Lieblingsplaylist im Zufallsmodus, Teil V. Wieder um 6.00 Uhr aufgestanden, wegen angekündigtem Austausch der Messgeräte, Wasserzähler. Für mein Gefühl hat sich durch die Fernablesetechnik das Aufkommen der Termine, die man von der Hausverwaltung bekommt, in keinster Weise reduziert. Ständig muss irgendeines der Ablesegeräte mit einem neu geeichten getauscht werden, dass das (gefühlt) genauso oft zu sein scheint, wie früher abgelesen wurde, liegt daran, dass nicht alle Geräte denselben Austauschrhythmus haben. Mich also empfangsbereit gemacht, Kaffee gekocht, dabei wieder die mir präsentierten Musiktitel notiert. Keine Musik mehr, während ich das tippe, sowieso immer, wenn ich schreibe, sonst werden meine Gedanken übertönt. Keinerlei Geräusche hören zu müssen, ist auch oft sehr angenehm. Bin in der Hinsicht auch empfindlich. Wenn jemand an dem Drucker, der ca. zwanzig Meter von meinem Schreibtisch entfernt in einem anderen Raum ist, einen größeren Druckauftrag anwirft, muss ich meine Tür zumachen. Aber jetzt wieder zur Musik von heute Morgen. Die Service-Mitarbeiter waren inzwischen da und haben leider Gottes nur eines von fünf Ablesegeräten getauscht. Weil die anderen einen anderen Eich-Rhythmus haben. Jedes einen individuellen. Genug davon. Folgende Perlen wurden vorhin von meinem Gerät in der notierten Reihenfolge gespielt:
Offenbach; Netrebko, Garanča – Barcarolle (Hofmanns Erz.) Don Potter – Children of Sanchez Franz Schubert; Hüseyin Sermet – Fantasie in F moll, Opus 103 Silbermond – Genau so B. Bacharach; Jackie Deshannon – What the World needs now Elvis Presley – Can’t Help Falling in Love With You Franz Schubert, Ludwig Rellstab; Richard Tauber – Ständchen Françoise Hardy – Tous les garçons et les filles Doris Day – Falling in Love Again Campino & Birgit Minichmayr – Auflösen Lou Reed – Modern Dance Tems – Me & U Glen Campbell – Witchita Lineman Jack Johnson – I Shall be Released Charles Trenet – La Mèr Lady Gaga & Bradley Cooper – Shallow Hildegard Knef – Für mich soll’s… Blossom Dearie – Someone To Watch Over Me Glen Campbell – Yesterday, When I Was Young Glen Campbell – Gentle On My Mind Lou Reed – Berlin Selig – Neuanfang Diana Krall – I’ve Grown Accustomed To His Face Pink Floyd – Wish You Were Here Cousteau – The Last Good Day Of The Year Leonard Cohen – Famous Blue Raincoat Richard Tauber – Schäferlied Manfred Krug – Komm und spiel mit mir Gilbert O’Sullivan – Clair Glen Campbell – Rhinestone Cowboy Sammy Davis Jr. – The Party’s Over Chet Baker – My Funny Valentine Burt Bacharach; Carpenters – Close To You Hildegard Knef – This Girl’s In Love With You Michael Bublé – Everything Everly Brothers – All I Have To Do Is Dream
Besonders empfehlend hinweisen möchte ich meine Leser/innen auf die nicht zur musikalischen Allgemeinbildung gehörenden Stücke „Auflösen“ von Campino und Birgit Minichmayr (mit den anderen Werken von Campinos Band kann ich Nullkommanichts anfangen) und „Neuanfang“ von Selig. Eine Nummer in der Liste hat glaube ich ein nicht so langes Verbleiben, die jüngst hinzugekommene aus der Ecke Afro-Pop, die da heißt „Me & U“ von einer Sängerin namens Tems. Das Stück hat mich total gecatcht, als ich es sehr basslastig beim Runtergehen zur U-Bahn aus einem Späti hörte, daraufhin recherchiert. Habe ich aber glaube ich bald wieder über. Was mich selbst sehr wundert, wie es ein Lied von Michael Bublé in meine heiligen vier Wände schaffen konnte. Mit seinen Werken kann ich genauso wenig anfangen wie mit dem Zeug der Toten Hosen, aber seinen Song „Everything“ muss ich mal in einem bestimmten Moment als angenehm empfunden haben, war vermutlich Hintergrundmusik bei einem Film. Denn aus freien Stücken hätte ich von ihm nichts angehört. Alles von ihm, wo ich reingehört habe, ist mir zu glatt und zu süßlich, kitschig irgendwie. Ich habe zwar eine offensichtlich sehr mainstreamige Auswahl in meiner Lieblingsplaylist, aber auch beim Mainstream habe ich knallharte Anforderungen. Im Übrigen sind auf meiner alten Festplattenanlage auch noch ca. 4000 – 5000 andere Songs gespeichert, da ist auch einiges Sperrige darunter.
Lieblingsplaylist, Teil vier. Nach dem Heimkommen ein wenig Musik gehört. Später Filme geguckt, jetzt noch ein bißchen meine liebsten Youtuber. Bei den nachfolgenden Liedern habe ich zu keinem Anekdoten oder besondere Geschichten in petto. Außer, dass ich speziell auf die Aufnahme hinweisen möchte, wo Vivi Bach „Der Boy von Ipanema“ singt. Entzückend, werde ich nie von der Liste schubsen. Ich war immer Riesenfan von Vivi Bach, schon als kleines Kind. Immer hat sie so liebreizend gelächelt, wie echt! Außerdem ist noch das Lied interessant, das Maria Schuster mit der Gruppe „Schön Blond“ singt, es heißt „Alles“ und wurde von Jan-Christof Scheibe komponiert und getextet. Gefällt mir sehr. Leider nicht online zu finden. Müsste man die alte Platte aus den Neunziger Jahren dafür kaufen. Hab ich gemacht, vor Jahren.
Schubert, Rellstab; Angela Gheorgiu – Ständchen Melody Gardot – Love me Like a River Does (live) Roxy Music – Don’t Stop The Dance Rolling Stones – Wild Horses (Studio) Al Bowlly – Close your Eyes (1933) Rudy Bennett – How can We Hang on to a Dream? Vivi Bach – Der Boy von Ipanema Françoise Hardy – Comment te dire Adieu Rolling Stones – Play with Fire Benjamin Biolay – Rose Kennedy Bing Crosby – I Surrender Dear Schön Blond feat. Maria Schuster – Alles Beatles – And I Love Her Benjamin Biolay & Chiara Mastroianni – Folle de toi Epidemic Sounds – Piano Glen Campbell – If You Go Away Frank Sinatra – I’ve Got You Under My Skin Paul Anka – Put Your Head on My Shoulder
Lieblingsplaylist, dritter Teil. Heute früh von meinem Abspielgerät präsentiert, Einmal dachte ich fast, bei „Autumn Leaves“, das sei schon die erste Wiederholung, aber gestern gabs den Song von Eva Cassidy, heute von Paula Cole. Eine echte Wiederholung war aber heute Julio Iglesias mit seinem Caruso-Lied. Das kam gestern und hatte mich nicht mehr so gefesselt. Als es heute kam, dachte ich schon, es sei ein anderes Lied von ihm, weils mir heute so ausgesprochen gut gefiel. Ist also nicht auf der Abschussliste. Aber auch nicht hier nochmal aufgeschrieben. Es kommt auch sehr auf die eigene Tages- oder Abendform an, wie sehr man ein Lied mag. Mein neuer Liebling Blake Shelton ist wieder mit von der Partie, mit „My Eyes“, abermals im Duett mit einer Frau, die zufällig auch noch Gwen heißt. Aber nicht seine Gwen Stefani, eine Gwen Sebastian. Ob er mit der auch was hatte, weiß ich nicht. Aber dass er mit dieser Stimme von vielen Damen begehrt wird, ist kein Geheimnis. Und dazu diese zuverlässige Ausstrahlung. Schon sehr anziehend.
Dalida & Alain Delon – Paroles, Paroles Dionne Warwick – Theme from Valley of The Dolls Melody Gardot – Love me like a River does (Studio) Velvet Underground & Nico – Femme Fatale Blake Shelton & Gwen Sebastian – My Eyes Barbra Streisand – Between Yesterday and Tomorrow Paula Cole – Autumn Leaves Beatles – In my Life Billie Eilish – Idontwannabeyouanymore Joanne Shenandoah – Prophecy Song Udo Jürgens – Un air sur mon piano (was ich Dir sagen will) (live, Frankreich 1968) Quicksilver Messenger Service – Gone again Dalida – Am Tag als der Regen kam Simply Red – Holding Back The Years Lady Antebellum – Need You Now Etta James – At Last Gustavo Santolalla – Amelia Desert Morning Louis Armstrong & Ella Fitzgerald – Stars Fell on Alabama Dinah Washington – What a Difference a Day Makes
[ Foto: vom September 2021, Deko Filmpremiere „Galileo“ Monbijou Theater Berlin ]
Es wird musikalisch! Ich teile, was mir meine Lieblingsplaylist heute zwischen 6.00 – 9.15 Uhr per Zufallsmodus vorgespielt hat. Diese Playlist ist auf meiner schon etwas betagten Festplattenanlage aus dem Hause Denon und hat die Eigentümlichkeit, dass ich maximal 256 Songs darauf packen kann, was dazu führt, dass ich diese Liste über Jahre immer wieder update und ausmisten muss, wenn was Neues dazu soll. Aber eine Reihe Songs schafft es jedes mal wieder in den Recall. Das sind die 52, die ich heute früh gehört habe, die mir den Morgen verschönt haben, bis ich das Haus verließ. Unterwegs höre ich keine Musik mehr, habe ich früher gemacht. Selten stehe ich freiwillig schon um 6.00 Uhr auf, aber heute bin ich so früh erwacht, da gestern rechtschaffen müde sehr früh zu Bett. Es ist schon sehr viel alte Musik, die mir da ans Herz gewachsen ist. Und selbst die Neuzugänge hören sich an, als wären sie alte Klassiker. Neu sind nämlich beim letzten Update drei Lieder dazugekommen, die Blake Shelton mit seiner Liebsten Gwen Stefani aufgenommen hat. Ich liebe die Songs von den Beiden total, meine neueste Entdeckung. Bin schon auch ein bißchen Country Girl. Vielleicht ist in der Liste von heute früh das eine oder andere Lied, das Euch nichts sagt, könnt ihr mal googeln und vielleicht gefällt es Euch ja. Die meisten Songs kennt aber wahrscheinlich jeder. Vielleicht mache ich das heute Abend auch noch mal oder morgen früh. Vorhin habe ich beim Hören und nebenher aufschreiben schon ein Lied entdeckt, das auf die Abschussliste kommt, für’s nächste Update. Vonda Shepard muss mit ihrem etwas weinerlichen „Vincent“ (aka Starry Starry Night) dran glauben. Sorry, Vonda, warst ja ne ganze Weile auf der Playlist, hast Deine Bühne gehabt, nix für ungut! Die hier nicht aufgeführten, anderen 204 Songs sind auch sehr, sehr toll. Das Ergebnis meiner neunundfünfzigjährigen Expertise in Sachen Musikhören! Mich täte interessieren, welche Titel Euch davon unbekannt sind. Ich könnte mir z. B. vorstellen, dass kaum jemand weiß, dass die Schauspielerin Keira Knightly dieses hübsche Lied „Coming up Roses“ aufgenommen hat. War wohl für einen Film. Ich rippe auch mal gerne von youtube, so auch geschehen mit der Live-Performance 2024 von Joni Mitchell & Friends von Elton Johns Song „I’m Still Standin“. Auch als Video ganz großes Kino.
Bruce Springsteen – I’m on Fire Bernard Fowler, Tim Ries – Wild Horses (live ZigZag Club) Nat King Cole – No me platiques João Gilberto – ho ba la la Keira Knightly – Coming up Roses Los Lobos – Sabor a mi Neil Young – What did you do to my life? Eric Clapton – Layla (live MTV unplugged) Doris Day – Daydreamin’ Burt Bacharach, B.J. Thomas – Raindrops keep fallin on my head Ed Sheeran – Shape of You Vonda Shepard – Vincent (starry starry night) Rolling Stones – Gimme Shelter Rolling Stones – Paint it Black Blake Shelton & Gwen Stefani – Happy Anywhere (live acoustic) Nancy Sinatra & Lee Hazlewood – Summerwine Jesse & The Dandelions – Bluebird Rod Stewart – Windy Town Audrey Hepburn – Moonriver Neil Young – Hey Babe Them – It’s all over now Rosanne Cash – Girl from the North Country Sade – Sweetest Taboo Blake Shelton & Gwen Stefani – Happy Anywhere (Studio) Glen Campbell – By the Time I get to Phoenix Nicole Croisille & Pierre Barouh – Un Homme et une Femme Julio Iglesias – Caruso – Ti voglio bene assai Dick Haymes & Al Lerner – Any Time at all Gustavo Santolalla – Morning Pray Eagles – Seven Bridges (live) Billie Holiday – How Deep ist the Ocean? Tom Waits – Blue Valentines Caterina Valente – Les Moulins de mon Cœur (live) Tom Waits – Kentucky Avenue Lou Reed – Love makes you feel (…ten foot tall) Bill Withers – Ain’t no Sunshine Gregor Meyle – Sunday Lover (Guano Apes Cover, ‘Sing m. Song’) Cosmic/Georg/Poetryclub – Schwesterbraut Marty Robbins – Love is Blue Nat King Cole – suas maos Nat King Cole – True Love is a Many Splendored Thing Manfred Krug – Morgen Chris Norman & Suzi Quatro – Stumblin in Blake Shelton & Gwen Stefani – Nobody but you (live acoustic) David Crosby – Rusty & Blue (live) Aretha Franklin – Say a little Prayer Ace – How long has this been going on? Julie London – Fly me to the Moon Joni Mitchell & Friends Brandi Carlile, Annie Lennox – I’m Still Standin’ (live 2024, Elton John Tribute Concert) Aretha Franklin – Natural Woman Benjamin Biolay & Chiara Mastroianni – Les lendemains qui chantent Danny Dziuk & Antoine Villoutreix – Tempelhofer Feld
[ Fotos: Villa Ernst Fuchs, „Großer Salon“, Wien-Hütteldorf 2014 ]
Abendstunde, Fortsetzung Lieblingsplaylist im Zufallsmodus, Teil II.
