27. September 2025

Kampener Standard gemäß Ortsgestaltungssatzung. In dieser ist unter anderem vermerkt, dass Dächer ausschließlich mit Naturreet gedeckt werden dürfen. Nur bestehende, bereits genehmigte Gebäude mit Hartdächern dürfen mit Ziegeln in Braun oder Schiefer gedeckt werden. Garagen dürfen nur in einer Vertiefung angelegt werden und maximal 100 cm über die normale Bodenhöhe ragen und müssen dann aber auch entsprechend mit Bepflanzung kaschiert werden. Was ich eine sehr gute Vorgabe finde, ein ganz wichtiger Teil der Verordnung, da die Besitzer der schönen Reethäuser in Kampen zumeist mindestens ein Automobil besitzen. Hier ist kein Weg zugeparkt. Auch ging mir durch den Kopf, dass bei den Kampener Ferienwohnungen keine Balkone vorhanden sind. Die sind nämlich nicht erlaubt, entsprechen nicht dem friesischen Baustil. Nach eingehender Lektüre der Ortsgestaltungssatzung fiel mir auf, dass der jetzige Eigentümer der früheren Suhrkampvilla im Hobokenweg 18, Multimilliardär Ralph D. aus M., in einem Detail von der Satzung abweicht. Sein Gartentürchen im Friesenwall ist anthrazit. Das ist nicht gestattet! Erlaubt sind die Farben Weiß, Blau, Grün, Grau und Braun oder Naturfarben. Aber vielleicht ist das Tor aus portugiesischem Schwarzschiefer und er hat die Behörde überzeugt, dass es sich damit um „naturfarben“ handelt. Werde von der Anzeige absehen.

26. September 2025

Fünf Minuten vom Juwelier, die Hauptstraße überquert, Stückchen nördlich, rechts in den Arnikaweg. Am Ende der kleine, menschenleere Avenariuspark. Ab da sieht alles ähnlich aus, Kampener Bilderbuchidylle. Es ist ganz, ganz, ganz ruhig hier.

26. September 2025

Noch ein Geschäft in der Kampener Kurhausstraße, Ecke Haupstraße, das in mir leider keine Kundin gefunden hat. Juwelier Spliedt, der hier auf Sylt sein Stammhaus hat, führt weitere Filialen in Hamburg am Jungfernstieg und in München in der Maximilianstraße. Ein wichtiges Geschäftssegment sind „Pre-owned Luxusuhren„. Scheinbar spielt Geld doch manchmal eine Rolex (höhöhö). Sei jedem gegönnt, der sich hier verwirklichen kann. Sehr speziell finde ich den Menüpunkt „Termin buchen„, um einen persönlichen Beratungstermin zu vereinbaren. Da kommt eine Idee von gehobenem Einkaufserlebnis über die Rampe. Wollte sagen, den Friesenwall. Wobei, wenn man sich mit der Absicht trägt, eine gebrauchte Patek Phillipe-Armbanduhr für 249.000 Euro zu shoppen, hat man vielleicht schon die Erwartung, dass es sich dabei um ein Erlebnis handelt. Sehr gerne begleitet von einem Jahrgangs-Champagner.

25. September 2025

Schräg gegenüber meiner Unterkunft in Kampen war ein Haus mit gemischtem Geschäftsmodell, der sog. „Art Store“ von Beton.Gold Immobilien, ausgewähltes Mobiliar, Designobjekte und an den Wänden wechselnde Ausstellungen. In diesem Fall Fotografien von Jenny Jürgens, die man früher als Schauspielerin kannte.

Heute lebt sie eher zurückgezogen mit Mann und vielen Tieren auf einer Art Bauernhof auf Mallorca – und fotografiert. Die Schauspielerei hat keine große Rolle mehr in ihrem Leben, wenn ich das recht verstanden habe, aber sie ist auch nicht abgeneigt. In den vergangenen zehn Jahren war sie sicher auch mit dem komplexen Nachlassverfahren ihres Vaters Udo beschäftigt. Was bei großen Namen sicher noch mehr Zeit beansprucht, als es in meinem Fall mit der Nachlassregelung war. Und die war schon nicht ohne. Am meisten haben mich die Schwarzweißfotografien von Jenny Jürgens angesprochen. Nun tritt sie in die Fußstapfen ihrer Mutter, der Fotografin Panja Jürgens (die übrigens noch lebt).

Allerdings alles entspannt, wie ich es aus der Distanz mitbekomme, ohne nervösen Aktionismus. Kann sie sich auch leisten. Sei ihr gegönnt. Ich finde Jenny Jürgens sehr sympathisch, immer schon. Einen besonderen Bezug zu Sylt hat sie wohl nicht, wird sich irgendwie ergeben haben. Gerade gesehen, dass die Ausstellung bis 30. August ging, also war es eher ein Zufall, dass die dreissig Bilder am 31. noch hingen, als ich da war. Da die Immobilienfirma in diesen Räumen, auch die Wohnung, die ich gemietet hatte, im Portfolio hat, habe ich vor Ort nach dem Preis gefragt. Der war interessanterweise ein wenig niedriger, als die Preise, die ich heute gefunden habe. „Nur“ 785.000 Euro anstatt (wie heute bei anderen Immobilien-Anbietern gelesen) 990.000.

25. September 2025

Am Sonntag, 31. August 2025, kurz nach 13 Uhr, nach dem Bloggen meines Eintrags, diese Fotos gemacht, vor dem Aufbruch zum Erkundungsspaziergang durch Kampen. Mit Regendings. Hat dann aber gar nicht geregnet. Ein paar Ecken vom kleinen Wohnzimmer. Am Fenster hab ich meine täglichen Einträge getippt. Ich habe nicht so sehr viele Fotos der Wohnung gemacht, weil sie auch privat genutzt wird, ich weiß gar nicht von wem. In einigen Schränken in der Küche und oben im Schlafzimmer lagen hinter den Schranktüren kleine Zettelchen mit Vermerk „privat“. Habe ich nicht weiter untersucht, man sah alltägliche Sachen wie weiteres Küchenzubehör, Spiele in Kartons, persönliches Bettzeug. Die Wohnung steht zum Verkauf. Man kann sie bei einigen Immobilienportalen finden. 990.000 Euro Stand heute. Ich würde sie nicht kaufen, obwohl sie viele positive Merkmale hat. Das Schlafzimmer in der Dachschräge hat keine richtigen Fenster nach draußen, nur welche zum unteren Wohnbereich und zum Lüften eine Art Belüftungsluke an der Decke. Ich brauche mehr Frischluft. Ist vielleicht auch psychologisch. Habe dann die beiden Fenster vom unteren Bereich nachts zusätzlich aufgemacht und diese Innenfenster vom Schlafzimmer zur unteren Etage, damit die Luft mehr zirkuliert.

24. September 2025


Zuhause in Kampen für vier Nächte. Mit einer derart noblen Eingangshalle hatte ich nicht gerechnet. Hinter der zweiten Tür ging es zur Treppe, die nach oben zur Maisonettewohnung führte, über Stufen mit superdickem, flauschigem Teppichboden. Nach unten kam man zum Spa-Bereich mit Pool und Sauna etc. Sobald man durch die zweite Tür schritt, hatte man Schwimmbad-Déjà-Vues vom gechlorten Pool. War mir aber gar nicht unangenehm.

24. September 2025

Die Sonne geht schlafen, das Quermarkenfeuer von Kampen wacht über diesem Frieden. Letzte Aufnahmen von 20.30 Uhr. In der Viertelstunde zwischen dem letzten Sonnenuntergangsfoto am Meer und diesen beiden hier gab es noch einen kurzen Schlenker zu einem Strandlokal namens Kaamps 7. Ich war aber nur ganz, ganz kurz da. Ein Gast oder Mitarbeiter (?) tanzte bewegungsreich und animierend grinsend, offenkundig stark von sich selbst begeistert, als sei er auf der erhöhten Bühne eines Partywagens bei der Love Parade oder beim Karneval in Rio, sein Blick gerichtet zum eher ruhigen Publikum des Sonnenuntergangs. Das hätte mich nicht weiter tangieren müssen, man kann ja wegschauen, aber leider war die Musik, zu der er sich exponierte, überhaupt nicht auf meiner Wellenlänge. Merengue. Für mein Empfinden das uninspirierteste, langweiligste Gedudel auf unserem Planeten. Ich habe – egal wann und wo – schon bei den ersten Takten sofort Fluchtreflexe, denen ich auch nachgebe. Ich kann das Lokal daher nicht beurteilen. Von mir aus hätte gerne ein Nord- oder auch Ostfriese ein Shanty mit Gitarre spielen können. Oder irgendwas auf dem Schifferklavier. Oder Sylt-Fan Reinhard Mey seine Balladen. Oder meinethalben die Gipsy Kings unplugged ihre drei Hits. Oder ein nordafrikanischer Virtuose frei Improvisiertes auf der Oud. Aber bitte nicht Merengue. Dümmeliges Gedudel ohne Spannungsbogen, leidenschaftsloses Geplapper mit Instrumenten. Ähnlich wie Dixieland. War selbst überrascht, in welchem Ausmaß und Tempo mich diese unangenehme Musikkonserve in schlechte Stimmung versetzte. Mir gingen auch die Vibes des Selbstdarstellers komplett gegen den Strich. Ein angeknipstes Gewackel und Gefuchtel zwischen besoffen, verkokst und Animateur uffm Ballermann. Gerne hätte ich nur das Meer gehört. Wellen. Möwen. Fernes, leises Lachen. Die Nacht. Wind, Sand.

24. September 2025

Und so weiter und so fort. Langer Spaziergang, aber nicht der längste. Ich bin im Kopf schon immer noch ein bisschen auf Sylt – vorhin schrieb mir jemand, der mir Sylt auch vorab ans Herz gelegt hatte, dass es mir offenbar gefallen hätte und man meinen könnte, ich hätte dort drei Wochen, anstatt nur gute drei Tage verbracht. Es waren genau vier Übernachtungen. Am Tag der Anreise gab es nicht viel für mich zu sehen, außer der Unterkunft, von der ich auch noch ein paar Fotos zeigen werde. Der erste Tag mit Insel Erkunden begann mit Einkaufen beim Kampen Kaufmann, Einräumen der Einkäufe, danach zum Strand am Roten Kliff bei herrlich blauem Himmel. Später nach List zum Austernrestaurant. Am Tag darauf nach Keitum, Altfriesisches Haus, Nielsens Kaffeegarten am Wattenmeer, Rumspazieren bis zum Stutenhof, mit dem Bus zurück nach Kampen, Umziehen, wieder los zum Roten Kliff, Sonnuntergangsspaziergang. Da bin ich jetzt also mit meiner Berichterstattung. Das Urlaubsgefühl stellt sich ja erst in einer gewissen Selbstvergessenheit ein, wenn man sich keine Dramaturgie auferlegt, eine lange Weile beruhigende, schöne Landschaft sieht. Während ich diese etwas gleichförmigen Einträge mache, erhole ich mich. Außerdem lese ich noch ein paar Bücher nebenher, in denen Sylt eine Rolle spielt. Doch dazu später mehr.

23. September 2025

Abendliche Wanderungen am Meeressaum dauern meist bis die Sonne endgültig ins Meer sinkt. Unvorstellbar zu gehen, bevor sie der Horizont geschluckt hat. Man weiß auch, dass man inflationäre Serien schießt, künstlerisch unverwertbar. Sonnenuntergänge sind Kaufhaus-Kalender-Motive. Das alles weiß man und hält doch immer wieder drauf, wie ferngesteuert. Bis zum letzten Leuchten.

23. September 2025

Denke an die im 19. Jahrhundert von Kierkegaard in einem Tagebucheintrag formulierte Erkenntnis, dass das Leben nach vorne gelebt werden muss und erst rückwärts verstanden wird. Seltsame Begebenheiten später (scheinbar/vermeintlich?) mehr Sinn ergeben/schlüssiger werden als zur Zeit des Erlebens. Das liegt aber auch daran, dass man später oft zusätzliche Details kennt, um Befindlichkeiten weiß. Fragt sich nur, ob man mit vorzeitigerem Wissen tatsächlich anders gehandelt hätte, oder ob es doch eine schicksalshafte, eingebaute Autopilot-Funktion in einem gibt, die möglicherweise dafür sorgt, dass bestimmte Informationen und Erkenntnisse gar nicht an einen herankommen, herausgefiltert werden. Bis man eines Tages bei geklärtem Verstand die Einzelteile des Puzzles betrachtet – und glaubt(?) die späten Erkenntnisse schon früher hätte haben können. Lange Strandspaziergänge verführen (mich) zu derlei Betrachtungen. Vielleicht auch, weil ich ohne Blick auf ein Smartphone spaziere.

