08. Dezember 2025

Und dich und mich, uns trug die Flamme fort,
Die Ferne und die Nähe ward ein Ort.
Wir Menschen wachsen mit den Bäumen auf
Und werden wie die Bäume einst zum Scheiterhauf.
Es zünden sich, wie Scheit an Scheit, so Mann an Weib
Und lodern von der Erde fort als einziger Leib;
Sind Freudenfeuer in der kurzen Nacht
Und haben sich auf Feuerfüßen aufgemacht
Und wissen nichts von ihrer eigenen Pracht.

Max Dauthendey, „Die Ferne und die Nähe ward ein Ort“, 1909, Lusamgärtlein

08. Dezember 2025

Die Sorgen heut auf mich gleich wie aus Wolken fallen. Und prallen wie ein Hagel vor mich hin. Die Sorgen lauter als die Straßen schallen. Und, als verlor die Liebe jeden Sinn, mußt ich mich in die Kissen ratlos legen und noch im Schlaf von meinem Elend wissen. Und nur ein wenig Ruhe war im Traum darin: Ich sah am Himmel meine Sorge als Komet, die feurig weiterfliegend hinter Berge geht.

Max Dauthendey, „Ich sah am Himmel meine Sorge als Komet“, 1909, Lusamgärtlein

06. Dezember 2025

GOLDEN WARRIOR. Zeitungspapier (Artikel mit Lieblingsfoto von Che Guevara), beim Bearbeiten gerissen, versaut, Fragmente m. Wasserfarbe, Acryl und Aquarellpapierfragmenten mit schwarzer Tinte, Kleber, Pappkarton weiterverarbeitet, 16./29. Februar 2020, 1./2./3./4./5. März 2020, 30,5 x 43 cm, Staatl. Museen v. Gaganien. Exhib. „Welcome to Gagania“ 2025, Januar, Sevenstar Kellerbar.

04. Dezember 2025

Keine neuen Fotos, nur alte. Bin dabei mich zu regenerieren. Bis ich wieder so munter und unternehmungslustig aus der Wäsche gucke wie hier. Immer wieder langweilig – „lang weilend“ auch, dass man doch recht viel Verantwortung für das eigene Befinden trägt. Weder Freunde noch Kollegen noch irgendeine nebulöse „Gesellschaft“ zeichnen dafür verantwortlich, wenn ich viel zu wenig schlafe, zu wenig Wasser trinke, mit meinen Kräften nicht haushalte. Diese Hausaufgabe von meinem Neurologen Dr. van der Meer, in einem Kalender zu vermerken, wenn ich eine Migräne-Attacke habe, hat tatsächlich einen Einfluss auf mein Verhalten, weil ich dort gemutmaßte Auslöser, Vorzeichen, Stärke, Dauer der Attacke, was ich genommen habe, ob es gewirkt hat etc. eintragen soll. Eingetragen wird nur das Elend. Ich bemerkte, wie unangenehm es mir unlängst war, den vollen Umfang, wie viele Schmerzmittel ich an zwei aufeinanderfolgenden Tagen genommen hatte, aufzuschreiben, obgleich dieser Konsum ganz untypisch war. Aber das weiß er ja nicht. Nun habe ich den Ehrgeiz, als Dezember-Kalenderblatt eine nahezu leere Tabelle zu präsentieren. Der letzte Eintrag war vor gut zwei Wochen. Ich schlafe seitdem sehr viel. Nicht nur am Wochenende. Es grenzt schon an den Winterschlaf eines Bären. Aber auch nicht zuviel. Neun Stunden hab ich gern. Und was der Körper eben auch sehr liebt, ist KEIN Alkohol. So fügt es sich ganz gut, dass ich derzeit einfach keinen Appetit darauf habe. Aber wenn der wieder kommt, wovon ich fest ausgehe, ist es ein gutes Zeichen, weil ich mich dann wieder stark und stabil fühle. Auch Zigaretten etc. rauchen mag ich nur in bester Ausgehlaune.

02. Dezember 2025

Die kleinen Freuden. Vorhin stand ich an einem großen Drucker, den ich selten besuche. Eine junge Mitarbeiterin war noch eingeloggt, ihr Auftrag war gerade fertig. Ich las angetan den ungewohnten Vornamen auf dem Display: „Angel“. Da kam sie um die Ecke geschwebt, wir hielten ein kleines Pläuschchen. Ich schätze sie zwischen achtzehn und zwanzig. Noch nie traf ich eine Angel. Im spanischsprachigen Raum ist es wohl ein gebräuchlicher männlicher Vorname. Angelas und Angelikas sind mir oft begegnet. Ich fragte sie, ob es englisch ausgesprochen wird, sie sagte ja. So ein schöner Name gäbe ihr bestimmt Rückenwind auf dem Lebensweg, versicherte ich. Sie strahlte. Man kommt bestimmt dauernd auf Ideen wie zu ihr zu sagen: „Da kommt ja unser Engel!“ Und dann will sie sicher nicht enttäuschen und ist ganz lieb. Stell ich mir so vor. Ist bestimmt so. Jedenfalls war sie ganz liebreizend.

02. Dezember 2025

»Fragwürdig wie alles, was wir treiben, ist auch die Selbstkritik. Ihre Wonne besteht darin, daß ich mich scheinbar über meine Mängel erhebe, indem ich sie ausspreche und ihnen dadurch das Entsetzliche nehme, das zur Veränderung zwingen würde – das Entsetzliche, das mich doch jedes Mal wieder einholt, wenn ein andrer sie ausspricht.«

Max Frisch, Tagebuch Kampen, Juli 1949

27. November 2025

Heute Morgen in der S-Bahn las ich weiter in Ruth Rehmanns „Illusionen“ von 1959. Im nachfolgenden Auszug (S. 206 – 207) geht es darum, wie die neunzehnjährige lebenshungrige Therese, die bei einem Versicherungskonzern in einer deutschen Großstadt als Schreibkraft auf Probe arbeitet, am Sonntag zur Kirche geht und wie sie die Predigt von der Kanzel und die Gemeinde wahrnimmt. Hat mich gefangen. Vergleichbare Empfindungen habe ich auch in Erinnerung. Fortlaufende Gewissheit: „Das ist Literatur.“

„Dann sprach nur noch eine Stimme, die bald nicht mehr ausreichte, um alles zusammenzuhalten, und die Gemeinde bröckelte langsam auseinander. Jeder kroch in seine persönliche Haut, seinen Kragen, Mantel und Schuh zurück. Therese fühlte sich verlassen und ausgesetzt, spürte eine Abkühlung der Atmosphäre, eine zerstreuende Bewegung der Köpfe und Schultern. Schweifende Blicke, müßig wandernde Gedanken zickzackten mit eingeschlossenen Fliegen und schwirrenden Lichtstrahlen durch das gewölbte Schiff, trafen und überkreuzten sich und verfilzten zu einem vielfädigen verworrenen Gespinst, in das die Stimme des Predigers vergeblich eingriff, um zu ordnen, zu strählen, auszurichten: eine einzige Stimme tastend im Labyrinth vielstimmigen Schweigens, er sagte ja selbst, daß das meiste auf den Weg fiel, daß es auf Steine und unter Dornen fiel, von Vögeln gefressen wurde, verdorrte, erstickte, die Chancen waren wahrhaftig gering und er machte sich offenbar keine Illusionen, aber versuchte es trotzdem, das war ja sein Beruf, Therese rutschte auf dem harten Holz herum, schlug ein Bein über das andere, fragte sich, was sie eigentlich hier sollte und blickte mitleidig zu dem Pfarrer auf, der schwarze Krähenflügel über die Kanzelbrüstung schwang, seine Botschaft ausrief, anbot, und keiner nahm es ihm ab, denn die Sache war längst bekannt.

Unermüdlich suchte er nach Inseln guten Landes im Meer schleimräuspernder, schlafatmender, frühstückssatter Unaufmerksamkeit und stach mit spitzem Zeigefinger wahllos hinab: »Dich meint er und dich«, die Angestochenen bewegten nervös die Stirnhaut: Schlafende, die eine Fliege vertreiben. Sie wollten ihre Ruhe haben und auch Therese wurde von Müdigkeit überwältigt beim Anblick der reihenweis ausgerichteten unbewegten Rücken, Schultern, Hälse, Haare und Hüte. Sie versuchte zu zählen, gab es auf und schloß die Augen. Die mühsame Stimme strömte an ihrem Ohr vorbei, sie fing hie und da einen Fisch, der bunter erschien, betrachtete ihn bis er ergraute, warf ihn zurück und der Strom schwemmte ihn fort. Auch Papa und Mama hielten darauf, von Zeit zu Zeit in die Kirche zu gehen, aber man merkte ihnen nichts an, obwohl sie sich beim Mittagessen über die Predigt unterhielten. Mama sagte: »Wir könnten uns wirklich öfter da sehen lassen.« Sie versprach sich etwas von »sehen lassen«.“

24. November 2025

Flashback Januar, Eingangsbereich große Galerie bei Sevenstar.

HUNT. Acryl auf Leinwand, 103 x 123 cm, 7. u. 12. Februar 2006

GHOSTDANCE. Geistertanz. Ausrangiertes Messe-Check-in-Counter-Infoschild „G – K“, Edding, Jalousien-Verpackung, 50 x 100 x 6 cm, 17. Juni, 22. Juli 2018, Staatliche Museen v. Gaganien

23. November 2025

Zweiter Versuch. Ohne Pinsel, direkt aus kleiner Flasche mit Düse aufgetragen. Damit hätte ich die Tasse signieren sollen, die schwarze Linie war auch noch ganz schön zittrig, aber das archaische Motiv mit freier Linienführung verzeiht das eher als meine gestanztes Emblem. Beim Signieren hatte ich den Bogen raus, aber da waren die zwei Stunden dann vorbei und ich nur noch gespannt, wie es sich nach dem Glasieren und Brennen verändert. Die Farben werden viel dunkler nach dem Brennen, was sich aber bei Schwarz und Mauve nicht so sehr auswirkt. Ähnliche Nachdunklung wie Acryl. Es ist übrigens eine recht große Tasse für etwa 400 ml, mein kleines Schiffchen ist zwanzig Zentimeter lang.

23. November 2025

Avanti Dilettanti. Beim morgendlichen Kaffeetrinken sehe ich nun, was man falsch machen kann, wenn man keine Ahnung und Übung im Bemalen von Keramik hat. Ich hatte ein zweistündiges Zeitfenster in einem dieser Keramikbemal-Läden, wo in knappen Sätzen kurz erklärt wurde, wo die Farben stehen und die Pinsel und dass man die Farbe nicht mit Wasser entfernt, wenn man sich auf dem unglasierten Rohling vermalt, sondern nur drüber malen soll. Direkt vermalt hab ich mich zwar nicht, aber mit zittriger Pfote mit einem feinen Pinsel so ein filigranes Motiv, das exakte Linienführung erfordert, zu meistern, war offenkundig zu sportlich. Wenn es diese Keramikfarben auch als Filzstift gäbe, wäre es vielleicht besser geworden. Ich konnte aber auch nicht so richtig gut sehen, das Licht war recht schummrig und ich stand voll unter Sumatriptan und war schlapp und schläfrig. Auch die einfallslose, übertrieben große krakelige Signatur würde ich am liebsten korrigieren. Nun ja, erster Versuch, kein Meisterwerk. Aber passt in meine schwarzweiße Küche. Hab dann noch ein anderes kleines Teil bekritzelt, das ging schon etwas flüssiger. Zeig ich auch noch.

22. November 2025

Unglamouröser Sonnabend, putze die „Kunststein“-Fliesen vom Küchenboden. Teufelszeug. Dachte seinerzeit, wenn ich etwas auf diese fußkalten Fliesen lege, die so so kalt sind wie Marmor, aber eine Oberfläche haben, die Gestein nur imitiert, werden sie ja auch geschont und ich muss das Imitat weder sehen noch fühlen. Auf die Idee, dass sich Latexunterboden von Seegras-Auslegware nach einigen Jahren auflöst und krümelt und eine krustige Vermählung mit den Scheiß-Fliesen eingeht, wäre ich im Traum nicht gekommen. Bräunliche, betonharte Schlieren und Punkte, denen ich nur mit dem Ceranfeldschaber beikomme. Schrubben hat nichts gebracht. Da die Oberfläche der Fliesen auch sauber nicht glatt ist, sondern – mir fehlt das Adjektiv – es ist wie ein Relief aus tausend Pünktchen – für einen matten Effekt vermutlich – kann ich mit dem Schaber nicht zügig drüber, sondern kratze tw. mit den Ecken in die Vertiefungen um die Latexsommersprossen wegzukriegen. Hatte auch schon den Zauberschwamm versucht, Spülmittel, Topfreiniger, WC-Reiniger, Badreiniger, Alkohol, Öl, bringt alles so gut wie nix. Die meisten sind sauber, noch ca. fünf übrig. Das Geräusch ist auch unangenehm, ich hoffe, es dringt nicht zu den Nachbarn durch, ich kratze schon so behutsam wie möglich.

Und dann muss ich noch den neuen Seegrasbelag zuschneiden und darunter diesmal einen weiteren Zuschnitt von so einer Antirutschmatte, die dann beim nächsten Auflösungsprozess mit dem Latex Verlobung feiern kann. Ok, 26 Jahre waren auch lang. Muss nun auch noch denken, dass wenn ich überhaupt noch so lange lebe und hier sein sollte, das jetzt mit Sicherheit meine letzte Aktivität in der Richtung ist. Schon komische Gedanken.

Außerdem denke ich dauernd, wirklich permanent, an diese bemerkenswerten Kessler Zwillinge. Ob sie sich noch mal schön gemacht haben, an ihrem letzten Tag, ich denke schon. Die waren ja so gepflegt und wenn man Besuch zu Hause erwartet, macht man sich ja zurecht. Und ob sie in einem der beiden Schlafzimmer zusammen waren, im selben Bett oder in einem der Wohnzimmer unten. Ich stelle mir vor, sie haben sich an den Händen gehalten. Es soll ja wahnsinnig schnell gehen, sobald das Narkotikum fließt. Zwei Minuten, und weg. Eingeschlafen. Ich verstehe auch, das sie keine Freunde dabei haben wollten und es denen auch nicht gesagt haben, wann genau sie sich verabschieden. Das hätte die nur belastet. Würde ich auch nicht machen. Meine Mama hätte auch gerne so einen Abschied genommen, ich wusste damals gar nicht, dass es inzwischen diese legale Möglichkeit in Deutschland gab. Aber bin auch froh, dass ich nichts in die Wege leiten musste.

