Aus meiner letzten Lektüre, Valeska Gert „Kaleidoskop meines Lebens“, rororo 1978, S. 19. Das Erinnerte spielt etwa 1902.
„In der Schule freundete ich mich mit den schlechtesten Schülerinnen an, denn die »wussten«. Mit Charlotte Segal, der Zweitbesten nach mir, konnte ich nur philosophieren. Wenn Mama in die Schule kam, sich bei Fräulein Holzapfel nach mir zu erkundigen, sagte die Lehrerin: »Wie schade, dass Trudchen nie eine richtige Freundin hat, sie umgibt sich nur mit den schlechtesten Elementen.«
Mama fragte: »Trudchen, willst du nicht mit ein paar netten Mädchen ein Kränzchen gründen?« Ich betete Lilly an, sie hatte dicke, aufgeworfene Lippen und ein freches Lachen. Ich fragte sie schüchtern: »Willst du mit mir ein Kränzchen machen?« Sie nickte: »Aber Grete Mendelsohn und Ilse Mahler müssen auch dabei sein.«
Donnerstags tagten wir. An jedem Platz des weiß gedeckten Tisches lag ein Reclamband Schiller. Das Dienstmädchen brachte Schokolade und Napfkuchen. Dann ließ man uns allein. Ich schaukelte mit Lilly auf einem Brett, das an Seilen in der Tür hing. Fast berührte ich sie. Aber Lilly sprang vom Brett und hockte sich breitbeinig mit Grete auf den Fußboden. Beider Gesichter wurden knallrot. Ich saß mit Ilse im Sportwagen, auch breitbeinig, und verhaute sie dann. Lilly und Grete sprangen auf und hauten mit, bis Ilschen weinend weglief.
So endete jedes Kränzchen. Manchmal dauerte es nur eine halbe Stunde. Wir trugen silberne Freundschaftsringe, mit einem Herzchen dran, sie kosteten eine Mark.“