27. November 2011

(…) Lucie Mannheim war jüdischer Herkunft und begab sich deshalb 1933 nach Großbritannien ins Exil. Sie spielte in London Theater und arbeitete beim deutschen Programm der BBC mit. Während des Krieges sprach sie oft im Rundfunk und appellierte an die Soldaten, den Krieg aufzugeben. Sie sang eine als Anti- Hitler-Version bekannte Persiflage auf Lale Andersens Lili Marleen.

Gesang: Lucie Mannheim
Ich muss heut‘ an Dich schreiben,
mir ist das Herz so schwer.
Ich muss zuhause bleiben, und lieb‘ Dich doch so sehr. Dass Du tust nur Deine Pflicht, doch trösten kann mich das ja nicht. Ich wart‘ an der Laterne. Deine Lili Marleen. Was ich still hier leide, weiß nur der Mond und ich. Einst schien er auf uns beide, nun scheint er nur auf mich. Mein Herz tut mir so bitter weh, wenn ich an der Laterne steh‘ mit meinem eig’nen Schatten. Deine Lili Marleen. Vielleicht fällst Du in Russland, vielleicht in Afrika. Doch irgendwo, da fällst Du, so will’s Dein Führer ja! Und wenn wir doch uns wiederseh’n, oh möge die Laterne steh’n, in einem andern Deutschland. Deine Lili Marleen. Der Führer ist ein Schinder, das seh’n wir hier genau, zu Waisen macht er Kinder, zur Witwe jede Frau. Und wer an allem schuld ist, den – will ich an der Laterne seh’n. Hängt ihn an die Laterne!
Deine Lili Marleen

25. November 2011

Ob ich es wagen sollte, noch einmal einen Blogeintrag zu riskieren? Bin heute zwar etwas langsam, aber dabei nicht unentspannt, vielleicht das warme Vollbad vorhin. Ich glaube, die jungen Leute nennen das gerne chillen. Komisch, es gibt mitunter aus der Jugendsprache rührende Begriffe, die mir zwar überaus geläufig sind, aber dieser Ausdruck hat es noch nie in meinen aktiven Wortschatz geschafft. Der kann sich noch so anstrengen, er schafft es einfach nicht. Wahrscheinlich ist mein Lebensstil insgesamt nicht chillig genug, es fehlen vermutlich die Anlässe für die sinnvolle Verwendung im Alltag. Noch früher hat man dazu ‚abhängen‘ gesagt. Nun ja, die Schulzeiten sind bei mir schon länger vorbei, als Abhängen noch als Variante attraktiver Freizeitgestaltung zur Auswahl stand.
Am Hackeschen Markt (eine hochfrequente wie gleichermaßen hoch frequentierte Ecke in der Mitte von Berlin, für Ortsunkundige) kleben jetzt überall große Werbeplakate für The Voice of Germany. Hab ich gestern auch geguckt, weil ich Lena – Quatsch – Nena gut leiden kann, und die anderen Coaches kommen auch ganz sympathisch rüber, sogar mitunter dieser Naidoo, der es sonst ausgezeichnet drauf hat, mit seiner latenten Oberlehrer-Klugscheißer-Miene und der unvermeidlichen (und für seinen speziellen Typ nicht kleidsamen) Mütze im Verbund mit entschieden zu dickem Brillengestell, nicht nur optisch meinen Langmut zu strapazieren. Die Boss-Hoss-Jungs sind anscheinend ganz okay, auch wenn ich mir keine Platte kaufen muss. Und der andere mit den längeren Haaren, dieser Brite (oder Ire?), wo ich mir den Namen nie merken kann – Raymon oder so ähnlich, wirkt in dieser Aufgabe direkt temperamentvoll, im Gegensatz zu seinen mir allerdings nur dunkel erinnerbaren Bühnenleistungen. Ach, wobei – ich kann das gar nicht beurteilen. Habe vielleicht vor fünfzehn Jahren mal ein, zwei Auftritte im Fernsehen mitgekriegt, mehr nicht. Einen Hit gab es wohl auch, an den ich mich aber auch so gar nicht erinnern kann.
Aber dass unsere Nena neuerdings Gitarre spielt, finde ich ja sehr niedlich. Hat sie vielleicht zum Fünfzigsten geschenkt gekriegt. Sieht sehr schick aus. Und die jungen Sänger im Wettbewerb recht talentiert. Aber auch die nicht mehr ganz so jungen. Schön, dass die Altersgruppe keine Rolle zu spielen scheint. Eine aus Amerika eingewanderte Sängerin ist sogar schon dreiundfünfzig und hat nach Sexy-Hexie-Manier, aber auch mit viel Stimme, ziemlich aufgemischt. Und dann dieser Charles Dings… (Nachtrag: Simmons) der das Lied von Seal gesungen hat. Alter Profi halt. Lustigerweise selber Gesangs-Coach und sehr angenehmer, besonnener Charakter scheint mir. Er kann mutmaßlich mehr als die fünf Hobby-Coaches aus der Jury zusammen. Ich vermute, sie erhoffen sich eher, von ihm zu lernen. Und dafür kriegt er ein bißchen Nachhilfeunterricht, wie er sich prominenter ins Bühnenlicht setzt. Sicher ein guter Deal für ihn. Und dann war da noch so ein introvertiert wirkender ganz arg sympathischer Josef mit einem breiten bayrischen Akzent, der mir mit seinem Gesang auch ans Herz ging und der dauernd von der innigen Bindung zu seinem Zwillingsbruder geredet hat. Man wollte gleich Zwilling sein. Den Rest habe ich schon wieder mehr oder weniger vergessen. Also nicht komplett, aber nicht so wichtig. Frau Kutschera mit dem Piratentuch hat mich vom Gesicht her ein bißchen an Nico erinnert. Sehr hübsch. Viel Stimme und Temperament auch.
Schon ein anderes Level in dieser Sendung, keine Frage. Und Sebastian Deyle oder wie der heißt, ein Soap-Star und Moderator wie ich gestern erst gelernt habe, ist ja äußerst attraktiv anzusehen. Er hat den Schlager auch ganz anmutig gesungen, hat aber nicht gelangt. Aber so peinlich wie die Klatschpresse tut, war es ja nun weiß Gott nicht. Klavier hat er auch gespielt. Und der Anzug hat toll gesessen. Ein schöner junger Mann. Eher suspekt bis unsympathisch war mir hingegen der exaltierte, leicht angekokst wirkende dunkelhäutige Sänger, der wohl schon mal Backgroundsänger bei Nena war und diktatorisch verkündet hat, er verträgt kein Nein. Ich hab den Namen vergessen. Bin zu faul auf die Seite zu gucken. Das würde meinen Chill beeinträchtigen. Ach ja – und die IKEA-Kassiererin aus Israel war auch noch sympathisch und talentiert. Na jedenfalls stehe ich da vorhin so an der Kreuzung am Hackeschen Markt an der Ampel und gucke auf die riesen Plakate mit den vier Coaches mit ihren zum Victory-Zeichen gereckten Händchen und denke so: was muss das für die beiden Berliner Jungs von Boss Hoss für ein Gefühl sein, sich in einer Reihe mit Nena und Naidoo, der alten Betschwester und diesem Raimonn oder wie er heißt so riesig und wirklich gut fotografiert überall in der City zu sehen. Schön für die beiden.

Ich nehme jetzt noch weiter gepflegt meinen Tee und esse sicher noch das eine oder andere Häppchen und lasse es sonst einen schönen ruhigen Abend in der warmen Hütte sein, an diesem historischen Tag. Jawohl, historisch. Heute jährt sich der Tag, an dem ich beschloss, für einen längeren Zeitraum dem Alkoholgenuss zu entsagen. So als Test, ob man das aushält, mental. Und um zu sehen, ob sich ungeahnte Kräfte entfalten. Ich kann schon ein Fazit ziehen. Ein strenges Jahr ist aber dann auch genug. Wenn ich am 25. November 2010 den ersten Tag auf Alkohol verzichtet habe und heute ist wieder der 25. November, dann ist das Jahr doch voll. Oder nicht sogar schon einen Tag drüber? Jedenfalls ist die Prohibition morgen beendet. Was aber nicht heißen muss, dass ich ab dann wieder trinken muss. Es wäre nur kein Sakrileg mehr.
P.S. bei der Suche nach dem Josef-Link gerade gesehen, heute gab’s ja schon die zweite Folge. Dachte, das käme nur einmal die Woche. Dann gucke ich jetzt mal die Konserve von heute.

23. November 2011

Sensationell. Wahnsinn! Ich habe gerade einen phantastischen Kommentar unter meinem vorigen Blogeintrag gehabt, der seinesgleichen sucht und als ich dabei war – aufmerksam wie ich bin – den Antwortkommentar zu verfassen und ihn speichern wollte, hieß es, der Kommentar Nr. Soundso existiert nicht mehr.
Falls jemand nicht in den kurzen Genuss dieses putzigen Feedbacks zu meiner Person gekommen ist, habe ich auf die Schnelle den noch auf meinem Monitor sichtbaren Kommentarbeitrag fix kopiert und gesichert! Mir ist einfach am Herzen gelegen zu dokumentieren, was einem im Internet an Gunstbezeugungen so widerfahren kann. Ich habe keine Ahnung, wer hinter dem Werk, ja dieser Liebeserklärung steckt, ob Mann oder Frau, wer weiß es genau („97tel“ – ob 97 das Geburtsjahr ist? Mal schnell rechnen: Vierzehnjährige, schreiben die so? Und lesen mein Blog? Ich wäre angenehm überrascht). Jedenfalls hat sich da jemand offenbar leidenschaftlich mit mir befasst. Ich stelle mir das Ganze übrigens so ein bißchen gerappt vor. Hier also nun der leider von der Verfasserin oder vom Verfasser wieder gelöschte Kommentar (Ich schreibe deswegen leider, weil ich ja gerne ein bißchen Action brauchen kann, in meinem langweiligen, erfolglosen Leben – aber lesen Sie selbst!):
~
97tel – 23. Nov, 22:23
du bist so haesslich,
du bist alt,
du bist erfolglos,
du bist so absolut erfuellt von neid und missgunst.
du hast keine Freunde,
weil du mit deiner selbstverliebtheit
dein Umfeld abstoesst und ankotzt
du feierst dich
das ist dein lebensinhalt
haelst dich fuer die groesste
du langweilst, sobald man dich kennt
der neid ist dein zweites gesicht
die bosheit das dritte
du hungerst nach zuneigung
fragst dich wieso andere geliebt werden
du nicht
deswegen spionierst du
allein aus diesem grund
um den schluessel zu finden
fuer dich
arme, einsame, gefallsuechtige gaga
die grossmaeuligen reden
was wurde wahr davon ?
die jahre schreiten ins land
du vergehst
du verfaellst
du feierst dich weiter
filmst dich weiter
wer ausser dir will dich sehen?
nicht jeder erfolglose ist ein kuenstler
Dauersozialleistungsbezug
davon zu leben ist nicht wirklich kunst
warum lehnen dich deine brueder und schwestern
aus der satanischen loge ab?
es ist leichter andere abzulehnen
bevor diese anderen dich ablehnen
das ist deine lebensphilosophie
was ist aus dir geworden?
nicht mehr
als du vor zwanzig jahren warst
was bist du?
alte, haessliche, einsame frau
blenderin
doch das gelingt nur noch im internet
wo dich niemand kennt
und dir abnehmen koennte
dass hinter dir nichts steckt
ausser boshaftigkeit
und neid
und gier
immer im mittelpunkt zu stehen
arme gaga
wenn der pc aus ist
bist du verschwunden
aus unserem leben
das ist sehr gut so
fuehre nur dich und deine blogger weiter in die irre
das entspricht dir
irre und kaputt

[ Ende des Kommentars ]
Daraufhin verfasste ich folgenden Antwortkommentar, den ich ja nun leider nicht an der ursprünglichen Stelle veröffentlichen konnte, da beim Antworten auf der Ebene des „Ur“-Kommentars auch mein Antwortkommentar durch den Verfasser des Werkes gelöscht wurde:
g a g a – 23. Nov, 23:02
Da hat aber jemand viel Zeit investiert. Ich wusste gar nicht, dass ich solche leidenschaftlichen Gedankengänge auszulösen vermag. Ich sitze ganz fasziniert davor. Auch der Rhythmus oder soll ich sagen: das Versmaß ist interessant. So viel Mühe, um mit mir ins Gericht zu gehen. Sicher haben Sie in allem Recht. Man könnte sagen: ein Steckbrief meiner Person ohne Fehl und Tadel.
Hart trifft mich allerdings der Absatz:
„nicht jeder erfolglose ist ein kuenstler
Dauersozialleistungsbezug
davon zu leben ist nicht wirklich kunst“
Das schmerzt mich insofern etwas, ja ich möchte sagen, ich fühle mich ertappt, da ich diesen Gedanken (im Bezug auf diverse Zeitg) – äh – tja – auch schon hatte. Aber Schwamm drüber.
Was Sie mir aber vielleicht noch erklären könnten, ist der vorletzte Absatz. Sie schreiben da:
„wenn der pc aus ist
bist du verschwunden
aus unserem leben“.
Ist das im Umkehrschluss so zu verstehen, dass, wenn Ihr PC angeschaltet ist, ich ein Teil von Ihrem („unserem…“) Leben (und dem Ihrer Familie?) bin und dementsprechend analog dazu „verschwunden“, wenn Sie den PC ausschalten? Ich frage auch nur deshalb, weil ich mir nicht sicher bin, ob Ihnen der Widerspruch zu den Ausführungen im (Moment, es sind so viele Absätze) siebten Absatz? (Also diesen meine ich und da insbesondere die dritte Zeile: „(…) du feierst dich weiter / filmst dich weiter / wer ausser dir will dich sehen?“) bewusst ist?
(Das frage ich mich übrigens auch immerzu: „Wer will mich sehen?“. Eine zentrale Frage, die mich außerordentlich beschäftigt.) Danke, dass Sie durch diesen komplexen, aufwändigen, ja ich möchte sagen beinah liebevollen Kommentar (aus tiefer Hass-Liebe vermute ich) das Kernproblem noch einmal ins Zentrum rücken. Vielleicht können Sie mir ja behilflich sein, meine charakterlichen Defizite zu kurieren.
Der einzige Absatz, den ich gar nicht nachvollziehen kann, ist der mit dem religiösen Bezug „warum lehnen dich deine brueder und schwestern aus der satanischen loge ab?“ Entschuldigung, dass ich jetzt hier gerade lachend vor dem Rechner sitze, ich will mich ja nicht lustig machen.
Lehnen die mich wirklich ab? Ist das so? Wer genau lehnt mich denn da ab? Vielleicht kann ich mit den „Brüdern und Schwestern“ ja mal ein Wort unter vier oder sechs Augen sprechen. Also danke noch mal. Ich freue mich über jeden Kommentar und auf bald!
Mit freundlichen Grüßen
Gaga Nielsen
P.S. Gerne dürfen Sie mir auf diesen Kommentar antworten!

[ Ende meines Kommentars ]
Sicher war es nur ein dummes Versehen, dass dieser aufwändige Kommentar so schnell wieder gelöscht wurde – eben mal auf die falsche Taste gekommen! Aber ich bin ja pfiffig in Sachen Datensicherung. Keine Ursache, gern geschehen!

25. November 2011

Ob ich es wagen sollte, noch einmal einen Blogeintrag zu riskieren? Bin heute zwar etwas langsam, aber dabei nicht unentspannt, vielleicht das warme Vollbad vorhin. Ich glaube, die jungen Leute nennen das gerne chillen. Komisch, es gibt mitunter aus der Jugendsprache rührende Begriffe, die mir zwar überaus geläufig sind, aber dieser Ausdruck hat es noch nie in meinen aktiven Wortschatz geschafft. Der kann sich noch so anstrengen, er schafft es einfach nicht. Wahrscheinlich ist mein Lebensstil insgesamt nicht chillig genug, es fehlen vermutlich die Anlässe für die sinnvolle Verwendung im Alltag. Noch früher hat man dazu ‚abhängen‘ gesagt. Nun ja, die Schulzeiten sind bei mir schon länger vorbei, als Abhängen noch als Variante attraktiver Freizeitgestaltung zur Auswahl stand.
Am Hackeschen Markt (eine hochfrequente wie gleichermaßen hoch frequentierte Ecke in der Mitte von Berlin, für Ortsunkundige) kleben jetzt überall große Werbeplakate für The Voice of Germany. Hab ich gestern auch geguckt, weil ich Lena – Quatsch – Nena gut leiden kann, und die anderen Coaches kommen auch ganz sympathisch rüber, sogar mitunter dieser Naidoo, der es sonst ausgezeichnet drauf hat, mit seiner latenten Oberlehrer-Klugscheißer-Miene und der unvermeidlichen (und für seinen speziellen Typ nicht kleidsamen) Mütze im Verbund mit entschieden zu dickem Brillengestell, nicht nur optisch meinen Langmut zu strapazieren. Die Boss-Hoss-Jungs sind anscheinend ganz okay, auch wenn ich mir keine Platte kaufen muss. Und der andere mit den längeren Haaren, dieser Brite (oder Ire?), wo ich mir den Namen nie merken kann – Raymon oder so ähnlich, wirkt in dieser Aufgabe direkt temperamentvoll, im Gegensatz zu seinen mir allerdings nur dunkel erinnerbaren Bühnenleistungen. Ach, wobei – ich kann das gar nicht beurteilen. Habe vielleicht vor fünfzehn Jahren mal ein, zwei Auftritte im Fernsehen mitgekriegt, mehr nicht. Einen Hit gab es wohl auch, an den ich mich aber auch so gar nicht erinnern kann.
Aber dass unsere Nena neuerdings Gitarre spielt, finde ich ja sehr niedlich. Hat sie vielleicht zum Fünfzigsten geschenkt gekriegt. Sieht sehr schick aus. Und die jungen Sänger im Wettbewerb recht talentiert. Aber auch die nicht mehr ganz so jungen. Schön, dass die Altersgruppe keine Rolle zu spielen scheint. Eine aus Amerika eingewanderte Sängerin ist sogar schon dreiundfünfzig und hat nach Sexy-Hexie-Manier, aber auch mit viel Stimme, ziemlich aufgemischt. Und dann dieser Charles Dings… (Nachtrag: Simmons) der das Lied von Seal gesungen hat. Alter Profi halt. Lustigerweise selber Gesangs-Coach und sehr angenehmer, besonnener Charakter scheint mir. Er kann mutmaßlich mehr als die fünf Hobby-Coaches aus der Jury zusammen. Ich vermute, sie erhoffen sich eher, von ihm zu lernen. Und dafür kriegt er ein bißchen Nachhilfeunterricht, wie er sich prominenter ins Bühnenlicht setzt. Sicher ein guter Deal für ihn. Und dann war da noch so ein introvertiert wirkender ganz arg sympathischer Josef mit einem breiten bayrischen Akzent, der mir mit seinem Gesang auch ans Herz ging und der dauernd von der innigen Bindung zu seinem Zwillingsbruder geredet hat. Man wollte gleich Zwilling sein. Den Rest habe ich schon wieder mehr oder weniger vergessen. Also nicht komplett, aber nicht so wichtig. Frau Kutschera mit dem Piratentuch hat mich vom Gesicht her ein bißchen an Nico erinnert. Sehr hübsch. Viel Stimme und Temperament auch.
Schon ein anderes Level in dieser Sendung, keine Frage. Und Sebastian Deyle oder wie der heißt, ein Soap-Star und Moderator wie ich gestern erst gelernt habe, ist ja äußerst attraktiv anzusehen. Er hat den Schlager auch ganz anmutig gesungen, hat aber nicht gelangt. Aber so peinlich wie die Klatschpresse tut, war es ja nun weiß Gott nicht. Klavier hat er auch gespielt. Und der Anzug hat toll gesessen. Ein schöner junger Mann. Eher suspekt bis unsympathisch war mir hingegen der exaltierte, leicht angekokst wirkende dunkelhäutige Sänger, der wohl schon mal Backgroundsänger bei Nena war und diktatorisch verkündet hat, er verträgt kein Nein. Ich hab den Namen vergessen. Bin zu faul auf die Seite zu gucken. Das würde meinen Chill beeinträchtigen. Ach ja – und die IKEA-Kassiererin aus Israel war auch noch sympathisch und talentiert. Na jedenfalls stehe ich da vorhin so an der Kreuzung am Hackeschen Markt an der Ampel und gucke auf die riesen Plakate mit den vier Coaches mit ihren zum Victory-Zeichen gereckten Händchen und denke so: was muss das für die beiden Berliner Jungs von Boss Hoss für ein Gefühl sein, sich in einer Reihe mit Nena und Naidoo, der alten Betschwester und diesem Raimonn oder wie er heißt so riesig und wirklich gut fotografiert überall in der City zu sehen. Schön für die beiden.

Ich nehme jetzt noch weiter gepflegt meinen Tee und esse sicher noch das eine oder andere Häppchen und lasse es sonst einen schönen ruhigen Abend in der warmen Hütte sein, an diesem historischen Tag. Jawohl, historisch. Heute jährt sich der Tag, an dem ich beschloss, für einen längeren Zeitraum dem Alkoholgenuss zu entsagen. So als Test, ob man das aushält, mental. Und um zu sehen, ob sich ungeahnte Kräfte entfalten. Ich kann schon ein Fazit ziehen. Ein strenges Jahr ist aber dann auch genug. Wenn ich am 25. November 2010 den ersten Tag auf Alkohol verzichtet habe und heute ist wieder der 25. November, dann ist das Jahr doch voll. Oder nicht sogar schon einen Tag drüber? Jedenfalls ist die Prohibition morgen beendet. Was aber nicht heißen muss, dass ich ab dann wieder trinken muss. Es wäre nur kein Sakrileg mehr.
P.S. bei der Suche nach dem Josef-Link gerade gesehen, heute gab’s ja schon die zweite Folge. Dachte, das käme nur einmal die Woche. Dann gucke ich jetzt mal die Konserve von heute.

20. November 2011


Janeth Jepkosgei Busienei
Hier sehen Sie den Kopf, den Halbtorso sowie die Arme und die Sonnenbrille von Janeth Jepskosgei Busienei. Auf dem Bild drunter sehen Sie die Beine und die Füße von Janeth Jepskosgei Busienei. Alle Fotos von Janeth Jepskosgei Busienei mit dem fehlenden Stück in der Mitte können Sie hier anschauen. Wer Janeth Jepskosgei Busienei genau ist und warum ich hier lauter Bilder von Janeth Jepskosgei Busienei einklebe, erkläre ich später.

Ich habe ja neulich schon angedeutet, dass ich zum großen Stadionfest der Leichtathletik gegangen bin, weil mir das Schicksal aus heiterem Himmel eine Eintrittskarte beschert hat. Das hat natürlich ganz hervorragend zu meinem aktuellen Studiengang „Leni Riefenstahl, das Olympiastadion und Ich!“ gepasst und ich habe auch gleich die Chance meines Lebens gesehen, mal so was ähnliches wie Olympia in echt zu erleben. Noch dazu in meinem persönlichen Olympiastadion! Solche Winke des Schicksals muss man einfach erkennen und nutzen. Ich hatte ja so überhaupt keine Vorstellung, was mich dort genau erwartet. Mein sportlicher Proviant war exakt auf die Sicherheitsvorschriften, die ich vorher haarklein auf der Internetseite vom großen Stadionfest nachgelesen und auswendig gelernt hatte, zugeschnitten: zwei kleine Tetrapäckchen mit Saft und einen Apfel.
Sportive, kleinformatige Kost, die in mein sportliches, improvisiertes Hüfttäschchen passte und den Flüssigkeitshaushalt regulieren würde, falls ich mich beim Zuschauen bei den verschiedenen sportlichen Disziplinen zu stark echauffieren sollte. Mein Fotoapparat musste natürlich auch noch hinein, da war also kein Spielraum mehr für hartgekochte Eier (die als potenzielle Wurfgeschosse bestimmt ohnehin streng verboten wären) oder sonstige Zwischenmahlzeiten. Als Oberbekleidung wählte ich eine sportiv geschnittene, strapazierfähige sowie pflegeleichte blaue Baumwollhose, ein Turnleibchen mit gutem Tragekomfort eines Sportbekleidungsherstellers mit toll sportlich wirkenden Streifen auf der Seite und natürlich Turnschuhe. Davon erhoffte ich mir, nicht allzu sehr als Fremdkörper unter den sicherlich zu erwartenden, größtenteils sportlich aktiven Besuchern und Athleten aufzufallen.
Dazu muss man vielleicht erwähnen, dass Turnsport, insbesondere alles, was sich gemeinhin als Leichtathletik bezeichnet, neben Mathematik und Physik nicht zu meinen Lieblingsfächern in der Schule zählte. Zur Beweisführung kann ich notfalls ein Potpourri von Schulzeugnissen mit dem Leistungsvermerk: Sport: mangelhaft vorlegen. Wobei unter mangelhaft vor allem mangelnde Beteiligung zu verstehen ist. Aber das war gestern! Seit dem elften September 2011 habe ich einen völlig neuen Zugang zur Leichtathletik. Zumindest theoretisch. Schon als ich mir das Oberteil mit den sportlichen Rallyestreifen oder wie das heißt, auf der Seite angezogen habe, ist eine Art Verwandlung in mir vorgegangen. Beim letzten prüfenden Blick in den Spiegel hatte ich den Eindruck, dass es auch für uneingeweihte Passanten sicher keinen Zweifel geben könnte, dass nur das große Stadionfest der Leichtathletik mein Ziel sein konnte. Federnden Schrittes lief ich in persönlicher Bestzeit zur S-Bahn, die mich ebenfalls in Bestzeit direkt zum Stadion fuhr. Sogar die S-Bahn war interessiert, mir den Leichathletik-Sport an diesem sonnigen Tag näher zu bringen. Sie fuhr an mehreren Haltestellen vorbei, um mich noch schneller zum Olympiastadion zu bringen. Ein Zeichen! Souverän bewegte ich mich mit der sportiv gekleideten Menge, die zum Stadion strömte.

Ich war in meinem Element! Wir waren alle eine große Familie und ich war ein Teil von ihr! Ob Groß, ob Klein: alle trugen dieselben Rallyestreifen auf der Seite. Na gut, ich will es nicht übertreiben, manchmal gab es auch Anziehsachen von anderen Turnsport-Bekleidungsherstellern mit pfiffigen Ornamenten, die ich auch schon das eine oder andere Mal bei Karstadt Sport oder in der Spitzenprofi-Abteilung von Galeria Kaufhof entdeckt hatte. Manche hatten eine schiefe Sichel auf der Mütze eingestickt oder ein kleines Raubkätzchen auf dem Sportdress. Als ich im Stadion drin war, habe ich gleich gesehen, dass ich genau die richtige Wahl getroffen hatte, mit meinem Dress. Die anderen Athleten außer mir hatten genau solche Streifen auf der Seite. Und eben auch Janeth Jepskosgei Busienei. Man muss nämlich unbedingt wissen, dass Janeth Jepskosgei Busienei eine der schnellsten Läuferinnen der ganzen Welt ist. Also der ERDE! Sie wohnt in Kenia, obwohl, so genau weiß ich gar nicht, ob sie da wohnt, sie ist ja dauernd unterwegs, aber auf jeden Fall kommt sie von da. Wie eben alle wichtigen Spitzenläufer. Nun war ich ja quasi durch meinen professionellen Partnerlook mit J.J.B. prädestiniert, mich ihr etwas näher als gewöhnlich anzunähern. Man könnte sagen: auf Augenhöhe. Wir Sportskanonen haben eben eine Antenne dafür, wo die idealen Bedingungen für das unerlässliche Warm up vor so einem wichtigen Wettkampf zu finden sind. Ich merke, der Eintrag wird schon wieder viel zu lang und der Leser hat schon wieder keine Lust weiterzulesen! Mir geht das ja auch langsam auf die Nerven, aber ich versuche es nun, WEISS GOTT! kurz zu machen!
Wir Sport-Profis stellen uns natürlich immer wieder die Frage, wie schaffen es diese Kenianer, dermaßen schnell zu laufen, obwohl sie offensichtlich keine anderen Trainingsbedingungen und die gleiche Ausrüstung wie unsereiner von demselben Hersteller haben, der auch mich und die anderen Spitzenprofis sponsert. Schauen Sie sich meine Bilder an und schon haben Sie die Antwort. Ich liefere Ihnen exklusives Herrschaftswissen, in Sachen professionelles Warm up. Die kenianische Läuferstaffel nimmt die Sache mit dem Warm up, wie sie ursprünglich gemeint war. Warm up ist ja englisch und heißt auf deutsch Wärm auf. Also Aufwärmen. Niemals war die Rede von obskuren Turn- oder Streck-Übungen, um sich bereit für den Wettkampf zu machen, das steckt in dem Wort überhaupt nicht drin. Jedenfalls Janeth Jepskosgei Busieneis Warm up vor dem Wettkampf geht dergestalt vor sich, dass sie sich mit ihren Kameradinnen und Kameraden ein sonniges Plätzchen sucht und wärmende, langärmlige Kleidung anbehält, bis es so weit ist, auch wenn es draußen sommerliche Temperaturen hat. Das wärmt ordentlich auf und während man ein wenig in der Sonne oder im Halbschatten döst, ein kleines Nickerchen macht, sammeln sich die Kräfte und der gesamte Organismus wärmt sich für den großen Wettkampf auf. Ein-, zweimal geräkelt und schon geht es mit maximaler Sprungkraft in den großen Kampf. Das macht der Löwe im Busch nicht anders und auch ich praktiziere dies mit großem Erfolg. Die Leute in Kenia sind einfach noch näher an diesem Geheimwissen dran. Aber da ich ein stark intuitiver Typ bin, habe ich mir diese Herangehensweise schon in jungen Jahren zueigen gemacht und ich denke, meine Erfolgsgeschichte spricht eine eigene Sprache.

So, das wäre also erstmal das Wichtigste in Sachen Warm up von meiner Seite. Wenn Sie sich die einzelnen Übungen noch einmal genauer, also im Detail betrachten wollen, empfehle ich Ihnen die Großansicht hier der Diaschau mit dem diesbezüglichen Lehrstoff. Außerdem möchte ich Sie insbesondere auf diese zwei Schautafeln mit einem ganz wichtigen Einführungstext hinweisen.
http://www.flickr.com/apps/slideshow/show.swf?v=109615
Und da das hier ja nun keine Larifiari-Veranstaltung ist, wird sich erst einmal ordentlich draußen aufgewärmt, bevor es im Stadion zur Sache geht. Sie können sich also schon mal warm anziehen.

23. November 2011

Sensationell. Wahnsinn! Ich habe gerade einen phantastischen Kommentar unter meinem vorigen Blogeintrag gehabt, der seinesgleichen sucht und als ich dabei war – aufmerksam wie ich bin – den Antwortkommentar zu verfassen und ihn speichern wollte, hieß es, der Kommentar Nr. Soundso existiert nicht mehr.
Falls jemand nicht in den kurzen Genuss dieses putzigen Feedbacks zu meiner Person gekommen ist, habe ich auf die Schnelle den noch auf meinem Monitor sichtbaren Kommentarbeitrag fix kopiert und gesichert! Mir ist einfach am Herzen gelegen zu dokumentieren, was einem im Internet an Gunstbezeugungen so widerfahren kann. Ich habe keine Ahnung, wer hinter dem Werk, ja dieser Liebeserklärung steckt, ob Mann oder Frau, wer weiß es genau („97tel“ – ob 97 das Geburtsjahr ist? Mal schnell rechnen: Vierzehnjährige, schreiben die so? Und lesen mein Blog? Ich wäre angenehm überrascht). Jedenfalls hat sich da jemand offenbar leidenschaftlich mit mir befasst. Ich stelle mir das Ganze übrigens so ein bißchen gerappt vor. Hier also nun der leider von der Verfasserin oder vom Verfasser wieder gelöschte Kommentar (Ich schreibe deswegen leider, weil ich ja gerne ein bißchen Action brauchen kann, in meinem langweiligen, erfolglosen Leben – aber lesen Sie selbst!):
~
97tel – 23. Nov, 22:23
du bist so haesslich,
du bist alt,
du bist erfolglos,
du bist so absolut erfuellt von neid und missgunst.
du hast keine Freunde,
weil du mit deiner selbstverliebtheit
dein Umfeld abstoesst und ankotzt
du feierst dich
das ist dein lebensinhalt
haelst dich fuer die groesste
du langweilst, sobald man dich kennt
der neid ist dein zweites gesicht
die bosheit das dritte
du hungerst nach zuneigung
fragst dich wieso andere geliebt werden
du nicht
deswegen spionierst du
allein aus diesem grund
um den schluessel zu finden
fuer dich
arme, einsame, gefallsuechtige gaga
die grossmaeuligen reden
was wurde wahr davon ?
die jahre schreiten ins land
du vergehst
du verfaellst
du feierst dich weiter
filmst dich weiter
wer ausser dir will dich sehen?
nicht jeder erfolglose ist ein kuenstler
Dauersozialleistungsbezug
davon zu leben ist nicht wirklich kunst
warum lehnen dich deine brueder und schwestern
aus der satanischen loge ab?
es ist leichter andere abzulehnen
bevor diese anderen dich ablehnen
das ist deine lebensphilosophie
was ist aus dir geworden?
nicht mehr
als du vor zwanzig jahren warst
was bist du?
alte, haessliche, einsame frau
blenderin
doch das gelingt nur noch im internet
wo dich niemand kennt
und dir abnehmen koennte
dass hinter dir nichts steckt
ausser boshaftigkeit
und neid
und gier
immer im mittelpunkt zu stehen
arme gaga
wenn der pc aus ist
bist du verschwunden
aus unserem leben
das ist sehr gut so
fuehre nur dich und deine blogger weiter in die irre
das entspricht dir
irre und kaputt

[ Ende des Kommentars ]
Daraufhin verfasste ich folgenden Antwortkommentar, den ich ja nun leider nicht an der ursprünglichen Stelle veröffentlichen konnte, da beim Antworten auf der Ebene des „Ur“-Kommentars auch mein Antwortkommentar durch den Verfasser des Werkes gelöscht wurde:
g a g a – 23. Nov, 23:02
Da hat aber jemand viel Zeit investiert. Ich wusste gar nicht, dass ich solche leidenschaftlichen Gedankengänge auszulösen vermag. Ich sitze ganz fasziniert davor. Auch der Rhythmus oder soll ich sagen: das Versmaß ist interessant. So viel Mühe, um mit mir ins Gericht zu gehen. Sicher haben Sie in allem Recht. Man könnte sagen: ein Steckbrief meiner Person ohne Fehl und Tadel.
Hart trifft mich allerdings der Absatz:
„nicht jeder erfolglose ist ein kuenstler
Dauersozialleistungsbezug
davon zu leben ist nicht wirklich kunst“
Das schmerzt mich insofern etwas, ja ich möchte sagen, ich fühle mich ertappt, da ich diesen Gedanken (im Bezug auf diverse Zeitg) – äh – tja – auch schon hatte. Aber Schwamm drüber.
Was Sie mir aber vielleicht noch erklären könnten, ist der vorletzte Absatz. Sie schreiben da:
„wenn der pc aus ist
bist du verschwunden
aus unserem leben“.
Ist das im Umkehrschluss so zu verstehen, dass, wenn Ihr PC angeschaltet ist, ich ein Teil von Ihrem („unserem…“) Leben (und dem Ihrer Familie?) bin und dementsprechend analog dazu „verschwunden“, wenn Sie den PC ausschalten? Ich frage auch nur deshalb, weil ich mir nicht sicher bin, ob Ihnen der Widerspruch zu den Ausführungen im (Moment, es sind so viele Absätze) siebten Absatz? (Also diesen meine ich und da insbesondere die dritte Zeile: „(…) du feierst dich weiter / filmst dich weiter / wer ausser dir will dich sehen?“) bewusst ist?
(Das frage ich mich übrigens auch immerzu: „Wer will mich sehen?“. Eine zentrale Frage, die mich außerordentlich beschäftigt.) Danke, dass Sie durch diesen komplexen, aufwändigen, ja ich möchte sagen beinah liebevollen Kommentar (aus tiefer Hass-Liebe vermute ich) das Kernproblem noch einmal ins Zentrum rücken. Vielleicht können Sie mir ja behilflich sein, meine charakterlichen Defizite zu kurieren.
Der einzige Absatz, den ich gar nicht nachvollziehen kann, ist der mit dem religiösen Bezug „warum lehnen dich deine brueder und schwestern aus der satanischen loge ab?“ Entschuldigung, dass ich jetzt hier gerade lachend vor dem Rechner sitze, ich will mich ja nicht lustig machen.
Lehnen die mich wirklich ab? Ist das so? Wer genau lehnt mich denn da ab? Vielleicht kann ich mit den „Brüdern und Schwestern“ ja mal ein Wort unter vier oder sechs Augen sprechen. Also danke noch mal. Ich freue mich über jeden Kommentar und auf bald!
Mit freundlichen Grüßen
Gaga Nielsen
P.S. Gerne dürfen Sie mir auf diesen Kommentar antworten!