Gut zu wissen, dank der umfangreichen Berichterstattung zu den Zwillingen, dass es diese Hilfestellung gibt. Man wüsste ja gar nicht genau, wie man das selbst dosiert und die Kanüle legt. Nur die Preise finde ich einigermaßen übertrieben, angesichts des geringen Preises des Mittels. Na gut, die Beratung und die Gutachten und der Jurist und der Arzt, die haben auch ihren Stundensatz, aber viertausend Euro pro Nase ist schon happig. Man will doch nur schmerzfrei gehen. Jetzt ist da dieses Haus, das sie samt ihrer sonstigen Besitztümer vermutlich zum Verkauf angedacht haben und der Erlös wird dann auf die im Testament verfügten Erben, diverse gemeinnützige Einrichtungen und Vereine verteilt. Aber wer kümmert sich um das Nachlassverfahren? Und die Organisation der Beisetzung? Freundin Carolin? Es gibt wohl keine Angehörigen, jedenfalls keine die nah genug wären, um da angesprochen zu werden. Das ist sicher nicht im Preis der Erlösung inbegriffen gewesen. Ich weiß, dass das Amtsgericht einen Testamentsvollstrecker berufen kann. Das ist eine Funktion innerhalb des Nachlassgerichts. Ich hab mich damit beschäftigt, als ich verschiedene Auskünfte im Nachlassverfahren meiner Mama brauchte, um das ich mich gekümmert hatte. Vielleicht aber haben sie doch eine Vertrauensperson namentlich benannt, der sie es zutrauten. Also das geht mir so alles durch den Kopf dieser Tage.

21. November 2025

Eben gelesen, eine langjährige Freundin von Alice und Ellen Kessler, Gabriele Gräfin zu Castell-Rüdenhausen (eine der zwei Töchter von UFA-Filmstar Luise Ullrich) erinnert sich: „Wir sind jahrelang jeden Samstag joggen gegangen. Und zwar so schnell, dass keiner mithalten konnte. Einmal war sogar Carlos Kleiber, der Dirigent, dabei – der hat gleich aufgegeben“, erinnert sie Gabriele Castell. „Wissen Sie, die beiden waren so rein, in ihrem Erscheinen, wie in ihren Gedanken. Nur ihre Witze waren dreckig.“

20. November 2025

Dr. Nicolai van der Meer wirkte ganz anders, als ich aufgrund seines Fotos erwartet hatte. Introvertierter. Mir sehr angenehm. Er ist vollumfänglich im Thema. Interessant, dass er meinte, es gäbe seines Wissens sehr viele Neurologen, die selbst unter Migräne leiden. Ich erwähnte den Hirnforscher, der u. a. identifiziert hatte, dass bei Migräne-Patienten durchgängig höhere Gehirnaktivitäten messbar seien, wie ein unausgesetzter Starkstromfluss. Bzw. bemühte jener Forscher den Vergleich eines Porsche im Kopf, der permanent die Höchstgeschwindigkeit ausfährt; van der Meer ergänzte, dass ein weiterer kleinster gemeinsamer Nenner sei, dass es sich um extrem gewissenhafte Personen handele. Wenn ich mir diejenigen vor Augen führe, von denen ich weiß, dass sie damit zu tun haben, fällt mir die eng getaktete Wahrnehmung von allem, was sich in der Umgebung tut auf, als ob ständig ein 360-Grad-Scan stattfindet. Das Gegenteil von jemandem, dem ganz viel schnuppe ist. Ergebnis des heutigen Besuchs: zwei andere Triptane testen, inclusive Spray und Hausaufgabe Kalender führen.

17. November 2025

MANGO-MUFFLON MARLENE. Handtaschenverschlussteile, Budapester Schuh-Fragmente, Rotwein-Etikett, Samtband, Leder-Schnürschuh-Fersenstücke, Ess-Stäbchen, dunkelgrüne Blumentopf-Stäbchen, Griffe von drei abgearbeiteten Pinseln, Furnierholz-Brett von Mango-Schrank-Verpackung, Kleber, 50 cm x 90 cm, 25. und 28. August u. 6. September 2023, Staatliche Museen von Gaganien. Ausstellung Jan. 2025, Sevenstar Gallery.

NEMRUT. Unterlagekarton Pouring Mitte August bis September 2019, Finish: Acryl, Goldmarker, Blattvergoldung Rahmen, 26. und 27. Oktober 2019, 45 x 55 cm, Staatliche Museen von Gaganien

16. November 2025

GAGA-ECHSE. Königreich Gaganien, 21. Jh., Rahmenrückwand, Metallteile vergessener Herkunft, gold-gesäumte Spiegelpaillette, allerletztes 10-Pfennig-Stück, Verpackung von YSL-Lippenstift, YSL-Puderrouge, YSL-Nagellack, YSL-Wimperntusche, 29 cm x 35 cm, 7. April 2002 Auguststraße, Staatliche Museen von Gaganien. Ausstellung „Welcome to Gagania“, Jan. 2025, Sevenstar Gallery.

15. November 2025

„Noch im Schlaf versuchte sie immer wieder, ein Stück der Decke an sich zu ziehen, aber er hatte sie ganz für sich genommen, lag in sie eingewickelt, leicht schnarchend, abgewandt. Sie fror, zog die Beine an sich und erwachte, als etwas ihr Gesicht streifte, nicht seine Lippen oder seine Hände, sondern die Gardine im Morgenwind. Graues Licht vom Fenster her begann in sie heineinzufließen und die träumerische Wärme abzukühlen. Das war unangenehm, etwa wie das langsam Einfließen kalten Wassers in ein warmes Bad. Sofort kniff sie die Augen wieder zu und versuchte, in den Leib des gemeinsamen Schlafes zurückzukriechen. Behutsam zerrte sie die Decke unter seiner Seite hervor und schmiegte sich eng an seinen gekrümmten Rücken, machte sich ganz breit, flach und porös, um soviel wie möglich von seiner Haut zu berühren, Wärme und Schlaf mit den Poren zu trinken und das Wehen des Schlafatems in sich hineinzunehmen. ……………………………………………… Aber es ging schon nicht mehr. Zuviel Haut dazwischen, zuviel Schlaf auf seiner, zuviel Wachheit auf ihrer Seite. In die Zärtlichkeit bei der Berührung ihrer kühl gewordenen mit seiner warmen Haut mischte sich eine Spur Dégoût, eine ganz leise Regung von Aversion. Dabei wartete sie schmerzlich darauf, daß er sich umwende und unter schläfrigem Gemurmel Brust und Schoß mit seinen Händen umschließe und sie so wieder annähme und dem grauen Licht entzöge, aber schon trieb die gewendete Strömung sie von ihm weg. Kühl blinzelte sie über seine Schulter, den schwärzlichen Flaum, der sich im Wind ihrer Atemzüge bewegte und nahm stückweise mit wachsendem Widerwillen die Details der ausrinnenden Nacht zur Kenntnis: Die beiden Gläser Rotweinrest, Aschenstange der vergessenen Zigarette, deren Erinnerung als fade parfümierte Süßigkeit im Dunstgemisch der Gerüche hing, verstreute Kleider und Wäschestücke, von Hand und Fuß fiebernd in die Nacht geschleudert und nun kläglich und deformiert wieder auftauchend, wie Trümmer und Tang aus der zurückweichenden Flut. Verstreut auch sie: Hand vom Bettrand herabhängend, Brust achtlos vor den Spiegel geworfen und im Glas wiederholt, Haar auf der Schwelle verschüttet, Augen wie abgestreifter Schmuck aus Bodenritzen leuchtend. Wahrhaftig, man sollte Ordnung herstellen, ehe der Tag die Decke wegzieht. Sie rückte heftig von ihm ab, die winzige Flamme träger Zärtlichkeit in ihrem Schoß erlosch unter einem kalten Guß, denn nun saß sie aufrecht, umfaßte alles mit einem Blick, auch ihn nur als ein Stück Trümmer im allgemeinen Verfall, und nahm sich entschlossen heraus, mit steilem Rücken und wachsam erhobenen Kopf, die Haare mit dem wiedergefundenen Band so fest zurückbindend, daß es wehtat.“

Ruth Rehmann, Illusionen, 1959 bei Suhrkamp erschienen, S. 102, 103. Passage aus dem Kapitel „Das erste Kleid“, das sie 1958 beim Treffen der Gruppe 47 in Großholzleute las und dafür beinah den Preis der Gruppe bekommen hätte. Günter Grass las auch, aus der unveröffentlichten Blechtrommel, erhielt den Preis. War aber knapp. Anhand der Rezensionen, die betonen, dass es sich um eine Art Portrait der Wirtschaftswunderzeit handelt, hatte ich nicht mit derart intensiven emotionalen Notizen und für mein Gefühl völlig zeitlosen Empfindungen gerechnet. Gefällt mir sehr.

14. November 2025

Bisschen müde, bisschen traurig. Aha, Davina Shakira Geiss hat sich die Brüste machen lassen. Und die Nase. Vermute, Nase ist auf Dauer harmloser. Allerdings weiß ich nicht, womit die Oberweite erweitert wurde. Solche Neuigkeiten erfahre ich nebenher, wenn ich mich bei gmx einlogge. War ein anstrengender Tag, obwohl es eine Etappe gab, die mir eigentlich lag. Zwei Keramik-Rohlinge bemalt, nächste Woche gebrannt. Ich fehle leider bei Saskias heutigem Konzert im Terzo Mondo, bin einfach zu erschöpft. Den Teppichzuschnitt vorhin abgeholt, sauschwer, so eine Rolle von 180 x 320 cm Seegras-Bodenbelag mit der U-Bahn inclusive Umsteigen zu transportieren. Ich schätze 30 bis 40 Kilo. Morgen Küche ausräumen, den Tisch, die Stühle, zuschneiden, verlegen. Ideale Beschäftigung bei Rückzugsverfassung. Heute Mittag Migräneattacke früher mit Sumatriptan angegangen, aber entsprechend müde, macht mich einfach schläfrig. Der Termin beim Neurologen nächste Woche ist übrigens deswegen. Mal was Neues andenken, soll wohl auch eine vierteljährliche Spritze geben. Wenn die prophylaktisch wirken würde, Hoffnung in Sicht.

13. November 2025

Nichts Besonderes. Auf der Treppe nach oben zum S-Bahnsteig Hackescher Markt mit der baumelnden Tasche verheddert, auf den letzten Stufen ins Straucheln gekommen und hingefallen. Zwei sehr freundliche junge Männer halfen mir beim Aufstehen. Nix gebrochen, aber wieder ein Schrecken. Konnte in der S-Bahn nicht lesen, alles hat geflimmert, bin aber nicht auf den Kopf gefallen. Buch weggelegt, gehofft, dass es nur die insgesamte Erschütterung war. Nach zwei Stunden hat es sich wieder beruhigt und ich konnte wieder normal sehen, ohne Flimmern. Ist wohl auch deswegen passiert, weil ich auf der Treppe erinnerte, dass ich früher immer genau da zwei Stufen auf einmal nahm, mit Elan, mühelos. Kurz Tempo zugelegt, keineswegs um das noch mal zu versuchen. Aber genug von derlei seniorenhaften Begebenheiten.

Der eine der beiden jungen Männer, dunkelhaarig, wirkte äußerlich türkisch, der andere war dunkelblond, strahlte komplett Urberliner aus. Kann ich schwer beschreiben. So eine Art, sich souverän wie im Wohnzimmer zu bewegen und ein bisschen frech-charmantes Grinsen. Beide waren zauberhaft und nahmen sich Zeit, mir auf die Beine zu helfen. Endlich mal keine Rüpel!

Was vor ein paar Tagen auch noch erfreulich war: eine junge Kollegin, die ich sehr mag, sie ist ca. 27 und hat arabische Wurzeln, in Berlin aufgewachsen, erzählte mir mit ihren noch mehr als sowieso schon funkelnden Märchenprinzessinnen-Augen begeistert von ihrem Urlaub in Los Angeles und San Diego, wo sie auch Familie hat. Sie war nicht zum ersten mal da. Ihre Begeisterung war derart groß, dass ich sie fragte, ob sie sich vorstellen könne, hinzuziehen. Sie: „JA!!! Sofort! Das ist genau mein Ding – ich sage Dir….! Ich liebe es total, alle positiv und locker, genau mein Vibe!“ Und fügt leiser hinzu: „aber meine Mutter, weißt Du, die möchte ich nicht alleine lassen“ (ihr Vater starb vor vier Jahren, wie meiner, aber ihrer war erst sechzig).

Wir haben einen echten Draht und erzählen uns oft Sachen wie Freundinnen, ich habe nie das Gefühl, dass wir diesen großen Altersunterschied von dreiunddreißig Jahren haben, sie behandelt mich auch nie so. Und ich sie auch nicht. Jedenfalls meinte sie dann noch zu mir: „ich weiß, das wäre dort auch GENAU DEIN DING, wir beide passen da total hin!“ Das rührte und freute mich so, dass sie mich wie eine Seelenschwester gedanklich vereinnahmte, auf kompletter Augenhöhe positionierte. Fühlte mich in dem Moment auch wie siebenundzwanzig und verstanden und gesehen wie selten. Ob das dort wirklich in allen Aspekten mein Ding wäre, sei dahingestellt, aber ich habe mich in Amerika, zumindest im Südwesten, unendlich wohl gefühlt, gar nicht fremd. Alles easy. Oder vielleicht besser gesagt, es war so ein Grundempfinden, dass man sich das Leben nicht ohne Not gegenseitig schwerer macht, als es sowieso schon ist. Dennoch habe ich keinerlei Auswanderungspläne. Aber dass ich noch nie in Kalifornien war, ist schon komisch, muss ich bald mal nachholen. Wo sie doch meint, dass ich auch ein California Girl bin. So süß.



12. November 2025

Happy Birthday, Neil Young. Ich fange gar nicht an zu erklären, wie mich seine Musik begleitet hat. In den Siebziger Jahren, dass ich die erste LP von ihm bekam. Harvest… Jahre gehört. Alle davor und die meisten danach. Cowgirl in the Sand, Ohio, Hey Babe, Tell me why, Helpless helpless, hE-hE-lpless, After The Goldrush. Rust never Sleeps am offenen Fenster im holzverschalten Dach zum Sommerhimmel meiner Jugend. You can’t live on Sugar Mountain. Powderfinger, Cortez, Pocahontas. Better to burn out, Trasher. Harvest Moon, Comes a Time. Dann nicht mehr so verfolgt, This Old Guitar, aber das Gewitter der Gitarre für Dead Man am Southrim des Grand Canyon …like a Hurricane. You are the Ocean, Neil Young. Keep on rockin in the free world, LOTTA LoVE.

