06. Dezember 2023

Gaga-Davina Hamilton. Wer meiner lieben Freunde erinnert sich noch an „Bilitis“ und „Zärtliche Cousinen“ von Herrn Hamilton? Mein alter Fotoapparat anscheinend sehr gut. Herrlich weichgezeichnete, unwägbare Aufnahmen sind meiner alten Lumix hier gelungen. Das ist die Kamera, wo das Display hinüber ist, also Null Bildkontrolle bei Selbstportraits. Ich habe mich aber dunkel erinnert, wo man ungefähr beim Objektiv hinschauen muss, um nicht total außer dem Fokus zu liegen. Der Rest kompletter Blindflug. Habe vorher nicht auf die Einstellungen geachtet. Das ist vermutlich das Auswahlprogramm, mit dem Katja Flint ihre verwischten Fotos macht. Falls ich mal in die Richtung gehen möchte, nehme ich den alten Apparat und die Einstellung. Hat ja auch was Träumerisches. Harte, porentief scharfe Bildqualität bei Gesichtern gefällt mir schon bei HD-Fernsehen überhaupt nicht.

Ich weiß gar nicht, ob ich 1977 tatsächlich Bilitis gesehen habe, ich denke eher nicht, sondern nur jede Menge Skandal-Berichterstattung über dieses sehr softe Erotikfilmwerk von David Hamilton. Ich war 1977 ja erst zwölf, da hätte ich gar nicht reingedurft, in so einen Film. Aber die Bravo war voll davon, die weichgezeichneten Bilder waren in vielen Zeitschriften zu sehen (wohl zur Abschreckung), da es als skandalös galt, dass junge, geschlechtsreife, aber eventuell noch nicht ganz volljährige Frauen zärtliche Spielchen ohne Damenoberbekleidung machen, und das auch noch im Kino gezeigt wird, UND ein Riesen-Erfolg ist. Ich kann mich erinnern, dass der erste Film von Hamilton schon stilbildend war, dieses verträumt-romantische, verschleierte lachsrosa Setting regte die Phantasie stylingmäßig an. Ich drapierte in meinem Mädchenzimmer unterm Dach alte, geklöppelte weiße Spitzentischdecken von Oma als Überwürfe auf einer Spielwiese mit vielen weißen und rosa Kissen, vor dem Fenster auch irgendwas Verschleiertes. Halbdurchsichtige Folklore-Blusen aus Baumwollkrepp mit Häkelspitze am Ausschnitt und gebauschten oder Trompetenärmeln waren überaus beliebt.

Da saß ich dann mit meinen Freundinnen und wir tranken Tee und zündeten die ersten Räucherstäbchen an. Usw. usf. Auf die erblühenden Lippen kam Mandarinen-Lipgloss. Erste Übungen mit Kajalstift wurden ausgeführt. Ein Jahr nach Erscheinen des Films, 1978, brachte Cacharel das pudrig-blumige Parfum Cacharel Anaïs Anaïs raus, es schien direkt aus dem Film zu kommen, das musste ich haben. Die Zeitschriften-Reklameseiten waren ja so schön. Ein floraler Traum in Rosa und Jugendstilanmutung. Ich muss mal wieder in einer Parfümerie daran schnuppern. Die Original-Komposition wurde wohl etwas verändert, mal sehen, ob sich dennoch ein déjà-vu einstellt. So viel Erinnerung hat mir meine kaputte Kamera beschert. Ich geh die Tage mal wieder zu Douglas.

06. Dezember 2023

Bin am Start. Der Rohrreiniger kann kommen. Angenehm wäre mir recht bald, da ich die Herausforderung gemeistert habe, ab 7 Uhr (… „- 15 Uhr“) zur Verfügung zu stehen. Ich warte! Ungewohnt, im Lampenschein in aller Herrgottsfrüh einen Eintrag zu schreiben. Fühlt sich mehr an wie 19:25 Uhr. Gut, dass ich bei der Firma noch mal nachgefragt habe, wie das zu verstehen sei, dass in dem Zeitraum keinesfalls Abwasser abgelassen werden darf. Dachte, ich darf von 7 – 15 Uhr die Klospülung nicht betätigen. Geht aber wohl nur um den Küchenstrang. Soll auf allen Etagen durchgeputzt werden. Wohlan.

Ich habe vor einigen Jahren schon einmal höchstpersönlich mit hilfreicher Unterstützung von einem youtube tutorial den Siphon ausgebaut und einen neuen vom Baumarkt angeschraubt. Ist schon eine Sauerei, aber ich blicke jetzt ein bißchen durch. In meinen Abflüssen gibt es überall diese kleinen, verchromten – wie heißt das? Abflusseinsätze (? edit: Abfluss-Siebe) damit keine Krümel mit Essensresten etc. vom Abwasch in den Abfluss rutschen. Da bin ich pingelig. Vor vielen Jahren hatte ich auf irgendeiner Frag Mutti-Seite mal aufgeschnappt, dass Kaffeesatz gut für den Abfluss sei, also immer rein damit! Von wegen! Bloß nicht. So hatte ich mir eine schöne Kaffeesatzkruste im Siphon zugezogen. Wird betonhart.

Ich habe gerade Stimmen gehört, zur Tür gegangen. Da waren die beiden Herren Rohrreiniger. Gut, dass wir gesprochen haben. Sie müssen bei mir gar nicht ran. Das wird alles auf anderen Etagen und im Keller gemacht, ich muss nur für den worst case da sein, „falls was bei Ihnen rauskommt!“ Na, hoffentlich nicht. Fünfzehn Uhr ist worst case, sagen sie und dass sie sich auch wieder abmelden, wenn alles erledigt ist. Macht doch einen sehr professionellen Eindruck.

04. Dezember 2023

Vokabelheft:
„Filibuster“ / „filibustern“ / „filibusterig“

Wikipedia:
„Als Filibuster (vom spanischen „Filibustero“: „Freibeuter“) wird die Taktik einer Minderheit in einem Parlament bezeichnet, durch Dauerreden oder die bloße Androhung von Dauerreden eine Beschlussfassung durch die Mehrheit zu verhindern oder zu verzögern. Dabei wird hinter den Kulissen meist zugleich versucht, Überzeugungsarbeit bei einzelnen Abgeordneten der Mehrheitsfraktion gegen den Beschluss zu leisten. Der Filibuster ist kein neues Phänomen, sondern geht auf die römische Tradition der Ermüdungsrede zurück.