[ Ende meines Kommentars ]
Sicher war es nur ein dummes Versehen, dass dieser aufwändige Kommentar so schnell wieder gelöscht wurde – eben mal auf die falsche Taste gekommen! Aber ich bin ja pfiffig in Sachen Datensicherung. Keine Ursache, gern geschehen!

22. November 2011

Oh Mein Gott, wie ich das hasse! Jetzt war einige Jahre Ruhe in unseren gehobenen, hochintellektuellen Premium-Bloggerkreisen mit diesem Stöckchen-Unfug, und nun geht die Seuche wieder los! Neuerdings kommt die Heimsuchung im neuen Gewande, als „Award“ betitelt. Alter Wein in neuen Schläuchen! Bei „Award“ denke ich – altbacken wie ich nun einmal zuweilen bin – immer noch an weitere vergoldete Trophäen für den Kaminsims meiner Villa in den Hollywood Hills. Einen zweiten Oscar zum Beispiel. Oder endlich das Bambi für das Lebenswerk. Eine goldene Kamera meinethalben. Aber nein. Es handelt sich um ein heimatloses Gespenster-Banner, das winselnd durch das Internet schwirrt. „Nimm mich mit, nimm mich mit, mir ist kalt, ich habe Hunger…! Erbarme dich, zeige ein Herz!“. Das könnte mir ja nun prinzipiell alles herzlich wurscht sein, wenn nicht ausgerechnet ein mir nicht nur zutiefst sympathischer, sondern außerdem auch noch persönlich bekannter Blog-Nachbar das Ding um die Ohren gehauen hätte. Keine Sorge, ich schlage nicht zurück und verteile nichts weiter. Denn, wie ich bereits im Kommentar bei dem lieben Schneck vermerkte: Ich hasse Kettenbriefe. Und wenn ich damit den Weltuntergang verursache und wegen mir Kinder in Afrika verhungern müssen! Ja, ich bin dann schuld, schieben Sie es einfach auf mich. Alles.
Mich aufgrund ungeheuchelter Sympathie nun aber doch irgendwie verpflichtet fühlend und schon auch weil er mich – wie ich im Übrigen finde, völlig angemessen – als „Königin des Kommentarwesens“ tituliert , habe ich mich in einer schwachen Minute hinreißen lassen, den Wunsch zu erfüllen. Man sollte wohl, soweit ich es beim Querlesen erfassen konnte, sieben Sachen verkünden, die vermutlich noch keiner über einen weiß. Oder halt jedenfalls das Internet nicht. Da ich ja in den letzten Tagen ohnehin diese seltsamen Beicht-Tendenzen entwickle, wäre der von mir angeführte Quatsch wahrscheinlich sowieso früher oder später Gegenstand eines künftigen Blogeintrages geworden. Was habe ich schon noch zu verlieren?!? Ich komme nun langsam in das Alter, wo als Motto gilt: nach mir die Sintflut! Ich werde die sieben Sachen aber nicht hier drunter kopieren. Die können Sie dann ja bei ihm lesen, wenn Sie vor Neugier brennen. Für meinen Geschmack fallen meine sieben Sachen ja fast schon unter too much information. Was man nie über George Clooney wissen wollte. Aber mir ist auf die Schnelle nichts anderes eingefallen und ich wollte es hinter mich bringen! Also: Sie sind gewarnt und ich habe meine Pflicht und Schuldigkeit getan. Und man werfe mir nicht noch vor, dass das ja alles oberflächliches Zeug ist. Ja, ich bin nun einmal Opfer des Schönheitswahns! Besser, schöner, toller! Möglicherweise handelt es sich auch um eine spätpubertäre Trotzreaktion meinerseits, da mir immer eingebläut wurde, dass es nur und ausschließlich auf die inneren Werte ankäme, Körperpflege und Reinlichkeit, ja schon auch wichtig, Kernseife! Gepflegte Kleidung, keine Löcher, keine Flecken. Was sollen sonst die Leute denken! Aber sonst: innere Werte! „Sei wie das Veilchen im Moose, sittsam bescheiden und rein, und nicht wie die stolze Rose, die immer bewundert will sein!“
Das ist eines der wenige Gedichte, dass ich aus dem Effeff auswendig aufsagen kann. Es stand nämlich zweimal in meinem Poesiealbum drin! Doppelt hält besser! Nicht, dass das Kind noch eitel wird. Manche Erziehungsbestrebungen scheinen nicht vollständig zu fruchten. Das mit der Empfehlung, in jeder Hinsicht Bescheidenheit zu demonstrieren, habe ich im Übrigen erst gewagt ein klein wenig in Frage zu stellen, als ich angefangen habe zu bloggen. Kommt mir jedenfalls gerade so vor. Auch wenn das jetzt etwas kokett oder unglaubwürdig klingen mag: ich war meine ganze Kindheit hindurch erste Anwärterin auf den Schüchternheitsaward. Mich persönlich anzusprechen hat schon gelangt und ich habe große, erschrockene Bambi-Augen gemacht, bin vor sehr viel Verlegenheit sehr rot geworden und habe feuchte Patschehändchen gekriegt. Das klingt zwar putzig und sympathisch, wenn man es erzählt, aber angefühlt hat es sich überhaupt nicht gut. Ich weiß gar nicht, ob ich mich für irgendetwas geschämt habe. Vielleicht so prinzipiell. Für die Erbsünde.
Die anderen Monsterkinder fanden es jedenfalls ungemein lustig, dass ich immer so zuverlässig, wie beim Lichtschalter-Anknipsen rot wurde vor lauter Verlegenheit und Nicht-aus-noch-ein. Und haben fein gelacht. Meine Zahnlücke war den anderen Kindern auf jeden Fall (neben noch anderen Details, auf die ich jetzt nicht näher eingehen möchte, beziehungsweise, die ich offenbar erfolgreich und ultimativ verdrängt habe und auch nicht wiedervorzuholen gedenke) ein gefundenes Fressen, um mich damit nach Herzenslust aufzuziehen. Widerworte zu geben, auf die Idee wäre ich nie gekommen. Ich war zwar innerlich so eine Mischung aus wütend, traurig und verletzt aber sich wehren war viel zu gefährlich. Das würde nur noch mehr Böses nach sich ziehen. Tritte und Schubsen. Das gab es auch schon ohne Widerworte. Zu gefährlich. „Sei wie das Veilchen im Moose, sittsam, bescheiden und rein und nicht wie…“
Als insgeheimer größter Fan der in alberne pinkfarbene Schleierhosen gekleideten, für meinen Kindergeschmack sehr hübschen und stets gut gelaunten, und zudem überall beliebten „bezaubernden Jeannie“ sowie der stark geschminkten Daliah Lavi und der kessen Suzi Quatro, welche allesamt nicht nur optische, ja man könnte sagen freche Gegenpole zu den mich umgebenden, nicht sehr farbenfrohen und auch anderweitig irgendwie unfrohen (Haus-)Frauen-Vorbildern gewertet werden dürfen, habe ich natürlich innerlich rebelliert. Im Fernseher, in der Hitparade und in der Reklame (außer in der doofen Margarine-Familie- und Waschmittelwerbung) waren lauter bunte, vogelfreie Sixties- und Seventies-Creme-21-Mädchen mit langen Haaren und quietschbunten Miniröcken, ohne ‚Kieck und Ei‘, und in der echten doofen Erwachsenenwelt wimmelte es vor bescheidenen, ältlichen Frauen mit pflegeleichter, kurz geschnittener Dauerwelle und Faltenrock, die sich ihren angeheirateten Männern unterordneten und überwiegend als Haushaltshilfe glänzten. Da wollte ich dann schon recht frühzeitig lieber in den Fernseher rein, in die pinkfarbene Zauberflaschenwelt der bezaubernden und äußerst eigenwilligen Jeannie aus Amerika. Aber habe ich es denn nötig mich zu rechtfertigen? Nein, nein und abermals nein! Aus dem Alter bin ich raus. Wenn ich in gut dreieinhalb Jahren mein fünfzigstes Wiegenfest begehe, werden sich die Widerworte wahrscheinlich ohnehin erübrigen. Alter schafft Respekt! Ich freu mich drauf. Ha! Für Fragen zu Problemzonen* stehe ich jederzeit vollumfänglich zur Verfügung. Und zuguterletzt möchte ich mich doch bei dem lieben Schneck dafür bedanken, da am Ende trotz anfänglichem Herumgemosere, die Initialzündung für einen wie ich doch finde, ganz schönen Blogeintrag herausgekommen ist.

Danke sehr, mein Lieber.
*auch geistigen

22. November 2011

Oh Mein Gott, wie ich das hasse! Jetzt war einige Jahre Ruhe in unseren gehobenen, hochintellektuellen Premium-Bloggerkreisen mit diesem Stöckchen-Unfug, und nun geht die Seuche wieder los! Neuerdings kommt die Heimsuchung im neuen Gewande, als „Award“ betitelt. Alter Wein in neuen Schläuchen! Bei „Award“ denke ich – altbacken wie ich nun einmal zuweilen bin – immer noch an weitere vergoldete Trophäen für den Kaminsims meiner Villa in den Hollywood Hills. Einen zweiten Oscar zum Beispiel. Oder endlich das Bambi für das Lebenswerk. Eine goldene Kamera meinethalben. Aber nein. Es handelt sich um ein heimatloses Gespenster-Banner, das winselnd durch das Internet schwirrt. „Nimm mich mit, nimm mich mit, mir ist kalt, ich habe Hunger…! Erbarme dich, zeige ein Herz!“. Das könnte mir ja nun prinzipiell alles herzlich wurscht sein, wenn nicht ausgerechnet ein mir nicht nur zutiefst sympathischer, sondern außerdem auch noch persönlich bekannter Blog-Nachbar das Ding um die Ohren gehauen hätte. Keine Sorge, ich schlage nicht zurück und verteile nichts weiter. Denn, wie ich bereits im Kommentar bei dem lieben Schneck vermerkte: Ich hasse Kettenbriefe. Und wenn ich damit den Weltuntergang verursache und wegen mir Kinder in Afrika verhungern müssen! Ja, ich bin dann schuld, schieben Sie es einfach auf mich. Alles.
Mich aufgrund ungeheuchelter Sympathie nun aber doch irgendwie verpflichtet fühlend und schon auch weil er mich – wie ich im Übrigen finde, völlig angemessen – als „Königin des Kommentarwesens“ tituliert , habe ich mich in einer schwachen Minute hinreißen lassen, den Wunsch zu erfüllen. Man sollte wohl, soweit ich es beim Querlesen erfassen konnte, sieben Sachen verkünden, die vermutlich noch keiner über einen weiß. Oder halt jedenfalls das Internet nicht. Da ich ja in den letzten Tagen ohnehin diese seltsamen Beicht-Tendenzen entwickle, wäre der von mir angeführte Quatsch wahrscheinlich sowieso früher oder später Gegenstand eines künftigen Blogeintrages geworden. Was habe ich schon noch zu verlieren?!? Ich komme nun langsam in das Alter, wo als Motto gilt: nach mir die Sintflut! Ich werde die sieben Sachen aber nicht hier drunter kopieren. Die können Sie dann ja bei ihm lesen, wenn Sie vor Neugier brennen. Für meinen Geschmack fallen meine sieben Sachen ja fast schon unter too much information. Was man nie über George Clooney wissen wollte. Aber mir ist auf die Schnelle nichts anderes eingefallen und ich wollte es hinter mich bringen! Also: Sie sind gewarnt und ich habe meine Pflicht und Schuldigkeit getan. Und man werfe mir nicht noch vor, dass das ja alles oberflächliches Zeug ist. Ja, ich bin nun einmal Opfer des Schönheitswahns! Besser, schöner, toller! Möglicherweise handelt es sich auch um eine spätpubertäre Trotzreaktion meinerseits, da mir immer eingebläut wurde, dass es nur und ausschließlich auf die inneren Werte ankäme, Körperpflege und Reinlichkeit, ja schon auch wichtig, Kernseife! Gepflegte Kleidung, keine Löcher, keine Flecken. Was sollen sonst die Leute denken! Aber sonst: innere Werte! „Sei wie das Veilchen im Moose, sittsam bescheiden und rein, und nicht wie die stolze Rose, die immer bewundert will sein!“
Das ist eines der wenige Gedichte, dass ich aus dem Effeff auswendig aufsagen kann. Es stand nämlich zweimal in meinem Poesiealbum drin! Doppelt hält besser! Nicht, dass das Kind noch eitel wird. Manche Erziehungsbestrebungen scheinen nicht vollständig zu fruchten. Das mit der Empfehlung, in jeder Hinsicht Bescheidenheit zu demonstrieren, habe ich im Übrigen erst gewagt ein klein wenig in Frage zu stellen, als ich angefangen habe zu bloggen. Kommt mir jedenfalls gerade so vor. Auch wenn das jetzt etwas kokett oder unglaubwürdig klingen mag: ich war meine ganze Kindheit hindurch erste Anwärterin auf den Schüchternheitsaward. Mich persönlich anzusprechen hat schon gelangt und ich habe große, erschrockene Bambi-Augen gemacht, bin vor sehr viel Verlegenheit sehr rot geworden und habe feuchte Patschehändchen gekriegt. Das klingt zwar putzig und sympathisch, wenn man es erzählt, aber angefühlt hat es sich überhaupt nicht gut. Ich weiß gar nicht, ob ich mich für irgendetwas geschämt habe. Vielleicht so prinzipiell. Für die Erbsünde.
Die anderen Monsterkinder fanden es jedenfalls ungemein lustig, dass ich immer so zuverlässig, wie beim Lichtschalter-Anknipsen rot wurde vor lauter Verlegenheit und Nicht-aus-noch-ein. Und haben fein gelacht. Meine Zahnlücke war den anderen Kindern auf jeden Fall (neben noch anderen Details, auf die ich jetzt nicht näher eingehen möchte, beziehungsweise, die ich offenbar erfolgreich und ultimativ verdrängt habe und auch nicht wiedervorzuholen gedenke) ein gefundenes Fressen, um mich damit nach Herzenslust aufzuziehen. Widerworte zu geben, auf die Idee wäre ich nie gekommen. Ich war zwar innerlich so eine Mischung aus wütend, traurig und verletzt aber sich wehren war viel zu gefährlich. Das würde nur noch mehr Böses nach sich ziehen. Tritte und Schubsen. Das gab es auch schon ohne Widerworte. Zu gefährlich. „Sei wie das Veilchen im Moose, sittsam, bescheiden und rein und nicht wie…“
Als insgeheimer größter Fan der in alberne pinkfarbene Schleierhosen gekleideten, für meinen Kindergeschmack sehr hübschen und stets gut gelaunten, und zudem überall beliebten „bezaubernden Jeannie“ sowie der stark geschminkten Daliah Lavi und der kessen Suzi Quatro, welche allesamt nicht nur optische, ja man könnte sagen freche Gegenpole zu den mich umgebenden, nicht sehr farbenfrohen und auch anderweitig irgendwie unfrohen (Haus-)Frauen-Vorbildern gewertet werden dürfen, habe ich natürlich innerlich rebelliert. Im Fernseher, in der Hitparade und in der Reklame (außer in der doofen Margarine-Familie- und Waschmittelwerbung) waren lauter bunte, vogelfreie Sixties- und Seventies-Creme-21-Mädchen mit langen Haaren und quietschbunten Miniröcken, ohne ‚Kieck und Ei‘, und in der echten doofen Erwachsenenwelt wimmelte es vor bescheidenen, ältlichen Frauen mit pflegeleichter, kurz geschnittener Dauerwelle und Faltenrock, die sich ihren angeheirateten Männern unterordneten und überwiegend als Haushaltshilfe glänzten. Da wollte ich dann schon recht frühzeitig lieber in den Fernseher rein, in die pinkfarbene Zauberflaschenwelt der bezaubernden und äußerst eigenwilligen Jeannie aus Amerika. Aber habe ich es denn nötig mich zu rechtfertigen? Nein, nein und abermals nein! Aus dem Alter bin ich raus. Wenn ich in gut dreieinhalb Jahren mein fünfzigstes Wiegenfest begehe, werden sich die Widerworte wahrscheinlich ohnehin erübrigen. Alter schafft Respekt! Ich freu mich drauf. Ha! Für Fragen zu Problemzonen* stehe ich jederzeit vollumfänglich zur Verfügung. Und zuguterletzt möchte ich mich doch bei dem lieben Schneck dafür bedanken, da am Ende trotz anfänglichem Herumgemosere, die Initialzündung für einen wie ich doch finde, ganz schönen Blogeintrag herausgekommen ist.

Danke sehr, mein Lieber.
*auch geistigen

17. November 2011

So ein Blog lässt sich ja auch wunderbar als Beichtstuhl benutzen. Macht man ja in wahrhaftiger Abgründigkeit so gut wie nie, wenn man ehrlich ist. Die kleinen Alltagsbekenntnisse, die man herausposaunt, sind meistens noch rational für andere nachvollziehbar und ethisch vertretbar. Ich habe mich soeben, obwohl ich nicht katholisch bin, im Badezimmer entschlossen, Beichte über ein abgründiges Tun meinerseits abzulegen.
BEICHTE:
Ich, Gaga Nielsen, verfolge seit circa einem halben Jahr drei Blogs, deren Schreiber mich nicht die Bohne interessieren. Ich missbrauche das akribische Studium ihrer Weblog-Einträge lediglich zur vergleichenden Analyse der möglichen Auswirkungen des laufenden Pluto-Transits. Da mir rein zufällig die Geburtsdaten zur Kenntnis kamen, als sie an anderer Stelle kommentierten, wurden sie zum Opfer einer Langzeitstudie meinerseits. Zum Teil sind mir die Schreiber oder ihre Einträge suspekt oder sogar unsympathisch. Ich lese ungeachtet dessen jeden Eintrag und Kommentar und verfolge zum Teil sogar deren Kommentartätigkeit an anderer Stelle, um zusätzliches Forschungsmaterial zur Verdichtung des jeweiligen Psychogramms zu bekommen. Zu diesen drei Weblogs kommen noch zwei Personen des öffentlichen Lebens, die mir ausgesprochen unsympathisch sind, aber ebenfalls die passende Konstellation im Geburtshoroskop aufweisen, um als Studienobjekt geeignet zu sein. Da diese beiden Personen der Öffentlichkeit in keinster Weise bloggen, bin ich auf das Studium ihrer biographischen Bewegungen durch Veröffentlichungen aus zweiter Hand, durch die Presse und in Foren angewiesen, wo diese Personen umfangreich stattfinden.
Nie im Leben käme ich auf die Idee, bei den von mir analysierten Bloggern einen Kommentar zu hinterlassen. Ich sitze ohnehin meist leicht genervt bis gelangweilt vor den mittelmäßigen Ergüssen, die vor blumigen Beschönigungen nur so strotzen. Die betreffenden Blogs bieten qualitativ einigermaßen vertretbares, wenn auch wenig aufschlussreiches Bildmaterial, aber glänzen vor allem in zwei Fällen durch systematisches Unter-den-Teppich-Kehren der vorhandenen eruptiven Vorgänge. Das Unterstellen eruptiver Vorgänge ist keine Phantasterei meinerseits, sondern tritt zu Tage, wenn man zwischen den Zeilen liest. Mich interessieren aber lediglich vorrangig diese plutonischen Bewegungen. Mal gibt es zwischendurch überraschend abgründige Offenbarungen, meistens andeutungsweise („wenn ich darüber schreiben würde, was sonst noch bei mir los ist, ich kann euch sagen!) in Nebensätzen oder einem Kommentar, die in dem einen Fall dann auch gerne wieder nach einer gewissen Zeit gelöscht oder modifiziert werden, um das Prinzip der Darstellung einer erfolgreichen Lebensdynamik zu bedienen. Sehr interessant. Haarsträubend wird es immer dann, wenn die eine Person über Zukunftspläne spricht, in denen regelmäßig eine hanebüchene Selbstüberschätzung zu Tage tritt, was das vorhandene Talent anbelangt, das Voraussetzung zur Ausführung der Pläne wäre.
Durch diese Beobachtungen durfte ich auch lernen, dass es Bloggerkreise gibt, in denen Kommentartätigkeit zu 99 Prozent inhaltlich darin besteht, sich gegenseitig einen tollen Tag, eine tolle Woche oder ein tolles Wochenende zu wünschen. Tag für Tag, Woche für Woche, Wochenende für Wochenende. So kommen erstaunlich umfangreiche Kommentaraktivitäten- und stränge zustande. Für mich natürlich langweilig, aber wenn man wissenschaftlich arbeitet, bleibt es natürlich nicht aus, in der konkreten Feldforschung auch mit undynamischem Studienmaterial zu arbeiten. Und auch das ermöglicht wiederum eine langfristige, gefestigte Aussage über das Psychogramm.
Bei dem dritten Psychogramm anhand eines Weblogs handelt es sich eher um eine indirekte Studie des Geschriebenen. In dem Fall interessiert mich nicht die bloggende Person selbst, sondern die Darstellung der Beziehung zu einer relevanten (mir ebenfalls unbekannten und nur aufgrund des zufällig entdeckten Geburtsdatums gewählten) Nativität. Sprich: die Person, die als Beziehungspartner beschrieben wird und die Befindlichkeit der Beziehung spiegelt.
Zur Beruhigung: keines meiner Studienobjekte sind mir persönlich bekannte Blogger. Ich habe keinen davon getroffen oder bei ihm oder ihr kommentiert und bin auch in keinster Weise daran interessiert.
Über mein eigenes Psychogramm wollen wir doch an dieser Stelle lieber nicht sprechen. Ich habe selbstverständlich meine AbGründe.
ENDE DER BEICHTE.

20. November 2011


Janeth Jepkosgei Busienei
Hier sehen Sie den Kopf, den Halbtorso sowie die Arme und die Sonnenbrille von Janeth Jepskosgei Busienei. Auf dem Bild drunter sehen Sie die Beine und die Füße von Janeth Jepskosgei Busienei. Alle Fotos von Janeth Jepskosgei Busienei mit dem fehlenden Stück in der Mitte können Sie hier anschauen. Wer Janeth Jepskosgei Busienei genau ist und warum ich hier lauter Bilder von Janeth Jepskosgei Busienei einklebe, erkläre ich später.

Ich habe ja neulich schon angedeutet, dass ich zum großen Stadionfest der Leichtathletik gegangen bin, weil mir das Schicksal aus heiterem Himmel eine Eintrittskarte beschert hat. Das hat natürlich ganz hervorragend zu meinem aktuellen Studiengang „Leni Riefenstahl, das Olympiastadion und Ich!“ gepasst und ich habe auch gleich die Chance meines Lebens gesehen, mal so was ähnliches wie Olympia in echt zu erleben. Noch dazu in meinem persönlichen Olympiastadion! Solche Winke des Schicksals muss man einfach erkennen und nutzen. Ich hatte ja so überhaupt keine Vorstellung, was mich dort genau erwartet. Mein sportlicher Proviant war exakt auf die Sicherheitsvorschriften, die ich vorher haarklein auf der Internetseite vom großen Stadionfest nachgelesen und auswendig gelernt hatte, zugeschnitten: zwei kleine Tetrapäckchen mit Saft und einen Apfel.
Sportive, kleinformatige Kost, die in mein sportliches, improvisiertes Hüfttäschchen passte und den Flüssigkeitshaushalt regulieren würde, falls ich mich beim Zuschauen bei den verschiedenen sportlichen Disziplinen zu stark echauffieren sollte. Mein Fotoapparat musste natürlich auch noch hinein, da war also kein Spielraum mehr für hartgekochte Eier (die als potenzielle Wurfgeschosse bestimmt ohnehin streng verboten wären) oder sonstige Zwischenmahlzeiten. Als Oberbekleidung wählte ich eine sportiv geschnittene, strapazierfähige sowie pflegeleichte blaue Baumwollhose, ein Turnleibchen mit gutem Tragekomfort eines Sportbekleidungsherstellers mit toll sportlich wirkenden Streifen auf der Seite und natürlich Turnschuhe. Davon erhoffte ich mir, nicht allzu sehr als Fremdkörper unter den sicherlich zu erwartenden, größtenteils sportlich aktiven Besuchern und Athleten aufzufallen.
Dazu muss man vielleicht erwähnen, dass Turnsport, insbesondere alles, was sich gemeinhin als Leichtathletik bezeichnet, neben Mathematik und Physik nicht zu meinen Lieblingsfächern in der Schule zählte. Zur Beweisführung kann ich notfalls ein Potpourri von Schulzeugnissen mit dem Leistungsvermerk: Sport: mangelhaft vorlegen. Wobei unter mangelhaft vor allem mangelnde Beteiligung zu verstehen ist. Aber das war gestern! Seit dem elften September 2011 habe ich einen völlig neuen Zugang zur Leichtathletik. Zumindest theoretisch. Schon als ich mir das Oberteil mit den sportlichen Rallyestreifen oder wie das heißt, auf der Seite angezogen habe, ist eine Art Verwandlung in mir vorgegangen. Beim letzten prüfenden Blick in den Spiegel hatte ich den Eindruck, dass es auch für uneingeweihte Passanten sicher keinen Zweifel geben könnte, dass nur das große Stadionfest der Leichtathletik mein Ziel sein konnte. Federnden Schrittes lief ich in persönlicher Bestzeit zur S-Bahn, die mich ebenfalls in Bestzeit direkt zum Stadion fuhr. Sogar die S-Bahn war interessiert, mir den Leichathletik-Sport an diesem sonnigen Tag näher zu bringen. Sie fuhr an mehreren Haltestellen vorbei, um mich noch schneller zum Olympiastadion zu bringen. Ein Zeichen! Souverän bewegte ich mich mit der sportiv gekleideten Menge, die zum Stadion strömte.

Ich war in meinem Element! Wir waren alle eine große Familie und ich war ein Teil von ihr! Ob Groß, ob Klein: alle trugen dieselben Rallyestreifen auf der Seite. Na gut, ich will es nicht übertreiben, manchmal gab es auch Anziehsachen von anderen Turnsport-Bekleidungsherstellern mit pfiffigen Ornamenten, die ich auch schon das eine oder andere Mal bei Karstadt Sport oder in der Spitzenprofi-Abteilung von Galeria Kaufhof entdeckt hatte. Manche hatten eine schiefe Sichel auf der Mütze eingestickt oder ein kleines Raubkätzchen auf dem Sportdress. Als ich im Stadion drin war, habe ich gleich gesehen, dass ich genau die richtige Wahl getroffen hatte, mit meinem Dress. Die anderen Athleten außer mir hatten genau solche Streifen auf der Seite. Und eben auch Janeth Jepskosgei Busienei. Man muss nämlich unbedingt wissen, dass Janeth Jepskosgei Busienei eine der schnellsten Läuferinnen der ganzen Welt ist. Also der ERDE! Sie wohnt in Kenia, obwohl, so genau weiß ich gar nicht, ob sie da wohnt, sie ist ja dauernd unterwegs, aber auf jeden Fall kommt sie von da. Wie eben alle wichtigen Spitzenläufer. Nun war ich ja quasi durch meinen professionellen Partnerlook mit J.J.B. prädestiniert, mich ihr etwas näher als gewöhnlich anzunähern. Man könnte sagen: auf Augenhöhe. Wir Sportskanonen haben eben eine Antenne dafür, wo die idealen Bedingungen für das unerlässliche Warm up vor so einem wichtigen Wettkampf zu finden sind. Ich merke, der Eintrag wird schon wieder viel zu lang und der Leser hat schon wieder keine Lust weiterzulesen! Mir geht das ja auch langsam auf die Nerven, aber ich versuche es nun, WEISS GOTT! kurz zu machen!
Wir Sport-Profis stellen uns natürlich immer wieder die Frage, wie schaffen es diese Kenianer, dermaßen schnell zu laufen, obwohl sie offensichtlich keine anderen Trainingsbedingungen und die gleiche Ausrüstung wie unsereiner von demselben Hersteller haben, der auch mich und die anderen Spitzenprofis sponsert. Schauen Sie sich meine Bilder an und schon haben Sie die Antwort. Ich liefere Ihnen exklusives Herrschaftswissen, in Sachen professionelles Warm up. Die kenianische Läuferstaffel nimmt die Sache mit dem Warm up, wie sie ursprünglich gemeint war. Warm up ist ja englisch und heißt auf deutsch Wärm auf. Also Aufwärmen. Niemals war die Rede von obskuren Turn- oder Streck-Übungen, um sich bereit für den Wettkampf zu machen, das steckt in dem Wort überhaupt nicht drin. Jedenfalls Janeth Jepskosgei Busieneis Warm up vor dem Wettkampf geht dergestalt vor sich, dass sie sich mit ihren Kameradinnen und Kameraden ein sonniges Plätzchen sucht und wärmende, langärmlige Kleidung anbehält, bis es so weit ist, auch wenn es draußen sommerliche Temperaturen hat. Das wärmt ordentlich auf und während man ein wenig in der Sonne oder im Halbschatten döst, ein kleines Nickerchen macht, sammeln sich die Kräfte und der gesamte Organismus wärmt sich für den großen Wettkampf auf. Ein-, zweimal geräkelt und schon geht es mit maximaler Sprungkraft in den großen Kampf. Das macht der Löwe im Busch nicht anders und auch ich praktiziere dies mit großem Erfolg. Die Leute in Kenia sind einfach noch näher an diesem Geheimwissen dran. Aber da ich ein stark intuitiver Typ bin, habe ich mir diese Herangehensweise schon in jungen Jahren zueigen gemacht und ich denke, meine Erfolgsgeschichte spricht eine eigene Sprache.

So, das wäre also erstmal das Wichtigste in Sachen Warm up von meiner Seite. Wenn Sie sich die einzelnen Übungen noch einmal genauer, also im Detail betrachten wollen, empfehle ich Ihnen die Großansicht hier der Diaschau mit dem diesbezüglichen Lehrstoff. Außerdem möchte ich Sie insbesondere auf diese zwei Schautafeln mit einem ganz wichtigen Einführungstext hinweisen.
http://www.flickr.com/apps/slideshow/show.swf?v=109615
Und da das hier ja nun keine Larifiari-Veranstaltung ist, wird sich erst einmal ordentlich draußen aufgewärmt, bevor es im Stadion zur Sache geht. Sie können sich also schon mal warm anziehen.

18. November 2011

http://www.flickr.com/apps/slideshow/show.swf?v=109615
Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit, die Führung ist beendet, bitte begeben Sie sich zum Ausgang. Da hinten, steht groß dran: AUSGANG, EXIT. Was? Trinkgeld? Das ist aber ganz reizend von Ihnen, vielen Dank! Ich kann es gut gebrauchen, ich muss nämlich zur Zeit sparen. Aber das können Sie ja nicht wissen, weil Sie mein Blog nicht lesen. Ich mache nämlich nicht nur sagenhafte, einmalige, nie dagewesene Führungen über das Olympiagelände, sondern schreibe auch manchmal Befindlichkeitskram ins Internet hinein. Kennen Sie doch, Internet. Mit Computer. Ist ja auch nicht so wichtig. Aber das heute, war doch mal was anderes. Sie haben eine Menge neue Sachen über Berlin gelernt und ich auch. Sie müssen nämlich wissen, für mich war das auch das erste Mal, dass ich die Führung gemacht habe. Ja! Hätten Sie nicht gedacht was? Ich habe einfach ein bißchen improvisiert und Sie haben es gar nicht bemerkt. Ich bin nämlich keineswegs sonderlich sport- oder olympiainteressiert oder Nazi-Architektur-Sachverständige oder womöglich gar studierte Nationalsozialismus-Forscherin. Nichts von alledem. Naja, obwohl jetzt vielleicht schon ein bißchen!

Wissen Sie, es geht mir ähnlich wie Ihnen: Sie leben ja nun auch schon ewig und drei Tage hier in unserem schönen Berlin, das ja nun mittlerweile wieder Hauptstadt ist. Und wenn man so wie ich, wie bereits erwähnt, sparen muss, kommt man direkt auf die Idee, sich mal vor der eigenen Haustüre umzuschauen. Und da ist mir aufgefallen, dass es ziemlich viele Touristen hierher zieht. Das muss doch einen Grund haben, dachte ich so bei mir. Und dann ist da ja auch noch meine Beschäftigung mit Frau Riefenstahl, aber das wird Sie vielleicht jetzt nicht so interessieren. Dass ich keine Nazi-Freundin bin, und auch sonst nicht zu Verharmlosungen neige, müssten Sie jetzt aber eigentlich schon mitbekommen haben, wenn Sie mir gut zugehört haben. Ach, haben Sie nicht? Keine Zeit oder woanders hingeguckt? Sehen Sie, ich habe ja für alles Verständnis, man kann das ja auch alles gar nicht auf einmal verdauen. Und dann immer noch meine privaten Betrachtungen und Befindlichkeiten zwischen den vielen Erklärungen. Ich habe doch für alles Verständnis. Und sehen Sie, deshalb habe ich für Sie, für zuhause, noch einmal eine kleine Sammlung der ganzen Etappen und Geschichten unserer heutigen kleinen Führung über das historische Olympiagelände angefertigt. Vielleicht haben Sie ja doch irgendwann einmal die Ruhe. Und wenn Sie dann noch Lust haben, mir eine kleine Rückmeldung zu geben, ob es Ihnen gefallen hat, freut es mich umso mehr. Das ist mir noch lieber als Trinkgeld. Aber Trinkgeld ist natürlich auch toll! Ich werde mir gleich davon eine schöne Tasse Kaffee gönnen. Vielen Dank und:
Auf Wiedersehen

1. Intro | 2.Entry | 3.Stadion | 4.Schwimmstadion | 5.Areal | 6.Pferd | 7.Maifeld 8. Langemarck | 9. Glockenturm | 10. Glocke 1936 | 11. Kl. Marchhof | 12. EXIT

18. November 2011

http://www.flickr.com/apps/slideshow/show.swf?v=109615
Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit, die Führung ist beendet, bitte begeben Sie sich zum Ausgang. Da hinten, steht groß dran: AUSGANG, EXIT. Was? Trinkgeld? Das ist aber ganz reizend von Ihnen, vielen Dank! Ich kann es gut gebrauchen, ich muss nämlich zur Zeit sparen. Aber das können Sie ja nicht wissen, weil Sie mein Blog nicht lesen. Ich mache nämlich nicht nur sagenhafte, einmalige, nie dagewesene Führungen über das Olympiagelände, sondern schreibe auch manchmal Befindlichkeitskram ins Internet hinein. Kennen Sie doch, Internet. Mit Computer. Ist ja auch nicht so wichtig. Aber das heute, war doch mal was anderes. Sie haben eine Menge neue Sachen über Berlin gelernt und ich auch. Sie müssen nämlich wissen, für mich war das auch das erste Mal, dass ich die Führung gemacht habe. Ja! Hätten Sie nicht gedacht was? Ich habe einfach ein bißchen improvisiert und Sie haben es gar nicht bemerkt. Ich bin nämlich keineswegs sonderlich sport- oder olympiainteressiert oder Nazi-Architektur-Sachverständige oder womöglich gar studierte Nationalsozialismus-Forscherin. Nichts von alledem. Naja, obwohl jetzt vielleicht schon ein bißchen!

Wissen Sie, es geht mir ähnlich wie Ihnen: Sie leben ja nun auch schon ewig und drei Tage hier in unserem schönen Berlin, das ja nun mittlerweile wieder Hauptstadt ist. Und wenn man so wie ich, wie bereits erwähnt, sparen muss, kommt man direkt auf die Idee, sich mal vor der eigenen Haustüre umzuschauen. Und da ist mir aufgefallen, dass es ziemlich viele Touristen hierher zieht. Das muss doch einen Grund haben, dachte ich so bei mir. Und dann ist da ja auch noch meine Beschäftigung mit Frau Riefenstahl, aber das wird Sie vielleicht jetzt nicht so interessieren. Dass ich keine Nazi-Freundin bin, und auch sonst nicht zu Verharmlosungen neige, müssten Sie jetzt aber eigentlich schon mitbekommen haben, wenn Sie mir gut zugehört haben. Ach, haben Sie nicht? Keine Zeit oder woanders hingeguckt? Sehen Sie, ich habe ja für alles Verständnis, man kann das ja auch alles gar nicht auf einmal verdauen. Und dann immer noch meine privaten Betrachtungen und Befindlichkeiten zwischen den vielen Erklärungen. Ich habe doch für alles Verständnis. Und sehen Sie, deshalb habe ich für Sie, für zuhause, noch einmal eine kleine Sammlung der ganzen Etappen und Geschichten unserer heutigen kleinen Führung über das historische Olympiagelände angefertigt. Vielleicht haben Sie ja doch irgendwann einmal die Ruhe. Und wenn Sie dann noch Lust haben, mir eine kleine Rückmeldung zu geben, ob es Ihnen gefallen hat, freut es mich umso mehr. Das ist mir noch lieber als Trinkgeld. Aber Trinkgeld ist natürlich auch toll! Ich werde mir gleich davon eine schöne Tasse Kaffee gönnen. Vielen Dank und:
Auf Wiedersehen

1. Intro | 2.Entry | 3.Stadion | 4.Schwimmstadion | 5.Areal | 6.Pferd | 7.Maifeld 8. Langemarck | 9. Glockenturm | 10. Glocke 1936 | 11. Kl. Marchhof | 12. EXIT

16. November 2011

http://www.flickr.com/apps/slideshow/show.swf?v=109615
Wieso denn jetzt noch mehr Bilder von einer Glocke? Eine berechtigte, leicht zu beantwortende Frage. Wie man unschwer erkennen kann, hängt sie nicht im Turm. Das gewaltige, 4,28 Meter hohe Teil steht auf dem Kleinen Marchhof und ist gesprungen, als der Turm 1947 durch die britischen Streitkräfte gesprengt wurde. Bei Wikipedia heißt es, der Turm brannte und war vom Einsturz bedroht, daher die Sprengung. Wir sehen also den Wiederaufbau des Glockenturms, und eine Kopie der Glocke, nicht das Original. Es ist doch wirklich gut, wenn man Bilder macht, die man dann zuhause auf sich wirken lassen kann. Mir fiel jetzt erst, wo ich die Bilder in Ruhe betrachtete auf, dass die zweite Version der Glocke im Turm gar keine Replik ist. Die Beschriftung sieht völlig anders aus, keine Fraktur. An der Stelle wo bei der originalen Glocke die Hakenkreuze waren, ist bei der neuen Glocke nichts. Verständlich. Sogar auf der alten Glocke wurden die kleinen Hakenkreuze am unteren Rand leicht gemorpht. Ich habe auch kein Eichblatt mehr auf der neuen Glocke gesehen. Und der Adler sieht anders aus. Ganz anders. Auf der neuen Glocke ist der Adler, wie man ihn von den alten Fünfmark-Stücken kannte. Ähnlich dem, der heutzutage im Bundestag hängt. Der Adler auf der alten Glocke gefällt mir besser, er ist schlichter, archaischer. Ich meine nicht, wofür er damals herhielt, sondern die reine Silhouette und sein Ausdruck.