23. September 2025

Wenn man die Aufnahmen in der großen Ansicht betrachtet, erkennt man, dass auf der Sandbank ein Kind mit den Wellen spielt und die nah dabei stehende Frau immer auf ihr Smartphone sieht.

22. September 2025

Selber Standort, zwei Perspektiven: gen Süden das Rote Kliff. Richtung Nordost, am Horizont, das Reetdach von Haus Kliffende. Vorzugslage, ich beneide den Schweizer Eigentümer doch etwas. Nur wenige Anwesen sind so nah am Strand. Dem schönsten von Sylt, wie nicht Wenige finden. Thomas Mann hatte mit dem damaligen Gästehaus Kliffende nicht nur eine der ersten, sondern auch eine der bequemsten Adressen für seine Sylt-Sommerfrischen gewählt. Im Züricher Thomas Mann Archiv gibt es Fotos von ihm und seiner Familie, er beim durch die Kampener Dünen wandern, Füße im Sand. Wie schön, dass man noch dieselben Perspektiven einnehmen kann wie 1927 und 1928, fast hundert Jahre später. Das lässt sich nicht von vielen gefragten Orten unserer Zivilisation sagen. Hier sind alle Fotos von Thomas Mann und seiner Familie auf Sylt zu sehen. Die Familienalben.

21. September 2025

Den ersten Sonnenuntergang am Meer, am Abend nach der Anreise, hatte ich verpasst, weil ich später als geplant, schwer bepackt und reisemüde ankam, da hatte ich kein Bedürfnis, irgendwohin zu spazieren, es regnete dann auch. Dafür spätnachts den indoor Swimmingpool der von privat gemieteten Unterkunft inspiziert und ausprobiert. Der zweite Abend auf Sylt begann schon recht früh, kurz vor Sieben, in jenem Austern-Restaurant in List, da sah ich nur bei der Hinfahrt duch das Taxifenster ein bißchen Abendhimmel. Obwohl am Tag darauf, nach viel Busfahren und Hin- und herlaufen in Keitum, auch faul Herumliegen nett gewesen wäre, war der Drang zum Sonnenuntergang wesentlich stärker. Also auf zum Roten Kliff. Der Fußweg dorthin dauerte ca. fünfzehn Minuten. Die Kurhausstraße bis zum Ende, beim Hotel Rungholt in den Strandweg abbiegen, vorbei am Findling, runter zum Strand.

21. September 2025

Auch ein Wahrzeichen, diese Silhouette vom kleinen Leuchtturm von Kampen, offiziell heißt er „Quermarkenfeuer Kampen“ oder „Quermarkenfeuer Rotes Kliff“. Wohl erster Betonturm an einer deutschen Küste, 1913 fertiggestellt, seit 1975 stillgelegt. Früher wichtiger Orientierungspunkt für die Seefahrt und Ergänzung zum Kampener Leuchtturm. Leuchtet nicht, fällt aber immer ins Auge.

21. September 2025

Nicht Island oder Norwegen oder Lüneburger Heide – auch Sylt. Heidekraut um die Kampener Uwe-Düne herum. Man findet leicht einsame Landstriche, hier am 30. August, 20.24 Uhr, kurz vor Sonnenuntergang. Da sind die meisten Gäste entweder noch oder schon wieder unten am Strand, im Sand oder einem Restaurant.

20. September 2025

Gedenkminute für Gunter Sachs. Auch in Keitum, ein Apfelbaum, einer von vielen. An besonderer Adresse, am Gurtstig. Er wohnte meistens dort, Stutenhof heißt das Anwesen. Ich klaubte einige der heruntergefallenen Äpfelchen auf und nahm sie mit. Vorhin die letzten beiden gegessen, in der Sonne. Schmeckten wunderbar.

20. September 2025

Meine blühende Phantasie reicht aus, mir vorzustellen, ich wäre mal eben von Kampen vorbeigekommen, um nach dem Rechten zu sehen, ob die Geschäfte im Familienbetrieb in Keitum ordentlich laufen. Alles picobello, nichts zu beanstanden! („Wenns einmal …“)

20. September 2025

Herzlich Willkommen in Nielsens Kaffeegarten mit Blick aufs Wattenmeer! Im Mai 1919 eröffnet und läuft immer noch. Die Kuchen und Torten werden nach alten Rezepten hergestellt. Gut, dass es auf der Internetseite Fotos davon gibt, ich habe leider kein eigenes Bildmaterial. Man sitzt recht schön da, in Premiumlage, im Garten. Sollte bei keinem Besuch in Keitum ausgelassen werden. Ganz nett, die Nielsens! All die Jahre in der Familie geblieben. Auffallend, wie selbstverständlich die Friesen jeden duzen, jedenfalls hier auf Sylt. Das wirkt interessanterweise nie plump übergriffig, sondern nett familiär, man fühlt sich wie eingemeindet.

19. September 2025

Kinderzimmerchen, Babywiege, Schlafkojen, Alkoven… in der Küche ist auch so eine eingebaute Schlafstelle. Nicht weil die Menschen etwa so kleinwüchsig gewesen wären, sind die Betten nicht wie unsere zwei Meter lang, sondern weil im Sitzen geschlafen wurde. In der Mitte ein Seil zum Festhalten, um nicht ins Liegende zu rutschen. Warum nur? Frage ich die Mitarbeiterin vom Altfriesischen Haus, die die Eintrittskarten verkauft und gut Bescheid weiß. Die Menschen hatten wohl früher Angst vor einer Kohlenmonoxidvergiftung, so nah am Herdfeuer. Das Sitzen sollte dafür sorgen, dass man nur im Halbschlaf war und es bemerkt hätte, wenn die Luft dünn wird. Das mag uns kurios vorkommen, aber vor genau einem halben Jahr starb eine liebe Bekannte aus Berlin an genau so einer Vergiftung im Schlaf. Soll ein sanfter Tod sein. Das Bettzeug in den alten Kojen sah wirklich betagt aus und könnte auch mal wieder frisch bezogen werden. Gerade mit Lydia im Chat drüber ausgetauscht, dass wir Bettenbeziehen hassen. Aber in frischer Bettwäsche zu schlafen, ist ein herrliches Gefühl.

19. September 2025

War mir noch gar nicht so präsent, dass die blauweißen, friesischen Fliesen nicht nur in der Küche und an Kachelöfen verlegt wurden, sondern praktisch überall, auch in der guten Stube, wie eine Tapete. Und surprise, surprise: es wirkt auch wie Tapete. Wohnlich, gemütlich und heimelig, gar nicht kalt, praktisch oder steril. Ein Friesenträumchen. Die friesischen Denkmalpfleger und Historiker bestätigen allerdings, dass dieses Häuschen schon zu seiner Zeit ein besonderes Schmuckstück war. So ein Schatzkästchen konnten sich nur die wohlhabendsten Kapitäne und Kaufleute leisten. Somit hat sich in Keitum zumindest in dieser Hinsicht seit 1640 nicht so viel geändert. Bemalte Türstöcke hätte ich mir eher in Mexiko bei Frida Kahlo vorgestellt. Spricht mich an!

19. September 2025

Steht mir doch nicht schlecht, das alte Kapitänshäuschen in Keitum. Denke über den Kauf nach! Die Gedanken sind frei, heißt es in dem schönen alten deutschen Volkslied. Neulich gelesen, warum es russische Oligarchen nicht nach Sylt zieht. Obwohl es ja wahrlich ein Statussymbol wäre, hier ein paar Millionen loszuwerden und von Dior bis Louis Vuitton alles Nötige vor Ort ist, Dom Perignon in sämtlichen Einkaufsläden von Kampen und Keitum. Ja sogar Champagner-Automaten gibt es an ausgewählten Standorten. Der Sylter Immobilien-Experte berichtet, die Bau-Auflagen bzw. besser Bau-Beschränkungen, was den Umbau oder Neubau von Häusern auf Sylt angeht, speziell Reethäusern, sind so streng, dass es als viel zu schwierig und kompliziert betrachtet wird, sich damit aufzuhalten, Sondergenehmigungen für das Errichten von neobarock inspirierten Villen mit viel Zierrat und imposanten Säulen zu erwirken. Ein strohgedecktes Friesenhaus wirkt auf jene Klientel zu wenig glamourös. Zu wenig Bling-Bling!

18. September 2025

30. August 2025, Keitum, Mieze mit Gaga an Friesenwall. Auf dem Weg zur Adresse Am Kliff 13, zum „Altfriesischen Haus seit 1640“. In meiner Tasche u. a. Ausflugs-Proviant, selbstgeschmierte Klappstullen mit Pumpernickel, Butter, Trüffelsalami, Cornichons, frisch gemahlenem Pfeffer und Senf. Beim Kampen Kaufmann muss man nehmen, was man kriegt, dann kauft man halt die Trüffelsalami. Hat nicht unangenehm hervorgeschmeckt. War ok!

    18. September 2025

    Puppenstübchen Keitum. Hortensienbüsche gibt es überall auf Sylt, in einem Ausmaß, als ginge es um einen Eintrag ins Guinessbuch der Rekorde. Die vielfach gleichartige Bepflanzung der possierlichen Gärten mit Hagebuttenhecken, Dünenrosen, Buchs, Sanddorn, Rhododendren und eben Hortensien liegt nicht nur am eleganten Aussehen dieser Büsche, sondern auch an ihrer guten Verträglichkeit mit der salzhaltigen Meeresluft. Die packen das und machen was her. Hier auch schön zu sehen, der beliebte Friesenwall, darauf Bepflanzung in Tradition eines Bauerngartens, wilde Wiesenblumenmischung. Das Reethaus hat eine Besonderheit. So ein Spitzgiebel über dem Hauseingang ist oft zu sehen, aber seltener farbig abgesetzte Einfassung, wie hier in schönem Blaugrün. Ob die verspielte Malerei an dem anderen Hauseingang mit den Figuren auf den Türblättern irgendeine friesische Tradition zeigt, kann ich nicht beantworten. Das habe ich auch nur einmal gesehen, an diesem Schmuckkästchen in Keitum.

    18. September 2025

    Keitum, Gurtstig 17. Die Loro Piana Boutique mit schweizerischen Wurzeln, hier auf den Bildern, führt u. a. Pullover aus der babyweichen Vicuña-Faser, der flauschigen Wolle einer ganz arg putzigen, wildlebenden Alpaka-Art. Ungesponnen kostet Vikunja-Wolle 400 bis 600 Euro pro Kilo – Kaschmir ist dagegen mit 200 Euro vergleichsweise ein Schnäppchen, von simpler Schafwolle für fünf bis sechs Euro pro Kilo ganz zu schweigen. Nach dem Waschen und Verspinnen liegt die Vikunja-Wolle bei 1000 Euro das Kilo. Ein leichter Schal liegt je nach Hersteller und Ausführung für 1200 bis 4000 Euro in Luxusboutiquen, ein Paar Vikunja-Socken kostet 400 bis 800 Euro, ein Pullover 2500 bis 5000, ein Strickmantel schon mal 20 000 Euro. Wir dürfen davon ausgehen, dass mindestens einer der beiden Herren vor der Boutique einen Vikunja-Pullover trägt, evt. auch preisgünstigeres Baby-Cashmere, ebenfalls im Sortiment des Geschäfts am Gurtstig erhältlich.