Delibes; Netrebko, Garanča – Duo des Fleurs (Lakmé) Händel; Elin Manahan Thomas – Eternal Source of Light CPR; David Crosby – Rusty and Blue (Studio) Benjamin Biolay & Chiara Mastroianni – Holland Spring Michael Jary; Rudi Schuricke – Komm zurück (j’attendrai), 1939 Chris & Morgane Stapleton – Tennessee Whiskey (live) Julio Iglesias & Dalida – La Vie en Rose (live) George Benson – Ode to a Kudu Manfred Krug & Uschi Brüning – Auserwählt Deva Premal Miten – Gayatri Mantra Hoagy Carmichael – Stardust, 1927 Lüül & Band – Solarboot Song Luiz Bonfa; Elizete Cardoso – Manhã de Carnaval (Orfeu Negro) André Heller – Lied an eine Schauspielerin Red Hot Chili Peppers – Hey Neil Young – Cowgirl in The Sand Fink – Perfect Darkness Grace Jones – Breakdown Jasmin Tabatabai – La Chanson d’Hélène Eva Cassidy – Autumn Leaves Ella Fitzgerald – I Love Paris Kelly Clarkson – I Can’t Make You Love Me The Jayhawks – Two Hearts MWNN, feat. Duke Meyer – Es kann auch Liebe sein, 1983 Lou Reed – Ride Into The Sun Lotte & Max Giesinger – Auf das, was da noch kommt Hildegard Knef – In der Stille der Nacht
Und damit gute Nacht.
[ Foto vom Februar 2019 vor einem Schaukasten im Deutschen Historischen Museum, DHM, Abt. 1946 – 1994, Zeughaus Berlin ]
Zu später Stunde heimgekommen. Zwischen dem Konzert im Speakeazy und diesen beiden Aufnahmen lag noch ein Intermezzo in der ältesten Kneipe am Chamissoplatz, dem „Heidelberger Krug“. Dort ließ ich meine Kamera eingepackt. Wir fanden zu fünft einen runden Tisch im hinteren Bereich. Dass wir so weit von Schöneberg entfernt ein Lokal aufsuchten, war dem Hinweis zuzuschreiben, dass man sich anschließend dort träfe, weil man das immer so halte. Eine nette Raucherkneipe, die zu später Stunde sogar noch zwei Buletten und ein paar Wiener Würstchen im Angebot hatte. Die Musikertruppe ließ auf sich warten. Wir hatten schon alles verzehrt, dann kamen sie und setzten sich an einen weit von unserem entfernten Tisch. Ich hätte spontan die uns nächsten beiden freien Tische zu unserem geschoben, damit das alles einen Sinn und irgendein Gemeinschaftsgefühl ergibt, aber habe es bei dem dreimal vorgebrachten Vorschlag, der nicht erhört wurde, belassen. Wenn ich nicht so eingeklemmt an der Wand zwischen Saskia und Fabian gewesen wäre, hätte ich einfach kurzerhand die Tische gerückt, eine Sache von dreißig Sekunden. Manche sind halt nicht so zupackend. Ich wollte auch nicht chefmäßig übergriffig werden, aber gelungen fand ich das nicht, dass sich das Wiedersehen von ca. zwölf, gut miteinander bekannten Personen so räumlich auseinanderdividiert. Wir hatten dennoch unser Vergnügen, aber es hatte sehr wenig mit einem gemeinsamen Umtrunk in großer Runde zu tun. Erst als es gegen ca. zwei an den Aufbruch ging, zumindest an unserem Tisch, ergab sich beim zwangsläufigen Vorbeigehen an dem anderen Tisch auf der anderen Seite des Raumes beim „nur eben mal Tschüs sagen“ noch der eine oder andere kurze Palaver. Aber so eine Minute Geplänkel zwischen Tür und Angel ist auch nicht so das Wahre, hatte ich keine Lust darauf, bettschwer wie ich dann schon war. War aber dennoch insgesamt ein gelungener Abend. Saskia hat an unserem Fünfer-Tisch mit Jenny und Fabian und Gerhard so lustig erzählt, dafür hätte sie Eintritt verlangen können. Danny Dziuk und André Herzberg hatten sich auch noch zwei Stühle zu unserem Tisch gezogen, und führten ihr im Speakeazy begonnenes, sehr intensives Gespräch fort. Ich dachte bei den beiden immer wieder an Waldorf und Statler aus der Muppet Show. Was eindeutig als Kompliment zu verstehen ist. Dies war also meine – wie immer – höchst subjektive Berichterstattung zum Abend, in skandinavischer Offenheit, wie mir unlängst attestiert wurde. Fand ich amüsant. Ich denke, dass ich mit einer sich anbahnenden Migräne-Attacke kämpfte, hat niemand gemerkt, hab mich gut zusammengerissen und Saskia zuliebe sogar eine geraucht, obwohl ich gar keinen Appetit auf eine Zigarette hatte. Ich staune selbst, wie munter ich auf den Bildern gucke. Es gab ja doch viele schöne Begegnungen.
Immer wieder Wiedersehensfreude an diesem Abend im Speakeazy. Während der Release-Show von Karl saß die wunderbare Melli vor mir. Eine virtuose Rock-Gitarristin mit mehr als einem Bandprojekt, auf dem Foto mit dem Grüppchen rechts. Sie erzählte mir amüsiert, dass sie meine Einträge über meine Reise zur griechischen Insel Spetsai verfolgt hat, was mich total freute. Sie verstand sofort, dass man nach so vielen Jahren auch mal ein bißchen mehr erzählen kann, gerade wenn es um amouröse Verwicklungen geht. Außerdem auf diesen Bildern Jenny und Saskia und Gerhard, alle der Schauspiel- Gesangs- und/oder Songwriter-Zunft zugehörig. Wir waren locker verabredet, uns alle bei Karls Release-Konzert einzufinden. Aber auch Saskia hatte einige der freundschaftlich verbundenen Musikerinnen und Musiker lange nicht gesehen, teilweise seit 2019 nicht mehr, wie Heike Becker, Karls Bassistin. Bei mir wars oft noch länger. Aber kaum eine der Musikerinnen schien gealtert. Teilweise sahen sie besser aus als je zuvor. Ich glaube, ich nehme da ganz stark die facettenreichere und deshalb noch schönere Ausstrahlung wahr.
Unterm Baldachin der Bar stecken die Songwriter-Urgesteine Danny Dziuk und André Herzberg die Köpfe zusammen. Beide langjährige musikalische Weggefährten von Karl Neukauf. Man hat zusammen Songs geschrieben, produziert und geht gemeinsam auf Tourneen. Danny raucht Eine. Das ist zwar eigentlich eine Nichtraucher-Bar, aber zur Feier des Tages kann man schon mal ein, zwei kleine Ausnahmen gestatten und das Fenster ein bißchen aufmachen. Unter Musikern gibt es noch recht viele Raucher, stelle ich fest, mehr als in anderen Berufsgruppen, scheint mir. Der akkurat rund geföhnte Rockabilly-Pony dieses weiblichen Gasts faszinierte mich total. Immer, wenn ich sie sah.
Drei Reihen vor mir sah ich Saskia mit ihrem Begleiter. Sie hatte mich darauf gebracht, mir das Konzert anzusehen, nachdem sie erwähnte, dass sie in das Album Karleidoskop reinhören konnte. Es kommt am 1.11. in den Handel. Das Konzert begann mit „Paternoster“ einem Song eines früheren Albums, das ich gut kenne. „Papperlapapp„. Ich folgte Karls Erklärungen, worum es in dem von Danny Dziuk erdachten Text geht und verstand kein Wort, obwohl er deutsch sprach. Das ist doch ein Liebeslied, so hab ich es immer gehört, wo, an welcher Stelle soll da ein Mord oder die Gräueltat stattfinden, das Geschehen, das die Bezeichnung „Mörderballade“ rechtfertigt? Die Melodie war leicht abgewandelt. Vielleicht dachte ich zu lange über all das und meine Verwirrung nach. Es kamen weitere Songs, die ich zum Teil von früher kannte, oder online mal gehört hatte, aber ich konnte bis auf drei Songs nicht entziffern, welche noch zu den der neuen Platte gehörten. Was mir ausgezeichnet, ja am besten gefiel, war das ukrainische Volkslied, dem er stellenweise deutsche Verse gegeben hatte. Sehr starke Instrumentierung, klasse Arrangement, auch mit den Frauenstimmen. Live waren es die von Perkussionistin Ilka Posin und Franziska Günther, die neben Tobias Hillig auch äußerst kraftvoll perkussiv ihre akustische Gitarre spielte. Heike Becker sorgte am Bass für ein starkes Fundament. Arrangements wie diese sind die absolute Stärke von Karl. Außerdem bekam ich einen regelrechten Ohrwurm von einem anderen Song mit eindeutiger Zuordnung neues Album, namens „Geist von Helsinki“. Den kann man jetzt schon hören, hier.
Gestern war ich in einer mir neuen Berliner Location, dem „Speakeazy“ in Schöneberg. Flott kommt man mit der S-Bahn hin, in meinem Fall von der S-Bahn-Halte Oranienburger Str. bis Yorckstraße, von da ist es ein Fußweg von zwei Minuten, sofern man den richtigen Ausgang erwischt hat. Meine Erwartung war anhand des Bildmaterials der Location eine völlig andere. Auf der Seite vom Speakeazy wirkt der Bühnenraum wie ein steriler Schuhkarton. So können Abbildungen verfremden. Es ist eher wie ein kleines Theater mit Platz für ca. hundert Gäste und die Beleuchtung war ausgesprochen intim. Es gefiel mir viel besser als auf den Fotos. Kurz vor der Eingangstür stieß ich auf Jenny und Fabian und wir gingen zu dritt hinein, zum zweiten Hinterhof. Im Obergeschoss saß jemand am Fenster und rauchte, an der Silhouette mit der Schiebermütze erkannte Jenny sogleich, dass es sich um Karl Neukauf handelt, den sie recht gut kennt, da er ihre erste Schallplatte mitproduziert hat. Sie rief nach oben, es gab ein Hallo, ich sagte: „Ich bin die Tochter!“ (um auch was zu sagen). Der im Fenster rauchende Musiker wurde nun von uns unten auf der Bühne erwartet, da er seine neue Schallplatte „Karleidoskop“ präsentierte, und zwar in Begleitung einer Band. Wir fanden noch drei Plätze, direkt vorm Mischpult, es war richtig voll. Zur Location gehört eine kleine Bar, wo ich schnell noch Getränke holte, dann konnte es losgehen. Ich war ganz gespannt, da ich Karl mit seinen Chansons seit mehr als sieben Jahren nicht mehr live gehört hatte.
Mehr Beifang. Der rasende Kultur-Reporter Martin Lejeune bei der Arbeit. Hier fängt er den Kunstflaneur Klaus-Peter Metzke im Gespräch mit Fotograf Jan Sobottka sowie meiner Wenigkeit vor der Kommunalen Galerie Berlin mit seiner laufenden Kamera ein.
Beifang vom 22. September. Unterer Ausstellungsbereich der Kommunalen Galerie, Tür mit schöner Grafik „Atelier“ und der DJ und die DJane, die zur Eröffnung der Siebziger-Jahre-Ausstellung alte Vinylplatten aus der Zeit auflegten. U. a. K-TEL-Compilations, Langspielplatten mit den größten Hits der Ära. Dafür wurde auch immer im Fernsehen Reklame gemacht. Für uns Halbwüchsige war es sehr attraktiv, K-TEL-Sampler zu besitzen, es waren alle Top Forty-Hits eines Jahres darauf vertreten. Mir war ein bißchen nach Tanzen, den anderen Ausstellungsbesuchern nicht. Es wurde von einigen sogar als störend laut und unnötig befunden, dass Musik da unten aufgelegt wurde, gleich im Eingangsbereich, beim Getränketresen. Die Hauptausstellung war oben, da kriegte man das gar nicht so mit. Mich hats nicht gestört, bin dafür empfänglich.
Letzte dunkle Bilder der geselligen Zusammenkunft am dritten Oktober im Terzo Mono. Zuerst wurde gelesen, nämlich „Fug und Unfug – sofort, unverzüglich.” Auf der Bühne Hermann Treusch, Regisseur und ehemaliger Intendant der Berliner Volksbühne, der an diesem Tag auch seinen 87. Geburtstag feierte, und Manfred Giesler, Künstler, Kunstaktivist und Autor, sowie Lydia Gebel, ebenfalls Autorin, die launig Heiner Müllers „Herzstück“ vortrug. Hernach am runden Tisch im Terzo Mondo.