Ich mag Adler sehr gerne und bedaure, dass so viele Menschen damit schnöden Idioten-Nationalismus in Verbindung bringen. Das hat er nicht verdient. Der Adler hat mich schon einmal beschäftigt, zur Fußball-Weltmeisterschaft 2006, als in Berlin und auch überall sonst in Deutschland die beinah gesamte Bevölkerung im WM-Fieber war. Ein bunter Tanz aller Kulturen, die S-Bahn gefüllt mit trommelnden Fans aus aller Herren Länder, mit bunter Kriegsbemalung in ihren jeweiligen Landesfarben auf der Backe. Und die deutschen Gastgeber genauso bunt bemalt in ihren drei Farben, mittendrin. Ein großes fröhliches Fest. Die reinste Love Parade. Und da fing ich an zu bedauern, dass es keine coolen T-Shirts mit einem sexy Adler darauf gibt. Das wäre ganz nach meinem Geschmack gewesen. Man ist ja schließlich auch wer und hat einen Vogel. In dem Blogeintrag von damals sieht man ein selber entworfenes Shirt, das leider nie gedruckt wurde, weil ich keine online-Anbieter fand, die preisgünstig ein freigewähltes weißes Motiv auf Schwarz drucken konnten. Umgekehrt wäre einfach gewesen, aber ich wollte Weiß auf Schwarz! Ich hatte mir sogar eine Schablone gebastelt, in Originalgröße, um zu testen, wie es aussehen würde. Für mich war die Assoziation eher die eines grandiosen, unwiderstehlich kraftvollen Totems. Na gut, das war er für die Idioten früher auch. Aber ich meinte mehr im Geiste von Indianer spielen. Aber nicht kindermäßig, sondern cool wie Lenny Kravitz, kombiniert mit schwarzem Leder, Damals nahm ich den modernen Adler zur Vorlage. Den alten hätte ich mich nicht getraut, obwohl er schöner ist. Wer will schon für einen Nazi gehalten werden. Ich bestimmt nicht. Aber das würde man vielleicht auch mit dem neuen Adler auf der Brust. Na ja, Schwamm drüber. Aber ich finde die Idee immer noch ganz gut.

Wie schrieb ich damals so schön: „den Nazi-Deppen den Adler entreißen“. Die vergewaltigten Elemente und Symbole in einen neuen Kontext bringen. Oder in den ursprünglichen. Den sie vor dieser Ära der Gewalt und Menschenverachtung hatten. Das gilt natürlich auch für das sogenannte Hakenkreuz. Das alte Sonnensymbol, das Sonnenrad, das weiß Gott keine Erfindung der Nazis war, aber das weiß man ja heutzutage selbst mit Minimalbildung, dass die Swastika aus einem völlig anderen Kontext kommt. Wir werden sicher nicht mehr erleben, dass diese Symbole die unbefleckte Unschuld zurückerhalten, die sie verdienen. Vielleicht in fünfhundert oder tausend Jahren. Nicht, dass mich das zutiefst bekümmern würde, oder ich eine Sehnsucht hätte, diese Rune zu kritzeln. Dennoch ist es der Verlust der Gebrauchsmöglichkeit von Details unserer archaischen Herkunft. Das ist nur eine Erklärung, wieso ich mich so ungeniert vor diesem Adler zeige. Eigentlich ist es mein Adler. Ich erhebe Besitzanspruch. Mein Adler ist ein guter, kraftvoller Adler mit Weitblick, Weisheit und Verstand. Finger weg, Alt- und Neo-Nazis.

17. November 2011

So ein Blog lässt sich ja auch wunderbar als Beichtstuhl benutzen. Macht man ja in wahrhaftiger Abgründigkeit so gut wie nie, wenn man ehrlich ist. Die kleinen Alltagsbekenntnisse, die man herausposaunt, sind meistens noch rational für andere nachvollziehbar und ethisch vertretbar. Ich habe mich soeben, obwohl ich nicht katholisch bin, im Badezimmer entschlossen, Beichte über ein abgründiges Tun meinerseits abzulegen.
BEICHTE:
Ich, Gaga Nielsen, verfolge seit circa einem halben Jahr drei Blogs, deren Schreiber mich nicht die Bohne interessieren. Ich missbrauche das akribische Studium ihrer Weblog-Einträge lediglich zur vergleichenden Analyse der möglichen Auswirkungen des laufenden Pluto-Transits. Da mir rein zufällig die Geburtsdaten zur Kenntnis kamen, als sie an anderer Stelle kommentierten, wurden sie zum Opfer einer Langzeitstudie meinerseits. Zum Teil sind mir die Schreiber oder ihre Einträge suspekt oder sogar unsympathisch. Ich lese ungeachtet dessen jeden Eintrag und Kommentar und verfolge zum Teil sogar deren Kommentartätigkeit an anderer Stelle, um zusätzliches Forschungsmaterial zur Verdichtung des jeweiligen Psychogramms zu bekommen. Zu diesen drei Weblogs kommen noch zwei Personen des öffentlichen Lebens, die mir ausgesprochen unsympathisch sind, aber ebenfalls die passende Konstellation im Geburtshoroskop aufweisen, um als Studienobjekt geeignet zu sein. Da diese beiden Personen der Öffentlichkeit in keinster Weise bloggen, bin ich auf das Studium ihrer biographischen Bewegungen durch Veröffentlichungen aus zweiter Hand, durch die Presse und in Foren angewiesen, wo diese Personen umfangreich stattfinden.
Nie im Leben käme ich auf die Idee, bei den von mir analysierten Bloggern einen Kommentar zu hinterlassen. Ich sitze ohnehin meist leicht genervt bis gelangweilt vor den mittelmäßigen Ergüssen, die vor blumigen Beschönigungen nur so strotzen. Die betreffenden Blogs bieten qualitativ einigermaßen vertretbares, wenn auch wenig aufschlussreiches Bildmaterial, aber glänzen vor allem in zwei Fällen durch systematisches Unter-den-Teppich-Kehren der vorhandenen eruptiven Vorgänge. Das Unterstellen eruptiver Vorgänge ist keine Phantasterei meinerseits, sondern tritt zu Tage, wenn man zwischen den Zeilen liest. Mich interessieren aber lediglich vorrangig diese plutonischen Bewegungen. Mal gibt es zwischendurch überraschend abgründige Offenbarungen, meistens andeutungsweise („wenn ich darüber schreiben würde, was sonst noch bei mir los ist, ich kann euch sagen!) in Nebensätzen oder einem Kommentar, die in dem einen Fall dann auch gerne wieder nach einer gewissen Zeit gelöscht oder modifiziert werden, um das Prinzip der Darstellung einer erfolgreichen Lebensdynamik zu bedienen. Sehr interessant. Haarsträubend wird es immer dann, wenn die eine Person über Zukunftspläne spricht, in denen regelmäßig eine hanebüchene Selbstüberschätzung zu Tage tritt, was das vorhandene Talent anbelangt, das Voraussetzung zur Ausführung der Pläne wäre.
Durch diese Beobachtungen durfte ich auch lernen, dass es Bloggerkreise gibt, in denen Kommentartätigkeit zu 99 Prozent inhaltlich darin besteht, sich gegenseitig einen tollen Tag, eine tolle Woche oder ein tolles Wochenende zu wünschen. Tag für Tag, Woche für Woche, Wochenende für Wochenende. So kommen erstaunlich umfangreiche Kommentaraktivitäten- und stränge zustande. Für mich natürlich langweilig, aber wenn man wissenschaftlich arbeitet, bleibt es natürlich nicht aus, in der konkreten Feldforschung auch mit undynamischem Studienmaterial zu arbeiten. Und auch das ermöglicht wiederum eine langfristige, gefestigte Aussage über das Psychogramm.
Bei dem dritten Psychogramm anhand eines Weblogs handelt es sich eher um eine indirekte Studie des Geschriebenen. In dem Fall interessiert mich nicht die bloggende Person selbst, sondern die Darstellung der Beziehung zu einer relevanten (mir ebenfalls unbekannten und nur aufgrund des zufällig entdeckten Geburtsdatums gewählten) Nativität. Sprich: die Person, die als Beziehungspartner beschrieben wird und die Befindlichkeit der Beziehung spiegelt.
Zur Beruhigung: keines meiner Studienobjekte sind mir persönlich bekannte Blogger. Ich habe keinen davon getroffen oder bei ihm oder ihr kommentiert und bin auch in keinster Weise daran interessiert.
Über mein eigenes Psychogramm wollen wir doch an dieser Stelle lieber nicht sprechen. Ich habe selbstverständlich meine AbGründe.
ENDE DER BEICHTE.

17. November 2011


Der sogenannte Kleine Marchhof ist das Areal zwischen dem Maifeld und linker Hand vom Stadion. Die Historie ist für mich nicht so spannend oder relevant, der Platz hat heute keine besondere Funktion mehr. Im Gegensatz zu der Ära, bevor das ’neue‘ Olympiastadion 1934 – 1936 erbaut wurde. Da, wo heute das Stadion ist, war auch früher eine Stätte der Körperertüchtigung und athletischer Wettbewerbe, damals hieß es Deutsches Stadion, dessen Architekt Otto March war. Aber das nur am Rande. Ich habe einfach als ich der Menge der Bilder, die ich gemacht hatte, gewahr wurde, beschlossen kleinere und damit besser verdauliche Häppchen daraus zu machen und da bot sich die kleine Serie des Kleinen Marchhofs an. Auch weil das Licht und die Stimmung dort so anders war. Es war schon später Nachmittag und die Sonne stand schon tief, als ich mich langsam Richtung Ausgang bewegte. Ich dachte an die vielen griechischen Tempel, die ich in den Neunziger Jahren besucht hatte, als ich viel und gerne auf griechische Inseln reiste. Zwischen dem Franken- und dem Schwabenturm sank die Sonne so schön und reflektierte einen Abglanz in diesen verglasten Bodeneinlassungen, deren Sinn ich bis heute nicht ganz erhellt habe. Wie Solar-Paneele sind sie in den Rasen eingefügt. Es könnten auch Deckenlichter für darunter liegende Räume sein. Die Vorstellung gefällt mir. Der Kleine Marchhof. Eine kleine Etappe mit besonderem Licht. Mehr nicht.

http://www.flickr.com/apps/slideshow/show.swf?v=109615

17. November 2011

Meta meta. Ich schreibe mich gerade unter einem Beitrag von Frau Klugscheißer in den Kommentaren um Kopf und Kragen, falls es jemanden interessiert. Es geht um das Bloggen selbst und um Kommentaraktivitäten und nichtzuletzt um Klatschvieh, wie ich es gerne nenne. Die böse Formulierung ist nicht von mir, sondern ich habe sie irgendwann bei einem lieben Freund, dem sehr geschätzten Jochen Reinecke aufgegabelt.
Kleine Kostprobe:
– Anfang des Kommentars –
gaga, 17. November 2011, 10:33
„Insofern hat FB und Co eben einen Trend erspürt, nämlich die abzuholen, die trotz eingeschränkten Audruckrepertoires sich dennoch ausdrücken möchten und ihnen zudem Leser in Form von Freunden/Followern zu garantieren.“
Musste eben lachen, ob der Formulierung, aber so einfach ist es nicht. Eingeschränktes Ausdrucksrepertoire wird auch von vielen gepflegt, die durchaus zu mehr fähig werden, sich aber vermutlich lieber auf twittertimelines verzetteln, auf vielen Hochzeiten tanzen und hier und dort schnell mal ihre Eloquenz in 140 Zeichen unter Beweis stellen. Die meisten Twitterer wären vermutlich hochgradig beleidigt, wenn man ihnen eingeschränktes Ausdrucksrepertoire unterstellen würde, und betrachten das im Gegenteil sogar als eine Art Sport ihr sensationelles Ausdrucksrepertoire auf wenige Worte einzudampfen. Ich habe da auch überhaupt nichts dagegen und muss auch manchmal über die Äußerungen lachen, die ich allerdings nur selektionsweise von der Kaltmamsell kenne, die ja immer diese kleinen Sammlungen postet.
Ich habe im Laufe der Zeit ein bißchen schlechte Laune darüber bekommen, dass sich auf fb, wo ich das Spielchen vor ca. zwei Jahren auch mal ein paar Wochen verfolgte, Leute, die früher ausgiebig und mit schöner Regelmäßigkeit, ja Liebe bloggten, ihren Fokus dann auf fb verlegten und ihre Zeit mit dem verplempern, was sie für „vernetzen“ halten. Und auch die bloggenden Twitterer haben meist ihren Aktionsschwerpunkt massiv verlagert.
Das ist das, was ich mit Grundrauschen meine, es geht überhaupt nicht darum, sich schriftlich zu äußern, wertvolle Gedanken zu formulieren, sondern um Kontaktpflege und sich der eigenen Existenz und Wertschätzung auf einem leicht zu handelnden Niveau zu versichern.
Ist ja auch alles erlaubt und in Ordnung, wenn es sich kuschelig anfühlt. Ich darf mir überhaupt nicht herausnehmen, mich darüber zu erheben, weil ich komplett anders ticke, das sind für mich Ereignisse auf fremden Planeten. Ich schreibe in meinem Blog im Grunde Schulaufsätze, bei denen ich mir viel Mühe gebe, meine gedankliche Dynamik in Worte zu fassen. Der Unterschied zu früher (also zu Schulzeiten) ist nur, ich kann mich nicht darauf verlassen, dass jemand den Part der Lehrerin übernimmt, die sich das in Ruhe durchliest und Anmerkungen dazu macht. Und mir eine Note gibt. Das hätte ich eigentlich ganz gerne, einen dynamischen gedanklichen Ausstausch, aber das ist offenbar zu viel verlangt, der Anspruch von mir ist eindeutig zu hoch. Natürlich finde ich es schade, dass ich das Gefühl habe, mit großer Gewissenhaftigkeit an meine aufwändigen Aufsätze ranzugehen (ich rede jetzt nicht unbedingt von diesen kleineren Äußerungen zwischendurch, das geht ruckzuck, meine Gedanken rotieren sowieso immer turbomäßig) aber keine auf ähnlichem Level rotierenden Leser zu haben. Bzw. gibt es zwar welche, die den Intellekt durchaus hätten, aber sich dann nicht an einem Kommentar abarbeiten wollen. Und sei es nur „ich verfolge das mit Interesse, habe aber das Gefühl, keinen ebenbürtigen Kommentar formulieren zu können“. Ein bißchen beleidigt bin ich da auch schon, gebe ich zu, da ich ja nun bei einem Blick in die Zugriffszahlen sehe, dass es durchaus gelesen wird. Ich merke, ich muss gerade sehr aufpassen, dass ich nicht überheblich werde.
Das fängt schon da an, dass sich mir die Haare bei dem Beispiel sträuben, den Sie oben anführten. Von wegen, manche könnten eben so toll schreiben, dass sie auch über einen Furz bloggen könnten. Lassen Sie mal die Kirche im Dorf. Es wird bereits über den Furz gebloggt. Und nicht auf sensationellem literarischen Niveau. Man muss sich eben auch bei den Lesern entscheiden: will man Klatschvieh, schreibt man am besten gut verdaulichen Durchschnitt. Wenn der Fokus nicht auf intensivem Grundrauschen in Form von Plapper-Feedback liegt, kann man sich überlegen, ob man sich originärem Denken und dessen Formulierung verschreibt, aber auf quantitaves Feedback verzichtet.
Ja, die kleinen Heimaten. So ist es.
– Ende des Kommentars –

16. November 2011

http://www.flickr.com/apps/slideshow/show.swf?v=109615
Wieso denn jetzt noch mehr Bilder von einer Glocke? Eine berechtigte, leicht zu beantwortende Frage. Wie man unschwer erkennen kann, hängt sie nicht im Turm. Das gewaltige, 4,28 Meter hohe Teil steht auf dem Kleinen Marchhof und ist gesprungen, als der Turm 1947 durch die britischen Streitkräfte gesprengt wurde. Bei Wikipedia heißt es, der Turm brannte und war vom Einsturz bedroht, daher die Sprengung. Wir sehen also den Wiederaufbau des Glockenturms, und eine Kopie der Glocke, nicht das Original. Es ist doch wirklich gut, wenn man Bilder macht, die man dann zuhause auf sich wirken lassen kann. Mir fiel jetzt erst, wo ich die Bilder in Ruhe betrachtete auf, dass die zweite Version der Glocke im Turm gar keine Replik ist. Die Beschriftung sieht völlig anders aus, keine Fraktur. An der Stelle wo bei der originalen Glocke die Hakenkreuze waren, ist bei der neuen Glocke nichts. Verständlich. Sogar auf der alten Glocke wurden die kleinen Hakenkreuze am unteren Rand leicht gemorpht. Ich habe auch kein Eichblatt mehr auf der neuen Glocke gesehen. Und der Adler sieht anders aus. Ganz anders. Auf der neuen Glocke ist der Adler, wie man ihn von den alten Fünfmark-Stücken kannte. Ähnlich dem, der heutzutage im Bundestag hängt. Der Adler auf der alten Glocke gefällt mir besser, er ist schlichter, archaischer. Ich meine nicht, wofür er damals herhielt, sondern die reine Silhouette und sein Ausdruck.

Ich mag Adler sehr gerne und bedaure, dass so viele Menschen damit schnöden Idioten-Nationalismus in Verbindung bringen. Das hat er nicht verdient. Der Adler hat mich schon einmal beschäftigt, zur Fußball-Weltmeisterschaft 2006, als in Berlin und auch überall sonst in Deutschland die beinah gesamte Bevölkerung im WM-Fieber war. Ein bunter Tanz aller Kulturen, die S-Bahn gefüllt mit trommelnden Fans aus aller Herren Länder, mit bunter Kriegsbemalung in ihren jeweiligen Landesfarben auf der Backe. Und die deutschen Gastgeber genauso bunt bemalt in ihren drei Farben, mittendrin. Ein großes fröhliches Fest. Die reinste Love Parade. Und da fing ich an zu bedauern, dass es keine coolen T-Shirts mit einem sexy Adler darauf gibt. Das wäre ganz nach meinem Geschmack gewesen. Man ist ja schließlich auch wer und hat einen Vogel. In dem Blogeintrag von damals sieht man ein selber entworfenes Shirt, das leider nie gedruckt wurde, weil ich keine online-Anbieter fand, die preisgünstig ein freigewähltes weißes Motiv auf Schwarz drucken konnten. Umgekehrt wäre einfach gewesen, aber ich wollte Weiß auf Schwarz! Ich hatte mir sogar eine Schablone gebastelt, in Originalgröße, um zu testen, wie es aussehen würde. Für mich war die Assoziation eher die eines grandiosen, unwiderstehlich kraftvollen Totems. Na gut, das war er für die Idioten früher auch. Aber ich meinte mehr im Geiste von Indianer spielen. Aber nicht kindermäßig, sondern cool wie Lenny Kravitz, kombiniert mit schwarzem Leder, Damals nahm ich den modernen Adler zur Vorlage. Den alten hätte ich mich nicht getraut, obwohl er schöner ist. Wer will schon für einen Nazi gehalten werden. Ich bestimmt nicht. Aber das würde man vielleicht auch mit dem neuen Adler auf der Brust. Na ja, Schwamm drüber. Aber ich finde die Idee immer noch ganz gut.

Wie schrieb ich damals so schön: „den Nazi-Deppen den Adler entreißen“. Die vergewaltigten Elemente und Symbole in einen neuen Kontext bringen. Oder in den ursprünglichen. Den sie vor dieser Ära der Gewalt und Menschenverachtung hatten. Das gilt natürlich auch für das sogenannte Hakenkreuz. Das alte Sonnensymbol, das Sonnenrad, das weiß Gott keine Erfindung der Nazis war, aber das weiß man ja heutzutage selbst mit Minimalbildung, dass die Swastika aus einem völlig anderen Kontext kommt. Wir werden sicher nicht mehr erleben, dass diese Symbole die unbefleckte Unschuld zurückerhalten, die sie verdienen. Vielleicht in fünfhundert oder tausend Jahren. Nicht, dass mich das zutiefst bekümmern würde, oder ich eine Sehnsucht hätte, diese Rune zu kritzeln. Dennoch ist es der Verlust der Gebrauchsmöglichkeit von Details unserer archaischen Herkunft. Das ist nur eine Erklärung, wieso ich mich so ungeniert vor diesem Adler zeige. Eigentlich ist es mein Adler. Ich erhebe Besitzanspruch. Mein Adler ist ein guter, kraftvoller Adler mit Weitblick, Weisheit und Verstand. Finger weg, Alt- und Neo-Nazis.

16. November 2011

Siebenundsiebzig Komma Siebzehn Meter. Das klingt nicht so sensationell hoch, aber schön. Ich also rauf auf den mir bis dato unbekannten Glockenturm, der wie ein Riesenschornstein aus der Langemarckhalle wächst. Berlin hat eine Reihe Aussichtspunkte. Den Grunewaldturm, den ich nur von unten kenne. Den Fernsehturm natürlich. War ich oben. Den Funkturm? Kann man da überhaupt rauf? War ich auch noch nicht. Den Müggelturm. War ich vor zwei Jahren. Die Kantine vom sogenannten „Steglitzer Kreisel“, dem Bezirksamt von Steglitz. Ein 27 Etagen hoher kleiner Wolkenkratzer, in dem mir beide Male leicht schwindelig wurde im Fahrstuhl, nicht wegen der Aussicht, sondern wegen des veränderten Luftdrucks. Man musste schlucken, wie manchmal im Flieger. In die Kantine konnte ja jeder rein, hatte mir mal jemand verraten. Hat keiner kontrolliert. War ja vielleicht auch völlig erlaubt.

Aber wir sind ja beim Glockenturm am Olympiastadion, der von außen nun wirklich keine bemerkenswerte Architektur aufweist. Halt ein viereckiger Turm. Man nimmt den gläsernen Fahrstuhl, bis es nicht weiter geht und zur Aussichtsplattform muß man eine recht schmale Treppe hoch, ein bißchen gefährlich, wie meistens bei der obersten Etage von Türmen. Ich bin zum Glück nicht gehbehindert und hatte keine Probleme mit dem Aufstieg. Zum Glück schreibe ich deswegen, weil es mir sehr bewusst wurde beim Hochgehen, was für ein Glück das ist. Die letzten zwei Meter der Treppe nach oben musste ich nämlich eine ganze Weile in die Ecke an die Wand gedrückt innehalten, bis ein vor mir mehr stehender als gehender junger Mann oben angelangt war. Es gab keinen Spielraum, um mich gefahrlos an ihm vorbeizubewegen. Ich schätze ihn Mitte Zwanzig. Er wurde begleitet, ja geleitet und fest gehalten. Mit unübersehbarem Kraftaufwand. Eine junge Frau gab ihm Anleitungen, sagte ihm, ob er sich mit den Füßen an der Kante einer Stufe befindet und hielt ihn mit all ihrer Kraft. Er stand nicht aufrecht, aber versuchte sich so gut wie möglich in voller Länge aufzurichten, offenkundig hauptsächlich mit der Kraft seiner Arme. Ich sah das Zittern der Muskeln seiner Hand und der Unterarme. Und die Anspannung der jungen Frau, die all ihre Kraft aufbrachte. Es sah gefährlich aus. Ich war hin- und hergerissen zwischen Befürchtung und Bewunderung. Ein riskantes, beinah akrobatisches Unterfangen. Die junge Frau signalisierte, dass sie keine Hilfe brauchen konnte, ich hatte ihr einen fragenden Blick zugeworfen. Ein falscher ungeübter Handgriff meinerseits hätte die Sache offenkundig noch gefährlicher gemacht. Womöglich hätte ich ihm den Arm verdreht und ihm eher weh getan als geholfen. Ich begriff gar nicht vollständig, welche Behinderung er genau hatte. Ich dachte an schwere motorische Störungen und Muskelschwund. Ich stand gefühlte zehn Minuten auf dem engen Treppenabsatz, dicht an die Wand des Turms gedrückt um möglichst wenig Platz einzunehmen und sah ehrfürchtig gebannt zu. Was für ein Kraftakt. Dann öffnete die Frau die schwere Eisentür zur Plattform, sie war die ganze Zeit zu, weil er den Griff der Tür zum Festhalten und zum nach oben Ziehen brauchte. Der Weg war wieder frei. Ich brauchte für den Weg, den er in zehn Minuten zurücklegte, zehn Sekunden.


Oben ließ ich mich vom Wind durchpusten und sah die Waldbühne zum ersten Mal von oben. Und das Olympiastadion natürlich. Schon schön, das nach einem guten Vierteljahrhundert in Berlin mal gesehen zu haben. Und die jagenden Wolken. Und die komische Antenne da. Wofür die wohl gut ist. Die Mütze flog mir gleich vom Kopf und wehte in eine andere Ecke der Plattform. Ich fing sie wieder ein und klemmte sie mir unter den Arm. Der junge Mann mit der Gehbehinderung und die Frau waren nur recht kurz oben, weil sie es wahrscheinlich auch kräftemäßig nicht übertreiben konnten. Ich war ein ganzes Weilchen oben und vergaß ein bißchen die Zeit. Bestimmt eine Viertelstunde. Bis auf einen kleinen Jungen war da niemand. Dann hatte ich alle Eindrücke fest im Gedächtnis, im Herzen und der Kamera und machte mich auf den Rückweg. Der junge Mann und seine Helferin hatten es noch nicht ganz die Treppe herunter geschafft, aber fast. Da sah ich den Rollstuhl. Sie half ihm in den Rollstuhl, der am Treppenende wartete. Da begriff ich erst, dass der junge Mann nicht gehbehindert, sondern gelähmt war. Deshalb sah es aus, als ob die Füße bei seinem Bemühen sich fortzubewegen, nur passiv der Richtung folgen, die er sich mit seinen Armen erarbeitete. Ich war noch tiefer beeindruckt als ohnehin schon. Mir war nach Lachen und Weinen zugleich, aufgewühlt wartete ich auf den Fahrstuhl nach unten. Es rotierte in meinem Kopf. Weil es keinen behindertengerechten Zugang zur Aussichtsplattform gab, hatte er seine Helferin dazu gebracht, den riskanten Aufstieg durch die Kraft seiner Arme zu wagen, um in den Genuss dieses Ausblickes über seine Heimatstadt Berlin zu kommen. Auf einen Aussichtsturm, dessen Bauherren Behinderte als unwertes Leben betrachtet hatten. Es rauschte in meinem Kopf. Die Ära ist vorbei.

Niemals wird irgendein Behinderter in diesem Land mehr ungestraft diskriminiert, gequält, verletzt oder umgebracht werden. Und ich habe zwei gesunde Beine, die mich Treppen aus eigener Kraft hochtragen. Was für ein ganz und gar unvergesslicher Nachmittag.
http://www.flickr.com/apps/slideshow/show.swf?v=109615

15. November 2011

(…) Erinnert sich gar nicht, daß wir zusammen auf die Schule gegangen sind. Sagt munter »Sie«. – Gut. Sie. Mir ist das recht. Ich bin ohnehin schwer zum DU zu kriegen. Ich finde mit »Sie« bleibt in der schärfsten Diskussion eine kleine Verbeugung. Ich hab sie gern, die hübsche Glaswand. Bis die Franzosen »Tu« sagen, kann ein Menschenalter vergehen. Je vous aime, da liegt noch Achtung drin, ein Artikel, den man so notwendig braucht in der Liebe. Emma, trag mir mal den Koffer. Sehen Sie, was ich meine?
Friedrich Hollaender, Von Kopf bis Fuß, S. 94

14. November 2011

Mal ein bißchen Farbe. Ist auch gar nicht grau hier. Sonniger November. War bis jetzt nur einmal wolkig, vor drei oder vier Tagen.

Es gibt jeden Tag ordentlich Sonnenflecken auf dem Teppich. Wenn ich das Fenster der Gaube zur Auguststraße aufmache und die Sonne so tief steht, kriegt man ein paar Stunden schön was ab. Und muss nicht frieren. Draußen sind die Menschen warm eingepackt, gehen aber gerne raus, weil die Sonne lockt. Sehe ich, wenn ich zum Spielplatz runtergucke. Immer ordentlich was los.
Zur Zeit muss ich sparen. Ich habe einen super Sparplan gemacht. Ich darf in sieben Tagen fünfzig Euro ausgeben. Bis der Monat rum ist. Die fünfzig-Euro-Scheine sind in beschriftete Umschläge verpackt. Solche Spielchen gefallen mir. Neulich war ich sogar bei Aldi und habe mit großer Begeisterung meinen Einkaufszettel abgearbeitet und dabei immer mit einem Stift Notizen gemacht, wieviel das kostet, um zwischendurch zu überschlagen, ob ich noch in meinem Budget bin. Ich habe dann bald gemerkt, dass keine Gefahr besteht und drei Sachen vor der Kasse aufgehört, zu addieren. Das mache ich jetzt immer, das macht Spaß! Zumindest für ein Weilchen. Am Schwierigsten finde ich allerdings, nicht nur bei Aldi, die Käsepreise zu vergleichen. In jeder Packung ist ein anderes Gewicht abgepackt und auf den Schildern steht immer sowohl der absolute Packungspreis als auch der Preis für 100 Gramm oder 1 Kilo von der jeweiligen Käsesorte. Das macht mich ganz wuschig, dass das nicht einheitlich ist! Dauernd muss man umrechnen! Das ist ganz schön anstrengend. Aber sonst gibt es keine Probleme beim Preisvergleich. Ich achte natürlich trotzdem auf Qualitätsprodukte! Interessant, dass Cashewkerne, die ich in großem Umfang verzehre, auch bei Aldi nicht superbillig sind. Das ist ganz bestimmt angemessen. Ich glaube, eine Dose 1,59 EUR.
Sehr begeistert bin ich, dass es zur Zeit immer Beutel mit Elstar-Äpfeln aus Brandenburg oder anderen umliegenden Bundesländern zu tollen Preisen gibt. Das ist meine Lieblingssorte und die Äpfelchen sind vertrauenserweckend klein und krumm und schief. Das schafft Vertrauen! Empört hingegen bin ich über die neue Marotte bei den anderen parfümierten Apfelsorten aus dem Ausland, die ich eh nicht kaufe, weil sie mir nicht schmecken, mit ihrem aufgeplusterten Fruchtfleisch und dem parfümierten Zuckerwasser-Aroma: Aufkleber auf jedem einzelnen Apfel! Als es neulich noch keine neue Elstar-Ernte gab, musste ich mal notgedrungen solche ausländischen erstehen. Was für ein Gepopel mit dem Aufkleber. Ich bin richtig zornig geworden deswegen!
Was ich nicht mehr bei Aldi kaufen werde, ist der tiefgefrorene Rahmspinat, der ist mir zu versuppt. Ohne Rahm gibt’s nicht bei Aldi. Spinat ist super wegen Magnesium. Auch in den Cashews! Soll auch gut sein, wenn der Eisprung weh tut. Das ist also, was mich gerade so persönlich beschäftigt! Ansonsten verzichte ich weitgehend auf soziale Kontakte, was als seelische Rekonvaleszenz zu verstehen ist. Eine Art Kur!
Des weiteren überlege ich mir, ob ich mir mal wieder Haarfarbe im Drogeriemarkt kaufe, weil die unteren Haarspitzen so ausgeblichen ausschauen. Nicht mal wegen den grauen, die ab und zu auftauchen. Noch hat keiner mit dem Finger auf mich gezeigt und gesagt: „Schau mal, die alte Frau da hinten“. Insofern bin ich da ganz relaxed. Außerdem gibt es immer mal wieder ein paar investigative junge Leute am Hackeschen Markt, die den Passanten irgendwelche Spenden oder Mitgliedschaften für wohltätige Initiativen abringen wollen. Kinderschutz, Tierschutz, Amnesty International. Und einige arbeiten mit dem Trick, einen mit „junge Frau…!“ anzusprechen. Das funktioniert zwar nicht bei mir, aber ich freu mich trotzdem! Und ich werde immer geduzt von den jungen Studenten! Ich habe ja mal gelernt, dass laut Knigge, der oder die Ältere dem Jüngeren das Du anbietet. Von Hause aus duzen macht man ja eigentlich nur unter Hippies und SPD-Genossen und in der Jugend, wenn man sich sicher wähnt, es mit seinesgleichen zu tun zu haben. Insofern: vielen Dank an die jungen Studenten!
Neulich war ich allerdings ein wenig ungehalten. So ein junger, obzwar nicht unattraktiver Kinder-Patenschaften-in-Afrika-Werber hat sich irgendeinen Satz zurecht gelegt, so sinngemäß (und hat sich im Übrigen e r d r e i s t e t , mich zu siezen, der Lümmel): „Sie mögen doch sicher auch Kinder?“ Da ich es wie so oft eilig hatte, so schnell als nur möglich zurück in meine einsiedlerische Wohnung zu kommen, war ich nicht verhandlungsbereit und habe behauptet „Nein! Ich kann Kinder nicht ausstehen! Ich fresse Kinder!“ Er daraufhin: „Ja aber dann ist das doch genau das Richtige! Sie machen so eine Patenschaft und dann haben Sie eins zum Fressen!“ Und grinst mich breit an. Damit hat er mich natürlich versöhnlich gestimmt und ich habe ihm zum Abschied ein aufmunterndes Lächeln geschenkt. Geradezu beschwingt bin ich weiter zur Ampel. Allerdings ohne Patenschaft.
Also mehr habe ich jetzt wirklich nicht zu berichten. Zu intimeren Bekenntnissen bin ich im Moment nicht bereit. Wobei ich nicht dafür garantieren kann, dass nicht doch etwas zu Tage tritt, wenn jemand geschickt nachbohrt. Ich bin aber auf jeden Fall in Hab-Acht-Stellung!

14. November 2011

(…) Paul Graetz beugt sich nach vorn, wo Knackfuß sein Ohr hat. »Der liebe Gott«, flüstert er. »Ringelnatz …« Wie bitte? »Das ist Ringelnatz – – pscht!« Ringelnatz? Wie heißen bloß die Leute hier!
So alle paar Jahrhunderte wird ein Lyriker geboren, bei dem die Verse kichern, aber sie haben sich nicht die Tränen aus den Kommas gewischt. Jetzt können wir wieder zwei Jahrhunderte warten.
Diese Verse – ! Sie sind alle so zum Schreien komisch, – aber, werte Herren, was sie so traurig macht, das können Sie auch mit Alkohol nicht herausreiben. Er selbst war, wenn er die Bühne betrat, mit dem ewigen Schnapsglas wie bewaffnet, um sich Mut zu machen. Mut? Wozu?
Ach, wissen Sie, es erfordert Mut, anderen das Gelächter der Einsamkeit mitzuteilen. Es gibt da allerhand zu überwinden. Unter anderem den kleinen Scherzartikel: Scham.

Friedrich Hollaender, Von Kopf bis Fuß, S. 81

14. November 2011

Mal ein bißchen Farbe. Ist auch gar nicht grau hier. Sonniger November. War bis jetzt nur einmal wolkig, vor drei oder vier Tagen.

