersten Sequenzen meiner Filmbilder auf mich wirken und gucke, ob überhaupt auch der richtige Film kommt, wir eine einheitliche Setlist haben. Wenn Cosmic die Reihenfolge kurzfristig ändert, muss ich die Nummerierung meine Filme ändern, weil ich nach Nummerierung, blind mit shortcuts blättere, damit das Publikum nie Desktop und Ordnerverzeichnisse sieht, sondern einfach einen Film nach dem anderen im Vollbildmodus.

Als die ersten Gäste kommen, sind wir gerade fertig. Ich schmeiße ein paar meiner Opus-Filme mit Ton an und wir gehen eine Treppe höher in den Backstagebereich, der früher tatsächlich der Übungsraum von Cosmics Band Suzi Cream Cheese war. Zwanzig Jahre muss das her sein. Oder noch länger. Im Kühlschrank gibt es sogar zwei Flaschen Bier mit Alkohol. Der Rest des Kühlschranks ist mit Wasser, Saft und alkoholfreiem Bier bestückt. Ich genehmige mir ein Bier zur Beruhigung, Hannes auch. Cosmic trinkt nur Wasser. Unter anderen Umständen hätte ich eine Flasche guten Bordeaux mitgenommen, aber da ich selbst nicht als Gast zuschauen kann, bin ich vorsichtig mit Alkohol, bis die Kuh vom Eis ist. Wenn ich einen Moment unkonzentriert bin, die falschen shortcuts drücke, kann es schnell peinlich werden. Ich bin ein bißchen angespannt, Cosmic auch, das spüre ich. Dann ist es so weit. Ich gehe als erste nach unten in den Saal und nehme meinen Platz ein.

Gerade ist der letzte Film zu Ende und ich blende nur das poetrYclub-Logo ein, das nach einer Weile mit dem Motto unseres Abends wechselt: Romantik Liebe Rebellion. Cosmic betritt die Bühne und beginnt mit Widerspruch. Manchmal kann ich den Abend für ein paar Sekunden so genießen, als wäre ich Zuschauer, aber dann muss ich mich auch schon wieder konzentrieren und darauf achten, wann sich sein Song dem Ende neigt, um den laufenden Film ins Dunkel auszublenden und zum nächsten zu blättern, während er vielleicht eine Ansage macht und dann abchecken, wann er den ersten Akkord greifen wird, damit genau dann der nächste Clip startet. Ich spüre, dass er sehr gut ist und erfahre erst später, mit welchen technischen Widrigkeiten er zum Teil kämpfen musste. Ich habe es nicht gemerkt.

Das Publikum ist während des ersten Sets sehr leise, die Lieder sind es auch. Ich spüre den Respekt, es hat beinah etwas Andächtiges. In der kurzen Pause, die wir verabredet haben, hole ich etwas zu trinken, begrüße Cosmics Zauberschwestern und schon geht es weiter mit Zauberkreis. Dann Blume der Ergebung. Sing out geht zu Ende. Als nächstes steht auf der Setlist das neue Lied, das er gerade gemacht hat, das Mondlied nenne ich es immer. „Du bist mein Mond“, das er auf der Treppe drei Tage vorher gesungen hatte. Cosmic fängt nicht gleich mit dem nächsten Song an, sondern möchte etwas sagen. Während die letzten Bilder von Arizona laufen (die Bilder, wo man seine Hände im Sand sieht. Er baute eine Frau, einen Frauenkörper in den Sand. Das war nicht abgesprochen, das ist es nie. Wir tun nie abgesprochene Sachen, wenn ich filme. Und so oft wir Filme zeigten, war es meistens diese Szene die den meisten im Gedächtnis blieb). Und während also diese Bilder laufen, erzählt Cosmic ein bißchen, warum man diese Bilder sieht und von wem sie sind, und wie wir uns begegneten. Ich bin sehr gerührt. Er bittet mich auf die Bühne und ich spüre eine Welle der Wärme aus dem Publikum. Es ist ein bißchen, als ob die Temperatur im Raum steigt. Deshalb traue ich mich auch, auf der Bühne zu erzählen, warum ich überhaupt hier bin. Und dann singt Cosmic endlich das Lied. „Du bist mein Mond“ und ich darf den Text halten, weil er ihn noch nicht so richtig kann. Das war ein sehr schöner Moment. Für mich der schönste des Abends.

Danach gab es Stern und die Show war eigentlich zu Ende, aber das Publikum ließ das nicht so recht zu. Er durfte noch zweimal auf die Bühne zurück. Als erste Zugabe gab es Neujahrsmorgen, von dem man hier die Audiospur hören kann. Ich ließ dazu die Bildspur von meinem letzten Opus 47 im loop laufen, und ich empfand das als den hypnotischsten Song an diesem Abend. Als eigentlich letzte Zugabe gab es eine wilde Version von die Goldene Zeit die in Hey Jude mit Hannes am Klavier endete. Das hatte Cosmic schon bei der Probe im Hinterkopf und ich konnte es mir nicht so recht vorstellen, aber es war grandios. Und noch eine Zugabe und noch eine. Ganz herzliches Publikum, warmer langer Applaus. Geschafft.

Nach ein paar Minuten Rückzug backstage wieder nach unten, ein bißchen mit dem Publikum reden. Mit den wenigen die ich kannte, ein bißchen quatschen. Da war unter anderem eine Frau, die mir schon bei der Rückertführung aufgefallen war. Sie war jüngerer Generation als die meisten, die an dem Rundgang teilnahmen. Ich ging zu ihrem Tisch, nachdem sie mir gewunken hatte. Sie war mit ihrem Lebensgefährten gekommen und begrüßte mich herzlich und erzählte, dass sie eine Urururenkelin von Friedrich Rückert sei. Und wie es sie freut, was wir da machen.
Die jüngere seiner beiden Schwestern wünschte sich zwei Bilder ihres Bruders, die sie besonders mochte. Wir krakelten unsere Widmungen auf die Rückseite und eine Unbekannte bekannte, sie sei nur zufällig gekommen, eine Freundin hätte sie mitgenommen und sie wollte ehrlich sein. Sie hätte sich zu Beginn gefragt, ob sie es gut oder grenzwertig finden soll, was hier an zum Teil Privatem öffentlich von uns zelebriert wurde. Aber nachdem sie die Musik, die Bilder und die Filme, den ganzen Abend auf sich wirken ließ, sei sie restlos überzeugt, dass es große Poesie sei, was wir hier fabrizierten. Ohne jeden Zweifel. Das hat mich schon glücklich gemacht. Und Cosmic auch. Ja, ein schöner Abend.
Als der letzte Gast gegangen war, packten wir unsere Sachen und bauten alles wieder ab. Wie das eben so ist. In der Altstadt fanden wir wieder zu jener Bar, Mephisto. Wir haben nicht dauernd auf die Uhr geschaut, aber wir hatten im Hinterkopf, dass wir am nächsten Tag verdammt früh aufstehen müssen. Wegen der anstehenden Wanderung zu Ehren Friedrich Rückerts Geburtstag. Treffpunkt der Wandergruppe 7:30 Uhr.
http://www.ipernity.com/mp/8096868.a54a330f.mp3.swf Hier ist der Song Neujahrsmorgen
Und hier sind alle Bilder.

