
Ich könnte mir minutenweise auch vorstellen, als Inspektorin beim Ordnungsamt zu arbeiten. Kontrollgänge durch Berlin Mitte zu machen, immer adrett mit Krawatte und Offiziersmütze. Eventuell auch noch mit weißen Handschuhen. Damit könnte ich dann über eingestaubte Kühlerhauben fahren und den Fahrzeughalter, wie seinerzeit in der Reklame für diese Möbelpolitur, darauf hinweisen, dass dringend wieder einmal Staub gewischt werden müsste. Möglicherweise würde mir das auch die Berechtigung geben, Fahrzeuge abschleppen zu lassen, die nach meiner ordnungsamtlichen Überprüfung und fachlichen Einschätzung nicht den ästhetischen Maßstäben entsprechen, die ich für Berlin Mitte und insbesondere den Bereich um das Gipsdreieck, wo ich wohne und ja immer hingucken muss, in einer noch zu verabschiedenden Verordnung festgelegt habe. Zum Beispiel rote oder metallicfarbene Autos, die ja zum Glück langsam aus der Mode kommen, oder einfach unelegante Modelle, die das Straßenbild in keinster Weise aufwerten. Wenn ich mir kein elegantes eigenes Fahrzeug leisten kann, dann fahre ich eben Taxi oder mit der BVG. Das Berliner U-Bahn- und S-Bahn-Netz ist immer noch hervorragend ausgebaut, auch Busse und Straßenbahnen stehen zur Verfügung. Notfalls kann man sich ja auch ein leichtes Fahrrad anschaffen, wenn das Geld noch nicht einmal für wenigstens einen schicken, kleinen Mini reicht. Am wenigstens ästhetisch belastend ist jedoch immer noch der Fußgänger, der Flaneur. Natürlich sollte auch dieser, und ich würde auch das in meiner ordnungsamtlichen Kontrollfunktion von Zeit zu Zeit überprüfen, ebenfalls einem gewissen Standard, wie er einer Metropole zukommt, in seinem Erscheinungsbild entsprechen. Man kann sich zum Beispiel, bevor man das Haus verlässt, die Frage stellen: würde Gaga Nielsen mich fotografieren wollen, wenn sie mir heute so begegnet? Das ist eine einfache Regel, die sich jeder leicht merken kann. Wenn die Frage mit einem eindeutigen Ja beantwortet werden kann, ist aus ordnungsamtlicher Sicht alles im grünen Bereich und der Einwohner darf unbesorgt die Wohnung verlassen, um das Straßenbild zu bereichern, ja ich möchte sagen: aufzuwerten. Man muss auch an unsere ausländischen Gäste denken. Jeder Bürger repräsentiert in dem Moment, wo er den Fuß auf die Straße setzt, seine schöne Stadt. Und wir wollen doch, dass unsere Freunde aus dem Ausland die frohe Botschaft mit nach Hause, nach Übersee und Afrika tragen: Berlin ist nicht nur eine schöne Stadt mit wenigen, eleganten Fahrzeugmodellen, die hin und wieder vereinzelt am Straßenrand parken, sondern auch mit ebenso sehenswerten Bewohnern. Der Gast muss das Gefühl haben, Berlin ist eine der tollsten Städte der Welt, samt Einwohnern. Und ich, Gaga Nielsen, werde in meiner Funktion als oberster Inspektorin des Ordnungsamtes unermüdlich dafür sorgen, dass dieser Spitzenstandard erreicht und gehalten wird. Mein Ehrenwort.

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Opus 71.
Könnten Sie dann auch gleich noch dafür sorgen, dass all die gut gekleideten Flaneure nicht wegen der vielen Tretminen Slalom laufen und vor allem nicht dauernd auf den Boden schauen müssen? Die können sonst all die anderen gut gekleideten Menschen gar nicht richtig wahrnehmen. Vielleicht brauchten Sie gar nicht mit
harterbehandschuhter Hand gegen die nachlässigen Hundebesitzer vorgehen,um sie zur Einsicht zu bewegen.