10. November 2025

Richard Burton und Liz Taylor. Aufgenommen 1967 von Henry Clarke für Vogue in Saint-Jean-Cap-Ferrat, Villa La Fiorentina. Die beiden spielten Gin Rummy, ein Kartenspiel. Ob sie heute auf Smartphones blicken würden? Immerhin für mich (beruhigenderweise) noch unvorstellbar, dass ein Fotograf heute eine Paaraufnahme inszenieren würde, die beide in die jeweils eigene Social Media Welt vertieft zeigen würde, obgleich heutzutage vielfach Alltag. In einem herausgehobenen, fotografischen Setting eher nicht. Keine Idealvorstellung, im selben Raum zu sein und sich mit anderen zu beschäftigen, anstatt dem Gegenüber. Obwohl man zugestehen muss, wenn Zweisamkeit über weite Strecken Alltag ist, phasenweise nachvollziehbar. Bei unregelmäßiger Zweisamkeit weniger. Heute, am 10. November wäre Richard Burton hundert Jahre alt geworden, geboren am 10. November 1925. Er wurde nur achtundfünfzig Jahre alt. In der deutschen Presse habe ich keine Erwähnung gefunden. Die BBC hat eine neue Dokumentation anlässlich des großen Geburtstags und es gibt ein Biopic über ihn und Liz, auch in der ARD zu sehen. Hat mich aber nicht gepackt, Helena Bonham Carter hat keinen Funken der Ausstrahlung von Liz, wenn sie auch in anderen Rollen brillieren mag. Keine Empfehlung. Lieber die Originale würdigen.

08. November 2025

Und der Wetterbericht für Berlin ist heute komplett falsch! Es gibt keinen allerwinzigsten Sonnenstrahl, Wetter-Seiten behaupten „vorwiegend sonnig“. Gelogen! Vorhin in meinem Eintrag ein Zitat vergessen. S. Matthiessen erwähnt im Buch ihr Lebensmotto, das mich immerhin amüsierte: „(…) Ich nehme nur das Nötigste mit. Ich gehe davon aus, dass ich in einem halben Jahr mit Sicherheit wieder Arbeit habe und mich dann bis zur Rente auch wieder finanzieren kann. Ein paar Anziehsachen, meine Lieblingsbücher, darunter auch das alte Poesiealbum sowie das Foto von meiner Mutter und mir bei der Einschulung, das kleine Schild mit meinem Lebensmotto »REVANCHIER DICH! IM GUTEN WIE IM BÖSEN!«“

08. November 2025

Ein derartiges Rückzugsbedürfnis hatte ich lange nicht. Viel inneres Verarbeiten. Verfassung zwischen orientierungslos und Weitermachen und sich nicht aufgeben. Wenn Du denkst, es geht nicht mehr, kommt irgendwo ein Lichtlein her. Soll jetzt auch nicht zu dramatisch rüberkommen, Entschuldigung. Meine Eckdaten sind ja gut. Denke nur an genau vor einem Jahr, als am siebten November die Möglichkeit einer großen Ausstellung konkrete Formen annahm, und mich von da an ununterbrochen auf eine schöne, aufregende Art beschäftigte. Im Augenblick gibt es keinerlei Dynamik in eine ähnliche Richtung. Emotional hänge ich irgendwo im Nirgendwo. Da können auch liebe Freunde wenig ausrichten. Nein, ich muss nicht unter Leute, wenn mir nicht danach ist. Aber kommt schon wieder, keine Sorge. Nun lese ich auch noch ausgerechnet ein Buch einer Frau meiner Generation, Susanne Matthiessen, geboren 1963, deren beide autobiographischen Sylt-Bücher ich zuletzt las, sie hat noch ein drittes Buch veröffentlicht. Sie zog ein Jahr später (1987) als ich (1986) nach Berlin, nach einem Intermezzo in Kiel, arbeitete als Journalistin, heute vor allem freie Autorin, soweit ich es identifiziere. In Berlin ist sie völlig anders gelandet als ich, obwohl ich auch ein Intermezzo in Kreuzberg hatte, aber nur sechs Wochen lang. Mein Auftakt im aufgeräumten, beschaulichen Zehlendorf mit regelmäßigen Ausflügen ins hedonistische Schöneberger Nachtleben, hatte so gar nichts mit der rebellischen Szene gemein, die alljährlich zum ersten Mai Thema in der Tagesschau war. Susanne Matthiessen landete allerdings in genau dieser Szene, und zwar dem feministischen Ableger. Im Buch Lass uns noch mal los erzählt sie davon, wie sich aus den Bestrebungen nach einem autonomen feministischen Leben ein Wohnprojekt nur für Frauen entwickelte, das sie im Buch „Die Burg“ nennt. Es gibt in Kreuzberg ein vergleichbares Projekt, den „Beginenhof„, die Eckdaten entsprechen dem, was sie beschreibt. Habe gut die Hälfte hinter mir. Ihre Schreibe liest sich so weg. Allerdings wird es inhaltlich offenkundig zunehmend fiktiver mit derart schrägen Begebenheiten in diesem Haus, dass es teilweise Richtung Slapstick driftet. Wie auch immer – im Buch verliert sie kurz vor ihrem sechzigsten Geburtstag ihren wichtigsten Job, der ihre Existenz sichert (unklar, ob fiktiv). Sie erhellt ihre um diese Einschnitte kreisenden Gedanken, gezwungenermaßen zusätzlich durch die sie umgebenden alternden Mitbewohnerinnen verursacht, unter denen inzwischen auch Hochbetagte sind. Als ich das Buch anfing, hatte ich keinerlei Kenntnis darüber, dass es in der feministischen Kreuzberger Szene verankert ist, erhoffte vielleicht mehr Parallelen zu meinen Erinnerungen. Lesen ist jedenfalls im Augenblick großer Teil meiner Freizeitbeschäftigung.

Mein Gesichtsausdruck auf dem Foto hier von gestern Nachmittag bringt meine Verfassung gut rüber. Ich gucke ein bisschen wie das gestrandete, mutterlose Robbenkind am Roten Kliff, das wohl auch nicht wusste, wie ihm gerade geschieht, als es in eine Wanne gesetzt und von einem der Robben-Retter mitgenommen wurde.

07. November 2025

Gewebtes Seegras mit Fischgratmuster „Fine Arrowhead“. Heute vor Ort bei Teppichkontor in der Gneisenaustraße bestellt. So angenehm, wenn man barfuß darauf läuft. Der Belag in meiner Küche, auch Seegras, hat nach sechsundzwanzig Jahren zunehmend kleine Löcher. Der alte hat ein einfacheres Webmuster, aber Fischgrat hat mir schon immer am besten gefallen. Kann ich Mittwoch abholen, verlege ich wieder selbst. Dafür vorhin die große schwere Schere aus dem Atelier geholt, damit geht das gut. So ein Gewebe lässt sich nicht mit einem Teppichmesser effizient und exakt zuschneiden. Ich bin da überaus perfektionistisch veranlagt.

06. November 2025

Neuigkeiten: „CURD JÜRGENS WAR DER BRUDER VON UDO JÜRGENS“ verkündete der Google-Mastermind gestern. Ganz starke Kombinationsgabe! Ich entdeckte gestern einen mir bis dato unbekannten Film aus dem Jahre 1956 mit Curd Jürgens: „Ohne Dich wird es Nacht„, bei dem Curd Jürgens – übrigens kein Künstlername – selbst Regie führte und auch die Hauptrolle übernahm. Er spielt einen morphiumsüchtigen Rechtsanwalt, seine versteckte Sucht ist Thema des Films. In einer Szene in einer Bar setzt er sich als Gast ans Klavier und spielt einige Takte Bach. Trotz des interessanten Themas spielt er etwas hölzern, nicht Klavier, seine Rolle, auch dramaturgisch insgesamt etwas lahm, dieser Film. Mich interessierte, ob er tatsächlich Klavier spielen konnte oder nur mimte. Der Google-Trottel meinte, es sei nicht bekannt, dass er je Klavier gespielt hätte, aber SEIN BRUDER, UDO JÜRGENS, der könne sehr wohl Klavier spielen. Ich kann das nicht mehr kommentieren. Allerdings möchte ich anmerken, dass Curd Jürgens in dem ebenfalls 1956 erschienen Film „Teufel in Seide“ abermals am Klavier erscheint, er spielt einen Komponisten. Auf FemBio ist im Portrait der Sängerin, Pianistin und Filmproduzentin Elfi von Dassanowsky erwähnt, dass Prof. Elfriede Maria v. Dassanowsky Curd Jürgens Klavierstunden gab. Ob der Unterricht Früchte trug, kann ich nicht beurteilen. Seinen „Bruder“ Udo können wir leider Gottes nicht mehr fragen.

05. November 2025

Das Geheimnis des Brieföffners. Kein neuer Krimi von Edgar Wallace († 1932), sondern ein echtes Mysterium. Diesen schwer in der Hand liegenden Brieföffner unbekannter Provenienz fand ich vor einigen Jahren zufällig in einem Tohuwabohu ausrangierter Büro-Utensilien, die in einem Karton gelandet waren, die meisten kaum mehr verwertbar. Ich nahm mich des zeitlosen Stückes an, da ich keinen Brieföffner mehr besaß. Nur besondere Post öffne ich damit. Keine Betriebskostenabrechnungen. Vorgestern wollte ich ihn anderweitig benutzen, nämlich ein Buch damit aufhalten, das ich las, während ich es mir auf dem Teppich in der Sonne gemütlich gemacht hatte. Dabei fiel mir zum ersten mal die kleine Gravur ins Auge. Vielleicht ist das Symbol auch aufgedruckt. Ich war plötzlich neugierig, ob ich anhand des Zeichens den Hersteller ermitteln konnte. An keiner anderen Stelle war ein Hinweis. Ich machte diese Fotos und zeigte sie der Google Bildersuche. Und von da an wurde es wirr. Bevor dieses Hilfsmittel bei den Suchergebnissen mit pseudo-intelligenten Texten über den Vergleichs-Fotos angereichert wurde, hatte man direkt passende Bilder vor der Nase. Nun wird man mit fragwürdigen zusammengewürfelten und zu einem hohen Prozentsatz falschen Behauptungen beglückt, worum es sich vorgeblich handelt. Das Falsche liegt zumeist im Detail. Immerhin war beim ersten Foto, das ich für die Suche angeboten hatte, noch korrekt „Brieföffner“ identifziert worden. Einen kurzen Moment war ich von der Aussage fasziniert, es handle sich um einen Brieföffner der Marke Montblanc. Bekanntermaßen ein hochpreisiger Hersteller von Schreibgeräten. Das Symbol auf dem Brieföffner hat nicht die allerkleinste Ähnlichkeit mit dem Montblanc-Firmenlogo, auch nicht mit historischen Ausführungen. Danach lud ich das Bild hoch, das nur den Anschnitt des Griffs zeigt. Prompt kam die Mitteilung, es handele sich um ein Zippo-Feuerzeug, Modell Soundso. Ich lud wieder ein anderes Foto hoch, Brieföffner in anderer Perspektive, Symbol sichtbar, dritte Antwort: es sei ein Kugelschreiber der Marke XY, irgendwas französisches aus der „Bee“ Edition oder so ähnlich. Setzen, Sechs. Ich bot nun nur das Logo an, ohne Drumherum. Allen Ernstes wurde behauptet, es sei das alte Symbol der Medizin, der Äskulap-Stab. Hilfe. Dann machte ich mir die Mühe, das Logo nachzuschärfen und nochmals hochzuladen.

Ich erhielt nunmehr die Antwort, es sei das Logo einer finnischen Universität, nämlich der „Tampere University of Applied Sciences“. Das konnte ich nicht ultimativ verifizieren, auf der Website der Universität kommt dieses Zeichen nicht vor. Aber immerhin auf ungefähr fünf Bachelor-Arbeiten, die dort eingereicht wurden. Vielleicht ist es ein altes Logo, das auf den Vorlagen für die Bachelor-Abschlussarbeiten vorgegeben ist. Hier ist eine verlinkt, das Symbol entspricht dem von meinem Brieföffner. Aber vielleicht ist es auch einfach nur ein beliebtes Deko-Element, das früher häufig zur Auswahl stand. Unter den gefundenen Fotos von Google Lens fand ich nur einen etwas ähnlichen Brieföffner aus dem Hause Faber Castell, mit abweichenden Details. Aber Faber Castell-Produkte haben durchweg den Faber Castell-Schriftzug an irgendeiner Stelle. Womöglich waren solche Brieföffner mal ein Abschiedspräsent an emeritierte Professoren der Universität in Tampere und einer von ihnen hatte eine Affäre mit einer Berlinerin und schenkte den Brieföffner als Andenken an sie weiter. Hat ja auch etwas symbolischen Wert, so ein quasi kleines „Schwert“.

Ich werde es wohl nicht mehr herausfinden, aber das war wieder einmal eine Bestätigung, dass man mit diesen übergeholfenen, unausgereiften Zusatz-Klugscheißereien in den Suchergebnissen vor allem Zeit verliert und wenig plausibles Wissen erhält, das man nicht auch anderweitig erlangt hätte. Ist aber auch keine Neuigkeit. Mir wird nur ganz anders, wenn ich mir vorstelle, wie viele denkfaule Leute das erstbeste Ergebnis dieser zum Teil hanebüchenen Behauptungen als das Ergebnis fundierter Recherche fehlinterpretieren. Ich hatte auch schon absurde Debatten mit diesen Tools, wenn ich mal die Muße hatte, zu widersprechen. Ein Schwall von Entschuldigungen, ein einzigartiges devotes Gewinsel und die nächste Falschbehauptung. Hätte ich fast gespeichert, so absurd war es.