Im deutschen Sprachraum ist der verallgemeinerte Begriff der Filibusterei eingesickert, der jede zermürbende Abstimmungstaktik bezeichnet. Auch im englischen Sprachraum gibt es diese Verallgemeinerung („filibustering“). Nahezu alle demokratischen Systeme kennen geschichtlich eine Form der Filibusterei, auch wenn die Redezeit im Parlament begrenzt ist, etwa durch Anträge zur Tagesordnung, Anfragen zur Klärung einzelner Punkte und Nutzung von verlängerten Pausen.“

Bei Max Frisch, „Mein Name sei Gantenbein“, Seite 332, Suhrkamp 1964:

„Vor allem jetzt, als der Diener hinausgeht, muß Gantenbein einfach reden, bis der Käse kommt. Worüber? Über Kommunismus und Antikommunismus, ein Thema, das jedenfalls, wo immer man stehe, keine Widerrede erheischt, da die Widerrede ja bekannt ist und eben widerlegt wird. Dabei rede ich nicht pausenlos, nicht ohne ab und zu ein Grissini zu knicken oder einen Schluck zu trinken, nicht filibusterig, aber so lapidar-überzeugt, daß das Schweigen der Contessa nicht unbegreiflich erscheint.“

02. Dezember 2023

Alban Nikolai Herbst machte mich durch seinen Artikel auf den heutigen hundertsten Geburtstag von Maria Callas aufmerksam. Erst Loriot einhundert, dann die Callas; Fest der Giganten im Himmel. Alban erwähnt auch, dass heute wieder die überaus sehenswerte, meisterhafte Dokumentation „Maria by Callas“ auf 3sat ausgestrahlt wird (um 20:15 Uhr). Ich schrieb zu seinem Artikel, der die neuere, wohl lässliche Dokumentation „Callas Paris 1958“ rezensiert (die ich selbst nicht sah), und die nicht so gut bei ihm wegkommt, den folgenden Kommentar:

„(…) onduliert dem Kitsch auch noch Locken“:-) Die Formulierung sitzt aber! Hat mich gerade amüsiert. Tatsächlich macht Deine Rezension jeden Callas-Liebhaber auch ein bißchen neugierig auf das verunglückte neue Filmstückwerk. Den von Dir auch mehrfach erwähnten und empfohlenen „Maria by Callas“ sah ich damals sehr bewegt im Kino. Er bewegte nicht nur im Sinne von Rührung, sondern bewegte, schob, das Bild, das ich bislang von ihr „menschlich“ hatte, in eine viel sympathischere Richtung. Der Film wurde ihr so sehr gerecht, dass plötzlich die von mir empfundene Kluft von ihrer mir bislang durch statisches Bildmaterial kolportierten Ausstrahlung und ihrem beseelten, zart empfindenden Gesang, geschlossen wurde. In den vielfältigen Filmfragmenten sah ich endlich auch dieses Zarte in ihrem sonstigen Wesen, ich hätte sie umarmen mögen.“

01. Dezember 2023

Hallo Welt, hier spricht Berlin. Der Schnee ist liegengeblieben. Wetterbericht 1. Dezember 2023, 15 Uhr. Bitte weiterhin festes Schuhwerk und lange Unterhosen anziehen. Mütze, Schal und Handschuhe nicht vergessen. Nicht rennen, es ist mitunter glatt. Am besten drinnenbleiben, außer wenn die Sonne scheint. Mein Fern-Sehprogramm: links: Kuppel Berliner Dom, Mitte: Kuppel Berliner Schloss, rechts: Kuppelchen Berliner Dom. Habe gerade Gemüsesuppe mit einem Würstchen drin gegessen, meine zweite Portion Augentropfen genommen und leg mich nach unterwegs sein ein bißchen hin. Wünsche ein schönes, faules Wochenende.

30. November 2023

Das bißchen Schnee auf dem Dach, hat der Sonnen-Glitzer bald weg gemacht. Noch mal die alte Lumix (mit dem kaputten Display) in die Hand genommen. Ich kann wirklich nicht mehr über Sucher zufriedenstellend fotografieren. Ich hab mich umständlich aus dem Fenster gebeugt und dann den Kopf mit der Kamera nach rechts gedreht, um den Glitzerschnee einigermaßen einzufangen, kurz vor Genickstarre-Alarm. Wäre allerdings mit Kamera mit nicht schwenkbarem Display auch schon etwas herausfordernd. Ich kann so nicht arbeiten! Meiner Erinnerung nach hatte bereits meine allererste Digitalkamera im Jahr 2004, eine Olympus, ein voll schwenkbares Display, seither möchte ich nie mehr darauf verzichten. Das eröffnet so viele zusätzliche Möglichkeiten des Fokus-Winkels. Mit meiner anderen Lumix, die in meinem Atelier liegt, hätte ich die Kamera nur minimal nach vorne aus dem Fenster halten müssen und dann entsprechend das Display bequem hingedreht und ausgelöst, ohne den Hals zu verdrehen oder mich gar in Absturzgefahr zu begeben. Man hat ja auch schon von einigen Influencer-Todesfällen gehört, zu denen es kam, weil beim Selfie-Machen die Balance verloren ging. Aber nicht mein Problem. Mein honorar- und reklamefreies Influencen ohne Kooperationspartner geht so diskret über die Internet-Bühne, dafür begebe ich mich doch nicht in Todesgefahr. Alle Tipps hier gratis.