26. Mai 2010

Ich bitte meine Leser und Leserinnen und vor allem deren noch lebende ältere Angehörigen um tätige Mithilfe. Ich habe heute einen Gedichtband erhalten, in dem sich eine Widmung in deutscher Schrift befindet. Auch Sütterlin genannt. Mein Großvater versuchte mir zwar als ich klein war, diese Schrift und ihre Bedeutung näherzubringen, und ich erinnere mich dunkel, dass er mit mir Leseübungen veranstaltete, aber es ist alles verschüttet und vergraben. Ja, es gibt ausführliche Seiten im Netz, um Sütterlin zu lernen, aber so weit wollte ich es dann doch nicht treiben. Ich bin einfach nur neugierig. Ich habe keinen Bezug zum Autor dieser Widmung. Ich vermute, dass es ein Herr ist, der die Zeilen schrieb. Vielleicht zitiert er sogar ein paar Zeilen aus dem Gedichtband. Die Widmung ist aus dem Jahre 1873. Ein Jahr nachdem diese Auflage des Buches erschien. Es wäre großartig, wenn es jemand ohne die Schwierigkeiten und den Zeitaufwand, den ich dabei hätte, entziffern könnte und mir als Kommentar die Übersetzung schreibt.

Es gibt noch drei weitere Detailaufnahmen der Widmung, hier. Man kann alle Bilder auch größer ansehen (klick auf „all sizes“). Auf dieser Aufnahme vielleicht am besten zu erkennen.

27. Mai 2010

Freitag, der 14. Mai 2010. Die Fortsetzung meines kleinen Reisetagebuchs. Cosmic und ich sind gegen 14.00 Uhr – meinen wir uns zu erinnern – wir wissen es nicht mehr so genau – am Rückertdenkmal mit Dr. Kreutner verabredet, der eine Rückert-spezielle Stadtführung durch Schweinfurt machen will. Cosmic ist Mitglied der Rückert-Gesellschaft, die ihren Sitz in einem fantastisch schönen Turm hat, wie man sich den sprichwörtlichen Elfenbeinturm vorstellt. Es ist der sogenannte Schrotturm und ich habe versäumt, ihn zu fotografieren, weil ich jedesmal, wenn ich in der Nähe war, kein gutes Licht hatte und vor meinem inneren Auge den weißen Turm vor indigoblauem Himmel sah. Was auch in Schwarzweiß ganz hervorragend ausgesehen hätte, aber es hat nicht sollen sein! Gibt ja auch genug Bilder von dem putzigen Turm.

Vorher war noch ein bißchen Zeit, und wir nutzen den Weg zum Marktplatz, um die Altstadt ein wenig mit unseren Handzetteln und zwar kleinen aber doch anmutigen Plakaten zu verschönern. „UNSER DORF MUSS SCHÖNER WERDEN!“ Im ersten Schreibwarengeschäft am Platze erstand Cosmic noch Tesafilm, damit die von ihm anzubringenden Plakate möglichst reinlich wieder entfernt werden könnten. Ich dagegen hatte meinen dicksten Klebestift dabei, der mir genau passend erschien, um meine Informationsdokumente möglichst nachhaltig anzubringen. An etwas Schönem möchte man sich schließlich länger erfreuen, auch wenn die angekündigte Feierlichkeit schon vorbei ist. Dann gerade! Man ist ja schließlich sentimental. Wir waren höchstens eine halbe Stunde unterwegs und die Stadt sah schon viel schöner aus. Jeder Laternenpfahl und jeder Pfosten war mir recht. Was für eine Wonne es war, die nackten traurigen Verkehrschilderstangen oder wie das heißt mit meinem Klebestift zu streicheln und unsere schönen Erinnerungsbilder aufzukleben. Eine Freude! Laternenpfahl oder Verkehrsschild, da bin ich nicht heikel! Alles muss schöner werden!

So! Geschafft! Und nun eine kleine Pause, ein wohlverdientes Tässchen Kaffee. Im Café Rialto am Marktplatz. Sogar Markt war heute! Gelegentlich liefen sogar Menschen über den Platz. Am Rückertdenkmal hatte eine Blumenfrau ihren Stand aufgebaut. Es gibt also doch Menschen in der kleinen Stadt! Wie schön.

Wir bestellen eine italienische Kaffeespezialität und gucken in die Luft. Noch ein Zigarettchen. Hach ja.

Auftritt Wachtmeister Dimpfelmoser und Geselle. Der Herr Schutzmann hat eines meiner schönen kleinen Schilder abgemacht und hält den Zettel mit detektivischem Blick ausgereckt in seiner linken Hand und uns vor die Nase. Ob die Zettel von uns sind, will der Herr Wachtmeister wissen und dass es sich in diesem Fall um eine Ordnungswidrigkeit handelt, die zur Anzeige gebracht wurde, falls wir dafür keine Genehmigung hätten und der Polizeipräsident wäre auch schon informiert worden. Hoppla!
Ob wir eine Genehmigung hätten? „Wir hätten gerne eine! Sie sind selbstverständlich auch herzlich eingeladen!“ sage ich zum Herrn Wachtmeister. Der Herr Wachtmeister schaut mich eigentlich gar nicht unfreundlich an und meint beschwichtigend, dass es nicht gegen uns persönlich gemeint wäre oder so ähnlich, aber wenn so eine Anzeige gemacht wird, muss man dem eben nachgehen und weil wir keine Genehmigung haben ist es wildes Plakatieren und wird mit einem Bußgeld geahndet und jetzt müssen die Personalien aufgenommen werden. Ich sage zum Herrn Wachtmeister, dass es bestimmt schön wird am Samstag, also 20.00 Uhr, damit er es nicht vergisst. Die Strafe soll 30 Euro kosten, ich will wissen, ob ich das nicht einfach so bezahlen kann? Nein, die Personalien! Die Personalien müssen aufgenommen werden! Das muss alles seine Ordnung haben.
Cosmic begehrt auf (Rebellion und so), dass er den früheren Polizeipräsident kennt und auch den Bürgermeister, den Remelé. Ich will gerade den Perso zücken, als der Herr Wachtmeister plötzlich vorschlägt, man könnte sich ja eventuell darauf verständigen, dass es nur einer von uns beiden war. „Also sollen wir sagen ER WAR’S?“ fragt er und guckt Cosmic und mich abwechselnd eindringlich an. Ich glaube, das nennt man dann suggestiv oder so. „Ja! Dann war’s er!“ pariere ich. Cosmic gibt seine Adresse in Berlin an, was den Herrn Wachtmeister mächtig irritiert. „Sie haben keinen Wohnsitz in Schweinfurt? Überhaupt keinen?“ „Nein, ich bin nur in Berlin gemeldet.“ „Aber Sie kennen doch den Bürgermeister?“ „Ja, das ist mein Freund bei facebook!“ „Ja also, der Bürgemeister, der hat die Möglichkeit den Bußgeldbescheid aufzuheben, der kann das! Dann müssen Sie eben an ihn herantreten, der hätte eventuell die Möglichkeit!“
Um die Atmosphäre etwas aufzulockern, schlage ich vor, ein Erinnerungsfoto zu machen. Der Herr Wachtmeister ist auch gleich einverstanden, legt aber Wert darauf, dass sein Kopf nicht darauf kommt. Leider hält er unseren schönen weißen Informationszettel „Romantik Liebe Rebellion“ falschrum, so dass man nur ein weißes Viereck sieht. Das beschäftigt mich ein paar Sekunden, als er selbst darauf kommt und mir behilflich ist: „Ach! Ich muss es bestimmt andersrum halten!“ „Ja!“ sag ich, „so ist es schön!“. Das Bild ist im Kasten und ich bin recht zufrieden. Eine Begegnung, an die man sich gerne erinnert und noch seinen Enkeln davon erzählt!