Vor sechsundsechzig Jahren notierte meine Mama Karin in ihr Backfisch-Tagebuch: „Mittwoch, 26.3.58 (…) Ein Autogramm bekam ich von Lilo Pulver.“ Lilo Pulver, geboren am 11. Oktober 1929, war damals achtundzwanzig, Mama bald fünfzehn. Es könnte eine der beiden Autogrammkarten gewesen sein, die ich mir gerade zusammengegoogelt habe. So sah Lilo Pulver in den Fünfzigern aus. Heute ist ihr Geburtstag, nämlich der 95. Viele liebe Grüße nach Bern aus Berlin! Sie lebt ja noch, in ihrer Geburtstadt Bern, in einem feinen Seniorenheim. Zufällig erwähnte ich Lilo heute in einem Kommentar bei Mitteschnitte Saskia, ohne zu wissen, dass Lilos Geburtstag ist, nämlich wie folgt:
„(…) Zuguterletzt möchte ich noch Lilo Pulver, diesen Publikumsliebling der Fünfziger zitieren. Sie sagte einmal in einem späten Interview, dass es, um als Schauspieler/in erfolgreich zu sein, weniger darauf ankommt, perfekt zu spielen, sondern vielmehr, etwas auszustrahlen, was das Publikum interessiert. Dass man einen Menschen einfach gerne sieht, jemandem gerne zusieht, Freude dabei empfindet. Das ist dann eben die Sache mit dem Charisma, die sich nicht lernen lässt.“
Dazu Saskia: „(…) Und Lilo Pulver – herzlichen Glückwunsch zum heutigen 95. Geburtstag! – hat absolut recht. Ich finde es übrigens bewundernswert, dass sie nach dieser langen Karriere voller Höhen und Tiefen und nach privaten Schicksalsschlägen nie ihren Humor und ihre positive Lebenseinstellung verloren hat!“
Und ich: „Oh…. Lilo hat heute Geburtstag, so ein schöner Zufall….! War mir vorhin bei der Erwähnung gar nicht bewusst…!💋🎀 Ich empfehle zur Feier des Tages Allen einen ihrer schönsten Filme: „Die Zürcher Verlobung“ von Käutner (der auch Regie bei Monpti führte!) („full movie“ 🙂)
Am gestrigen neunten Oktober zweitausendvierundzwanzig habe ich mir einen schlanken Fuß gemacht. Anstatt einer wortreichen Befindlichkeitserläuterung oder eines Erlebnisberichts, gestattete ich mir lediglich zu vermerken: „Ich fühle mich heute nicht inspiriert.“ Ich war gestern aber nicht nur nicht inspiriert, sondern auch bequem und habe gegen meine sonstigen Gewohnheiten, nicht den gebloggten Text nach facebook gecopypastet, sondern nur den Link zum Blogeintrag. So stand der Link da ein paar Stunden. Am nächsten Tag, also heute Vormittag, bekam ich eine Message von facebook mit der Information, dass der Beitrag entfernt wurde, da er gegen die Community-Richtlinien verstößt. Es sei der Eindruck entstanden, ich wollte mit meinem Posting Aufmerksamkeit generieren. Oder die Aufmerksamkeit auf mich lenken. Ich musste herzlich lachen! Natürlich will ich mit meinem Geposte Tag für Tag Aufmerksamkeit generieren und auf mich lenken, was denn sonst? Sehr ulkig. Somit wäre wieder ein Blogeintrag fertig, mit dem ich Aufmerksamkeit generieren und auf mich lenken möchte. Bitte lass mir die kleine Freude, facebook 💋
Es gibt kein Getränk, das mich ähnlich zuverlässig bettschwer wie Rotwein macht. Dagegen ist Bad Heilbrunner „Anti-Stress-Tee“ ein Witz. Immer eine gute Empfehlung, wenn man nächstentags früh raus muss. Also beides. Zum Glück habe ich kein Problem mit Alkohol (Keith Richards: „Ich hab kein Problem mit Drogen, nur mit der Polizei.“). Ob ich noch eine zweite Flasche aufmache? Die leere hatte ich bereits gestern Nacht halb geleert. Das war das Begleitgetränk zu einer überaus launigen Konversation mit Saskia, die ich mit Nähkästchenplaudereien unterhielt. Natürlich alles streng geheim. Wobei: inwiefern ist das „Brief“-Geheimnis eigentlich relevant, wenn der Schreiber vorgibt, eine andere Person, zudem anderen Geschlechts zu sein? Das scheint mir doch stark an eine Grauzone zu schrammen. Meine lebhafte Phantasie geht angesichts solcher Begebenheiten auch in Richtung Potenzial für eine öffentliche Lesung. Das ist schon so viele Jahre her, aber ich habe gestern Nacht mehr darüber gelacht als damals (und das war schon nicht wenig). Und dann könnte man die pikante Lesung noch mit meinen Tinder-Konversationen anreichern, ausbauen, unterfüttern. Die sind auch von sehr spezieller Qualität. Man könnte sagen, die Güte beruht auf dem Gefälle der Eloquenz zwischen den herbeigewischten Kandidaten und meiner, zumal ich gemeinerweise im Vorteil war, dass ich tinder auf dem Notebook und damit eine handelsübliche Tastatur unter den Fingern hatte. Account gelöscht, alles gespeichert :-)
Keine artige Kulturberichterstattung, trotz hochkultivierter, sehr angenehmer Gesellschaft, am 3. Oktober im Terzo. Zwei schöne Aufnahmen von Bernward Reul, auf dem einen Manfred Eichel, auf dem anderen meine Wenigkeit und im Hintergrund der musizierende Chef vom Terzo Mondo. Das dritte Bild ist von mir und zeigt den Fotografen Bernward. Wir saßen alle am selben runden Tisch und hatten sehr schöne Gespräche. Mit Manfred hatte ich eine ganz intensive Unterhaltung, die gut zweieinhalb Stunden ging. Er weiß jetzt wohl mehr über mich, als manche meiner Leser. Leider ist er weder bei facebook noch sonstwie social media-mäßig unterwegs. Vielleicht hat er sich meinen Namen gemerkt und findet diesen Blogeintrag. Immerhin war er beim Abschied der Überzeugung, dass wir heiraten sollten, was er mit einem Handkuss besiegelte. Da wäre es schon nicht verkehrt, den Namen der Verlobten zu behalten. Was für ein Charmeur. Ich will mit sechsundachtzig auch noch im Terzo sitzen und trinken und hochkultiviert mit knapp dreißig Jahre jüngeren Männern flirten.
Nicht Haare auf den Zähnen, sondern Zähne auf den Ketten. Nicht unbedingt, was ich beabsichtigte, aber auch interessant, die stacheligen Perlenketten von Ina Weisse und Evelyn Sommerhoff.
Mein Gewerkel der vergangenen Dekade, seit 2015. Ca. 300 Exponate, Tafelbilder, Skulpturen, nicht chronologisch, nach Farbwelten, (noch) nicht ganz vollständig abfotografiert, Und hier gesammelt, chronologisch en detail dokumentiert. Meine älteren, ca. 220 Werke, vor 2015, sind nicht in dem Album, sondern dort.
HYDRA für LYDIA. „Souvenirs Souvenirs…“ Vorvorgestern zwei Mitbringsel aus Griechenland von Lydia (auf ihren Wunsch) mit Blattgold veredelt und ihr vorgestern zurückgegeben. Zufällig einen kleinen Messingring für den kleinen Stein und eine größenmäßig genau passende Schachtel gefunden und bekritzelt und noch zwei Bändchen dazu gepackt. Ich freue mich immer, wenn sich meine Materialvorräte aus meiner Werkstatt so sinnvoll reduzieren. Hab ja von allem so viel. Bändchen, Metallteile usw. usf. Wieder was weg!
Mister Spock hätte wohl nonchalant attestiert: „faszinierend!“. In unaufmerksamen Augenblicken führt meine Kamera ein Eigenleben und überrascht mich mit Motiven wie diesem. Portrait eines Schriftstellers, dessen Werk (u. a.) das Spiel mit verschobenen Realitäten auszeichnet: Alban Nikolai Herbst.
Hallo aus Ostberlin! Hier spricht die personifizierte Wiedervereinigung. Ich bin im Westen geboren und wohne seit 25 Jahren im Ostteil von Berlin. Mein Freundes- und Kollegenkreis besteht Fifty Fifty aus Wessies und Ossies. Als Kind habe ich mitgeholfen, Westpakete für die Familie in Ostberlin mit Jacobs Kaffee, Milka Schokolade und Nylonstrumpfhosen zu packen. Als Teenie in Bayern hatte ich den ausrangierten, großen ersten Schwarzweißfernseher der Familie mit Holzgehäuse für mein Zimmer unterm Dach. Daran war eine Antenne, die ich so lange ausrichtete, bis ich DDR-Fernsehen empfangen konnte. Da kamen nämlich Spielfilmreihen wie alle Filme von Ingmar Bergman oder alle Filme mit Romy Schneider (außer Sissi, die kamen ja immer zu Weihnachten im Westfernsehen). Ich fahre fast täglich von der Ost- in die Westcity, meine beiden Lebensmittelpunkte. Ich fühle mich komplett wiedervereinigt. Wenn ich auch bis heute Unterschiede zwischen dem Ost- und Westteil in Spuren erkennen kann. Mich interessieren Erinnerungen von Freunden an ihr Aufwachsen im Osten genauso, wie die von Freunden, die wie ich, im Westen groß geworden sind. Unterschiede sind interessant! Schönen Feiertag!
Das Literaturhaus Berlin feierte am 26. September 2024 in der Vagantenbühne das neue Buch von Alban Nikolai Herbst, »Briefe nach Triest«, soeben erschienen im Arco Verlag. Das rege Gespräch mit dem Autor führte Hendrik Jackson, gleichfalls Schriftsteller. Die umfassende Aufzeichnung ist hier verfügbar.
Picasso II. heißt Michael Schulze *1952, Künstler, Fotos 2024.
Pablo Diego José Francisco de Paula Juan Nepomuceno María de los Remedios Cipriano de la Santísima Trinidad Riz Picasso, aka Pablo Ruiz Picasso 1881-1973, Künstler. Fotos 1953, Vallauris.
NOW AND THEN. Herbst 2024, Herbst 1967. Siebenundfünfzig Sommer später. Neunundfünfzig und zwei Jahre alt. Ich kann mich noch an den Stoff von dem Wollcape erinnern, das ich als Kleinkind hatte. Die Farbe nicht mehr genau. Dunkelgrau? Aber den Stoff, ein Lodenstoff. Und ich glaube es war eine Zickzack-Litze irgendwo dran. Vielleicht dunkelgrün. Überhaupt erinnere ich mich immer wieder an Kleiderstoffe und Stoffmuster aus meiner Kleinkindheit. Ein Paisley-Sommerkleidchen aus leichtem Baumwollstoff in Goldgelb- und Lila-Tönen. Und einen schwarz-weißen Kapuzen-Anorak mit kleinem Hahnentrittmuster und Reißverschluss. Sehr schick. Wenn ich den nochmal in einer Kiste finden würde, bräche ich bestimmt in Tränen aus. Da fällt mir eine Szene dazu ein. Mein Bruder und ich hatten von Mama eine riesige-Papp-Waschpulver-Trommel bekommen, in meiner Erinnerung fast so groß wie ein Ölfaß, in Wirklichkeit natürlich kleiner. Ich hatte genau den Anorak an, es war bestimmt Herbst, und wir ließen uns abwechselnd die Einfahrt darin herunterrollen. An seinen Anorak kann ich mich überhaupt nicht mehr erinnern.
Außerdem weiß ich noch genau, dass ich alle Strickjacken aus tiefstem Herzen hasste. Sie waren alle kratzig und irgendwie uncool. Aber Strickjacken anziehen war ein Muss. Eine für den Sommer war zitronengelb und hatte am Ende der Ärmel ein oder zwei Streifen in weiß und lila und alberne, goldene Knöpfe. Sie war aus Polyester oder einem anderen ekligen Garn gestrickt, nicht selbst, sondern gekauft und total kratzig. Selber gestrickte mochte ich genauso wenig, weil Wolle auch kratzig war. Ich habe noch heute eine totale Abneigung gegen Strickjacken mit Knöpfen. Unangenehm und hässlich! Genauso wie kratzige Wollstrumpfhosen mit zu kurzen Beinen, wo der Zwickel in der Mitte der Oberschenkel hängt, wenn man sie nicht dauernd nach oben zieht. Bäh! Eigentlich habe ich mich fast gar nicht verändert!
Lieblingsexponat, last but not least: Skulptur „Aufstrebend“, Edelstahlguß, 1969 von Volkmar Haase (1930 – 2012). Auch hier keine strikte Auswahl nach der Entstehung in den Siebzigern, aber vielleicht in der Dekade erworben. Wikipedia zu Volkmar Haase: „(…) Sein bildhauerisches Werk widmet sich ausschließlich der abstrakten Skulptur. In seinen Arbeiten befasste sich Haase, neben den grundlegenden Themen der abstrakten Kunst, insbesondere mit Themen der griechischen Mythologie wie z. B. Laokoon, Ikarus oder Skylla und Charybdis. Man kann seinen Skulpturen in Göttingen, Witten, Nürtingen, Bremerhaven, Hannover, Wolfsburg, Duisburg und anderswo begegnen. An Berliner Straßen und in Berliner Parks finden sich über 40 zum Teil monumentale Skulpturen. Museen wie das Museum of Modern Art in New York City oder das Wilhelm-Lehmbruck-Museum Duisburg haben Werke von Haase in ihrer Sammlung.“ Sehr beeindruckend.
Noch einmal zu Barbara Quandt. Hier ist ihr Bild in der Ausstellung, eine Lithographie nach einer Zeichnung zu sehen. Auf der Erklärtafel steht „Ohne Titel“. Sie erzählte mir, wie es zustande kam, was da genau zu sehen ist. Ihr Lebensgefährte zur damaligen Zeit, 1978, war ein Riesen-Fußballfan. Wenn ein Spiel im Fernsehen kam, musste geguckt werden. Sie langweilte sich bei Fußball und beschäftigte sich währenddessen damit, ihren Liebsten zu zeichnen. Sie wollte Zweisamkeit erleben, auch um dem Preis, einem langweiliges Fußballspiel beiwohnen zu müssen.
Mir gefällt der Humor, der aus dem Bild herausspringt. Aber so richtig repräsentativ für ihr malerisches Werk der Siebziger kommt es mir nicht vor, wenn ich an die bemalten Leinwände mit lebensgroßen, wilden Figuren mit Zottelmähnen und punkigen Lidstrichen denke. Es wurden (leider) nur Werke aus dem Galeriebestand gehängt. Vermutlich getragen von Kostenersparnis.
Bernward Reul im Gespräch mit Gernot Bubenik. Über ihn ist bei Wikipedia zu erfahren: „Gernot Bubenik (* 1942 in Troppau) ist ein bildender Künstler. Er ist tätig in der Malerei, Siebdruck und Radierung, Objekte zum Thema Kunst und Wissenschaft. (…) 1967 erhielt er den Deutschen Kritikerpreis und 1968 den Preis der Grafik-Biennale Tokio. Seine Werke aus den 60er bis 70er Jahren befinden sich in hochangesehenen Sammlungen wie z. B. die des Museums of Modern Art, New York. (…) Gernot Bubenik war maßgeblich an der Gründung der Künstlersozialkasse beteiligt.“
Der für die Eröffnung engagierte Fotograf Piotr Bialoglowicz steht vor einem von drei charakteristischen Pflanzen-Bildern Bubeniks.
Auch eine schöne Begegnung so nah am Fehrbelliner Platz: der Maler Hans Stein und sein Bild vom Fehrbelliner Platz. In der Ausstellung ist noch mindestens eines, wenn nicht zwei weitere Gemälde von ihm, die mich sofort ansprachen. Was ich ihm mitteilte und was ihn sichtlich erheiterte. Wieder erfahre ich im Nachhinein dank Wikipedia bemerkenswerte Details zum Werk. Nämlich: „Hans Stein (*17. November 1935) …deutscher Maler u. Grafiker. Mit seinen zahlreichen Arbeiten zum Thema Berlin wird er oft als künstlerischer Chronist dieser Stadt bezeichnet. (…)“ Aha!
Druckgrafiken von 32 Künstlern. Solidaritätsaktion für den Berliner Karikaturisten Rainer Hachfeld
21. April–22. Mai 1972
Rainer Hachfeld ist wegen einer Karikatur von Franz-Josef Strauß in Prozesse verwickelt worden. Da ihm der finanzielle Ruin droht, haben sich 32 Künstler zusammengetan, um ihm zu helfen. Die Strauß-Mappe ist vor allen Dingen ein Akt der Solidarität, und zwar in zweifacher Hinsicht: erstens soll durch den Verkauf der Mappe Geld für die Prozeßkosten bereitgestellt werden, zweitens bestehen die beteiligten Künstler mit Hachfeld auf dem Recht, die antidemokratischen Tendenzen des Franz Josef Strauß darzustellen und zu interpretieren.