    Beides ist sehr löblich, da es der jüngst erlassenen, hiesigen Kaschmir-Verordnung für Strandbesuche (Kurkarte Plus) entspricht, derzufolge jeder Strandbesucher mindestens ein Kleidungsstück aus Kaschmir (sinngemäß alternativ Vikunja) tragen muss. Andernfalls droht ein Ordnungsgeld. Es soll tatsächlich einige empörte Westerländer gegeben haben, die sich ob dieser Verordnung echauffierten. Nicht nachzuvollziehen. Zumal es wirklich fair ist, dass das erschwinglichere Kaschmir Maßstab der Vorgabe ist. Bei Vikunja hätte man die Empörung noch nachvollziehen können. Meine Güte! Wir wissen ja, was Marie Antoinette darüber gedacht hätte. („…sollen sie doch Vicuña (…)“)

    18. September 2025

    Keitum. Erste Eindrücke wenige Schritte nach dem Aussteigen aus dem Inselbus. Kunstgalerien. Wer Sylt nur aus der Berichterstattung kennt, meint vielleicht, es sei arg viel Gewese um diese Nordsee-Insel. Aber das ist eben einer der Aspekte, die das besondere Flair ausmachen. Galerien und Boutiquen, die man sonst nur aus sehr urbanen Orten kennt, Innenstadtbezirken, Metropolen. Auch Föhr habe ich ausgiebig entdeckt, aber das sind hier komplett andere Vibes, obwohl Föhr so nah ist und auch nette Strände und Friesendörfchen mit Friesenwällen hat. Man muss es wirklich mit eigenen Augen gesehen haben, was sich in Kampen und Keitum abspielt. Hier wird eine Ästhetik kultiviert, wie ich sie sonst aus Fotostrecken über die Hamptons kenne. Musste vorgestern lachen, als ich eine Reportage in einem online Interior-Magazin über die neue Innenausstattung eines Hideaways auf Sylt fand, neu durchgestylt von einem namhaften Innenausstatter. Überschrift des Artikels: „Bloß kein Hamptons Style!“ Das war wohl die Vorgabe des Besitzers des auszustattenden Premiumobjekts. Dem entnehme ich, dass es durchaus nicht nur bei mir die Wahrnehmung von „Hamptons Style“ auf Sylt gibt. Wobei ich den sehr schön und passend und anheimelnd finde. Der Stil korrespondiert exzellent mit den Reethäuschen, wäre mein geringstes Problem. Aber vielleicht ist das für betuchte Trendsetter mit Eigenheim auf Sylt inzwischen altbacken. Das mag wohl sein.

    17. September 2025

    Es wäre unhöflich gewesen, sich um das Dessert herumzudrücken. Es gab neben Dessertklassikern diese Pfannkuchen, kess „Pfannkolini“ genannt, wahlweise natur mit Vanillezucker oder Apfelringen oder Blaubeeren von Dittmeyer’s Bioblaubeerhof. Es wurden alle geordert und alles probiert. Mir haben die mit den Blaubeeren am besten geschmeckt. Dazu ein guter starker Café Crème, den sich eigentlich mein Tischnachbar bestellt hatte, aber er war immer noch vollumfänglich mit diversen anderen Getränken beschäftigt, so überließ er mir den guten Kaffee. Sämtliche Herren am Tisch waren mittlerweile vom Kümmel zu einem anderen bernsteinfarbenen Branntwein gewechselt, ich glaube, es war der Rum auf der Karte: „Zacapa Centenario 23 Yo Rum Gran Reserva“, wohl aus Guatemala. Wollte ich sicherheitshalber nicht verkosten. Es war noch gar nicht so spät, aber mir kam es vor, als hätte das Gelage mindestens fünf Stunden gedauert, als es im Großraumtaxi wieder zurück nach Kampen ging. Danke an Dittmeyer’s Austern Compagnie in List, so heißen die Betreiber offiziell, für diesen exorbitanten Genuss, der natürlich entsprechende Preise hat – aber die Portionen waren stattlich, da wurde nicht gegeizt. Aus dem Autofenster konnte man wieder die große, weiße Wanderdüne von List sehen, schnurgerade führt die Straße nach Kampen. In der Gästetruppe waren auch Besucher, die in einem Kampener Hotel untergebracht waren, in dem ich auch gerne ein Zimmer gebucht hätte, es war ausgebucht. Nun hatte die eine Dame vorgeschlagen, sich das Hotel, das auch eine kleine Bar beim Frühstücksraum hat, mal anzusehen, es war schon zappenduster und sie zeigte mir das Zimmer, das sie mit ihrem Mann für das Wochenende gebucht hatte. Sehr kuschelig, aber ein bißchen klein für zwei Personen, das war glaube ich Zimmer #15. Edel möbliert, das gesamte, ganz fein durchgestylte Hotel „Village„. Für Alleinreisende eine Empfehlung. Ein anderes Mal.

    17. September 2025

    Hauptgänge: […] „Pfanne Royal“ (links von mir – Garnelen/ Miesmuscheln/Calamari/ Jakobsmuscheln/Sylter Royal gedämpft/ Julienne-Gemüse/Tomaten/Knoblauch/Chili), „Fenchel-Pernod Pfanne“ (ich – mit Garnelen/Schalotten/Tomaten), „Miesmuscheln aus der Nordsee“ (rechts von mir – m. Weißwein-Curry-Kokos- oder Weißwein-Kräutersud mit Knoblauch & Chili oder Weißwein-Tomatensud mit Knoblauch & Chili-Sud), „Spaghetti Aglio/Arrabiata/Tomate-/Butter-/Hummer-/Currysauce“ (schräg gegenüber – mit Garnelen, Parmesan). Und immer wieder neue Lagen vom unvermeidlichen Helbing-Kümmel. Ich weiter den 2018er C&L Berthier Sancerre und viel Wasser („Waterkant Flut“).

    17. September 2025

    Nächster Gang – will alles probiert werden! Man lebt nur einmal. Vom dazwischen gereichten Kümmelschnaps habe ich zum Glück nur das erste Glas probiert. Ich blieb bei dem feinen Sancerre.

    In der gußeisernen Austerngrillpfanne als Zwischengang: Variationen gratinierter Wilder Sylter Royal mit Gemüse/Kilpatrick/Kräuterbutter/Pernod-Butter/Trüffelbutter/Blattspinat/Champagner-Kraut/Gurke-Kaviar/Apfel-Kaviar/Chimichurri/Sherry/Erdbeere-Blaubeere usw.

    17. September 2025

    Royaler Content aus Sylt. Es finden sich zwar einige Sylterinnen mit mutmaßlich adeligen Stammbäumen, aber der wahre Hochadel, ja die Königin von Sylt, ist eine Auster, eine besonders große, die wild von Austernbänken auf der Wattseite von List geerntet wird, die „Wilde Sylter Royal“. Und dann gibt es die „Sylter Royal“ aus der Zucht. Die Austernfischerei hat ein zugehöriges Restaurant, in dem beide essbaren Kostbarkeiten, aber auch andere Meeresschätze so frisch wie nur denkbar auf den Tisch kommen. Hinter dem Gastraum ist eine Halle mit Wasserbecken, wo die reifen Austern, die schon aus den Netzen geholt wurden, fangfrisch aus dem Wasserbecken auf den Teller kommen. Eine wahre Köstlichkeit. Wenn man die Auster nicht einfach so schlürfen mag, gibt es zig Varianten der Zubereitung, auch überbacken mit Spinat oder Käse, da ist für jeden, der Meerestiere grundsätzlich mag, etwas dabei. Ein besonderes Restaurant.

    16. September 2025

    Unbewusst auf dem Heimweg eingefangen: das über hundertjährige Haus „Kliffende“ an der Abbruchkante des Kliffs bei Kampen. Geschichtsträchtig und immer wieder abbruchgefährdet. Einst Gästehaus, Thomas Mann wohnte neben anderen Künstlern dort. Heute in Privatbesitz. Thomas Mann vermerkte in Gästebucheinträgen nach zwei Sommern auf Sylt:

    „– Kampen, den 11. September 1927
    Nicht Glück oder Unglück – der Tiefgang des Lebens ist es, worauf es ankommt. An diesem erschütternden Meere habe ich tief gelebt, und was es aufregte, das wird, gebe es Gott, irgendwie einmal ehrenhaft fruchtbar werden. Auch will ich wiederkommen. Man sollte freilich wohl nie wiederholen wollen, denn von vornherein ist gewiß, daß es das andere Mal anders sein wird. Aber schon aus Dankbarkeit will ich wiederkehren: dem dauerhaften Gefühl des Dankes, den ich hiermit den Wirten dieses guten Hauses von Herzen abstatte.

    – 30. August 1928,
    Wir reisen wieder einmal. Wie gut, daß Kliffende bleibt.“

    Insgesamt sind wohl drei Sommer dokumentiert, die Thomas Mann dort urlaubte. 1921 eine Woche in Wenningstedt, einem Ortsteil von Sylt, direkt unterhalb von Kampen, wo das Rote Kliff beginnt, und jeweils einen ganzen Monat 1927 und 1928 in Kliffende. Im Jahr darauf, 1929, entdeckte Mann die Kurische Nehrung für sich, auch eine Landschaft mit einer großen Wanderdüne. Im Ort Nida bzw. früher Nidden genannt (vormals Ostpreußen, heute Litauen), baute er sich 1930 ein eigenes Ferienhaus, eine Art Blockhaus im nordischen Baustil, mit blauen Fenstern. Ich war dort, habe das heute „Thomas Mann Haus“ genannte, damalige Feriendomizil der Manns besucht. Eine Künstlerkolonie von expressionistischen deutschen Malern hatte sich in den Zwanzigern dort angesiedelt, das wird Mann darauf aufmerksam gemacht haben. Also war die hingebungsvolle Schwärmerei für Sylt und Kliffende von der Kurischen Nehrung übertroffen worden. Die Wanderdüne dort ist auch zauberhaft, aber weitläufig gesperrtes Naturschutzgebiet, sehr unzugänglich, wenn man sich nicht gerade auf Abwegen hineinverirrt, wie mir widerfahren ist. Zum Glück. Die Familie Mann verbrachte nur wenige Sommer dort, dann mussten sie es aufgrund der Emigration im Stich lassen.

    Aber zurück zu Sylt und Kliffende. Heute gehört das weitläufige Haus (das ich aus der Entfernung gesehen, zunächst für zwei separate Reet-Häuser hielt) einem Schweizer Immobilien- und Grundstücks-Investor, der bei Anwesenheit die Schweizer Flagge hisst. Für mein Empfinden ein peinlicher Akt, der tief blicken lässt. Nicht nur wegen der plumpen nationalistischen Eroberungsanmutung, auch farbästhetisch. Der eckige rote Fleck auf dem Mast ist wie eine grobmotorische Ohrfeige im Gesamtszenario subtiler nordischer Farbgebung. Ich hatte Schweizer bis dato als eleganter, zurückhaltender verschubladet.

    Aber Flaggen scheinen eine besondere Vorliebe von Kampener Gewerbetreibenden zu sein. Für meinen Geschmack viel zu viele Masten, die albern beflaggt im Zentrum von Kampen vor Ferienhäusern und Läden flattern, ob mit Werbeschriftzügen oder sonstigem. Erinnert mich an die marktschreierische Beflaggung vor riesigen Einkaufscentern oder Möbelhäusern in der Provinz oder Industriegebieten. Keitum zeigt sich in der Hinsicht zurückhaltend.

    P.S. bemerkenswerte Aufnahmen, die Kliffende bei Nacht aus nächster Nähe zeigen, wie es heute aussieht.

    14. September 2025

    Während ich die Fotos ansehe, bekomme ich einen Ohrwurm. Wie ein Papagei oder eine hängen gebliebene Schallplatte: „Deine Spuren im Sand, die ich gestern noch fand, hat der Wind mitgenommen“ etc., jener Schlager von Howard Carpendale. Vor fünfzig Jahren in den deutschen Hitparaden. 1975. Ich war zehn. Möchte man nicht haben, den Ohrwurm. Konfrontationstherapie? Sich dem aussetzen, auf youtube hören, den Text vollständig lesen. So geschehen. Hatte ein wenig Frösteln bei der Lektüre. Diese knappen, einfachen Sätze, die durchaus Wahres vermitteln:

    „Wir hatten Sonne und Sterne und die Dünen nur und das weite Meer. (…) Wie einfach und klar doch alles war. Deine Spuren im Sand, die ich gestern noch fand, hat die Flut mitgenommen.“

    (die folgenden Zeilen waren mir völlig neu:)

    „Ich weiß nicht, wann du anfingst, ohne mich den Strand entlang zu gehen. Und wenn ich dich danach fragte. stumm an mir vorbeizusehen. Bis man die ganze Wahrheit versteht, ist es nicht selten zu spät (…) Deine Liebe sie schwand, wie die Spuren im Sand, (…) hat die Flut mitgenommen.“

    Schon harter Stoff. Dass so ein trauriges Lied so ein Erfolg wird… Entschuldigung liebes Sylt, dass ich Fotos von Dir mit diesen trostlosen Zeilen in Verbindung bringe. Ich war sehr gerne bei Dir.