29. November 2023

Schneit weiter in Berlin. Für Winter-Wonderland fehlt noch die glitzernde Sonne auf dem Schnee. Die gab es gestern, als ich den Campus Benjamin Franklin nach der Untersuchung verließ. Schade, dass ich keine Kamera mithatte. Der Ausgang vom Campus Richtung Hindenburgdamm ist park-ähnlich und die Sonne wärmte meine Stirn. Früher hieß der Campus Benjamin Franklin „Klinikum Steglitz“. Jetzt ist das 1968 als modernste Vollversorgungs-Klinik in Europa eröffnete Klinik-Areal ein Teil der Charité geworden. Die Architektur haben Architekten aus Chicago und ein Berliner entworfen. Willy Brandt hat sich nach der Teilung der Stadt dafür stark gemacht, dass dieses große Klinikum im Westteil, im südlichsten Steglitz, errichtet wird, damit die Westberliner auch eine Topadresse für medizinische Versorgung haben, sie waren ja von der Charité abgeschnitten. Ein Fünftel der Baukosten haben die Amerikaner übernommen, eine gewisse Benjamin-Franklin-Stiftung, daher der Name. Heute ist vieles renovierungsbedürftig, das wird auch nach und nach angegangen.

Spektakulär auffällig, architektonisch, ist der sogenannte „Screen“ an den unteren Fassadenseiten, das ist eine Fläche aus 200.000 organisch geformten Betonelementen, die senkrecht auf Eisenstangen aufgefädelt sind und in gleichmäßigen Abständen, wie ein stabiles Netz aus Beton, vor der Fassade angebracht wurden. Als Gestaltungselement, aber auch funktional, zum Schutz vor zu starker direkter Sonneneinstrahlung. Die Formen sind der Wirbelsäule nachempfunden. Im Untersuchungszimmer der Augen-Ambulanz konnte ich die Betonteile ganz nah sehen, sie waren direkt vor dem Fenster, das sind echte Kunstwerke, sehr schön anzusehen. Die bröckeln seit einigen Jahren ab, sollen teilweise auch ersetzt werden, ist aber aufwändig. So habe ich gestern ein Stückchen tolle Architektur sehen können und hab noch was über Berliner Geschichte gelernt. Hier gibt es ganz ausführliche Details.

28. November 2023

Wir haben jetzt auch Staubzucker in Berlin. Bilder vorhin auf Verdacht mit alter Kamera über Sucher gemacht. Displayscharnier ist gebrochen. Meine Kamera danach ist in meiner Werkstatt, da war ich länger nicht. Ich kann auch mit Lesebrille nicht so gut durch den Sucher gucken. Aber für den Notfall geht sie noch. Ich habe noch alle früheren Digitalkameras, außer einer mir geklauten Olympus und einer verkauften Olympus. Ob die Canon noch funktioniert, weiß ich gar nicht, bzw. was da nicht mehr funktioniert hat, hab ich vergessen. Kann sein, dass sie mausetot ist, ich bräuchte Akkubatterien, um es zu testen. Dann hab ich eine alte Konica-Minolta, die geht auch noch, macht aber ein komisches Rattergeräusch bei Filmaufnahmen. Wenn ich jemals wieder ein Video machen sollte, könnte ich aber immerhin mit drei Stativen drei Perspektiven filmen. Sportliche Überlegungen. Wüsste gerade gar nicht, was ich als Film verewigen könnte, sollte, wollte. Youtuber sein, wäre mir viel zu anstrengend. Dauernd aufnehmen, schneiden, hochladen. Gefrickel. Ich habe ja seit 2005 einen Youtube-Channel, aber der schlummert mehr oder weniger vor sich hin, deswegen würde ich mich nicht als Youtuberin bezeichnen. Das sind für mich Leute, die mindestens einmal pro Woche was hochladen. Meine hundertfünfundzwanzig Filmchen sind alle schon ein paar Jahre her, macht mich heutzutage nicht mehr zur Youtuberin. Gut, dass ich zehn Finger blind tippen kann, geht auch mit verschleiertem Blick. War heute sicherheitshalber bei der Augen-Notfall-Ambulanz auf dem Benjamin-Franklin-Campus. Beim Aufwachen waren beide Augen komplett zugeklebt, inclusive Wimpern, total verkrustet. Das Sandmännchen war fleißig. Hat eine halbe Stunde gedauert, die sandige Kruste vorsichtig wegzumachen. Ansonsten Brennen und Jucken an den Augenlidern. Es ist eine starke Bindehautentzündung, träufle antibiotische Augentropfen rein. Aber verrückt war die eine Untersuchung zu meiner Sehkraft, da kam raus, ich hätte rechts hundert Prozent und links 125. Versteh ich nicht. Ich brauche doch eine Brille zum Lesen. Das Ergebnis war vielleicht besser und irgendwie verfälscht, weil meine Augen in Tränenflüssigkeit geschwommen sind, das legt sich dann vielleicht wie eine Kontaktlinse drüber und verbessert die Sehkraft. Augendruck auch ok, auf beiden Seiten 11. Komisches Gefühl, bei der Untersuchung, wenn der Luftdruck so vor dem Augapfel aufploppt. Wie auch immer, ich bin nun im Bilde über die Ursache meiner rosaroten Augäpfel und hab nix Schlimmeres. Weil ich das noch nie hatte, dachte ich immer, bei Bindehautentzündung wären eher, oder auch nur die Ränder vom Ober- und Unterlid gerötet. Hab was gelernt.

26. November 2023



Mich vorhin gemessen, gleich nach dem Aufstehen. Ich habe einen Spiegelkleiderschrank im Flur, der ist 180 cm hoch. So groß war ich, als meine Personalausweisangaben vor sehr vielen Jahren aufgenommen wurden. Bzw. war ich 180,7 cm, aber da wollte ich damals nicht kleinlich sein und auch nicht nach oben aufrunden. Ergebnis der heutigen Maß-Nahme: 178,3 cm, also 2,4 cm weniger als in meinen Zwanzigern.

Im Internet steht, dass man ab dem 30. (!) Lebensjahr ca. alle zehn Jahre um einen Zentimeter kleiner wird. Ich habe jetzt bewusst das Wort „schrumpft“ vermieden, weil sich da bei mir so ein unattraktives Bild von Vermickern und gruselig verschrumpelten Schrumpfköpfen einstellt. Jedenfalls kann ich mich der Schrumpfformel zufolge freuen, dass ich „nur“ 2,4 cm und nicht 2,8 cm kleiner geworden bin, seit meinem 30. Lebensjahr.