Pressestimmen
Rhein-Zeitung, 4.5.1972 (Jürgen Beckelmann) “Siebzigtausend Deutsche Mark soll der Berliner Karikaturist Rainer Hachfeld zahlen, weil er auf einem Plakat den CSU-Vorsitzenden so darstellte, dass dessen Arme und Beine ein Hakenkreuz bildeten. Strauß klagte, Hachfeld verlor, und um seine Prozesskosten decken zu helfen, schlossen sich 32 Künstler zusammen. Gemeinsam gaben sie ene Strauß-Mappe heraus, die seit einigen Tagen in Berlin und 15 westdeutschen Städten ausgestellt ist, so in München, Düsseldorf, Kiel, Tübingen und Göttingen. Die Grafikfolge, in 165 Exemplaren zum Preis von je 635 Mark aufgelegt, ist bereits restlos vergriffen. Quelle
Anmerkung: Anfang der Achtziger Jahre besuchte ich, anlässlich einer Wahlkampfrede von Franz-Josef Strauß auf dem Nürnberger Hauptmarkt, mit einer Freundin eine Gegenkundgebung unter dem Motto „Stoppt Strauß“ am selben Ort. Die dortige Wahlkampfrede Anno 1983 erinnert der damals sechzehnjährige heutige Ministerpräsident Markus Söder (CSU) als sein Initiationserlebnis, sein Idol FJS betreffend. Anschließend habe er sich ein Plakat mit dem Konterfei von Strauß besorgt und überm Bett von seinem Zimmer im Elternhaus aufgehängt, da er ihn cool fand. (Ich nicht;-))
Mehr Petrick. Wikipedia: „Wolfgang Petrick(* 12. Januar 1939 in Berlin) ist ein deutscher Maler, Grafiker und Bildhauer. Von 1975 bis 2007 war er Professor für Bildende Kunst an der Hochschule der Künste Berlin, inzwischen UdK. Wolfgang Petricks Werk spiegelt den in den 1960er Jahren erneuerten Kritischen Realismus und aktualisiert ihn mittels dystopischer Bildmotive und Installationen.“ Hier am 22.09.2024 vor einer seiner Radierungen.
Die Autorin Barbara Quandt. Ja, auch das. Als berufene Fachfrau in Sachen Autobiographien kann ich beurteilen, dass hier eine geborene Schriftstellerin ihre Erinnerungen festgehalten hat. Eine der kurzweiligeren Autobiographien in meiner umfangreichen Bibliothek dieses Genres. Ich habe keine einzige Seite gelangweilt überblättert. Wer Interesse hegt, ein wildes, hemmungsloses Künstlerleben einer echten Berliner Pflanze durch die Sechziger und Siebziger und Achtziger bis in die Gegenwart lesend zu begleiten, greifen Sie zu. Das Buch heißt „Tell me what is Art“ und ist 2016 im Kerber-Verlag erschienen. Es wird zwar als vergriffen ausgewiesen, aber ich habe es bei Amazon gefunden. Oder auch direkt über Kontakt zu Barbara Quandt noch erhältlich. In der Ausstellung ist es nicht verfügbar, ich hatte mein Exemplar eigens mitgebracht, da ich mir recht sicher war, dass sie käme. Es war eine ebenso schöne Begegnung wie beim ersten mal, letztes Jahr bei der Zeitgeister-Ausstellung, wir hatten gleich einen Draht!
Und immer für Fotos zu haben! DassBarbara Quandt keine Scheu vor der Kamera hat, konnte ich auch ihrer lesenswerten Autobiographie entnehmen, in der manche experimentelle und mitunter freizügige Fotos-Session in freier Wildbahn beschrieben wird. Nicht nur auf sicherem, vertrauten Terrain in Berlin, weltweit!
Keineswegs tot, sondern vollständig lebendig: die große, umtriebige Barbara Quandt, ebenfalls in der Ausstellung mit einem Bild vertreten und leibhaftig zur Eröffnung erschienen. Über sie ist eine Menge im Internet zu finden, Wikipedia weiß so einiges und eine eigene Seite hat sie auch. Ich vermisste in der Ausstellung wenigstens eines ihrer sinnlichen, farbexplosiven, großen Formate.
Zurück zur Ausstellung „Polyphonie„. Ich fotografierte die ausgestellten Werke von August Jäkel und Siegfried Kischko. Die Künstler habe ich nicht einfangen können. Sicher wären sie gerne gekommen. Aber sie sind tot. Schon 33 bzw. 34 Jahre. Der Wikipedia-Eintrag für Jäkel weiß gar nicht, dass er 1990 gestorben ist. Siegfried Kischko hat leider keinen, von ihm ist die Grafik „Galactus“. Eines der Werke, das meine frohen Erwartungen an die Ausstellung erfüllte. Es gibt nicht sehr viele Verweise zu ihm im Internet. U. a. wird auf der Wikipedia-Seite zur legendären ersten Berliner Produzenten- bzw. „Selbsthilfe“-Galerie „Großgörschen 35“ erwähnt, dass er dort 1966 eine Einzelausstellung hatte, aber mehr auch nicht. Die Galerie wurde vor sechzig Jahren von ambitionierten Künstlern in einer Schöneberger Fabriketage in Selbstverwaltung eröffnet. Sie hatten keine Lust darauf zu warten, dass sie eine etablierte Galerie als relevant erachtet und wurden tätig. Die Produzentengalerie bestand vier Jahre, bis 1968, und „hatte Modellcharakter“, wie es bei Wikipedia heißt. Das also ist unter einer Produzentengalerie zu verstehen – wer es nicht wusste.
Gestern beim Berlin Beat Club. Auszüge aus dem Mädels-Gruppenchat von vorher, kurz vorm Losgehen:
Gaga Wär schön, Doro, Lydia, wenn ihr früher im Ballhaus seid – ich schaffs nicht zu 19 Uhr, muss mich noch fertig machen, um 20 Uhr krieg ich hin…! Bitte Platz freihalten ❤
Lydia Okay, ich tapse gleich los. Ist ja ne Challenge für mich, wieviele Plätze halte ich denn etwa frei?
Doro Ich schaffs nicht bis 7, kurz danach hoffe ich aber. Braucht noch jemand ein Ticket? Hab eins über. Bis gleich!! Meine Freundinnen Barbara und Geli kommen auch schon um 7, ich hab denen auch unsren Tisch empfohlen!
Gaga ja, heb das Ticket für mich auf, Doro!
Doro Oh cool, mach ich! Ich fahre mit Geli und Barbara um 19:20 hier mit dem Rad los und bin dann kurz nach halb da … wer zuerst kommt, besetzt 5 Plätze!
Gaga Mega!
Lydia Ich bin jetzt da. In der Schlange, die sich langsam nach innen bewegt
Gaga Bin gerade am Wimperntuschen 💋💄👁
Lydia 7 Minuten zu spät, weil ich wie immer noch Geld holen musste 🙄
Gaga Na früher als wir alle!!! Jetzt nur noch anziehen!
Lydia Dennoch unten schon alle Tische dicht, ich bin oben an der Lampe 43. Ich persönlich finde es cool. Der Tisch hat vier Plätze. Ich probiere derweil bisschen mit dem Telefon rum.
Gaga Mega, stellen wir einen Stuhl dazu, du bist die Größte!!!!! Ach so oben… äh…. haha, da sind immer Tische frei, egal wann man kommt – aber okay! War unten auch kein kleiner frei? Oder zwei kleine?
Lydia Nee, keine Chance. Vor mir war eine so größere Gruppe und bis die endlich drin waren, alles weg.
Gaga Ich werde mich aber tendenziell eher unten aufhalten, oder halt die Treppe runterjagen, wenn geile Nummern anstehen – siehste, die Alten, die Rentner, die kriegens immer hin mit den Tischen – aber die müssen ja auch nicht mehr arbeiten! Aber letztlich: BESSER als ein Abend, wo wir die einzigen Besucher wären, weil keiner die olle Band hören will 🙂 ist halt Kult, unser Berlin Beat Club ❤ Immerhin kann ich jetzt zum Türsteher sagen: eine Dame am Ober-Tisch mit der Lampe Nr. 43 hat mein Ticket 🙂 Nichts Schlimmeres soll uns widerfahren!
Lydia Ja, ich kann es dir auch virtuell weiterreichen. Doro ist noch nicht da. Ich hoffe, ich übersehe sie nicht. Na, ich meinte doch, indem ich mit dem Handy runterkomme.
Gaga Mir alles recht – ich mach jetzt Schluß!
Doro Bin hier!
Lydia Drinnen? Ich bin oben. Am Tisch 43. Treppe hoch und dann rechts.
Gaga Ich geh jetzt los!!! Die Nummern stehen an den leuchtenden runden Lampen an den Tischen!!!
Doro Wir sitzen oben!
War wieder schön gewesen! Alleine schon, dass einen der Sänger danach persönlich fragt, ob man „the evening enjoyed“ hat, bürgt für die absolute Ausnahmequalität der Veranstaltung. Noch gibt es keine Berlin Beat Club-Anstecknadeln, aber ich bin auf jeden Fall Club-Mitglied und Fan, und zwar so lange es den Berlin Beat Club geben wird, was so Gott will, noch sehr lange sein wird. Ein weiblicher Gast hatte einen runden Geburtstag und es wurde wieder das Beatles-Geburtstagslied gesungen. Wir haben in unserem Damenkränzchen gerätselt, ob das Geburtstagskind eher fünfzig oder doch schon sechzig geworden sein könnte. Die Meinungen gingen auseinander! Ihre Moves beim Tanzen waren noch recht flüssig, daher tippte ich eher auf fünfzig. Aber kann mich irren. Sah vom Typ her auch aus wie jemand, der eine Yoga-Matte daheim hat, das hält glaube ich auch geschmeidig. Jünger Rüberkommen, hängt hauptsächlich von dynamischen, kraftvollen, locker und mühelos wirkenden Bewegungsabläufen und gerader Haltung ab, viel viel mehr noch, als von einem faltenfreien Gesicht.
Die Waschmaschine ist fertig. Gleich nehme ich das Kleid raus und hänge es auf. Das war gestern mein Berlin Beat Club-Outfit, eine Pucci-Kopie aus dem „Garderobe“-Laden in den Hackeschen Höfen. Einer hat so wild vor mir getanzt, dass er mit meinem Arm kollidierte, in dem ich mein Bierglas hielt, woraufhin mir der Inhalt ins Gesicht und komplett über meine Vorderseite schwappte. Ich nahms locker und tanzte weiter, wenn es sich auch ein bißchen unangenehm anfühlte. Dass Bier so klebrig ist, war mir vorher gar nicht bewusst. Ich roch wie eine alte Bahnhofsspelunke und kam recht bald unbehelligt heim, schön den Abstand zu anderen Personen wahrend. Ich wollte nicht wegen Geruchsbelästigung auffallen. Außerdem ist heute zu bemerken, dass der 92. Geburtstag meines Vaters wäre und der 90. von Brigitte Bardot ist.
Norbert Wiesneth, Assistent der Leitung und Kurator der Kommunalen Galerie Berlin sprach anlässlich der Ausstellungseröffnung von „Polyphonie“ und des fünfzigjährigen Jubiläums als einer von fünf oder sechs Rednern. Die goldenen Schuhe gehören Elke von der Lieth, der gegenwärtigen Leiterin der Kommunalen Galerie Berlin, auch sie hatte gesprochen. Das hier sind sehr konventionelle Aufnahmen, wie sie zumeist bei Ausstellungseröffnungen gemacht werden – und die mich – wir sind hier ja ganz unter uns – etwas langweilen. Wobei mich schon die Gruppe der ersten Reihen des Publikums interessierte, da viele der ausgestellten Künstler darunter waren. Der kundige Jan Sobottka,
im himmelblauen Hemd, links von einem Werk von Wolfgang Petrick, war mir hier – wie so oft – überaus hilfreich, wenn ich herauszufinden versuchte, ob der Autor eines Werkes, das mir besonders aufgefallen war, persönlich anwesend war. Barbara Quandt und Wolfgang Petrick waren mir vorher bekannt, beide waren gekommen. Jan konnte noch bei einigen anderen Künstlern seine umfangreichen Who-is-Who-Kenntnisse mit mir teilen, dafür bin ich ihm dankbar. In der Folge werde ich einige hier würdigen.
Polyphonie. Eine neue Ausstellung in der Kommunalen Galerie. Fünfzig Jahre gibt es die Galerie nah dem Fehrbelliner Platz. Zum Jubiläum werden Exponate aus dem Bestand der Sammlung der Galerie gezeigt, die im Jahrzehnt der Gründung, den Siebzigern, entstanden sind. Sechsundzwanzig Namen sind vertreten, die sich letzten Sonntag persönlich einfanden – sofern sie noch lebten. Ich hätte sie übers Mikrophon begrüßt und dann aufs Podium gebeten.
Farewell and Goodbye to Spetsai. στο καλό. Am Hafen wartet ein fliegender Delphin. Der blau-gelbe Flying Dolphin bringt mich zurück nach Athen. Wo sich die Begegnung mit Steven Adamopoulos, der aussah wie Helmut Newton, und seiner niederländischen Geliebten Judith Walboomers (die – wie ich soeben dank Internet entdeckte – eine erfolgreiche Bildhauerin wurde) abspielte, ist mir entfallen. Vielleicht leisteten sie mir angekommen in Piräus Gesellschaft, da ich noch Zeit hatte, bis ich zum Flughafen zu meinem Rückflug nach Berlin musste. Ich erinnere Bruchstücke, aber klar, dass wir sofort einen Draht hatten.
Steven, der vermutlich Stefanos hieß, war Athener und wirkte ungeheuer cool. Er kriegte es hin, in Gegenwart von Judith mit mir zu flirten, es schien sie zu amüsieren oder sie hatte sich daran gewöhnt, dass er gerne neue Kontakte knüpfte. Sicher spürte sie auch, dass ich lediglich die launige Konversation genoss, nicht mehr. Eigentlich wollte ich gerne die Akropolis aus der Nähe sehen, aber das war zeitlich nicht mehr drin. Ich glaube, ich fragte den Taxifahrer, ob er nicht einen Umweg fahren könnte, um wenigstens aus dem Taxi einen Blick darauf zu werfen. Die getauschten Adressen wurden in das Album geklebt, mehr ist nicht geschehen. In das zweite Album meiner unvergesslichen, ersten Griechenlandreise nach Spetsai, 1991, das ich hiermit schließe.
Letzter Strand vor der Rückreise. Noch nicht erzählt habe ich, dass es einmal eine Familienfeier gab, vielleicht ein Geburtstagsfest, in einem sehr schönen, größeren Restaurant am Hafen. Mit langen Tischen, fein eingedeckt mit weißen Tischtüchern. Die Gäste, besonders die weiblichen, waren gekleidet wie für eine schicke Party. Es gab bodenlange, eng anliegende weiße Stretchkleider mit Strass an Spaghettiträgern, großes, tiefschwarzes Augen-Make up, Smokey Eyes mit viel Eyeliner, sowie in die Haare geschobene Sonnenbrillen mit Gold-Emblemen. Und Handies, die hin und wieder lässig aus den Abendtäschchen geholt wurden. Ich hatte das bislang in Deutschland vergleichsweise selten gesehen, aber auf Spetsai hatten die jungen, gestylten Griechinnen und Griechen 1991 durchweg Mobiltelefone. Das war auch deshalb interessant zu beobachten, weil ich ja aus Deutschland kam, das man mit wegweisendem, gutem technischen Standard in der Bevölkerung verband. Ich staunte nicht schlecht. Es gab Spezialitäten vom Grill, frisch gefangenen Fisch, Meeresfrüchte, was das Herz begehrt.