    14. September 2025

    Da war dieser Junge. Er lief herum, alleine. Seine Eltern sicher unten in der Bar. Alt genug, um ein Smartphone zu haben und sich damit die Zeit zu vertreiben. Ganz ähnlich, wie ich mit meiner Kamera. Nur, ich war ohne Eltern da. Wenn ich die Bilder betrachte, wird mir klar, dass seine Situation meiner nicht unähnlich war. Ich kannte auch nur wenige Menschen. Hatte zwar vereinzelte, auch herzliche Begrüßungen hie und da, aber nur einen längeren Kontakt. Mit einem Jason, der sehr an den Exponaten und deren Geschichte und den besonderen Gegebenheiten der Galerie interessiert war. Ich konnte ihm viel dazu sagen. Mein Versuch, ihn mit dem Galeristen Thorsten bekannt zu machen, schlug leider fehl, ich hatte einen ungünstigen Zeitpunkt erwischt, weil er im Begriff war, sich mental auf seine Performance einzustimmen. Dann sah ich noch einige Menschen, die ich zuordnen konnte, mit denen ich ebenfalls nicht bekannt war. Was der Abend nicht änderte, obgleich die Stimmung herzlich war.

    14. September 2025

    Style it Takes – wie Lou Reed und John Cale gesungen haben. Sevenstar Vibes. Ein bisschen edgy, arschcool, rockig, aber schon durchgestylt. Kamerafutter par excellence, wenn Galeriebesucher den Weg kreuzen, die aussehen, als hätten sie sich mit ihrem Schwarzweiß-Look und Hüten vor ihren Kleiderschränken abgestimmt. Der Cowboy und das Cowgirl kannten sich gar nicht.

    14. September 2025

    Unbedingt der Erwähnung wert, die Schätze, die gegenwärtig bei Sevenstar zu sehen sind. Unter anderem: Klaus Kinski 1962 im Hotel Atlantic in Hamburg von Peter Nürnberg eingefangen. Diese großformatige Fotografie war auch in den Anfängen der Galerie dort vertreten. Eines der ikonischsten Bilder der Sammlung. Ich habe das Kinski-Bild auch damals abgelichtet, links davon Thorsten, wie er im Juni 2009 war, mit einer Lupe um den Hals. Er hat sie auch benutzt, ich kann mich noch ganz vage dran erinnern.

    13. September 2025

    11. September 2025. Nicht „Siebzehn Jahr, blondes Haar“, sondern Siebzehn Jahr‘ Sevenstar aus meiner Kamera. Es war überaus gut besucht. Man hatte nicht den Eindruck, dass die zahllosen zeitgleichen Eröffnungen in dieser Nacht in der ganzen Stadt, die Besucher verstreut hätten. Ich habe ungefähr neunzig Prozent der Gäste nicht fotografiert. Extrem gutaussehende Menschen darunter, männlich als auch weiblich, divers. Fashionistas mit ausgezirkelten Haarschnitten und gut sitzenden Klamotten. Auch gute Getränke, hauptsächlich ein Weißwein namens „Bruderkuss Berlin“. Und in weiser Vorausschau viele Helferlein hinter der Bar.

      In der Bühnen-Nische gab es gegen 21 Uhr eine live Musik Performance – leider habe ich den Namen der sehr zart singenden und Gitarre spielenden Musikerin nicht mitbekommen, Mikro war bei der Ansprache bißchen leise eingestellt. Danach wurde es mystisch mit Weihrauch und Nebel und subtilem Gitarrengewitter und dem performendem Hausherrn. Zu meinem Bedauern konnte ich nicht bis zum Ende des Stelldicheins bleiben, wäre aber gerne. Immerhin verweilte ich länger als nur das mir aus Vernunftgründen (wg. elend frühem Wecker) verordnete Stündchen. Einer siebzehn- und einer neunzehnjährigen Besucherin erklärte ich an der Bar den Hintergrund der Jimi Hendrix-Fotos, sie guckten gerade intensiv auf eines. Jimi auf dem Bett, Jimi in der Küche am Herd, nochmal auf dem Bett, alles in der Londoner Wohnung von Ringo Starr, die er ihm freundschaftlich für Londoner Aufenthalte überlassen hatte. Fotos, die bereits im Mai im Amano hingen. In Vorbereitung des Katalogs hatte ich fein säuberlich den Hintergrund recherchiert. Dabei kam mir die Frage in den Sinn, was so junge Damen in eine Galerie führt, die eher von Menschen meiner Generation frequentiert wird, ob die Eltern…? Und so war es. Eine der Mütter kam hinzu. Die könnte sicher auch Geschichten von vor siebzehn Jahren erzählen, so wie ich. Aber morgen ist ja auch noch ein Tag.

      13. September 2025

      Schwertförmige Scheidenmuschel (Ensis ensis) heißen die länglichen Muscheln, auch Schwertförmige Messerscheide, Gebogene Schwertmuschel oder unspezifisch auch nur Schwertmuschel. Pharidae aus der Ordnung Adapedontaam, im Atlantik und den Nebenmeeren verbreitet. Am Strand beim Roten Kliff gesammelt, aufgeklaubt. Noch nie gesehen, auch nicht auf Föhr. Oder hab ich nicht darauf geachtet? Am Weststrand von Sylt, da beim Roten Kliff, lagen sie zuhauf im Sand, mehr als alle anderen Muscheln. Die auf dem Foto hab ich mitgenommen, das ist erlaubt. Aber: keine Sandburgen gebaut! Das dient dem Küstenschutz: sowohl Sandburgen als auch das Buddeln tiefer Löcher lockern den Untergrund und werden durch den Wind leichter abgetragen, was zu Landverlust führt. „Landgewinnung“ ist ein großes, existentielles Thema auf Sylt. Auf der Wattseite sieht man immer wieder seltsame Begrenzungen an der Küste, die aussehen wie kleine geflochtene Weidenzäune. Das hilft wohl, den Sand und damit Land nicht so schnell abzutragen. Muscheln, die nicht mehr leben, dürfen zur Erinnerung mitgenommen werden.

      13. September 2025

      Mehr Sylt. Strandkorb-Idyll bei Kampen am Roten Kliff. Anders, als auf der Schwester-Insel Föhr, werden die Körbe nicht mit Holzgittern versperrt. Vielleicht ist das Publikum auf Sylt anders zivilisiert. Ich habe keinen Korb gemietet, mich aber auch in keinen hineingesetzt. Am Strand brauche ich keine Möbel, ich liege gerne.

      12. September 2025

      Die Gallery. Am vergangenen Sonntag, 7. September 2025, beim Aufbau der Ausstellung. Thorsten, Jesús, Peter, durch die Scheiben fotografiert. Aber ich war auch innen, auf beiden Etagen. Ich schaute auf dem Rückweg vom LCB vorbei, liegt ja auf meinem Heimweg. Ich war neugierig auf den Fortschritt. Gestern die finale Hängung bei der Eröffnung gesehen. Ist sehr gut geworden. Das ockerfarbene Mauerwerk ist ein idealer Hintergrund für schwarz gerahmte Schwarzweiß-Fotografien. Farbaufnahmen nicht so sehr.

      11. September 2025

      So sah es vor vier Tagen bei Sevenstar aus, mittlerweile vielleicht wieder etwas anders, aber David Lynch hing gestern noch da hinten. Hat er auch einen guten Platz. Heute Eröffnung seit 19 Uhr. Bin gerade nach Hause gekommen, patschnass vom Platzregen. Um 19.30 soll der Regen aufhören. 21 Uhr musikalische Performance eines Gitarristen. Wenn ich mal rübergehe, dann leider nur sehr kurz, maximal ein Stündchen, muss morgen elend früh aufstehen. Wecker klingelt um 4 Uhr. Nur der Vollständigkeit halber: ich stelle da nichts aus, habe nur den Aufbau ein bißchen mitbekommen. Und die Blattvergoldungen von mir am Boden sind ja immer da. An einem Rahmen einer Fotografie, die Faye Dunaway zeigt, habe ich mich auch etwas verwirklicht, aber das würde ich deshalb noch lange nicht als ein „Exponat“ von mir bezeichnen. Wird sicher was zu trinken geben, also nicht nur Wasser. Gibt neuerdings Galerien, bzw. eine, wo ich gestern war, wo prinzipiell kein Alkohol mehr angeboten wird. Natürlich gibts in der Vernissagen-Szene ein paar Nassauer, Trittbrettfahrer, die mit Gallery-Hopping, zumal heute Gallery Night innerhalb der Berlin Art Week ist, ihren Alkoholismus preisgünstig pflegen. Aber solche Gestalten gehören doch auch irgendwie dazu. Protestantisch muss es ja auch nicht zugehen. Aber ist ein Kostenfaktor, ganz ohne Frage. Meine Haare sind noch nass, ich seh aus wie ein Hündchen, werde mich mal ein bißchen in Form bringen und in der Gormannstraße vorbeischauen. Vielleicht kann jemand von Euch auch spontan. Wird sicher lange gehen, auch ohne mich. Außerdem sind noch ein paar special Events im Zuge der Ausstellungsdauer zu erwarten, da es mehr oder weniger eine Retrospektive, Rückschau auf siebzehn Jahre Sevenstar sein wird.

      11. September 2025

      Kampf am Roten Kliff: Matadora Gaga. Torera! Der Toro, der wilde Sylter Stier, hieß Westwind. Das nicht ganz rote Tuch (ich Sixties- und Seventies-Kind liebe Orange) ist ein extra großes Bettlaken, das sich zwar leicht ausschütteln ließ, aber nicht so leicht falten. Hab es dann aber doch noch kleingekriegt, das störrische Ding…!


      10. September 2025

      Buntes Gewimmel. Gott und die Welt. Erklärung, wieso man Manchen nicht trifft. Ich gehöre zu denen, die rotieren. Hinsetzen mal für zwanzig Minuten, dann wieder weiter. Auf dem großen Anwesen gibt es viele schöne Ecken. Picknickmäßig stundenlang auf den Rasen getackert wie Einige, wäre mir zu langweilig. Mag anders sein, wenn man Kinder hat, freut man sich, seinen Flohzirkus zu überblicken. Sobald das Getränk zur Neige geht, will Nachschub organisiert werden. Geht man zur Schlange vor der Bar im Wintergarten oder zur Biertränke auf der abschüssigen Wiese Richtung Seebühne oder zum Stand der Villa rechter Hand?

      10. September 2025

      Geneigtes Publikum, überwiegend wohlsituiert, kultiviert. Oder so wirkend. Kann mich allerdings nicht entsinnen, dort schon einmal jemanden kennengelernt zu haben, den ich vorher nicht kannte. Man bleibt schon unter sich. Außer vielleicht ein paar ältere Herren, die im angeheiterten Modus etwas mehr Kontaktfreudigkeit bekunden. Aber alles immer dezent, versteht sich. Alter Westen!

      10. September 2025

      So sitzt es sich beim LCB am Wannsee. Spätsommer-Ritual, alle Jahre wieder. Gesehen werden oder sehen: lässt man sich nur ungern entgehen. Die Schlangen an den Getränkeständen immer lang. Deswegen verpasst man mitunter die eine oder andere interessante Lesung. Aber noch viel häufiger, weil man jemanden trifft, sich aufs Allerschönste verplaudert. Lesen kann man später.

      09. September 2025

      Julian Schütt, Autor von „Biographie einer Instanz“, zweiter Teil der Dokumentation der Lebenswege von Max Frisch, in die Mitte genommen von Thomas Strässle und Michael Krüger. Die Biographie beginnt im Jahr 1955 und endet mit Frischs Todesjahr 1991.

      In Max Frischs „Berliner Journal“, das Notizen der Jahre 1973 – 1974 umfasst, fehlen wesentliche Teile von Frischs existierenden Aufzeichnungen, die aus Gründen des Schutzes privater Interessen noch Lebender von ihm selbst als gesperrt ausgewiesen wurden (ob befristet bis zum Tod der Betreffenden ist mir nicht geläufig). 1973 manifestierte sich der Bruch in der Beziehung zu seiner Frau Marianne, sie lebt noch in Berlin.

      Im Spätherbst 1973, am 17. Oktober, erlag Ingeborg Bachmann den Folgen ihres Brandunfalles in Verbindung mit den damals nicht verifizierten, schweren Entzugserscheinungen verschiedener Psychopharmaka, Morphine, vorrangig Seresta, wie man heute weiß. Im von ihm selbst zu Lebzeiten veröffentlichten Berliner Journal ist nicht dokumentiert, was Frisch angesichts der Todesnachricht notierte. Nicht ob und nicht was.

      Und auch in dieser neuen Biographie, so viele Jahre später, wird nicht erhellt, was sich dazu im Nachlass findet. Das machte mich neugierig. Es ist bekannt, dass Frischs Gedanken immer wieder um Ingeborg Bachmann kreisten, das verunglückte Ende der Verbindung. In einem filmisch dokumentieren Gespräch in Berzona, am steinernen Tisch im Tessin, Wein auf dem Tisch, überträgt sich körperlich der Aufruhr von Frisch, als sein Interviewpartner ihn nach Bachmann befragt. Man schluckt.