Ich sah eine Folge „Voice of Germany“, in der die Coaches ihre Schützlinge in einem schicken weißen Schloß coachten, das man kurz aus der Drohnenperspektive in der Totale sehen konnte und dann die hochherrschaftlichen Innenräume. Ich war neugierig, welches Schloß das ist. IMDB hat keine Info parat gehabt, in der Sendung wurde es nicht erwähnt. Ich war mir sicher, dass es in der Nähe von Berlin oder in Brandenburg sein müsste, weil die Sendung überwiegend in Adlershof produziert wird, jedenfalls in Berlin und Umland. Ich googelte „Voice of Germany 2025 Coachings weißes Schloß Brandenburg.“. Als Ergebnis erhielt ich die Antwort, dass die Sendung im Studio aufgezeichnet wird und nichts von einem Schloss bekannt ist. Ich widersprach, dass ich es ja soeben selbst gesehen hätte, dass in einem WEISSEN Schloß gedreht wurde. Nun lenkte der programmierte Schwachkopf ein und diente mir als Antwort an, es könnte vielleicht doch sein und es würde sich um Schloß Soundso handeln. Ein ockergelbes Gebäude, wie ich feststellte. Ich daraufhin: „Nein, das ist es nicht, das Schloß ist WEISS“. Es folgte die nächste falsche Antwort, aber nie mit der Einschränkung: „dann könnte es vielleicht das und das sein…“ Ich wurde pampig und teilte mit, dass ich es verantwortungslos fände, im Brustton der Überzeugung Dinge zu behaupten, die nicht den Tatsachen entsprechen und dass die Programmierer mal ihre Schularbeiten machen sollten, schönen Gruß. Daraufhin wieder eine endlose Entschuldigungslitanei „Es tut mir so leid, das ist alles so bedauerlich, ich bitte vielmals um Entschuldigung, ja Sie haben Recht, ich werde es meinen Entwicklern mitteilen.“ In mir wurde langsam die Domina wach. Ich forderte forsch: „Machen Sie einen Screenshot von der Sequenz, das Schloß ist in den ersten fünf Minuten der Sendung zu sehen und geben Sie das Foto bei Google Lens ein!“ Antwort: „Es tut mir leid, ich kann keine Screenshots machen. Das ist leider nicht möglich, es tut mir so leid, dass ich Ihnen nicht helfen kann.“ Mir langte es. Ich sah die Sendung live und hatte keine Lust auf joyn zu gehen und die Konserve aufzurufen und das selbst zu machen, was ich dem KI-Trottel andienen wollte. Stattdessen googelte ich nochmal „Schlösser in Brandenburg“, Bildersuche. Es gab einen Artikel über die fünf besuchenswertesten Schlösser in Brandenburg, da war es dabei. Habe es sofort erkannt, Schloß Neuhardenberg. Auch die zur Vermietung stehenden Prunksäle entsprachen den Räumen in der Sendung. Das konnte ich natürlich nicht für mich behalten und drückte es dem KI-Hiwi auf. Er bedankte sich in der üblich unterwürfigen Art und gelobte Besserung, aber ich glaubte ihm kein Wort. Kein einziges. Niemals.

04. November 2025

Heute neues Buch angefangen, „Diese eine Liebe wird nie zu Ende gehen“ von Susanne Matthiessen, Untertitel „Roman einer Sylter Jugend“. Anfang Oktober hatte ich ihr erstes autobiographisches Sylt-Buch gelesen, „Ozelot und Friesennerz“, das von den Siebzigern auf Sylt handelt, wo sie inmitten des elterlichen Pelzgeschäfts aufwuchs, seinerzeit erste Adresse, Hot Spot in Sachen Pelze. Lektüre mit großem Gewinn. Der Nachfolgeroman schließt in den Achtziger Jahren an, von ihr erinnert und verfasst zur Corona-Sperre, was eingangs thematisch einfließt. Unter anderem erwähnt sie einen Kalauer, der im Lockdown die Runde machte. Ging so: Treffen sich zwei Friesen. Sagt der eine: „ich bin froh, wenn hoffentlich bald die Ein-Meter-fünfzig-Abstandsregel wieder aufgehoben wird.“ Sagt der andere: „Dann können wir endlich wieder auf unsere gewohnten vier Meter zurück.“

04. November 2025

Heiligenschein der Kunst. Schrein. Nach zehn Monaten bin ich dazu gekommen, die noch nicht gezeigten Bilder meiner Ausstellung vom Januar hochzuladen. Ich bin selbst wie erschlagen, was ich nur in der langen, großen Galerie im Erdgeschoss veranstaltet habe. Der Abtransport steckt mir bis heute mental in den Knochen. Am Ende bleiben Fotografien und Erinnerungen. Und die weiterhin existierenden Exponate. Das war nur ein Raum bei Sevenstar, aber neben der Kellerbar der größte. Jetzt ist alles online, außer den Filmsequenzen, die es auch gibt.

03. November 2025

»(…) „Diese Carmen Viol, eine interessante Person“, sagte er aus der köstlichen Distanz des losgelösten Wochenendes, während sie durch die Straßen schlendern, wie zwei unternehmungslustige junge Männer durch die Straßen schlendern, mit flatterndem Schal, Hut ins Auge gerückt, Mantel über dem linken Arm, mit der Rechten freizügig gestikulierend und Zigarettenrauch verstreuend. „Eine Frau, die sehr schön gewesen ist und es immer noch sein könnte, wenn sie daran glauben würde, aber sie kann es nicht glauben, sie hat Angst.“ (…) Obwohl er ab und zu die Notwehr gebraucht, Umstände verantwortlich zu machen, sind alle Schichten seines Wesens von dem unausgesprochenen, unausgedachten Wissen durchtränkt, daß Umstände nur Reflex eigener Ausstrahlung sind, die er aus zweiter Hand in Form von Widrigkeiten und Handicaps aller Art zurückerhält.«

Ruth Rehmann, „Illusionen“ S. 22; S. 24, Aviva 2022; Erstausgabe Suhrkamp 1959

01. November 2025

Lese „Die Tapetentür“ von Marlen Haushofer aus dem Jahr 1957. Schonungslose Selbstreflektionen über die Gefühle einer jungen Bibliothekarin, die sich auf eine zweite Ehe mit einem abgeklärten Juristen einlässt, schwanger wird, sich in frühere Zustände zurückträumt, ihre ambivalenten Gefühle notiert. Möglicherweise sehr gewagt für die damalige Zeit. Ich lese eine antiquarische Jubiläumsausgabe von Zsolnay, ebenfalls von 1957.

31. Oktober 2025

Schädelabguss mit original Knochenfragmenten eines ausgestorbenen Menschenaffens, evt. Australopithecus Afarensis (nicht gesichert), Naturkundemuseum in Berlin. Mein Beitrag zu Halloween. Mehr fällt mir da leider nicht ein. Schöner Moment vorhin, Blick aus dem S-Bahnfenster, Bahnsteig Bellevue. Zwei Halbwüchsige am Fahrkartenautomaten. Der eine als Roboter oder Marsmännchen verkleidet, der größere Junge als Gärtner (vermute ich). Ganz putziges Roboterkostüm aus eckigem Karton mit Alufolie beklebt, zwei Armlöcher, eins für den Hals. Der Kopf komplett in einer silbernen Kugel mit Gucklöchern für die Augen und einem Loch für den Mund. Supersüß, komplett ungruselig. Sein Kumpel mit brauner Cordhose und kariertem Hemd und rustikalen Hosenträgern und Strohhut. Ich dachte, das müsste ein Gärtnerkostüm sein. Was anderes fällt mir dazu nicht ein. Wieder der Beweis: Halloween ist inzwischen wie Fasching, nur im Herbst und mit Kürbissen. Mit Grusel habe ich auch nicht so viel am Hut, langweilt mich eher, ich grusle mich schwer. Obwohl ich neulich eine wirklich gruselige Begegnung hatte. Davon erzähle ich ein anderes Mal. Hätte ich am liebsten ganz schnell vergessen.

30. Oktober 2025

Bekam endlich ein Date. Eintrag im Terminkalender: Fr, 21. November. Zehn Uhr dreißig: Rendezvous Dr. Nicolai van der Meer. Kapazität meines Vertrauens (etwas Vorschusslorbeer). Kein Roman – ein neues Kapitel fängt an. Fr. v. Kampen berichtet dann.

29. Oktober 2025

Gestern nicht erzählt, dass mich mein schöner Hausarzt gestern wie ein Schulkind gerügt hat. Wörtlich sagte er zu mir: „Das geht so nicht, wir sind nicht im Kindergarten!“ Ich habe mich wie ganz früher gefühlt, richtig jung. Als wäre meine Erziehung noch nicht abgeschlossen. Hat mir ausnahmsweise (vielleicht nur deswegen) gefallen. Diese väterliche Autorität erlebe ich sonst nie. Als ob es jemandem nicht völlig schnuppe ist, ob ich genug für mein Wohlbefinden tue. Kenne ich sonst gar nicht. Ging um diese Neurologen-Überweisung. Er hat mir im Frühjahr 2024 schon mal eine ausgestellt, daraufhin versuchte ich bei verschiedenen Neurologen in gut erreichbarer Nähe einen Termin zu machen und wurde bereits von automatisierten Telefonansagen abgewehrt, die mitteilten, keine neuen Patienten aufzunehmen. An eine Praxis schickte ich eine Mail mit der Bitte um Terminvereinbarung, die wurde nie beantwortet. Bei Doctolib kam ich auch nicht weiter. Er meinte, das sei sehr unwahrscheinlich, dass ich seit Frühjahr 2024 keinen finden hätte können. Nun hat er mir gestern eine spezielle Nummer gegeben, die angeblich dafür sorgt, dass ein Termin vereinbart wird. Aber die gilt nur dann für Überweisungen zum Facharzt, wenn man im Überweisungsschein im Feld „Auftrag“ einen bestimmten Zahlen-Code eingetragen hat. Da hat mein schöner Arzt leider zwei Wörter geschrieben, anstatt einer Nummer. Morgen will ich mir eine neue Überweisung mit dem Code drin holen, aber ohne Rücksprache bei ihm, nur am Empfangstresen. Habe mal recherchiert, wofür Neurologen überhaupt so zuständig sind. Als ich gelesen habe, dass die auch mit psychiatrischen Krankheitsbildern zu tun haben, kam mir in den Sinn, dass die vielleicht die rasant zunehmenden Burn Out-Patienten bewirtschaften müssen und deswegen Kapazitäts-Engpässe haben. Das ist aber nur eine laienhafte Vermutung.

28. Oktober 2025

Von Kopf bis Schuh. Heute nach Arzttermin. Mein Hausarzt hat mir nochmal eine Überweisung zur Neurologie ausgestellt. Sehr schwierig, eine Praxis in Berlin zu finden, die noch Patienten aufnimmt. Nach Brandenburg wollte ich deswegen auch nicht. Mein Hausarzt ist irritierend attraktiv. Als ich das erste Mal bei ihm war, vor ca. zwei Jahren, als dem Nachfolger meiner vorherigen Hausärztin, war ich erschüttert, dass ich ausgerechnet beim ersten Kontakt in derart schlechter, unattraktiver Verfassung war. Ich war richtig krank und sah fix und fertig aus. Kann mich nicht mehr erinnern, ob das eine Bindehautentzündung oder was anderes war. Jedenfalls dachte ich die ganze Zeit nur: „Meine Güte, der sieht ja aus wie vom Hauptcast aus einem Hollywood-Film“. Wobei mir gerade kein einziger Hollywood-Schauspieler einfällt, der derart gut aussehend wäre. Und dann auch noch witzig. Etwa Ende Dreißig. Vielleicht inzwischen Vierzig. Ich rate nur. Dunkle, lockige, Haare, guter Haarschnitt. Melancholische, dunkle, scharfsinnig blickende Augen mit vielen Lachfalten. Macht schwarzhumorige Bemerkungen, ist schnell, labert nicht rum. Zum Schluss der Sprechstunde sagt er gerne: „Alright.“ So ein kleiner Tick von ihm.

28. Oktober 2025

Nähen ist kein Hobby von mir. Nicht mehr. In meiner Jugend habe ich mir viele Sachen selbst genäht. Weniger aus Sparsamkeit, eher aus einem Bedürfnis nach Extravaganz. Ich erinnere mich dunkel, dass ich einmal einen alten Vorhang aus den Fünfziger Jahren in vielen Ocker-Tönen mit einem typischen Fifties-Muster, zu einer Hose verarbeitet habe. Ich erinnere mich sogar noch an das Gefühl der Oberfläche des Stoffs. Er war leicht glänzend und fein gerippt.

Heute nehme ich nur noch Nadel und Faden in die Hand, um etwas zu reparieren oder zu optimieren. Es gibt immer noch die uralte „Privileg“-Nähmaschine in meinem Haushalt, sie funktioniert noch, in den Achtzigern aus dem guten alten Quelle-Katalog bestellt. Wir Kinder sprachen immer vom „Quelle-Katalog“. „Oh! Der neue Quelle-Katalog ist da!“ Mit Begeisterung wurde er dutzende Male monatelang immer wieder durchgeblättert. Der war aber auch dick. Nur die älteren Leute sprachen immer von „Schickedanz“. Man bestellte bei Schickedanz. So hießen die Gründer des Versandhauses: Grete und Gustav Schickedanz. Nun gehört Quelle zur Otto-Gruppe. Wusste gar nicht, dass es den Quelle-Versand wieder gibt. Woher auch. Seit ich bei meinen Eltern ausgezogen bin, habe ich keinen Quelle-Katalog mehr gesehen.

27. Oktober 2025

Lasse nebenher „Maigret kennt kein Erbarmen“ von 1959 mit Jean Gabin (gerade auf arte) laufen. Ich verfolge die Geschichte gar nicht richtig, liebe aber die Tonspur mit der vertrauten Synchronstimme und der feinen Musikuntermalung. Wie eine Lampe in der Ecke, die sehr warmes Licht spendet, diese alten Filme….

27. Oktober 2025

Mein finnischer Anorak. Vorgestern angehabt. Ich war mal total ausgeschlafen, das sieht man mir richtig an. Leider zu selten. Aber selber schuld. Heute Mittag habe ich meinen Teller nur halb leer gegessen. Es gab „Blutwurst Berliner Art“ mit Sauerkraut und Salzkartoffeln. Das vegetarische Gericht hat mich noch weniger angelacht. Ich finde „Blutwurst“ hört sich nicht sehr appetitanregend an, kann aber hin und wieder auch gut schmecken. Nur einmal habe ich vorher Blutwurst freiwillig gegessen. Das war vor einundzwanzig Jahren an einem Lagerfeuer in Utah. Scheibchen von Blutwurst wurden scharf in einer Pfanne über dem Feuer angebraten, ich probierte und es war sehr delikat, so ähnlich wie angebratene Salamischeibchen. Heute aber gab es keine Blutwurst nach Cowboy- und Indianer-Art, sondern Berliner Art. Vielleicht war der Koch auch nicht routiniert genug, um alles aus der Blutwurst herauszuholen. Ich probierte den breiigen rotbraunen Haufen, hatte sicherheitshalber noch frisch gemahlenen Pfeffer drüber getan. Das war ja gar nicht meins. Der Blutgeschmack ist deutlich hervorgetreten. Ob das so sein soll, weiß ich nicht. Konnte ich nicht essen. Zweimal gekostet. Auch nicht in Kombi mit Kraut oder Kartoffel auf der Gabel. Das Sauerkraut und die Salzkartoffeln alleine waren ok, habe ich aufgegessen. Beim Teller-Zurückbringen war es mir ein Bedürfnis zu erklären, wieso ich heute ausnahmsweise mal nicht aufgegessen habe, wo ich doch sonst so ein artiges Kind bin. Ich habe entschuldigend erklärt, dass ich es wirklich wirklich versucht habe, aber es einfach nicht essen könnte. Es tut mir so leid. „Die Blutwurst schmeckt so nach Blut“. Ähm. Die supernette Dame vom Service, die weiß, wie es mir sonst immer schmeckt, hat nicht pikiert geguckt, sondern als ob sie Verständnis hat. Ich wollte dann noch ein Dessert kaufen, um ein bisschen satter zu werden und einen guten Nachgeschmack zu haben, aber sie hat mitleidig geblickt und wollte kein Geld dafür haben. War Joghurt mit roter Grütze obendrauf. Hat mir gut geschmeckt. Nach dem Essen hab ich erst mal gegoogelt, ob „Blutwurst Berliner Art“ ein klassisches Gericht ist und wie das sonst so aussieht. Auf den Fotos im Internet sah die Blutwurst nicht so breiig aus, mehr krümelig. Und in den Rezepten stand immer, dass man die Wurst vorher in Scheiben schneidet und in der Pfanne anbrät, bevor dann wohl noch Gewürze drankommen. Das hörte sich doch recht schmackhaft an. Die Blutwurst von heute hatte kein einziges Röstaroma drin. Es ist vielleicht doch irgendein Verarbeitungsschritt ausgelassen worden. Warum die Wurst so breiig war, weiß ich nicht. Ob der Koch Wasser reingerührt hat? Jedenfalls bin ich nicht sehr stark motiviert, demnächst ein neues Blutwurst-Experiment einzugehen.