Endlich kommt auch der wackere Geselle zum Zuge. Der bislang recht stille junge Mann erinnert sich, dass man in solchen Fällen ja auch noch ein Schuldbekenntnis abverlangen kann, so eine Art Protokoll über den Vorfall und die Einsicht und Reue des Täters. Sehr praktisch für Cosmic als eindeutigem Täter ist, dass der Geselle das Entschuldigungsprotokoll selber aufsetzt, auch sehr schön fomuliert! Das unterschreibt man dann auch gerne:

„Ich habe nicht gewusst, das „wildes“ Plakatieren in der Innenstadt von SW verboten ist. Es tut mir leid. Ich mache es auch nie wieder.“
Cosmic
(Unterschrift)
Auch dieses wichtige Protokoll konnte nur mit der tätigen Unterstützung des jungen Herrn Wachtmeisters fotografiert werden. Er hat den Zettel extra ruhig gehalten. Danke noch einmal dafür! Auch ich verspreche auf die Bibel, dass ich nie mehr an dieselben Stellen Sachen hinkleben werde, wo ich gerade Sachen hingeklebt habe. Großes Ehrenwort! Zum Abschied erinnere ich noch einmal an unseren Auftritt in der Disharmonie: „Also, 20 Uhr!“ Bestimmt haben wir zum Abschied noch gewunken. Eine sehr schöne Urlaubsbegegnung!

Aber nun auf zur Führung! Der Stundenzeiger rückt auf Zwei und wir stehen pünktlich am Denkmal aber noch kein Dr. Kreutner zu sehen, dabei ist der doch immer sehr pünktlich. Nach weiteren fünf Minuten ist immer noch keiner da und wir beschließen, dass die Treffpunkt-Uhrzeit wohl doch erst um halbdrei war. Wir plakatieren noch ein bißchen weiter, immer mit Erlaubnis der Ladenbesitzer rund um den Marktplatz versteht sich und wieder einmal klingelt Cosmics Telefon. An seinem begeisterten Ausdruck in den Augen erkenne ich, dass es ein unerwarteter und freudiger Anruf zu sein scheint. Es ist der Hannes, sein früherer Bandkollege von Suzi Creamcheese, der offenbar vorschlägt, am Samstag ein bißchen mitzuspielen. Am Klavier. Freude!

Endlich Halbzwei und da kommt er auch schon, der Dr. Kreutner. Und so viele Leute! Es wird eine schöne Führung. So viele Ecken, die mit dem alten Rückert eine Geschichte haben.

Und so viele Parkplätze, wo früher Häuser gestanden haben, in denen er gewohnt hat. Kreutner meint, da gäbe es offensichtlich eine besondere Affinität, dass Parkplätze immer genau das geplant werden, wo früher ein Rückerthaus war. Interessant! Schon toll, die wissenschaftlichen Zusammenhänge, die einem so ein Geisteswissenschaftler näherbringen kann. Aber das wirklich Wichtige bei der Führung kam eher zufällig heraus. Ach was – zufällig. Schicksalshaft! Zwischen zwei Gässchen erzählt Dr. Kreutner, dass Rückert immer gerne einmal im Jahr zur Weinlese nach Schweinfurt zurückgekehrt ist, das war ihm wichtig.

Seine Eltern hatten da nämlich einen Weinberg. „Und wo da genau?“ fragt Cosmic. „Da auf der Haardt“ sagt Dr. Kreutner. Cosmic wirft mir einen visionsschwangeren Blick zu. Das ist der Ortsteil wo sein Elternhaus steht. „Und wo da genau?“ hakt Cosmic merklich aufgedreht nach. „Na da, was heute die Paul Klee-Straße ist, da den Hang herunter, da war der Weinberg von Rückerts Eltern!“ Wir schauen uns stumm an. Cosmics Elternhaus ist in der Paul Klee-Straße. Ja, das war eine wirklich schöne Führung mit Herrn Dr. Kreutner. Im Stadtarchiv durfte man sogar im Prachtband des Liebesfrühlings blättern. Und die Haarlocke von Friedrich Rückert hab ich auch gesehen und fotografiert. Richtig blond war er. Oder so graublond. Auf jeden Fall kräftige Haare!

Und danach ins Café. Ich esse eine serbische Bohnensuppe und trinke ein Bier und einen Cappuccino vorneweg. Cosmic isst Käsekuchen, ich helfe ihm, und Cappuccino hinterher. Dazwischen ein Zigarettchen vor der Tür. Wir sitzen auf der Eckbank für’s Personal, wir dürfen! Ein schöner Tag. Danke Dr. Kreutner! Danke Schweinfurt!

27. Mai 2010

Freitag, der 14. Mai 2010. Die Fortsetzung meines kleinen Reisetagebuchs. Cosmic und ich sind gegen 14.00 Uhr – meinen wir uns zu erinnern – wir wissen es nicht mehr so genau – am Rückertdenkmal mit Dr. Kreutner verabredet, der eine Rückert-spezielle Stadtführung durch Schweinfurt machen will. Cosmic ist Mitglied der Rückert-Gesellschaft, die ihren Sitz in einem fantastisch schönen Turm hat, wie man sich den sprichwörtlichen Elfenbeinturm vorstellt. Es ist der sogenannte Schrotturm und ich habe versäumt, ihn zu fotografieren, weil ich jedesmal, wenn ich in der Nähe war, kein gutes Licht hatte und vor meinem inneren Auge den weißen Turm vor indigoblauem Himmel sah. Was auch in Schwarzweiß ganz hervorragend ausgesehen hätte, aber es hat nicht sollen sein! Gibt ja auch genug Bilder von dem putzigen Turm.

Vorher war noch ein bißchen Zeit, und wir nutzen den Weg zum Marktplatz, um die Altstadt ein wenig mit unseren Handzetteln und zwar kleinen aber doch anmutigen Plakaten zu verschönern. „UNSER DORF MUSS SCHÖNER WERDEN!“ Im ersten Schreibwarengeschäft am Platze erstand Cosmic noch Tesafilm, damit die von ihm anzubringenden Plakate möglichst reinlich wieder entfernt werden könnten. Ich dagegen hatte meinen dicksten Klebestift dabei, der mir genau passend erschien, um meine Informationsdokumente möglichst nachhaltig anzubringen. An etwas Schönem möchte man sich schließlich länger erfreuen, auch wenn die angekündigte Feierlichkeit schon vorbei ist. Dann gerade! Man ist ja schließlich sentimental. Wir waren höchstens eine halbe Stunde unterwegs und die Stadt sah schon viel schöner aus. Jeder Laternenpfahl und jeder Pfosten war mir recht. Was für eine Wonne es war, die nackten traurigen Verkehrschilderstangen oder wie das heißt mit meinem Klebestift zu streicheln und unsere schönen Erinnerungsbilder aufzukleben. Eine Freude! Laternenpfahl oder Verkehrsschild, da bin ich nicht heikel! Alles muss schöner werden!

So! Geschafft! Und nun eine kleine Pause, ein wohlverdientes Tässchen Kaffee. Im Café Rialto am Marktplatz. Sogar Markt war heute! Gelegentlich liefen sogar Menschen über den Platz. Am Rückertdenkmal hatte eine Blumenfrau ihren Stand aufgebaut. Es gibt also doch Menschen in der kleinen Stadt! Wie schön.

Wir bestellen eine italienische Kaffeespezialität und gucken in die Luft. Noch ein Zigarettchen. Hach ja.