Außerdem gibt es noch einen weiteren Aspekt zur Kenntnis zu nehmen: im Tagesverlauf verliert man bis zu 3 Zentimeter Körpergröße, weil die Bandscheiben tagsüber Flüssigkeit verlieren und dadurch gestaucht werden. Also könnte es sein, dass ich heute Abend nur noch 175,3 cm groß bin, was immer noch okay ist. Also die Hosen müssen noch nicht gekürzt werden, Hosenbeine sind bei mir sowieso oft ein bißchen zu kurz.

Ich bin drauf gekommen, mich zu messen, weil ich es neulich schon mal mit einer Kollegin gemacht habe, die auch recht groß ist, und da war sie auf einmal größer als ich und ich angeblich nur 173 cm, das hat mich schockiert. Jetzt weiß ich, dass es an dem Lineal lag. Ich hatte kein Maßband, sondern nur ein 30 cm-Lineal, das ich gestückelt angesetzt habe, da ist sicher was untergegangen. Der 180 cm große Schrank ist für mich ein guter Maßstab. Ich stelle mich davor und muss nur die kleine Differenz oben zu meinem Scheitel messen, easy!

Mir ist rückblickend aufgefallen, dass Männer, die ich nach ihrer genauen Körpergröße befragt habe, immer stark nach oben aufgerundet haben, bzw. haben sie vielleicht auch – so wie ich lange Zeit – ihre jugendliche Körpergröße betoniert verinnerlicht und abgespeichert. Finde ich lustig. Oder auch, weil jeder Zentimeter mehr imposanter klingt.

Ich finde vom Paaraspekt her, dass ein Mann auch etwas zu groß sein kann. Wenn das Gefälle mehr als 15 cm ist, muss man sich bei bestimmten Aktivitäten im Stehen so recken oder der andere runterbeugen. Finde ich unbequem. Sieben bis zwölf Zentimeter größer als ich, finde ich ideal.

25. November 2023

Gestern mit rosarotem rechten Auge mit Fremdkörpergefühl und verklebten Wimpern erwacht. Wohl eine Bindehautentzündung, bin da nicht so im Thema. Auge tränt, gucke durch einen leichten Schleier, aber heute schon besser, der nicht vorhanden gewesene Fremdkörper ist weniger. Niemals würde ich so ein Foto von dem Auge machen. Aber da ich meine Befindlichkeits-Berichterstattung gerne mit Bildmaterial garniere, habe ich mal in meinem Flickr Account geschaut, welche Fotos im Farbspektrum rosa-pink (die aktuelle Farbe meines rechten Augapfels) vorhanden sind. Flickr sagt, ich bin 2005 „beigetreten“ und habe 66.480 Fotos hochgeladen. Darunter ein paar Interessante rosa-pinke Ergebnisse, die eindeutig attraktiver als mein Auge aussehen. Voilà. Gibt mir sogar was zum Nachdenken. Z. B. das Buchcover von Claire Goll, im Oktober 2016 abgelichtet. Verzeihe ich keinem? Nun ja. Manche Enttäuschungen sind einfach verjährt und das dringliche Verletzungsgefühl ist abgeflacht oder wie eine Welle ausgelaufen. Hilfreich ist, wenn mir jemand in irgendeiner Form Reue über vergangenes Scheiß-Verhalten vermittelt. Da bin ich sehr schnell sehr großzügig. Manches ist aber so weit in der Vergangenheit, dass es mir einfach egal geworden ist. Schon mitunter gedanklich durchgespielt: „Wie wäre das Gefühl, wenn ich jetzt die Todesnachricht erhielte.“ Und in vereinzelten Fällen festgestellt: weder ein Schock noch Trauer, nahezu schnuppe. Bei einigen Geschichten gab es eine gewisse kleinere oder größere Aufarbeitung und man ist nun in freundschaftlichem Einvernehmen, sogar herzlich. Wie Brüderchen und Schwesterchen, wenn es auch vor Jahren unvorstellbar war. Das gibt es. Derlei ging mir gerade so durch den Kopf. Die Kamera macht manchmal gerade bei Konzertfotografie oder Nachtaufnahmen interessant verwischte Bilder. Ein Bild, das mit dem Feuerwerk oben, war ein Silvester im Radialsystem, nach einem Einstürzende Neubauten-Konzert, auch schon einige Jahre her, 2015. Ich muss mal in meine Küche, da kochen Rosenkohlröschen, die sind glaub ich jetzt durch. Ich schneide die Röschen davor am Strunk mit einem Kreuzschnitt ein.

24. November 2023

Eingangshalle ARD Hauptstadtstudio. Sitzgruppe mit Thonet Freischwinger S 411, im Jahre 1932 erstmalig von Thonet (und anderen europäischen Stahlrohrmöbelmanufakturen) produziert, unter Lizenz des dänischen Designers Willem Hendrik Gispen (1890 – 1981). Thonet hat den Klassiker bis heute im Programm, mit vielen Möbelstoffen erhältlich. Hier wurden schwarze Lederbezüge gewählt. Für das schöne Modell muss man zwei- bis dreitausend Euro pro Stück rechnen. Die offiziellen Bauherren des ARD Hauptstadtstudios waren RBB und WDR, die sich aus Rundfunkbeiträgen finanzieren. Ich will nicht bekritteln, dass von den Gebühren prestigeträchtigen Designklassiker angeschafft wurden. Sie sind langlebig und zeitlos schön, also in jeder Hinsicht nachhaltig. Bequem dazu. I approve! Ich weiß nicht, wieviele solche Sitzgruppen sonst noch im Haus verteilt sind, aber hier stehen sie schon sehr gut und passend. Damit schließe ich meinen höchstpersönlichen Bericht aus Berlin vom ARD Hauptstadtstudio. Ich hoffe, die Fernsehzuschauer sind mit meiner redaktionellen Arbeit in Form dieser gebührenfreien Berichterstattung zufrieden.