Es gibt jeden Tag ordentlich Sonnenflecken auf dem Teppich. Wenn ich das Fenster der Gaube zur Auguststraße aufmache und die Sonne so tief steht, kriegt man ein paar Stunden schön was ab. Und muss nicht frieren. Draußen sind die Menschen warm eingepackt, gehen aber gerne raus, weil die Sonne lockt. Sehe ich, wenn ich zum Spielplatz runtergucke. Immer ordentlich was los.
Zur Zeit muss ich sparen. Ich habe einen super Sparplan gemacht. Ich darf in sieben Tagen fünfzig Euro ausgeben. Bis der Monat rum ist. Die fünfzig-Euro-Scheine sind in beschriftete Umschläge verpackt. Solche Spielchen gefallen mir. Neulich war ich sogar bei Aldi und habe mit großer Begeisterung meinen Einkaufszettel abgearbeitet und dabei immer mit einem Stift Notizen gemacht, wieviel das kostet, um zwischendurch zu überschlagen, ob ich noch in meinem Budget bin. Ich habe dann bald gemerkt, dass keine Gefahr besteht und drei Sachen vor der Kasse aufgehört, zu addieren. Das mache ich jetzt immer, das macht Spaß! Zumindest für ein Weilchen. Am Schwierigsten finde ich allerdings, nicht nur bei Aldi, die Käsepreise zu vergleichen. In jeder Packung ist ein anderes Gewicht abgepackt und auf den Schildern steht immer sowohl der absolute Packungspreis als auch der Preis für 100 Gramm oder 1 Kilo von der jeweiligen Käsesorte. Das macht mich ganz wuschig, dass das nicht einheitlich ist! Dauernd muss man umrechnen! Das ist ganz schön anstrengend. Aber sonst gibt es keine Probleme beim Preisvergleich. Ich achte natürlich trotzdem auf Qualitätsprodukte! Interessant, dass Cashewkerne, die ich in großem Umfang verzehre, auch bei Aldi nicht superbillig sind. Das ist ganz bestimmt angemessen. Ich glaube, eine Dose 1,59 EUR.
Sehr begeistert bin ich, dass es zur Zeit immer Beutel mit Elstar-Äpfeln aus Brandenburg oder anderen umliegenden Bundesländern zu tollen Preisen gibt. Das ist meine Lieblingssorte und die Äpfelchen sind vertrauenserweckend klein und krumm und schief. Das schafft Vertrauen! Empört hingegen bin ich über die neue Marotte bei den anderen parfümierten Apfelsorten aus dem Ausland, die ich eh nicht kaufe, weil sie mir nicht schmecken, mit ihrem aufgeplusterten Fruchtfleisch und dem parfümierten Zuckerwasser-Aroma: Aufkleber auf jedem einzelnen Apfel! Als es neulich noch keine neue Elstar-Ernte gab, musste ich mal notgedrungen solche ausländischen erstehen. Was für ein Gepopel mit dem Aufkleber. Ich bin richtig zornig geworden deswegen!
Was ich nicht mehr bei Aldi kaufen werde, ist der tiefgefrorene Rahmspinat, der ist mir zu versuppt. Ohne Rahm gibt’s nicht bei Aldi. Spinat ist super wegen Magnesium. Auch in den Cashews! Soll auch gut sein, wenn der Eisprung weh tut. Das ist also, was mich gerade so persönlich beschäftigt! Ansonsten verzichte ich weitgehend auf soziale Kontakte, was als seelische Rekonvaleszenz zu verstehen ist. Eine Art Kur!
Des weiteren überlege ich mir, ob ich mir mal wieder Haarfarbe im Drogeriemarkt kaufe, weil die unteren Haarspitzen so ausgeblichen ausschauen. Nicht mal wegen den grauen, die ab und zu auftauchen. Noch hat keiner mit dem Finger auf mich gezeigt und gesagt: „Schau mal, die alte Frau da hinten“. Insofern bin ich da ganz relaxed. Außerdem gibt es immer mal wieder ein paar investigative junge Leute am Hackeschen Markt, die den Passanten irgendwelche Spenden oder Mitgliedschaften für wohltätige Initiativen abringen wollen. Kinderschutz, Tierschutz, Amnesty International. Und einige arbeiten mit dem Trick, einen mit „junge Frau…!“ anzusprechen. Das funktioniert zwar nicht bei mir, aber ich freu mich trotzdem! Und ich werde immer geduzt von den jungen Studenten! Ich habe ja mal gelernt, dass laut Knigge, der oder die Ältere dem Jüngeren das Du anbietet. Von Hause aus duzen macht man ja eigentlich nur unter Hippies und SPD-Genossen und in der Jugend, wenn man sich sicher wähnt, es mit seinesgleichen zu tun zu haben. Insofern: vielen Dank an die jungen Studenten!
Neulich war ich allerdings ein wenig ungehalten. So ein junger, obzwar nicht unattraktiver Kinder-Patenschaften-in-Afrika-Werber hat sich irgendeinen Satz zurecht gelegt, so sinngemäß (und hat sich im Übrigen e r d r e i s t e t , mich zu siezen, der Lümmel): „Sie mögen doch sicher auch Kinder?“ Da ich es wie so oft eilig hatte, so schnell als nur möglich zurück in meine einsiedlerische Wohnung zu kommen, war ich nicht verhandlungsbereit und habe behauptet „Nein! Ich kann Kinder nicht ausstehen! Ich fresse Kinder!“ Er daraufhin: „Ja aber dann ist das doch genau das Richtige! Sie machen so eine Patenschaft und dann haben Sie eins zum Fressen!“ Und grinst mich breit an. Damit hat er mich natürlich versöhnlich gestimmt und ich habe ihm zum Abschied ein aufmunterndes Lächeln geschenkt. Geradezu beschwingt bin ich weiter zur Ampel. Allerdings ohne Patenschaft.
Also mehr habe ich jetzt wirklich nicht zu berichten. Zu intimeren Bekenntnissen bin ich im Moment nicht bereit. Wobei ich nicht dafür garantieren kann, dass nicht doch etwas zu Tage tritt, wenn jemand geschickt nachbohrt. Ich bin aber auf jeden Fall in Hab-Acht-Stellung!

14. November 2011

[ Ich muss den Eintrag von vorhin nochmal neu posten, weil ich schon wieder was hintendran geklöppelt habe. Passiert manchmal, dass mir eine halbe Stunde später noch Zeug dazu einfällt und ich dann editierend weiterstricke und der geneigte Leser kriegt es gar nicht mit. Das stiftet unnötige Verwirrung! ]
Bei meinem morgendlichen Spaziergang durch das Internet sehr gerührt bei der Rubrik „wir begrüßen die neuen Berliner“ oder so ähnlich von der Berliner Morgenpost angehalten und freudig einen Blick auf die neuesten Babyfotos geworfen. Entweder stimmt irgendwas nicht mit mir oder die meisten Neugeborenen sehen wirklich nicht sehr attraktiv aus bzw. ist der Anteil an ansprechenden Gesichtszügen keinesfalls höher als in anderen Altersgruppen. Unter den ungefähr zwanzig Babies waren ungefähr eineinhalb, die für meine Begriffe eine angenehme Persönlichkeit ausstrahlen und das sogenannte Kindchenschema im Gesichtchen präsentieren. Hat mich doch überrascht. Entspricht aber auch meiner live-Erfahrung in der S-Bahn. Die meisten Kleinkinderbündel sind nicht gutaussehender als der durchschnittliche erwachsene S-Bahnfahrgast.
In meinem persönlichen Umf entfernteren Bekanntenkreis gab es in den letzten Monaten ebenfalls Kindersegen. Ist leider auch keines dabei, das ich unbedingt hüten möchte. Ich habe da wahrscheinlich auch komische Vorlieben. Mich selber fand ich als Kleinkind außerordentlich putzig. Auch die Kinderfotos, die Blogger neulich von sich gepostet haben, waren überraschend attraktiv. Man bekam gleich Adoptionsgefühle. Ich bin ein bißchen hin- und hergerissen bei der Babygalerie in der Mopo. Einerseits tun mir die betreffenden Babies leid, dass ich sie nicht niedlich finden kann, andererseits denke ich, da sieht man mal, dass das mit der Reinkarnation vielleicht doch kein Humbug ist. Als ob jede Menge alte Gesichter in der Wiege liegen würden. Ich sehe bei einigen* eher alte Männer und Frauen als unbefleckte unschuldige Kinderseelen. Zum Teil gruselt es mich da sogar. Ob das anderen auch so geht? Ist ja auch eines dieser Tabus, Babies nicht wahllos herzig zu finden und auch nicht höflichkeitshalber so zu tun als ob.
Hab noch mal geguckt. Die Rubrik heißt „Willkommen in Berlin“ und der Anteil ist doch etwas höher. Neun von achtundvierzig Babies sehen ganz niedlich aus. Die Idee mit der Rubrik finde ich aber sehr trotzdem anrührend. Eine schöne Geste, wenn man frisch ausgeschlüpft ist, gleich einen begeisterten Zeitungsartikel geschrieben zu kriegen. Ich wollte damit im Übrigen auch nicht zum Ausdruck bringen, dass unattraktive Babies abgeschafft gehören. Das müsste man dann schon auf alle Altersgruppen ausweiten und das Spektrum macht die Welt ja auch wieder interessant. Wenn alle gleich attraktiv wären, wäre die Welt ja auch langweilig auf Dauer. War jetzt eigentlich mehr so eine Selbstbeobachtung, Ausdruck einer gewissen Irritation oder besser Erhellung, was meine eigenen Hinwendungs-Ambitionen angeht.
Man könnte auch sagen: eine schöne Tradition, wenigstens die kleinsten Menschen lückenlos glauben zu machen, sie sind hochgradig liebenswert, so wie sie halt zufällig sind. Eine barmherzige kleine Schwindelei, die niemandem wehtut. Erklärt allerdings vielleicht auch, das Gefühl der Frustration beim fortschreitenden Älterwerden, wenn es nicht mehr gemäß unausgesprochener gesellschaftlicher Vereinbarung gepflegt wird, die Mitmenschen wahllos mit Zuneigung und Komplimenten zu beglücken. Ich unterstelle mal, dass es keinen derart grausamen pubertären Mutationsprozess gibt, der aus superlativen Engeln durchschnittliche Erwachsene gebiert. Glaube ich zumindest nicht.
Ich denke, die Wahrheit liegt wie so oft in der Mitte. Die scharfen Kanten der Babypersönlichkeit sind nicht so sehr weit von denen der Erwachsenenpersönlichkeit entfernt. Immerhin geben die meisten Eltern von mehreren Kindern zu, dass der Nachwuchs schon im frühesten Lebensalter dezidierte und oft sehr unterschiedliche Charaktereigenschaften an den Tag legt. Na ja, big news. Dank Internet und Bloggerei können wir als Erwachsene die abhanden gekommene, lückenlose Begeisterung über die eigene Person einigermaßen ausgleichen, indem wir uns möglichst toll mit schlauen Texten und tollen Bildchen präsentieren. Quasi für Erwachsenen-Duzi-Duzi. Also ich bin froh drum!
Jetzt wollte ich eigentlich mal etwas leicht Konsumierbares schreiben, na ja.
* Nr. 6., 15., 29., 44.

14. November 2011

Der Hahn auf dem Hof
und die Spatzen vorm Haus
die lachen die kleinen
Langschläferchen aus
Nun schnell in die Strümpfchen
in Höschen und Kleid
„Guten Morgen, Frau Sonne
jetzt sind wir so weit!“
(Verf. unbek.)

13. November 2011

Ich wusste nicht, was es damit auf sich hat. So weit gingen meine Recherchen nicht, bevor ich hinging, zu dieser Langemarckhalle. Könnte man im ersten Moment denken, vielleicht irgendso ein Turnvater, der alte Langemarck. Wird schon seine Verdienste um den Sport gehabt haben. Klingt auf jeden Fall markig. Haha. Nun ja. Scherz beiseite. Das ist in der Tat das Bauwerk, in Anbetracht dessen originärer Bestimmung mir das Lachen vergeht. Ich weiß, dass nicht nur ich da eine Bildungslücke habe oder besser hatte, insofern kann ich mein Unwissen jetzt ganz ungeniert eingestehen.

Fragen Sie mal irgendeinen Berliner oder eine Berlinerin unter Siebzig, wo die Langemarckhalle steht und was es damit auf sich hat. Ein großes Fragezeichen wird auf der Stirn stehen. Was einem als naiven Besucher wie mir schon auffallen kann ist, dass es kaum Hinweisschilder gibt, wo die Halle namentlich erwähnt ist. Eigentlich gar keine. Ich hab keines gesehen. Es heißt immer „zum Glockenturm“. Oder „historic olympic grounds“. Oder das Schild ist gut versteckt. Es steht auch nicht außen dran. Ich habe den Namen der Halle erstmalig registriert, als ich anfing in Wikipedia etwas über den Glockenturm und das Maifeld zu lesen. Man muß sich vorstellen, dass man die Langemarckhalle vom olympischen Gelände aus, beim Blick auf das Maifeld in der Ferne sieht. Der vielzitierte „Führerstand“ erwächst aus der ersten Etage der Halle wie eine Terrasse. Man muss allerdings eine Wanderung um mehrere Ecken machen, bis man zum rückwärtigen Zugang der Halle gelangt. Kurz und gut: ich betrat die Halle, vorbei an den schießschartenschmalen alten Kassennischen und ging zuerst in die Ausstellung zur Geschichte der olympischen Spiele zu ebener Erde. Wuchtige Pfeiler aus dem allseits verwendeten Muschelkalk schon in der Halle im Eingangsbereich. Die Ausstellung zeigt einige großformatige Tafeln mit alten Fotografien und Erklärungen zur Verstrickung der Spiele mit dem nationalsozialistischen Regime. In einem Nebenraum läuft ein Film, eine Dokumentation.

Man kann die Treppe nehmen oder den gläsernen Fahrstuhl nach oben. In der ersten Etage landet man in einer großzügigen Halle, von der aus offenkundig der Zugang zum ‚Führerstand‘ ist. Man kann leider nicht raus. Die Glastüren sind verschlossen. Der Bereich zur Terrasse wirkt mit seiner großen Glasfront wie eine exklusive Wohnhalle in einem Hitchcockfilm. Nur die Möbel, der Kamin und die Teppiche fehlen. Und Tippi Hedren. Durch die Scheibe sehe ich das Olympiastadion wie einen fernen Tempel, ein Kolosseum vor mir liegen. Ich begreife das System der Blickachsen. Furios, Herr March. Sehr gelungen. Erhaben schweift der Blick über das Maifeld zum Stadion. Parallel zur Terrasse ist eine Art Caféteria ohne Personal. Mit ein paar Freischwingern und einem Kaffeeautomaten. Es gefällt mir. Auch so schön leer. Außer mir ist niemand da. Keine großartigen Hinweistafeln. Ich ziehe mir einen Becher Kaffee und beginne diese große Halle auszuloten, die sich über die ganze Länge zu erstrecken scheint. Seltsame mattschwarze Gedenktafeln in der Form von Ritterschilden reihen sich aneinander, auf denen irgendwelche Reservekorps- und Regiment-Divisions-weiß-der-Geier-Nummern in Goldbuchstaben graviert oder aufmontiert sind. Darüber der Reichsadler. Spätestens da ist auch mir klar, dass hier keine Kollegen von Turnvater Jahn geehrt wurden. Offensichtlich eine hehre Gedenkhalle für alte Militaristen. Ich stehe irgendwie beklommen davor und wundere mich gleichwohl über den ungenutzen Platz. Ich kann mir auch nicht vorstellen, dass da früher irgendwelche Möbel drin waren. Es ist einfach nur eine leere, monumentale, sehr hohe Halle mit zahllosen dicken Quader-Säulen, den unvermeidlichen Fackelhaltern reihum und eben diesen düsteren Tafeln. Nur die schmaleren Wände zu beiden Seiten sind noch wert genauer betrachtet zu werden. Das Licht gleißt über die hintere, westliche Steinwand und man sieht die Schlagschatten der eingemeißelten Großbuchstaben. Die Typen klar und modern. Sie entsprechen gar nicht dem Klischee der Nazi-Ästhetik. Von Fraktur keine Spur.

Ich lese
IHR HEILIGEN
GRAUEN REIHEN
GEHT UNTER WOLKEN
DES RUHMS
UND TRAGT
DIE BLUTIGEN WEIHEN
DES HEIMLICHENNIGSTUMS
Walter Flex
Aha. Ich bin viel zu gefangen von der gesamten Architektur und der Typographie und den Schatten und dem intensiven Sonnenlicht, um den Spruch verstehen zu wollen. Ich will das lieber gar nicht so genau wissen. Als ich fotografiere, sehe ich eigentlich nur die beiden Wörter „heimlichen Königstums“. Die beiden Wörter sind zwar auch schon mysteriös in der Kombination aber mit denen kann ich für die Dauer des Aufenthalts und auf meinen Fotos leben. Worum es eigentlich geht, ahnt man ja ohnehin schon dunkel. Dass es eine Hymne an den Heldentod ist, der ganze Langemarck-Mythos sich um die Verherrlichung des Todes für das Vaterland dreht, erfahre ich erst viel später zu Hause, als ich im Internet auf den Begriff Langemarck-Mythos stoße. Kein Turnvater. Ein Schlachtfeld. Keine Nazi-Erfindung. Viel älter, aber ganz in deren wirrem Sinn. Die Saat, die hier aufging, wurde schon früher gelegt, lese ich später. Aber in diesem Moment gelingt es mir noch das Licht der warmen Spätsommersonne auf dem Stein zu genießen. Es kommt mir beinah vor, als stände ich sonstwo in Ägypten vor einer monumentalen Wand des Pharaonenkults. Da ist ja auch immer alles Mögliche in Steinwände eingemeißelt. Und immer riesig. Und immer scheint die Sonne. So sieht es wenigstens auf den Bildern aus, die man kennt. Ich war noch nie in Ägypten, aber habe mich als Kind intensiv zu diesen Pharaonenstätten geträumt. Ich fahre mit der Hand darüber. Der Stein hat eine angenehme Ausstrahlung. Solche Wände hätte ich auch gerne im Wohnzimmer. Ohne die Sprüche. Die Sonne bringt mich für einen Moment zum Lachen, und dass es nur noch historische Kulissen sind, von einem eingemotteten Stück mit abgelaufener Spielzeit.

Bei meinen Recherchen daheim finde ich diesen Blogeintrag. Der Verfasser weiß ein paar Sachen, die ich nirgendwo anders gelesen habe. Über die teilweise Zerstörung der Halle bei der Sprengung des Glockentrums durch die Briten und den erstaunlich widerstandslosen Wiederaufbau nach dem Krieg durch Werner March. Und er schreibt: „Was der Weltöffentlichkeit vorenthalten wurde: bevor der Führer die Spiele des Friedens eröffnete, zog er sich privat zum Heldengedenken in eben jene Halle zurück.“ Ich nehme an, man findet solche Hinweise in Hitler-Biographien. Ich habe nie eine gelesen. Jedenfalls genug Stoff zum Nachdenken. Kein anderer Bereich des Olympiageländes hat mich derart befremdet, wie die historisch unveränderte Sinngebung dieser Halle. Die Architektur an sich hat dennoch viele gelungene Aspekte. Das ist also die Halle, deren Namen kaum noch einer kennt. Die Berliner, die ich später danach fragte, egal ob gebürtig oder zugezogen, wussten rein gar nichts davon. Und ich habe keine jungen Menschen danach gefragt. Eigentlich auch kein Wunder, denn sie ist kaum zweckzuentfremden, außer vielleicht für andere Ausstellungsexperimente. Oder als kommerziell genutzte Partylocation. Abgeschieden genug wäre es für hohe nächtliche Dezibel, dagegen stünde aber sicher der Denkmalschutz. Wer den Glockenturm nicht besucht oder die Ausstellung, kommt niemals zufällig daran vorbei. Ich weiß natürlich nicht, ob sich nicht irgendwelche Nazi-Spinner oder Neo-Militaristen zu Hitlers Geburtstag oder am 10. November, um dieser Schlacht zu gedenken, heimlich dort verabreden und der Erinnerung huldigen.

Ich hatte eine gewisse Befangenheit, diesen Eintrag anzugehen. Mir war gefühlsmäßig eher nach Drüberzappen. Aber wenn man diesen ungemütlichen Aspekt schon in Bildern berührt, darf man im Eintrag nicht fahrlässig drübertänzeln, über den Abgrund. Mal schnell husch husch ist nicht bei dem Ganzen. Dafür wiegt dann eben doch alles zu schwer. Man muss nach unten schauen, sich ein Bild der Lage machen und dann mit einem beherzten Schritt über den Abgrund schreiten. Auf die sichere Seite mit dem festen Boden. Nun habe ich diese Etappe endlich hinter mir. Wer diesen Eintrag gelesen hat, kann jetzt jedenfalls mitreden und weiß mehr über die Langemarckhalle als die meisten Berliner. Ich habe zwar hier in meinem Blog eine kleine Pause eingelegt, zwischen meinen olympischen Begehungen, aber in der Realität hat das alles an einem einzigen Tag stattgefunden. Will sagen, ich bin nicht zehnmal mit meiner militärisch anmutenden Tarnkappe und der blauen Sonnenbrille los, falls jemand befürchtet, ich ziehe zu jeder Gelegenheit dieselben Klamotten an. In vier Stunden kann man eine Menge sehen und festhalten. Und dann hat man eine Menge zu verarbeiten. Auf vielen Ebenen. Und das ist noch nicht alles.
http://www.flickr.com/apps/slideshow/show.swf?v=109615

13. November 2011

Ich wusste nicht, was es damit auf sich hat. So weit gingen meine Recherchen nicht, bevor ich hinging, zu dieser Langemarckhalle. Könnte man im ersten Moment denken, vielleicht irgendso ein Turnvater, der alte Langemarck. Wird schon seine Verdienste um den Sport gehabt haben. Klingt auf jeden Fall markig. Haha. Nun ja. Scherz beiseite. Das ist in der Tat das Bauwerk, in Anbetracht dessen originärer Bestimmung mir das Lachen vergeht. Ich weiß, dass nicht nur ich da eine Bildungslücke habe oder besser hatte, insofern kann ich mein Unwissen jetzt ganz ungeniert eingestehen.

Fragen Sie mal irgendeinen Berliner oder eine Berlinerin unter Siebzig, wo die Langemarckhalle steht und was es damit auf sich hat. Ein großes Fragezeichen wird auf der Stirn stehen. Was einem als naiven Besucher wie mir schon auffallen kann ist, dass es kaum Hinweisschilder gibt, wo die Halle namentlich erwähnt ist. Eigentlich gar keine. Ich hab keines gesehen. Es heißt immer „zum Glockenturm“. Oder „historic olympic grounds“. Oder das Schild ist gut versteckt. Es steht auch nicht außen dran. Ich habe den Namen der Halle erstmalig registriert, als ich anfing in Wikipedia etwas über den Glockenturm und das Maifeld zu lesen. Man muß sich vorstellen, dass man die Langemarckhalle vom olympischen Gelände aus, beim Blick auf das Maifeld in der Ferne sieht. Der vielzitierte „Führerstand“ erwächst aus der ersten Etage der Halle wie eine Terrasse. Man muss allerdings eine Wanderung um mehrere Ecken machen, bis man zum rückwärtigen Zugang der Halle gelangt. Kurz und gut: ich betrat die Halle, vorbei an den schießschartenschmalen alten Kassennischen und ging zuerst in die Ausstellung zur Geschichte der olympischen Spiele zu ebener Erde. Wuchtige Pfeiler aus dem allseits verwendeten Muschelkalk schon in der Halle im Eingangsbereich. Die Ausstellung zeigt einige großformatige Tafeln mit alten Fotografien und Erklärungen zur Verstrickung der Spiele mit dem nationalsozialistischen Regime. In einem Nebenraum läuft ein Film, eine Dokumentation.

Man kann die Treppe nehmen oder den gläsernen Fahrstuhl nach oben. In der ersten Etage landet man in einer großzügigen Halle, von der aus offenkundig der Zugang zum ‚Führerstand‘ ist. Man kann leider nicht raus. Die Glastüren sind verschlossen. Der Bereich zur Terrasse wirkt mit seiner großen Glasfront wie eine exklusive Wohnhalle in einem Hitchcockfilm. Nur die Möbel, der Kamin und die Teppiche fehlen. Und Tippi Hedren. Durch die Scheibe sehe ich das Olympiastadion wie einen fernen Tempel, ein Kolosseum vor mir liegen. Ich begreife das System der Blickachsen. Furios, Herr March. Sehr gelungen. Erhaben schweift der Blick über das Maifeld zum Stadion. Parallel zur Terrasse ist eine Art Caféteria ohne Personal. Mit ein paar Freischwingern und einem Kaffeeautomaten. Es gefällt mir. Auch so schön leer. Außer mir ist niemand da. Keine großartigen Hinweistafeln. Ich ziehe mir einen Becher Kaffee und beginne diese große Halle auszuloten, die sich über die ganze Länge zu erstrecken scheint. Seltsame mattschwarze Gedenktafeln in der Form von Ritterschilden reihen sich aneinander, auf denen irgendwelche Reservekorps- und Regiment-Divisions-weiß-der-Geier-Nummern in Goldbuchstaben graviert oder aufmontiert sind. Darüber der Reichsadler. Spätestens da ist auch mir klar, dass hier keine Kollegen von Turnvater Jahn geehrt wurden. Offensichtlich eine hehre Gedenkhalle für alte Militaristen. Ich stehe irgendwie beklommen davor und wundere mich gleichwohl über den ungenutzen Platz. Ich kann mir auch nicht vorstellen, dass da früher irgendwelche Möbel drin waren. Es ist einfach nur eine leere, monumentale, sehr hohe Halle mit zahllosen dicken Quader-Säulen, den unvermeidlichen Fackelhaltern reihum und eben diesen düsteren Tafeln. Nur die schmaleren Wände zu beiden Seiten sind noch wert genauer betrachtet zu werden. Das Licht gleißt über die hintere, westliche Steinwand und man sieht die Schlagschatten der eingemeißelten Großbuchstaben. Die Typen klar und modern. Sie entsprechen gar nicht dem Klischee der Nazi-Ästhetik. Von Fraktur keine Spur.

Ich lese
IHR HEILIGEN
GRAUEN REIHEN
GEHT UNTER WOLKEN
DES RUHMS
UND TRAGT
DIE BLUTIGEN WEIHEN
DES HEIMLICHENNIGSTUMS
Walter Flex
Aha. Ich bin viel zu gefangen von der gesamten Architektur und der Typographie und den Schatten und dem intensiven Sonnenlicht, um den Spruch verstehen zu wollen. Ich will das lieber gar nicht so genau wissen. Als ich fotografiere, sehe ich eigentlich nur die beiden Wörter „heimlichen Königstums“. Die beiden Wörter sind zwar auch schon mysteriös in der Kombination aber mit denen kann ich für die Dauer des Aufenthalts und auf meinen Fotos leben. Worum es eigentlich geht, ahnt man ja ohnehin schon dunkel. Dass es eine Hymne an den Heldentod ist, der ganze Langemarck-Mythos sich um die Verherrlichung des Todes für das Vaterland dreht, erfahre ich erst viel später zu Hause, als ich im Internet auf den Begriff Langemarck-Mythos stoße. Kein Turnvater. Ein Schlachtfeld. Keine Nazi-Erfindung. Viel älter, aber ganz in deren wirrem Sinn. Die Saat, die hier aufging, wurde schon früher gelegt, lese ich später. Aber in diesem Moment gelingt es mir noch das Licht der warmen Spätsommersonne auf dem Stein zu genießen. Es kommt mir beinah vor, als stände ich sonstwo in Ägypten vor einer monumentalen Wand des Pharaonenkults. Da ist ja auch immer alles Mögliche in Steinwände eingemeißelt. Und immer riesig. Und immer scheint die Sonne. So sieht es wenigstens auf den Bildern aus, die man kennt. Ich war noch nie in Ägypten, aber habe mich als Kind intensiv zu diesen Pharaonenstätten geträumt. Ich fahre mit der Hand darüber. Der Stein hat eine angenehme Ausstrahlung. Solche Wände hätte ich auch gerne im Wohnzimmer. Ohne die Sprüche. Die Sonne bringt mich für einen Moment zum Lachen, und dass es nur noch historische Kulissen sind, von einem eingemotteten Stück mit abgelaufener Spielzeit.

Bei meinen Recherchen daheim finde ich diesen Blogeintrag. Der Verfasser weiß ein paar Sachen, die ich nirgendwo anders gelesen habe. Über die teilweise Zerstörung der Halle bei der Sprengung des Glockentrums durch die Briten und den erstaunlich widerstandslosen Wiederaufbau nach dem Krieg durch Werner March. Und er schreibt: „Was der Weltöffentlichkeit vorenthalten wurde: bevor der Führer die Spiele des Friedens eröffnete, zog er sich privat zum Heldengedenken in eben jene Halle zurück.“ Ich nehme an, man findet solche Hinweise in Hitler-Biographien. Ich habe nie eine gelesen. Jedenfalls genug Stoff zum Nachdenken. Kein anderer Bereich des Olympiageländes hat mich derart befremdet, wie die historisch unveränderte Sinngebung dieser Halle. Die Architektur an sich hat dennoch viele gelungene Aspekte. Das ist also die Halle, deren Namen kaum noch einer kennt. Die Berliner, die ich später danach fragte, egal ob gebürtig oder zugezogen, wussten rein gar nichts davon. Und ich habe keine jungen Menschen danach gefragt. Eigentlich auch kein Wunder, denn sie ist kaum zweckzuentfremden, außer vielleicht für andere Ausstellungsexperimente. Oder als kommerziell genutzte Partylocation. Abgeschieden genug wäre es für hohe nächtliche Dezibel, dagegen stünde aber sicher der Denkmalschutz. Wer den Glockenturm nicht besucht oder die Ausstellung, kommt niemals zufällig daran vorbei. Ich weiß natürlich nicht, ob sich nicht irgendwelche Nazi-Spinner oder Neo-Militaristen zu Hitlers Geburtstag oder am 10. November, um dieser Schlacht zu gedenken, heimlich dort verabreden und der Erinnerung huldigen.

Ich hatte eine gewisse Befangenheit, diesen Eintrag anzugehen. Mir war gefühlsmäßig eher nach Drüberzappen. Aber wenn man diesen ungemütlichen Aspekt schon in Bildern berührt, darf man im Eintrag nicht fahrlässig drübertänzeln, über den Abgrund. Mal schnell husch husch ist nicht bei dem Ganzen. Dafür wiegt dann eben doch alles zu schwer. Man muss nach unten schauen, sich ein Bild der Lage machen und dann mit einem beherzten Schritt über den Abgrund schreiten. Auf die sichere Seite mit dem festen Boden. Nun habe ich diese Etappe endlich hinter mir. Wer diesen Eintrag gelesen hat, kann jetzt jedenfalls mitreden und weiß mehr über die Langemarckhalle als die meisten Berliner. Ich habe zwar hier in meinem Blog eine kleine Pause eingelegt, zwischen meinen olympischen Begehungen, aber in der Realität hat das alles an einem einzigen Tag stattgefunden. Will sagen, ich bin nicht zehnmal mit meiner militärisch anmutenden Tarnkappe und der blauen Sonnenbrille los, falls jemand befürchtet, ich ziehe zu jeder Gelegenheit dieselben Klamotten an. In vier Stunden kann man eine Menge sehen und festhalten. Und dann hat man eine Menge zu verarbeiten. Auf vielen Ebenen. Und das ist noch nicht alles.
http://www.flickr.com/apps/slideshow/show.swf?v=109615

04. November 2011

Ab 21.

All of the clips used in this film came from a reel of 35mm nitrate found in an old theater somewhere in Pennsylvania. The projectionist clipped these scenes to meet local moral standards of the time.

04. November 2011

Ab 21.

All of the clips used in this film came from a reel of 35mm nitrate found in an old theater somewhere in Pennsylvania. The projectionist clipped these scenes to meet local moral standards of the time.

16. Oktober 2011


Die Berliner Senatsverwaltung für Stadtentwicklung schreibt in ihren einleitenden Worten zur Geschichte des Olympiageländes:
„Mit Olympiastadion und Olympiagelände besitzt Berlin wohl die bedeutendste monumentale Sportanlage des 20. Jahrhunderts in Europa. Die Anlage (…) zeigt ein Jahrhundert deutscher Sportgeschichte, von der Wiederbelebung der olympischen Idee bis zum modernen Sport. Die Bauten, Freiflächen und Skulpturen vereinen sich zu einem einzigartigen Gesamtkunstwerk, zu einem wirkungsvollen Monument von Architektur und Raumgestaltung der nationalsozialistischen Ära. Die Anlage erinnert an die engen Verflechtungen von Sport und Macht, an die politischen Ideen und Ideologien, die (…) im Dritten Reich und auch in der Nachkriegszeit mit Körperkultur und Sport verbunden waren.“

In der Tat findet man sich im monumentalen Bühnenbild eines vergangenen Stückes mit denkbar theatralischer Ambition. Wie hätte das seine Wirkung verfehlen können. Und weiter zum Maifeld:
„Das Maifeld verdeutlicht die Einheit von Sport, Architektur und nationalsozialistischer Ideologie. Als nationaler Festplatz sollte das Maifeld an die Foren antiker Städte anknüpfen. Die gewaltige Rasenfläche, eingefasst von einem Stufenwall mit Sitzreihen, war als Aufmarschplatz für Kundgebungen gedacht. (…) Skulpturen und Reliefs schließen sich mit der Architektur und den gestalteten Freiflächen zu einer künstlerischen Einheit zusammen. Die Bildwerke gliedern die freien Flächen, sie vermitteln zwischen Wegen und Achsen und geben der Landschaft die Wirkung eines feierlichen Haines. An der Gestaltung der Skulpturen waren namhafte Bildhauer des Neoklassizismus beteiligt. Die Statuen verklären den gestählten menschlichen Körper, die im Sport sichtbare menschliche Kraft und den Siegeswillen. Auffallend ist der bewußte Rückgriff auf die antike Kunst, besonders auf die archaische Phase der griechischen Skulptur.“ Dr. Matthias Donath

Wikipedia vermerkt zur Größe und zur Nutzung nach der Nazi-Ära:
„Das Maifeld ist 112.000 m² groß und kann bis zu 250.000 Besucher aufnehmen. Die Tribünen bieten noch einmal Platz für 60.000 Zuschauer. (…) 1945 bis 1994 war es Teil des britischen Hauptquartiers in Berlin. Hier fanden bis 1994 die alljährlichen – von tausenden von Berlinern besuchten – Geburtstagsparaden der britischen Truppen für Königin Elisabeth II. statt. Das Maifeld gehörte zum Areal der britischen Truppen, die hier Cricket- ,Rugby-, Polo- und andere Wettkämpfe veranstalteten.“
Die Geschichte im Hinterkopf zu haben, schadet nicht, wenn man sich dorthin begibt. Man wird im Übrigen auch durch Tafeln darüber informiert. Es ist kein unkommentierter Ort. Das Maifeld ist ein eingezäunter Bereich auf dem Gelände. Man kann da nicht mal eben so drüberlaufen. Man kann nett mit den freundlichen Mitarbeitern, die den Eingang zwischen den beiden Rosseführern von Joseph Wackerle bewachen, plaudern und versuchen sie zu becircen. Dahingehend, ob man nicht eventuell vielleicht doch, nur ein paar kleine Schritte, nur um mal die beiden Rosseführer von vorne zu sehen, nur einmal? Nein? Wirklich nicht? Die erste wirklich sehr nette Dame war hartnäckig und hat mir den Zugang verwehrt. Der zweite Versuch bei einem jungen Mann gelang. „Ich verspreche auch, dass ich die Rosseführer nicht klaue! Ehrenwort!“

Ja, doch. Das hat mich beeindruckt. Nicht nur, dass ich das Feld überhaupt betreten durfte, sondern dieses frontal vor den monumentalen Figuren zu stehen, anstatt nur durch die Eisenstäbe des Zauns zu lugen. Insofern sehen Sie hier exclusives Bildmaterial, insbesondere was die Köpfe der beiden jungen Männer, die die Pferde führen angeht. Ungeachtet dessen, dass ich den Riefenstahl-Tick mit der Untersicht gerne kultiviere – da bleibt einem nun gar nichts anderes übrig. Wie hoch mögen die sein? Sechs Meter? Gut und gerne. Und wenn man Beeindruckendes sieht, versucht man freilich das Eindrücklichste des Eindrucks widerzugeben. Sicher kann man auch Bilder davon machen, die den Ort banalisieren. Man kann schlechtere Perspektiven wählen, den Zaun einbeziehen, alles Mögliche. Aber der Zaun hat mich nicht weiter beeindruckt. Die Pferde waren es. Und der Rhythmus der Elemente. Die Rosseführer halten übrigens Handtücher in der Hand, habe ich irgendwo gelesen. Eine lustige Vorstellung eigentlich. Zwei junge kräftige Männer kehren von einem splitternackten (?!?) Ritt auf großen Pferden zurück und irgendwer hat ihnen ein Handtuch in die Hand gedrückt, um sich den Schweiß abzutrocknen. Nicht unsinnlich, das Szenario. Oder haben sie sich den Lendenschurz vom Leib gerissen, echauffiert vom Ritt? Na ja, die griechischen Figuren waren ja auch mal gerne nackig. Das muss nicht immer schlüssig sein. In der Kunst ist ja alles erlaubt. Ich denke auch nur überhaupt darüber nach, weil die auftraggebenden Herrschaften seinerzeit auf so einem ausgeprägt naturalistischen Trip waren und das Szenario ja eher eine sehr abstrakte Situation zeigt. Selbst in der Antike waren unbekleidete Ritte eher nicht die Mode. Wenn ich mir allerdings vorstelle, die beiden Jungs hätten alternativ eine römisch anmutende Gladiatorenrüstung an, gefällt mir die nackerte Variante besser.