Auftritt Wachtmeister Dimpfelmoser und Geselle. Der Herr Schutzmann hat eines meiner schönen kleinen Schilder abgemacht und hält den Zettel mit detektivischem Blick ausgereckt in seiner linken Hand und uns vor die Nase. Ob die Zettel von uns sind, will der Herr Wachtmeister wissen und dass es sich in diesem Fall um eine Ordnungswidrigkeit handelt, die zur Anzeige gebracht wurde, falls wir dafür keine Genehmigung hätten und der Polizeipräsident wäre auch schon informiert worden. Hoppla!
Ob wir eine Genehmigung hätten? „Wir hätten gerne eine! Sie sind selbstverständlich auch herzlich eingeladen!“ sage ich zum Herrn Wachtmeister. Der Herr Wachtmeister schaut mich eigentlich gar nicht unfreundlich an und meint beschwichtigend, dass es nicht gegen uns persönlich gemeint wäre oder so ähnlich, aber wenn so eine Anzeige gemacht wird, muss man dem eben nachgehen und weil wir keine Genehmigung haben ist es wildes Plakatieren und wird mit einem Bußgeld geahndet und jetzt müssen die Personalien aufgenommen werden. Ich sage zum Herrn Wachtmeister, dass es bestimmt schön wird am Samstag, also 20.00 Uhr, damit er es nicht vergisst. Die Strafe soll 30 Euro kosten, ich will wissen, ob ich das nicht einfach so bezahlen kann? Nein, die Personalien! Die Personalien müssen aufgenommen werden! Das muss alles seine Ordnung haben.
Cosmic begehrt auf (Rebellion und so), dass er den früheren Polizeipräsident kennt und auch den Bürgermeister, den Remelé. Ich will gerade den Perso zücken, als der Herr Wachtmeister plötzlich vorschlägt, man könnte sich ja eventuell darauf verständigen, dass es nur einer von uns beiden war. „Also sollen wir sagen ER WAR’S?“ fragt er und guckt Cosmic und mich abwechselnd eindringlich an. Ich glaube, das nennt man dann suggestiv oder so. „Ja! Dann war’s er!“ pariere ich. Cosmic gibt seine Adresse in Berlin an, was den Herrn Wachtmeister mächtig irritiert. „Sie haben keinen Wohnsitz in Schweinfurt? Überhaupt keinen?“ „Nein, ich bin nur in Berlin gemeldet.“ „Aber Sie kennen doch den Bürgermeister?“ „Ja, das ist mein Freund bei facebook!“ „Ja also, der Bürgemeister, der hat die Möglichkeit den Bußgeldbescheid aufzuheben, der kann das! Dann müssen Sie eben an ihn herantreten, der hätte eventuell die Möglichkeit!“
Um die Atmosphäre etwas aufzulockern, schlage ich vor, ein Erinnerungsfoto zu machen. Der Herr Wachtmeister ist auch gleich einverstanden, legt aber Wert darauf, dass sein Kopf nicht darauf kommt. Leider hält er unseren schönen weißen Informationszettel „Romantik Liebe Rebellion“ falschrum, so dass man nur ein weißes Viereck sieht. Das beschäftigt mich ein paar Sekunden, als er selbst darauf kommt und mir behilflich ist: „Ach! Ich muss es bestimmt andersrum halten!“ „Ja!“ sag ich, „so ist es schön!“. Das Bild ist im Kasten und ich bin recht zufrieden. Eine Begegnung, an die man sich gerne erinnert und noch seinen Enkeln davon erzählt!

Endlich kommt auch der wackere Geselle zum Zuge. Der bislang recht stille junge Mann erinnert sich, dass man in solchen Fällen ja auch noch ein Schuldbekenntnis abverlangen kann, so eine Art Protokoll über den Vorfall und die Einsicht und Reue des Täters. Sehr praktisch für Cosmic als eindeutigem Täter ist, dass der Geselle das Entschuldigungsprotokoll selber aufsetzt, auch sehr schön fomuliert! Das unterschreibt man dann auch gerne:

„Ich habe nicht gewusst, das „wildes“ Plakatieren in der Innenstadt von SW verboten ist. Es tut mir leid. Ich mache es auch nie wieder.“
Cosmic
(Unterschrift)
Auch dieses wichtige Protokoll konnte nur mit der tätigen Unterstützung des jungen Herrn Wachtmeisters fotografiert werden. Er hat den Zettel extra ruhig gehalten. Danke noch einmal dafür! Auch ich verspreche auf die Bibel, dass ich nie mehr an dieselben Stellen Sachen hinkleben werde, wo ich gerade Sachen hingeklebt habe. Großes Ehrenwort! Zum Abschied erinnere ich noch einmal an unseren Auftritt in der Disharmonie: „Also, 20 Uhr!“ Bestimmt haben wir zum Abschied noch gewunken. Eine sehr schöne Urlaubsbegegnung!

Aber nun auf zur Führung! Der Stundenzeiger rückt auf Zwei und wir stehen pünktlich am Denkmal aber noch kein Dr. Kreutner zu sehen, dabei ist der doch immer sehr pünktlich. Nach weiteren fünf Minuten ist immer noch keiner da und wir beschließen, dass die Treffpunkt-Uhrzeit wohl doch erst um halbdrei war. Wir plakatieren noch ein bißchen weiter, immer mit Erlaubnis der Ladenbesitzer rund um den Marktplatz versteht sich und wieder einmal klingelt Cosmics Telefon. An seinem begeisterten Ausdruck in den Augen erkenne ich, dass es ein unerwarteter und freudiger Anruf zu sein scheint. Es ist der Hannes, sein früherer Bandkollege von Suzi Creamcheese, der offenbar vorschlägt, am Samstag ein bißchen mitzuspielen. Am Klavier. Freude!

Endlich Halbzwei und da kommt er auch schon, der Dr. Kreutner. Und so viele Leute! Es wird eine schöne Führung. So viele Ecken, die mit dem alten Rückert eine Geschichte haben.

Und so viele Parkplätze, wo früher Häuser gestanden haben, in denen er gewohnt hat. Kreutner meint, da gäbe es offensichtlich eine besondere Affinität, dass Parkplätze immer genau das geplant werden, wo früher ein Rückerthaus war. Interessant! Schon toll, die wissenschaftlichen Zusammenhänge, die einem so ein Geisteswissenschaftler näherbringen kann. Aber das wirklich Wichtige bei der Führung kam eher zufällig heraus. Ach was – zufällig. Schicksalshaft! Zwischen zwei Gässchen erzählt Dr. Kreutner, dass Rückert immer gerne einmal im Jahr zur Weinlese nach Schweinfurt zurückgekehrt ist, das war ihm wichtig.

Seine Eltern hatten da nämlich einen Weinberg. „Und wo da genau?“ fragt Cosmic. „Da auf der Haardt“ sagt Dr. Kreutner. Cosmic wirft mir einen visionsschwangeren Blick zu. Das ist der Ortsteil wo sein Elternhaus steht. „Und wo da genau?“ hakt Cosmic merklich aufgedreht nach. „Na da, was heute die Paul Klee-Straße ist, da den Hang herunter, da war der Weinberg von Rückerts Eltern!“ Wir schauen uns stumm an. Cosmics Elternhaus ist in der Paul Klee-Straße. Ja, das war eine wirklich schöne Führung mit Herrn Dr. Kreutner. Im Stadtarchiv durfte man sogar im Prachtband des Liebesfrühlings blättern. Und die Haarlocke von Friedrich Rückert hab ich auch gesehen und fotografiert. Richtig blond war er. Oder so graublond. Auf jeden Fall kräftige Haare!

Und danach ins Café. Ich esse eine serbische Bohnensuppe und trinke ein Bier und einen Cappuccino vorneweg. Cosmic isst Käsekuchen, ich helfe ihm, und Cappuccino hinterher. Dazwischen ein Zigarettchen vor der Tür. Wir sitzen auf der Eckbank für’s Personal, wir dürfen! Ein schöner Tag. Danke Dr. Kreutner! Danke Schweinfurt!

26. Mai 2010

Ich bitte meine Leser und Leserinnen und vor allem deren noch lebende ältere Angehörigen um tätige Mithilfe. Ich habe heute einen Gedichtband erhalten, in dem sich eine Widmung in deutscher Schrift befindet. Auch Sütterlin genannt. Mein Großvater versuchte mir zwar als ich klein war, diese Schrift und ihre Bedeutung näherzubringen, und ich erinnere mich dunkel, dass er mit mir Leseübungen veranstaltete, aber es ist alles verschüttet und vergraben. Ja, es gibt ausführliche Seiten im Netz, um Sütterlin zu lernen, aber so weit wollte ich es dann doch nicht treiben. Ich bin einfach nur neugierig. Ich habe keinen Bezug zum Autor dieser Widmung. Ich vermute, dass es ein Herr ist, der die Zeilen schrieb. Vielleicht zitiert er sogar ein paar Zeilen aus dem Gedichtband. Die Widmung ist aus dem Jahre 1873. Ein Jahr nachdem diese Auflage des Buches erschien. Es wäre großartig, wenn es jemand ohne die Schwierigkeiten und den Zeitaufwand, den ich dabei hätte, entziffern könnte und mir als Kommentar die Übersetzung schreibt.