24. November 2023

Bißchen Studio-Equipment vom großen Studio. Die Kameras und Kontrollmonitore, auch der Teleprompter und die Moderatoren stehen rückwärtig vor dem Green Screen. Es ist das Ergebnis dieser raffinierten Projektionstechnik, wenn es so aussieht, als ob die Moderatoren vor dem Fenster stehen, tatsächlich stehen sie auf der anderen Seite vor der grünen Wand und schauen auf die schwarze, mit „autoscript“ bedruckte Box über dem kleineren Monitor mit den bunten Streifen, wo „Lokstedt“ steht. Da läuft der Text, der aufzusagen ist, in großen Buchstaben durch, aber immer nur ca. drei Worte auf einer Zeile, damit der Zuschauer nicht mitkriegt, dass abgelesen wird. Bei breiterem Text würden die Pupillen erkennbar von links nach rechts wandern. Der Text steht aber zusätzlich auf Moderationskarten, falls es mal einen technischen Aussetzer gibt. Manche Moderatoren sprechen sogar einiges frei. Politiker, die interviewt werden, kriegen keinen Teleprompter als Unterstützung, sie dürfen auch die Fragen vorher nicht bekommen, denn sie sollen ja frei antworten und auch ein bißchen von den Fragen überrumpelt werden. Da aber jeder Politiker ersten Ranges durch ein Mediencoaching gegangen ist, kriegen wir trotzdem altbekannte Phrasen als Antworten serviert.

24. November 2023

Wir sind im Herzstück vom ARD-Hauptstadtstudio. Hier, im Studio 1 entsteht wöchentlich der „Bericht aus Berlin„. Der ganze Stolz ist das große Eckfenster mit Sichtachse zum Spreebogen und links dem Reichstag. Links davon eine große Monitorwand. Die Redakteurin meinte, das sei europaweit das Fernsehstudio mit dem größten Panoramafenster. Ich kann das nicht verifizieren. Es leuchtet mir aber ein, dass Fernsehstudios eigentlich von Hause aus eher fensterlos konzipiert werden, weil das unberechenbbare natürliche Tageslicht keine ideale Produktionsbedingung ist. An der Decke hängen 100 Scheinwerfer, wie im Lampenladen! Wenn die Sonne ungünstig steht und direkt durchs Fenster fällt und das Bild beeinträchtigt, werden unterschiedlich stark getönte Schiebe-Scheiben hervorgezogen, je nach Stärke des Sonnenlichts. Da gerade nichts aufgezeichnet wurde, liegt das Eck-Panoramafenster hier frei. Beim Bericht aus Berlin sieht man manchmal auch das nächtliche Panorama. Es gibt auch eine virtuelle 360°-Tour durch das ARD-Hauptstadtstudio, kann man hier gemütlich anschauen.

24. November 2023

Inspektion Hörfunkstudio. Ich habe die Tontechnik des kleinen Studios im ARD Hauptstadtstudio inclusive der Kopfhörer auf ordnungsgemäße Funktionsfähigkeit überprüft. Alles tadellos, im grünen Bereich! Die nächste Folge vom Tagesschau-Podcast „mal angenommen“ kann aus meiner Sicht aufgezeichnet werden.

23. November 2023

Um es gleich vorwegzunehmen: was immer sich der laienhaft mutmaßende Fernsehzuschauer unter dem „ARD Hauptstadtstudio“ vorstellt, ist es allerhöchstwahrscheinlich nicht. Da ich mich dort nicht zum Vorstellungsgespräch einfand, habe ich mich dementsprechend überhaupt nicht vorbereitet, abgesehen vom Eruieren der U-Bahn-Verbindung, wegen des S-Bahn-Streiks. Ich glaube, meine Erwartung war so eine diffuse, hohe Energie, wie in einem Bienenschwarm. Oder wie früher in der Fernsehserie Lou Grant, die sich um einen ehemaligen Fernsehnachrichten-Journalisten drehte, der zur Los Angeles Tribune als Chefredakteur wechselte, und die viel Aufregung und Gewimmel in endlosen Großraumbüros mit nie stillsitzenden, eifrigen Redakteuren zeigte. Nun sind wir aber nicht bei der Los Angeles Tribune und auch nicht in der Nachrichtenredaktion und dem Sendestudio der Tagesschau in Hamburg. Wir sind im ARD-Hauptstadtstudio, was in erster Linie eine Hauptstadt-Repräsentanz der ARD darstellt. Quasi ein Status-Symbol und Prestige-Objekt direkt an der Spree. Ein echtes Filetstück, die Lage in der Wilhelmstraße. Die nächste U-Bahnhaltestelle ist „Brandenburger Tor“. Mehr geht nicht. Hier sollte man schon sein. Tatsächlich gibt es – wenn ich der Redakteurin, die die Führung durchs Haus machte, glauben darf, nur eine einzige wöchentliche Fernsehsendung, die im Hauptstadtstudio produziert wird, nämlich „Bericht aus Berlin„.

Wenn Bundestagswahlen anstehen, werden von dem einen großen Studio mit dem spektakulären Ausblick (davon zeige ich später noch Bilder) Elefantenrunden gesendet. Wäre ja auch zu schade, bei dem Panorama mit Blick auf den Reichstag. Es gibt diverse kleinere Aufnahmestudios, vor allem für Hörfunkproduktionen und Podcasts, aber ansonsten überwiegend Büros für politische Redakteure, die dort konzipieren und fabrizieren, was an anderer Stelle umgesetzt und gesendet wird, auch Auslandskorrespondenten, die für andere Sender in anderen Ländern aus Deutschland bzw. Berlin berichten. Ein paar Jahre im ARD-Haupstadtstudio zu sein, ist auf jeden Fall gut für den Lebenslauf, aber kein Arbeitsplatz bis zur Rente. Es gibt wohl eine Befristung auf drei oder fünf Jahre, dann sind die nächsten dran. Damit sich bei der politischen Berichterstattung aus Berlin keine allzu familiäre Nähe zwischen den Reportern und den Politikern einstellt, das könnte dazu führen, dass jemand mit Samthandschuhen angefasst wird, der hart rangenommen werden soll. Ich hoffe, ich habe gut aufgepasst und gebe das richtig wieder.