Als ich meine Bilder so durchgeschaut habe, fiel mir auf, dass ich noch nie Postkarten gesehen habe, die diese Figuren zeigen. Da ist das historisch verständliche Tabu wohl doch noch zu groß. Politisch korrekte Befangenheit, Behutsamkeit sozusagen. Mehr als einer würde sich finden, der einer olympischen Postkarten-Edition, die die Rosseführer berücksichtigt und damit zwangsläufig ehrt, neo-nazistisches Sympathisantentum unterstellt. Da müssen noch ein paar Jährchen ins Land ziehen. Denn wer zerbricht sich heute schon bei einer Auslandsreise beim Besuch historischer Bauwerke den Kopf über den nicht selten von ebenbürtigem Größenwahn geprägten diktatorischen Kontext der dargebotenen Bauwerke und Bildhauereien, oder würde gar den Besuch oder Kauf einer Postkarte aus Gründen politischer Korrektheit meiden. Aber in meinem kleinen Blog darf ich das zeigen. Wir wollen ja auch daraus lernen, nicht wahr. Was hat unseren Vorfahren derart die Sinne vernebelt. An der Stelle kommt man mit Empathie und Verständnisforschung weiter als mit Verurteilung und Tabuisierung. Ich sehe, dass sich die ver(w)irrten Machthaber einer wirkungsvollen multimedialen Marketingmaschine bedient haben. In Stein gemeißelte Propaganda. Natürlich ist das nicht neu. Für mich ist allerdings interessant, dass es in der visuellen Sprache der Überwältigungsstrategie auch mich beeindruckende Elemente gibt. Der hysterisch-cholerische Duktus der Ansprachen der Protagonisten hingegen war mir nie als charismatisch nachvollziehbar. So gar nicht. Nicht einmal im Ansatz. Ein Mirakel.

Auf der gegenüberliegende Seite des Maifelds befindet sich der vielzitierte „Führerstand“. Die exklusive Ansprachetribüne für den seinerzeitigen Chefdogmatiker. Man kann den Stand auf einigen Bildern von Weitem erkennen. Ich konnte wegen der begrenzten Aufenthaltserlaubnis nicht näher ran. Der Zugang zu dieser Tribüne erfolgt über die Langemarckhalle, die sich unmittelbar dahinter erstreckt. Eine spätere Bildreihe. Zu gewaltig die Halle, aus deren Mitte der siebenundsiebzig Meter hohe Glockenturm erwächst, der einem einen gewaltigen Rundum-Blick über die Stadtlandschaft und das angrenzende Waldgebiet mit der Waldbühne schenkt.
http://www.flickr.com/apps/slideshow/show.swf?v=107931

16. Oktober 2011


Man sollte nicht denken, Blogeinträge über geschichtliche Zusammenhänge wären nicht privat. Alles was ich schreibe ist privat. Meine private Interessenslage ist das sogenannte „Schicksal“ zu verstehen. Und das findet nicht im Vakuum statt, sondern in einem Land, mit Zeitgenossen, die einen Lebensweg wählen. Eine Art zu leben. Die Verstrickungen unserer Vorfahren reichen immer in unser eigenes Leben. Aber das wollte ich jetzt eigentlich gar nicht großartig erklären. Ich kann mich tief in ein Thema versenken, es ausloten, abarbeiten. Und dann ein Kapitel schließen, wenn aus den Fragezeichen Punkte geworden sind.
Letzte Nacht träumte ich etwas, woran ich mich sogar erinnere, die letzte Sequenz. Irgendeine Wohnung oder Wohngemeinschaft. Menschen, die mir in den letzten drei vier Jahren nahestanden (und jetzt nicht mehr), an einer langen Tafel, die Gesellschaft hat sich gerade aufgelöst, ist in Aufbruchstimmung, verstreut in die verschiedenen Zimmer der Wohnung. Es ist taghell. Die Tafel hat ein weißes Tischtuch. Jemand, der mir wichtig war, mäandert immer wieder zum Tisch, beobachtet mich, während ich abräume. Ich habe vor, den Tisch komplett abzuräumen, sauberzumachen. Konzentriere mich darauf die Teller zu stapeln, die Krümel zusammenzuschieben, fühle mich taxiert. Ich lasse mich nicht aus dem Konzept bringen, aus Trotz. Ich werde diese Blickattacke einfach ignorieren. Kein Blick mehr. Keine Energie, keine Kraft mehr in diese Richtung. Ich bin damit fertig. Es bekäme mir nicht.
Ich bücke mich unter den Tisch, um eine vermeintliche Serviette aufzuheben. Aber es ist ein gefalteter Brief. Auf diese Art transparentes Butterbrotpapier geschrieben. Ein Din A-5-Blatt. Ich erkenne die Handschrift, mit schwarzem Filzstift, lese ich einen Brief an mich. Jemand, der mir vor mehr als zehn Jahren etwas bedeutete und plötzlich verschwand, muss hier gewesen sein, ohne dass ich es bemerkte. Er schreibt, er müsste mich treffen, um mit mir zu reden. An einem See. Es ist ein See in der Nähe der Wohnung, ich glaube ein Waldsee. Mit Seerosen. Ich bin sehr überrascht und weiß doch, ich werde nicht hingehen. Er schreibt, er hätte mir eine Menge zu sagen, zu erklären. „4 Tonnen“. Schreibt er. Ich sehe ihn dabei grinsen, weil er selbst weiß, es ist eine alberne Metapher. Wie aus einem Donald Duck-Heft. Er hätte mir vier Tonnen zu sagen. Mir ist das zu viel, nach der langen Zeit.
Ich fühle mich einen Moment wie gerührt, ein warmes Gefühl wie Versöhnung. Aber vier Tonnen reden will ich nicht. Ich will auch sonst nichts. Auch nicht treffen. Nicht erinnert werden. Nichts aufwärmen. Wenn es auch schön ist, plötzlich nach all den Jahren zu bemerken, dass man nicht völlig vergessen war. Oder die Erinnerung wieder erwacht ist. Er will es aufarbeiten, deswegen soll ich heute vormittag um soundsoviel Uhr am See sein. Ich stelle fest, dass die Zeit des vorgeschlagenen Treffpunkts schon einige Stunden vorbei ist. Es ist schon Nachmittag. Der am-Tisch-Mäandernde sieht, dass ich einen sehr persönlichen Brief an mich lese. Es ist ihm nicht recht. Ich sehe es an seinem unruhigen Gesichtsaudruck. Ich finde, es geht ihn nichts an. Und es ist auch zu spät, mich anzusehen, als gäbe es eine Verbindung oder Verbindlichkeit. Ich fühle mich niemandem mehr verbunden und bin auch froh, dass sich die Sache mit dem See erledigt hat. Ein bißchen tut es mir schon für den Mann am See leid, aber ich muss die Gewichtungen in meinem Leben richtig verteilen. Trotzdem empfinde ich eine ganz kleine warme Freude über den Brief, diesen späten Versuch. Ich wache auf und stehe ganz früh auf. Wie noch nie an einem Sonntag ohne besondere Pläne. Es war noch dunkel.
Ich ließ ein heißes Bad ein. Ich badete meiner Erinnerung nach noch nie morgens, direkt nach dem Aufstehen. Mir war so sehr nach einem heißen Bad. Ich nahm die Flasche mit dem Shampoo aus der Dusche und stellte sie auf den Badewannenrand. Ich habe mir zuletzt zu Besuch bei einer Freundin die Haare in der Badewanne gewaschen. Es passte zu dem Traum und dem Tag, alles mögliche anders zu machen als sonst. So viel war es dann auch nicht, aber ich fing schon irgendwann gegen Acht an, den Blogeintrag über das Maifeld zu verfassen. Feinsäuberlich. Akribisch. Ordentlich wie ich bin. An alles gedacht. Politische Korrektheit. Widersprüchlichkeiten. Eingeständnisse. Relativierung. Alles. Ich finde, ich mache das gut, mit diesen historisch eingefärbten Blogeinträgen. Man muss sich auch mal selber loben.
Das war also was ich träumte, was ich erinnere. Und das war nur der Schluss. Ich träume so intensiv, immer, und kann kaum etwas greifen, erinnern, festhalten. Eine Sache fällt mir aber gerade ein, die gar nichts mit mir zu tun hat. Ich träumte, dass die bloggende Kaltmamsell ein Job-Angebot für eine leitende Stelle beim Technischen Hilfswerk bekommt, irgendeine interessante Führungsposition. Ich weiß nicht, warum ich darüber informiert war im Traum. Ich kriegte es einfach mit. Und sie erzählte dann, dass sie die Stelle wahrscheinlich annehmen wird, weil sie das mit ihren sozialen Idealen gut vereinbaren kann, die Zielsetzung des Technischen Hilfswerks. Ich fand das auch gut. Sie muss bestimmt sehr lachen, wenn sie das liest. Als ich es vor einiger Zeit träumte, dachte ich beim Aufwachen: „gar nicht so abwegig. Gute Sache eigentlich!“. Sie war auch sehr zufrieden mit ihrer neuen Perspektive. Das Technische Hilfswerk agiert ja auch weltweit. Sehr spannend. Keine Ahnung, wie solche Sachen in meinen Kopf kommen. Mitten in der Nacht. Apropos. Gute Nacht.

16. Oktober 2011


Man sollte nicht denken, Blogeinträge über geschichtliche Zusammenhänge wären nicht privat. Alles was ich schreibe ist privat. Meine private Interessenslage ist das sogenannte „Schicksal“ zu verstehen. Und das findet nicht im Vakuum statt, sondern in einem Land, mit Zeitgenossen, die einen Lebensweg wählen. Eine Art zu leben. Die Verstrickungen unserer Vorfahren reichen immer in unser eigenes Leben. Aber das wollte ich jetzt eigentlich gar nicht großartig erklären. Ich kann mich tief in ein Thema versenken, es ausloten, abarbeiten. Und dann ein Kapitel schließen, wenn aus den Fragezeichen Punkte geworden sind.
Letzte Nacht träumte ich etwas, woran ich mich sogar erinnere, die letzte Sequenz. Irgendeine Wohnung oder Wohngemeinschaft. Menschen, die mir in den letzten drei vier Jahren nahestanden (und jetzt nicht mehr), an einer langen Tafel, die Gesellschaft hat sich gerade aufgelöst, ist in Aufbruchstimmung, verstreut in die verschiedenen Zimmer der Wohnung. Es ist taghell. Die Tafel hat ein weißes Tischtuch. Jemand, der mir wichtig war, mäandert immer wieder zum Tisch, beobachtet mich, während ich abräume. Ich habe vor, den Tisch komplett abzuräumen, sauberzumachen. Konzentriere mich darauf die Teller zu stapeln, die Krümel zusammenzuschieben, fühle mich taxiert. Ich lasse mich nicht aus dem Konzept bringen, aus Trotz. Ich werde diese Blickattacke einfach ignorieren. Kein Blick mehr. Keine Energie, keine Kraft mehr in diese Richtung. Ich bin damit fertig. Es bekäme mir nicht.
Ich bücke mich unter den Tisch, um eine vermeintliche Serviette aufzuheben. Aber es ist ein gefalteter Brief. Auf diese Art transparentes Butterbrotpapier geschrieben. Ein Din A-5-Blatt. Ich erkenne die Handschrift, mit schwarzem Filzstift, lese ich einen Brief an mich. Jemand, der mir vor mehr als zehn Jahren etwas bedeutete und plötzlich verschwand, muss hier gewesen sein, ohne dass ich es bemerkte. Er schreibt, er müsste mich treffen, um mit mir zu reden. An einem See. Es ist ein See in der Nähe der Wohnung, ich glaube ein Waldsee. Mit Seerosen. Ich bin sehr überrascht und weiß doch, ich werde nicht hingehen. Er schreibt, er hätte mir eine Menge zu sagen, zu erklären. „4 Tonnen“. Schreibt er. Ich sehe ihn dabei grinsen, weil er selbst weiß, es ist eine alberne Metapher. Wie aus einem Donald Duck-Heft. Er hätte mir vier Tonnen zu sagen. Mir ist das zu viel, nach der langen Zeit.
Ich fühle mich einen Moment wie gerührt, ein warmes Gefühl wie Versöhnung. Aber vier Tonnen reden will ich nicht. Ich will auch sonst nichts. Auch nicht treffen. Nicht erinnert werden. Nichts aufwärmen. Wenn es auch schön ist, plötzlich nach all den Jahren zu bemerken, dass man nicht völlig vergessen war. Oder die Erinnerung wieder erwacht ist. Er will es aufarbeiten, deswegen soll ich heute vormittag um soundsoviel Uhr am See sein. Ich stelle fest, dass die Zeit des vorgeschlagenen Treffpunkts schon einige Stunden vorbei ist. Es ist schon Nachmittag. Der am-Tisch-Mäandernde sieht, dass ich einen sehr persönlichen Brief an mich lese. Es ist ihm nicht recht. Ich sehe es an seinem unruhigen Gesichtsaudruck. Ich finde, es geht ihn nichts an. Und es ist auch zu spät, mich anzusehen, als gäbe es eine Verbindung oder Verbindlichkeit. Ich fühle mich niemandem mehr verbunden und bin auch froh, dass sich die Sache mit dem See erledigt hat. Ein bißchen tut es mir schon für den Mann am See leid, aber ich muss die Gewichtungen in meinem Leben richtig verteilen. Trotzdem empfinde ich eine ganz kleine warme Freude über den Brief, diesen späten Versuch. Ich wache auf und stehe ganz früh auf. Wie noch nie an einem Sonntag ohne besondere Pläne. Es war noch dunkel.
Ich ließ ein heißes Bad ein. Ich badete meiner Erinnerung nach noch nie morgens, direkt nach dem Aufstehen. Mir war so sehr nach einem heißen Bad. Ich nahm die Flasche mit dem Shampoo aus der Dusche und stellte sie auf den Badewannenrand. Ich habe mir zuletzt zu Besuch bei einer Freundin die Haare in der Badewanne gewaschen. Es passte zu dem Traum und dem Tag, alles mögliche anders zu machen als sonst. So viel war es dann auch nicht, aber ich fing schon irgendwann gegen Acht an, den Blogeintrag über das Maifeld zu verfassen. Feinsäuberlich. Akribisch. Ordentlich wie ich bin. An alles gedacht. Politische Korrektheit. Widersprüchlichkeiten. Eingeständnisse. Relativierung. Alles. Ich finde, ich mache das gut, mit diesen historisch eingefärbten Blogeinträgen. Man muss sich auch mal selber loben.
Das war also was ich träumte, was ich erinnere. Und das war nur der Schluss. Ich träume so intensiv, immer, und kann kaum etwas greifen, erinnern, festhalten. Eine Sache fällt mir aber gerade ein, die gar nichts mit mir zu tun hat. Ich träumte, dass die bloggende Kaltmamsell ein Job-Angebot für eine leitende Stelle beim Technischen Hilfswerk bekommt, irgendeine interessante Führungsposition. Ich weiß nicht, warum ich darüber informiert war im Traum. Ich kriegte es einfach mit. Und sie erzählte dann, dass sie die Stelle wahrscheinlich annehmen wird, weil sie das mit ihren sozialen Idealen gut vereinbaren kann, die Zielsetzung des Technischen Hilfswerks. Ich fand das auch gut. Sie muss bestimmt sehr lachen, wenn sie das liest. Als ich es vor einiger Zeit träumte, dachte ich beim Aufwachen: „gar nicht so abwegig. Gute Sache eigentlich!“. Sie war auch sehr zufrieden mit ihrer neuen Perspektive. Das Technische Hilfswerk agiert ja auch weltweit. Sehr spannend. Keine Ahnung, wie solche Sachen in meinen Kopf kommen. Mitten in der Nacht. Apropos. Gute Nacht.

16. Oktober 2011


Die Berliner Senatsverwaltung für Stadtentwicklung schreibt in ihren einleitenden Worten zur Geschichte des Olympiageländes:
„Mit Olympiastadion und Olympiagelände besitzt Berlin wohl die bedeutendste monumentale Sportanlage des 20. Jahrhunderts in Europa. Die Anlage (…) zeigt ein Jahrhundert deutscher Sportgeschichte, von der Wiederbelebung der olympischen Idee bis zum modernen Sport. Die Bauten, Freiflächen und Skulpturen vereinen sich zu einem einzigartigen Gesamtkunstwerk, zu einem wirkungsvollen Monument von Architektur und Raumgestaltung der nationalsozialistischen Ära. Die Anlage erinnert an die engen Verflechtungen von Sport und Macht, an die politischen Ideen und Ideologien, die (…) im Dritten Reich und auch in der Nachkriegszeit mit Körperkultur und Sport verbunden waren.“

In der Tat findet man sich im monumentalen Bühnenbild eines vergangenen Stückes mit denkbar theatralischer Ambition. Wie hätte das seine Wirkung verfehlen können. Und weiter zum Maifeld:
„Das Maifeld verdeutlicht die Einheit von Sport, Architektur und nationalsozialistischer Ideologie. Als nationaler Festplatz sollte das Maifeld an die Foren antiker Städte anknüpfen. Die gewaltige Rasenfläche, eingefasst von einem Stufenwall mit Sitzreihen, war als Aufmarschplatz für Kundgebungen gedacht. (…) Skulpturen und Reliefs schließen sich mit der Architektur und den gestalteten Freiflächen zu einer künstlerischen Einheit zusammen. Die Bildwerke gliedern die freien Flächen, sie vermitteln zwischen Wegen und Achsen und geben der Landschaft die Wirkung eines feierlichen Haines. An der Gestaltung der Skulpturen waren namhafte Bildhauer des Neoklassizismus beteiligt. Die Statuen verklären den gestählten menschlichen Körper, die im Sport sichtbare menschliche Kraft und den Siegeswillen. Auffallend ist der bewußte Rückgriff auf die antike Kunst, besonders auf die archaische Phase der griechischen Skulptur.“ Dr. Matthias Donath

Wikipedia vermerkt zur Größe und zur Nutzung nach der Nazi-Ära:
„Das Maifeld ist 112.000 m² groß und kann bis zu 250.000 Besucher aufnehmen. Die Tribünen bieten noch einmal Platz für 60.000 Zuschauer. (…) 1945 bis 1994 war es Teil des britischen Hauptquartiers in Berlin. Hier fanden bis 1994 die alljährlichen – von tausenden von Berlinern besuchten – Geburtstagsparaden der britischen Truppen für Königin Elisabeth II. statt. Das Maifeld gehörte zum Areal der britischen Truppen, die hier Cricket- ,Rugby-, Polo- und andere Wettkämpfe veranstalteten.“
Die Geschichte im Hinterkopf zu haben, schadet nicht, wenn man sich dorthin begibt. Man wird im Übrigen auch durch Tafeln darüber informiert. Es ist kein unkommentierter Ort. Das Maifeld ist ein eingezäunter Bereich auf dem Gelände. Man kann da nicht mal eben so drüberlaufen. Man kann nett mit den freundlichen Mitarbeitern, die den Eingang zwischen den beiden Rosseführern von Joseph Wackerle bewachen, plaudern und versuchen sie zu becircen. Dahingehend, ob man nicht eventuell vielleicht doch, nur ein paar kleine Schritte, nur um mal die beiden Rosseführer von vorne zu sehen, nur einmal? Nein? Wirklich nicht? Die erste wirklich sehr nette Dame war hartnäckig und hat mir den Zugang verwehrt. Der zweite Versuch bei einem jungen Mann gelang. „Ich verspreche auch, dass ich die Rosseführer nicht klaue! Ehrenwort!“

Ja, doch. Das hat mich beeindruckt. Nicht nur, dass ich das Feld überhaupt betreten durfte, sondern dieses frontal vor den monumentalen Figuren zu stehen, anstatt nur durch die Eisenstäbe des Zauns zu lugen. Insofern sehen Sie hier exclusives Bildmaterial, insbesondere was die Köpfe der beiden jungen Männer, die die Pferde führen angeht. Ungeachtet dessen, dass ich den Riefenstahl-Tick mit der Untersicht gerne kultiviere – da bleibt einem nun gar nichts anderes übrig. Wie hoch mögen die sein? Sechs Meter? Gut und gerne. Und wenn man Beeindruckendes sieht, versucht man freilich das Eindrücklichste des Eindrucks widerzugeben. Sicher kann man auch Bilder davon machen, die den Ort banalisieren. Man kann schlechtere Perspektiven wählen, den Zaun einbeziehen, alles Mögliche. Aber der Zaun hat mich nicht weiter beeindruckt. Die Pferde waren es. Und der Rhythmus der Elemente. Die Rosseführer halten übrigens Handtücher in der Hand, habe ich irgendwo gelesen. Eine lustige Vorstellung eigentlich. Zwei junge kräftige Männer kehren von einem splitternackten (?!?) Ritt auf großen Pferden zurück und irgendwer hat ihnen ein Handtuch in die Hand gedrückt, um sich den Schweiß abzutrocknen. Nicht unsinnlich, das Szenario. Oder haben sie sich den Lendenschurz vom Leib gerissen, echauffiert vom Ritt? Na ja, die griechischen Figuren waren ja auch mal gerne nackig. Das muss nicht immer schlüssig sein. In der Kunst ist ja alles erlaubt. Ich denke auch nur überhaupt darüber nach, weil die auftraggebenden Herrschaften seinerzeit auf so einem ausgeprägt naturalistischen Trip waren und das Szenario ja eher eine sehr abstrakte Situation zeigt. Selbst in der Antike waren unbekleidete Ritte eher nicht die Mode. Wenn ich mir allerdings vorstelle, die beiden Jungs hätten alternativ eine römisch anmutende Gladiatorenrüstung an, gefällt mir die nackerte Variante besser.

Als ich meine Bilder so durchgeschaut habe, fiel mir auf, dass ich noch nie Postkarten gesehen habe, die diese Figuren zeigen. Da ist das historisch verständliche Tabu wohl doch noch zu groß. Politisch korrekte Befangenheit, Behutsamkeit sozusagen. Mehr als einer würde sich finden, der einer olympischen Postkarten-Edition, die die Rosseführer berücksichtigt und damit zwangsläufig ehrt, neo-nazistisches Sympathisantentum unterstellt. Da müssen noch ein paar Jährchen ins Land ziehen. Denn wer zerbricht sich heute schon bei einer Auslandsreise beim Besuch historischer Bauwerke den Kopf über den nicht selten von ebenbürtigem Größenwahn geprägten diktatorischen Kontext der dargebotenen Bauwerke und Bildhauereien, oder würde gar den Besuch oder Kauf einer Postkarte aus Gründen politischer Korrektheit meiden. Aber in meinem kleinen Blog darf ich das zeigen. Wir wollen ja auch daraus lernen, nicht wahr. Was hat unseren Vorfahren derart die Sinne vernebelt. An der Stelle kommt man mit Empathie und Verständnisforschung weiter als mit Verurteilung und Tabuisierung. Ich sehe, dass sich die ver(w)irrten Machthaber einer wirkungsvollen multimedialen Marketingmaschine bedient haben. In Stein gemeißelte Propaganda. Natürlich ist das nicht neu. Für mich ist allerdings interessant, dass es in der visuellen Sprache der Überwältigungsstrategie auch mich beeindruckende Elemente gibt. Der hysterisch-cholerische Duktus der Ansprachen der Protagonisten hingegen war mir nie als charismatisch nachvollziehbar. So gar nicht. Nicht einmal im Ansatz. Ein Mirakel.

Auf der gegenüberliegende Seite des Maifelds befindet sich der vielzitierte „Führerstand“. Die exklusive Ansprachetribüne für den seinerzeitigen Chefdogmatiker. Man kann den Stand auf einigen Bildern von Weitem erkennen. Ich konnte wegen der begrenzten Aufenthaltserlaubnis nicht näher ran. Der Zugang zu dieser Tribüne erfolgt über die Langemarckhalle, die sich unmittelbar dahinter erstreckt. Eine spätere Bildreihe. Zu gewaltig die Halle, aus deren Mitte der siebenundsiebzig Meter hohe Glockenturm erwächst, der einem einen gewaltigen Rundum-Blick über die Stadtlandschaft und das angrenzende Waldgebiet mit der Waldbühne schenkt.
http://www.flickr.com/apps/slideshow/show.swf?v=107931

11. Oktober 2011

Das Schicksal hat oft ein ganz grottiges Timing. Wie oft wird irgendeinem Unfug unnötig lange Dauer verliehen. Bis einem die Quälerei zum Halse heraushängt. Hätte man den Unsinn nicht abkürzen können. Oder macht man das selber? Ist man selber das Schicksal? Womöglich. Oder auch. Ach, was weiß ich. Zum Beispiel Genugtuung*: Genugtuung* ist doch nur „genug tuend“, so lange sie gebraucht wird. Benötigt wird. In der Not. Was soll zum Beispiel um mehrere Jahre verspätete Genugtuung*, die einen nicht mehr weiter interessiert. Das ist doch alles nicht effizient, lieber Gott, der du da auch immer mit rumrührst in dem ganzen Brei. (Man muß auch mal wirtschaften lernen!) Und wo bleibt da das Qualitätsmanagement? Was sind das denn überhaupt für Qualitätsstandards bei dir da droben? Da geht doch alles drunter und drüber! Daher kommt wahrscheinlich auch der Spruch: „Viele Köche verderben den Brei!“ Wahrscheinlich wirst du dir immer ewig nicht mit den anderen Bereichsleitern einig, mit dem Allah und dem Buddha und wie sie alle heißen. Anstatt mich alleine schalten und walten zu lassen! Gerne übernehme ich die Hauptgeschäftsführung!

Da käme schon was Vernünftiges dabei raus. Jedenfalls schlechter als der übliche Kraut- und Rüben-Schicksalseintopf allenthalben könnte es auch nicht sein. Aber man lässt mich ja nicht! Mir geht das auch insgesamt alles zu langsam. Ich finde Schandtaten sollten sofort vom Schicksal geahndet werden. Ansonsten: Verzugszinsen. Fünfzig Prozent. Zack. Bums. Fertig. Aber eigentlich scheiße ich auf die Zinsen. Ich bin für reinen Tisch. Und wenn ich sage „Instant Karma“, dann meine ich Instant Karma. Ist das jetzt klar? Hallo? Ist da oben noch wer? Etwa schon Feierabend? Sprich, nicht: fünf Jahre später, wenn sich schon kaum wer mehr an die Tat erinnert, sondern spätestens (!) fünf Monate später. Ich denke, ich habe mich klar ausgedrückt. Im Übrigen bin ich für einen klaren Führungsstil mit transparenten Zielsetzungen. Freundlich aber bestimmt. Und zur nächsten Besprechung rasieren Sie drei sich bitte die albernen Rauschebärte ab. Was sollen unsere jüngeren Kundinnen denken.
*) vulgo: Vergeltung

11. Oktober 2011

Das Schicksal hat oft ein ganz grottiges Timing. Wie oft wird irgendeinem Unfug unnötig lange Dauer verliehen. Bis einem die Quälerei zum Halse heraushängt. Hätte man den Unsinn nicht abkürzen können. Oder macht man das selber? Ist man selber das Schicksal? Womöglich. Oder auch. Ach, was weiß ich. Zum Beispiel Genugtuung*: Genugtuung* ist doch nur „genug tuend“, so lange sie gebraucht wird. Benötigt wird. In der Not. Was soll zum Beispiel um mehrere Jahre verspätete Genugtuung*, die einen nicht mehr weiter interessiert. Das ist doch alles nicht effizient, lieber Gott, der du da auch immer mit rumrührst in dem ganzen Brei. (Man muß auch mal wirtschaften lernen!) Und wo bleibt da das Qualitätsmanagement? Was sind das denn überhaupt für Qualitätsstandards bei dir da droben? Da geht doch alles drunter und drüber! Daher kommt wahrscheinlich auch der Spruch: „Viele Köche verderben den Brei!“ Wahrscheinlich wirst du dir immer ewig nicht mit den anderen Bereichsleitern einig, mit dem Allah und dem Buddha und wie sie alle heißen. Anstatt mich alleine schalten und walten zu lassen! Gerne übernehme ich die Hauptgeschäftsführung!

Da käme schon was Vernünftiges dabei raus. Jedenfalls schlechter als der übliche Kraut- und Rüben-Schicksalseintopf allenthalben könnte es auch nicht sein. Aber man lässt mich ja nicht! Mir geht das auch insgesamt alles zu langsam. Ich finde Schandtaten sollten sofort vom Schicksal geahndet werden. Ansonsten: Verzugszinsen. Fünfzig Prozent. Zack. Bums. Fertig. Aber eigentlich scheiße ich auf die Zinsen. Ich bin für reinen Tisch. Und wenn ich sage „Instant Karma“, dann meine ich Instant Karma. Ist das jetzt klar? Hallo? Ist da oben noch wer? Etwa schon Feierabend? Sprich, nicht: fünf Jahre später, wenn sich schon kaum wer mehr an die Tat erinnert, sondern spätestens (!) fünf Monate später. Ich denke, ich habe mich klar ausgedrückt. Im Übrigen bin ich für einen klaren Führungsstil mit transparenten Zielsetzungen. Freundlich aber bestimmt. Und zur nächsten Besprechung rasieren Sie drei sich bitte die albernen Rauschebärte ab. Was sollen unsere jüngeren Kundinnen denken.
*) vulgo: Vergeltung

09. Oktober 2011


Muschelkalk also, die Skulpturen sind aus Muschelkalk. Da auf dem Areal. Ich ziehe die Bezeichnung Areal der etwas banalen Benennung „Olympiapark“ des ehemaligen „Reichssportfelds“ vor. Olympiapark klingt mir arg naiv nach Vergnügungspark, auch wenn es durchaus etwas davon hatte, als ich einige Tage später beim ISTAF das Vegnügen hatte, denselben Ort an einem Sommertag mit fröhlichen Kindern und Würstchen- und Saftbuden zu sehen.
Obwohl ich einen Plan in der Tasche hatte, bin ich wie meistens der Nase nach gelaufen. Auf dem Weg zum Glockenturm kommt man automatisch an der gewaltigen Nike vorbei. Der „German Nike“, wie sie im Internet gerne bezeichnet wird. Vielleicht wegen des germanisch anmutenden Eichenblattes, das sie in der Hand hält. Ich finde, dass sie für eine stolze Siegesgöttin ein bißchen zu wenig wie ein Alphatier guckt, eher wie ein unterwürfiges Mädchen, das dem Sieger huldvoll das Eichenblatt als Trophäe reicht. Auch schaut sie dabei arg ernst. Wahrscheinlich „erhaben“ oder so ähnlich gemeint. Siegesfreude könnte sich schon in ihrem Antlitz spiegeln, finde ich. Na ja. Die Nazi-Bildhauereien sind ja durchweg nicht für feurige Begeisterung oder nennenswerte Lebensfreude im Ausdruck berühmt. Da fügt sich die recht unfroh dreinschauende „Goddess of Victory“ von Bildhauer Willy Meller nahtlos ein.

Gegenüber des Eingangs der Langemarckhalle, am Zugang zur Waldbühne sind zwei Reliefs von einem gewissen Adolf Wamper, „Heldenehrung und Poesie“. Wieder der schöne Stein. Das rechte nennt sich auch wahlweise „Künstlerische Feier“, Frauenpaar mit Lorbeer und Leier. Also offenbar die „Poesie“. Am Beseeltesten an diesem Werk erscheint mir der Muschelkalkstein. Ich habe zwar einen großen Sinn für alles Monumentale, doch die Größe allein macht es leider auch nicht. Schade drum. Aber der Stein. Der Stein. Der macht wert, auch den beiden splitternackten Diskuswerfern von Karl Albiker ein, zwei Blicke zu schenken.

Und irgendwo dazwischen „hinter dem Osteingang des Stadions eine Reihe von 2,5 m hohen Muschelkalkpfeilern mit den Austragungsorten der Olympischen Spiele, den Namen deutscher Wettkampfsieger und Reliefdarstellungen einzelner Sportarten.“
http://www.flickr.com/apps/slideshow/show.swf?v=107931
Die mir erwähnenswertesten Skulpturen auf dem gesamten Areal sind die beiden „Rosseführer“ mit ihren riesigen Pferden auf dem Maifeld, denen unbedingt eine eigene Strecke gebührt. Denn die rocken schon ganz schön, obwohl sie in gleichem Maße ungerührt und desinteressiert aus der Wäsche gucken, wie der Rest.

10. Oktober 2011


ich kann auch Farbfotos

Nein, nein, es gibt kein Entkommen. Wir befinden uns weiterhin auf dem leidigen Olympiagelände und das wird noch ein Weilchen durchexerziert. In diesen Dingen bin ich streng. Bevor wir uns gemeinschaftlich zum Maifeld mit den stolzen Rosseführern und ihren Zossen bewegen, gucken wir uns noch ein richtiges echtes Pferd an. Es stand so rum hinter einem Zaun, ich glaube man nennt das Stall und neben dem weißen war noch ein braunes Pferd aber das weiße war näher an mir dran und auch fotogener. Ich würde sagen: ein schönes Pferd. Ich kenne mich da ja nicht so aus und gehe rein nach äußerem Eindruck und Sympathie. Ja, ich möchte sagen: ein herzensgutes Pferd mit einem ausgezeichneten Charakter. Einem schönen inneren wie auch äußeren Wesen. Der Reitsportverein da am Maifeld, zu dem das Pferdchen gehört, macht auch Reittherapie lese ich auf der Internetseite. Für behinderte Menschen. Gegen alles Mögliche. Burnout sicher auch: „Reittherapie verbessert die Motorik, das Lernen & Sprechen, die Wahrnehmung, das Verhalten und das Selbstwertgefühl. Ängste werden abgebaut, eigene Grenzen erkannt.“ Na bitte. Einwandfrei.
http://www.flickr.com/apps/slideshow/show.swf?v=107931

Bestimmt ein besonders sensibles Pferd. Ich habe eine gute Wahl getroffen, als ich es für meine Fotos ausgesucht habe. Ich beglückwünsche mich nachträglich zu dieser hervorragenden Wahl.

09. Oktober 2011


Muschelkalk also, die Skulpturen sind aus Muschelkalk. Da auf dem Areal. Ich ziehe die Bezeichnung Areal der etwas banalen Benennung „Olympiapark“ des ehemaligen „Reichssportfelds“ vor. Olympiapark klingt mir arg naiv nach Vergnügungspark, auch wenn es durchaus etwas davon hatte, als ich einige Tage später beim ISTAF das Vegnügen hatte, denselben Ort an einem Sommertag mit fröhlichen Kindern und Würstchen- und Saftbuden zu sehen.
Obwohl ich einen Plan in der Tasche hatte, bin ich wie meistens der Nase nach gelaufen. Auf dem Weg zum Glockenturm kommt man automatisch an der gewaltigen Nike vorbei. Der „German Nike“, wie sie im Internet gerne bezeichnet wird. Vielleicht wegen des germanisch anmutenden Eichenblattes, das sie in der Hand hält. Ich finde, dass sie für eine stolze Siegesgöttin ein bißchen zu wenig wie ein Alphatier guckt, eher wie ein unterwürfiges Mädchen, das dem Sieger huldvoll das Eichenblatt als Trophäe reicht. Auch schaut sie dabei arg ernst. Wahrscheinlich „erhaben“ oder so ähnlich gemeint. Siegesfreude könnte sich schon in ihrem Antlitz spiegeln, finde ich. Na ja. Die Nazi-Bildhauereien sind ja durchweg nicht für feurige Begeisterung oder nennenswerte Lebensfreude im Ausdruck berühmt. Da fügt sich die recht unfroh dreinschauende „Goddess of Victory“ von Bildhauer Willy Meller nahtlos ein.

Gegenüber des Eingangs der Langemarckhalle, am Zugang zur Waldbühne sind zwei Reliefs von einem gewissen Adolf Wamper, „Heldenehrung und Poesie“. Wieder der schöne Stein. Das rechte nennt sich auch wahlweise „Künstlerische Feier“, Frauenpaar mit Lorbeer und Leier. Also offenbar die „Poesie“. Am Beseeltesten an diesem Werk erscheint mir der Muschelkalkstein. Ich habe zwar einen großen Sinn für alles Monumentale, doch die Größe allein macht es leider auch nicht. Schade drum. Aber der Stein. Der Stein. Der macht wert, auch den beiden splitternackten Diskuswerfern von Karl Albiker ein, zwei Blicke zu schenken.

Und irgendwo dazwischen „hinter dem Osteingang des Stadions eine Reihe von 2,5 m hohen Muschelkalkpfeilern mit den Austragungsorten der Olympischen Spiele, den Namen deutscher Wettkampfsieger und Reliefdarstellungen einzelner Sportarten.“
http://www.flickr.com/apps/slideshow/show.swf?v=107931
Die mir erwähnenswertesten Skulpturen auf dem gesamten Areal sind die beiden „Rosseführer“ mit ihren riesigen Pferden auf dem Maifeld, denen unbedingt eine eigene Strecke gebührt. Denn die rocken schon ganz schön, obwohl sie in gleichem Maße ungerührt und desinteressiert aus der Wäsche gucken, wie der Rest.