Es gibt noch drei weitere Detailaufnahmen der Widmung, hier. Man kann alle Bilder auch größer ansehen (klick auf „all sizes“). Auf dieser Aufnahme vielleicht am besten zu erkennen.

26. Mai 2010

Liebe und Selbstschutz. Niemals die Abgründe derer preiszugeben, die man am meisten liebt. Um nicht in gefährliche Nähe des Abgrundes zu geraten, dass man vor der Zeit in den Tod stürzt. Und der geliebte Mensch Schaden nimmt. Und weil man sich nicht rechtfertigen wollte, wenn man gefragt würde. Weil man die Fragen verstehen würde. Beschämt. Es nicht gut könnte. Nicht gut genug. Nur vor sich selbst, dem eigenen Herzen. Das keine Erklärung braucht, einfach nur schlägt. Laut weiterschlägt. Ganz laut. Wie eine Trommel in der Nacht. Durch den Urwald ruft. Das Schöne. Gesegnete. Gute. Heile. Bum bum bum

25. Mai 2010

Die Bilder meiner Reise, die ich gerade eben hochgeladen habe, machen es mir nicht leicht, dahinzuplaudern. Dabei war es einer der lichtesten Orte meiner Reise. Cosmic nahm mich mit zu seinem Elternhaus. Wir hatten vor, mit den beiden Hunden in den Wald zu gehen. Seine Mama war Hundezüchterin. Das taten wir.


Ein Zuhause an einen Hang gebaut, der Wald ganz nah. Als die Tür aufgeht, strömt mir Wärme entgegen. Ein Haus voller Seele, Bilder und Geschichten. Ein gutes Gefühl, an diesem von seinen beiden jüngeren Schwestern so liebevoll gedeckten Tisch zu sitzen, wo man kaum entscheiden konnte, ob man besser den Birnen- oder den Aprikosenkuchen nähme, den die Kinder ihrer Mutter nach ihrem unvergleichlichen Rezept gebacken hatten, den Kaffee oder die Bananenmilch. Von allem bekam ich. Der weite Blick von der Terrasse, ich musste an Rückerts Goldberghäuschen denken. Beim Abschied schlug Therese vor, dass wir auf dem Rückweg noch den Baum besuchen könnten. Ich wusste, welchen sie meinte. Und das taten wir. Mit Maiglöckchen. Der Tag wirkte noch lange nach. Bis jetzt.

13. Mai 2010

25. Mai 2010

Die Bilder meiner Reise, die ich gerade eben hochgeladen habe, machen es mir nicht leicht, dahinzuplaudern. Dabei war es einer der lichtesten Orte meiner Reise. Cosmic nahm mich mit zu seinem Elternhaus. Wir hatten vor, mit den beiden Hunden in den Wald zu gehen. Seine Mama war Hundezüchterin. Das taten wir.


Ein Zuhause an einen Hang gebaut, der Wald ganz nah. Als die Tür aufgeht, strömt mir Wärme entgegen. Ein Haus voller Seele, Bilder und Geschichten. Ein gutes Gefühl, an diesem von seinen beiden jüngeren Schwestern so liebevoll gedeckten Tisch zu sitzen, wo man kaum entscheiden konnte, ob man besser den Birnen- oder den Aprikosenkuchen nähme, den die Kinder ihrer Mutter nach ihrem unvergleichlichen Rezept gebacken hatten, den Kaffee oder die Bananenmilch. Von allem bekam ich. Der weite Blick von der Terrasse, ich musste an Rückerts Goldberghäuschen denken. Beim Abschied schlug Therese vor, dass wir auf dem Rückweg noch den Baum besuchen könnten. Ich wusste, welchen sie meinte. Und das taten wir. Mit Maiglöckchen. Der Tag wirkte noch lange nach. Bis jetzt.

13. Mai 2010

24. Mai 2010

Seit geraumer Zeit wird einem bei gmx Partnerschafts-Börsen-Reklame aufgenötigt. Lese ich selten, aber gerade sehr auffällig beschriftetes Banner als Einstiegs-Teaser: „Was würden Sie beim ersten Date bevorzugen? Theater? Essen? Spaziergang?“ Muss ich nicht lange überlegen. Essen. Theater lenkt unnötig vom Wesentlichen ab, Spazierengehen kann man immer noch, aber gut essen ist in jedem Fall ein (Erkenntnis)Gewinn ersten Ranges, selbst wenn die riskierte Verabredung ein Fehlschlag wäre und man bekommt auch gleich etwas Wesentliches mit, nämlich, ob der Mensch vernünftige Manieren hat. Gegessen wird schließlich jeden Tag. Eine saudumme Bemerkung zu einem Theaterstück ist zu verschmerzen, wann geht man schließlich schon ins Theater. Aber essen! Ein regelmäßiges Unterfangen.
Wird geschmatzt, geschnauft, gekrümelt, gestochert, gemäkelt, einzelne Bestandteile aussortiert oder die Hälfte auf dem Teller gelassen? Die Gabel wie ein Schraubenzieher gehalten? Das lässt tief blicken! Dagegen ist Astrologie feuchter Kehricht. Bei der Pizza der Rand abgeschnitten? Die Spaghetti-Mahlzeit linkisch mit der Gabel in den Löffel gerollt? Schlimmer italienischer Wein geordert? Gekleckert, in den Zähnen gepuhlt, homöopathisches Trinkgeld verabreicht? Da weiß man gleich, woran man ist. Aber ganz eindeutig Essen.

24. Mai 2010


Die dritte Reise-Etappe, Mittwoch, 12. Mai 2010. Auf den Metadaten des ersten Fotos am Marktplatz von Schweinfurt sehe ich, dass es um zwanzig Uhr entstanden ist. Der große leere Marktplatz liegt wie ein kopfsteingepflasterter Tennisplatz vor uns. In der Mitte thront Friedrich Rückert. Irgendjemand hat ihm ein Piratentuch aufgesetzt, so sieht es wenigstens von unten aus.

Als ich das Foto zurück in Berlin auf meinem Monitor genauer betrachte, erkenne ich anhand des Rückert die Stirn kitzelnden Etiketts, dass es sich doch wohl eher um ein Herrendessous handelt. Schwarz. Mir ist wie Sonntag, aber es ist nur ein Mittwoch. Nicht, dass Sonntag mein Lieblingstag wäre, aber es ist so sonntagsruhig. Überall. Ich frage Cosmic, ob vielleicht ein wichtiges Fußballspiel im Fernsehen übertragen wird? Oder irgendetwas anderes die Leute irgendwohin treibt. Nein. Das ist hier um diese Zeit immer so leer. Seit ein paar Jahren. Alles aufgeräumt und sauber. Um zwanzig Uhr werden die Bürgersteige hochgeklappt. Es ist aber auch keine laue Mainacht, in der das aufwallende Blut einen mit aller Macht vor die Tür treiben würde, um am Rückertdenkmal Kontakte zu pflegen. Aber muss denn keiner mal von da nach da?