22. November 2023

Experimentelle Gruppenaktivität: gemeinsames Kochen einer erst vor Ort bekannt gegebenen Speisenfolge, unter Anleitung von drei Köchen. Man macht ja alles mit. Wenn ich in Aktivitäten gerate, die ich mir selbst nicht ausdenken würde, mache ich mit, so lange es ethisch vertretbar ist und nicht mit dem Grundgesetz kollidiert. Ich habe mir von dem Arbeitszettel eine beträchtliche Schnippelarbeit ausgesucht. Es musste Stangensellerie in kleinste Würfel gehackt werden. Später habe ich die Selleriewürfel mit Saubohnen, Eigelb und Parmesan und Salz und Pfeffer verquirlt, und noch später Fond mit einer Kelle in einen riesigen Risotto-Topf geschaufelt. Wenn was wegzuräumen war, hab ich es vom Tisch geräumt bzw. in den Müll gekippt, weil ja später an den langen Tischen, an denen gearbeitet wurde, gegessen werden sollte. Fürs Aufräumen hab ich ein Händchen. Während die anderen Amateurköche schon nach der Ankunft dem dargebotenen Riesling oder Bier oder modischen Bio-Limonaden zugesprochen haben, blieb ich bei simplen Wasser.

Tagsüber trinken ist nicht meins, schon gar nicht Weine, die nicht auf meiner Wellenlänge sind. Ich mag nur sehr herbe, mineralische Weißweine, leicht und sehr trocken, nichts Saures und noch weniger blumig-fruchtige Varianten. Wann hat das eigentlich angefangen, dass Teamspirit fördernde Maßnahmen Arbeitsaufgaben beinhalten, die zu anderen Berufssparten gehören? Ich koche ja gerne und täglich, aber ungern nach Rezept und unter Berücksichtigung anderer Geschmacksvorlieben als meinen eigenen. Ich habe erst nach einer Weile gecheckt, dass die drei jungen Männer in den Kochschürzen nicht ganz mit dem Kochgeschirrbestand vertraut waren. Ich erfragte eine Schere, um ein Kräuterbündel zu schneiden, wie ich das auch zuhause sehr effektiv praktiziere, sie wussten nicht, ob es eine Schere gibt, suchten, fanden keine. Dann eben mit dem Messer gehackt. Gerne hätte ich auch schärfer gewürzt, aber es gab nur die in Döschen mitgebrachten Gewürze, die kein Chili enthielten. Stand auch nicht im Rezept. Nun ja. Es sollte als Vorspeise eine unfassbar zeitaufwändige Speise aus der italienischen Küche zubereitet werden. „Arancini“, Risottobällchen. Klingt, wenn man die Rezeptur liest, interessanter, als es am Ende schmeckt. Ein Riesenaufwand, erst das Risotto mit den Zwiebeln anzuschwitzen und dann ewig Fond nachgießen und rühren, die anderen Zutaten unterheben, dann musste es ewig abkühlen, um die Bällchen, die gemäß Vorgabe Knödelgröße haben sollten, ohne Brandblasen zu formen (haben andere übernommen). Dann die Panierstraße bauen, panieren, frittieren, da hab ich mich auch rausgehalten. Am Ende gab es frittierte Knödel, groß wie zu einem Schweinsbraten, innen breiiges Risotto, das wie Schonkost schmeckte. Dazu Aioli, die es auch nicht rausgehauen hat (ich hätte dazu eine rote scharfe Soße bevorzugt) und einen leider Gottes etwas lahm angemachten Salat mit trockenem Grünzeug und Rote Bete in einer winzigen Pfütze Dressing sowie Schälchen mit einer geschmacksneutralen Frischkäsevariation. Eine andere Brigade hat als „Hauptspeise“ (gallebittere) grüne und rote Salatblätter angebraten, dazu eine hochkomplizierte Marinade. Die dritte Brigade hat Kuchen mit einem Obst drauf zubereitet, da hat mir dann nicht die Würze gefehlt, war ja eine Süßspeise. Das war alles unfassbar langwierig. Die Resultate wurden recht unterschiedlich bewertet. Von diplomatisch vertuschten langen Pokerface-Gesichtern, über ein mit gesenkter Stimme gezischtes „ich finds eklig“ (die bitteren, schlabberigen, angebratenen Salatblätter waren gemeint), zu einem verbindlichen „schmeckt doch ganz gut“, bis zu animiertem Nachschlag-Holen. Ich fand es interessant, so einen Ort mal gesehen zu haben, wenn er auch sehr umständlich zu erreichen war, ewig langer Fußweg bis zur U-Bahn. Diese Lokalität „Spreemittag“ wird offenbar in den Herbst- und Wintermonaten für solche Aktionen vermietet, sonst wird da Mittagstisch angeboten. Ich lasse mich eindeutig lieber von Profis bekochen. Ich kann dem nur den Mehrwert einer Milieustudie abgewinnen. Man hats erlebt.

21. November 2023

Beeindruckendes Bild von Susanne Specht. Format ca. 100 x 150 cm. Ein frei im Raum hängender Papierbogen, mit haarfeinen Schnitt-Perforationen. Da sie vergleichbare Werke auf ihrer Seite als Laserzeichnung benennt, habe ich geforscht, wie das zustande kommt. Sie wird es demzufolge mit einem Großformat-Laserschneider gemacht haben. Derart präzise Schnitte von Hand zu machen, würde unendlich viele Stunden dauern. Susanne Specht ist eine sehr experimentelle Bildhauerin und war Dozentin an der Universität der Künste, nun Professorin an der Hochschule Niederrhein. Sie kommt auch in „Zeitgeister“ zu Wort und war bei der Vorführung anwesend. Sehr sympathisch. Wir haben ein paar Worte gewechselt, ein Foto hat sich leider nicht ergeben. Sie hätte sich bestimmt bereit erklärt, aber es muss sich für mich aus dem Moment impulsiv ergeben, nicht ausgezirkelt und hindrapiert.