Und natürlich griechischen Wein und Musik. Ich weiß aber nicht mehr, ob es live Musik war. Nur, dass bald am späteren Abend getanzt wurde, indem sich die ganze Gesellschaft im Kreis aufstellte und dann wurden mit viel Feuer gemeinsam traditionelle Tänze ausgeführt. Nicht nur Sirtaki, es gibt da noch andere. Ich wurde – weil ich ja an dem Abend zur Gesellschaft gehörte – auch aufgefordert mitzutanzen, obwohl ich zuerst zu schüchtern war, aber sie ließen nicht locker und dann war mir klar, nicht mitzumachen, wäre viel peinlicher, als sich ungeschickt zu bewegen. Dabei war es ganz einfach. Die Schritte wurden von allen synchron ausgeführt, wie von einem eingespielten Ballett, es war ganz spielerisch. Und dann gab es immer den Moment, wo einer aus dem Kreis in die Mitte trat und alleine tanzte, seine ganze Lebensfreude zeigte und die anderen feuerten an. Und dann war ich dran. Ein Glück, dass ich nicht nur von der Musik und dem gemeinsamen Tanzen berauscht war, sondern auch mehr Mut durch den Wein hatte, der in Strömen floss. Da fand ich mich plötzlich mitten im Kreis, um mich etwa dreissig strahlende und im Rhythmus klatschende Griechinnen und Griechen, die mir das Gefühl gaben, eine von ihnen zu sein. Der Solo-Tanz dauerte vielleicht drei oder fünf Minuten, dann wurde gejubelt und applaudiert und mir gratuliert und versichert, dass ich es sehr gut gemacht hätte. Es war so ein Fest. Nie mehr danach habe ich Ähnliches erlebt. Dass es diese Klischees, die man aus dem Alexis Sorbas-Film kennt, in der Wirklichkeit gibt, Gläser zu Bouzouki-Klängen juchzend vor Lebensfreude auf Steinböden geschmettert werden, absolut unvergesslich. Habe ich das wirklich erlebt? Ja…
Martin Lejeune hat mir heute auf dem Gehsteig vor der Kommunalen Galerie ein paar Fragen zu Jan Sobottka gestellt, welche ich sachgemäß beantwortet habe. Herr Metzke trat dann auch noch hinzu!
Letzte Tage auf Spetsai. Ich mache immer noch neue Bekanntschaften. Das geht so: ich spaziere alleine herum und werde neugierig, immer sehr freundlich und höflich und auch etwas ungläubig gefragt, ob ich ganz alleine unterwegs bin. Dann scheint sich so eine Art Reflex einzustellen, den Reiseleiter für mich spielen zu wollen. Ich bekomme Hinweise und Vorschläge, was ich mir noch angucken könnte und manchmal wird auch ein Lied oder zwei auf der Gitarre vorgespielt oder ein „Lift“ mit einer Vespa zu einer schönen Ecke angeboten. Bedrängt wurde ich nie. Aber ein bißchen geflirtet wurde schon, was mir auch gefiel. Diese spezielle griechische Variante mit sehr viel höflicher Zurückhhaltung, die einem deutlich die Entscheidung überlässt, in welche Richtung es geht. Meistens blieb es von meiner Seite aus bei launiger Konversation und so passierte auch nichts weiter, aber es lag was in der Luft, das war sehr angenehm. Wie ein bißchen beschwipst.
Der Troubadour hier mit der Gitarre hieß Jorgos und war der Inhaber eines kleinen Cafés irgendwo in der Nähe vom Strand Vrellos. Daß er so hieß, weiß ich, weil ich im Album neben die Fotos kritzelte „der andere Jorgos“. Demzufolge gab es noch einen weiteren Jorgos. Eventuell war das der Skipper, mit dem auch nichts lief, der mich aber dauerhaft schüchtern umgarnte und mir jede Menge Seemannsgarn zuteil werden ließ. Er hatte berufsbedingt diese Jet Set-Connection zu den Niarchos-Söhnen und war mal Skipper bei Caroline v. M. und hatte viel zu erzählen.
Ein besonderes Gute-Nacht-Lied. Von und für Leonard Cohen, der heute irgendwo da oben im Sternenhimmel über der Ägäis, ganz nah bei Hydra, neben Spetsai, seinen neunzigsten Geburtstag feiert. Das Video ist nach seinem Tod entstanden, gedreht auf Hydra, bei und in seinem Haus, in dem er von 1960 – 1967 lebte, und das heute seinem Sohn gehört. Kalinichta Leonard, καληνύχτα
I loved your face, I loved your hair Your T-shirts and your eveningwear As for the world, the job, the war I ditched them all to love you more
And now you’re gone, now you’re gone As if there ever was a you Who broke the heart and made it new Who’s moving on, who’s kidding who
I loved your moods, I love the way They threaten every single day Your beauty ruled me, though I knew It was more hormonal than the view
And now you’re gone, now you’re gone As if there ever was a you Queen of lilac, queen of blue Who’s moving on, who’s kidding who
I loved your face, I loved your hair Your T-shirts and your eveningwear As for the world, the job, the war I ditched them all to love you more
And now you’re gone, now you’re gone As if there ever was a you Who held me dying, pulled me through Who’s moving on, who’s kidding who
Angekommen am Strand von „Agii Anargyri„, wo sich Stavros gerne aufhielt. 31. Juli 1991. Ich komme beim Betrachten der Bilder der Aufklärung langsam näher, wer die Vespa gefahren hat. Nicht Stavros, sondern wahrscheinlich der Mann mit der John Lennon-Sonnenbrille. Im Album steht rechts vom Bild: „(mein ‚Freund‘ aus London mit dem französischen Vornamen oder so –, den ich vergessen habe.)“ Ich kann mich nur vage an die Begegnung erinnern, die vielleicht in Dapia stattgefunden hat. Der Brite, mit dem mir schon beim Anlegen des Albums nicht mehr erinnerbaren französischen Vornamen, war mit seinen beiden Best Buddies auf der Insel gelandet und sie hatten ganz spontan ein größeres Ferienhaus gemietet, in dem ich auch einen Nachmittag mit ihm verbracht hatte. Wir führten eine launige Konversation und vermutlich ergab sich daraus die Verabredung für einen Trip zum entfernten Strand von Agii Anargyri. Er scheint auf dem Foto am selben Strand zu sein, man erkennt die Liegestühle. Was für mich ungewohnt war, an einem Strand in einem Stuhl zu liegen, wo man noch dazu eine Art Eintritt zahlen musste. War mir völlig befremdlich, da ich einsame Buchten ohne Möblierung liebte.
Warum der Strand Stavros so gut gefiel, war mir schleierhaft. Viel zu voll und flach für meinen Geschmack. Ich mochte felsige Buchten. So blieb das auch mein einziger Besuch an diesem frequentierten Ort. Der kleine Flirt mit dem Briten ging hauptsächlich von ihm aus, ich ließ mich ein bißchen darauf ein, weil ich etwas enttäuscht war, nachdem Stavros mir eröffnet hatte, dass seine Freundin aus Athen am Wochenende zu erwarten wäre und er daher keine Nacht mehr mit mir verbringen könnte. So ergaben sich andere Kontakte. Möglicherweise sahen wir ihn sogar mit seiner Freundin an diesem Strand und er ließ nicht erkennen, dass wir uns kannten – aber das ist mir entfallen. Amüsiert mich gerade beim Schreiben, dass ich ungeniert amouröse Details dieser Reise offenbaren kann, weil sie so lange zurückliegen, quasi verjährt sind und mir heute banal vorkommen. Würde mir heute etwas Ähnliches widerfahren, wäre es mir trotz identischer Eckdaten peinlich, unverzüglich darüber zu berichten. Liegt wahrscheinlich daran, dass Dinge, die nicht abgeschlossen sind, in der eigenen Biographie noch nicht „historisch“, noch „atmen“.
Womöglich wäre der heutige runde Geburtstag von Sophia Loren an mir vorbeigerauscht, aber Saskia, die seit neulich im Blog „Mitteschnitte“ feine Kolumnen auf genau meiner Wellenlänge schreibt, hat daran gedacht. Reflexartig muss ich unter jedem ihrer Einträge kommentieren, es fällt mir halt immer was dazu ein. Am meisten amüsierten mich bislang ihre Betrachtungen unter der Überschrift „Lost in Communication – warum ich Sprachnachrichten nicht leiden kann.“ Wer länger keine erheiternde Lektüre gefunden hat – hier ist sie. Aber der heutige Freitag ist ganz und gar der unvergleichlichen Sophia gewidmet, ich kann mich Saskia nur abermals anschließen und aus vollem Herzen sagen „That’s Amore!“ So die Überschrift ihrer Kolumne anlässlich des Wiegenfests. Und natürlich musste ich abermals kommentieren:
„Kann man denn Sophia auch NICHT lieben? In meiner Küche hängen seit Ewigkeiten zwei Fotografien von ihr, die hier, schön gerahmt, für eine Lasagne-Werbung, und Sophia von hinten, am Fenster vom Hotel Carlton in Cannes (1955 v. Edward Quinn eingefangen). Auch wunderbar: wenn sie singt, besonders dieses Lied, das griechische „Ti ’ne afto pou to lene agapi“. Große Liebe“ 💋
Auf dem Weg zur Bucht und zum Strand von „Agii Anargyri“ auf der anderen Seite der Insel. Wie ich da hingekommen bin, und wer das Foto gemacht hat, weiß ich nur noch dunkel. Ich saß definitiv auf dem Sozius eines Motor-Rollers, die (damals, 1991) einzig gestatteten, motorisierten Fahrzeuge auf der Insel. Aber wer war der Fahrer? Der Skipper? Einer der Söhne? Stavros? Meine nächste Urlaubsbekanntschaft? Ich weiß es nicht mehr. Jedenfalls war der Grund, den Strand aufzusuchen, die Bemerkung von Stavros, dass es der schönste Strand sei, wo er am liebsten schwimmt, was mich neugierig gemacht hatte. Also das Foto von mir hat auf jeden Fall der Fahrer der Vespa gemacht, wer auch immer das war. Denn zu Fuß bin ich da ganz bestimmt nicht hin, viel zu weit. Ich erinnere den schönen Tag, den lauen Fahrtwind, die schönen Ausblicke auf die Küste und die Buchten, die leere Küstenstraße. Nur ganz selten kam eine andere Vespa entgegen.
Ich hatte den Eindruck, dass die Insel so wenigen bekannt ist, dass die überschaubaren Besucher selbst in der sommerlichen Hochsaison untergingen. Daran könnte sich wenig geändert haben. Bis heute ist mir seither niemand in Berlin begegnet, der die Insel jemals bereist oder auch nur ganz vage je von ihr gehört hätte.
Die Tage auf Spetsai fliegen dahin, aus Juli wird August. Nun kenne ich die Tavernen am Hafen von Dapia. Ein Skipper sitzt oft im Café, wo die Jachten ankern. Beflissen erzählt er mir alles, was er über die Insel weiß und macht mich mit anderen Gästen bekannt. Zum Beispiel mit dem lustigen älteren Kapitän mit dem blauen Shirt, der Spetsai zu seinem Ruhesitz erkoren hat. Wie viele Kapitäne im Ruhestand. Der Wohlstand der Insel beruht wohl auf einer langen Tradition des Schiffsbaus und so ein Kapitän ist gerne dort, wo besonders schöne Schiffe anlegen. Ich dachte, ich traue meinen Augen nicht. Das ist doch Burt Lancaster! Verkleidet als Kapitän! Ich habe es bis heute nie jemandem verraten, erst jetzt, dreiunddreißig Jahre später, daß er seine letzten Lebensjahre komplett inkongnito auf einer kleinen griechischen Insel verbrachte!