Ich nehme es heiter und sage, das Angenehme ist ja, dass keine unattraktiven Leute durchs Bild laufen, gut zum Fotografieren. Das Problem hat man ja manchmal. Wobei die wenigen Passanten und das sonstige Publikum keineswegs einen unattraktiven Eindruck macht. Die Bevölkerung wirkt bestens situiert und gut gekleidet. Man sieht keine abgerissenen Gestalten oder gar irgendwelche Freaks mit expressionistischen Kleidungsexperimenten. Später erfahre ich von einem von Cosmics früheren Bandkollegen, dass sich die etwas schrägeren Vögel am Stattbahnhof treffen. Cosmic machen die leeren Plätze in der Altstadt traurig, weil er sich an buntere und wildere Zeiten erinnert. Früher trafen sich die Jugendlichen am Rückertdenkmal, saßen darauf, davor… ich erinnere auch solche Treffpunkte meiner Jugend, weiß gar nicht wie die heute aussehen. Ich vermute, dass man sich mehr im Netz begegnet und dann gezielt von Tür zu Tür bewegt. Aber an einem laueren Abend ist es ganz bestimmt belebter. Irgendwie muss die Kopfbedeckung ja auf Rückerts Kopf gekommen sein.

Auf jeden Fall sah das Rückertdenkmal prächtig aus, mit unseren kleinen Informations-Merkblättern. Wie dafür gemacht! Wir hatten große Freude, die Sachen möglichst schön anzukleben.

„Und hier war das – und da war das…“ Im Café Vorndran hat er seine halbe Schulzeit verbracht. Dort hat man immer alle getroffen. Cosmic erinnert sich und erzählt.

Zwischenstation beim Kunstkaufhaus und weiter zur Traumfüllung, die früher Füllbar hieß und die Cosmic mit aus der Taufe gehoben hat, sein Freund Micha, der Inhaber, ist leider nicht da, er hat den „Brückentag“ genommen.

Und dann waren wir noch in so einem siebziger Jahre Rockladen im Keller, mit Wagenrädern an der Wand, Heuschoberzubehör, da wird noch ab und zu live gespielt, wir sind aber zu früh dran. Der junge Inhaber hat den Laden unverändert gelassen und erzählt, dass in den Achtziger Jahren Thomas Gottschalk mal Platten aufgelegt hat und Peter Maffay sei auch schon aufgetreten. Davon hat er aber nur gehört, er selbst ist zu jung, um sich daran zu erinnern. Cosmic hatte mit dem rustikalen Laden wenig zu tun, er gehörte einer anderen Szene an.

Ich fotografiere in irgendeiner Straße in der Altstadt das Pflaster, auf das Cosmic bedeutungsvoll zeigt. Dort hat ihm irgendein liebenswerter Spinner cosmische Gedichte in die Hand gedrückt. Wenn ich das jetzt nicht verwechsle…

Wohlverdiente Pause bei einem Weinlokal, wir stehen draußen, sind eine Weile die einzigen, die sich vor die Tür stellen, der Kellner bringt uns zwei Barhocker und den Wein. Es gibt Spätburgunder vom Kaiserstuhl, da kann man auch zwei Gläser vertragen. Zwei Herren gesellen sich zu uns, die letzten Raucher. Einer davon ist Cosmics Zahnarzt, dem er nicht verrät, dass sich gerade eine noch recht neue Brücke von ihm verabschiedet hat. Der Abend ist zu launig für solchen Alltagskram. Wir verteilen unsere Flyer und alle reagieren sehr herzlich auf uns beide Verrückten. Der andere Raucher gibt uns den Namen einer Bar, die keine Sperrstunde hat, in der Nähe des Schrotturms, in der man rauchen darf. Vorbei am Fischerrain. Cosmic zeigt auf die obere Etage eine kleinen Häuschens am Mainufer. Da hat er gewohnt. Wir fangen an herumzuspinnen, dass man eigentlich an all diesen wichtigen Stellen goldene Schilder anbringen müsste. Und zwar unter allen Umständen zu Lebzeiten. Wir gehen ein Stück am Fluss entlang und kommen an der Disharmonie vorbei, wo wir drei Tage später unseren Gig haben. Alles ist sehr familiär, man kennt sich. Ich mag den Raum gleich, in dem wir das Konzert machen werden und sehe, dass ich mir etwas anderes als ursprünglich geplant für meine Bilder einfallen lassen muss. Das ergibt sich dann zwei Tage später beim Aufbau wie von selbst.

Kreuz und quer durch den Stadtkern und zur Raucherbar am Schrotturm. Weiß gar nicht, warum wir uns immer noch so viel zu erzählen haben. Es hört nicht auf. Ich erzähle Cosmic von meinem Neffen Valerian, der irgendwas mit Film studiert und Klavier spielt und auf seinem Facebook Account als Lebensmotto „Ataraxie und Hedonismus“ angibt und als Interessen „Arts and Rebellion“. Gegen zwei trunkenes Verlassen der Bar. Rotwein. Viel. Die Entfernungen sind zum Glück nicht so groß. Cosmic holt seine Gitarre aus dem Auto in der Tiefgarage und setzt sich auf die Stufen des Georg Schäfer-Museums, um mir ein neues Lied vorzusingen. Es ist mein liebster Text von Friedrich Rückert, den er gerade vertont hat und mir vorsingen will. Es wird eine trunken schöne Performance auf den Stufen. Als er das Lied zum zweiten Mal gerade zu Ende singt, kommen ein paar Jugendliche vorbei, drei sehr hübsche Mädchen und zwei Jungs, die angetan stehenbleiben.

Und nun gibt es „Du bist mein Mond und ich bin deine Erde, du sagst, du drehst dich um mich, ich weiß es nicht, ich weiß nur, dass ich werde, in meinen Nächten hell durch dich. Du bist mein Mond und ich bin deine Erde, sie sagen du veränderst dich. Allein, du änderst nur die Lichtgebärde und liebst mich unveränderlich. Du bist mein Mond und ich bin deine Erde. Nur mein Erdschatten hindert dich, die Liebesfackel stets am Sonnenherde zu zünden, in der Nacht für mich“ zum dritten Mal mit Ovation. So großen Beifall fünf Menschen machen können. Trunken und schön. Ich hab die Kamera draufgehalten, aber es wird nicht veröffentlicht. Was für ein Tag. Was für eine Idee, hierher zu kommen. Eine gute.
[…]

24. Mai 2010

Seit geraumer Zeit wird einem bei gmx Partnerschafts-Börsen-Reklame aufgenötigt. Lese ich selten, aber gerade sehr auffällig beschriftetes Banner als Einstiegs-Teaser: „Was würden Sie beim ersten Date bevorzugen? Theater? Essen? Spaziergang?“ Muss ich nicht lange überlegen. Essen. Theater lenkt unnötig vom Wesentlichen ab, Spazierengehen kann man immer noch, aber gut essen ist in jedem Fall ein (Erkenntnis)Gewinn ersten Ranges, selbst wenn die riskierte Verabredung ein Fehlschlag wäre und man bekommt auch gleich etwas Wesentliches mit, nämlich, ob der Mensch vernünftige Manieren hat. Gegessen wird schließlich jeden Tag. Eine saudumme Bemerkung zu einem Theaterstück ist zu verschmerzen, wann geht man schließlich schon ins Theater. Aber essen! Ein regelmäßiges Unterfangen.
Wird geschmatzt, geschnauft, gekrümelt, gestochert, gemäkelt, einzelne Bestandteile aussortiert oder die Hälfte auf dem Teller gelassen? Die Gabel wie ein Schraubenzieher gehalten? Das lässt tief blicken! Dagegen ist Astrologie feuchter Kehricht. Bei der Pizza der Rand abgeschnitten? Die Spaghetti-Mahlzeit linkisch mit der Gabel in den Löffel gerollt? Schlimmer italienischer Wein geordert? Gekleckert, in den Zähnen gepuhlt, homöopathisches Trinkgeld verabreicht? Da weiß man gleich, woran man ist. Aber ganz eindeutig Essen.