20. November 2023

Gaga Nielsen proudly presents Barbara Quandt in front of her painting „Couple in Sweet Home“, 1982. Die Hängung über Eck behagte ihr nicht, die beiden Teile gehören nach ihrem Empfinden nebeneinander. Die 1947 in Berlin geborene Barbara Quandt hat eine wilde, umtriebige Biografie, die sie um den Erdball führte. Unter anderem 1978 zu einem Stipendium in London, an die St. Martins School of Art, wo sie in die Punk Szene um Johnny Rotten eintauchte. Weitere Arbeitsaufenthalte führten nach New York, Chicago, Tansania, Alaska und Buenos Aires. Mein liebstes Fotomodell an dem Abend – neben Ina – noch vor dem wilden Hell.

20. November 2023

Gemälde von Barbara Quandt, „Couple in Sweet Home“, 1982.

Zur Doku meiner Anwesenheit wählte ich dieses aparte Werk von Barbara Quandt als Hintergrund. Zu meiner größten Freude ergab sich etwas später eine Konversation mit dieser interessanten Malerin und eine schöne Portraitreihe mit ihr selbst vor ihrem Bild.

20. November 2023

Ina erfüllt zwei Herren den Wunsch, vor zwei Bildern von Wolfgang Petrick fotografiert zu werden. Ich nehme an, es handelte sich um ehemalige Studenten seiner Meisterklasse. Sie stellten mit den Fingern Michelangelos Fresko „Die Erschaffung Adams“ nach, das berühmte Motiv, wo Adam den Finger nach Gott ausstreckt. Gottvater streckt ihm auch seinen Finger entgegen, um den Lebensfunken auf Adam zu übertragen. Für mich war Ina das interessantere Motiv, weil sie so konzentriert auf das Bildermachen war, dass sie eine Weile nicht bemerkte, dass ich sie fotografiere.

20. November 2023

Weitere Kapitel meines Fotoalbums aus der Inselgalerie widme ich ausschließlich den anwesenden Damen. Da gibt es noch schöne Reihen. Das Kränzchen hier ist nur der Anfang. Ich vermute, es sind Weggefährtinnen, Ex-Kommilitoninnen, Alumni. Ich erkenne auf dem Bild niemanden aus dem Film, aber schätze, es handelt sich um Vertreterinnen der Generation, die Mitte der Siebziger mit Jan an der Universität der Künste in Berlin studiert hat. Das sind die Geburtsjahrgänge von Anfang bis Mitte der Fünfziger Jahre. Im Hintergrund links hängt ein Werk eines der Professoren von damals, der auch im Film vorkommt und anwesend war, Hans-Jürgen Diehl, ein Vertreter der Strömung „Neuer Realismus“ bzw. „Kritischer Realismus“ oder „Berliner Realismus“ etikettiert.

19. November 2023

Noch einmal ter Hell. Herr ter Hell hat richtig was angeboten. So sagt man, wenn das Gegenüber vor der Kamera proaktiv mitmacht. Der großgewachsene ter Hell fällt auf, wenn er einen Raum betritt. Er bewegt sich ungeheuer dynamisch und schnell und spricht auch mit rasantem Tempo. Eher wie ein Jugendlicher, im Vergleich zu seinen Altersgenossen, immer für ein Späßchen zu haben. Das motiviert auch die anwesenden Fotografen, er provoziert es regelrecht. Mit großer Begeisterung posiert er vor seinen Bildern. Jetzt verstehe ich, wieso Jan ihn immer wieder ablichtet. So impulsiv und extrovertiert wie er auftritt, wirken auch seine Bilder.

Es tut mir fast ein bißchen leid, dass ich die anderen anwesenden Künstler nicht so einfangen konnte. Ich stelle fest, dass introvertierte Maler oft aufwändigere Arbeiten abliefern. Davon gab es auch einige in der Inselgalerie. Die habe ich dann nur mit dem Gedächtnis eingefangen. Schmälert nicht meinen großen Respekt.

19. November 2023

Meine Verabredung. Nicht der Mann – ! Ina…! Der Herr mit dem Hut taucht immer mal wieder bei Ausstellungseröffnungen auf, Name und Herkunft sind mir nicht bekannt, aber ein lustiger Zeitgenosse.

19. November 2023

Das war der Grund für meinen Besuch in der Inselgalerie. Die Filmemacherin Angela Zumpe hat mit dem Fotografen Jan Sobottka einen Film uraufgeführt, eine Doku über elf Berliner Künstlerinnen und Künstler, die alle in den Siebzigern an der Universität der Künste in Berlin studierten. Auch Angela und Jan gehörten dazu. Der Film „Zeitgeister“ erzählt in Interviews, was sie erhofften, wie sie das Studium erlebten, was es gebracht hat. Und: last but not least, wo sie heute stehen. Einige zog es nach New York und London, heute sind sie überwiegend wieder in Berlin. Einige arriviert, wie erträumt, vertreten durch renommierte Galerien, andere Einzelkämpfer. Eine Handvoll hat eine Professur erlangt. Die Filmvorführung wird von einer Ausstellung eingerahmt, die Arbeiten der Künstler aus dem Film zeigt. Er wird während der Dauer der Ausstellung noch einige Male dort aufgeführt. Hier ist der Trailer zu sehen. Auf den Bildern hier sind Jan Sobottka und Angela Zumpe zu sehen, sowie die Galerieleiterin Eva Hübner. Anschließend hatte ich Gelegenheit ein paar schöne Portraits von zwei Protagonisten aus dem Film zu fotografieren, von der Malerin und Ex-Punkerin Barbara Quandt und dem sehr lebhaften ter Hell.

18. November 2023

Exciting! Sasse putzt das U-Bahn-Stationsschild vom Frankfurter Tor. Super, noch nie gesehen, wie so ein U-Bahn-Zugangs-Schild geputzt wird. Wie Fensterputzen. Habe die Mitarbeiter vorher gefragt, ob ich Fotos davon machen darf. Die Sasse-Heinzelmännchen haben zu recht später Stunde da gearbeitet, gegen halbzehn, ich kam von der Inselgalerie. Dazu später mehr.