06. Oktober 2011

Wenn man sich vorstellt, man hätte die freie Wahl zwischen einem beliebig kleinen und beliebig großen Aktionsradius, könnte man körperlich und mental erfahren, dass die Freiheit, den größten Radius auszuagieren, sehr viel mehr Krafteinsatz erfordert, als sich auf die „Bewirtschaftung“ eines kleinen Kreises zu beschränken.
Eine großräumige Bewegung in der Welt schlägt größere Wellen im Ozean, reflektiert mehr Kraft, aber letztlich auch nicht mehr als in den ausschlaggebenden Impuls für die große Welle gegeben wurde. Wenn mit wenig Krafteinsatz eine kleine Welle angestoßen wird und im entsprechenden Maß zurückflutet, entspricht das demselben Erfolg. Anteilig. Verhältnismäßig. Wozu also eine große Welle machen? Eine kleine Welle ist für einen kleinen Menschen überschaubarer. Eine größere für einen größeren.
Schlau wäre herauszufinden, welche Welle die richtige Größe für einen hat, gerade dass man sich nicht ausbeutet, nach Einsatz der Kraft noch etwas übrig bleibt. Und das Kräftedepot von Tag zu Tag wieder aufgefüllt werden kann. Durch eine einzige Nacht mit gutem Schlaf. Raubbau über einen längeren Zeitraum auszubügeln ist sogar in der Ruhephase anstrengend. Die eigene Kraft real einzuschätzen und was mit möglichst geringem Kraftaufwand zu möglichst viel Futter für das Ego führt, ist eine Kunst für sich. Ich kann mich nicht erinnern, dass mich je jemand ermahnt hätte, weniger fleißig zu sein. Oder doch: das geschieht immer dann, wenn bereits unwiderlegbare Zeichen von Erschöpfung zu Tage treten. Als manifestiertes, diagnostizierbares physisches Krankheitsbild. Oder die sichtbare Vorstufe in Form eines unverholenen Nervenzusammenbruchs im halb-öffentlichen Raum.

Ich habe herausgefunden, dass ich viele Dinge in meinem Leben gut weglassen kann, die Krafteinsatz, Aufmerksamkeit gefordert haben. Dazu gehören auch Dinge, die andere als vergnügliche Freizeitgestaltung einstufen würden. Begegnungen mit vielerelei interessanten Menschen an vielerlei interessanten Orten. Wenn man außerdem an dem Punkt ist, wo man sich Events nicht mehr schön trinkt, reduziert sich die Fülle des substanziell Aufregung Verheißenden noch mehr. Mal sehen, was nach der Phase der Klausur kommt. Die Ansprüche werden ja nicht weniger. Gestern überlegt, ob man eigentlich auch als Frau bei der Freiwilligen Feuerwehr mitmachen kann. Irgendsoetwas zutiefst Sinnvolles. (Oder von mir aus auch Rettungshubschrauber-Pilotin Nielsen, wie Prinz William)
Feuerwehrleute beeindrucken mich ungeheuer. Eigentlich am meisten von allen. Die begeben sich selbst in Gefahr. Ein Rettungssanitäter macht auch beindruckende Arbeit, ist aber nicht so gefährdet dabei. Ich sehe ja ungern Verletzte. Das ist ein Haken. Unter anderem. Diese Retter-Berufe sind mir wohl auch nicht in die Wiege gelegt. Aber der Respekt davor ist groß. Die Bewunderung für weibliches, schulmedizinisches Personal hingegen bewegt sich eher im homöopathischen Bereich, da sind mir schon die kaltblütigsten Flintenweiber untergekommen. Krankenschwestern von geradezu feldwebelartigem Naturell. Abgebrüht und leicht genervt. (Meine diesbezüglichen Erfahrungswerte können aber auch an meiner Krankenversicherungs-Klasse gelegen haben. Ich war noch nie erster Klasse krank.) Nach meiner Beobachtung ist das herzensgute Helferpersonal vorwiegend unter den männlichen Pflegern zu finden. Der brillentragende Hesse-Typus. Pflegetechnisch kann man da unbedingt vertrauen. Aber Feuerwehrmänner sind meine Helden. Menschlich gesehen. Andere Berufsgruppen nicht. Die haben zwar auch Vorzüge (z. B. Koch: sehr guter Männerberuf!) und gesellschaftliche Verdienste, aber keinerlei nennenswerte, heldenhafte Leistungen vorzuweisen.

06. Oktober 2011

Wenn man sich vorstellt, man hätte die freie Wahl zwischen einem beliebig kleinen und beliebig großen Aktionsradius, könnte man körperlich und mental erfahren, dass die Freiheit, den größten Radius auszuagieren, sehr viel mehr Krafteinsatz erfordert, als sich auf die „Bewirtschaftung“ eines kleinen Kreises zu beschränken.
Eine großräumige Bewegung in der Welt schlägt größere Wellen im Ozean, reflektiert mehr Kraft, aber letztlich auch nicht mehr als in den ausschlaggebenden Impuls für die große Welle gegeben wurde. Wenn mit wenig Krafteinsatz eine kleine Welle angestoßen wird und im entsprechenden Maß zurückflutet, entspricht das demselben Erfolg. Anteilig. Verhältnismäßig. Wozu also eine große Welle machen? Eine kleine Welle ist für einen kleinen Menschen überschaubarer. Eine größere für einen größeren.
Schlau wäre herauszufinden, welche Welle die richtige Größe für einen hat, gerade dass man sich nicht ausbeutet, nach Einsatz der Kraft noch etwas übrig bleibt. Und das Kräftedepot von Tag zu Tag wieder aufgefüllt werden kann. Durch eine einzige Nacht mit gutem Schlaf. Raubbau über einen längeren Zeitraum auszubügeln ist sogar in der Ruhephase anstrengend. Die eigene Kraft real einzuschätzen und was mit möglichst geringem Kraftaufwand zu möglichst viel Futter für das Ego führt, ist eine Kunst für sich. Ich kann mich nicht erinnern, dass mich je jemand ermahnt hätte, weniger fleißig zu sein. Oder doch: das geschieht immer dann, wenn bereits unwiderlegbare Zeichen von Erschöpfung zu Tage treten. Als manifestiertes, diagnostizierbares physisches Krankheitsbild. Oder die sichtbare Vorstufe in Form eines unverholenen Nervenzusammenbruchs im halb-öffentlichen Raum.

Ich habe herausgefunden, dass ich viele Dinge in meinem Leben gut weglassen kann, die Krafteinsatz, Aufmerksamkeit gefordert haben. Dazu gehören auch Dinge, die andere als vergnügliche Freizeitgestaltung einstufen würden. Begegnungen mit vielerelei interessanten Menschen an vielerlei interessanten Orten. Wenn man außerdem an dem Punkt ist, wo man sich Events nicht mehr schön trinkt, reduziert sich die Fülle des substanziell Aufregung Verheißenden noch mehr. Mal sehen, was nach der Phase der Klausur kommt. Die Ansprüche werden ja nicht weniger. Gestern überlegt, ob man eigentlich auch als Frau bei der Freiwilligen Feuerwehr mitmachen kann. Irgendsoetwas zutiefst Sinnvolles. (Oder von mir aus auch Rettungshubschrauber-Pilotin Nielsen, wie Prinz William)
Feuerwehrleute beeindrucken mich ungeheuer. Eigentlich am meisten von allen. Die begeben sich selbst in Gefahr. Ein Rettungssanitäter macht auch beindruckende Arbeit, ist aber nicht so gefährdet dabei. Ich sehe ja ungern Verletzte. Das ist ein Haken. Unter anderem. Diese Retter-Berufe sind mir wohl auch nicht in die Wiege gelegt. Aber der Respekt davor ist groß. Die Bewunderung für weibliches, schulmedizinisches Personal hingegen bewegt sich eher im homöopathischen Bereich, da sind mir schon die kaltblütigsten Flintenweiber untergekommen. Krankenschwestern von geradezu feldwebelartigem Naturell. Abgebrüht und leicht genervt. (Meine diesbezüglichen Erfahrungswerte können aber auch an meiner Krankenversicherungs-Klasse gelegen haben. Ich war noch nie erster Klasse krank.) Nach meiner Beobachtung ist das herzensgute Helferpersonal vorwiegend unter den männlichen Pflegern zu finden. Der brillentragende Hesse-Typus. Pflegetechnisch kann man da unbedingt vertrauen. Aber Feuerwehrmänner sind meine Helden. Menschlich gesehen. Andere Berufsgruppen nicht. Die haben zwar auch Vorzüge (z. B. Koch: sehr guter Männerberuf!) und gesellschaftliche Verdienste, aber keinerlei nennenswerte, heldenhafte Leistungen vorzuweisen.

04. Oktober 2011

Meine Liebesgeschichte mit der final diving sequence des Olympiafilms begann, als ich mich vor einem Jahr nach Elstal begab, um das olympische Dorf zu erkunden und mich vorher zuhause ein bißchen damit in Stimmung zu bringen. Das muss man wissen, wenn man begreifen will, was mich getrieben hat, den Sprungturm des Schwimmstadions abzulichten, als wäre er mein Geliebter. Und ein sehr schlichtes türkisfarbenes Sprungbrett aus zehn Perspektiven, ohne einen einzigen Sprung zu beabsichtigen.

Ein leeres Schwimmbecken, ohne auch nur eine einzige Bahn darin schwimmen zu wollen. Es war reiner Zufall, dass sich die blauen Gläser meiner Brille wie übertrieben inszeniert in das Szenario einfügen. In diesem zweiten Teil jener preisgekrönten Dokumentation erzählt Leni Riefenstahl ab Minute 26:24 bis 31:27 wie die Filmsequenzen der Turmspringer entstanden, wie sie beim Schnitt mit sekundenweise umgekehrten Sprungsequenzen den Eindruck erschaffen hat, dass die Athleten eigentlich Vogelwesen sind. Sie amüsiert mich, wenn sie in einem schwimmbassinblauen Kostüm am Sprungturm steht, im Hintergrund die blauen Wasserbecken. Diese Korrespondenz von Kostüm und Drehort zieht sich durch den ganzen Film, die ganze Dokumentation. Sie ist immer farblich passend zum Szenario gekleidet. Einmal nimmt sie bei einer Erzählung über Dreharbeiten in ihren geliebten Bergen durch einen nordisch gemusterten grau-weißen Strickpullover (im ersten Teil der Doku.) vor einem Bergmassiv die Farbe und Struktur des Felsgesteins auf. Schwester im Geiste. Da ist mir schon so manches nah. Sicher auch die schöngefärbte Perspektive auf die Welt. Die Scheuklappen. Die Konzentration auf das Erhebende, Erhabene. Von den Verirrungen will ich gar nicht reden. Die sind ja hinreichend bekannt. Ich kümmere mich vorzugsweise zunächst um die Entwirrung meiner eigenen Verirrungen. [Verwirrungen]

Aber um noch einmal auf das Schwimmstadion zurückzukommen. Je länger ich die Bilder betrachte, umso klarer sehe ich die ungeheure Modernität der Architektur des Sprungturms. Da ist nichts zu viel und nichts zu wenig. Mies van der Rohe hätte den Turm nicht unsentimentaler bauen können. Und ich freue mich darauf, die späteren Bilder mit Menschen zu zeigen. Die gibt es nämlich auch. Denn ich war ja nur wenige Tage danach noch einmal da und mir bot sich genau das gegenteilige Szenario, Himmel und Menschen, beim großen Stadionfest der Leichtathleten. Tatsächlich sprangen mutige Schwimmer vom Turm, keine Profis, ganz normale Berliner Kinder und Jugendliche, die zum Spaß dort waren, in ihrem Olympiabad. Aber zuerst wird die Architektur abgearbeitet. In den folgenden Etappen gehe ich über das gesamte Areal, Richtung Glockenturm (der mir nebenbei bis zu diesem Besuch überhaupt kein Begriff war), vorbei an der Goddess of Victory und dergleichen pompösem Bildhauerwerk mehr, zur berüchtigten Langemarckhalle. Bleiben Sie einfach dran.
http://www.flickr.com/apps/slideshow/show.swf?v=107931

04. Oktober 2011

Meine Liebesgeschichte mit der final diving sequence des Olympiafilms begann, als ich mich vor einem Jahr nach Elstal begab, um das olympische Dorf zu erkunden und mich vorher zuhause ein bißchen damit in Stimmung zu bringen. Das muss man wissen, wenn man begreifen will, was mich getrieben hat, den Sprungturm des Schwimmstadions abzulichten, als wäre er mein Geliebter. Und ein sehr schlichtes türkisfarbenes Sprungbrett aus zehn Perspektiven, ohne einen einzigen Sprung zu beabsichtigen.

Ein leeres Schwimmbecken, ohne auch nur eine einzige Bahn darin schwimmen zu wollen. Es war reiner Zufall, dass sich die blauen Gläser meiner Brille wie übertrieben inszeniert in das Szenario einfügen. In diesem zweiten Teil jener preisgekrönten Dokumentation erzählt Leni Riefenstahl ab Minute 26:24 bis 31:27 wie die Filmsequenzen der Turmspringer entstanden, wie sie beim Schnitt mit sekundenweise umgekehrten Sprungsequenzen den Eindruck erschaffen hat, dass die Athleten eigentlich Vogelwesen sind. Sie amüsiert mich, wenn sie in einem schwimmbassinblauen Kostüm am Sprungturm steht, im Hintergrund die blauen Wasserbecken. Diese Korrespondenz von Kostüm und Drehort zieht sich durch den ganzen Film, die ganze Dokumentation. Sie ist immer farblich passend zum Szenario gekleidet. Einmal nimmt sie bei einer Erzählung über Dreharbeiten in ihren geliebten Bergen durch einen nordisch gemusterten grau-weißen Strickpullover (im ersten Teil der Doku.) vor einem Bergmassiv die Farbe und Struktur des Felsgesteins auf. Schwester im Geiste. Da ist mir schon so manches nah. Sicher auch die schöngefärbte Perspektive auf die Welt. Die Scheuklappen. Die Konzentration auf das Erhebende, Erhabene. Von den Verirrungen will ich gar nicht reden. Die sind ja hinreichend bekannt. Ich kümmere mich vorzugsweise zunächst um die Entwirrung meiner eigenen Verirrungen. [Verwirrungen]

Aber um noch einmal auf das Schwimmstadion zurückzukommen. Je länger ich die Bilder betrachte, umso klarer sehe ich die ungeheure Modernität der Architektur des Sprungturms. Da ist nichts zu viel und nichts zu wenig. Mies van der Rohe hätte den Turm nicht unsentimentaler bauen können. Und ich freue mich darauf, die späteren Bilder mit Menschen zu zeigen. Die gibt es nämlich auch. Denn ich war ja nur wenige Tage danach noch einmal da und mir bot sich genau das gegenteilige Szenario, Himmel und Menschen, beim großen Stadionfest der Leichtathleten. Tatsächlich sprangen mutige Schwimmer vom Turm, keine Profis, ganz normale Berliner Kinder und Jugendliche, die zum Spaß dort waren, in ihrem Olympiabad. Aber zuerst wird die Architektur abgearbeitet. In den folgenden Etappen gehe ich über das gesamte Areal, Richtung Glockenturm (der mir nebenbei bis zu diesem Besuch überhaupt kein Begriff war), vorbei an der Goddess of Victory und dergleichen pompösem Bildhauerwerk mehr, zur berüchtigten Langemarckhalle. Bleiben Sie einfach dran.
http://www.flickr.com/apps/slideshow/show.swf?v=107931

03. Oktober 2011


Kann eigentlich nicht sein. Aber kennt jeder Berliner. Oder auch Hamburger. Oder Kölner oder Münchner. Oder oder. Man verbringt den größten Teil seines Lebens in einer Stadt und schaut sich die größten, spektakulärsten Bauwerke ewig nicht an, jedenfalls nicht planvoll, ganz genau, wie man es als Tourist täte. Ja ja, jeder kennt das. Aber nun kommt man ja langsam dahinter, dass nicht nur das eigene Land ein mögliches Reiseland mit eigener Küste, einem richtigen Meer ist, Wäldern und Bergen und großem Himmel und schönem Klima. Ich schaue mir jetzt alles an, was ich vor der Nase habe, weniger wie eine flüchtige Reisende, eher wie ein Schmetterlingsforscher. Ich gehe noch etwas weiter. Nichts wird schnell abgehakt, ich will es verinnerlichen und ausloten. Nun soll keiner denken, ich wäre noch nie im Olympiastadion gewesen. Jeder Berliner war schon mal im Olympiastadion. Ob als Konzertbesucher oder als Herthafan oder Besucher der Pyronale oder weiß der Kuckuck. Ich erinnere mich, dass ich vor achtzehn Jahren mit einer Freundin bei einem Stones-Konzert dort war und wir beide vorzeitig gegangen sind, weil die Darbietung so abgedroschen war und die Bühne so weit weg. Dazu muss man aber erwähnen, dass ich zwei Jahre vorher ein sehr gutes Konzert der damals schon alten Haudegen gesehen hatte, 1991 in Weißensee, wo echte Begeisterung, nicht nur vor der Bühne zu spüren war. Inmitten von lauter Ostberliner Fans, die kaum fassen konnten, dass es ihnen in ihrem Leben tatsächlich noch vergönnt war, Mick Jagger und Keith Richards leibhaftig zu erleben. Wer glaubte schon ernsthaft an den Mauerfall. Keiner. Kein Mensch.

Das ist also der Hintergrund. Dass ich auch mit der Faszination für den Olympiafilm im Hinterkopf in das Stadion ging, muss ich nicht erwähnen. Ich habe mir einen Tag ausgesucht, an dem ich ziemlich sicher sein konnte, kaum jemanden anzutreffen. Ein Dienstagnachmittag. Wie ich es erhofft hatte, war das Stadion und das ganze Areal beinah leer, hin und wieder ein, zwei Besucher außer mir. Ein bißchen bedauere ich, dass das große Amphitheater des Stadions nun zum Teil überdacht wurde, um die Besucher vor Wind und Wetter zu schützen. Aber was für eine Konstruktion. Es ist gut gelungen, das alte Stadion noch erfahrbar zu machen. Die Substanz ist immer noch die alte Steinkonstruktion. Und was für ein schöner Stein. Das ist also der Ort, wo Jesse Owens den Triumph seines Lebens erlebte. Wo trotz der dunklen Mächte die im Land wirkten, alle Kontinente einschließende Völkerfreundschaft gefeiert wurde. Ich verließ das Stadion beim Marathontor zur Südseite und ging weiter zum Schwimmstadion, wo die großartigen Filmbilder der Turmspringer von Riefenstahls Kameramännern, allen voran Hans Ertl und Guzzi Lantschner, eingefangen wurden. Dann weiter an den großen Statuen vorbei, am Maifeld, zur Langemarckhalle mit dem Glockenturm. Die Bilder zeige ich später in eigenen Folgen. Das ist angemessen. Über den kleinen Marchhof verließ ich das Areal Richtung Ausgang. Da ging die Sonne schon fast unter. Ich dachte so etwas Ähnliches wie, gut, dass ich es mir endlich angesehen habe und wieso kam es mir vorher nie in den Sinn. Was für ein bemerkenswerter Ort. Nur wenige Schritte bis zur S-Bahn „Olympiastadion“. Wie oft bin ich mit der U-Bahn zur Haltestelle Olympiastadion um von dort zur Waldbühne zu laufen. Ich weiß gar nicht, wie oft ich dort war, so viele Konzerte. Jetzt ist ein dicker Fußabdruck in meiner Erinnerung dazugekommen. Er hat ganz deutlich die Form des Ovals vom Olympiastadion. Tief eingeprägt.
http://www.flickr.com/apps/slideshow/show.swf?v=107931

03. Oktober 2011


Kann eigentlich nicht sein. Aber kennt jeder Berliner. Oder auch Hamburger. Oder Kölner oder Münchner. Oder oder. Man verbringt den größten Teil seines Lebens in einer Stadt und schaut sich die größten, spektakulärsten Bauwerke ewig nicht an, jedenfalls nicht planvoll, ganz genau, wie man es als Tourist täte. Ja ja, jeder kennt das. Aber nun kommt man ja langsam dahinter, dass nicht nur das eigene Land ein mögliches Reiseland mit eigener Küste, einem richtigen Meer ist, Wäldern und Bergen und großem Himmel und schönem Klima. Ich schaue mir jetzt alles an, was ich vor der Nase habe, weniger wie eine flüchtige Reisende, eher wie ein Schmetterlingsforscher. Ich gehe noch etwas weiter. Nichts wird schnell abgehakt, ich will es verinnerlichen und ausloten. Nun soll keiner denken, ich wäre noch nie im Olympiastadion gewesen. Jeder Berliner war schon mal im Olympiastadion. Ob als Konzertbesucher oder als Herthafan oder Besucher der Pyronale oder weiß der Kuckuck. Ich erinnere mich, dass ich vor achtzehn Jahren mit einer Freundin bei einem Stones-Konzert dort war und wir beide vorzeitig gegangen sind, weil die Darbietung so abgedroschen war und die Bühne so weit weg. Dazu muss man aber erwähnen, dass ich zwei Jahre vorher ein sehr gutes Konzert der damals schon alten Haudegen gesehen hatte, 1991 in Weißensee, wo echte Begeisterung, nicht nur vor der Bühne zu spüren war. Inmitten von lauter Ostberliner Fans, die kaum fassen konnten, dass es ihnen in ihrem Leben tatsächlich noch vergönnt war, Mick Jagger und Keith Richards leibhaftig zu erleben. Wer glaubte schon ernsthaft an den Mauerfall. Keiner. Kein Mensch.

Das ist also der Hintergrund. Dass ich auch mit der Faszination für den Olympiafilm im Hinterkopf in das Stadion ging, muss ich nicht erwähnen. Ich habe mir einen Tag ausgesucht, an dem ich ziemlich sicher sein konnte, kaum jemanden anzutreffen. Ein Dienstagnachmittag. Wie ich es erhofft hatte, war das Stadion und das ganze Areal beinah leer, hin und wieder ein, zwei Besucher außer mir. Ein bißchen bedauere ich, dass das große Amphitheater des Stadions nun zum Teil überdacht wurde, um die Besucher vor Wind und Wetter zu schützen. Aber was für eine Konstruktion. Es ist gut gelungen, das alte Stadion noch erfahrbar zu machen. Die Substanz ist immer noch die alte Steinkonstruktion. Und was für ein schöner Stein. Das ist also der Ort, wo Jesse Owens den Triumph seines Lebens erlebte. Wo trotz der dunklen Mächte die im Land wirkten, alle Kontinente einschließende Völkerfreundschaft gefeiert wurde. Ich verließ das Stadion beim Marathontor zur Südseite und ging weiter zum Schwimmstadion, wo die großartigen Filmbilder der Turmspringer von Riefenstahls Kameramännern, allen voran Hans Ertl und Guzzi Lantschner, eingefangen wurden. Dann weiter an den großen Statuen vorbei, am Maifeld, zur Langemarckhalle mit dem Glockenturm. Die Bilder zeige ich später in eigenen Folgen. Das ist angemessen. Über den kleinen Marchhof verließ ich das Areal Richtung Ausgang. Da ging die Sonne schon fast unter. Ich dachte so etwas Ähnliches wie, gut, dass ich es mir endlich angesehen habe und wieso kam es mir vorher nie in den Sinn. Was für ein bemerkenswerter Ort. Nur wenige Schritte bis zur S-Bahn „Olympiastadion“. Wie oft bin ich mit der U-Bahn zur Haltestelle Olympiastadion um von dort zur Waldbühne zu laufen. Ich weiß gar nicht, wie oft ich dort war, so viele Konzerte. Jetzt ist ein dicker Fußabdruck in meiner Erinnerung dazugekommen. Er hat ganz deutlich die Form des Ovals vom Olympiastadion. Tief eingeprägt.
http://www.flickr.com/apps/slideshow/show.swf?v=107931

27. September 2011


Genau hinschauen. Das Leben ist kurz. Man kann da ganz schnell durchgehen. Durch jede Tür, durch jedes Tor. Aber das mache ich nicht. Weil es ganz besonders dadurch wird, dass man es als besonders versteht. Ein Privileg. Es zu etwas Besonderem macht. Wahrscheinlich funktioniert das mit jedem Ort und jedem Zeitpunkt. Noch dazu, wenn der Ort tatsächlich sehr besonders ist, herausragend, warum sollte man beiläufig durchgehen. Unter einem solchen Himmel. Das wäre doch nicht angemessen. Im Grunde kann man jeden Augenblick in einer Weise erhöhen, dass man von Pathos sprechen kann. Den Augenblick und den Ort aus der Gleichgültigkeit, der Beiläufigkeit heben. Das ist gar nicht schwer.
http://www.flickr.com/apps/slideshow/show.swf?v=107931
Wenn man eine Kamera auf sich gerichtet sieht, egal ob gefilmt oder fotografiert wird, erhöht sich die Selbstwahrnehmung. Man bekommt eine Idee davon, dass es auf jeden Augenblick ankommt. Wie man ist, wie man fühlt, in genau diesem Augenblick, der dann für immer festgehalten sein wird. Der zur teilbaren Erinnerung wird. Und das wird das Leben gewesen sein. Auch das. Die inneren Bilder kann man nur selbst erinnern. Die äußeren erinnern auch die anderen. Von den inneren Bildern erzählen die Geschichten, die geschrieben sind. Wenn die innere Geschichte auf die äußere Geschichte trifft, die zu Bildern materalisiert ist, kann man das Ganze erahnen, dann. All das, was wesentlich gewesen sein wird.

27. September 2011


Genau hinschauen. Das Leben ist kurz. Man kann da ganz schnell durchgehen. Durch jede Tür, durch jedes Tor. Aber das mache ich nicht. Weil es ganz besonders dadurch wird, dass man es als besonders versteht. Ein Privileg. Es zu etwas Besonderem macht. Wahrscheinlich funktioniert das mit jedem Ort und jedem Zeitpunkt. Noch dazu, wenn der Ort tatsächlich sehr besonders ist, herausragend, warum sollte man beiläufig durchgehen. Unter einem solchen Himmel. Das wäre doch nicht angemessen. Im Grunde kann man jeden Augenblick in einer Weise erhöhen, dass man von Pathos sprechen kann. Den Augenblick und den Ort aus der Gleichgültigkeit, der Beiläufigkeit heben. Das ist gar nicht schwer.
http://www.flickr.com/apps/slideshow/show.swf?v=107931
Wenn man eine Kamera auf sich gerichtet sieht, egal ob gefilmt oder fotografiert wird, erhöht sich die Selbstwahrnehmung. Man bekommt eine Idee davon, dass es auf jeden Augenblick ankommt. Wie man ist, wie man fühlt, in genau diesem Augenblick, der dann für immer festgehalten sein wird. Der zur teilbaren Erinnerung wird. Und das wird das Leben gewesen sein. Auch das. Die inneren Bilder kann man nur selbst erinnern. Die äußeren erinnern auch die anderen. Von den inneren Bildern erzählen die Geschichten, die geschrieben sind. Wenn die innere Geschichte auf die äußere Geschichte trifft, die zu Bildern materalisiert ist, kann man das Ganze erahnen, dann. All das, was wesentlich gewesen sein wird.

25. September 2011


Je länger ich mich beobachte, umso theatralischer komme ich mir vor. Dieser Selbstdarstellungsdrang. Nicht einmal gespielt oder verstellt, aber dieser Drang, sich darzustellen. Wenn ich das sachlich diagnostiziere, frage ich mich, ob das einfach von Hause aus stärker in meinem Charakter angelegt ist, oder ob es sich um eine eigenmächtige Wiedergutmachung aufgrund zu geringen Zuspruchs in prägenden Kindheits- und Jugendjahren handelt. Wie auch immer – irgend etwas daran scheint heilsam zu sein. Man sagt das auch Menschen nach, die ins Schauspielfach streben, ohne den vordringlichen Ansatz, Menschen unterhaltsam beglücken zu wollen. Sie wollen gesehen werden. Angeschaut werden. Liebende, zugewandte Blicke in hoher Dosis empfangen. Diese Energie von Blicken ist keineswegs zu unterschätzen. Lebenselixier. Was richten strenge oder argwöhnische Mütter- und Väterblicke an. Oh Gott. Ich will das Thema gar nicht weiter ausführen. Absatz.
Chronologisch ordentlich wie ich bin, beginnt auch die nächste Entdeckungsreise, zu einem mir überraschend wichtig gewordenen Ort in Berlin, zuhause. Ich überlege, was ich anziehe, wenn ich einen Ort aufsuche. Was ist atmosphärisch angemessen. Bequem soll es sein. Denn meine Ausflüge dauern immer ein paar Stunden. Wenn man sich nicht rundherum wohl fühlt, sieht man auch auf den Bildern ein bißchen verklemmt aus. Eingeklemmte Taille und eingezwängte Füße ist nach Adam Riese eingeklemmtes Lächeln, eingezwängte Psyche. Zu Riefenstahls Drehzeiten dort, wo ich mich auf den Weg hinmachen würde, trug man in jenem heißen Sommer 1936 auch Brillen gegen die blendende Sonne. Aber die Fassungen waren doch eher aus Metall als aus Kunststoff. Filigrane Modelle. Ein bißchen wie meine Kenzo-Brille mit den blau verspiegelten Gläsern. Derlei Extravaganz hat es da freilich nicht gegeben. Als ich ebendort in einem Ausstellungsraum war, sah ich Leni Riefenstahl zufällig auf einem alten Foto mit einer Schirmmütze. Hatte ich gar nicht erinnert. Na ja. Ich habe mein Bestes gegeben um keinen unangemessenen ästhetischen Bruch vor Ort zu verursachen. Und das ist mir auch gelungen. Morgen oder übermorgen geht es weiter. Das Bild da oben ist schon kurz vor dem Ziel. Es stammt aus der S-Bahn. Irgendwo zwischen Hackeschem Markt, Berliner Hauptbahnhof und Olympiastadion. Da ging es nämlich hin. Aber das kommt dann morgen. Oder übermorgen. Oder Überübermorgen. Eins nach dem anderen.
http://www.flickr.com/apps/slideshow/show.swf?v=107931
Jetzt muss ich schlafen gehen, weil ich viel um die Ohren habe, in diesen Tagen. So viel, dass ich seit Freitag sogar das Telefon ausgestöpselt habe, weil ich so erholungsbedürftig bin. Man vergebe mir und gewähre mir ein paar geruhsame Stunden daheim.

24. September 2011



Die Tempelhofer Freiheit
. Start- und Landebahn. Airstrip. Skater. Läufer. Radfahrer. Kids. Frauen. Männer. Ich. Ewig her, dass ich Rollschuh gelaufen bin. Oder Skateboard gefahren. Nein, nein, hab ich nicht gemacht. Ich war zu Fuß da. Es gefiel mir aber schon, die Skater zu sehen. Und die einkufigen, glitzernden Rollschuhe. Die schnellen, ausladenden Bewegungen. Ich muss noch mal hin, zu der anderen Seite. An dem Tag kam ich über den Zugang in der Oderstraße. Ging zuerst zu den Pionierfeldern mit den Holzpfählen und den Brutplätzen für die Vögel und den wilden Gärten. Vor drei Jahren war ich mit Jan im Flughafengebäude, bei der Fotobild. Und irgendwann noch früher bin ich auch von Tempelhof geflogen. Ich weiß nicht mehr genau wohin. Irgendein innerdeutscher Flug. So ein ganz kurzer, wo es nicht mal Essen gab. Aber wer vermisst schon Flugzeugessen. Es fehlt dann eher eine Etappe der ritualisierten Zuwendung. Hier in Berlin gab es viel Gedöns, als Tempelhof für immer als Flughafen geschlossen wurde. Dabei ist noch alles da, was man sentimental bedenken will. Und noch viel mehr. Ich mag sehr, was daraus geworden ist.
http://www.flickr.com/apps/slideshow/show.swf?v=107931

24. September 2011



Die Tempelhofer Freiheit
. Start- und Landebahn. Airstrip. Skater. Läufer. Radfahrer. Kids. Frauen. Männer. Ich. Ewig her, dass ich Rollschuh gelaufen bin. Oder Skateboard gefahren. Nein, nein, hab ich nicht gemacht. Ich war zu Fuß da. Es gefiel mir aber schon, die Skater zu sehen. Und die einkufigen, glitzernden Rollschuhe. Die schnellen, ausladenden Bewegungen. Ich muss noch mal hin, zu der anderen Seite. An dem Tag kam ich über den Zugang in der Oderstraße. Ging zuerst zu den Pionierfeldern mit den Holzpfählen und den Brutplätzen für die Vögel und den wilden Gärten. Vor drei Jahren war ich mit Jan im Flughafengebäude, bei der Fotobild. Und irgendwann noch früher bin ich auch von Tempelhof geflogen. Ich weiß nicht mehr genau wohin. Irgendein innerdeutscher Flug. So ein ganz kurzer, wo es nicht mal Essen gab. Aber wer vermisst schon Flugzeugessen. Es fehlt dann eher eine Etappe der ritualisierten Zuwendung. Hier in Berlin gab es viel Gedöns, als Tempelhof für immer als Flughafen geschlossen wurde. Dabei ist noch alles da, was man sentimental bedenken will. Und noch viel mehr. Ich mag sehr, was daraus geworden ist.
http://www.flickr.com/apps/slideshow/show.swf?v=107931

20. September 2011

Wie fange ich an. Also: ich bin da neulich so spazierengegangen. Auf einmal ist alles ganz bunt geworden! Da waren so komische Blumen und Sachen. Nein, ich habe keine Drogen genommen! Das war früher, viel früher, mit den Drogen! Also, um es kurz zu machen: ich war bei Pippi Langstrumpf. Ich bin mir ziemlich sicher. Fast zu tausend Prozent! Sie war zwar nicht persönlich da, aber man hat genau gemerkt, dass sie überall ihre ordnende Pippi-Hand im Spiel gehabt hat. Dort an dem komischen Ort, mit dem komischen Namen. Den ich gar nicht sagen will! Auf keinen Fall! Der Ort ist geheim! Streng geheim! In Berlin! Da wo die Rosinenbomber gelandet sind. Bitte nicht weitersagen. Ist auf jeden Fall schon super. Und ganz schön bunt! Ach so, das hab ich ja schon geschrieben. Ich will jetzt auch gar nicht weiter verraten, was die Leute da alles machen, und wie das alles kommt. Nur, dass man sich die Bilder jetzt ganz viel anschauen muss, weil in drei Jahren ist alles wieder weg! Dann läuft nämlich der Pachtvertrag von Pippi aus. Aber vielleicht schickt ihr der Häuptling von Takatukaland ja eine Kiste mit goldenen Talern und sie kann den Herrscher von Berlin überreden, ihr ein bißchen Zeit zu geben.

Weil dann sind bestimmt alle Salatköpfe und Blumen noch viel größer. Und man kann unter den großen, wippenden Blüten im Schatten sitzen und ein Nickerchen machen. Auf den Bänken aus Obstkisten und alten Fenstern und Türen. Und Erdbeeren essen. Und die Bienen summen. Mitten in Berlin. Da, wo die Rosinenbomber für immer ins Gedächtnis der Berliner geritzt sind. Man kann auf der Bank sitzen und daran zurückdenken. Wie schön das war. Und wie schön es jetzt doch ist. Und sich freuen.
http://www.flickr.com/apps/slideshow/show.swf?v=107931

20. September 2011

Wie fange ich an. Also: ich bin da neulich so spazierengegangen. Auf einmal ist alles ganz bunt geworden! Da waren so komische Blumen und Sachen. Nein, ich habe keine Drogen genommen! Das war früher, viel früher, mit den Drogen! Also, um es kurz zu machen: ich war bei Pippi Langstrumpf. Ich bin mir ziemlich sicher. Fast zu tausend Prozent! Sie war zwar nicht persönlich da, aber man hat genau gemerkt, dass sie überall ihre ordnende Pippi-Hand im Spiel gehabt hat. Dort an dem komischen Ort, mit dem komischen Namen. Den ich gar nicht sagen will! Auf keinen Fall! Der Ort ist geheim! Streng geheim! In Berlin! Da wo die Rosinenbomber gelandet sind. Bitte nicht weitersagen. Ist auf jeden Fall schon super. Und ganz schön bunt! Ach so, das hab ich ja schon geschrieben. Ich will jetzt auch gar nicht weiter verraten, was die Leute da alles machen, und wie das alles kommt. Nur, dass man sich die Bilder jetzt ganz viel anschauen muss, weil in drei Jahren ist alles wieder weg! Dann läuft nämlich der Pachtvertrag von Pippi aus. Aber vielleicht schickt ihr der Häuptling von Takatukaland ja eine Kiste mit goldenen Talern und sie kann den Herrscher von Berlin überreden, ihr ein bißchen Zeit zu geben.