24. Mai 2010


Die dritte Reise-Etappe, Mittwoch, 12. Mai 2010. Auf den Metadaten des ersten Fotos am Marktplatz von Schweinfurt sehe ich, dass es um zwanzig Uhr entstanden ist. Der große leere Marktplatz liegt wie ein kopfsteingepflasterter Tennisplatz vor uns. In der Mitte thront Friedrich Rückert. Irgendjemand hat ihm ein Piratentuch aufgesetzt, so sieht es wenigstens von unten aus.

Als ich das Foto zurück in Berlin auf meinem Monitor genauer betrachte, erkenne ich anhand des Rückert die Stirn kitzelnden Etiketts, dass es sich doch wohl eher um ein Herrendessous handelt. Schwarz. Mir ist wie Sonntag, aber es ist nur ein Mittwoch. Nicht, dass Sonntag mein Lieblingstag wäre, aber es ist so sonntagsruhig. Überall. Ich frage Cosmic, ob vielleicht ein wichtiges Fußballspiel im Fernsehen übertragen wird? Oder irgendetwas anderes die Leute irgendwohin treibt. Nein. Das ist hier um diese Zeit immer so leer. Seit ein paar Jahren. Alles aufgeräumt und sauber. Um zwanzig Uhr werden die Bürgersteige hochgeklappt. Es ist aber auch keine laue Mainacht, in der das aufwallende Blut einen mit aller Macht vor die Tür treiben würde, um am Rückertdenkmal Kontakte zu pflegen. Aber muss denn keiner mal von da nach da?

Ich nehme es heiter und sage, das Angenehme ist ja, dass keine unattraktiven Leute durchs Bild laufen, gut zum Fotografieren. Das Problem hat man ja manchmal. Wobei die wenigen Passanten und das sonstige Publikum keineswegs einen unattraktiven Eindruck macht. Die Bevölkerung wirkt bestens situiert und gut gekleidet. Man sieht keine abgerissenen Gestalten oder gar irgendwelche Freaks mit expressionistischen Kleidungsexperimenten. Später erfahre ich von einem von Cosmics früheren Bandkollegen, dass sich die etwas schrägeren Vögel am Stattbahnhof treffen. Cosmic machen die leeren Plätze in der Altstadt traurig, weil er sich an buntere und wildere Zeiten erinnert. Früher trafen sich die Jugendlichen am Rückertdenkmal, saßen darauf, davor… ich erinnere auch solche Treffpunkte meiner Jugend, weiß gar nicht wie die heute aussehen. Ich vermute, dass man sich mehr im Netz begegnet und dann gezielt von Tür zu Tür bewegt. Aber an einem laueren Abend ist es ganz bestimmt belebter. Irgendwie muss die Kopfbedeckung ja auf Rückerts Kopf gekommen sein.

Auf jeden Fall sah das Rückertdenkmal prächtig aus, mit unseren kleinen Informations-Merkblättern. Wie dafür gemacht! Wir hatten große Freude, die Sachen möglichst schön anzukleben.

„Und hier war das – und da war das…“ Im Café Vorndran hat er seine halbe Schulzeit verbracht. Dort hat man immer alle getroffen. Cosmic erinnert sich und erzählt.

Zwischenstation beim Kunstkaufhaus und weiter zur Traumfüllung, die früher Füllbar hieß und die Cosmic mit aus der Taufe gehoben hat, sein Freund Micha, der Inhaber, ist leider nicht da, er hat den „Brückentag“ genommen.

Und dann waren wir noch in so einem siebziger Jahre Rockladen im Keller, mit Wagenrädern an der Wand, Heuschoberzubehör, da wird noch ab und zu live gespielt, wir sind aber zu früh dran. Der junge Inhaber hat den Laden unverändert gelassen und erzählt, dass in den Achtziger Jahren Thomas Gottschalk mal Platten aufgelegt hat und Peter Maffay sei auch schon aufgetreten. Davon hat er aber nur gehört, er selbst ist zu jung, um sich daran zu erinnern. Cosmic hatte mit dem rustikalen Laden wenig zu tun, er gehörte einer anderen Szene an.

Ich fotografiere in irgendeiner Straße in der Altstadt das Pflaster, auf das Cosmic bedeutungsvoll zeigt. Dort hat ihm irgendein liebenswerter Spinner cosmische Gedichte in die Hand gedrückt. Wenn ich das jetzt nicht verwechsle…

Wohlverdiente Pause bei einem Weinlokal, wir stehen draußen, sind eine Weile die einzigen, die sich vor die Tür stellen, der Kellner bringt uns zwei Barhocker und den Wein. Es gibt Spätburgunder vom Kaiserstuhl, da kann man auch zwei Gläser vertragen. Zwei Herren gesellen sich zu uns, die letzten Raucher. Einer davon ist Cosmics Zahnarzt, dem er nicht verrät, dass sich gerade eine noch recht neue Brücke von ihm verabschiedet hat. Der Abend ist zu launig für solchen Alltagskram. Wir verteilen unsere Flyer und alle reagieren sehr herzlich auf uns beide Verrückten. Der andere Raucher gibt uns den Namen einer Bar, die keine Sperrstunde hat, in der Nähe des Schrotturms, in der man rauchen darf. Vorbei am Fischerrain. Cosmic zeigt auf die obere Etage eine kleinen Häuschens am Mainufer. Da hat er gewohnt. Wir fangen an herumzuspinnen, dass man eigentlich an all diesen wichtigen Stellen goldene Schilder anbringen müsste. Und zwar unter allen Umständen zu Lebzeiten. Wir gehen ein Stück am Fluss entlang und kommen an der Disharmonie vorbei, wo wir drei Tage später unseren Gig haben. Alles ist sehr familiär, man kennt sich. Ich mag den Raum gleich, in dem wir das Konzert machen werden und sehe, dass ich mir etwas anderes als ursprünglich geplant für meine Bilder einfallen lassen muss. Das ergibt sich dann zwei Tage später beim Aufbau wie von selbst.

Kreuz und quer durch den Stadtkern und zur Raucherbar am Schrotturm. Weiß gar nicht, warum wir uns immer noch so viel zu erzählen haben. Es hört nicht auf. Ich erzähle Cosmic von meinem Neffen Valerian, der irgendwas mit Film studiert und Klavier spielt und auf seinem Facebook Account als Lebensmotto „Ataraxie und Hedonismus“ angibt und als Interessen „Arts and Rebellion“. Gegen zwei trunkenes Verlassen der Bar. Rotwein. Viel. Die Entfernungen sind zum Glück nicht so groß. Cosmic holt seine Gitarre aus dem Auto in der Tiefgarage und setzt sich auf die Stufen des Georg Schäfer-Museums, um mir ein neues Lied vorzusingen. Es ist mein liebster Text von Friedrich Rückert, den er gerade vertont hat und mir vorsingen will. Es wird eine trunken schöne Performance auf den Stufen. Als er das Lied zum zweiten Mal gerade zu Ende singt, kommen ein paar Jugendliche vorbei, drei sehr hübsche Mädchen und zwei Jungs, die angetan stehenbleiben.