Was mir am Wochenende auch nicht geschmeckt hat, war ein griechischer Joghurt von Edeka, von einer Marke mit griechischem Namen (Greco). Der andere, der mir ganz gut schmeckt (Apostels) war ausverkauft. Eigentlich bevorzuge ich Bulgaria-Joghurt stichfest, den gibt es aber leider nicht überall. Jedenfalls hat der griechische Joghurt in der dunkelblauen Packung im Abgang einen unangenehmen Nachgeschmack nach Kalzium-Pulver oder Stärke. Als hätte man hinterher was eingerührt, nicht delikat. Ich rate ab!

Nachher hab ich unterwegs noch überschaubares Abendprogramm: zu Rossmann, Großpackung Glitzi-Schwämme holen und dann nebenan zu Edeka, Getränke, Obst et cetera. Daheim dann in bequeme Klamotten, Sachen wegräumen, was brutzeln, essen, trinken und faulenzen. Komplett unspektakulär und äußerst erholsam. Die Versace-Borte hab ich schon gestern fertig angenäht. Keine Handarbeiten! Gäbe zwar noch eine Hose, wo ein Stück Naht auszubessern ist, aber darauf hab ich keine Lust. So wichtig ist die Hose nicht. Lieber ausführliches Schonprogramm!

27. Oktober 2025

In der kleinen Pause während der Lesung hatte ich eine angeregte Konversation mit der blonden Lady im Animal Print. Manchmal hat man sofort einen Flow, ohne jede Mühe, als ob man sich bereits kennt. Einfach so. Sie fing die Unterhaltung an, schon vor der Lesung, als ich reinkam, kommentierte sie angetan meinen Anorak mit dem großen grafischen Muster, gefiel ihr ausnehmend gut. In der gar nicht so langen Pause, vielleicht gut zehn Minuten, ging es dann weiter. Sie reichte mir die Flasche mit dem Schaumwein und dann stellten wir fest, dass wir beide in der Nähe wohnen, sie erzählte, wie sie zu der Wohnung gekommen war und dass sie eigentlich den größeren Teil ihres Lebens, wohl vierzig Jahre in Südafrika verbracht hatte, in Kapstadt. Sie plauderte über einige familiäre Einzelheiten (die ich nicht erfragt hatte). Ich war aber auch auskunftsfreudig. Später stellte sich heraus, dass sie eine enge Freundin der Mutter des Inhabers des Antiquariats war. Die Mutter, die auch da war, hatte ähnliche Lachfalten um den Mund wie ihr Sohn, aber sonst wenig Ähnlichkeit. Ich weiß ja nicht, ob er der leibliche Nachkomme ist, aber falls ja, ein schönes Beispiel, was für ein breites Spektrum an Ergebnissen zwei mutmaßlich sehr konträre Genpools hervorbringen können. Ich tippe darauf, dass er äußerlich überwiegend nach dem Vater kommt. Die Lady im Leopardenprint und ich verabschiedeten uns nett, beinah familiär.

Wer der junge Mann links im Foto mit Bart und Brille ist, weiß ich nicht. Er kam als einer der letzten Gäste und verhielt sich sehr merkwürdig. Er kam hinein, es wurde bereits gelesen, er stellte sich an eine freie Stelle, nah der improvisierten Bühne und hörte erkennbar nicht zu, sondern tippte in sein Smartphone oder las, was auf dem kleinen Monitor seines Apparats geboten wurde. Dachte ich so bei mir: der hat ja überhaupt keine Kinderstube, obwohl er insgesamt, zumindest von der Kleidung her, nicht unkultiviert wirkte. Später setzte er sich an die Rückwand auf einen Stuhl, da hatte ich ihn nicht mehr auf meiner Sichtachse (außer bei diesem Foto nach der Lesung), insofern kann ich nicht beurteilen, ob er sich zu irgendeinem Zeitpunkt erkennbar auf die Lesung konzentrierte. Ich konnte auch nicht sehen, dass er mit irgendwem gesprochen hätte. Mysteriös, was ihn dorthin führte. Ich langweile mich auch schnell bei uninteressanten Lesungen, aber hier war das Programm ausgesprochen kurzweilig und inhaltlich und stilistisch sehr verschieden, es gab keine nennenswerten durchzustehenden Längen. Ein Text ging in eine elendiglich uferlose Wiederholung, die aber genau deswegen sehr wirkungsvoll und unterhaltsam war. Ich glaube, es war Clemens Schittko, der uns einen Text präsentierte, der aus gefühlt sämtlichen Schlagzeilen der vergangenen dreißig Jahre bestand, in denen Hitler vorkam. Immer gut für eine Überschrift. Dauerbrenner. Evergreen. Gruseliger Superstar der Weltgeschichte. Niemals mehr auszuradieren. Bizarr unterhaltsam.

25. Oktober 2025

In diesem Sinne. Jetzt müssten nur noch die Heinzelmännchen kommen und die Versace-Stoff-Borten mit ungefähr zweihundert Stichen von Hand annähen. Läuft leider auf Handarbeit hinaus. Habe ich sowas von keine Lust darauf. Aber auf das Ergebnis.

24. Oktober 2025

Hätte statistisch damit gerechnet, dass mir erst 2027 wieder jemand die Tür aufhält – wundersamerweise aber nach dem gestrigen Ereignis heute gleich noch mal, an derselben Stelle, anderer Herr. Alter ca. dreißig, dunkelhaarig. „Glutäugig“ wollte ich jetzt nicht schreiben, das hat so eine erotisierte Anmutung, er hat einfach nur sehr freundlich gelächelt. Auf mutmaßliche Nationalitäten einzugehen, habe ich keine Lust, die menschliche Qualität zählt. Wie derart kleine, nur Sekunden beanspruchende Gesten doch den Tag für einen Moment erhellen. Oder die – ich nenne sie jetzt mal wegen der Anschaulichkeit „Drei Damen vom Grill“, die heute Mittag wie zu einer Begrüßungsparade hinter dem Essensausgabe-Tresen aufgereiht herzerwärmend lächelten und beinah einem Chor gleich ein munteres „Hallo!“ vernehmen ließen. Und sogar mein Lieblingsplatz war frei. Gab Hühnchenbrust mit einer komisch geformten gelblich-grünen Brokkolisorte, Bezeichnung vergessen – edit – gegoogelt: „Romanesco“ (bisschen langweilig) und Pellkartoffeln. Und noch eine sahnige Soße dazu.

Nach dem Essen hab ich einen Geburtstagsgutschein eingelöst. In meinem Schrank gibt es eine eigentlich gut sitzende, schwarze und dazu sehr bequeme Schlaghose neueren Datums, die ich aber streng betrachtet als zu kurz beurteilen muss. Können mindestens sieben Zentimeter mehr dran. Da es aber nichts zum Auslassen gibt, kann ich nur etwas annähen. In dem Gutschein-Geschäft gibt es neben allem erdenklichen Künstlerbedarf auch Nähzubehör und Borten und Stoffe. Hatte es gerade aufgegeben, dort etwas Passendes zu finden, da sah ich in letzter Minute einen schwarzen Stoffballen mit sehr extravaganter Struktur, ähnlich einem Gitter, aufwändig grafisch gewebt. Wie stabile schwarze Spitze aber ohne ornamentale Schnörkel oder Blüten. Konnte ich mir gut vorstellen als Verlängerung, die nicht wie eine nachträglich hin geklöppelte Verlängerung aussieht, sondern beabsichtigte Extravaganz. Hoffe.

Der Gutschein war vierzig Euro, ich gab der Mitarbeiterin die Aufgabe auszurechnen, wieviel Zentimeter ich dafür bekomme. Preis pro Meter war 49 Euro. Sie drückte sich ein bisschen darum, mir die exakt 40 Euro entsprechende Länge auszurechnen und auszumessen. Bzw. schlug ihr der Taschenrechner eben was Glatteres vor, nämlich 80 Zentimeter. Was auf jeden Fall mehr als ausreichend für die Verlängerung ist. Der Stoff liegt wohl 120 oder 130 cm breit. Leider sind jetzt aber immer noch 80 Cent auf der Gutscheinkarte. Ich wollte nicht ihre Nerven strapazieren, indem ich sie nötige, die Länge zu ermitteln, die am Exaktesten den 40 Euro entspricht. Wäre aber am Zuschneide-Tisch auch nicht einfach auszumessen gewesen, habe gerade mal gerechnet. Das wären entweder 81,64 cm zum Preis von 40,0036 € gewesen oder 81,63 cm zum Preis von 39,9987 €. Letzteres wäre schon sehr nah dran, wenn man von den hinteren Stellen kaufmännisch aufrundet. Die 0,0013 € hätte ich dem Laden geschenkt. Bei der ersten Variante hätte mir der Laden 0,0036 € erlassen müssen. Nun ja. Womöglich hätte sie dann an einer Stelle ins Muster schneiden müssen, wo die recht kompakten, kleinen wulstigen, quadratischen Elemente sind, die Ärmste. Verkaufspersonal mit extravaganten Wünschen zu schikanieren, liegt mir komplett fern. Leider finde ich online kein Foto vom Stoff. Erst beim Kaufabschluss erfahren, dass es ein Stoff von Versace ist. Wusste gar nicht, dass die auch Stoffe verkaufen. Aber wie gesagt, nirgendwo irgendwas dazu zu finden, kein offensiv beworbenes Verkaufssegment vom Hause Versace.

Noch was Nettes heute. Ein lieber Kollege, jüngerer Mann in den Dreißigern (glücklich verh., drei kleine Kinder), war Anfang der Woche beim Friseur, es fiel mir gleich auf, gut geschnitten. Er meinte: „Ja. Aber jetzt reichts mal wieder für ein halbes Jahr.“. Ich: „Was? So selten gehst du?“ Er hatte vorher auch keine so viel längere Haarfrisur. Als ich ihn heute sah, kam es mir vor, als wäre er noch mal beim Friseur gewesen, der Schnitt sah dermaßen akkurat und gestriegelt aus. Ich: „Warst Du schon wieder beim Friseur? Sieht irgendwie so aus!“ Er lacht: „Nee, erst in einem halben Jahr wieder!“ Ich: „Oder hast Du Pomade drin? Oder so ein Styling-Zeugs?“. Er: „Jaah… ich hab da so ne Creme…“ Ich: „Aha – aber sieht richtig gut aus!“ Anderer Kollege im Zimmer nebenan (Ende Dreißig, glücklich verh., zwei kleine Kinder), hat durch die offen stehende Tür mitgehört, grient Richtung gegenüber sitzender jüngerer Kollegin (in den Zwanzigern): „Ahaa! Gaga hat am Wochenende noch keine Verabredung!“ zwinker-zwinker, gacker-gacker. Ich rüber zu ihm: „Ich fange nichts mit verheirateten Männern an. Die müssten mir schon G A N Z deutliche Avancen machen!“. Wäre das auch geklärt.

In meinem Alter freut man sich ja über jede Andeutung, die durchblicken lässt, dass man noch nicht „Jenseits von Gut und Böse“ verschubladet ist. Ich jedenfalls. Und Demi Moore wohl auch. Die hat sich gerade anlässlich aktueller, figurbetonter Fotos für das Glamour Magazin sinngemäß dergestalt geäußert. Hier: „Demi Moore wehrt sich gegen die Entsexualisierung älterer Frauen“. Auf Intellekt, Talent und guten Charakter reduziert zu werden, ist jedenfalls auch kein Sechser im Lotto. Dass ich nicht doof in der Birne und mit einigen Talenten und hoffentlich auch Herzensbildung gesegnet bin, weiß ich recht zuverlässig selber, das wird ja auch nicht weniger, mit zunehmendem Alter, eher im Gegenteil. Spricht einem auch kaum einer ab. Aber erotische Relevanz ist nicht so gesichert. Da hat man nicht irgendwann seine Schäfchen im Trockenen und kann darauf vertrauen, dass sich das Vermögen automatisch mehrt, eher im Gegenteil. Ist mir nicht egal.

23. Oktober 2025

Donnerstag, 23. Oktober 2025, 10 Uhr vormittags, Hardenbergstraße, Berlin Charlottenburg. Eingangsbereich eines Gebäudes, in dem sich (neben meiner Zahnarztpraxis im Erdgeschoss) auf mehreren Etagen u. a. auch das Kulturbüro der Botschaft der Arabischen Republik Ägypten in Berlin, Verwaltungen verschiedener Institutionen, sowie Seminarräume befinden. Ich kenne den Zugangscode, der auf einer Tastatur einzugeben ist. Gerne gehe ich durch das Gebäude durch, weil ich glaube, dass es eine Abkürzung zu meinem Ziel in einem anderen Gebäude in der Nähe ist. Als ich mich nähere, sehe ich schon von weitem, direkt vor der Tür mit der Tastatur auf der Treppe verteilt, eine Ansammlung von ca. sechs Männern, alle etwa im Alter um die dreißig und vierzig, manche mit Zigarette, sie unterhalten sich. Konversationssprache ist nicht Deutsch, ich höre aber auch nicht genauer hin. Ich vermute eine Sprache aus dem arabischen Raum.