„Benommen. Etwas „benommen“. Nach was für einem Traum… 21. Juli 1991, Sonntag 23.53 h, Spetses. (Was war das eigentlich mit Stavros…?) Nach beinahe 5 Jahren schlafe ich sofort mit einem 51-jährigen, kleinen Griechen. Ruhig, Haarausfall am Hinterkopf wie S. G., schwarzes Haar. Der Barkeeper vom „Le Figaro“… Black Blue-Jeans, weißes T-Shirt von „Le Figaro“, schwere Gold-Uhr, graue u. schwarze Haare auf der Brust – sagte so angemessen „What?!“, so nachdrücklich – wunderbarer Moment… ganz wunderbar… und ich sage in diesem wunderbaren Augen-Blick „Moon is in Scorpio…“ Er schüttelt ernst den Kopf, als sei er anderer Meinung. Ich sage, „I know for sure“. Er behält mich im Auge, behielt ihn im Auge – eine Nacht lang – „I could sit here for the rest of my life and watch you… you make me feel good… Vorgestern, Freitag/Samstag, Sa/Sonntag, schon nicht mehr der Rede wert, wenn nur angenehme Gefühle zählten. Als hätte sich alles in mir auf diesen Traum vorbereitet….. Ganz abwesend war ich – was für ein klarer Traum…
Auf einem unserer schattigen Gänge begegnet mir G. Diesmal bleibt er stehen und mit seinem ernsten und eindringlichen Blick beginnt er mich zu überzeugen… Davon, daß wir unsere Hände von den Armen abtrennen müssen. Ich zögere nicht eine Sekunde, zu allem bereit lasse ich mir von ihm die Hände abschneiden, die er nimmt, mir seine dafür gibt. Nun habe ich seine Hände, die Nahtstellen, die Wunden sind in wenigen Minuten verheilt bis auf kleine Stellen, da seine Handgelenke etwas kräftiger sind und nicht haargenau auf meine passen. Es ist ein ernster, schöner Augenblick. Jetzt sind wir miteinander verbunden. Um sich für mein Entgegenkommen zu bedanken, lädt er mich zu sich ein, in seine neue Wohnung… ein „Einweihungsfest“ vielleicht. Ich betrachte meine neuen Hände, seine Männerhände, etwas gröber als meine, die nicht ganz zu mir passen, aber die ich liebe. Und er trägt meine Hände, kann sie immer sehen, muß sich damit berühren – Alles – Ich bin zu Hause, noch bei meinen Eltern, Andi ist da, wie immer, – ich suche eine Schallplatte in der Sammlung meines Vaters, er ist in der Nähe und ich hoffe, daß er nicht bemerkt, daß ich andere Hände habe, da mir keine Erklärung – für ihn – einleuchtend genug erscheint. Schallplatten von Andi sind dabei, von denen ich keine Ahnung hatte, daß er diese Musik hört – „Carmina Burana“. Mehrere Langspielplatten. Als ob er vor mir verbergen wollte, daß er sich zu so ernster und religiöser Musik hingezogen fühlt, – um mir keine Sorgen zu bereiten, über die Verfassung, in der er sich befindet. Unausweichlich. Eine Vorbereitung auf …seinen Tod. Um seine kleine Schwester – mich – zu schonen… Szenenwechsel. Nach Feierabend. Ich fahre mit I. Rohde in Fahrstuhl eines modernen, mehrstöckigen Wohnhauses, in dem sie seit einigen Monaten wohnt. Sie muß im 6. Stock raus. G. wohnt nun auch in dem Haus, auf derselben Etage oder im 9. – ja, im 9. Stockwerk. Seine Einladung ist an diesem Abend. Ich sage nicht, daß ich auf dem Weg zu ihm zu ihm bin. Mit einem amüsierten und warmen Blick läßt I. Rohde durchblicken, daß ihr schon lange klar ist, daß zwischen uns irgendetwas los ist. Sie sagt nur, als sie aussteigen muß, so etwas wie:
„…Na endlich – das hat aber auch lange genug gedauert mit euch!“ – Ich lächle verlegen und fahre weiter, steige aus und finde alles sehr modern. Am Klingelschild vor seiner Tür steht kein Name, sondern die Berufsbezeichnung „Liedermacher“… (?!) Mir ist klar, daß er damit seinen „wahren Beruf“ andeuten will. Er öffnet, ernst wie immer, bittet mich in die große, sehr technisch wirkende Wohnung. Sein Zimmer oder eines davon wirkt wie ein Tonstudio, unzählige Gitarren und andere Instrumente stehen in Glasregalen, auf mehreren Tischen befinden sich elektronische Vorrichtungen, Mischpulte etc. An einer Wand eine Grafik, eher geometrisch, blau, schwarz. Die Teppiche sind grau, alles wirkt teuer, „erlesen“. Ich staune über seine kostbare Wohnung. Freunde sitzen auf dem Boden, in schummriger Beleuchtung, viele Männer in seinem Alter etwa, auch die Frauen, Akademiker, „Szene-Typen“. Ich finde viele sympathisch, man spürt, wieviel Respekt sie ihm entgegenbringen. Ich empfinde es als unbeschreibliche Ehre, von ihm eingeladen worden zu sein, daß er mir einen Einblick in seinen privatesten Bereich gewährt. Er steht im Mittelpunkt ohne sich auffällig zu benehmen. Es wird klar, daß er in dieser großen Wohnung nicht alleine lebt, es gibt noch einen oder zwei männliche Mitbewohner. Ich stelle etwas überrascht fest, welchen wichtigen Platz sein Privatleben in seinem Leben einnimmt, wie wichtig für ihn diese Wohnung zu sein scheint, welchen Wert er auf die Auswahl seiner Einrichtung legt, wie penibel sauber und aufgeräumt alles ist, diese übertriebene Ordnung. Es gibt ein Zimmer, das die Funktion eines Weinkellers hat. Bis zur Decke, nach Jahrgängen sortiert, stapeln sich unzählige Flaschen, der teuersten Weine, die er sammelt. Ich frage mich verblüfft, ob er all sein Geld in die Finanzierung seines Einrichtungs-Ticks und seiner teuren Hobbies steckt + er sich dafür zuweilen finanziell übernimmt… Ich halte Ausschau nach seinem Bett und seinen Augen.“
Fußnote: Bei „G“ bzw. „S. G.“ handelte es sich um einen wesentlich älteren Mann, einen Dozenten, der mir immer wieder an meinem Arbeitsplatz über den Weg lief, und der gegen meinen Willen erotische Obsessionen bei mir auslöste, in meinem Kopf wohlgemerkt. Es gab niemals irgendeine tatsächliche Form der Annäherung, gesprochen wurde nur über professionelle Angelegenheiten und das höchst selten, da wir nicht direkt zusammenarbeiteten. Ab und zu ging ich in das sogenannte „Dozentenzimmer“, wo jeder, der Seminare abhielt, Unterlagen aufbewahren konnte oder die Pause verbrachte. Es gab nur obskure, eher ausweichende Blicke. Merkwürdig ist an dem Traum, dass es eine Art Rendezvous-Szenario war, und dass ich mich darin mit seinem Lebensstil beschäftigte. Die Anmerkung am Ende von wegen, dass er sich „finanziell übernimmt“ passt zu der Information, die ich hatte, dass sein Dozentenhonorar zuletzt gepfändet wurde. „Zuletzt“ bedeutet Anfang der Neunziger Jahre. Es könnte gut sein, dass er inzwischen nicht mehr lebt. Das Gleiche könnte auf Stavros zutreffen, den griechischen Barkeeper vom Figaro, mit dem ich mehrere Nächte verbrachte. Er war damals 51 (1940 geboren), ich knapp 26. Die Szene mit den abgeschnittenen, getauschten Händen finde ich recht bemerkenswert. Und auch den Teil mit den (phantasierten), vor mir verborgenen Schallplatten, der meinen Bruder betrifft. Geht tief.
Leider kann ich nicht erinnern, welches Buch ich 1991 eingepackt hatte. Vielleicht „Der Koloß von Maroussi“ von Henry Miller, um es nochmals zu lesen. Aber gut erkennbar ist der kleine Apparat mit der Antenne. Ein sogenannter „Weltempfänger“. Damit konnte man Radiostationen, die weit entfernt waren, empfangen. Vielleicht hatte ich bei Reiseantritt den Gedanken, dass ich internationale Nachrichten oder Musiksender empfangen wollte. Vor Ort stellte sich dann heraus, dass mir am besten die griechische Musik aus dem kleinen Radio gefiel. Ein Lied ist mir gut in Erinnerung geblieben, das oft gespielt wurde, ein Riesenhit in Griechenland, „Mi Milas“ von Dalaras, einem großen Star zu dieser Zeit. Es war so ein Ohrwurm, dass ich mir eine Kassette mit griechischen Hits gekauft hatte, wo es drauf war, um es in Berlin hören zu können.
Nach einem Essen am Hafen, es war Freitag, erzählte mir einer der Söhne der Gastgeberfamilie, dass es auf der anderen Seite des alten Hafens einen Nachtclub gibt, den er mir gerne zeigen würde, wenn ich das möchte, „Le Figaro“. Ich war überaus neugierig, erlebnishungrig und zu allem bereit. Ich hätte wohl auf eigene Faust nicht so schnell die Idee entwickelt, allein in einen Club zu gehen. Damals sprach man noch von Disco. Unglaublich, aber wahr. Beim Essen im Byzantino waren auch seine Eltern zugegen, sie fanden das auch eine gute Idee, dass er mir alles zeigt. So landeten wir nach einem kleinen Spaziergang durch den nächtlichen Hafen, an den Jachten vorbei, durch die dunkelblaue Sommernacht vor dem Eingangsbereich des Clubs, wo schon eine Schlange auf Einlass wartete. Er wurde familiär mit Handschlag begrüßt, stellte mich formvollendet dem Türsteher und dem Besitzer vor und wir wurden durchgewunken. Draußen, zwischen Palmen, war auch eine Bar, aber wir gingen hinein. Es wurde wild getanzt, schicke junge Griechen, oft weiß angezogen, feierten bis in den Morgen. Der in den Siebziger Jahren eröffnete Nachtclub kostete Eintritt, nicht wenig damals, umgerechnet 15 Mark, der teuereste Laden auf der Insel, aber ich sollte nie Eintritt zahlen. Legenden kursierten, wer dort mitunter feierte, Die Niarchos-Söhne waren Stammgäste, Caroline v. M. ankerte mehrfach im Figaro. Und ganz früher Jackie O. mit Ari. Oh là là, da war ich ja in einer für mich ganz ungewohnten Liga gelandet, aber fühlte mich warm aufgenommen. Das sollte nicht die letzte Nacht im Figaro bleiben.
Mit diesem filigranen Werk von Hans Scheib, der bei der gestrigen Eröffnung von „BLAUE LIPPEN“ in der Li Galerie leider nicht dabei sein konnte, schließe ich dieses kleine Album. Des weiteren in dieser Gruppenausstellung zu sehen (last but not least): Arbeiten von Inge H. Schmidt und Peter Lindenberg.
Vorgestern lustige Kunst, gestern lustvolle Kunst am Askanischen Platz 4 in der Li Galerie, in der Gruppenausstellung „Blaue Lippen“. Hier: großartige Arbeiten von Florian Flierl. Durchs Bild läuft Ina.
Gestern: lustige Kunst, lustige Jenny, lustige Ina & lustige Gaga…! Ort: die lustige Ausstellung der lustigen Catherine Lupis Thomas bei Beyond Reality. Hernach im Terzo Mondo. Auch lustig :-) (u. a.)
Gestriges Stelldichein beim Gallery Weekend. Es fanden sich bei Beyond Reality ein: Ina, Jenny und meine Wenigkeit. Die französische Fotografin und Street Art Künstlerin Catherine Lupis Thomas erfreute uns in ihrer Austellung „THE URBAN WANDERER“ mit ihren amüsanten Collagen und Montagen. Sehenswert, diese kleine, aber feine Galerie von Klaus Memmert in der Charlottenburger Schlüterstr. 70. Und live Musik gabs auch.
Spetses | Spetsai, 1991. Das war immer eines meiner Lieblingsbilder. Ich glaube, das Foto habe ich in Dapia geschossen, beim alten Hafen, wo auch meine Ferienwohnung war. Hatte ich vor dreißig Jahren als Abzug im Format 60 x 90 cm in meiner damaligen Wohnung in Schöneberg. Vielleicht sogar weiß gerahmt, ich glaube ja, aber genau weiß ich es nicht mehr, viel zu lange her.
Im Gedenken an Caterina Valente. 14. Januar 1931 – 9. September 2024. Von meinem Vater und meiner Mama sehr geliebt. In den Fünfzigern auch besonders die Duette mit ihrem Bruder Silvio Francesco (der bereits vor 24 Jahren starb), wie zum Beispiel „Sag mir Quando„. Ganz wunderbar. Ich habe auch Lieblingsaufnahmen von ihr. Vor allen anderen, ihre Interpretation von Michel Legrands „Les Moulins de mon cœur“. Hier eine Live-Aufnahme aus dem Pariser Olympia, wo sie am 25. Dezember 1972 mit Legrand ein Konzert gab. Und ihr Bruder Silvio Francesco spielte wunderbar Gitarre dazu. Addio, Caterina. Adiós & Adieu.
„Sonntag in Griechenland. Die blühende Insel Spetses mit der „clear air“ verursachte mir trotz Willenskraft-Kampf Atemnot zur Schlafenszeit. Meine Eindrücke sind noch nicht so ergiebig verdaut. Natürlich liebe ich alle Griechinnen und auch die Männer. Die Damen haben großes Talent, das wirk-lich Beste auch aus einem weniger eindeutigen Typ zu machen. Frisur, Make up, Haltung – nötigen wohlwollende Zustimmung ab! Anerkenndes Pfeifen! „Innerlich“ quasi…. Schönes Gelabere. Mein übliches Asthma-Ablenkungsmanöver. Ich muß mich halt erst einleben, „ein-atmen“…. Wie der Appartement-Besitzerin-Sohn oder Neffe erklärt hat: „The Cyclades… – the architecture – yes! – it is more striking – but – it’s too dry… it’s better here…. It’ better….”
Und die gigantischsten Bananen-Bäume, die das Auge je erblickt hat… Ein Blatt, das 2 Meter breit ist und um ein Vielfaches länger. Und wilder Wein und Pfirsiche, noch grün, und alle Kräuter und Bäume, viele Kiefern und hohe Gräser und Blüten, die der Insel ein Frühlingsgesicht geben – und das lauteste Grillen-Zirpen als immerwährendes Hintergrund-Geräusch. Schafe zwischen Panama-Gras beim Blick vom weiß-gekalkten – natürlich – Balkon. Der in Ermangelung einer Hanglage des Hauses, nicht vorhandene Meer-Blick (vom Reiseveranstalter übrigens in keiner Weise zugesagt), hat ein deutsches Paar mit Angeber-Attitüde zu einem hysterischen Anfall mit dem einfältigen und nutzlosen Refrain „But we want to see sea, we want to see sea, we want to see sea!“ hingerissen.
Womit sie sich für die Schublade der blöden Deutschen qualifiziert haben. „They make me ill….“ sagte die Lady aus Athen, „Tell me…. What shall we do about them…? Shall we tell them to go to Hydra?…?” Es gibt einen klassischen Athener. Onassis-Style. Tiefdunkle Sonnenbrillen, häufig Goldrand, Das gute 60er-Jahre-Design. Und beige und weiße Polo-Hemden zu beigen oder weißen Baumwollhosen mit Schlag… Dazu beige oder weiße Slipper. Reeder-Look. Und ein sinnlicher, herrischer Mund unter markanten Nasen. Und eine angemessene, goldene Uhr am angenehm-behaarten Handgelenk. Stolz. Sehr…. Der Steward auf dem „Flying Dolphin“ von Piräus nach Spetses…. In blütenweiße Baumwolle gewandet, die nacht-schwarze Brille (die braunen Oberarme…). Eigensinniger Gesichtsausdruck. Stolzer Grieche, gar nicht lächerlich, sondern jedem eingebildeten New Yorker an Coolness überlegen. Da weiß man, was man hat! (…Da wüßte „frau“, was „frau“ hätte…)“
Kleine Fußnote zu diesen in einer schlaflosen Nacht auf dieser blühenden Insel Spetsai entstandenen Notizen: ich hatte bis vor achtzehn Jahren, also bis 2006, seit meiner Kindheit jeweils in den Sommermonaten Juni, Juli und August nächtliche Asthma-Attacken, die mir allnächtlich bis Ende August ab drei Uhr nachts den Schlaf raubten. Ich konnte dann nur aufrecht sitzend einigermaßen atmen oder in seltsam gekrümmten Körperhaltungen und hatte immer entsprechende Aerosol-Sprays parat. Kann sein, dass ich 1991 noch kein Spray hatte. Seit 2006 ist dieses Leiden vollständig verschwunden, seit ich meine Ernährung umgestellt habe. Die Attacken wurden durch die Kombination meines überforderten Immunsystems provoziert, wenn gleichzeitig Blütenpollen flogen und ich mir Getreide einverleibte. Nur jeweils ein Aggressor von beiden konnte von meiner Immunsystem-Verteidigungs-Armee abgewehrt werden, beides gleichzeitig ließ mein Immunsystem kapitulieren. Seither vermeide ich Getreide beim Essen und habe seither keine Asthmaanfälle mehr. Ich habe mich also mit 25, als ich das schrieb, weniger gesund gefühlt als heute. Die Charité hat im Rahmen einer Studie festgestellt, dass sich mein Lungenvolumen seither von 70 auf 120 Prozent erhöht hat. Auch ab und zu eine zu rauchen, macht mir nichts aus. Alle Aerosol-Sprays gegen Asthma-Anfälle habe ich vor fünfzehn Jahren entsorgt. Dagegen ließ mich ein Aufenthalt 2004 in Wüstenregionen von Arizona aufatmen. Die extrem trockene Luft der vegetationsarmen Landschaft war überaus erholsam für mich.
Neunzehnhunderteinundneunzig hätte ich vielleicht noch als Postkartenfotografin durchstarten können. Aber heute… daher: hier und heute Gratis-Postkarten aus meiner analogen Kamera von Annoknips. Der junge Mann mit Besen stand vor dem Eingang vom „Byzantino“, das heute anders heißt. Das Restaurant gehört auch der Familie, die mein Apartment bewirtschaftete, dem Orloff-Clan. Und er ist einer der Söhne oder Neffen gewesen. Die sind alle in das Geschäft hineingewachsen. Heute haben sie daraus ein noch schickeres Resortgemacht, es ist das umgebaute, frühere Familienanwesen, wo auch mein Häuschen stand, und haben Studios auf Hydra. Das ehemalige Byzantino Restaurant trägt heute den Namen der Familie. Sieht alles sehr einladend aus. Die Geschäftsführer sind die Söhne der Familie, die mich damals in die Hotspots des Nachtlebens von Spetsai begleiteten. Gentlemenlike.