Weil dann sind bestimmt alle Salatköpfe und Blumen noch viel größer. Und man kann unter den großen, wippenden Blüten im Schatten sitzen und ein Nickerchen machen. Auf den Bänken aus Obstkisten und alten Fenstern und Türen. Und Erdbeeren essen. Und die Bienen summen. Mitten in Berlin. Da, wo die Rosinenbomber für immer ins Gedächtnis der Berliner geritzt sind. Man kann auf der Bank sitzen und daran zurückdenken. Wie schön das war. Und wie schön es jetzt doch ist. Und sich freuen.
http://www.flickr.com/apps/slideshow/show.swf?v=107931

19. September 2011

Ich gratuliere dem Berliner Abgeordnetenhaus zum Einzug der orangen Piratenflagge, auch wenn ich die Jungs nicht gewählt habe. Ja ja, gibt auch Piratinnen, schon klar. Als mich das Schicksal vor zwei Jahren auf ein Piratentreffen ins Wahlkampflokal „Breipott“ in Kreuzberg verschlagen hat, waren es allerdings ungefähr 97 Prozent junge Männer, die leider nicht ganz so witzig ausgesehen haben, wie der junge Mann da auf dem Plakat. Das hat sich wohl geändert. Frische Brise aus einer Ecke, die bisher nicht im Abgeordnetenhaus vertreten war, was dem System gut tut. Wie sagen die Jungs: „Klarmachen zum Entern Ändern“. Na dann, herzlich Willkommen, Ihr Digital Natives.

18. September 2011


Die unbekannte Schöne, die ich fast übersehen hätte. Ja, übersehen hätte. Wäre schade gewesen. Passiert ja nicht so oft, dass man durch einen solchen Garten läuft. Eigentlich gehört diese seltene Blume, von der ich nicht weiß, wie sie heißt, in eine andere Reihe, die noch kommt. Über einen Garten, ein Anbaugebiet mit einem bizarren Namen und bemerkenswerten Anblicken. Ich tigerte durch das anarchische Gartenlabyrinth und eine Gärtnerin, die auf der Bank vor ihrem kleinen Beet in der Abendsonne saß, sprach mich an. „Willst du mal etwas Besonderes sehen?“ Die Frage war eigentlich lustig in Anbetracht des Ortes, an dem es vor Absonderlichkeiten nur so wimmelte. Ich freute mich aber, dass sie mich so freundlich ansprach, weil ich eigentlich in fremdem Territorium herumlief, wenn es auch keinen Zaun gab. „Schau mal, die Blume da. Die hab ich aus Neuseeland mitgebracht. Den Samen geschmuggelt. Ist die nicht schön?“ „Ah! Oh ja.“ „Die kannst du doch mal fotografieren! Ich hab es schon ganz oft versucht, aber es wird einfach nichts.“ „Ja, das ist nicht einfach, sie ist so filigran. Und sie bewegt sich. Man braucht eine ruhige Hand.“ Ich versuchte die zarten gefiederten Blüten einzufangen, aber die Sonne sank schon. Auf dem Display sah ich kaum ein Bild mit guter Schärfe. Aber ich ließ nicht locker. Ich wollte ihr unbedingt wenigstens ein Bild zeigen, das ihrer Blume angemessen wäre. Von der sie übrigens selbst nicht wusste, wie ihr Name ist. Die Bilder waren nicht brillant, aber ich konnte ihr zwei, drei zeigen, die immerhin diese Härchen schön einfangen. Sie freute sich. „Und schau mal, ich hab noch eine Pflanze aus Neuseeland! Willst du einen Ableger haben? Hab ich auch als Samen mitgebracht, weil sie so schöne rosa Blüten hat, aber bei mir hat sie noch nie geblüht.“ „Wenn du magst?“ „Schau, du musst sie einfach nur ins Wasser tun, ganz einfach, dann kriegt sie Wurzeln.“ Sie nahm einen Trieb von der Kletterpflanze aus Neuseeland, von der sie ebenfalls nicht wusste, wie sie heißt. Ich sagte vielmals Dank und lief weiter. Den jungen Trieb an der Hüfte, unter den Gürtel geschoben. Die kleine Liane schwang bei jedem Schritt mit. Als die Sonne unterging, war ich wieder zurück in den Straßen und kam mir ein kleines bißchen vor wie Robin Hood.
http://www.flickr.com/apps/slideshow/show.swf?v=107931

19. September 2011

Ich gratuliere dem Berliner Abgeordnetenhaus zum Einzug der orangen Piratenflagge, auch wenn ich die Jungs nicht gewählt habe. Ja ja, gibt auch Piratinnen, schon klar. Als mich das Schicksal vor zwei Jahren auf ein Piratentreffen ins Wahlkampflokal „Breipott“ in Kreuzberg verschlagen hat, waren es allerdings ungefähr 97 Prozent junge Männer, die leider nicht ganz so witzig ausgesehen haben, wie der junge Mann da auf dem Plakat. Das hat sich wohl geändert. Frische Brise aus einer Ecke, die bisher nicht im Abgeordnetenhaus vertreten war, was dem System gut tut. Wie sagen die Jungs: „Klarmachen zum Entern Ändern“. Na dann, herzlich Willkommen, Ihr Digital Natives.

18. September 2011


Die unbekannte Schöne, die ich fast übersehen hätte. Ja, übersehen hätte. Wäre schade gewesen. Passiert ja nicht so oft, dass man durch einen solchen Garten läuft. Eigentlich gehört diese seltene Blume, von der ich nicht weiß, wie sie heißt, in eine andere Reihe, die noch kommt. Über einen Garten, ein Anbaugebiet mit einem bizarren Namen und bemerkenswerten Anblicken. Ich tigerte durch das anarchische Gartenlabyrinth und eine Gärtnerin, die auf der Bank vor ihrem kleinen Beet in der Abendsonne saß, sprach mich an. „Willst du mal etwas Besonderes sehen?“ Die Frage war eigentlich lustig in Anbetracht des Ortes, an dem es vor Absonderlichkeiten nur so wimmelte. Ich freute mich aber, dass sie mich so freundlich ansprach, weil ich eigentlich in fremdem Territorium herumlief, wenn es auch keinen Zaun gab. „Schau mal, die Blume da. Die hab ich aus Neuseeland mitgebracht. Den Samen geschmuggelt. Ist die nicht schön?“ „Ah! Oh ja.“ „Die kannst du doch mal fotografieren! Ich hab es schon ganz oft versucht, aber es wird einfach nichts.“ „Ja, das ist nicht einfach, sie ist so filigran. Und sie bewegt sich. Man braucht eine ruhige Hand.“ Ich versuchte die zarten gefiederten Blüten einzufangen, aber die Sonne sank schon. Auf dem Display sah ich kaum ein Bild mit guter Schärfe. Aber ich ließ nicht locker. Ich wollte ihr unbedingt wenigstens ein Bild zeigen, das ihrer Blume angemessen wäre. Von der sie übrigens selbst nicht wusste, wie ihr Name ist. Die Bilder waren nicht brillant, aber ich konnte ihr zwei, drei zeigen, die immerhin diese Härchen schön einfangen. Sie freute sich. „Und schau mal, ich hab noch eine Pflanze aus Neuseeland! Willst du einen Ableger haben? Hab ich auch als Samen mitgebracht, weil sie so schöne rosa Blüten hat, aber bei mir hat sie noch nie geblüht.“ „Wenn du magst?“ „Schau, du musst sie einfach nur ins Wasser tun, ganz einfach, dann kriegt sie Wurzeln.“ Sie nahm einen Trieb von der Kletterpflanze aus Neuseeland, von der sie ebenfalls nicht wusste, wie sie heißt. Ich sagte vielmals Dank und lief weiter. Den jungen Trieb an der Hüfte, unter den Gürtel geschoben. Die kleine Liane schwang bei jedem Schritt mit. Als die Sonne unterging, war ich wieder zurück in den Straßen und kam mir ein kleines bißchen vor wie Robin Hood.
http://www.flickr.com/apps/slideshow/show.swf?v=107931

17. September 2011

So. Ich habe mich jetzt entschieden. Ich bin für ein komplett neues Wahlsystem. Keine Lust, morgen eine Partei zu wählen. Ich will einzelne Programmpunkte wählen und stärker vertreten wissen, aber nicht eine ganze Partei, keinen Kraut- und Rüben-Sack voll Behauptungen und Personen. Mein Dilemma ist, dass mir der Wahlomat die Parteien vorschlägt, bei denen die meiste Übereinstimmung mit meinen Vorstellungen zu finden ist, was mich jetzt auch nicht überrascht, aber eigentlich habe ich keine Lust das jeweilige Partei-Menü komplett zu wählen. Weil immer auch irgendwelche Menü-Punkte im Programm stehen, die mir nicht zusagen. Und das ist bei allen Parteien der Fall. Kann man nicht für jedes Problem-Thema eine Handvoll Sachverständige ins Rennen schicken und welche These zu einem Thema die meisten Stimmen kriegt, ist dann halt die Marschrichtung, wurscht welche Partei. Mir gefallen zum Beispiel Politiker von allen Parteien und ebenfalls von allen Parteien nicht. Na gut, ich hab mir nicht alle angeschaut, zum Beispiel bin ich jetzt nicht so richtig in der Lage, einen NPD-Politiker zu benennen, den ich angenehm finde.

Wie auch immer – ich will vorrangig inhaltliche Entscheidungen treffen und innerhalb der Einzel-Thesen bitte Vorschläge mit Foto und Kurzbiographie (eventuell noch ein Video, damit ich mir den oder die besser vorstellen kann), wer dafür auf die Barrikaden gehen will. Zum Beispiel zur Frage, ob das Tempelhofer Feld Indianerland bleiben soll oder langweilig bebaut werden, wähle ich: Indianer. Dazu möchte ich auf dem Zettel drei bis fünf Kandidaten sehen, die das auch wollen, mit Ganzkör Gesichtsfoto. Da such ich mir dann zum Beispiel Jürgen Trittin aus. Oder Judith Holofernes. Weiß ich noch nicht, entscheide ich in der Kabine! „Dann wähl halt Grün!“ wird jetzt manch einer denken. Hab ich aber nicht so ganz richtig Lust obwohl die mehr Thesen vertreten, die ich auch befürworte als zum Beispiel die Piraten, obwohl die wieder andere Sachen drin haben, die ich gut finde. Nicht nur die Plakate. Aber sowohl Grüne als auch Piraten verteten in einem völlig anderen Themenbereich eine Linie, die ich anders gehandhabt sehen möchte. Da finde ich mich dann sogar bei der CDU wieder.

Oder noch eher bei der SPD als bei den Grünen und den ganzen Kleinrebellen-Parteien. Wen ich zum Beispiel als Politiker und Mensch auch immer super fand, war Norbert Blüm. Der ist ja nicht mehr aktiv, oder vielmehr nur als Kinderbuchautor, soviel ich weiß, aber den würde ich immer wählen. Oder Heiner Geißler. Und auch unseren Wowi. Ich will aber nicht SPD wählen. Und schon gar nicht CDU. Und auf keinen Fall FDP. Und die anderen kleinen Bürgerinitativen überzeugen mich auch nicht so recht. Abgesehen von der Anti-PowerPoint-Partei versteht sich. Kleiner Scherz, die gibt’s ja nur in der Schweiz, aber ich bin in Berlin und muss morgen wählen! Bestimmt haben viele ähnliche Entscheidungsschwierigkeiten wie ich. Vielleicht sollte ich eine Selbsthilfegruppe gründen. Oder besser noch eine E-Petition an den Deutschen Bundestag richten, dass ich für die Abschaffung von Parteien-Wahl bin fordere! So, nun wissen alle Bescheid, was mich in den letzten zwei Stunden beschäftigt hat. Wird wahrscheinlich etwas spontan morgen. Mal gucken.

17. September 2011

So. Ich habe mich jetzt entschieden. Ich bin für ein komplett neues Wahlsystem. Keine Lust, morgen eine Partei zu wählen. Ich will einzelne Programmpunkte wählen und stärker vertreten wissen, aber nicht eine ganze Partei, keinen Kraut- und Rüben-Sack voll Behauptungen und Personen. Mein Dilemma ist, dass mir der Wahlomat die Parteien vorschlägt, bei denen die meiste Übereinstimmung mit meinen Vorstellungen zu finden ist, was mich jetzt auch nicht überrascht, aber eigentlich habe ich keine Lust das jeweilige Partei-Menü komplett zu wählen. Weil immer auch irgendwelche Menü-Punkte im Programm stehen, die mir nicht zusagen. Und das ist bei allen Parteien der Fall. Kann man nicht für jedes Problem-Thema eine Handvoll Sachverständige ins Rennen schicken und welche These zu einem Thema die meisten Stimmen kriegt, ist dann halt die Marschrichtung, wurscht welche Partei. Mir gefallen zum Beispiel Politiker von allen Parteien und ebenfalls von allen Parteien nicht. Na gut, ich hab mir nicht alle angeschaut, zum Beispiel bin ich jetzt nicht so richtig in der Lage, einen NPD-Politiker zu benennen, den ich angenehm finde.

Wie auch immer – ich will vorrangig inhaltliche Entscheidungen treffen und innerhalb der Einzel-Thesen bitte Vorschläge mit Foto und Kurzbiographie (eventuell noch ein Video, damit ich mir den oder die besser vorstellen kann), wer dafür auf die Barrikaden gehen will. Zum Beispiel zur Frage, ob das Tempelhofer Feld Indianerland bleiben soll oder langweilig bebaut werden, wähle ich: Indianer. Dazu möchte ich auf dem Zettel drei bis fünf Kandidaten sehen, die das auch wollen, mit Ganzkör Gesichtsfoto. Da such ich mir dann zum Beispiel Jürgen Trittin aus. Oder Judith Holofernes. Weiß ich noch nicht, entscheide ich in der Kabine! „Dann wähl halt Grün!“ wird jetzt manch einer denken. Hab ich aber nicht so ganz richtig Lust obwohl die mehr Thesen vertreten, die ich auch befürworte als zum Beispiel die Piraten, obwohl die wieder andere Sachen drin haben, die ich gut finde. Nicht nur die Plakate. Aber sowohl Grüne als auch Piraten verteten in einem völlig anderen Themenbereich eine Linie, die ich anders gehandhabt sehen möchte. Da finde ich mich dann sogar bei der CDU wieder.

Oder noch eher bei der SPD als bei den Grünen und den ganzen Kleinrebellen-Parteien. Wen ich zum Beispiel als Politiker und Mensch auch immer super fand, war Norbert Blüm. Der ist ja nicht mehr aktiv, oder vielmehr nur als Kinderbuchautor, soviel ich weiß, aber den würde ich immer wählen. Oder Heiner Geißler. Und auch unseren Wowi. Ich will aber nicht SPD wählen. Und schon gar nicht CDU. Und auf keinen Fall FDP. Und die anderen kleinen Bürgerinitativen überzeugen mich auch nicht so recht. Abgesehen von der Anti-PowerPoint-Partei versteht sich. Kleiner Scherz, die gibt’s ja nur in der Schweiz, aber ich bin in Berlin und muss morgen wählen! Bestimmt haben viele ähnliche Entscheidungsschwierigkeiten wie ich. Vielleicht sollte ich eine Selbsthilfegruppe gründen. Oder besser noch eine E-Petition an den Deutschen Bundestag richten, dass ich für die Abschaffung von Parteien-Wahl bin fordere! So, nun wissen alle Bescheid, was mich in den letzten zwei Stunden beschäftigt hat. Wird wahrscheinlich etwas spontan morgen. Mal gucken.

11. September 2011

„Das ISTAF („Internationales STAdionFest“) ist auch 2011 größtes Meeting der Welt! Mindestens 53.000 Zuschauer sehen zehn Weltmeister von Daegu und vier amtierende Weltrekordhalter. Das gab’s noch nie beim Internationalen Stadionfest ISTAF: Unter den 220 Athleten sind gleich vier amtierende Weltrekordhalter, 22 Weltmeister und acht Olympiasieger! Sie kommen, um dem ältesten und größten Leichtathletik-Meeting der Welt zu gratulieren. Denn das Internationale Stadionfest Berlin wird in diesem Jahr 90 Jahre alt. Auch das Berliner Olympiastadion, mit dem das ISTAF seit 1937 untrennbar verbunden ist, hat Grund zum Feiern: Es wird 75 Jahre alt. Kein Wunder, dass die Gratulanten aus aller Welt nach Berlin kommen“.

Und auch ich darf heute gratulieren! Hab eine Karte geschenkt gekriegt. Ich war seit meiner Schulzeit auf keiner Sportveranstaltung mehr. Sport war ja eines meiner absoluten Hassfächer. Aber durch meine Beschäftigung mit Leni Riefenstahl und dem Olympiafilm und dem Olympiastadion habe ich jetzt doch Blut geleckt. Außerdem ist es bestimmt eine tolle Atmosphäre, wenn soundsovieltausend Zuschauer mit den Sportlern mitfiebern. Leider kann ich auf die Schnelle keine Kameragräben ausheben lassen, wie das Leni Riefenstahl seinerzeit veranlasst hat, um die Athleten freigestellt vor dem Himmelszelt einzufangen. Aber irgendwelche interessanten Begegnungen ergeben sich ja immer für mich und meine kleine Kamera. Das Wetter sieht auch gut aus.
Geburtstagswetter zum Neunzigsten und Fünfundsiebzigsten. Wahnsinn. Seit 1921 gibt es das Stadionfest. Das ist schon eine beeindruckende Tradition. Da ich die Sportstars im Einzelnen ja nicht kenne und es nun auch nicht mehr hinkriege, die Gesichter zu den Namen der Weltrekordler und Olympiasieger zu lernen, um dann gleich zu sehen, wer da gerade am Start ist, verlasse ich mich auf das Publikum und die Ansagen. Ich gehe mal davon aus, dass man das einfach spürt. Vielfaches Raunen wird durch die Menge gehen! Hoffentlich gibt es auch Fahnen im Publikum von allen Ländern. Fahnen finde ich toll. Ins Olympiastadion passen über 70.000 Zuschauer, 53.000 Karten sind verkauft. Da es so ein besonderes Fest heute ist, kommen bestimmt noch mehr. Und 220 Athleten! Hammer. Übrigens Hammerwerfen interessiert mich besonders. Und Speerwerfen! Und Kugelstoßen. Sag ich jetzt mal so spontan. Das ZDF überträgt live ab 15:50 Uhr. Um elf Uhr ist Einlass im Stadion, dann gibt es ab zwölf Uhr Vorprogramm und um 12:30 ist schon Speerwurf dran. Leider nur Frauen. Komisch eigentlich, dabei ist das doch so ein anmutiger Sport, gerade auch für gut gebaute Männer. Na ja, ich muss eben nehmen, was ich kriege. Die Sporttrikots der Männer sind ja bei den Leichtathleten auch immer ärmellos fällt mir ein. Das finde ich auf jeden Fall sehr gut. Vielleicht gibt es ja sogar eine Fanfare, wenn es losgeht. Das wäre ganz nach meinem Geschmack. Ordentlich Traritrara und Gedöns! Bin jetzt doch ein bißchen kribbelig, muss ich zugeben!

Vorgestern hab ich mir bei Edeka in der Rosenthaler Straße extra als Proviant Mini-Tetra-Pack-Orangensaft-Schachteln gekauft. Als Proviant sind bei Getränken nämlich nur Tetra-Packs mit maximaler Größe 0,5 Liter erlaubt. Wenn ich mehrere davon mitnehme – meine Saft-Tetrapäckchen sind ja kleiner – darf ich das bestimmt. Zwei oder drei. Und zwei oder drei Äpfel. Sportliche Kost! Ich hab mich ja nicht zum Fotografieren akkreditiert, daher hoffe ich, dass ich überhaupt reinkomme mit meiner Kamera. Die sind da schon streng. Zum Glück laufe ich aber ja eh nicht mit so einer Bohrmaschine mit kanonenmäßigem Objektiv rum. Da könnte ich mich ja gar nicht bewegen. Wird schon klappen. Schließlich will ich ja nur Bilder für mein privates Erinnerungsalbum machen. Damit ich später mal sagen kann: „Schau! Ich war auch dabei, beim großen Stadionfest, als es neunzig Jahre alt geworden ist!“. Fragt sich nur, zu wem ich das dann mal sage, dereinst. Na ja, wird sich schon irgendjemand finden, der sich für meine Erlebnisse von früher interessiert. Von damals. Vom elften September 2011.

14. September 2011

Noch mal Indianerland. Adler in der Freiheit. Mehr als einer. Was will ich mehr. Manchmal ist alles genug, ausreichend. Man hört auf, sich zu beschweren. Und obgleich man längst nicht alles hat, was man sich so zusammengewünscht hat in vielen Lebensjahren, ist alles gut soweit. Nicht „so weit ganz gut“. Schon besser. Ich meine blauer Himmel und große Freiheit.

Es ist schon in Ordnung, wenn die Dinge in die Gebetsmühle gehen. Gebetet werden. Denn so schaut man in den Himmel, sieht erst den einen Vogel, dann den anderen. Dann zwei. Dann alle. Von allen Seiten. Es ist eine Charaktersache. Dieses Ausloten, von allen Seiten. Vielleicht, um fertig zu werden. Gesehen, verstanden, begriffen zu haben. Die Lektion, die es in sich trägt. Zum Beispiel diese Himmelsbilder, in einem Sommer, der mir gut gefallen hat. In seiner unaufgeregten sanften Bläue. An manchen Tagen ganz tief. Ich habe es ausgelotet. Das ganze Blau. Die ganzen Himmel. Und wenn ich mit allen Himmeln fertig bin, kann ich wieder weiter. Zu einem neuen Horizont, einem neuen Himmel. Bis ich alle Himmel gesehen habe. Dann bin ich reif für den anderen. Ganz oben, da über den Wolken. Noch weiter drüber. Wo hinter dem blauen Zelt das Licht zu gleißen beginnt. Bis alles explodiert. Vielleicht in Licht. Und vielleicht sogar Glückseligkeit.
http://www.flickr.com/apps/slideshow/show.swf?v=107931

10. September 2011


Das Pferd war auf der Koppel. Ich. Das wilde Pferd. Als Kind und besonders als junges Mädchen hat mich mein Vater oft mit einem Pferd verglichen. Vielleicht weil ich schon immer groß war und wegen meines Schädels. Und vielleicht weil die Bewegungen oft ungestüm waren. Das sind sie immer noch. Ich glaube, er hatte Recht. Er mochte Pferde, er hatte welche als Kind. Eines mochte er besonders. Er musste es zurücklassen. Manchmal zeigte er das Foto mit dem Pferdekopf. Ein schönes Tier. Mit großen dunklen Augen. Lange Wimpern, wie sie nur Pferde haben. Oder vielleicht Kühe. Die haben auch lange Wimpern. Ich ja nicht so.

Arizona, weil ich Arizona besonders gerne mag. Irgendein Reporter hat auch etwas von Arizona geschrieben, wegen der Weite. Alles groß hier. Der Arizonahimmel mit den aufgepfählten, bemalten Leinwänden ist an einem Ort, der eine lange Geschichte hat. Jetzt heißt er Freiheit. Ein weites Feld neben der südlichen Startbahn des stillgelegten, legendären Flughafens Tempelhof. Die neuere Start- und Landebahn wurde für den reibungslosen Ablauf der Luftbrücke gebaut. Und es gibt dort noch andere bemerkenswerte Dinge. Aber zuerst war ich dort, wo ich an Arizona dachte.

http://www.flickr.com/apps/slideshow/show.swf?v=104087

11. September 2011

„Das ISTAF („Internationales STAdionFest“) ist auch 2011 größtes Meeting der Welt! Mindestens 53.000 Zuschauer sehen zehn Weltmeister von Daegu und vier amtierende Weltrekordhalter. Das gab’s noch nie beim Internationalen Stadionfest ISTAF: Unter den 220 Athleten sind gleich vier amtierende Weltrekordhalter, 22 Weltmeister und acht Olympiasieger! Sie kommen, um dem ältesten und größten Leichtathletik-Meeting der Welt zu gratulieren. Denn das Internationale Stadionfest Berlin wird in diesem Jahr 90 Jahre alt. Auch das Berliner Olympiastadion, mit dem das ISTAF seit 1937 untrennbar verbunden ist, hat Grund zum Feiern: Es wird 75 Jahre alt. Kein Wunder, dass die Gratulanten aus aller Welt nach Berlin kommen“.

Und auch ich darf heute gratulieren! Hab eine Karte geschenkt gekriegt. Ich war seit meiner Schulzeit auf keiner Sportveranstaltung mehr. Sport war ja eines meiner absoluten Hassfächer. Aber durch meine Beschäftigung mit Leni Riefenstahl und dem Olympiafilm und dem Olympiastadion habe ich jetzt doch Blut geleckt. Außerdem ist es bestimmt eine tolle Atmosphäre, wenn soundsovieltausend Zuschauer mit den Sportlern mitfiebern. Leider kann ich auf die Schnelle keine Kameragräben ausheben lassen, wie das Leni Riefenstahl seinerzeit veranlasst hat, um die Athleten freigestellt vor dem Himmelszelt einzufangen. Aber irgendwelche interessanten Begegnungen ergeben sich ja immer für mich und meine kleine Kamera. Das Wetter sieht auch gut aus.
Geburtstagswetter zum Neunzigsten und Fünfundsiebzigsten. Wahnsinn. Seit 1921 gibt es das Stadionfest. Das ist schon eine beeindruckende Tradition. Da ich die Sportstars im Einzelnen ja nicht kenne und es nun auch nicht mehr hinkriege, die Gesichter zu den Namen der Weltrekordler und Olympiasieger zu lernen, um dann gleich zu sehen, wer da gerade am Start ist, verlasse ich mich auf das Publikum und die Ansagen. Ich gehe mal davon aus, dass man das einfach spürt. Vielfaches Raunen wird durch die Menge gehen! Hoffentlich gibt es auch Fahnen im Publikum von allen Ländern. Fahnen finde ich toll. Ins Olympiastadion passen über 70.000 Zuschauer, 53.000 Karten sind verkauft. Da es so ein besonderes Fest heute ist, kommen bestimmt noch mehr. Und 220 Athleten! Hammer. Übrigens Hammerwerfen interessiert mich besonders. Und Speerwerfen! Und Kugelstoßen. Sag ich jetzt mal so spontan. Das ZDF überträgt live ab 15:50 Uhr. Um elf Uhr ist Einlass im Stadion, dann gibt es ab zwölf Uhr Vorprogramm und um 12:30 ist schon Speerwurf dran. Leider nur Frauen. Komisch eigentlich, dabei ist das doch so ein anmutiger Sport, gerade auch für gut gebaute Männer. Na ja, ich muss eben nehmen, was ich kriege. Die Sporttrikots der Männer sind ja bei den Leichtathleten auch immer ärmellos fällt mir ein. Das finde ich auf jeden Fall sehr gut. Vielleicht gibt es ja sogar eine Fanfare, wenn es losgeht. Das wäre ganz nach meinem Geschmack. Ordentlich Traritrara und Gedöns! Bin jetzt doch ein bißchen kribbelig, muss ich zugeben!

Vorgestern hab ich mir bei Edeka in der Rosenthaler Straße extra als Proviant Mini-Tetra-Pack-Orangensaft-Schachteln gekauft. Als Proviant sind bei Getränken nämlich nur Tetra-Packs mit maximaler Größe 0,5 Liter erlaubt. Wenn ich mehrere davon mitnehme – meine Saft-Tetrapäckchen sind ja kleiner – darf ich das bestimmt. Zwei oder drei. Und zwei oder drei Äpfel. Sportliche Kost! Ich hab mich ja nicht zum Fotografieren akkreditiert, daher hoffe ich, dass ich überhaupt reinkomme mit meiner Kamera. Die sind da schon streng. Zum Glück laufe ich aber ja eh nicht mit so einer Bohrmaschine mit kanonenmäßigem Objektiv rum. Da könnte ich mich ja gar nicht bewegen. Wird schon klappen. Schließlich will ich ja nur Bilder für mein privates Erinnerungsalbum machen. Damit ich später mal sagen kann: „Schau! Ich war auch dabei, beim großen Stadionfest, als es neunzig Jahre alt geworden ist!“. Fragt sich nur, zu wem ich das dann mal sage, dereinst. Na ja, wird sich schon irgendjemand finden, der sich für meine Erlebnisse von früher interessiert. Von damals. Vom elften September 2011.

10. September 2011


Das Pferd war auf der Koppel. Ich. Das wilde Pferd. Als Kind und besonders als junges Mädchen hat mich mein Vater oft mit einem Pferd verglichen. Vielleicht weil ich schon immer groß war und wegen meines Schädels. Und vielleicht weil die Bewegungen oft ungestüm waren. Das sind sie immer noch. Ich glaube, er hatte Recht. Er mochte Pferde, er hatte welche als Kind. Eines mochte er besonders. Er musste es zurücklassen. Manchmal zeigte er das Foto mit dem Pferdekopf. Ein schönes Tier. Mit großen dunklen Augen. Lange Wimpern, wie sie nur Pferde haben. Oder vielleicht Kühe. Die haben auch lange Wimpern. Ich ja nicht so.

Arizona, weil ich Arizona besonders gerne mag. Irgendein Reporter hat auch etwas von Arizona geschrieben, wegen der Weite. Alles groß hier. Der Arizonahimmel mit den aufgepfählten, bemalten Leinwänden ist an einem Ort, der eine lange Geschichte hat. Jetzt heißt er Freiheit. Ein weites Feld neben der südlichen Startbahn des stillgelegten, legendären Flughafens Tempelhof. Die neuere Start- und Landebahn wurde für den reibungslosen Ablauf der Luftbrücke gebaut. Und es gibt dort noch andere bemerkenswerte Dinge. Aber zuerst war ich dort, wo ich an Arizona dachte.

http://www.flickr.com/apps/slideshow/show.swf?v=104087

07. September 2011

Bin irgendwie rammdösig heute. Ich werde alt. Ja, ja auf den Fotos wirke ich immer so jugendlich. Mental. Früher hätte ich die zu wünschen übrig lassende Tagesform auf zu viel Rotwein geschoben. Heute muss ich erkennen: man kann sich auch ohne Rotwein so fühlen. Zweite Kanne Kaffee gekocht. Obwohl Tee ja besser wäre. Ach Scheiß drauf! Dafür war ich gestern in ausgezeichneter Form und habe mich so frisch und vital gefühlt wie andere mit Zwanzig! Es ist ja auch immer alles in Bewegung. Wahrscheinlich steht mir der Tageshöhepunkt einfach noch bevor! Aufgrund der von mir manipulierten Auswahl der von mir verfügbaren Bilder, finde ich leider auf die Schnelle keines, das meine Befindlichkeit angemessen abbildet. Und niemals würde ich jetzt und heute, in dieser Stunde ein Foto machen wollen! Dafür bin ich viel zu eitel. Rammdösig aber eitel. Hab ich eigentlich schon mal erzählt, dass mich Leute, die von sich behaupten nicht eitel zu sein, auf die Palme bringen? Und zwar aus zweierlei Gründen: entweder sind sie wirklich nicht im Bezug auf Äußerlichkeiten eitel und das sieht man dann meistens auch, weil ja zumindest in Deutschland die allerwenigsten erwachsenen Menschen ohne jegliche kosmetische Manipulation erhebend aussehen, und daher aufgrund der Unterlassung gewisser Rituale, die ihr Aussehen verbessern könnten, dementsprechend mit ihrem Anblick keine Freude bereiten.
Oder sie sind sehr wohl eitel, haben aber nicht den Arsch in der Hose, das zuzugeben, weil sie sich immer noch nicht von ihrer schwachsinnigen Erziehung emanzipiert haben, die da unter anderem schon im Poesiealbum predigte „sei bla bla bla, sittsam und rein, und nicht wie die stolze Rose, die immer bewundert will sein“. Interessanterweise gibt es bei der zweiten Sorte häufig eine Art intellektuelle Eitelkeit, die aber offiziell als weniger oberflächlich, weniger primitiv gilt. Na ja. Akademischer Schwanzvergleich. Ich bin ja in jedweder Hinsicht eitel. Es ist mir nicht egal, was gewisse Leute von mir halten. Bei anderen hingegen schon. Ich bin mehr so selektiv eitel. Das geht so weit, dass ich mich sogar zufrieden zeige, wenn sich gewisse Personen von mir distanzieren. Das Wagnis, sich jemandem anzunähern, impliziert ja das positive Vor-Urteil über sich selbst „ich gehe mal davon aus, dass ich dort willkommen bin.“ Bei mir ist keinesfalls jeder willkommen. Ich kann zwar gut so tun, um nicht anzuecken, im gesellschaftlichen Alltag, wenn ich mich zum Beispiel im Drogeriemarkt in die Schlange an der Kasse einreihe, als könnte ich niemandem etwas zuleide tun, aber das ist eine Lüge. Mir sind ziemlich viele Leute suspekt und unsympathisch. Eigentlich finde ich den größten Teil der Menschheit eher uninteressant. Unattraktiv, profillos. Ich scheine mich gerade in Rage zu schreiben! Nein, nein, es gibt auch Tage, da finde ich alle möglichen Leute sehr nett. Aber dennoch. Ich will sie nicht treffen müssen. Nicht unter vier Augen reden. Nicht mit ihnen Kaffee trinken. Unter keinen Umständen von ihnen besucht werden. Ich frage mich, ob das eine Altersfrage ist, wenn man so selektiv wird. Obwohl ich war schon immer sehr selektiv. Ich glaube, jetzt wird der Kaffee langsam kalt. Ich finde es ja gut, wenn man ab und zu abgründige Bekenntnisse bloggt. Ist hier ja nun kein Licht- und-Liebe-Blog. Also!
P.S. Wikipedia schreibt: „Eitelkeit (lat. vanitas) ist die übertriebene Sorge um die eigene körperliche Schönheit oder die geistige Vollkommenheit, den eigenen Körper, das Aussehen und die Attraktivität oder die Wohlgeformtheit des eigenen Charakters.“ (…) „In der christlichen, besonders der katholischen Theologie wird die Eitelkeit zu den Hauptsünden gerechnet. Die Eitelkeit lenkt das Denken des Menschen von Gott ab und hin zu sich selbst, zu seinem Körper und seinem Äußeren.“ Eine „Hauptsünde“. Hört hört. Somit war es für eine schwere Sünderin wie mich nur folgerichtig, vor siebzehn Jahren aus der Kirche auszutreten.

07. September 2011

Bin irgendwie rammdösig heute. Ich werde alt. Ja, ja auf den Fotos wirke ich immer so jugendlich. Mental. Früher hätte ich die zu wünschen übrig lassende Tagesform auf zu viel Rotwein geschoben. Heute muss ich erkennen: man kann sich auch ohne Rotwein so fühlen. Zweite Kanne Kaffee gekocht. Obwohl Tee ja besser wäre. Ach Scheiß drauf! Dafür war ich gestern in ausgezeichneter Form und habe mich so frisch und vital gefühlt wie andere mit Zwanzig! Es ist ja auch immer alles in Bewegung. Wahrscheinlich steht mir der Tageshöhepunkt einfach noch bevor! Aufgrund der von mir manipulierten Auswahl der von mir verfügbaren Bilder, finde ich leider auf die Schnelle keines, das meine Befindlichkeit angemessen abbildet. Und niemals würde ich jetzt und heute, in dieser Stunde ein Foto machen wollen! Dafür bin ich viel zu eitel. Rammdösig aber eitel. Hab ich eigentlich schon mal erzählt, dass mich Leute, die von sich behaupten nicht eitel zu sein, auf die Palme bringen? Und zwar aus zweierlei Gründen: entweder sind sie wirklich nicht im Bezug auf Äußerlichkeiten eitel und das sieht man dann meistens auch, weil ja zumindest in Deutschland die allerwenigsten erwachsenen Menschen ohne jegliche kosmetische Manipulation erhebend aussehen, und daher aufgrund der Unterlassung gewisser Rituale, die ihr Aussehen verbessern könnten, dementsprechend mit ihrem Anblick keine Freude bereiten.
Oder sie sind sehr wohl eitel, haben aber nicht den Arsch in der Hose, das zuzugeben, weil sie sich immer noch nicht von ihrer schwachsinnigen Erziehung emanzipiert haben, die da unter anderem schon im Poesiealbum predigte „sei bla bla bla, sittsam und rein, und nicht wie die stolze Rose, die immer bewundert will sein“. Interessanterweise gibt es bei der zweiten Sorte häufig eine Art intellektuelle Eitelkeit, die aber offiziell als weniger oberflächlich, weniger primitiv gilt. Na ja. Akademischer Schwanzvergleich. Ich bin ja in jedweder Hinsicht eitel. Es ist mir nicht egal, was gewisse Leute von mir halten. Bei anderen hingegen schon. Ich bin mehr so selektiv eitel. Das geht so weit, dass ich mich sogar zufrieden zeige, wenn sich gewisse Personen von mir distanzieren. Das Wagnis, sich jemandem anzunähern, impliziert ja das positive Vor-Urteil über sich selbst „ich gehe mal davon aus, dass ich dort willkommen bin.“ Bei mir ist keinesfalls jeder willkommen. Ich kann zwar gut so tun, um nicht anzuecken, im gesellschaftlichen Alltag, wenn ich mich zum Beispiel im Drogeriemarkt in die Schlange an der Kasse einreihe, als könnte ich niemandem etwas zuleide tun, aber das ist eine Lüge. Mir sind ziemlich viele Leute suspekt und unsympathisch. Eigentlich finde ich den größten Teil der Menschheit eher uninteressant. Unattraktiv, profillos. Ich scheine mich gerade in Rage zu schreiben! Nein, nein, es gibt auch Tage, da finde ich alle möglichen Leute sehr nett. Aber dennoch. Ich will sie nicht treffen müssen. Nicht unter vier Augen reden. Nicht mit ihnen Kaffee trinken. Unter keinen Umständen von ihnen besucht werden. Ich frage mich, ob das eine Altersfrage ist, wenn man so selektiv wird. Obwohl ich war schon immer sehr selektiv. Ich glaube, jetzt wird der Kaffee langsam kalt. Ich finde es ja gut, wenn man ab und zu abgründige Bekenntnisse bloggt. Ist hier ja nun kein Licht- und-Liebe-Blog. Also!
P.S. Wikipedia schreibt: „Eitelkeit (lat. vanitas) ist die übertriebene Sorge um die eigene körperliche Schönheit oder die geistige Vollkommenheit, den eigenen Körper, das Aussehen und die Attraktivität oder die Wohlgeformtheit des eigenen Charakters.“ (…) „In der christlichen, besonders der katholischen Theologie wird die Eitelkeit zu den Hauptsünden gerechnet. Die Eitelkeit lenkt das Denken des Menschen von Gott ab und hin zu sich selbst, zu seinem Körper und seinem Äußeren.“ Eine „Hauptsünde“. Hört hört. Somit war es für eine schwere Sünderin wie mich nur folgerichtig, vor siebzehn Jahren aus der Kirche auszutreten.