Ansammlungen von Gruppen, auch mit Frauen, auch mit anderen Konversationssprachen, sind an dieser Stelle im Berliner Stadtbild Alltag, weil der Bereich gerne für Zigarettenpausen während eines Seminars genutzt wird. Die Treppe lässt sich auch als Sitzgelegenheit nutzen, obwohl es jetzt langsam ein bisschen kalt auf den Stufen sein dürfte. Wie immer steuere ich mit festem Blick zur Tastatur direkt auf diese Treppe zu, an meiner Zielgerichtetheit können die jeweiligen Grüppchen identifizieren, dass es sich empfiehlt, mir nun alsbald Platz zu machen, damit ich an die Tastatur rankomme. Ich muss selten darum bitten, nur in ungefähr einem von zehn Fällen bleibt jemand direkt davor stehen und ich muss meinen Wunsch artikulieren, da rankommen zu wollen. In dem Fall sage ich dann meistens „Entschuldigung, darf ich mal bitte…“ (deute zur Tastatur).

Heute war es nun so, dass in dem Moment, wo ich mich annäherte (etwa zwanzig Meter vor der Gruppe), Bewegung in die Männer kam, sozusagen Aufbruchstimmung Richtung ins Gebäude. Verschiedene (zumeist falsche) Zahlenkombinationen wurden laut hin- und hergeworfen, der Mastermind an der Tastatur wusste jedenfalls nicht die richtige. Da mir der gesunde Menschenverstand suggerierte, dass es sich um befugte Personen und nicht um böswillige Einbrecher oder sonstige Kriminelle handelt, da ich dieses Szenario mit vergleichbarer Besetzung aus dem Effeff kenne, nannte ich mit großer Bestimmtheit, die anderen übertönend, die einzig brauchbare Zahlenkombination. Der Herr an der Tastatur parierte, die Tür öffnete sich, Simsalabim. Alles drängte nun gleichzeitig Richtung Eingang. Nur einer der Männer blieb stehen und pfiff die anderen mit der wiederholten Ansage zurück: „Ladies first! (zweites Mal, autoritärer) LADIES FIRST!“ Ich erfreut: „Danke. DANKE!“ Die Männer parierten (ohne Widerworte), ließen mir Vortritt.

Auf der anderen Seite der nun für mich aufgehaltenen Tür, also von innen, kam im selben Moment ein Lieferant mit einer Karre und einem Paket entgegen, wollte das Gebäude verlassen. Der Mann war groß gewachsen, kräftig, rotblond, Vollbart, ca. Ende Zwanzig, Anfang Dreißig, Typ Wikinger. Er drängte gemäß des U-Bahn- und S-Bahn-Credos „Erst aussteigen, dann einsteigen“ in die Tür, um mit der Karre zuerst rauszugehen. Wieder machte sich der Wortführer der Männertruppe bemerkbar: „LADIES FIRST!“ Und setzte nach: „WIR haben Manieren, Alter! Nicht wie Du!“ Ich nochmals: „Danke, danke!“. Selbstverständlich lächelnd. (Aber kurz vorm Grinsen).

Hätte natürlich auch anders ausgehen können und die Herren aus dem Morgenland hätten mir tötende Blicke zuwerfen können, ihre Dolche zücken und mich vergewaltigen können. Schon klar. Wenn ich rekapituliere, wie oft mir in den vergangenen ca. zehn Jahren an der Stelle die Tür aufgehalten wurde und von welcher mutmaßlichen Herkunft die betreffenden Herren waren, muss ich leider die bittere Bilanz ziehen, dass sich mutmaßliche Bio-Deutsche jüngerer Generation nicht sehr mit Tür-Aufhalten alter Schule hervorgetan haben, jedenfalls nicht mehr als anderweitig herkunftsmäßig verwurzelte Kandidaten. Ich hingegen halte ständig Türen auf, genau an der Stelle. Älteren gebrechlichen Menschen, bepackten Leuten, die die Hände nicht so frei haben wie ich. Ungeachtet des Geschlechts und der vermuteten Herkunft. Ich liebe altmodisch gutes Benehmen und Rücksichtnahme. Das wünsche ich mir im Stadtbild. Und gerne darf die Abwesenheit von fehlendem friedlichen und höflichem Umgang geahndet werden. Dann wollen wir aber bitte ganz genau hinsehen, worin der Nachholbedarf in Sachen Rücksichtnahme und Erscheinungsbild im Stadtbild besteht.

Ich wäre da eventuell sogar noch ein bisschen schärfer als Herr Merz, was meine diesbezüglichen Wünsche anbelangt. Beispielsweise finde ich es nicht schön für das Stadtbild, wenn jemand eine rote Plastikfunktionsjacke mit giftgrünen Paspeln anhat. Oder Mittelklasse-Autos, die sich durch eine explizit beliebige Silhouette auszeichnen. Vor allem in aufdringlichem Signalrot. Oder besoffene Biodeutsche, die auf U-Bahnsteigen herumkrakeelen. Ich hätte eigentlich gerne alles, was mir so im Stadtbild lästig ist, weg. Auch schlimme Architektur! Hässliche Stadtmöblierung. Man weiß gar nicht, wo man anfangen soll. Insofern. Die Welt ist halt rund und bunt und alles andere als perfekt. Zumal in Städten. Außer in Kampen natürlich! Halt – nein – nehme ich zurück: die Unmengen Fahnenmasten stören meines Erachtens auch ganz empfindlich das Stadtbild. Die könnten gerne mal dahin zurück, wo sie hergekommen sind. Ansonsten zeige ich mich tolerant, vorausgesetzt, die zusammengerotteten Herren aus aller Herren Länder halten sich an die Kaschmir-Verordnung. Die Anzüge von unserem Kanzler finde ich ganz nebenbei auch nicht optimal für das Stadtbild. Vom Schnitt her unvorteilhaft, sehen immer aus wie zwei Nummern zu groß. Sorry, kein Body Shaming.

21. Oktober 2025

Nach sehr langer Zeit heute in vier Kaufhäusern nach Kleidung Ausschau gehalten, nicht gefunden, was ich erhoffte, aber zwei andere Teile, unter anderem, den Pullover hier. Das Muster hat mich aus mehreren Metern Entfernung hypnotisiert. Fand es schön, einmal wieder in einem Kaufhaus einzukaufen. Man weiß nicht, wie lange es die noch gibt. Früher war ich bestimmt einmal im Monat im Kaufhaus. Den Pullover habe ich am Kudamm bei Galeria gefunden. Seltsam fand ich, als ich davor stand, also vor der Eingangstür, dass da immer noch groß und deutlich der alte „Karstadt“-Schriftzug dran ist. Ich konnte mir in den vergangenen dreissig Jahren nicht merken, ob es immer noch Wertheim ist, oder inzwischen Karstadt. Nun aber „Galeria“, was aber nicht außen dran steht, nur drinnen überall. Jedenfalls sieht es nicht viel anders aus, wie schon vor dreissig Jahren. Nur andere Pullover. Vorher war ich bei P&C am Tauentzien, nichts gefunden, und danach im KadeWe, hat mich auch nichts angesprungen, hatte ich aber auch nicht so viel Zeit. Bei Galeria hat mich dann noch eine Fellweste im Vorbeigehen gestreichelt, die war so flauschig gewebt, wollte auch zu mir. Zuguterletzt noch zu C&A, verkleinertes Sortiment, immer wieder gute Sachen darunter. Mich interessierten aber speziell langärmlige Shirts in Jumbo-Größe, die ich gerne zuhause anziehe, die so weit sind, dass man sie gar nicht spürt. Ein schwarzes und ein dunkelblaues mitgenommen. Das dunkelblaue hab ich jetzt an, ganz weicher Baumwolljersey-Stoff, superbequem.

18. Oktober 2025

Ich wasche meine Hände in Unschuld. Bin aber leider immer noch etwas blockiert, mental. Keine kreative Blockkade, eine rationale.

Soll ich mich um Verkaufsausstellungen kümmern, damit die Dinge in Fluss kommen und ich wieder Platz habe? Seit Mai gibt es drei große Pakete mit den gerahmten Fotografien der Ausstellung im Amano. Könnte ich griffbereit direkt woanders hinbringen und aufhängen. Aber ich scheue Wiederholungen. Vor einiger Zeit die Überlegung gehabt, alles auszupacken und dann hinter den großen, an der Wand lehnenden Leinwänden im großen Zimmer gleichmäßig verteilt, senkrecht hochzustapeln, so dass weiterhin vorne nur die bemalten Leinwände zu sehen sind, nur ein bisschen mehr in den Raum gerückt. Das wäre am wenigsten auffällig. Ich will keine Lager-Anmutung um mich haben. In den Keller würde ich niemals etwas packen. Einmal vor Jahren gemacht, nur ein Teil. Beim Exhumieren hatte es Feuchtigkeitsspuren, eklig und finster und darauf eine kohleartige Staubschicht. Der Keller existiert für mich praktisch nicht mehr. Ich mag dieses Verlies einfach nicht, will da keine Minute sein, wie ein Grab. Obwohl die Kellerräume allgemein eher als vergleichsweise trocken gelten, ich will das nicht schlechter machen, als es ist. Was meinen gelähmten Schaffensdrang anbelangt, muss ich dauernd an die mit Hingabe gesammelten, unverarbeiteten Materialien denken, die ich in petto habe, mein Sammelsurium, in Schachteln nach Farbwelten sortiert.

Aber ich bin auch noch nicht so alt, dass ich nichts mehr bewegen könnte. Gestern schickte mir Jan ein Foto aus seinem jahrelangen Atelier auf der Zitadelle, das er seit einigen Wochen auflöst, leere Bilderrahmen, die er mir gerne überlassen will. Reflexartig schrieb ich ihm sofort zurück „au ja!“ Fühle mich immer noch wie siebzehn. Wohl bei mir so eine Art Werkseinstellung, bei Reset wieder später Teenie, alles auf Anfang. Mein Leben fängt doch eigentlich erst an.

17. Oktober 2025

Vor einigen Tagen eine neuere NDR-Doku aus der Reihe „Die Nordreportage“ gesehen, über Blankenese. Genauer: (neben Anderen) über die dort langjährig tätige, zuständige Briefträgerin. Sie wurde bei ihren täglichen Wegen durchs Treppenviertel portraitiert. Ein Anwohner bemerkte, dass man eigentlich ja nur noch Rechnungen als Brief bekäme, weiter nichts. Kann ich nicht bestätigen. Rechnungen trudeln inzwischen überwiegend als Mail-Anhänge ein, zumal nach Online-Bestellungen. Eigentlich bekomme ich nur Gas-/Strom- und Betriebskostenabrechnungen als Papierpost. Und amtliche Schreiben. Gestern gleich zwei. Eines von einem Berliner Bezirksamt, in dem mir mitgeteilt wurde, dass ein Verfahren eingestellt wurde, was mich beruhigte, ich hatte es aber schon erhofft bzw. damit gerechnet. Es auf Papier bestätigt zu bekommen, war erleichternd nachdrücklich und abschließend. Der andere Brief war vom Finanzamt, weil ich demnächst eine (für mich) neue Steuer entrichten muss, eventuell-wahrscheinlich-vielleicht auch ein paar Jahre rückwirkend. Habe daraufhin zurückgeschrieben, den gewünschten Bogen ausgefüllt und erklärt, wieso mir diese Steuer all die Jahre für mich nicht relevant schien.

Bin sehr gespannt, ob ich auf Verständnis treffe, mit dem Brief. Die Mitarbeiter von Institutionen und Ämtern haben ja zum Teil Ermessensspielräume. Da macht auch der Ton die Musik. Wenn es ein bisschen menschelt, können Paragrafen im Rahmen des Legitimen günstiger ausgelegt werden. Ich habe noch nie einen Rechtsanwalt beschäftigt, bisher immer alles im Alleingang durchgefochten und stets einen verbindlichen Ton gewahrt. Im Hinblick auf eine Annäherung der Kontrahenten. Ich sehe ausführende Mitarbeiter von Ämtern nicht als feindliche Personen, sondern Menschen, die einen Job machen, der oft langweilig bürokratisch ist und nervig wird, wenn die Kundschaft aggressiv fordernd auftritt. Im Gegensatz dazu, ist so ein Bezirksamt-Mitarbeiter oder Finanzbeamter doch auch froh, wenn ein netter Ton angeschlagen wird und man sich kooperativ zeigt. Nun ist wieder die andere Seite am Zug. Bin schon gespannt. Ich bin gar kein Steuersparfuchs, eher fast schon das Gegenteil in Richtung „Zieht einfach die fälligen Steuern ein, aber lasst mich mit Bürokratie und Schreibkram in Ruhe.“ Wenn dergleichen dann doch notwendigerweise ansteht, bin ich ganz schnell und fleißig, arbeite mich turboschnell in die Thematik ein und formuliere dann inhaltlich wasserdichte, nett erklärende Briefe. Das Foto von dem Zebra-Sessel ist aus einer Reihe von Aufnahmen, die (u. a.) zur Einstellung des Verfahrens führten. Leider kann ich im Sinne des Datenschutzes keine mehr erhellenden Einzelheiten ausplaudern.

16. Oktober 2025

Ausblick beim Warten aufs Taxi. Blickrichtung aus der Tür vom Anwesen Kurhausstraße 6 zur gegenüberliegenden Straßenseite, Wo ein Porsche 356 C parkt. Gebaut zwischen 1963 und 1965, letzte Generation des 1948 erstmals serienmäßig hergestellten Porsche 356. Günstigstes Angebot 50.000 €, gut erhaltene, fahrtüchtige, liegen um die 70.000 bis 80.000. Teurer geht freilich immer. Viele Elemente des ersten Porsche 356 waren baugleich mit dem VW Käfer, der ja auch von Ferdinand Porsche entwickelt wurde. Nun also doch noch ein Porsche-Foto aus Kampen. Man hätte einige fotografieren können. Auch Bentley ist eine beliebte Marke auf Sylt. Vor allem in Kampen und Keitum. Überhaupt Oldtimer – davon soll es viele geben, die aber wohlbehütet in geheimen, unterirdischen Garagen versteckt und gepflegt werden.

Was man nur erkennt, wenn man ganz genau hinsieht, heranzoomt, ist der Schriftzug PONY, auf der dunkleren der Fahnen im hinteren Bereich. Das Haus mit meiner Ferienwohnung ist quasi auf der identischen Höhe wie der berühmt-berüchtigte Pony-Club, nur in der Parallelstraße, dem Strönwai, auch gerne Whiskey-Meile oder Whiskey-Straße genannt. Auch das Gogärtchen ist nur wenige Reethäuser daneben. Dior ist auch da. Und Louis Vuitton. Ich war weder im Pony, noch im Gogärtchen, noch bei Dior, noch bei Louis Vuitton. Hat sich nicht ergeben, sollte auch kein Restaurant-, Club- und Luxus-Shopping-Marathon werden, meine vier Geburtstagsflucht-Übernachtungen auf Sylt.