Die Reise im Juli 1991 nach Spetsai war meine erste Bekanntschaft mit Griechenland. Später, als ich auch andere griechische Inseln besucht hatte, konnte ich erkennen, was besonders an Spetsai war. Der Grieche im Berliner Reisebüro war so Feuer und Flamme, als er mir zu Spetsai riet, dass ich mich einen Moment fragte, ob es sein besonderes Verkaufsgeschick sein könnte, derart viel Enthusiasmus zu zeigen. Zum Geschäftsabschluss gab es einen Metaxa. Ich beschloss, ihm zu vertrauen und sogar ein bißchen zu glauben, dass er selbst am liebsten Urlaub auf Spetsai macht, wie er sagte. Da sich vor Ort alles als sehr vertrauenswürdig erwies und mich die Gastgeberfamilie wie eine ferne Nichte willkommen hieß, hatte sich mein Vertrauensvorschuss als richtig erwiesen. Wenn ich gegen Mittag mein kleines Ferienhäuschen verließ, um zum Strand zu kommen, musste ich einen längeren Weg durch den Garten gehen, vorbei an der Familienvilla, entlang einer Säulenallee über Kieselmosaike. Schöner hätte ich es mir nicht ausdenken können.
Gut in Athen gelandet! Mich gleich in ein Taxi geschmissen, ich kenne mich ja überhaupt nicht aus hier! Ich muss das Schnellboot kriegen. Das schicke kleine, blau-gelbe, das ist es. „Flying Dolphin“. Hat auch prima geklappt. Vorbei an Hydra, schon sind wir da, auf der Insel Spetsai. Mir ist die genaue Fahrzeit entfallen, aber heutzutage ist die Rede von 2 Std. und 5 Minuten. Kam mir kürzer vor, unter zwei Stunden. Die kleinen Flying Dolphins gibt es nicht mehr, wie ich gerade sehe. Am Hafen stehen adrette Einspänner-Pferdekutschen als Taxi, weil es keine Autos auf der Insel gibt.
Das war mir bekannt und sehr recht. Jetzt aber erst mal zu meinem kleinen Ferienhäuschen. Bin bestimmt hingelaufen, ist auch nicht weit vom Hafen entfernt. Hatte einen Plan aus Papier mit, den mir das griechische Reisebüro in der Kantstraße spendiert hatte. Der Inhaber hat mich auch überhaupt drauf gebracht, nach Spetses zu reisen. Ich wollte eigentlich nach Skorpios, aber der Onassis-Clan hat es mir leider nicht erlaubt. Aber anderen auch nicht. Da kam dem Herrn vom Reisebüro Ilios die Idee, dass Spetses für mich interessant sein könnte, ich hatte noch nie davon gehört und war interessiert, nachdem ich hübsche Bilder gesehen hatte und er mir die Geschichte erzählte, warum Spetses und die kleinere Insel Spetsopoula eine besondere Bedeutung für Stavros Niarchos hat, seit Onassis Skorpios gekauft hatte. Der Hahnenkampf der beiden Reeder-Titanen musste immer auf Augenhöhe bleiben. Als Onassis Anfang der Sechziger Jahre Skorpios erworben hatte, brauchte Niarchos dringend auch eine eigene schicke Insel. Daher kaufte er 1962 Spetsopoula, die kleine Insel vor Spetsai, um die High Society dorthin einzuladen und tolle Feste zu feiern. Da Spetsai mit seinem schönen Jachthafen ganz nah war, konnten dort die herrlichen Schiffe seiner vornehmen Gäste ankern und auch ein Fünf-Sterne-Hotel gab es auf Spetsai. Damals nicht selbstverständlich für eine nicht so sehr große griechische Insel.
Spetses war zudem seit langem ein beliebtes Feriendomizil für die wohlhabenderen Athener Familien, so auch für die Familie von Melina Mercouri. Ihr Vater war der Bürgermeister von Athen und so verbrachte die kleine Melina jeden Sommer ihrer Kindheit auf der Insel mit den vielen Pinien und lauschigen versteckten Buchten.
Bitte nicht erschrecken. Ich weiß, meine Leser/innen sind nicht gewohnt, dass ich verreise. Ich hoffe auch inständig, dass das Flugzeug nach Athen nicht abstürzt, weil ich als mittlerweile etwas ungeübte Passagierin drin sitze. Der British Airways-Flieger ist bereits gestartet – toi toi toi! Mein Ferienziel ist Spetses, eine Insel im Saronischen Golf. Wir schreiben den 13. Juli 1991. Von Athen muss ich weiter nach Piräus und von da mit dem Schnellboot nach Spetses, manchmal auch Spetsai genannt. Ja ja, 13. Juli 1991 – ich habe mich nicht vertippt! Nachdem ich immer wieder im sehr viel älteren Familienalbum geblättert habe, um anhand von Fotos, aber auch Briefen und Tagebucheinträgen dem Vorleben meiner Mama auf die Spur zu kommen (fast geschrieben „Schliche“…), kam mir nun in den Sinn, ich könnte ja auch einfach mal was von meinem Vorleben preisgeben. Also meinem Vorleben vor der Erfindung des Internets. Es ist immer noch Sommer, Urlaubszeit, hier in Berlin geradezu griechische Temperaturen. Da stünde es meinem Blog doch ganz gut, wenn ich auch mal ein paar Reise- und Urlaubsbilder präsentiere. Dass sie schon etwas älter sind, macht sie ja nicht schlechter. Zusätzlich – oder sogar ursächlich inspiriert hat mich die Konversation der vergangen Tage mit Lydia. Die weilt nämlich gerade auch im Saronischen Golf, auf der Nachbarinsel von Spetses, Hydra. Die Insel, wo Leonard Cohen viele Jahre verbracht hat und seine Initiation als Songwriter hatte. Wir tauschen uns täglich aus – und da kam mir in den Sinn, ich könnte ihr doch mal ein paar Bilder von früher aus dieser Ecke der Welt zeigen. Ich bin zwar nur an Hydra vorbei, aber auf Spetsai war ich dafür umso intensiver. Ich habe heute Nachmittag die beiden Fotoalben teilweise abfotografiert. Da fiel mir so manche Begegnung wieder ein, die mir völlig entfallen war. So, ich muss jetzt Schluß machen, wir landen gleich! Melde mich alsbald wieder.
Kämmerchen nach der Renovierung rekonstruiert. Mein gestriges Tagwerk im kühleren Altbau meiner Werkstatt, Jalousien runter, angenehmes Werkeln. Dabei einen schönen, großen, alten Fächer gefunden, reparaturbedürftig. Gleich repariert. Wieder daheim, weiter gewerkelt, den angeschlagenen Rahmen des gestickten Bildes meines Großvaters ausgebessert. Ich verbringe die sehr heißen Tage gerne in abgeschotteten Räumen und erledige dies und das. Wenn es in den Abendstunden kühler wird, geh ich vor die Tür, lass mir den schönen lauen Wind um die Nase wehen. Auf dem Weg zum Einkaufen, die Auguststraße entlang, später dann.
Als Karins kleine Familie zum ersten mal zu dritt mit dem kleinen Jungen Andreas und ihrem Hans Neujahr 1965 gefeiert hatte, kündigte sich wieder Nachwuchs an. Am ersten September war es so weit und ein kleines Mädchen kam auf die Welt. Karins zweites Kind wurde am zehnten Oktober 1965 auf Gabriele Anna Johanna getauft. Im kleinen Taufbüchlein stand der Spruch „Gott sei in dir als unsichtbare Kraft, als stille, innige Freude dein Leben lang.“ Karins Kinderwunsch, einen Jungen und ein Mädchen zu bekommen, hatte sich erfüllt. Sicher gab es auch recht viel Glückwunschpost von der Verwandtschaft zur Geburt vom zweiten Nachwuchs von Karin und Hans, aber die habe ich leider nicht da.
Stattdessen aber fand ich einen Brief von 1967, geschrieben von der Frau von Karins Onkel Gustav. Marie hieß sie glaube ich. Ich habe leider gar keine Erinnerung an sie. Für mich interessant, dass sie anhand von Fotos, die Karin wohl geschickt hatte, meinte, dass ich viel von Alma hätte („Ich meine, sie hat viel von Mutti“). Und dass ich Autofahren nicht vertrage. Das hat sich einigermaßen gelegt, aber als Kind wurde mir bei jeder Autofahrt zu Oma Alma schummrig und schlecht. Es musste immer wieder angehalten werden. Tut mir ja auch leid, aber ich konnte ja nichts daran ändern. Aber Dreirad fahren ging einwandfrei. Ich kann heute auch sehr gut als Beifahrerin vorne im Auto sitzen, ohne dass mir schlecht wird. Zu gern würde ich die Briefe von Alma anläßlich meiner Geburt studieren. Vielleicht sind sie noch in der einen Kiste.
„Nidda 13.5.67
Meine liebe Pate, Hans u. Kinderlein.
Schelte mich nicht, weil ich euch für die wunderschönen Bilder, die Ihr uns geschickt habt, nicht bedankt habe. Also vielen, vielen Dank. Ansehen tun wir die Bildchen öfter. Das kleine Mädelchen ist ja ebenso nett wie Euer goldiger Bub. So habt ihr ja ein liebes Pärchen und glaube, daß Euch dies wunschlos glücklich macht. Hast sicher auch viel Arbeit. Aber es ist doch auch schön, wenn man eine Oma u. einen Opa, und dazu eine lb. Tante im Hause hat. Die haben sicher viel Freude daran. Was treibt Ihr sonst immer? Vielleicht fahrt Ihr Pfingsten wieder zu Eurer Mutter. Es ist nur schade, daß die kl. Gabriele das Autofahren nicht verträgt. Vielleicht gibt sich das noch. Ich habe jetzt gerade die Bilder angesehen, ich meine, sie hat viel von Mutti. Warst Du nicht auch ein lieber Lausbub liebe Karin? Wie die Zeit vergeht, ich kann mir Andreas noch gut als Säugling vorstellen, der war ja so brav. Auf einmal ist er schon so groß. Nun ja, Du fragst auch nach Werner. In der letzten Zeit hatte er nichts wie Prüfungen. Er meinte, es wäre an der
Zeit, daß er einmal ausspannt. So ist er mit noch einem Studenten, der einen Volkswagen hat, auf Fahrt. Wir haben von ihm eine Karte erhalten, wo sie sich zwei Tage aufhalten wollen. Das Endziel soll Rumänien sein. Sie wollten ihre Fahrtroute nicht so ganz festlegen. Ebenfalls haben sie ein kleines Zelt mit. Wegen Freundinnen kann ich Dir nicht so Bescheid sagen. Er läßt sich nicht gern ausfragen. Ich tu es auch nicht. Er hofft, daß er längstens nächstes Frühjahr fertig ist. Wir selbst, uns geht es soweit ganz gut. Eher Sorge habe ich ja wegen Gustl. Er ist mit einer Leiter umgefallen. Bei gewissen Bewegungen tut ihm der Brustkorb weh. Vielleicht Prellungen. Es hätte bös ausfallen können. Tante Liddy hatte am 9. Mai ihren 86. Geburtstag, da kamen verschiedene Leute. Am 10. Mai auch noch. Durch das wird der Brief und die Pfingstkarte verspätet ankommen.
So muß ich gleich sagen, wir hoffen, daß Ihr die Pfingsten gut verbracht habt. Gelt Ihr seid deshalb nicht bös. Denken tun wir oft an Euch. Bleibt alle recht gesund und wohlauf und seid von ganzem Herzen gegrüßt von Deiner Pate, Gustl, Werner, Oma u. Tante Lidy. Grüße mir auch Oma Opa und Tante von uns.
Liebe Grüße u. Küßchen auch an Andreas u. Gabriele von Peter ***** 🐦⬛
Verlassenes Nest auf dem Atelierbalkon. Das nie geschlüpfte Ei Nummer zwei. Das erste Küken hab ich ganze zweimal gesehen, aber nicht fotografiert, obwohl es sehr hübsch war. Hatte die Kamera nicht dabei und Taubenküken ähneln sich auch sehr, wie die Eier. Nachdem ich es zwei, dreimal, angefangen beim Turteln über Legen, Brüten und Schlüpfen bis Füttern und flügge werden erlebt habe und auch fleißig fotografiert, muss ich es jetzt nicht mehr jedes Mal wieder festhalten. Aber ich freute und freue mich am Anblick. Die letzte Geburtstagspost, die ich an Mama schickte, die sie aber wohl erst am Montag oder Dienstag nach ihrem letzten Geburtstag am Sonntag, dem 30. Juni 2024 erhielt, war eine selbstgemachte Karte, in die ich Fotos legte. Ein neues von mir und vom letzten Taubenküken, kurz vor dem Wegfliegen. Und unterschrieb die Karte an Mama mit „Dein Küken“. Daran muss ich jetzt wohl für immer denken, wenn ich so ein Küken bei mir habe.
Am zehnten Mai 1964 hat Karin es geschafft und ihr erstes Kind zur Welt gebracht! Als ich vor vier Wochen in den einen Karton mit Alben und Briefen griff, ohne zu sortieren, erwischte ich zufällig eine Reihe von Glückwunsch-Mitteilungen zur Geburt ihres Kindes, meines großen Bruders. Von Alma natürlich, ihrer Mutter. Aber auch von Evi, der treuen Freundin, von ihrem Patenonkel Gustav und ihrer Tante Elise. Die Bilder mit dem Kleinen sind am 16. Dezember 1964 entstanden, da war er schon sieben Monate alt und Karin hatte sich gut erholt. Es gibt auch Bilder vom Neugeborenen, aber das Album habe ich leider noch nicht bei mir.
Die frischgebackene Oma Alma schreibt an Karin am 12. Mai 1964 (u. a.), sie weilt immer noch in Oberstdorf zur Kur:
„Oberstdorf am 12.5.
Meine liebe Karin & Hans als neugebackenes Elternpaar!