Und nun gibt es „Du bist mein Mond und ich bin deine Erde, du sagst, du drehst dich um mich, ich weiß es nicht, ich weiß nur, dass ich werde, in meinen Nächten hell durch dich. Du bist mein Mond und ich bin deine Erde, sie sagen du veränderst dich. Allein, du änderst nur die Lichtgebärde und liebst mich unveränderlich. Du bist mein Mond und ich bin deine Erde. Nur mein Erdschatten hindert dich, die Liebesfackel stets am Sonnenherde zu zünden, in der Nacht für mich“ zum dritten Mal mit Ovation. So großen Beifall fünf Menschen machen können. Trunken und schön. Ich hab die Kamera draufgehalten, aber es wird nicht veröffentlicht. Was für ein Tag. Was für eine Idee, hierher zu kommen. Eine gute.
[…]

23. Mai 2010



Die zweite Reise-Etappe Mittwoch, 12. Mai 2010. Ich sitze um 10.52 Uhr ein bißchen aufgeregt in einem Zug nach Coburg, wo mich mein cosmischer Begleiter um halbzwei am Bahnsteig erwartet. Er kommt mir mit wehenden Haaren entgegen und wir fahren in seinem schwarzen Chrysler nach Neuses, um das Haus zu besuchen, in dem Friedrich Rückert bis zu seinem Tod lebte und das sich unverändert in Familienbesitz befindet.
Es ist noch Zeit und wir kehren in Neuses in einem schummrig getäfelten Lokal ein. Die Sonne versteckt sich hinter den Wolken, aber wenigstens regnet es nicht. Wenn man etwas Schönes vorhat, ist die Sonne das Sahnehäubchen auf dem Kakao, aber wenn es schön ist, obwohl die Sonne sich versteckt, hat man ganz bestimmt etwas richtig gemacht. Der kleinwüchsige italienische Wirt erzählt lebhaft, dass er Ende der Achtziger Jahre irgendeinen Preis im Leichtgewicht in Berlin gewonnen hat, von Axel Schulz persönlich überreicht. Darauf war er mächtig stolz und verbindet deswegen bis heute schöne Erinnerungen mit Berlin. Zum Nachtisch kredenzt er uns Erdbeer-Tiramisu. Noch nie gegessen, ganz lecker.
Zum Rückert-Park flaniert mit dem schönen großen Marmor-Denkmal, eine Reihe gemeinsamer Fotos gemacht. Weiter zum nahen Goldberghäuschen, da hat er gerne geschrieben und ein Nickerchen gemacht, der alte Rückert. Und nun endlich das Haus. Wir hatten es schon von hinten entdeckt, weil es an den Park grenzt. Frau Rückert ist erzählfreudig und erklärt, wie sie den Garten nach alten Plänen wieder hat herrichten lassen und dass sie ein Gartenhäuschen aufgestellt hat, das nicht historisch ist, aber keiner merkt’s, weil es so schön hinpasst.
Frau Rückert und ihr Mann, ich glaube mich zu erinnern er heißt Claus, sind sehr sympathisch. Er erzählt nicht so viel, aber er ist der echte Nachfahre. Sie weiß dafür so viel, dass alle denken, sie wäre die Blutsverwandte von Rückert. Am Ende sind die beiden neugierig, was Cosmic vertont, und wollen ihn recht bald zu einem Abend mit Gästen einladen, um seine Rückertvertonungen vorzutragen.
Am Ende waren wir noch beim Grab und im Dorfkirchlein von Rückert und seiner Luise. Da ist mir aufgefallen, dass er sie um ein paar wenige Jahre überlebt hat und dass ich gar keine Gedichte kenne, die er über den Verlust von Luise gemacht hat. Er hat sie doch so geliebt. Da bin ich neugierig geworden, was er in der Zeit geschrieben haben mag. Cosmic kennt auch nichts aus diesen späten Jahren um ihren Tod, aber wir werden es herausfinden. Ich glaube, dass wir dann gleich losgefahren sind. Gegen achtzehn Uhr sind wir also aufgebrochen zu Friedrich Rückerts Geburtsstadt, in der Cosmic aufgewachsen ist.

22. Mai 2010



Meine erste Reise-Etappe Dienstag, 11. Mai 2010. Ich fliege mit dem Flugzeug zu meinen Eltern und treffe meine Neffen, die auf der Terrasse Gitarre spielen. Später weiter zur liebsten Freundin, schönstes Wiedersehen, großartiger Abend in einem Restaurant, das uns irgendwie portugiesisch vorkommt, aber es ist wohl spanisch, das wunderschöne La Tasca. Grandiose Tapas, grandioser Wein, grandiose Freundin, grandioser Abend. In die Federn. Am nächsten Morgen weiter mit dem Zug. Fortsetzung folgt.

22. Mai 2010



Meine erste Reise-Etappe Dienstag, 11. Mai 2010. Ich fliege mit dem Flugzeug zu meinen Eltern und treffe meine Neffen, die auf der Terrasse Gitarre spielen. Später weiter zur liebsten Freundin, schönstes Wiedersehen, großartiger Abend in einem Restaurant, das uns irgendwie portugiesisch vorkommt, aber es ist wohl spanisch, das wunderschöne La Tasca. Grandiose Tapas, grandioser Wein, grandiose Freundin, grandioser Abend. In die Federn. Am nächsten Morgen weiter mit dem Zug. Fortsetzung folgt.

22. Mai 2010




Ja, da. Diese Bilder schaffte ich nicht mehr hochzuladen, vor meiner Abreise am 11. Mai. Da war so viel vorzubereiten… das Konzert, die Bilder, all das. Es sind Bilder vom 25. April 2010, als auch mein Opus 47 entstand. Ich besuchte den Viktoriapark und begab mich auf die Suche nach der Rückert-Herme. Eine Herme ist eine Art Skulptur auf einer Säule. Ich fand sie nicht. Nur den Sockel. Oder besser einen leeren Sockel, von dem ich vermutete, dass darauf einst die Herme gewesen sein müsste, von der es hieß, sie zeigte den Dichter Friedrich Rückert mit einem Heft und einem Federkiel in der Hand, zu Füßen ein Leier spielender Putto. Also lief ich im Kreis, nach oben, nach unten, bergauf, bergab, zur Liegewiese, dahin, dorthin. Später ergaben meine Recherchen, dass die Herme seit geraumer Zeit verschwunden ist. Ich nahm Kontakt mit dem Landesdenkmalamt auf, das mir alle erdenklichen Exposés zur Dokumentation der Herme und deren Verschwinden zur Verfügung stellte. Der Verlust wurde um 1990 festgestellt. Es sollte ein Abguss gemacht werden, das Original einen neuen Ehrenplatz auf einem Schulhof finden, im Viktoriapark sollte eine Replik aufgestellt werden. Die Herme wurde für den Abguss abtransportiert, wann genau und wohin, ist noch herauszufinden. Vielleicht waren es die Wirren des Mauerfalls, eine neue Zuordnung der Zuständigkeiten im Landesdenkmalamt – wie auch immer – die Information, welcher Bildhauer beauftragt wurde, ist beim Landesdenkmalamt verloren gegangen. Als ich Kontakt aufnahm, war das Interesse groß, ich erhielt den Hinweis, dass es gut möglich sei, dass die Herme noch bei dem Bildhauer stünde, der den Auftrag bekam. Ob er noch lebt? Vor diesem Hinweis phantasierte ich über eine Russenmafia, die liquiden Neureichen originale Skulpturen für exklusive Privatgärten besorgt. Das Landesdenkmalamt vermutet keinen Diebstahl, ist aber auch nicht so richtig schlau. Wenn ich hier wieder so richtig angekommen bin, meine Reisebilder und Filme verarbeitet habe, werde ich die Sache wieder verfolgen.
Hier also die Bilder meines Spaziergangs durch den Viktoriapark. Ich gehe ja gerne chronologisch vor. Später dann die Reise. Die sehr schön war. Wunderschön.

22. Mai 2010

Danach. weiß gar nicht mehr, warum die vier Fotos entstanden, irgendein aufstrebender Gedanke, der gebannt werden wollte. Vielleicht stand auch nur der Mond in Konjunktion zu meiner Sonne, wie jetzt. Weiß der Geier. Kaum bin ich allein zuhause angekommen, reiße ich mir die Klamotten vom Leib und bleibe je nach Umgebungstemperatur nackt oder zieh mir was Kuscheliges an. Und binde die Haare zusammen. Das sieht man jedenfalls auf den Bildern. Mehr fällt mir nicht mehr dazu ein. Und ich war guter Dinge. Sonst hätte ich nicht draufgehalten. Und bin es wieder. Morgen vielleicht Bilder der ersten Reiseetappe. Mit dem Flieger zu meinen Eltern, Neffen und danach liebster Freundin. Jetzt schlafen.