      Nach der Runde vorgestern Nachmittag im LCB am Wannsee – zu der ich übrigens zu spät gekommen war – die Fotos entstanden in den letzten Minuten – gab es keine offene Fragerunde für das Publikum, wie ich mir erhofft hatte. Ich ging zum Ende kurz nach vorne zur improvisierten Bühne, Strässle saß noch neben Schütt, und fragte ihn, ob ich ihn später noch etwas fragen könne. „Ja, ja – natürlich!“

      Ich drehte eine Runde, holte mir ein Glas vom Côtes du Rhône und sah Schütt dann wieder in einem der ebenerdigen Räume der Villa, wo auch signiert wurde und Bücher aus dem Verlagssortiment gekauft werden konnten. Da stand Julian Schütt hinter einem der Tische und ich steuerte direkt auf ihn zu.

      Dass ich sein Buch gelesen hatte und mich infolgedessen ein paar Fragen bewegen, teilte ich ihm mit. Er ganz Ohr. Ich kam gleich auf den Punkt, der mich beschäftigte: da ich wusste, dass er vollen Einblick in den Nachlass und die Aufzeichnungen des Max Frisch-Archivs hatte, wieso sich im in der Biographie dokumentierten Jahr 1973 keinerlei Anmerkung zur Todesnachricht von Ingeborg Bachmann findet. Hat Frisch nichts notiert? Oder weil sich die Notiz innerhalb weitgehend gesperrter Passagen befindet? Wie ich es verstanden habe, gibt es durchaus eine verfügte Sperre, aber es gibt auch eine Notiz. Ein sehr knappe. Das Todesdatum und „Ingeborg gestorben“. Sinngemäß oder wörtlich. Sehr knapp.

      Welche Empfindungsflut hinter diesem minimalen Vermerk steht, stand, kann jeder ermessen, der mit dem Verlust eines nahen Menschen konfrontiert war. Paralysiert fluten Erinnerungen das Herz, Worte können nichts ausrichten, unnütz.

      Julian Schütt berichtete nun, dass Wegfährten aus diesem Zeitraum erinnerten, dass ein starker Rückzug bei Frisch einsetzte. Er betrank sich, betäubte sich. Über einen Zeitraum von mehreren Wochen, wie ich es verstand. Aber wie schade, dass das nicht in sein Buch einfloss. Es ist kein Geheimnis, dass Frisch Probleme hatte, sein Trinken virtuos zu handhaben. Aber dennoch mühte er sich immer um Disziplin, das Tagwerk hinzubekommen.

      Da fiel mir ein, Schütt meine ganz private Einschätzung mitzuteilen, was Frisch von Bachmann entfernte, wegdriften ließ: Frisch hatte bei der Begegnung in Paris eine schillernde Persönlichkeit in der Blüte ihrer Kraft erlebt. Was sich aber bald im Zusammenleben zeigte, war ein Alltag, der kaum bei Tag stattfinden konnte, wenn Ingeborg sediert den größten Teil des Tages verschlief, benebelt, nicht ansprechbar. Ihr Tablettenkonsum hatte nicht nach einer Enttäuschung mit Frisch begonnen, sondern lange vorher. Seine begabte Gefährtin war eine apathische Drogenabhängige, keine kraftstrotzende Göttin. Marianne hingegen besaß die volle Kraft ihrer wachen, aufstrebenden Jugend. Geist und Feuer. Hoffnung und Verheißung. Julian Schütt konnte meine Gedanken nachvollziehen. Er widersprach nicht.

      Dann interessierte mich noch, warum Max Frisch der Trauerfeier fernblieb. Die These von Schütt ist, dass er einfach nicht eingeladen war. Im Nachlass findet sich keine Einladung zur Trauerfeier. Die nächsten Angehörigen von Ingeborg Bachmann, wohl insbesondere ihre Schwester pflegte damals ein Feindbild, was Max Frisch anging. Auch eine Art Projektion von Schuldzuweisung, die gerade insofern bedenklich scheint, als heute bekannt ist, dass zum Unfallzeitpunkt großes Interesse aller Angehörigen bestand, den Ruf von Ingeborg zu schützen, keinesfalls zutage treten zu lassen, dass sie eine starke Medikamentenabhängigkeit hatte, zumal von illegal besorgten, verschreibungspflichtigen Morphinen. Das haben schon Wissendere ausgeführt, darum soll es in diesem Eintrag nicht gehen. Aber dieser eine Aspekt, zu hören, wie Max Frisch unmittelbar in der Zeit nach ihrem Tod auf diese doch für ihn erschütternde Mitteilung reagiert hatte, war mir überaus wertvoll.

      09. September 2025

      Ein vertrautes Gesicht, sofern man den Bachmannpreis in Klagenfurt via Übertragung oder live vor Ort verfolgt: Jurymitglied Thomas Strässle, Literaturwissenschaftler, Autor und Flötist, Professor an der Hochschule der Künste Bern und last but not least: Präsident der Max Frisch-Stiftung in Zürich. Auf jeden Fall ein Jury-Mitglied, dem ich gerne zuhöre. Wie ich überhaupt gestehen muss, dass mich die Eloquenz der Juroren nicht selten mehr fasziniert und unterhält, als die dargebotenen Texte. In der Runde am Sonntag im LCB ging es ausschließlich um Max Frisch, genauer, den zweiten Teil von Julian Schütts gründlicher Biographie, die in diesem Jahr bei Suhrkamp erschien. Auf dem Tisch ist das Werk „Biographie einer Instanz“ zu sehen. Strässle moderierte das Gespräch mit Julian Schütt und Michael Krüger.

      08. September 2025

      Danke für das schöne Foto von Ina und mir, lieber Bernward. Wir quatschten die ganze Zeit, anstatt zuzuhören. Eine Dame beschwerte sich, nicht zu Unrecht. Ina erzählte mir von ihren Sylt-Reisen, ich ihr von meiner. Sie war schon mal als Kind zur Kur auf Sylt, irgendwo bei Hörnum. Die Zeit verging wie im Flug. Oft kann man die Lesungen später auf youtube nachhören- und gucken. Die scheinbare Ignoranz war Begleiterscheinung einer Fokussierung auf persönlich Wesentliches. Ich hatte mir gezielt die Max Frisch-Runde ausgeguckt, da ich Julian Schütts Biografie über Frisch, den zweiten Teil, gelesen hatte. Ich habe gestern die Gelegenheit beim Schopf gepackt, Schütt einige Fragen zu stellen, die mich nach der Lektüre bewegt hatten. Speziell auch Ingeborg Bachmann betreffend. Er hat mir ausgiebig geantwortet. Doch dazu später.

      06. September 2025

      Von der Galerie in der Schlegelstraße in Mitte gingen wir in einem kleinen Grüppchen zu Semjon Contemporary, einer kleineren Galerie mit erkennbar kuratierten Ausstellungen. Es war die Eröffnung von Fotografien von Rick Castro, der sich mit Bondage Motiven befasst. Starke Persönlichkeiten und Blicke eingefangen.

      Bin gespannt, ob dieser Eintrag hier kurzfristig zensiert werden wird, genauer meine ich damit, bei facebook gesperrt, wegen der im Hintergrund erkennbaren nackten Tatsachen. Es ist so undifferenziert und altbacken. Ebenso, als würde heutzutage noch jemand pikiert gleichgeschlechtliche Liebe mit einem Naserümpfen kommentieren. Würde mich sehr freuen, wenn die betreffenden Social Media Plattformen, die sich hier zum Sittenwächter aufspielen, endlich in der Gegenwart und der Realität ankämen.

      Worin soll hier genau die Gefahr bestehen? Mein persönliches Interesse an Bondage und S und M etc. pp. tendiert gegen Null, aber ich möchte, dass sich hier niemand eingeschränkt fühlen muss, wegen welcher Vorlieben auch immer. Es ist mir herzlich wurst, was jemand im Schlafzimmer treibt, so lange niemand zu seelischem oder körperlichem Schaden kommt. Jedem Tierchen sein Pläsierchen. Ist das alte Sprichwort in Vergessenheit geraten?

      06. September 2025

      Mitte, Schlegelstraße Ecke Borsigstraße. Vorgestern Fußweg zur Galerie Kunstpunkt. Kurz nach Acht, es war gerade dunkel geworden. Ich hatte einen ausgedruckten Plan dabei, wie ich laufen muss. Der half uns später auf dem Weg von der einen zur anderen Galerie in der Schröderstraße, obwohl die Bekannte von Jan es etwas peinlich fand, mit dem Plan gesehen zu werden. Ich zu ihr: „Gib ihn mir! Mir ist nichts mehr peinlich!“ Ich liebe meine ausgedruckten Stadtteilfragmente. Sie werden nachhaltig von mir in einer schönen Schachtel aufbewahrt, gefaltet, alphabetisch nach Location sortiert. Papierne Displays, die ganz ohne Strom funktionieren, keine Ladezeit vonnöten, allzeit bereit. High End.

      06. September 2025

      Noch eine Handvoll Aufnahmen aus der Schlegelstr., Galerie Kunstpunkt. Lichtquelle überall statische Neonröhren an den Decken. Das erste, was ich anders machen würde. Für mich auch schwierig, das Potenzial eines Künstlers zu eruieren, wenn nur ein Exponat oder eine kleine Serie vorhanden ist. Einen roten Faden konnte ich nicht entdecken, also eine dezidierte kuratorische Absicht oder „Hand“. Eher Marschrichtung: „Wer will, der kann, Anmeldefrist xy“. Ich bin aus dem Alter raus, wo man aus opportunistischer Motivation mit seiner Meinung hinterm Berg hält. Jedenfalls, wenn es nicht menschelt. Hier nicht der Fall. Jan bin ich so oder so verbunden, seine fotografischen Arbeiten sind solitär.

      05. September 2025

      Partners in Crime. Jan, Bernward und meine Wenigkeit, gestern in einer Galerie namens „Kunstpunkt Berlin“, in der Schlegelstr. in Mitte. Eigentlich war ich zu schläfrig, um überhaupt irgendwo hinzugehen, aber ich hatte Jan versprochen, vorbeizuschauen. Er stellt dort neben anderen Künstlern einige Fotografien aus. Auf den Fotos wirke ich erstaunlich munter. War aber auch wie immer amüsant, die Beiden zu treffen. Natürlich wird auch gelästert. Klar!

      04. September 2025

      Sylt. Blick hinunter von der hohen Uwe Düne zum Strand vom Roten Kliff. Kilometerweit naturbelassene Nordseeküste. Keine Buhnen, nichts durchkreuzt die Sicht. Ein paar Strandläufer, weiter nichts. Spätsommer. Die Saison neigt sich dem Ende. Man kann aber durchaus noch ins Wasser und schwimmen. Hab ich gemacht. Dieser weitläufige Abschnitt der Westküste liegt zwischen Wenningstedt und Kampen. Etwas nördlicher kommen Strandabschnitte mit Strandkörben, die werden noch gut besucht.