Grüße Euch von Herzen und freue mich, daß unser kleiner Andreas viel anständiger zur Welt kam, als seine junge Mutti es einmal tat. Im Telegramm habe ich bereits meine Wünsche übermittelt. Habe bei Frau Held eine Schale mit Kußröschen bestellt, die sind doch so niedlich wie so ein kleiner Erdenwurm. Wie hätte sich Vati gefreut und noch dazu ein Sohn. Gelt, lieber Hans du bist doch bestimmt stolz auf Deinen Sohn und Mutti. Noch dazu wenn das große Glück vor Gesundheit strahlt, wollen wir Gott bitten, daß wir auch in Zukunft nicht vergessen, daß es doch eine höhere Gewalt gibt, die alles zum besten lenkt. Ich habe es schon oft empfinden dürfen. Nun will ich Euch sagen, daß ich genau um 16.45 am Oberjoch in einer Kapelle war und immer an Karin dachte, sie möchte die Geburt leicht und gut überstehen. Und daß mein Gebet zur gleichen Minute erhört wurde, ist sonderbar. Hoffentlich kommen keine Komplikationen dazu. Geht es Euch beiden auch wirklich gut? Oder wollt Ihr mich nur nicht beängstigen. Wenn sich Karin stark genug fühlt, kann sie mir
mal schreiben. Besonders freut mich, daß er Andreas heißen soll. Man kann ihn dann, so Gott will, wieder André oder Andi rufen, als Vati klein war. (…) Mir ist ein großer Stein von meiner Brust genommen worden. (…) Ich dachte immer ich werde gut hinsehen, wenn das Kleine kommt, was für Züge es hat. Liebe Karin wo liegst Du denn im Krankenhaus? Kannst Du alles essen. Kannst Du auch stillen. Stell Dir vor, Du warst noch kleiner. Hast schon einen strammen Jungen mit diesem Gewicht, wie lang cm ist er? Vielleicht kommen wir zugleich nach hause. Ich gehe morgen hier Dauerwellen machen, denn zu hause habe ich dann keine Zeit mehr. Hans wird bestimmt stolz sein, daß als erstes gleich ein Sohn kam. Ich wurde ja hier, als Oma auch geehrt und eine Kerze angezündet und beiligende Karte mit Blumen auf meinem Platz. Nun konntest Du liebe Karin doch richtig Muttertag feiern und dazu ein Sonntagskind.
Nun grüße ich meinen kleinen Enkelsohn mit einem süßen Bussi sowie seine Eltern – Herzliche Grüße Oma Mutti Alma. & Tante Elise, die ja immer dabei sein muß bei solchen Situationen. Liebe Elise, hast mir manche Sorge und Herzklopfen abgenommen.“
Am 14. Mai 1964 schreibt Alma weiter:
„Oberstdorf 14.5.64
Meine liebe Karin und mein lieber kleiner Andreas!
Mit Freude & besten Dank habe ich heute Deine liebe Karte erhalten. Nun hast Du gekostet, wie es ist Mutti zu werden. Ich hatte keine Ruhe vor Neugierde und da gestern unsere Mütter in das Kino gehen durften, hab ich dafür nach 9 h abends angerufen. Ich konnte lange keine Verbindung bekommen, da die Leitung am Anfang zu sehr in Anspruch genommen wurde. Ich hatte nach langem Warten und laufen von einem Telefonhäusl zum anderen doch noch Erfolg. Hans hatte sich gerade schlafen gelegt und sagte mir, daß der kleine Faulpelz im Schlaf schon gelacht hat. Den ganzen Verlauf hat mir dann Tante Elise erzählt. (…) Ich habe ja so viel für Euch gebetet. Sogar auf die Minute Deiner Entbindung war ich in einer kleinen Kapelle. Vielleicht hat Dir doch der liebe Gott dabei geholfen. (…) Darfst Du Dein Kind bei Dir haben? (…)
Bist Du mit dem Essen zufrieden. Bekommst Du bestimmt auch Erholung. (…) Soeben habe ich Karten von Jetty & Trude bekommen. Trude hat geträumt, Du hättest etwas Kleines. Ich werde nun ein Kärtchen schreiben. Hans hat jetzt so viel zu tun und kann nicht an alles denken. (…) Liebe Karin Du kannst ja nur ein einfaches Pfingstfest feiern. Wir können nur immer wieder Gott bitten, dann gibt er uns auch die Kraft. Wir haben hier am Montag 18.00 gemeinsames Abendmahl. Wie gut, daß Du mit Tante auch noch machst. Ich werde Dir hier ein Gesangbuch mitbringen. (…) Bleibe schön gesund mit Deinem kleinen Andreas (…)
Viele Grüße & Küße Deine Mutti & Oma.“
Tante Elise, Schwester von Alma, die während der letzten Tage vor der Niederkunft zur Unterstützung von Karin und Hans zu Besuch gekommen war, schreibt ebenfalls am 14. Mai 1964:
„14.5.64
Meine Lieben!
Bin gut zuhause angekommen und hab nun allerhand zu tun. Mein Garten ist auch ziemlich vergrast, aber in ein paar Tagen ist das auch wieder gut. Heute habe ich erst Gurken und Bohnen gelegt. Nachmittag war ein ziemlich starkes Gewitter. Wie geht es Euch denn immer, seid Ihr alle gesund? Den kleinen Bubi möchte ich ja zu gerne wieder einmal sehn. Hat er sich denn immer noch gekratzt? Wie geht es Karin, darf sie morgen heim? Morgen kommt ja Alma auch nachhause, dann seid Ihr ja wieder vollzählig, es wird schon eine Umstellung werden. Hans möchte ich bitten, doch vom Kleinen ein Foto zu machen, damit ich auch eins bekomme und möchte mich auch für alles bedanken. (…) Nun haben wir das Pegulan Edith für ihre Küche gegeben und möchte für den Balkon nur Stragula, das
geb ich eben im Winter weg, wenn Ihr vielleicht einen Läufer habt 1 m bis 1,05 m breit (weil ja die Blumenkästen dort stehn) und 6m 60 cm lang, das könnt Ihr dann auch mitbringen. Als ich im Zug saß, ist mir eingefallen, daß ich in Karin ihr Bett kein frisches Bettuch gegeben habe, aber den letzten Tag war ich schon ganz aufgeregt. (…) Nun möchte ich wünschen, daß Ihr alle vier gesund bleibt, dann wird alles gut. Wie schaut denn der Rasen aus, kommen die Hundsviecher immer noch? Liebe Alma, wirst dann schon sehen, was Blumen sind und was Unkraut ist, nehme an, daß die Blumen schon aufgegangen sind, die Radieschen im Kasten sind auch schon zum essen. Gelt ein Geschmier hab ich durcheinander, aber ich muß es hinschreiben, wie es mir gerade einfällt.
Seid nun alle recht herzlich gegrüßt von Euerer Elise.“
Onkel Gustav, Almas Lieblingsbruder, meldet sich gleich zweimal bei seinem Patenkind Karin, einmal mit einer Postkarte am 14. Mai 1964:
„(…) Ausser dem freudigen Ereignis wünschen wir Euch auch zu Pfingsten alles Gute. Es war wirklich eine frohe Botschaft für Alle, nicht zuletzt für die junge Oma, welche auf Erholung ist. Dass es gerade zum Muttertag war, ist ja umso erfreulicher. Hauptsache jedoch ist, dass Ihr gesund seid. Brief folgt zum Wochenende.“
Und kurz darauf kommt der angekündigte Brief von Gustav und seiner Familie:
„Liebe Karin u. Hans.
Wir legen Euch einen Scheck von 20,- DM bei. Du wirst so viel für den kleinen Jungen bekommen liebe Karin und wir möchten doch nicht irgendwas schicken, was Dir keine Freude macht. Deshalb sucht was aus, was Ihr für Euren Stammhalter braucht. Ist es recht so? Lieber Hans, hast ja Dein Meisterstück gemacht. Aber zu Dir liebe Karin, Dir und dem kleinen Jungen recht viel Gesundheit. Erhole Dich gut. Es ist ein Gottesgeschenk und was Herrliches so ein kleines Lebewesen. Drück ihn für uns einmal. Der lieben jungen Oma aber wünschen wir von ganzem Herzen, daß Dein Enkelkind Dir sehr viel Freude und Zerstreuung bringt und Dir dadurch das Leben wieder lebenswerter macht. Wir wissen nicht, ob Du liebe Alma schon bei Deinen Lieben bist. Sollte Elise noch dort sein, so grüßen wir sie auch auf das Herzlichste. Bei uns ist soweit alles in Ordnung. (…)
(…) Bei Euch wird ja nun allerhand los sein. Das Nürnberger Treffen ist ja Pfingsten. Für uns ist es doch etwas weit und auch zu kostspielig.
Seid nun alle auf das Herzlichste gegrüßt
von Marie, Gustl, Werner Mutter und Tante.“
Freundin Evi meldet sich auch bei Karin, am 6. Juni 1964 schreibt sie:
„Feucht, 8.6.1964
Liebe Karin!
Zuerst will ich Euch recht herzlich zu Euerem Jungen gratulieren, hoffentlich sei Ihr alle beide recht gesund. Herzlichen Dank für Deine Karte lb. Karin, ich habe allerdings immer noch auf den versprochenen Brief gewartet. Was macht denn der kleine Stammhalter, ist er recht brav. Ich bin mit unserem Sabinchen sehr zufrieden, sie schläft jede Nacht durch und ist auch sonst sehr brav. Bei der Geburt wog sie 5 1/2 Pf und war 50 cm lang, heute ist sie 6 Wochen und hat schon 7 Pf und ist 57 cm. Man merkt schon einen riesigen Unterschied. Wie war denn Deine Entbindung, bei mir ging alles sehr schnell und leicht, ich habe mir es viel schlimmer vorgestellt. Arbeit gibt es ja genügend der Kleinen. Heute regnet es bei uns gescheit und drum will ich Dir auch schreiben, denn raus kann man ja doch nicht. Am Mittwoch fahre ich zu Gert, wir müssen die Vorhänge für unsere Wohnung kaufen. Am 22.6. ziehen wir dann um, ich freue mich schon sehr, daß ich dann
auch endlich meine eigene Wohnung habe. Wem sieht denn Euer kleiner Andreas ähnlich? Unser Schätzchen ist blond und hat sehr viele Haare. Jeder der sie sieht, sagt, daß sie der ganze Gert ist. Von mir hat sie scheinbar gar nichts geerbt. So liebe Karin jetzt will ich wieder Schluß machen, schreib mir doch auch nochmal bevor ich wegziehe. Ich schreibe Dir von droben auch, damit Du dann meine neue Adresse weißt. Mir ist sie bis jetzt auch noch nicht bekannt. Für Dich und Deinen kleinen Sohn wünsche ich Dir alles Gute und vor allem daß ihr gesund bleibt. Herzliche Grüße auch an Deinen lb. Mann und Deine Mama (ist sie auch recht stolz, daß sie Oma ist?)
von Deiner Evi
P.S. Ich lege Dir ein Bildchen mit dazu, wenn Du auch eins hast liebe Karin, schicke mir doch bitte eins, damit ich Euren kleinen Jungen auch mal sehe.“
Diesmal rate ich nicht, von wann ein Foto ist, sondern: dieses Holzbild mit den gepressten Blättern verschiedener Laubbäume.
Mein Vater Johann hat es gemacht. Das Holz zugeschnitten, Birnbaum glaube ich, den Rahmen gesägt und geleimt, die Blätter gesammelt und gepresst und es zuletzt lasiert. Aber er hat es nicht signiert. Daß er es weniger als Tablett, sondern mehr als Wandbild gedacht hat, vermute ich wegen der rückwärtigen Aufhängung. Es ist nicht die einzige Holzarbeit von ihm. Es gibt auch hölzerne, zylindrische Gefäße, Vasen, ein kleines Holzintarsienbild, das aus verschiedenen Hölzern die Blätter einer Rose zeigt. Die romantische Seite meines Vaters. Als ich schon auf der Welt war, konnte ich solche Arbeiten von ihm nicht beobachten, da fertigte er praktischere Dinge an, wie Einbauschränke für den Dachboden des Hauses. Sicher liege ich richtig, wenn ich vermute, dass er das in den Anfängen seiner Jahre mit Karin gemacht hat. Und es ihr verehrt hat. Das ist das dritte Erinnerungsstück, das ich vor fast vier Wochen mit nach Hause nahm, neben dem gestickten Bild meines Großvaters und der Hochzeitsvase mit den Verliebten von Raymond Peynet. Ich habe den goldgelben Ton der Lasur immer sehr geliebt, es gerne angeschaut. Man könnte es als Tablett benutzen, aber dafür ist es zu empfindlich, weil die Lasur brüchig geworden ist, im Lauf der Jahre. Vielleicht hat er es sogar 1963/64 angefertigt, als Karin mit dem ersten gemeinsamen Kind schwanger war, meinem Bruder. Im Herbst, Winter und Frühjahr.
Ich möchte Dir nur kurz mitteilen, daß wir seit 27.4. ein kleines Töchterlein haben. Es ist alles gut gegangen und ich fühle mich frisch und munter. Bin ja gespannt, was Du bekommst, hoffentlich schreibst Du es mir auch gleich. Du hast es jetzt auch bald geschafft, die paar Wochen werden schnell um sein. Ich wünsche Dir inzwischen viel Glück und alles erdenklich Gute.
Herzliche Grüße auch an Deinen lb. Mann und Deine Mutti von Deiner Evi“
Und Alma hatte auch geschrieben, eine Postkarte aus Oberstdorf, wo sie mehrere Wochen zur Kur weilte. Sie schrieb fast täglich an ihre Tochter Karin, wenn sie verreist war. Am 6. Mai 1964: „(…) Wir müßten auch Gladiolen noch setzen o. ist es schon zu spät. Was machen die Vergißmeinnicht – blühen sie schon beim Vati? (…)“
Wieviel man doch aus Briefen nicht nur über den Absender, sondern auch über den Empfänger erfahren kann, wenn es ein sehr persönliches Verhältnis ist. Evi war auch nach Karins Hochzeit offenbar regelmäßig genug mit ihr in Kontakt geblieben, um zu wissen, dass sie sie fast zur gleichen Zeit wie sie selbst ihr erstes Kind erwartete. Karins Kind kam am zehnten Mai 1964 auf die Welt, neun Monate zurückgerechnet, bedeutet das, dass sie um den 10. September 1963 herum schwanger geworden ist, also knapp zwei Wochen nach ihrer Hochzeit. Das ging ja schnell! Was nicht aus Evis Zeilen hervorgeht ist, ob sie um den Tod von Karins Vater wußte, der gut zwei Monate vorher plötzlich zuhause gestorben war, aber ich bin mir sicher, auch wenn sie es nicht erwähnt, sicher hat sie schon früher kondoliert. Karin war unendlich traurig, dass ihr Vater André, der sich riesig auf sein erstes Enkelkind freute, ihr Kind nicht mehr erleben konnte. Das hat sie mir oft erzählt. Wie traurig, zugleich in froher Erwartung zu sein und ihren geliebten Vater begraben zu müssen. Er starb am 17. Februar 1964 mit nur 54 Jahren. Die Zeilen von Alma, drei Monate nach dem Tod ihres geliebten Mannes André, die nun mit achtundvierzig Jahren Witwe geworden war, „Was machen die Vergißmeinnicht – blühen sie schon beim Vati?“ beziehen sich auf die Grabbepflanzung, um die sich Karin auch kümmerte. Karin war nach der Eheschließung nicht sofort von zuhause ausgezogen, sondern ihr Hans zog zu ihr, in das ausreichend große Elternhaus von Karin. Was aber nicht auf Dauer so bleiben sollte, denn die Eltern von Hans waren gerade dabei, ebenfalls ein Haus für die gesamte wachsende Familie zu bauen, mein späteres Elternhaus.