05. September 2011

Rasen dahin die Tage. Schon wieder beinah eine Woche September. Als ich letzten Freitag so durch Neukölln spazierte, durch mir mehr oder weniger unbekannte Straßen, fielen mir ja immer wieder diese launigen Piratenplakate auf. Während ich mich also einem mit der Kamera in der Hand nähern will, sehe ich schon von weitem Kids, die ziemlich wild mit einem Ball spielen. Eine kleine Gang könnte man sagen. Drei Jungs und ein Mädchen. Alter ungefähr zwischen zehn und zwölf. Sie haben ein ziemliches Tempo und der Ball wechselt schneller, als ich gucken kann. Das Spielchen spielt sich hauptsächlich da ab, von wo aus ich das Bild machen will. Ich gehe zielstrebig zu meinem beabsichtigten Punkt und damit mitten in das Gerangel der Kids, die mich interessiert angucken. Der Junge mit dem gelben Oberteil will wissen, warum ich das fotografiere. „Weil das ein gutes Foto gibt“. Auf jeden Fall haben alle durcheinandergequiekt, gequietscht und geplappert. Der Kleinste, mit dem lila Oberteil hat besonders frech geguckt und den Ball auf mich gezielt, aber ich habe ihn abgefangen und ziemlich hart zurückgeworfen, wobei ich extra böse-cool gegrinst habe! Wie eine echte Bitch! Damit hat er nicht gerechnet, der kleine Bushido. Das hat ihn mächtig beeindruckt. Sie haben weiter gespielt und ich habe einfach angefangen, sie dabei zu fotografieren. Das hat zwei der kleinen Rabauken veranlasst, ihr Repertoire an Gangster-Rapper-Gesten an mir auszuprobieren. Der Kleinste war wieder mal der Coolste. Hat er doch zielstrebig versucht, mir den mp3-Player aus der Hosentasche zu ziehen, was ihm auch mehrfach sehr geschickt gelungen ist, ich hole ihn mir fünf mal wieder zurück. und dabei guckt er mir doch dermaßen lasziv grinsend und tief in die Augen, als ob er mich anmachen will.

Ich meine: der Junge ist zehn oder elf und guckt mich an wie ein erwachsener Mann, der dringend flirten muss. Dann wieder diese gespielten Abwehrgesten und Gefluche, ich soll sofort aufhören zu fotografieren. Fünf Sekunden später: „Ey! Los! Mach ein Foto von mir!“ Das ging eine ganze Weile so hin und her. Das Mädchen ist mir erst später aufgefallen, meine Güte war die hübsch. Am liebsten hätte ich nur noch sie fotografiert, aber sie hat sich immer umgedreht und ebenfalls kokett herumgezickt. Natürlich fanden die vier das superinteressant, dass ich sie interessant genug finde. Was die mich alles gefragt haben. Und dann wieder so Sprüche: „Ey, bist du von der Polizei?“ Ich: „Ja, ich bin von der Polizei. (Böses Panzerknackerlachen), hehehe“. Ich setze meine Sonnenbrille wieder auf, weil die Sonne plötzlich so tief steht und blendet. Die Kleine meint: „ohh! Das sieht total cool aus, kann ich ein Bild machen?“. Sie hält leider ins Gegenlicht und das fertige Bild ist ganz dunkel. Dann fängt der Kleinste an, sich mit ihr zu umarmen. Die beiden scheinen sehr vertraut miteinander zu sein.
http://www.flickr.com/apps/slideshow/show.swf?v=104087
Da fällt mir ein, irgendwann vorher hat er im Übermut seine Hose runtergezogen und mir seinen kleinen Hintern gezeigt. Ich habe ein Foto davon gemacht, als Retourkutsche sozusagen. Großes Gequietsche: „eeeeyyy!!! Hast du das jetzt fotografiert?!? Echt???“ „Na klar.“ Ich hab das Bild vorhin gelöscht. Das wüsste man nur im Zusammenhang dieser putzigen Geschichte zu würdigen. So kommt man im Vorbeilaufen zu einem Haufen Fotos mit einem echten Neuköllner Mini-Bushido.

04. September 2011

Preiswerte Qualitätsprodukte, Batman Elekronik, Wahlreklame, Gekritzel an der Wand. Kraut und Rüben halt. Kleinster gemeinsamer Nenner. Die Computerplatinen-Hotpants und weiß der Geier was dieser geniale Elektrogeschäft-goes-Contemporary Art-Inhaber Batman (so heißt der wirklich, das Jim Rakete-Phänomen quasi, der heißt ja auch in echt so) da sonst noch bastelt, haut mich um. Was für Kostbarkeiten. Was für eine Entdeckung. Das Zeug gehört in die Museen dieser Welt. Man sieht ja viel Scheiß hier, in der sog. Kunstszene. Mir geht wahrlich das Herz auf, bei den Sachen von Herrn Batman. Leider war der Laden zu und ich konnte nur durch die Scheibe fotografieren.

Und dann ist natürlich Erklärungsbedarf zu der etwas aufdringlichen Reihe Piraten-Wahlplakate. Wir haben ja nun hier am 18. September Wahlen und überall kleben wieder die Reklamebildchen der Parteien. Es tut mir ja nun sehr leid, dass die Plakate der anderen Parteien nicht annähernd so gelungen sind, wie die Piratendinger. Was aber durchaus nicht als Wahlempfehlung missverstanden werden sollte. Die Sprüche auf den abgelichteten kann ich zwar durchaus unterschreiben (na ja, obwohl Wahlrecht für alle Altersgruppen? Auch Drei- und Fünfjährige? Andererseits haben so viele sogenannte „Volljährige“ ihren Verstand in einem Ausmaß versoffen, dass man sich auch fragen kann, inwiefern bei denen das gute alte Wahlrecht in den richtigen Händen liegt), aber ich befürworte nicht alles, was sich die aufstrebende Jungpartei in ihrem Programm ausgedacht hat. Andererseits bin ich für eine starke Brise frischen oppositionellen Gegenwind, zwecks Inspiration und Evolution. Wie auch immer. Dieser Teil der Bild-Strecke wurde nicht von einer überzeugten Piratenwählerin gebastelt. Ich bin noch am Sondieren, welches das Innovativste von allen Übeln mit der größten Gaga Nielsen-Schnittmenge ist.

Muss ich noch irgendetwas zu dieser Bildstrecke richtigstellen? Nö. Nicht, dass ich wüsste. Viel Spaß bei diesem kleinen Spaziergang durch dreieinhalb Straßen von Neukölln. Der Weg hat planmäßig zu einem völlig anderen Ziel geführt. Aber dazu später.
http://www.flickr.com/apps/slideshow/show.swf?v=104087

04. September 2011

Preiswerte Qualitätsprodukte, Batman Elekronik, Wahlreklame, Gekritzel an der Wand. Kraut und Rüben halt. Kleinster gemeinsamer Nenner. Die Computerplatinen-Hotpants und weiß der Geier was dieser geniale Elektrogeschäft-goes-Contemporary Art-Inhaber Batman (so heißt der wirklich, das Jim Rakete-Phänomen quasi, der heißt ja auch in echt so) da sonst noch bastelt, haut mich um. Was für Kostbarkeiten. Was für eine Entdeckung. Das Zeug gehört in die Museen dieser Welt. Man sieht ja viel Scheiß hier, in der sog. Kunstszene. Mir geht wahrlich das Herz auf, bei den Sachen von Herrn Batman. Leider war der Laden zu und ich konnte nur durch die Scheibe fotografieren.

Und dann ist natürlich Erklärungsbedarf zu der etwas aufdringlichen Reihe Piraten-Wahlplakate. Wir haben ja nun hier am 18. September Wahlen und überall kleben wieder die Reklamebildchen der Parteien. Es tut mir ja nun sehr leid, dass die Plakate der anderen Parteien nicht annähernd so gelungen sind, wie die Piratendinger. Was aber durchaus nicht als Wahlempfehlung missverstanden werden sollte. Die Sprüche auf den abgelichteten kann ich zwar durchaus unterschreiben (na ja, obwohl Wahlrecht für alle Altersgruppen? Auch Drei- und Fünfjährige? Andererseits haben so viele sogenannte „Volljährige“ ihren Verstand in einem Ausmaß versoffen, dass man sich auch fragen kann, inwiefern bei denen das gute alte Wahlrecht in den richtigen Händen liegt), aber ich befürworte nicht alles, was sich die aufstrebende Jungpartei in ihrem Programm ausgedacht hat. Andererseits bin ich für eine starke Brise frischen oppositionellen Gegenwind, zwecks Inspiration und Evolution. Wie auch immer. Dieser Teil der Bild-Strecke wurde nicht von einer überzeugten Piratenwählerin gebastelt. Ich bin noch am Sondieren, welches das Innovativste von allen Übeln mit der größten Gaga Nielsen-Schnittmenge ist.

Muss ich noch irgendetwas zu dieser Bildstrecke richtigstellen? Nö. Nicht, dass ich wüsste. Viel Spaß bei diesem kleinen Spaziergang durch dreieinhalb Straßen von Neukölln. Der Weg hat planmäßig zu einem völlig anderen Ziel geführt. Aber dazu später.
http://www.flickr.com/apps/slideshow/show.swf?v=104087

03. September 2011

Der Gaga Nielsen-Award für spitzenmäßig gelungene Reklame geht in dieser Saison an die Damenboutique „Lara Fashion“ („Mode für die ganze Familie – Abendmode, Kopftücher, Röcke, Hosen, Jeans, Schuhe, Taschen und vieles mehr…“) in der Hermannstraße 56 im Bezirk Neukölln, 12049 Berlin.

Zielstrebig war ich auf der Suche nach dem nächsten Geldautomaten, der Sinn stand mir in keinster Weise nach Hüfthosen an Schaufensterpuppen betrachten. Obzwar die kecken, wenn auch etwas kopflosen Damen in ihren knapp aber gut sitzenden Röhrenhosen keineswegs den Weg versperrten, theoretisch somit die Möglichkeit des flüssiges Vorbeilaufen gewährleistet war, konnte ich nicht umhin, stehenzubleiben und mir die Angelegenheit genauer zu betrachten. Candy und ihre knackigen Schwestern zogen mich genau genommen völlig in ihren Bann.

Hypnotisiert fummelte ich umständlich die Kamera aus den Untiefen meines Ausflugsrucksacks, den ich zu diesem Zwecke eigens abnehmen musste (bei der Gelegenheit ist mir dann auch der kleine Hosenscheißer oben drüber überhaupt erst aufgefallen.) Ich beglückwünsche die Boutiqueninhaberin Semiha Derdiyhok zu dieser innovativen Form der Außenwerbung und ziehe sogar in Betracht beim nächsten Hosenkauf mal bei Lara Fashion vorbeizuschauen!
http://www.flickr.com/apps/slideshow/show.swf?v=104087

03. September 2011

Gestern war ich wieder als rasende Reporterin unterwegs, um weltbewegende Ereignisse für meine Leser zu dokumentieren. Intuitiv gelangte ich gleich zu Beginn meines gestrigen Einsatzes an einen Brennpunkt des Geschehens in der Herrmannstraße, genauer gesagt Hermannstr. 56. Über der beliebten Damen-Boutique „Lara Fashion“ spielte sich in einem Fenster das Folgende ab, was ich sofort umfassend dokumentieren musste. Nachdem mein mehrstündiger Einsatz in Neukölln beendet war, kehrte ich zurück an meinen Ausgangspunkt im Bezirk Mitte, wo sich meine Wohnung befindet. Mit dem dafür passenden Schlüssel öffnete ich meinen Briefkasten, wo mir neben anderer ungebundener Reklame in Form von losen Zetteln, der neue IKEA-Katalog entgegenfiel. Ich stellte fest, dass sich das Format abermals verkleinert hat, so ähnlich wie von der einen Frauenzeitschrift, die manchmal junge Frauen in der S-Bahn durchblättern. Allegra oder Amiga oder Cosmopolitan. Eben nicht mehr so das richtige Zeitschriftenformat.

Vor ein paar Jahren habe ich mir einen neuen Mülleimer gekauft. So einen ganz schicken, repräsentativen. Da konnte mein alter weißer Schwingdeckel-Plastikmülleimer weg. Aber praktisch wie ich nun einmal veranlagt bin, habe ich den noch voll funktionsfähigen alten Eimer nicht etwa weggeschmissen, sondern gespendet. Ich habe ihn ordentlich ausgewaschen und abgetrocknet und dann unten im Treppenhaus, wo die Briefkästen sind, in die Ecke gestellt. Da passt er optisch auch recht gut hin. Der Mülleimer wurde auch gleich sehr gut von der Hausgemeinschaft angenommen und obwohl ich es nicht draufgeschrieben habe, wird er für genau das benutzt, was ich mir gedacht habe. Damit man die Reklamezettel und -Zeitungen, die eben doch immer eingesteckt werden (bedrohliche Aufkleber nützen da recht wenig, da die Reklamezettelverteiler wahrscheinlich Schule geschwänzt haben, als Lesen dran war) ordentlich entsorgen kann und sie nicht mit in die Wohnung nehmen muss. Der Eimer war dann auch gleich am zweiten Tag randvoll. Gefreut hat mich auch, dass die Reinigungskraft es automatisch als ihre Aufgabe erkannt hat, den Eimer regelmäßig auszuleeren. Das funktioniert jetzt schon seit ein paar Jahren ausgezeichnet. Es hat auch noch nie jemand anderen Müll reingeschmissen.

Na ja, jedenfalls überlegte ich einen Moment, ob ich den IKEA-Katalog jetzt da reinschmeiße oder mit nach oben nehme. Er ist ja schon immer sehr liebevoll gemacht und als Kind habe ich auch furchtbar gerne Kataloge angeschaut. Wie das kleine Scheißerchen da auf den Bildern. Den Quelle-Katalog hauptsächlich. Oder Schöpflin. Oder Klingel. Oder Otto. Oder Wenz. Meine Güte, meine Mutter hatte wirklich alle Kataloge abonniert. Das war quasi das Internet-Shopping der Sechziger und Siebziger, für Leute die auf dem Land wohnten. Stundenlang konnte ich mich damit beschäftigen. Manchmal durfte ich mir auch Anziehsachen aussuchen, die dann irgendwann später in einer Sammelbestellung bestellt wurden. Toll, wenn das Paket dann kam! Später habe ich dann auch die IKEA-Kataloge angeschaut, wo ich noch manchmal Sachen gebraucht habe. Deswegen habe ich auch ein bißchen gezögert, ob ich den aufwändig gemachten Katalog nun da reinschmeiße, in das Müll-Eimerchen. Ich bin also noch einmal in mich gegangen, habe festgestellt, dass ich keinerlei Impulse in mir feststelle, Möbel zu kaufen und überhaupt genug Krimskrams habe, dass ich selber eine IKEA-Filiale aufmachen könnte und habe ihn also doch auf dem kurzen Weg entsorgt. Aber trotzdem Danke an die Firma IKEA, dass sie gestern scheinbar die ganze Welt, oder zumindest alle Berliner Bezirke mit ihrem kleinen Katalog beglückt hat. Das Kleine hat auf jeden Fall einen kurzweiligen Nachmittag mit dem bunten Bilderbuch gehabt, wie man sieht. Als ich es entdeckt habe, konnte man den IKEA-Schriftzug ganz deutlich sehen, als ich dann aber angefangen habe zu knipsen, hat es sich nicht mehr ergeben. Aber Sie sind nun im Bilde. Was mir jetzt auch noch dabei einfällt ist, dass sich die Größe des Kindes durch das kleinere Katalogformat relativiert. Als ich es fotografiert habe, bin ich die ganze Zeit von dem alten großen Katalog ausgegangen, da wusste ich noch nicht, dass es einen neuen im Briefkasten gibt. Kombiniere: es handelt sich somit offenbar um ein Klein-Kind!
http://www.flickr.com/apps/slideshow/show.swf?v=104087

03. September 2011

Der Gaga Nielsen-Award für spitzenmäßig gelungene Reklame geht in dieser Saison an die Damenboutique „Lara Fashion“ („Mode für die ganze Familie – Abendmode, Kopftücher, Röcke, Hosen, Jeans, Schuhe, Taschen und vieles mehr…“) in der Hermannstraße 56 im Bezirk Neukölln, 12049 Berlin.

Zielstrebig war ich auf der Suche nach dem nächsten Geldautomaten, der Sinn stand mir in keinster Weise nach Hüfthosen an Schaufensterpuppen betrachten. Obzwar die kecken, wenn auch etwas kopflosen Damen in ihren knapp aber gut sitzenden Röhrenhosen keineswegs den Weg versperrten, theoretisch somit die Möglichkeit des flüssiges Vorbeilaufen gewährleistet war, konnte ich nicht umhin, stehenzubleiben und mir die Angelegenheit genauer zu betrachten. Candy und ihre knackigen Schwestern zogen mich genau genommen völlig in ihren Bann.

Hypnotisiert fummelte ich umständlich die Kamera aus den Untiefen meines Ausflugsrucksacks, den ich zu diesem Zwecke eigens abnehmen musste (bei der Gelegenheit ist mir dann auch der kleine Hosenscheißer oben drüber überhaupt erst aufgefallen.) Ich beglückwünsche die Boutiqueninhaberin Semiha Derdiyhok zu dieser innovativen Form der Außenwerbung und ziehe sogar in Betracht beim nächsten Hosenkauf mal bei Lara Fashion vorbeizuschauen!
http://www.flickr.com/apps/slideshow/show.swf?v=104087

03. September 2011

Gestern war ich wieder als rasende Reporterin unterwegs, um weltbewegende Ereignisse für meine Leser zu dokumentieren. Intuitiv gelangte ich gleich zu Beginn meines gestrigen Einsatzes an einen Brennpunkt des Geschehens in der Herrmannstraße, genauer gesagt Hermannstr. 56. Über der beliebten Damen-Boutique „Lara Fashion“ spielte sich in einem Fenster das Folgende ab, was ich sofort umfassend dokumentieren musste. Nachdem mein mehrstündiger Einsatz in Neukölln beendet war, kehrte ich zurück an meinen Ausgangspunkt im Bezirk Mitte, wo sich meine Wohnung befindet. Mit dem dafür passenden Schlüssel öffnete ich meinen Briefkasten, wo mir neben anderer ungebundener Reklame in Form von losen Zetteln, der neue IKEA-Katalog entgegenfiel. Ich stellte fest, dass sich das Format abermals verkleinert hat, so ähnlich wie von der einen Frauenzeitschrift, die manchmal junge Frauen in der S-Bahn durchblättern. Allegra oder Amiga oder Cosmopolitan. Eben nicht mehr so das richtige Zeitschriftenformat.

Vor ein paar Jahren habe ich mir einen neuen Mülleimer gekauft. So einen ganz schicken, repräsentativen. Da konnte mein alter weißer Schwingdeckel-Plastikmülleimer weg. Aber praktisch wie ich nun einmal veranlagt bin, habe ich den noch voll funktionsfähigen alten Eimer nicht etwa weggeschmissen, sondern gespendet. Ich habe ihn ordentlich ausgewaschen und abgetrocknet und dann unten im Treppenhaus, wo die Briefkästen sind, in die Ecke gestellt. Da passt er optisch auch recht gut hin. Der Mülleimer wurde auch gleich sehr gut von der Hausgemeinschaft angenommen und obwohl ich es nicht draufgeschrieben habe, wird er für genau das benutzt, was ich mir gedacht habe. Damit man die Reklamezettel und -Zeitungen, die eben doch immer eingesteckt werden (bedrohliche Aufkleber nützen da recht wenig, da die Reklamezettelverteiler wahrscheinlich Schule geschwänzt haben, als Lesen dran war) ordentlich entsorgen kann und sie nicht mit in die Wohnung nehmen muss. Der Eimer war dann auch gleich am zweiten Tag randvoll. Gefreut hat mich auch, dass die Reinigungskraft es automatisch als ihre Aufgabe erkannt hat, den Eimer regelmäßig auszuleeren. Das funktioniert jetzt schon seit ein paar Jahren ausgezeichnet. Es hat auch noch nie jemand anderen Müll reingeschmissen.

Na ja, jedenfalls überlegte ich einen Moment, ob ich den IKEA-Katalog jetzt da reinschmeiße oder mit nach oben nehme. Er ist ja schon immer sehr liebevoll gemacht und als Kind habe ich auch furchtbar gerne Kataloge angeschaut. Wie das kleine Scheißerchen da auf den Bildern. Den Quelle-Katalog hauptsächlich. Oder Schöpflin. Oder Klingel. Oder Otto. Oder Wenz. Meine Güte, meine Mutter hatte wirklich alle Kataloge abonniert. Das war quasi das Internet-Shopping der Sechziger und Siebziger, für Leute die auf dem Land wohnten. Stundenlang konnte ich mich damit beschäftigen. Manchmal durfte ich mir auch Anziehsachen aussuchen, die dann irgendwann später in einer Sammelbestellung bestellt wurden. Toll, wenn das Paket dann kam! Später habe ich dann auch die IKEA-Kataloge angeschaut, wo ich noch manchmal Sachen gebraucht habe. Deswegen habe ich auch ein bißchen gezögert, ob ich den aufwändig gemachten Katalog nun da reinschmeiße, in das Müll-Eimerchen. Ich bin also noch einmal in mich gegangen, habe festgestellt, dass ich keinerlei Impulse in mir feststelle, Möbel zu kaufen und überhaupt genug Krimskrams habe, dass ich selber eine IKEA-Filiale aufmachen könnte und habe ihn also doch auf dem kurzen Weg entsorgt. Aber trotzdem Danke an die Firma IKEA, dass sie gestern scheinbar die ganze Welt, oder zumindest alle Berliner Bezirke mit ihrem kleinen Katalog beglückt hat. Das Kleine hat auf jeden Fall einen kurzweiligen Nachmittag mit dem bunten Bilderbuch gehabt, wie man sieht. Als ich es entdeckt habe, konnte man den IKEA-Schriftzug ganz deutlich sehen, als ich dann aber angefangen habe zu knipsen, hat es sich nicht mehr ergeben. Aber Sie sind nun im Bilde. Was mir jetzt auch noch dabei einfällt ist, dass sich die Größe des Kindes durch das kleinere Katalogformat relativiert. Als ich es fotografiert habe, bin ich die ganze Zeit von dem alten großen Katalog ausgegangen, da wusste ich noch nicht, dass es einen neuen im Briefkasten gibt. Kombiniere: es handelt sich somit offenbar um ein Klein-Kind!
http://www.flickr.com/apps/slideshow/show.swf?v=104087

01. September 2011

http://www.flickr.com/apps/slideshow/show.swf?v=104087
Jetzt aber fix zum Endspurt. Zwölfte Etappe. Bilder vom Areal. Das Drumherum. Nochmal blauer Himmel. Nochmal Ringelhemdchen. Mädchen. Frauen mit Sonnenbrillen. Ein Fotograf, der erzählte, wie oft er was an der Mauer fotografiert hat. Von Anbeginn an. Der ältere Herr mit der Schirmmütze. Bernauer Straße. Gartenstraße. Ackerstraße. Und am Ende zur kleinen Kirche der Versöhnung. Ich war nicht drin, sie hat gerade zugemacht. Sehr gelungenes Bauwerk. Schöne Ecke da. Zurück über die Ackerstraße. Diesmal nicht über den Sophienfriedhof. Meine Kamera-Akkus waren dann auch leer. Ich war ungefähr vier, fünf Stunden dort unterwegs. Und jetzt haben die drei Leute, die hier lesen immerhin eine Idee, wie dieser Tag in Berlin war, und was das eigentlich ist, diese obskure Mauergedenkstätte. Geschichts- und Heimatkundeunterricht für heute beendet! Hausaufgaben gibt es heute keine. Und nun die Schulsachen eingepackt und raus hier. Morgen frag ich ab!

01. September 2011



Etappe X
. Gegenüber der Mauergedenkstätte in der Bernauer Straße ist so ein Kasten, das Dokumentations- und Besucherzentrum. Keine tolle Architektur, aber man kann ganz nach oben auf eine Ausichtsplattform gehen, wo man das ganze Areal im Überblick hat. In einem Raum wurde der Film „Mauerflug“ gezeigt. In dem man genau das gesehen hat. Mit dem Heli über die Berliner Mauer, durch alle Bezirke. Wie ein weißes Band zog sich die Mauer durch die Landschaft. Obwohl sie gar nicht weiß ist. Aber so hat es von oben ausgesehen. Auf der Platform ist mir aufgefallen, dass an dem Tag unheimlich viele Berliner Ringelhemdchen angehabt haben. Unten ist ein Gartencafé, da war schon wieder eine Frau im Ringelshirt. Ich muss die dann auch immer fotografieren, weil Ringelhemden auf schwarzweiß-Fotos immer super aussehen, wurscht wer drinsteckt. Auf einer Etage ist eine Ausstellung über den Mauerbau. War ich nach dem Film drin.
http://www.flickr.com/apps/slideshow/show.swf?v=104087

31. August 2011


VIII. Gedenken. Könnte eigentlich auch Trauer heißen, ist mir später eingefallen. Die niedergelegten Kränze und Blumen. Man denkt an diese Fernsehbilder von Blumen für die tote Prinzessin Diana. Oder Michael Jackson. Ich denke daran, dass ich so etwas nur einmal aus nächster Nähe gesehen habe. Am Amerikahaus, nach den Anschlägen vom 11. September. Die Blumen und Kränze machen die Trauer dreidimensionaler. So wie die Fotografien der Maueropfer den Toten ein Gesicht geben. Die Rituale und Dinge geben dem Ganzen Gewicht. Angemessenes Gedenken. Aus der Entfernung meiner Wohnung war mir gar nicht klar, dass mich das dort erwarten würde. Trauerkränze und Schleifen. Merkwürdig, dass einen Blüten, die noch gar nicht verblüht sind, so rühren können. Vielleicht weil es einen daran erinnert, dass man Blumen sonst nur noch als Zeichen der Zuneigung oder Verehrung an Lebende gibt. Es ist auch ein bißchen wie „Bitte lass uns noch einmal so tun, als hättest du etwas von meiner Blume, obwohl du sie nicht sehen und riechen kannst. Oder kannst du nicht vielleicht doch? Gib mir bitte auch ein Zeichen. Das ist mein Zeichen für dich.“
http://www.flickr.com/apps/slideshow/show.swf?v=104087

01. September 2011

http://www.flickr.com/apps/slideshow/show.swf?v=104087
Links von der großen Denkmalwand war eine Open Air-Bühne aufgebaut. Da saßen Zeitzeugen und erzählten, im Hintergrund alte Diaufnahmen aus der Zeit des Mauerbaus. Und der RBB schwirrte natürlich auch herum, wie es sich gehört an einem solchen Tag. Raiko Thal, einer der Abendschau-Moderatoren war vor Ort und neben ihm stand Harald Karas, ein ehemaliger Kollege von ihm, der erzählte, dass er sowohl als die Mauer gebaut wurde, als auch im November 1989, als die Mauer fiel, als Reporter für die Abendschau im Einsatz war. Und dass das für ihn der historische Moment, der Höhepunkt in seinem Leben als Reporter war. Ich habe erst gar nicht gewusst, wo ich den älteren Herrn hintun soll. Es ist doch schon wieder lange her, dass er moderiert hat. Vor zwanzig Jahren hat er sich in den wohlverdienten Ruhestand verabschiedet. Das Gesicht war mir noch vertraut. Er ist das Urgestein der Berliner Abendschau, denn er hat am 1. September 1958 die allererste Abendschau aus dem Studio am Theodor-Heuss-Platz moderiert.

Jeden Abend kurz nach Sieben die Berliner Abendschau zu gucken, war mir bald eine liebe Angewohnheit geworden, als ich im Frühling 1986 hierher gekommen war. Der Tonfall der Moderatoren hatte so etwas Vertrautes, Familiäres. Damals moderierten unter anderem Evelyn Lazar und Hans-Werner Kock. Das fühlte sich an wie die nette Variante von Onkel und Tante. Auch, weil Hans-Werner Kock immer so gemütliche Strickpullover beim Moderieren trug, seltenst Anzug und Krawatte. Er hätte auch Taxifahrer sein können. Und sein Abschiedssprüchlein war immer „Macht’s gut Nachbarn!“. Da hat es gemenschelt, wie man so sagt. Dann dachte ich immer: endlich zuhause. Lustig, dass ich jetzt zufällig sehe, dass wir am selben Tag Geburtstag haben, die gute alte Abendschau und ich. Beste Abendschau der Welt.

31. August 2011


VIII. Gedenken. Könnte eigentlich auch Trauer heißen, ist mir später eingefallen. Die niedergelegten Kränze und Blumen. Man denkt an diese Fernsehbilder von Blumen für die tote Prinzessin Diana. Oder Michael Jackson. Ich denke daran, dass ich so etwas nur einmal aus nächster Nähe gesehen habe. Am Amerikahaus, nach den Anschlägen vom 11. September. Die Blumen und Kränze machen die Trauer dreidimensionaler. So wie die Fotografien der Maueropfer den Toten ein Gesicht geben. Die Rituale und Dinge geben dem Ganzen Gewicht. Angemessenes Gedenken. Aus der Entfernung meiner Wohnung war mir gar nicht klar, dass mich das dort erwarten würde. Trauerkränze und Schleifen. Merkwürdig, dass einen Blüten, die noch gar nicht verblüht sind, so rühren können. Vielleicht weil es einen daran erinnert, dass man Blumen sonst nur noch als Zeichen der Zuneigung oder Verehrung an Lebende gibt. Es ist auch ein bißchen wie „Bitte lass uns noch einmal so tun, als hättest du etwas von meiner Blume, obwohl du sie nicht sehen und riechen kannst. Oder kannst du nicht vielleicht doch? Gib mir bitte auch ein Zeichen. Das ist mein Zeichen für dich.“
http://www.flickr.com/apps/slideshow/show.swf?v=104087

31. August 2011

http://www.flickr.com/apps/slideshow/show.swf?v=104087
Die sechste Bildreihe heißt Denkmal. Freilich ist alles ein einziges Denkmal, aber es gibt auf dem Areal eine Ecke, wo man sagen kann „Schau, da steht das Denkmal!“ Das originale Mauersegment geht ja an dem einen Ende in diese Eisenstangen-Markierung über. Auf der anderen Seite endet die alte Berliner Mauer aprupt in einer sehr großen Metallwand, die die Mauer in einem rechten Winkel durchschneidet. Der große Flügel dieser enormen Wand, die bis zum Sophienfriedhof reicht, hat auf der Oberfläche eine Rost-Beschichtung. An der zur Ackerstraße offenen Seite trägt die Rostwand eine Inschrift, zum Gedenken. Mehr ist nicht zu sagen. Außer vielleicht, dass sich die Oberfläche mit dem Rost wunderbar anfühlt, wenn die Sonne darauf scheint. Ganz warm.

31. August 2011


Die Strecke mag ich am Liebsten. Ich war weit weggebeamt, ganz betrunken vom blauen Himmel. Wer ein bißchen Geduld mitbringt, sieht ihn auch. Das ist glaube ich die umfangreichste Etappe. Die Mauer. Na klar, die Mauer. Der Hauptact. Wenn man das dann sieht, ist man froh, dass noch so ein großes zusammenhängendes Stück da ist. Nicht nur, weil man da gute Fotos machen kann. Das ehemalige böse Monstrum ist ein schöner Hintergrund.

Ich mag die Strecke auch wegen der kleinen Mädchen in den Ringelkleidchen, die sich von ihrem Vater die Mauer erklären lassen. Die Mutter war auch dabei und war etwas am Rand mit noch einem kleinen Kind. Meine Güte, wieviele Kinder die haben, und alles Mädchen wie es ausgesehen hat. Die Mama war recht attraktiv und war gerade dabei die Mädchen zu fotografieren. Da hab ich auch zugeschlagen. Da bin ich hemmungslos, bei so einer Vorlage. Den Kopf vom Vater wollte ich gar nicht draufhaben. Ich fand ihn nicht besonders interessant. Er hatte die Ausstrahlung eines Akademikers mit einem geregelten, sehr guten Einkommen. Vielleicht hat er auch geerbt. So eine ‚aus-gutem-Hause-Aura‘. Nicht, dass ihn das uninteressant machen würde. Er war einfach überhaupt nicht mein Typ, vom Gesicht her. Eine ältere Dame sprach mich an, ob sie mich fotografieren soll. Das werde ich häufiger gefragt, wenn jemand registriert, dass ich viel fotografiere, auch mich. In dem Fall war ich gerührt und habe darauf verzichtet, zu erklären, dass es sich um keine Notlösung handelt, bei dem was ich da treibe. Ich war auch neugierig und wollte der alten Dame eine Freude machen. Einen Moment überlegte ich, ob ich ihr die Kamera erklären muss, dann sah ich aber, dass sie selbst eine kleine Digitalkamera bei sich hatte. Ich schätze, sie war Mitte Siebzig. Dann sagte sie, sie hofft sehr, dass ich zufrieden bin, mit dem Ergebnis. Ja, war ich. Hab mich dreimal bedankt. Wunderbarer Sommernachmittag. Die Ferienetappe von meinem Ausflug. Die farbigen Bilder kommen am Ende.
http://www.flickr.com/apps/slideshow/show.swf?v=104087

31. August 2011


Die Strecke mag ich am Liebsten. Ich war weit weggebeamt, ganz betrunken vom blauen Himmel. Wer ein bißchen Geduld mitbringt, sieht ihn auch. Das ist glaube ich die umfangreichste Etappe. Die Mauer. Na klar, die Mauer. Der Hauptact. Wenn man das dann sieht, ist man froh, dass noch so ein großes zusammenhängendes Stück da ist. Nicht nur, weil man da gute Fotos machen kann. Das ehemalige böse Monstrum ist ein schöner Hintergrund.

Ich mag die Strecke auch wegen der kleinen Mädchen in den Ringelkleidchen, die sich von ihrem Vater die Mauer erklären lassen. Die Mutter war auch dabei und war etwas am Rand mit noch einem kleinen Kind. Meine Güte, wieviele Kinder die haben, und alles Mädchen wie es ausgesehen hat. Die Mama war recht attraktiv und war gerade dabei die Mädchen zu fotografieren. Da hab ich auch zugeschlagen. Da bin ich hemmungslos, bei so einer Vorlage. Den Kopf vom Vater wollte ich gar nicht draufhaben. Ich fand ihn nicht besonders interessant. Er hatte die Ausstrahlung eines Akademikers mit einem geregelten, sehr guten Einkommen. Vielleicht hat er auch geerbt. So eine ‚aus-gutem-Hause-Aura‘. Nicht, dass ihn das uninteressant machen würde. Er war einfach überhaupt nicht mein Typ, vom Gesicht her. Eine ältere Dame sprach mich an, ob sie mich fotografieren soll. Das werde ich häufiger gefragt, wenn jemand registriert, dass ich viel fotografiere, auch mich. In dem Fall war ich gerührt und habe darauf verzichtet, zu erklären, dass es sich um keine Notlösung handelt, bei dem was ich da treibe. Ich war auch neugierig und wollte der alten Dame eine Freude machen. Einen Moment überlegte ich, ob ich ihr die Kamera erklären muss, dann sah ich aber, dass sie selbst eine kleine Digitalkamera bei sich hatte. Ich schätze, sie war Mitte Siebzig. Dann sagte sie, sie hofft sehr, dass ich zufrieden bin, mit dem Ergebnis. Ja, war ich. Hab mich dreimal bedankt. Wunderbarer Sommernachmittag. Die Ferienetappe von meinem Ausflug. Die farbigen Bilder kommen am Ende.
http://www.flickr.com/apps/slideshow/show.swf?v=104087