Am Samstag, dem 12. Dezember 2020, fiel mein Blick aus der Balkontür Richtung Norden, auf den höchsten Baumwipfel. Dort balancierte ein Vogel. Ich musste an die Vögel aus buntem Glas aus den Sechziger Jahren denken, die man an Weihnachtsbaumäste klemmte, und überlegte, ob es auch eine Weihnachtsbaumspitze in Vogelform gibt, oder ob da immer nur Engel thronen dürfen. Immerhin auch gefiederte Wesen, aber nicht ersten Ranges in der irdischen Welt, da weniger materialisiert und auch etwas strittig und nicht so unwiderlegbar erfahrbar.

Ich fand den echten Vogel auf dem echten Baum da draußen viel beeindruckender. Mich beschäftigte, ob die souveräne Balance auf diesem sehr, sehr hohen Baum, deshalb so souverän ist, weil der Vogel – eine Elster, wie ich beim Vergrößern erkannte – weiß, dass er nicht abstürzen wird, weil er fliegen kann. Ja natürlich, so ist es. Sonst würde er bestimmt ein bißchen zittern und die Balance wäre in Gefahr. Wenn man auf den festen Boden vertraut oder darauf, weich zu landen, braucht man vermutlich viel weniger Fläche, weniger Raum, um die Balance zu halten, als man vermeintlich glaubt, wenn man weiß, dass der Raum sehr begrenzt ist.

Könnte das nicht bedeuten, dass man zu riskanteren Bewegungen, zu einem größeren Radius fähig ist, wenn man keine Furcht hat? Ich glaube, so ist es. Das ist metaphorisch sehr spannend und geradezu aufregend. Wenn man keine Angst vor irgendetwas hat, ist man zu einem grenzenlosen Bewegungsradius fähig. Das möchte ich gerne verinnerlichen.

4 Antworten auf „07. Januar 2021

  1. Genauso, liebe Gaga Nielsen, ist es. Es gibt eine Erzählung aus Indien, die auf einem Bändigungsprozeß beruht: Den Jungen von Arbeitselefanten wurden die Hinterbeine mit schweren Ketten angebunden. Wollten die kleinen Tiere sich befreien, lernten sie so sehr, daß es unmöglich sei, daß sie es für ihr gesamtes Leben verinnerlichten. Deshalb reichte es, den späteren erwachsenen Tieren um die Hinterbeine nur noch leichte Hanfseile zu legen, die die mächtigen Elefanten mit einem einzigen Ruck hätten zerreißen können, und sie wären frei gewesen. Ihre Prägung jedoch täuschte ihnen nach wie vor die schweren Ketten vor.
    So geht es den allermeisten auch von uns Menschen.

  2. Das Problem dabei ist, daß die Angst ein völlig natürlicher und gesunder Überlebensinstinkt ist. Der Vogel auf dem Baum hat keine Angst, weil er fliegen kann und nichts fürchten muß. Würdest du dich ihm aber zu sehr nähern, würde er sofort das Weite suchen. Umgekehrt wäre es einfach nur leichtsinnig, würdest du ohne Vorbereitung, Übung usw. versuchen auf einem Baum zu balancieren. Leider sind Menschen, vielleicht gerade durch ihre Denkfähigkeit und der Übernahme vorgelebter Glaubenssätze, so gestrickt, daß sie gerne natürliche Energien festhalten, das heißt sie blockieren oder ganz verdrängen – bei der Angst sehr beliebt. Eine Energie die festgehalten wird führt aber dazu, daß diese sich immer stärker bemerkbar macht, weil es ja ihre von der Evolution vorgesehene Aufgabe ist, Signale zu geben. Dies wiederum führt dazu, daß eine Paralyse eintritt, d.h. die Angst übermächtig und negativ beeinflussend wird, oder bei der Verdrängung, daß natürliche Instinkte überhaupt nicht mehr wahrgenommen werden und das Verhalten auf diese Weise lebensfeindlich wird. (Kann man gerade alles sehr gut bei der Corona-Hysterie beobachten.) Angst kann man gar nicht völlig loswerden, da sie wie gesagt in unseren Systemen eine wichtige Aufgabe erfüllt. Man kann sie nur loslassen, was bedeutet, die Energie anzunehmen, sie fließen zu lassen, ihr zuzuhören, sich aber nicht mit ihr zu identifizieren. So bald die Energie nicht mehr blockiert ist, kann sie sich auch auf eine gesunde Weise ausdrücken, d.h. sie ist immer noch da, aber ohne zu sehr einzuschränken. Das ist auch das, was Extremsportler oft berichten, wie wichtig die Angst ist, um wachsam zu bleiben und den Focus zu behalten, nur lassen sie sich halt nicht mehr von der Angst so beeinflussen, daß sie deshalb auf ihren Sport verzichten, sondern suchen Mittel und Wege, sich auf andere Weise so gut es geht abzusichern.

  3. Danke für die beiden sehr interessanten Kommentare, ANH und Zucker.

    Die Kunst besteht wohl darin, die tatsächliche Gefahr zu erkennen lernen, und die latente zu relativieren, nicht zu boosten und aufzuplustern. Eine Übung in pragmatischer Betrachtungsweise.

    Mir fiel sehr oft schon an mir auf, wie schnell eine Erleichterung und Entspannung eintrat, wenn ich mich gezielt, je geradezu sezierend, in einer mental starken Verfassung, mit einem beängstigenden Sachverhalt befasste, den worst case auslotete. So etwas vermittelt mir einen Rückgewinn von Kontrolle. Wissen ist in dem Sinne auch Macht über unnötige Furchtreflexe. Es gibt ja das mittlerweile geflügelte Wort „Der Weg ist, wo die Angst ist“. Man muss diesen Weg aber mit einer gewissen Souveränität beschreiten, nicht in der Mitte einer Panikattacke, sonst lädt man auch dunkle Geister ein, die dann eine morbide Party im Kopf feiern.

    Nachdem mein Bruder 1987 bei einem Unfall gestorben war und ich viele Albträume hatte, ging ich einem starken Drang nach, mich mit Pathologie zu befassen und holte mir verschiedene Lehrbücher dazu und jegliche Literatur, die die Menschheit rund um das Thema Tod verfasst hat. Ich wollte unbedingt wissen, wie Totenflecken aussehen, welches Stadium tritt wann ein. Auch las ich alles von Kübler-Ross bis zum Tibetanischen Totenbuch und über Bestattungskultur in verschiedenen Ländern und Religionen.

    Ich kaufte den Bildband „Visages des Morts – der ewige Schlaf“ des Berliner Fotografen Rudolf Schäfer, der gerade Verstorbene unterschiedlichen Alters (eine halbe Stunde nachdem der Tod festgestellt worden war) in der Charité sehr schön auf dem Sterbebett portraitierte, in Schwarzweiß-Fotografien. U. v. m. Das half. All das.

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