      02. September 2025

      Frau von Kampen bei der Abreise. Gestern Vormittag, leicht verknautscht wegen zu wenig Schlaf, im Entrée der Unterkunft fotografiert. Warten. Warten. Warten aufs bestellte Taxi. Nun wieder geschäftlich etc. in Berlin. So ein Abreisetag ist vorzüglich geeignet, um davon abzulenken, dass man einen irgendwie runden Geburtstag hat. Habe es wirklich über längere Strecken vergessen. Bei einem Zwischenintermezzo in einem Steakhaus am Hamburger Hauptbahnhof, Wartezeit bis zum nächsten ICE nach Berlin, fiel es mir schlagartig wieder ein. Ich konnte einfach nur da sitzen und musste nicht von A nach B umsteigen. Der Kellner (sagt man das noch?) kam, um die leeren Teller abzuräumen, ich erwähnte, leider keine Zeit mehr für ein Dessert zu haben, obgleich schon Appetit. Da plapperte ich aus, dass es mein Geburtstag ist, wie ein kleines Kind, das auf Geschenke spekuliert. Der junge Mann vom Service, der schon die ganze Zeit überaus freundlich und beflissen war, drehte sich auf dem Absatz um und servierte von sich aus großzügig eingeschenkten Schaumwein zum Anstoßen. Merci! 💋

      In Berlin war das Wetter beinah noch sommerlich. Auf Sylt regnete es so hartnäckig, dass sämtliche Taxis ausgebucht waren, sonst wäre ich noch früher gefahren. Ich pokerte mit der aufgehobenen Zugbindung, die sich – wie ich meinte – hauptsächlich auf die Hinfahrt bezog, wo ja eine Menge Chaos und Unterbrechung war. Da ich aber Hin- und Rückfahrt mit einem Ticket und damit einem QR-Code gebucht hatte, wollte ich testen, ob sich die Aufhebung auch auf die Rückfahrt erstreckt. Wäre es nicht so gewesen, hätte ich eben nachgezahlt. Aber der scannende Schaffner hatte nichts zu beanstanden. Gut, das ich schon nach elf von Westerland losgefahren war, und nicht erst nach siebzehn Uhr, wie es auf meinem Superspar-Ticket mit Zugbindung vermerkt war. Als ich schon wieder daheim war, trudelten zahllose Mitteilungen der Bahn über diverse Verzögerungen ein „Ihr Anschluss kann nicht erreicht werden“. So war mir das egal und ich freute mich, das mal ausgetestet zu haben. Bei meinen letzten Bahnfahrten gab es immer Verzögerungen. Also kann man schon mal das Superspar-Ticket mit Zugbindung anpeilen. Meistens halte ich die Züge ja ein, die ich bei der Buchung avisiert habe. Das war gestern eher eine Ausnahme. Nun muss ich mich also daran gewöhnen, dass meine Umgebung nicht mehr wie ein endloser Ralph Lauren- oder Tommy Hilfiger-Werbespot ausschaut. Auch bitter: ich habe es doch tatsächlich versäumt, den Imbiss, der sich auf jeder Speisekarte in Kampen findet, zu probieren: Currywurst mit Trüffelfritten. Schande über mich. Vorhin normale Berliner Currywurst mit Pommes und Mayo gegessen. War ok, aber Mayo ohne Trüffel. Luft nach oben!

      01. September 2025

      Der letzte Tag im August auf Sylt zeigte eine Mischung aus leicht/mehr/weniger bewölkt – aber keinen Regen. Beim Verlassen des Hauses sogar Sonne. Gegenüber ist eine Mixtur aus Immobilienmakler, Interieur-Geschäft und Galerie. Jenny Jürgens, die Tochter von Udo stellt dort derzeit Fotografien aus. Großformatig abgezogen, überwiegend auf Alu-Dibond, was wegen des starken Glanzes nicht so mein Geschmack ist. Zwei Motive fand ich ausgesprochen gut, schwarzweiß. Sie hat auch Farbfotografien dabei.

      Dann über die Hauptstraße, Himmelsrichtung Hobokenweg, die angeblich teuerste Straße Deutschlands, Quadratmeterpreise zugrunde gelegt. Vor dem Verlassen der Immobilien-Interieur-Galerie fragte ich die Mitarbeiterin noch nach dem Preis der Ferienwohnung. Ich meinte exakt das Objekt, das meine Kampener Unterkunft war. Ich hatte nämlich Bilder davon auf der Website der Immobilien-Interieur-Galerie entdeckt, aber keinen Verkaufspreis. Antwort: 785.000 €. Es handelt sich um eine quasi zwei-Zimmer-Wohnung auf zwei Ebenen, also Maisonette, (natürlich) unter Reet, ca. 50 qm. Im Untergeschoss ein indoor Pool, nicht klein. Leider nicht fotografiert, aber drin gewesen.

      Weiter spaziert. Zuerst von der Ferienwohnung zur allseits bekannten Kupferkanne, dem Gartencafé. Es ging zunächst durch einen versteckten Park, der komplett leer war, die Bepflanzung entsprach der Ästhetik der Gärten. Aller Gärten. Rundlich, aber nicht kugelrund gestutzte Hecken aus vielerlei Gehölz, zahllose Kiefernsorten, Buchs, Heckenrosen. Ich vermute – nein, bin mir sicher, dass diese runden Formen für die heimelige Anmutung verantwortlich sind. Keine eckig gestutzte Hecke irgendwo entdeckt. Alles ganz weich, manchmal wie grüne Wellen. Und genau in dem Maß unregelmäßig gerundet, dass es auch so gewachsen sein könnte.

      Oder gibt es Züchtungen speziell für Kampener und Keitumer Gärten, die von Hause aus in einer gerundeten Silhouette wachsen? Nein. Das wäre zu wundersam. Im Zauberland von Kampen und Keitum gibt es keine Jägerzäune, aber auch keine Extravaganzen, wenn es um die Begrenzung eines Anwesens geht. Unten in einer Höhe von ca. 40 – 50 cm runde Wackersteine übereinander. Wahrscheinlich mit Lehm zusammengefügt, hier und da vielleicht auch zementiert. Traditionell friesisch. Aber konsequent. Darüber oder direkt dicht dahinter Bepflanzung. Geld spielt keine Rolle. Ein bißchen die atmosphärische Anmutung in den ganz edlen Straßen, als ob man bereits einen Privatweg betreten hat. Einen Park. Jedenfalls keinen schnöden der Allgemeinheit zugänglichen Gehweg. Sind sie aber. Diese ganzen „Wais“.

      Die teuersten Anwesen habe die uneinsehbarsten Heckenskulpturen. Kunstwerke von Gärtnerhand. Man steht nie vor einer hart abweisenden Wand. In Treppen und Stufen werden die gescherten Gehölze angeordnet. Keine eckigen Treppen. Alles weich und freundlich. Ich habe den Eindruck, durch einen Werbespot zu laufen. Ist das alles wirklich wahr und echt? Jedenfalls nicht aus Plastik. High End in allen möglichen Aspekten, vor allem ästhetisch.

      Und perfekt eingebettet findet sich in diesem Szenario die Kupferkanne, das alte Künstercafé im riesigen, verwinkelten Garten. So weitläufig, dass es sogar Hinweisschilder mit Lageplänen gibt. Drinnen alles lauschig. Cosy. In zahllosen Séparées aus abermals rund gescherten Gehölzen – und nie zu vergessen: prachtvollsten Hortensienbüschen in allen erdenklichen Dimensionen – sitzt man gepflegt an runden Holztischen, bekommt frische Kuchensorten und Tee- und Kaffeespezialitäten serviert. Die Gäste an den Nachbartischen schmiegen sich wie Rosamunde Pilcher-Filmen entsprungen, in die Gartenstühle. Heilste aller Welten.

      Danach zum Watt. Die Wege begrenzt von Heckenrosen, Hagebutten. Auch Sanddorn. Immer am Wasser lang, Richtung Vogelkoje. Ein Naturschutzgebiet, aber auch Restaurant. Im nördlichsten Kampen sieht man beim Vorbeiwandern ein reetgedecktes Anwesen, das auffallend anders anmutet, als die übrigen zahllosen Reethäuser. Es wirkt wie eine stolze Burg. Aber eine heimelige. Der sogenannte „Klenderhof„. Der namentlich bekannteste Eigentümer in der langen Geschichte des Anwesens war Axel Springer. Nicht so leicht zu eruieren ist, ob dieses Objekt in Vorzugslage (in ganz weitem Radius kaum Nachbarhäuser und Blick zum Wattenmeer) heute noch bewohnt wird oder als exklusive Ferienunterkunft dient. Wie auch immer – sehenswerter Anblick. Fotos folgen.

      In der Richtung unterwegs bietet sich an, die Vogelkoje anzupeilen, ein ganz lauschiges Restaurant, das auch einen Garten hat. Mich amüsierten die patinierten, leergetrunkenen Methusalem-Champagner Flaschen auf Seitentischen mit Blütenarrangements (auch wieder gerne Hortensien). Der Service war so fix, dass es nicht zu überbieten war. Das Schwarzbrot mit gereichtem Aufstrich unfassbar knusprig, das Pils in Lichtgeschwindigkeit serviert. Ein Süppchen und den César Salad gekostet. Alles bestens.

      Das Damen WC und die Innenräume mit viel Liebe zum Detail dekoriert. Schwarzweiß-Portraitfotografien, die Samuel Beckett und Andy Warhol zeigen, im Gastraum – neben anderer großformatiger Fotokunst. Im Lady’s Room eine Tapete mit Reptilienstruktur, das Waschbecken eine silbern patinierte, runde Schale. Wie viele virtuose Interior Designer haben sich auf Sylt verwirklicht. Speziell in den exklusivsten Restaurants. Ich vermag es nicht zu beantworten.

      Von der Vogelkoje kann man waagerecht links gehen (die Landkarte denken), dann kommt da eine Akademie des Meeres, scheinbar ein Veranstaltungsort für verschiedene Workshops. Eine orientierungslose Passantin erfragte die Richtung, erwähnend sie sei auf dem Weg zu einer Yoga-Week.

      Auf der Höhe dann gab es einen direkten Wanderweg zum Meer. Dort war es annähernd komplett leer. Schätzungsweise gegen Sieben dann also wieder zum Meer, zur wilden Nordseeküste. Ein langer, langer Spaziergang am Spülsaum zurück Richtung Süden, Richtung Kampen. Buhne 16 auf dem Weg. Über viele Kilometer nur zwei besetzte Strandkörbe. Wer am Sonntag Abend noch auf Sylt ist, hat wohl um die Zeit eher Dinner im Sinn.

      Der Himmel zeigte furiose Farben und das noch lange, nachdem die Sonne bereits ins Meer gesunken war. Facetten zwischen Blaubeer- und Brombeer- und Himbeereis. Meine Füße wurden nass, ich hatte die Turnschuhe anbehalten. Die Socken fühlten sich noch überraschend lange nicht unangenehm nass und kalt an.

      Es war noch nicht komplett dunkel, man konnte noch eine Kolonie von Strandvögeln erkennen, die sich in Reihen sammelten. Spezies kann ich gerade nicht benennen. Aber auch menschliche Strandvögel, drei Surfer mit ihren Brettern hatten Lust, ihre Kunst in dieser Nacht am Meer auszuprobieren. Die Surfbretter und ihre Silhouetten wie Scherenschnitte.

      Endlich wieder am Strandweg nach oben, ins Herz von Kampen. Die sandigen Schuhe und Strümpfe und restlichen Klamotten vom Körper gestreift, unter die Dusche (ja, Regenwald-), in trockene bequeme Klamotten. Kühlschrank gesichtet, letzte Bestände vorgenommen. Eine der guten Flaschen vom Kampen-Kaufmann geöffnet. Die ist jetzt leer. Ach… da ist ja noch ein Rest spanischer Rotwein… Gute Nacht aus Kampen, ein letztes Mal. War schön.

      31. August 2025

      Heute Wölkchen in Kampen, aber kein Regen. Gestern in Keitum gewesen, mit dem Bus hingefahren. Gegenüber der Bushaltestelle schicke Galerien und gleich daneben Ralph Lauren. Ganz verwinkelt und putzig, dieses Keitum.

      Im ältesten Haus am Ort, dem altfriesischen Haus, gibt es originale friesische Inneneinrichtung, viele hundert Jahre alt. Schlafkojen mit alter gestreifter Bettwäsche, Kupfergeschirr und herrliche blau-weiße friesische Fliesen überall an den Wänden. Die Türstöcke verspielt bemalt. Wunderschön. Picknick mit Blick aufs Watt gemacht, Stullen mit Trüffelsalami und Cornichons vom Kampen Kaufmann.

      Dann bißchen rumgelaufen und ins nicht weit entfernte, über hundert Jahre alte Café Nielsen, auch mit Blick aufs Watt. Obwohl Samstag war, dachte man es ist Sonntag. Ganz, ganz ruhig.

      Und auch im überschaubaren Keitum: die frühere Unterkunft von Gunter Sachs, der Stutenhof. Das steht aber nirgends dran, hab ich recherchiert. Ein Anwesen mit hohen, kugelig geschnittenen Hecken (wie es hier Mode ist), man konnte aber durchgucken, auf das gepflegte Haus, wo auch heute noch Ferienwohnungen sind. Gute Atmosphäre. Ich habe zwei Äpfel von den Apfelbäumen vom Stutenhof mitgenommen, die runtergefallen sind. Einen hab ich gerade in meinem Obstsalat gehabt. Ich muss sagen: Keitum ist noch mal eine andere Liga als Kampen, weil romantischer, diskreter und noch feiner. Aber halt Wattseite.

      Später zurück in Kampen wieder zum Strand, um den Sonnenuntergang zu bewundern. Danach heim und dort gegessen. In dem Strandrestaurant war mir die Musik zu aufgedreht. Hatte Bedürfnis nach Ruhe. Manche sagen, Sylt macht schläfrig.

      Heute Spaziergang durch einen anderen Teil von Kampen, wo auch das berühmte Gartencafé Kupferkanne ist und der teure Hobokenweg. Von da dann weiter, eventuell in die Dünen Richtung List.

      30. August 2025

      Gruß aus Kampen:-) Sonne scheint wieder, gestern Abend gabs Regen und heute Morgen ganz stark bewölkten Himmel. Ach! Es ist ja noch Morgen, nun nur noch winzige leichte Wölkchen und warme, kräftige Sonne. Gestern zuerst zum Kampen Kaufmann, der schon etwas teurer ist, als andere Lebensmittelgeschäfte, aber er ist halt der Einzige. Am Eingang gleich ein Regal mit zahllosen Schaumweinsorten, darunter drei Varianten Dom Perignon. Willkommen in Kampen! Hatte mich da bedient – also nicht am Dom Perignon, sondern am Crémant, dann weiter hinten kam erst die „richtige“ Schaumweinabteilung, eine ganze breite Wand bis unter die Decke und eine weitere Wand mit besten Weißweinen und eine weitere Wand mit sehr guten Rotweinen. Aber Biosahne hat er nicht, der Kampen Kaufmann, nur die von Weihenstephan mit Carragen und noch eine hiesige, auch mit Carragen. Hatte keine Wahl, habe beide Sorte gewählt. Aber guten regionalen Joghurt, Sanddorn-Gelee gabs auch, von der Kampen-Kaufmann-Eigenmarke, hab ich mitgenommen. Und dies und das.

      Schwer getragen bis nach Hause. Dabei an diversen Boutiquen vorbeigekommen, unter anderem Hermès und Louis Vuitton. Klar, was sonst. Alles andere hätte mich irritiert! Das Publikum hier sind entweder ansässige Touristen oder Zweitwohnungsbesitzer oder Touristen aus anderen Sylter Dörfern. Beim Verlassen meiner Hütte (schönes Reet, klar – was sonst) stand vor mir direkt eine Touristin, die den Eingang fotografierte. Der ist aber auch schön. Muß ich auch noch nachholen. Noch kein einziges Foto von der Wohnung gemacht, weder von außen noch von innen. Noch nicht dazu gekommen.

      Danach Einkäufe in der Küche einräumen, Kühlschrank ist nun prall gefüllt und anschließend gings Richtung Strand. Mein erstes Mal! Also auf Sylt. Die Kurhausstraße, wo meine Unterkunft ist, führt mehr oder weniger direkt zum Hauptstrand von Kampen.

      Aber ich bog vorher links ab, da fingen nämlich die Holztreppen zur hohen „Uwe-Düne“ an. Ein richtiger Aufstieg, auf Zwischenplateaus gibt es Holzbänke, von denen man die Aussicht übers Meer und in die Dünen und die Heide genießen kann. Ein sehr großes Naturschutzgebiet, das man dort zumindest, nur über Holzstege begehen kann. Mich erinnerten viele Ausblicke an Island, sehr, sehr ähnlich.

      Aber dann – und das war gar nicht ähnlich: die wilde Nordseeküste. Schon von oben war ich beeindruckt von der unermesslichen Weite, Länge, Breite des breiten, weißen Sandstrandes. Keine Merkmale der Zivilisation dazwischen, keine Buhnen, nur wildes Meer. So schön. Ganz anders, als ich es auf Föhr erlebte. Majestätisch und wild und naturbelassen. Da, wo die Treppe nach unten führte, war das Rote Kliff. Es erstrahlte im Mittagslicht nicht rötlich, sondern ockergelb. Anhand der Fotos hatte ich es mir viel kürzer, kleiner, überschaubarer vorgestellt. Vielleicht ist es schwer zu fotografieren.

      Kilometerweit kann man den Strand entlang gehen, immer wieder Strandspaziergänger, gebadet wurde auch. Ich legte das mitgebrachte orange Laken an eine schöne, einsame Stelle und begab mich langsam ins Meer. Zuerst schien es sehr kalt, das war aber nur an einer Stelle. Ein paar Meter weiter kam es mir schon lauwarm vor. Ich ließ mich immer wieder von der wilden Gischt überrollen und grub die Füße in den Sand. Die Zeit vergessen, die Sonne gleißte, flüssiges Silber. Sanfter Wind. Nicht anstrengend und hart, wie befürchtet. Alles war einladend und sommerlich und friedlich. Die Flaneure führten oft ihre Hunde mit und hatten eine tiefe Bräune, sahen aus, wie man sich so klischeehaft gut situierte Norddeutsche vorstellt. Sandfarbene oder weiße Hosen, blauweiß geringeltes Shirt.

      Über viele Kilometer gab es keine Strandkörbe. Erst auf dem Rückweg sah ich sie in dem Strand-Abschnitt, wo ein Weg nach oben wieder zurück zur Wohnung führte. Auch das war ein schönes Bild. Alle Strandkörbe weiß mit blauweiß gestreiften Polstern. Sylt ist wirklich besonders. Wirklich, wirklich beeindruckend. Auch besonders, dass eine Baby-Robbe am Strand gefunden wurde, die hilflos war und gerettet wurde, von den Sylter Robben-Rettern. In einer große Plastikwanne mit einem Holzgitter lag sie und guckte mit großen Bambi-Augen raus. Was für ein wunderschönes Tier. Sie hatte richtige Smoky Eyes, zum Verlieben. Sie wurde dann in einem Transporter mitgenommen zum Versorgen und Hochpäppeln, hat wohl die Mutter verloren.

      Der Weg zurück nach oben, nach Kampen, war noch mal ein bißchen wie Bergwandern. Ich wollte eigentlich spaßeshalber auf dem Rückweg die geparkten Porsches zählen, hab es aber dann vergessen. Nach dem Strandtag war man dann rechtschaffen müde, ja schläfrig. Ich machte ein kleines Nickerchen und am Abend ging es nach List. In ein Austern-Restaurant, das so heißt wie die hiesige Pracht-Auster: „Sylter Royal„. Ich habe nicht so eine Neigung zu den etwas schwabbeligen Meerestieren, aber in dem Restaurant gab es unfassbar viele Varianten der Zubereitung, auch einige mit Käse Überbackene oder welche mit Spinat. Endlose Auswahl. Das hat mir dann doch sehr gut geschmeckt und war gar nicht schwabbelig.

      Fotos hab ich auch gemacht, vom Roten Kliff und von der Uwe-Düne und den Strandkörben und den Kamm-Muscheln, die ich gefunden habe, die es zuhauf am Strand gibt. Und von den Austern! Bin noch nicht dazu gekommen, die Fotos überhaupt runterzuladen. Das mache ich jetzt als nächstes. Und dann wartet draußen ja schon wieder Sylt und will weiter entdeckt werden! Aber erst mal Frühstücken und Fotos angucken. Die zeige ich wohl alle erst, wenn ich wieder in Berlin bin. Bleiben Sie dran!

      29. August 2025

      Gruß aus Kampen:-) Sonne scheint. Der Taxifahrer, der mich gestern nach der wahren Odyssee der Anreise (ging noch bis Flensburg die Irrfahrt…) von Westerland nach Kampen brachte, hatte Klassik Radio laufen und es gab die V. von Gustav Mahler. Das war sehr besonders. Fotos später, erst einmal einkaufen beim Kampen Kaufmann und die Insel genießen. Bis nachher, später.

      28. August 2025

      Gruß aus dem RE 7 nach Flensburg! So war das nicht geplant. Leider hatte auch der RE 6, geplante Abfahrt in Altona Richtung Westerland um 13.36 Uhr, Verspätung und dann Unterbrechung in Elmshorn wegen eines Unfalls bei Glücksstadt. Der Schienenersatzverkehr sieht nun so aus, dass die ganze Truppe, die nach Westerland wollte, in Elmshorn zu Gleis 1 geschickt wurde, weil da ein Zug nach Flensburg fährt, der, in dem ich jetzt bin. In Flensburg dann umsteigen nach Husum. Oder schon in Rendsburg? Ich hatte vorhin zur weiteren Verwirrung verstanden, dass dieser Zug nach Lübeck führe. Dachte noch, schade, wollte ich auch mal sehen. Nun stellt sich im Fahrtverlauf heraus, dass er keinesweg nach Lübeck, sondern in ein Dörflein namens Jübek fährt. Hört sich für eine Ortsunkundige wie mich erst mal komplett identisch an. Googeln ergibt: Jübek liegt zwischen Gammellund, Sollbrück und Esperstoft und hat ca. 2.700 Einwohner. Hat mans mal gehört. Hoffentlich verpeile ich nicht die nächsten Umstiege. Inzwischen ist glasklar, dass das FeWo-Büro, wo ich die Schlüssel abholen sollte und die Kurkarte, um 17 Uhr schließt, da bin ich noch lange nicht in Kampen. Sie wollen mir einen Tresorcode schicken, wo ich die Schlüssel rausnehmen kann. Wird schon irgendwie klappen. Habe langsam Hunger. Nur Knabberzeugs in der Tasche. Bio-Tortilla-Röllchen von Rossmann. Hätte lieber ein Bier. Aber jetzt wieder Super-WLAN. Immerhin. Kleine Freuden…!

      28. August 2025

      Gruß aus Altona! Sitze auf Bahnsteig 7 und warte auf den RE 6 nach Westerland. Der vorher, der meiner gewesen wäre, ist wegen irgendeiner Signalstörung ausgefallen. Neben mir sitzt ein anderer Fahrgast und knuspert irgendein crunchy Zeugs. Jetzt steht er auf, sein Zug auf dem anderen Gleis ist gekommen. Ich hätte bei der Fahrt vorhin schon wieder Romane schreiben können. Fahrgäste beobachten, großes Hobby von mir! Ich hatte einen Platz im Bordbistro gewählt, mir gegenüber einen Dame, ca. Mitte/Ende Sechzig, die bestellte sich gleich mal bei Abfahrt um 9:45 die erste Piccolo. Weiter nix. Ich Cappuccino und Tonic (OHNE GIN!). WLAN klappte gleich, aber dann dachte ich, mein Rechner spinnt, braucht Updates oder was. Die Maus reagierte scheinbar nur zufällig und unerwartet. Nach einer ganzen Weile, ich hatte schon die Batterie gewechselt, kam ich drauf, dass ich blöderweise bei den Einstellungen von Haupttaste links auf Haupttaste rechts umgestellt habe, keine Ahnung, wann das passiert ist. Also wieder richtig eingestellt, dann konnte ich auch dem FeWo-Büro mitteilen, dass ich eine Stunde später in Kampen eintrudle. Nun nur noch zwanzig Minuten, verging doch schnell. Dabei einen Apfel gegessen, WLAN von der Bahn funktioniert am Bahnsteig nicht, hab einen T-Online hotspot gefunden, über den schreibe ich das.

      28. August 2025

      Nicht der erste Eintrag aus Sylt. Weiß nicht, ob ich am Reisetag dazu komme, einen Eintrag zu schreiben. Zug fährt um halbzehn. Fertig gepackt. Mein Equipment hat doch einiges Gewicht. Die Kamera, das Notebook, der Notebook-Lautsprecher, Klimbim. Eine größere Reisetasche, eine kleinere, meine Umhängetasche. Hauptsache rechtzeitig und nicht atemlos am Hauptbahnhof. Der ICE fährt bis Altona, da gehts dann in den bummeligen RE 6 nach Westerland. Hab gesehen, dass der vor Westerland in Keitum hält, was näher an Kampen ist. Aber so sehe ich das zu Kampen äußerst kontrastreiche Westerland mit eigenen Augen. Werde wohl ein Taxi statt des Busses nehmen. Ankunft ca. 16 Uhr in Kampen.

      Erst mal den Schlüssel für die Ferienwohnung im Braderuper Weg abholen, im (natürlich reetgedeckten) Haus von der Ferienwohnungsverwaltung ist auch der Nachtclub „Rotes Kliff“. Scheint neben dem legendären „Pony“ der andere Nightlife-Hotspot in Kampen zu sein. Also Schlüssel abholen und auch die Gästekarte oder Kurkarte, die schon vorbereitet wurde, die u. a. den Zutritt zu den Stränden erlaubt. Dann in die Kurhausstraße zur Wohnung, Gepäck ablegen und dann zeitig zum Kampen Kaufmann. Der einzige Kaufladen dort, der schließt um 18 Uhr. Wie früher! Also erst mal einkaufen, dann in Ruhe auspacken.

      Apropos Bücher – ich nehme nur den Sylt-Reiseführer mit, erfahrungsgemäß komme ich eh nicht dazu, Bücher zu lesen. Das hier auf den Fotos „Einige Herren sagten etwas dazu“ von Nicole Seifert würde ich auf keinen Fall mitnehmen, viel zu gewichtig. Inhaltlich ganz interessant, die Geschichten, Biographien der Frauen in der Gruppe 47. Kann man Entdeckungen machen, habe mir teilweise schon Bücher der erwähnten Schriftstellerinnen bestellt, von denen ich vorher noch nichts gehört hatte. Es wird ja hauptsächlich immer von Ingeborg Bachmann und Ilse Aichinger im Zusammenhang mit der Gruppe berichtet. Wohmann und Gisela Elsner waren mir auch ein Begriff.

      Was ich allerdings etwas unreflektiert finde ist, wie Hans-Werner Richter abermals dafür angeprangert wird, dass er sich vorbehalten hat, zu entscheiden, wen er zu den Treffen einlädt. Interessanterweise wird von seinen Kritikerinnen und Kritikern nie erwähnt, dass er die Zusammenkünfte, vor allem in den Anfangsjahren, nicht nur federführend organisiert, sondern auch finanziert hat. Über solche niederen Belange wie Kosten, die solche Events verursachen, mag man sich offenbar nicht den Kopf zerbrechen, aber von der Einladung in vielfacher Hinsicht profitieren, wurde schon gerne genommen. Das regt mich auf. Aus meiner Perspektive war Richter ein Idealist, der sich und anderen Literatur-affinen Zeitgenossen, mit denen er eine Wellenlänge hatte, inspirierende Erlebnisse und anregenden Austausch bieten wollte.

      Aber ich schweife ab. Werde mich mal in die Federn begeben. Morgen also in den hohen Norden. Tatsächlich zum nördlichsten Fleck von Deutschland überhaupt. Der ist da oben in List, am sogenannten „Ellenbogen“, oberhalb von Kampen. Ich melde mich.

      27. August 2025

      Gestern. Sonne getankt… gelesen, Anziehsachen zum Packen rausgesucht. Jetzt habe ich vier paar schwarze Socken eingepackt, aber keine dazu passenden Schuhe. Jedenfalls nicht für vier paar schwarze Socken. Die Sachen, auf die ich Lust habe, sind sommerlich und passen eher zu Sandalen, zu denen ich ganz bestimmt keine schwarzen Socken anziehen werde. Wenn es aber am Abend kühl wird oder auch regnet… hm. Auch so ein Tick von mir, dass ich Sachen zur Auswahl haben möchte. Ich kann mir nicht heute schon überlegen, festlegen, was ich übermorgen oder überübermorgen anziehen will, worauf ich Lust habe. Ja, das sind ganz herrliche Luxus-Probleme – Champagne Problems. I know…!

      27. August 2025

      Gruß vom Balkon. Die reparierten Sandalen abgeholt, das Netzteil besorgt und war noch bei dm und nebenan bei C&A, dort zwei Fähnchen gekauft. In Spiegelbild der Umkleide wieder einmal völlig von der Beleuchtung und dem daraus resultierenden Anblick der nackten Tatsachen schockiert, um nicht zu sagen: traumatisiert. Da hilft nur ganz schnell was drüberziehen und Haltung bewahren. Jetzt trenne ich die kratzigen Etiketten mit der Nagelschere raus und genehmige mir dabei ein Glas Sancerre. Das wird helfen.

      27. August 2025

      Guten Morgen aus Berlin, noch leicht bewölkt, die Sonne arbeitet sich gerade vor, unten Gebrumme und Fiepen von einer Baustelle am Gipsdreieck. Ich frühstücke noch. Kaffee, Obstsalat aus Pfirsich- und Apfelschnipseln und roten Johannisbeeren, drüber Joghurt. Rote Johannisbeeren liebe ich sehr, eine der wenigen Obstsorten, die es nicht ganzjährig im Supermarkt gibt. Dabei zurechtmachen, was anziehen und los zum Alex. Im Kaufland ist ein Mister Minit-Laden, der meine Sandalen gerichtet hat. Danach noch zu Saturn, Netzteil fürs Notebook holen. Und vielleicht zu dm.

      26. August 2025

      Was nehm ich mit. Erwähnenswert: ich packe diesmal nicht wie sonst, erst einen Tag vor der Abreise, sondern zwei. Dann kann ich morgen noch entspannt etwas besorgen. Im Grunde packe ich nicht viel anders oder weniger für die Handvoll Tage, wie für mehrere Wochen. Paar Klamotten weniger, Unterwäsche, Strümpfe. Aber sonst… ich besorge evt. noch ein weiteres Netzteil für mein Notebook. Eins ist im Büro, da will ich deswegen nicht hin, in der Wohnung habe ich das andere von beiden, so halb unterirdisch verlegt. Kann ich natürlich explantieren, aber ein bißchen Bequemlichkeit und Komfort darf auch sein. Ich mag dauerhaft installierte, unsichtbare Verkabelungen. Plug and Play.

      Ein extra großes Laken für den Strand, wenn es vielleicht auch nicht oft zum Einsatz kommen wird. Ich finde Strandkörbe zwar dekorativ, aber eher unbequem. Ansonsten wäre ich da nicht geizig, ich liege einfach gerne auf dem Sand. Aber schon ein bißchen Stoff dazwischen. Meine Lieblingssandalen habe ich zum Schuster gebracht, die sind morgen fertig neu besohlt.

      Eine French Press, ein leichteres Modell, nehm ich auch mit. In der Wohnung ist eine Kapselmaschine, mit denen stehe ich auf Kriegsfuß. Der Kaffee aus diesen Automaten schmeckt mir auch nicht. Habe mal in Wien ein Potpourri von ca. fünf angebotenen Sorten durchprobiert, mochte keine einzige. Außerdem finde ich die Dinger nicht sehr schön, vom Verpackungsmüll gar nicht zu reden. Packung Espressopulver nehme ich mit. Wirds auch beim Kampen-Kaufmann geben, aber wer weiß, zu welchen Apothekerpreisen.

      Zwei Tücher, eins aus Seide, eins aus Chiffon, kommen mit. Nicht für meinen Hals, sondern die Lampen. Die sehen zwar schon ganz lauschig aus, soweit ich das auf den Fotos erkennen kann, aber ich mag die Beleuchtung gerne gedämpfter. Unterwäsche hab ich schon abgezählt und rausgelegt. Einen Profiverschluss für Schaumwein stecke ich auch ein. Das sind so Kleinigkeiten, die gerne mal fehlen. Handvoll Teebeutel, schwarzer Tee, muss ich keine extra Packung kaufen. Pfeffermühle ist mir zu schwer. Da gibts ja mittlerweile Instant-Pfeffermühlen-Varianten im Gewürzregal. Pfefferpulver kommt mir nicht auf den Tisch.

      Paar Teelichte, Kerzen. Regencapes. Flatterkleidchen, zweite Sandalen, Turnschuhe. Stiefeletten. Kuschelige Socken, Klamotten zum Chillen. Kamera-Akku-Ladegerät. Übertragungskabel. Zettel mit dem WLAN-Code. Kleiner Reiseführer mit Syltkarte, auch von den einzelnen Ortsteilen. Paar Pappbecher. Flaschenöffner. Streichhölzer. Nagelschere. Kosmetik. Keine Handtücher! Habe ich eindeutig in den Schränken auf den Fotos der Ferienwohnung gesehen. Die wurden zwar nicht als Inventar aufgelistet, stattdessen aber ein Bademantel. Die Abfahrzeiten von den Bussen auf Sylt hab ich auch ausgedruckt dabei. Im Notebook habe ich eine ganze Litanei Lesezeichen, wohin ein Ausflug interessant wäre, welche Restaurants und Cafés in welchem Ortsteil. Das schaffe ich alles gar nicht, muss ich aber auch nicht. Die Auswahl haben, darum geht es, ist in jeder Ecke was Schönes dabei. Und das Wetter entscheidet ja auch noch so einiges.

      Die vergangenen Tage bzw. nun schon zwei Wochen, habe ich jede erdenkliche Sylt-Doku auf Yotube und in Mediatheken geschaut. Oft geht es verständlicherweise nicht nur darum, die Schönheit dieses populären Ortes zu preisen, sondern auch die mit dem wachsenden Tourismus einhergehenden Einschränkungen für die festen Inselbewohner zu zeigen. Mir ist schon bewusst, dass meine Unterkunft in Kampen in dem Dorf ist, das größtenteils aus Ferienhäusern besteht, bzw. aus Zweitwohnsitzen von Nicht-Syltern, was von außen nicht erkennbar ist. Eine ehemalige Kampenerin meinte, dass sich die Anzahl der festen Bewohner von vormals tausend auf fünfhundert halbiert hat. Wer als Normalsterblicher eine bezahlbare Wohnung sucht, gibt nicht selten auf und zieht aufs Festland, wird Pendler. Im Winter bleiben die schönen Reethäuser dann dunkel, Kampen wirkt ausgestorben.

      Die schönen Gärten der Reethäuser sehen wohl nahezu gleich aus, weil sie alle vom selben Gärtner gepflegt werden. Angeblich. Ich war ja noch nie da. Dieses Kampen ist aber nun auch der größte Reiz für mich. Es muss ja Gründe geben, wieso es Menschen, die sich alles leisten können, dahin drängt. Das will ich mir mal mit eigenen Augen ansehen. In den Dokus gab es auch viele Naturschauplätze, Naturschutzgebiete. Teilweise fast wüstenhaft anmutend, das finde ich doch anziehend. Kann aber auch sein, dass mir der Wind nicht gefällt, ich bin da so empfindlich, wenn ich trotz Sonnenbrille deswegen weinen muss, wäre das auch nicht so super. Insgesamt habe ich nach den vielen Dokus und Interviews mit Syltern den Eindruck, dass es ein sehr angenehmer, toleranter Menschenschlag ist. Das gefällt mir sehr.

      25. August 2025

      Taxiere nun die Wettervorhersagen für Sylt, die zwar nicht gerade hochsommerlich sind, aber auch widersprüchlich. Bei Wetter.de heißt es an allen Tagen, dass es zwar ein bißchen regnen kann, man sich aber auf 8 – 12 Stunden Sonne freuen kann. Dann hab ich auch noch eine Fundstelle zum Thema Wetter auf Sylt entdeckt, wo festgestellt wird, dass die Prognose meistens zeitlich nicht zutrifft, wenn z. B. von Westen eine Kaltfront kommt, ist die früher auf Sylt und auch früher wieder weg, als auf dem schleswig-holsteinischen Festland, auf das die Prognosen-Berechnungen justiert sind. Am Ende wird es eine Überraschung. Irgendwas in der Art, wie der größte Teil des Sommers in Berlin war. Ich hab ein paar stylishe Regenteilchen, für alle Fälle. Und die Ferienwohnung hat im Haus einen Swimmingpool. Sind ja nur vier Tage… die werden im Flug vergehen. Do. gehts los!

      24. August 2025

      Es ist nun späterer Nachmittag an diesem schönsten Sommertag, dem 21. August 2025. Als ich durch den Park zum Ausgang vom Strandbad Wannsee schlendere, fange ich einen Satz ein, den eine ältere Dame zu ihrem Begleiter sagt, vielleicht ist es ihr Mann: „Ein Tag wie aus dem Bilderbuch“. Ich weiß nicht, was sie sonst für Vorlieben hegt, aber da sind wir uns, und wohl überhaupt alle, die diesen Tag unter tiefblauem Himmel und lauem Wind erlebt haben, einig. Schöner hätte er nicht sein können. Der allerschönste Tag in diesem Sommer. Und ich habe ihn ausgekostet. Ein paar Stunden am Nachmittag, aber die waren wie ein ganzer, langer, satter Sommer. Und wenn kein solcher Tag mehr käme, ich habe einen davon erlebt, in Berlin am Wannsee. Da kommt ja schon der Badebus! Ich nehm ihn auch zurück.

      24. August 2025

      Die mir zu denken gebende, zweite Litfaßsäule im Park vom Strandbad Wannsee. Ist das die Patina einer letzten Plakatierung vor Jahrzehnten oder das Ergebnis von Künstlerhand? Jedenfalls ausgesprochen schön. Da in der gesamten Anlage keiner Geld in die Hand nimmt und das Lido und die Terrassendecks und die Wandelgänge verfallen, kann ich mir kaum denken, dass der Senat ausgerechnet hier ein keckes Kunstprojekt gesponsert hat, das darin besteht, extra wettergegerbte und verblichene Werbeplakate auf alte Litfaßsäulen zu ziehen. Sollte es sich hier um echten Verfall handeln, hoffe ich, es wird bei kommender Sanierung die erhaltenswerte, zarte Schönheit dieser Patina erkannt.