Gleichfalls nicht besucht: die Sansibar. Was mich aber nicht so schmerzlich zurücklässt. Immer viel Trara um das Lokal. Ich hatte für den Abend meiner Anreise eine kurzfristige Einladung zu einer Geburtstagsfeier dort, aber ich bin durch die Verzögerungen der Bahn derart spät in Kampen angekommen, dass ich nur noch meine Ruhe haben wollte, auspacken, ausruhen. Und geregnet hatte es auch. Später erfuhr ich, dass die Feier dort zwangsläufig an den Tischen und in den Strandkörben draußen war, weil drinnen wieder ausgebucht war – und alle wurden klatschnass. Das ist eigentlich bekannt, dass es nicht so leicht ist, drinnen kurzfristig einen Tisch zu reservieren. Ich habe schon Bilder davon gesehen, auch dem Außenbereich. Ein Pärchen hat auch mal ein youtube Video gemacht, in dem u. a. ein Besuch in der Sansibar gefilmt wurde, aber auch nur im äußeren Bereich. Anhand des Bildmaterials wirkte das wie eine Massenveranstaltung (wollte jetzt nicht schreiben -abfertigung, da ich nicht beurteilen kann, ob der Service toll, naja oder mäßig ist.) Vielleicht stellt sich drinnen ein exklusives Gefühl ein, weiß ich nicht, schon möglich. Für noch Ortsunkundigere als meine Wenigkeit: die Sansibar ist nicht in Kampen, sondern in Rantum, am anderen, eher unteren Ende von Sylt. Da muss man schon sehr hinwollen, läuft man nicht mal eben rüber, wenn man in Kampen ist. Kann aber durchaus sein, dass ich mir eines nicht so fernen Tages noch die anderen Ecken ansehe, die ich jetzt nicht erkunden konnte. Man muss sich auch darüber im Klaren sein, dass in den meisten der zu Bekanntheit gekommenen Lokale, sofern sie überhaupt noch existieren, mittlerweile eine jüngere Generation am Ruder ist, die Anekdoten über Gunter Sachs, Arndt v. Bohlen, Augstein und Fritz Raddatz auch nur noch aus zweiter bis dritter Hand kennt – wenn überhaupt.

Die Zeitzeugen der Sixties und Seventies, als es partymäßig hoch herging, sind ausgestorben. Vielleicht wachsen Paradiesvögel nach, aber das ist nicht so sicher. Und Quiz- und Talkshow-Moderatoren wie Herr Jauch oder Herr Kerner oder Fußballtrainer sind auch nicht so ultimativ glamourös. Ob es noch Nester der Elite aus dem Verlagswesen gibt, wie früher zuhauf? Ich weiß es nicht. Die Augstein-Kinder haben das Anwesen in Archsum auch verkauft. Dennoch: von ausgelotet kann nicht die Rede sein, das wäre anmaßend. Auf eine Dünenwanderung in List hätte ich auch Lust. Darf man nur mit Führer hinein, in dieses Naturschutzgebiet. Sind wohl auch oft ausgebucht, jene Führungen. Jetzt lese ich noch ein bisschen weiter, in dem vielleicht schönsten Buch über Sylt. Wenn ich es fertig habe, teile ich mit welches, und welche Sylt-Bücher sonst noch unbedingt lesenwert sind und welche nicht.

15. Oktober 2025

Es ist, wonach es aussieht: der Abreisetag, erster September 2025, gegen halb elf in Kampen. Das gewünschte Taxi zu zehn Uhr war nicht machbar, weil es auf Sylt stark regnete, alle Fahrer ausgebucht waren. Auf ein elf-Uhr-Taxi vertröstet worden, das führte dazu, dass eine spätere Zugverbindung erforderlich war. Die Bushaltestelle „Kampen Mitte“ war ca. nur hundert Meter entfernt, aber mein dreiteiliges Gepäck sehr schwer und der Bus fährt auch nicht alle zehn Minuten nach Westerland. Und dann musste ich vorher ja noch zum Büro der Ferienwohnung, Schlüssel und Kurkarte zurückgeben. Das Büro war in einer südlichen Ecke von Kampen, zu weit von einer Bushaltestelle entfernt, alles zu beschwerlich, das wollte ich mir nicht antun, das elende Herumgewuchte (und ohne Gewissheit, dadurch den früheren Zug zu kriegen), zumal im strömenden Regen – und am Geburtstag. Da möchte man doch verwöhnt werden – oder sich wenigstens selbst im Rahmen der Möglichkeiten verwöhnen. Im Reisetagebuch u. a. vermerkt: „Frau von Kampen bei der Abreise. Gestern Vormittag, leicht verknautscht wegen zu wenig Schlaf, im Entrée der Unterkunft fotografiert. Warten. Warten. Warten aufs bestellte Taxi. (…) So ein Abreisetag ist vorzüglich geeignet, um davon abzulenken, dass man einen irgendwie runden Geburtstag hat.“

14. Oktober 2025

Jetzt noch ein diskreter Blick auf die andere Seite, die mit dem Bett. Eingebaute Regale. Links davon zwei bis drei Schranktüren in die Schräge eingebaut. Mehrere Einbauschränke unten in der Küche, im Wohnzimmer und im Bad habe ich nicht fotografiert. Ich weiß nicht, wie religiös die Sylter sind, aber Einbauschränke in cremeweiß scheinen bis mindestens in die Neunziger heilig gewesen zu sein. Angefangen hat diese Einrichtungsmode wohl in den Siebzigern. Was sich die feudalen Kampener leisteten, wollten nun alle haben: maßgefertigte Einbauschränke und Vertäfelungen in Schleiflack in jedem Raum, Bad inclusive. Friesisch-französischer Landhausstil. Aber alles stabil! Und jetzt: Licht aus.

14. Oktober 2025

Da war es September, Wunderkerze abgebrannt, Zeilen aus Kampen nach Mitternacht: (…) Strandweg nach oben, ins Herz von Kampen. Die sandigen Schuhe und Strümpfe und restlichen Klamotten vom Körper gestreift, unter die Dusche (…), in trockene bequeme Klamotten. Kühlschrank gesichtet, letzte Bestände vorgenommen. Eine der guten Flaschen vom Kampen-Kaufmann geöffnet. Die ist jetzt leer. Ach… da ist ja noch ein Rest spanischer Rotwein… Gute Nacht aus Kampen, ein letztes Mal. War schön.“

14. Oktober 2025

Letzte Augustnacht, letzte Notiz, letzte Bilder, letzter Spaziergang: „Der Himmel zeigte furiose Farben und das noch lange, nachdem die Sonne bereits ins Meer gesunken war. Facetten zwischen Blaubeer- und Brombeer- und Himbeereis. Meine Füße wurden nass, ich hatte die Turnschuhe anbehalten. Die Socken fühlten sich noch überraschend lange nicht unangenehm nass und kalt an. Aber auch menschliche Strandvögel, drei Surfer mit ihren Brettern hatten Lust, ihre Kunst in dieser Nacht am Meer auszuprobieren. Die Surfbretter und ihre Silhouetten wie Scherenschnitte.“ (Letztere leider nicht fotografiert)

13. Oktober 2025

Gestern bestellt, Trostpflaster für Regenwetter – „showerproof“ – hoffe, er passt. Letzte Woche den seltenen Fall gehabt, dass ich eine Retoure in einem Hermes-Shop loswerden wollte, Klamotte war zu eng. Der erste Hermes-Shop, ein Späti am Rosenthaler Platz, wollte mein Päckchen nicht entgegennehmen – Begründung: „kein Platz“. Na, super. Ob die das bei Hermes wissen, dass ihre Kooperationspartner mitunter rumzicken? Er hat mich dann zum nächsten Hermes-Laden, so viele gibts gar nicht in meiner Ecke, in der Torstr. 113 geschickt. Der Inhaber war gnädig, hat es angenommen. Dass man da zum Bittsteller wird, finde ich ja kurios.

13. Oktober 2025

Letztes Herumkaspern am Strand. Die Luft war an dem Tag gar nicht meins, arg hohe Luftfeuchtigkeit, bin ich nicht dafür gemacht. Ich sehe auf den Fotos definitiv munterer aus, als ich war. Wohl letztes Aufflackern kurz vor Kampen. Nach diesem langen Spaziergang und zuletzt ein paar Kilometern durch den Sand laufen, der mitunter die Schritte ganz schön bremst, sehr bettschwer. Hätten andere vermutlich als Wanderung bezeichnet. Ich rückwirkend aber auch. War mir beim Losgehen überhaupt noch nicht klar, dass es so ein Marathon-Spaziergang mit zwei Unterbrechungen in der Kupferkanne und in der Vogelkoje würde. Einfach neugierig immer weitergelaufen, keine allzu konkreten Pläne gemacht, Zeit vergessen. Immerhin sehr bequeme Turnschuhe an. Dachte, hoffte, es ergäbe sich noch, den Abend in einer der alteingesessenen Kampener Lokal-Legenden, wie etwa „Manne Pahl“ oder dem Dorfkrug zu beschließen, aber da hätte ich dringend vorher das Bedürfnis gehabt, mir den Sand abzuduschen und mich umzuziehen, dafür war es dann schon viel zu spät. Zurück in der Wohnung rekonstruiert, dass es rund zwanzig Kilometer waren, zuerst kreuz und quer durch Kampen zur Kupferkanne, dann am Watt entlang, Vogelkoje, Akademie des Meeres in List, Klappholttal, dann auf der anderen Seite von Sylt den Weststrand entlang zurück, Richtung Rotes Kliff, Kampen.

13. Oktober 2025

Und das ist die Ratswaage in Lankwitz bei Nacht. Wo mich der Unfall-Kavalier freundlicherweise absetzte. Ich konnte mir zunächst gar nicht vorstellen, dass in dem kleinen Gebäude von 1917 eine Ausstellung mit mehr als zwei Bildern möglich ist – aber ja. Ich war ja da, hab es gesehen. Mich schlau gemacht, was es damit auf sich hat. Was das ist oder war – eine „Ratswaage“. Solche Gebäude gab es früher an vielen Orten, wo nicht jeder Händler eine eigene große Waage haben konnte, um große Warenmengen zu wiegen. Eine Gemeindewaage. Es gab einen Wiegemeister, der die Waren wog. Da konnte nicht geschummelt werden, auf den Wiegemeister war Verlass, er war ja neutral und die Gewichte waren geeicht – grob zusammengefasst. Heute ist die Lankwitzer Ratswaage ein vom Senat geförderter Treffpunkt für Frauen. Gibt allerhand Seminare und Workshops dort. Und Ausstellungen, wie die von Nora. Hier vor Ort von mir eingefangen. Die Ecke in Lankwitz hat gutbürgerlichen Charme. Schöne alte Häuser, ruhig, unaufgeregt, ungefährlich. Ich kenne nur eine einzige Berlinerin, die in Lankwitz wohnt. Sie ist dort aufgewachsen und etliche Jahre nach eigener Familiengründung wieder hingezogen, ins ehemalige Elternhaus, dort wurde extra angebaut, Vater Architekt. Die Ecke von Berlin hat man selten auf dem Schirm. S-Bahn gibts auch, Lankwitz und Lichterfelde Ost. Von letzterer kam ich, mit der S 25.

12. Oktober 2025

Mein kleines Sylt. Nicht die Mittelmeer-Wolfsmilch, aber das Gras (genauer China-Schilf) in so einem Korb, das ist schon ikonenhaft. Wenn man mir ein Foto von einem Friesenhaus mit zwei Graskübeln links und rechts und schickem Boutique-Ladenschild zeigen würde, hätte ich sofort den Reflex: Kampen! Als ich vor ein paar Jahren die Hochzeitsberichtserstattung zu Guido Maria Kretschmers Vermählung auf Sylt mitbekam (man konnte der ja gar nicht entgehen), nahm ich interessiert, ja fasziniert zur Kenntnis, dass sein Wunsch, was die Blumen-Dekoration anging, explizit: NUR GRÄSER! war. Gefiel mir, hielt ich für ästhetisch ansprechend und originell, ja fast schon gewagt. Nun aber, nachdem ich mir ausgiebigst Kampen angesehen habe, stelle ich fest, dass das so eine Mode in gehobenen Kreisen zu sein scheint, unaufgeregt wirkende Ziergräser in großen Kübeln hinzustellen. Ist auch wieder so ein bisschen Richtung Hamptons Style, klar. „Mein ‚kleines‘ Strandhaus mit dem Dünengras“. Understatement zum Lachen. Aber ich finde es auch schön. Bisschen Wildnis und unkompliziert.

12. Oktober 2025

Geliebtes Gestrüpp, Pippi Langstrumpf-Style. Obwohl das für pingelige Gärtner chaotisch und beliebig aussehen mag, steckt dahinter ausgeklügelte, intuitive Berechnung. Höhere Mathematik!

12. Oktober 2025

Daheim, im Kämmerlein. Oktobertag, nicht golden, nicht rosa, alle Facetten von Grau. Hellgrau, steingrau, blaugrau, dunkelgrau. Fotos von jenem anderen dämmernden Morgen, der sich auch farblos entwickelte. Hat Gott wohl den Farbfilm vergessen, mein Michael… Gerade Fotos von Diane Keatons Anwesen gesehen, ihrem kalifornischen Haus, das sie im März für 29 Millionen zum Verkauf anbot. Hat mir erstaunlicherweise überhaupt nicht gefallen, weder von außen, noch von innen. Diese Interpretation von „industrial chic“. Überall reihenweise schwarze Blechlampen an den Decken. Käme ich mir vor, wie in so einem stundenweise mietbaren Co-Working Space, nur ohne fremde Co-Worker. Früher, also ganz ganz früher, so vor fünfunddreissig Jahren, kaufte ich mir häufiger Mode- und Interior-Hochglanz-Zeitschriften, in denen auch Editorials über Celebrity-Heime waren. Es gab mal eine Strecke über das Haus von Diane Keaton, das war aber ein anderes, das sie vor ihrem letzten bewohnte. Faszinierende Architektur von einem berühmten Architekten, leider vergessen wer (muss mal recherchieren). War interessant verwinkelt, aber auch geradlinig, tolle Licht- und Schattenspiele. Warum Diane das wohl verließ… Oh là là… lese gerade bei Architectural Digest, dass sie quasi eine Obsession pflegte, die darin bestand, namhafte, historische Häuser zu erwerben, zu renovieren und dann wieder zu verkaufen. Das heißt, sie hat bis zu ihrem Tod allermindestens sieben verschiedene bemerkenswerte Anwesen besessen und bewohnt. Kann ich gar nicht verifizieren, welches darunter das war, das mich so faszinierte. Auf den Fotos in dem gerade erschienenen AD-Artikel ist es jedenfalls nicht. Es war nicht im Kolonialstil, moderner.