17. November 2023

Heute Vormittag war ich in einer Kita in Lichtenberg zum Vorlesetag. Der ist immer im November, überall im ganzen Land. Man kann mitmachen, wenn man Lust hat. Ich bin zufällig drüber gestolpert und habe mich dafür gemeldet. Dann wurde ich in die Kita nach Lichtenberg bestellt, das Vorlesebuch hat man mir ausgesucht und als Geschenk für die Kids mitgegeben. Das war eine sehr bereichernde Erfahrung, zumal ich noch nie in meinem Leben in einer Berliner Kita war und auch sonst nie was mit kleinen Kindern zu tun habe. Die meisten Kinder waren vier Jahre alt und zuckersüß. So hab ich mir das vorgestellt! Ich habe bei zwei Gruppen mit je zwölf Kids vorgelesen, immer zwanzig Minuten ungefähr. Wobei Vorlesen nicht ganz richtig ist, bei einem Bilderbuch. Es ist viel Fragen und Antworten und süßes Plappern. Der Höhepunkt war, als die Kindergartentante, ich meine die Erzieherin, angekündigt hat, dass die Kinder nun zum Dank fürs Vorlesen ein Lied singen werden. Die „Großstadtmäuse“ (so heißt die Kita) haben sich im Kreis auf dem kuscheligen Teppich aufgestellt, die Kindergärtnerin hat eine akustische Gitarre genommen und angefangen zu spielen und zu singen, die Kids auch. Sie haben ein Herbstlied gesungen und dabei mit ihren Patschehändchen segelnde Blätter und den Wind gespielt. Das war so schön, ich hätte fast geweint, aber ich hab mich zusammengerissen. Das hätten sie bestimmt nicht verstanden, dass ich vorher noch ganz fröhlich war und auf einmal weine. Es war toll. Ich mache nächstes Jahr gerne wieder mit. Bei der zweiten Gruppe in einem anderen Zimmer, habe ich mich mit den Kindern auf den Teppich gesetzt, das war noch gemütlicher und manchmal sind die Kleinen fast in das Buch hineingekrabbelt. So süß. Die Erzieher waren im Hintergrund immer dabei und haben die Mäuse dann wieder zurückgepfiffen. Pädagogisch wertvoll natürlich. Die Fotos hat die Kitamitarbeiterin bei der ersten Gruppe gemacht und mir gemailt. Die Eltern haben es schriftlich für Doku vom Vorlesetag auf Social Media erlaubt, wenn die Kinder von hinten gezeigt werden. Aber schon schade, dass ich die Kleinen nicht von vorne zeigen kann. Man muss sich superneugierige Kinderaugen vorstellen. Und kleine Großstadtmäuse. Und mich.

16. November 2023

Im Westen geht die Sonne unter. Westcity. Die diffuse Dach-Konstruktion mit den diagonalen Streben rechts hinten müsste das ICC sein. Ich war ein bißchen spät dran an diesem Nachmittag mit meiner Kamera, ein paar Minuten nach vier in Charlottenburg. Trotz der verpassten Gelegenheit, die Sonne gerade noch einzufangen, machte ich Bilder, da ich schon am Fenster war. Aber das war gut für den Gedanken, jetzt öfter mal um diese Zeit an die Westseite der Fensterfront zu gehen. Nachmittags-Sonnenuntergänge gibt es nur von November bis Januar. Ich müsste nur die Kamera konsequent mitnehmen. Das ist machbar.

15. November 2023

Ich liebe kontroverse Kommentarstränge. Da kommt im Kopf was in Bewegung, sofern man die Größe und Kapazität hat, das zuzulassen. Streichelzoo ist auf Dauer langweilig. Die totale Meinungsgleichschaltung, wo sich nur noch mit Klatschvieh umgeben wird, langweilt mich zu Tode. Ich kann klare Worte vertragen. Mich amüsieren sogar Kommentare, die extrem von meiner Meinung abweichen. Wenn sie nicht völlig debil daherkommen, bin ich sogar bereit, mich inhaltlich damit zu beschäftigen. Immer her mit den kontroversen und gegen den Strich gebürsteten Gedankengängen.

13. November 2023

Bilder mit reflektierenden Elementen lassen sich schwer in einem einzigen Foto angemessen einfangen. Am besten macht man eine ganze Handvoll Aufnahmen mit verschiedenem Lichteinfall, dann bekommt man eine ungefähre Ahnung davon. Ich mag das Vibrierende von spiegelnden Teilen. Während man an dem Bild vorbeigeht, scheint es sich zu bewegen. Es lebt! Ist ja auch eine spätsommerliche Blumenwiese. Ein Glück, dass sie so lebendig ist!

LUCY IN THE SKY WITH DIAMONDS. Leinenvorhangrest auf Mangoschrank-Verpackungskarton, Kupferklammern von Mangoschrank-Verpackung, Gehölz (Reste von Blumenstöckchen, Sushistäbchen, Treibholz, Holzspatel, Snackpiekser, kaputte Pinselgriffel), Spiegelsplitter, Geschenkpapier, Blütenteile aus Kupfer-Flittergirlanden-Vorhang vom Ball der Künstlerinnen 2023, Schnipsel von sechs Bordeaux-Alu-Manschetten, Textilfragment von Handtaschenverschluss, Kleber, 14./22./29. Oktober, 7./8./9./10./11. November 2023, 90 x 110 cm, Staatl. Museen v. Gaganien

12. November 2023

Nochmal drübergegangen, zum dritten mal, immer noch nicht zufrieden, aber lass es erst mal liegen. Eigentlich gehört es in die Paris Bar, aber da ist ja keine Ecke mehr frei. Außer vielleicht auf der Toilette. Aber welche? Damen? Herren? Unauffällige Ecke? KALEIDOSKOP III – AUSGEHEN. „Es handelt sich um Abmalerei“ – „Paris Bar“ (Goetz Valien gewidmet). Memorabilia: Tickets (Nick Cave & The Bad Seeds; 2018 Waldbühne, Rolling Stones; 2018 Olympiastadion, