Vorhin in der S-Bahn hätte mich fast der böse Blick getroffen! Ich setzte mich gegenüber einer Frau, schätzungsweise Mitte/Ende Sechzig, die ihr Smartphone fixierte. Ich schaute aus dem Fenster, aber spürte aus dem Augenwinkel, dass sie mich immer wieder mit strengem, man könnte fast sagen argwöhnischem Blick über ihre Lesebrille linsend taxierte. Ich wagte es, sie auch kurz mal länger direkt anzugucken, sie hatte ja damit angefangen! Ich hatte nicht die geringste Lust zu lächeln, ich fand ihren Anblick auch insgesamt nicht erhebend. Sie war überhaupt nicht zurecht gemacht, wirre, struppige graue Lockenfrisur, farbloses, verhärmtes Gesicht, ungeschminkt, untenrum Hochwasserhose, nackige Füße in Sandalen und signalrot lackierte Zehennägel. Mir wurde fast schlecht von dem Anblick, aber noch mehr von ihrem aggressiven, freudlosen Blick. Ich bin dann aufgestanden und hab mich woanders hingesetzt. In mir arbeitete, wieso sich jemand Zehennägel in einem Rot lackiert, das bei ihr geradezu ordinär wirkte und den Rest komplett ignoriert. Für wen oder was sind diese rot lackierten Zehennägel? Und was nimmt sich die Trulla raus, mich so unverblümt wie eine Oberlehrerin zu taxieren? Ich hatte keine seltsame Kopfbedeckung auf, habe ganz sicher nicht übel gerochen und mich auch nicht sonderlich breit gemacht. Ich nehme meine Tasche immer auf den Schoß und strecke die Beine auch nicht aus, gebe keine Geräusche von mir und taxiere niemanden. So unangenehm war mir schon lange niemand mehr.

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