P.S. Habe das Haus, das mich seinerzeit so faszinierte, anhand von Bildern identifiziert. Es war ihr erstes Haus, das sie denkmalgerecht renovierte, gebaut vom legendären Frank Lloyd Wright, das sogenannte „Samuel Novarro House“ – Art Déco.

P.P.S. In diesem Artikel hier, auch soeben anlässlich ihres Todes erschienen, sieht man den traumhaften Poolbereich des Samuel Novarro Hauses und ganz unten den Pool ihres letzten Hauses mit den freudlosen schwarzen Blech-Lampen allenthalben.

11. Oktober 2025

Nach dem Schreck. Nicht erwähnt, dass ich angefahren wurde. Am vergangenen Sonntag, 5. Oktober, auf dem Weg zu Noras Ausstellungseröffnung, stand ich an der stark befahrenen Lankwitzer Straße, wollte die Straßenseite wechseln, es war schon halbdunkel. Mein Blick geradeaus zum Verkehr, auf eine Lücke wartend, an der Stelle war keine Ampel. Plötzlich rammt mich ein Auto von rechts hinten. Ein gewaltiger Rumms gegen meine rechte Seite, vor allem den Arm, ich wankte, der Fahrer bremste. Konnte mich gerade noch fangen, was für ein Schreck. Er war entweder dabei, rechts hinter mir zu parken und wollte ein Stück zurücksetzen, oder war im Begriff wegzufahren. Er stieg erschrocken aus, wir guckten uns perplex an. Ich: „Das war aber ganz knapp. Da haben wir jetzt ja beide Glück gehabt, Glück im Unglück.“ Er sieht mich entschuldigend an, war natürlich keinerlei Absicht, klar. Gutaussehender Mittfünfziger (schätzungsweise). Groß, schlank, grauhaarig, markantes Gesicht, könnte modeln. Ich die Gelegenheit beim Schopf gepackt, ihm gesagt, wo ich hinwollte, ob er mich hinfahren könnte. Ich hatte sowieso keine rechte Lust, zumal in der verwirrten Verfassung, das noch ganz schöne Stück zu Fuß zu laufen. Er meinte, er wollte gerade zum Fitness-Studio, kennt sich hier auch nicht aus, wo das sei. Palaver über den Weg dahin. Wir unterhielten uns ganz nett. Ich erklärte, dass ich zur Ausstellung einer Freundin wollte. Er daraufhin, die letzte Ausstellung wo er war, sei in der Newton Foundation gewesen. Eine alte Freundin von ihm, Jasmin Tabatabai, hätte ihn gefragt mitzukommen. Sie hätten sich kennengelernt, als sie im selben Jahr nach Berlin gezogen waren. Vermutlich beide Wurzeln im Iran. Beim Aussteigen er, wir sollten vielleicht in Kontakt bleiben, wollte meine Telefonnummer. Ich geoutet, dass ich ungern telefoniere, wollte ihm aber meine Mailadresse aufschreiben. Er wieder: nein, bitte Deine Nummer, nachsetzend, ihm ginge es nicht darum, mich zu belästigen, so Mann-Frau-mäßig. Ich wieder, dass ich einfach nicht gerne telefoniere, das so gut wie nie mache. Kritzelte meine Mailadresse und die von meiner Seite auf den Zettel. Wir verabschiedeten uns freundlich, einen schönen Abend wünschend.

11. Oktober 2025

Nicht zu vergessen: ich war am fünften Oktober bei der Ausstellungseröffnung von Nora Sturm in der Lankwitzer Ratswaage. Ein putziges historisches Bauwerk. Die Bilder passten so sehr, dass man dachte, die hingen immer hier. Ich mag Noras Sachen, sie ist eine virtuose Malerin. Die Ausstellung geht bis 9. November, hauptsächlich sonntags geöffnet, von 14 – 17 Uhr.

10. Oktober 2025

Vierter Oktober. So vielversprechend fing ein ganz trüber Tag an. 7.11 Uhr bis 7.16 Uhr. Ich musste mal, sah rosa Licht aus den halboffenen Augen, Fotos gemacht, zurück ins Bett geschlüpft und bis Mittag weitergeschlafen. War ja ein Samstag. Nur dunkle Wolken und Regen verpasst. Am späten Nachmittag beim Regenradar geguckt, wann mal eine Regenlücke ist. Zu Edeka in der Großen Hamburger, hat geklappt. Dort hab ich der Kassiererin eine Rückmeldung zum verkleinerten Sortiment im Weinregal gegeben, das mich nicht erfreut hat. Neue Filialleiterin kennt meinen Geschmack noch nicht. Dann kam der Schichtleiter, weil die Filialleiterin in Urlaub ist. Er hat sich ganz aufmerksam meine Wünsche angehört, was ich gerne wieder zurück im Sortiment hätte. Er will es weiterleiten. Die Idee war wohl, erst mal zu gucken, was wie läuft. Nur, wenn das, was bei mir und anderen „gut läuft“, gar nicht mehr im Regal steht, lässt sich daraus schwer etwas ablesen. Jedenfalls brauchen wir hier in der Ecke keine sechs Sorten Rotkäppchen halbtrocken. Das Regal war an der Stelle randvoll. Habe mitgeteilt, wo traditionell immer mal Lücken waren, weil schnell vergriffen. Sämtliche drei der weißen Crémantsorten wurden bevorzugt genommen. Rosé war immer übrig. Am besten lief der weiße Mon Mousseau. Hab ich auch am häufigsten gekauft. Man muss dem Fachpersonal auch unterstützend zuarbeiten. Habe dann zur einzigen vorrätigen, mir gesundheitlich verträglichen Alternative gegriffen, der Edeka-Eigenmarke Grand Plaisir. Kann man auch mal trinken. Gab nur noch drei Flaschen, habe nur zwei genommen, aus Rücksicht auf die Nachbarn. Das war das zweite Mal, das ich nachfragte, ob es eine neue Filialleitung gäbe, die Woche davor hatte mir das schon mal eine Kassiererin in etwa bestätigt, der ich mein kleines Einkaufsleid geklagt hatte und die solidarisch die Augen verdrehte.

Ich kam mir ein bisschen wie die Prinzessin auf der Erbse vor, Frau von Kampen sozusagen, aber die junge Frau hatte komplettes Verständnis. Aus mir kam der unsympathisch-elitäre Satz „Man muss sich doch auch ein bisschen darüber im Klaren sein, in welcher Ecke wir hier sind… ich meine – äh – das ist hier nicht – – – „ (hilflos um Worte ringend, keine politisch korrekten findend). Die junge Einzelhandelskauffrau mein Dilemma realisierend, sachlich ergänzend: „Neukölln.“. Ich (mit gesenkter Stimme): „Eben.“ Sie: „Ick weeß – ick versteh et ooch nich“. Sie empfahl mir dann am Tag Soundso gegen soundsoviel Uhr nochmal vorzusprechen, da sei die Filialleitung da, aber den Tag konnte ich mir nicht merken. Champagne Problems halt, aber veritable! Bin guter Hoffnung – die wollen doch Umsatz machen. In meinem Alter muss ich noch stärker als früher auf meine Gesundheit achten, ich darf nur alkoholische Getränke mit einer ganz bestimmten Qualität trinken.

09. Oktober 2025

Sich im Herbst einrichten. Teekannen kochen. Acht-Stunden-Teelichte bunkern. Es gibt auch weißen Hokkaido. Ist innen aber auch orange, schmeckt genauso. Kürbissuppe immer mit Ingwer. Fotos sind Beifang. Mal nicht Sylt. Kommen aber noch ein paar.

08. Oktober 2025

We were very tired, we were very merry, we had gone back and forth, all night on the ferry. It was bare and bright, and smelled like a stable. But we looked into a fire, we leaned across a table, we lay on a hill-top underneath the moon; and the whistles kept blowing, and the dawn came soon.

We were very tired, we were very merry, we had gone back and forth, all night on the ferry; and you ate an apple, and I ate a pear, from a dozen of each we had bought somewhere; and the sky went wan, and the wind came cold, and the sun rose dripping, a bucketful of gold.

We were very tired, we were very merry, we had gone back and forth, all night on the ferry. We hailed „Good morrow, mother!“ to a shawl-covered head, and bought a morning paper, which neither of us read; and she wept, „God bless you!“ for the apples and pears, and we gave her all our money, but our subway fares.

„Recuerdo“, A Few Figs from Thistles (1920), Edna St. Vincent Millay 1892 – 1950

07. Oktober 2025

Daumenkino. Gaga auf Sylt. Lustig finde ich immer, wenn manche nur so husch-husch querlesen/-gucken und den Eindruck gewinnen, ich befände mich mittlerweile die sechste Woche auf Sylt, vorzugsweise Kampen. Muss man sich natürlich leisten können! Ganz falsch ist es auch nicht. Ich lese immer noch Bücher über Sylt, von Syltern bzw., in denen Sylt kapitelweise vorkommt. Wenn ich die alle durch habe, bin ich qualifiziert, dort als Reiseleiterin tätig zu werden, ich kenne jetzt schon fast jede Anekdote und jeden Klatsch der vergangenen hundert Jahre. Unter den betreffenden Büchern waren ein- bis zwei echte Highlights, aber auch eine große Enttäuschung, alles Bestseller. Komme ich noch darauf zurück. Seit meiner körperlichen Rückkehr am ersten September war ich in Berlin nicht viel unterwegs. Ich trete etwas kürzer. Bin aber noch nicht auf Rente! Ich war beim Sommerfest vom LCB und bei vier Ausstellungseröffnungen, zweimal im Atelier, aber nix fabriziert, außer nebenher ein paar Fotos, sonst nur Sachen erledigt, u. a. vor Ort wegen Einbau neuer Rauchmelder, die ferngesteuert gewartet werden können. Mal echter Fortschritt!

06. Oktober 2025

Sonntag, 31. August 2025, 20.43 Uhr. Galgenfrist drei Stunden und siebzehn Minuten. Countdown. 197 Minuten bis zur nächsten Dekade. Mein Gott, ist das hier etwa der Galgen? Was steht da?

60?!? Ach ich hab ja meine Brille nicht auf. 16… Buhne 16. Ich werde ja schon hysterisch! Was hab ich denn geschrieben? Ah ja, hier: „Ein langer, langer Spaziergang am Spülsaum zurück Richtung Süden, Richtung Kampen. Buhne 16 auf dem Weg. Über viele Kilometer nur zwei besetzte Strandkörbe. Wer am Sonntag Abend noch auf Sylt ist, hat wohl um die Zeit eher Dinner im Sinn.“

06. Oktober 2025

Fortsetzung Sylt-Fotoroman. Am Tag darauf notiert: „Es war noch nicht komplett dunkel, man konnte noch eine Kolonie von Strandvögeln erkennen, die sich in Reihen sammelten. Spezies kann ich gerade nicht benennen.“ Auf den Bildern sieht es dämmrig aus, aber doch noch recht hell, gegenüber war die Sonne komplett ins Meer gesunken, der Himmel schon rosa verfärbt und viel dunkler. Gerade das Schlafverhalten von Möwen nachgelesen: „Der Schlaf beginnt, sobald es dunkel wird, und endet mit dem Sonnenaufgang. Die Vögel versammeln sich an ihren Schlafplätzen, die sich an Land befinden können, und bleiben dort die ganze Nacht.“ So viele Fotos habe ich gar nicht gemacht, ich meine im Vergleich mit vielen Smartphone-Fotografen, die ich beobachte. Ständig den Finger am Auslöser. Ganz verrückt finde ich dabei, dass die meisten meines Wissens gar nicht bloggen, aber Tausende von Fotos auf ihrem Gerät haben, die sie dann auch nur punktuell mal anderen zeigen. Das ist offenbar eine neue Herangehensweise, die ich nicht nachvollziehen kann. Ich mag es überhaupt nicht, wenn ich sehe, dass jemand unterwegs in der Natur ohne Unterlass sein Smartphone hält und darauf schaut, entweder um zu knipsen oder Messages oder womöglich Weltnachrichten zu lesen. Dafür muss man nicht nach Sylt fahren, kann man günstiger haben. Ich bin daheim, allein im stillen Kämmerlein, auch immer online, aber unterwegs in schöner Natur brauche ich das überhaupt nicht. In selbstgewählter Gesellschaft und im Restaurant ebenso wenig. Ich geißle nicht, mit Notebook im Café sitzen und arbeiten, schreiben, whatever, das ist mir durchaus nachvollziehbar und ja im Grunde ein Rendezvous mit sich selbst. Oder den Lesern, die man von dort schreibend beglückt. Ich gestatte hiermit alleine Bloggen, Kommentieren, Chatten, Messages Checken, SMSen, Onlinelektüre und Schriftstellern in darauf ausgerichteten Lokalitäten. Aber nicht während Essens- oder sonstwie-Verabredungen mit mir – egal wo: Genickschuss! Einzige gestattete Ausnahme ist naher Angehöriger auf Intensivstation auf der Kippe zu Schnappatmung auf dem Sterbebett oder Babysitter hat Herz-Infarkt oder Schlaganfall. Alles andere kann warten und ist eine Frage der Organisation! Und: der Prioritäten. Ich war ja auch schon in Situationen, wo es um letzte Dinge bei Angehörigen ging. Aber tagtäglich hat man das nicht.

05. Oktober 2025

Weil ich nur dieses Donnern wieder höre, dies Mahlen einer ungeheuren Mühle, weil ich nur diesen Flugsand wieder fühle und dieser Möwen Ruhe wieder störe! Du abendliche Klarheit dort im Westen, sei mir ein Bild von naher Tage Glück. Stille leg ich mich ins Dünengras zurück. Nicht wie i c h will, — wie E s will ist’s am besten. – Christian Morgenstern, Sylt, 1895

05. Oktober 2025

Ade, ade, de Summer geiht, Ade bet tokumm Jahr! De See, de brust; de Storm, de weiht – Nu ward dat Hart mi swar. Ich heff wul sungn en schöne Tied, den ganzen Summer hin. Nu reis ick fort…

Klaus Groth, z. Abschied, Die Wanderlerche singt, Sylt, 19.9.1892



05. Oktober 2025

Sylt. Deutschland, der äußerste Rand. Bis 1866 dänisch, nach dem dänisch-deutschen Krieg preußisch. Bis dahin gehörten Nord- und Südschleswig zum Königreich Dänemark. Die Zugehörigkeit von Südschleswig zu Deutschland wurde 1920 durch eine Volksabstimmung besiegelt. Nordschleswig ging wieder zurück an Dänemark. Kriegsgemetzel um Länderzugehörigkeit hat mich als Schulkind arg belastet. Herausgehobene Daten im Geschichtsunterricht, die Profilierung von Heeresführern hofieren.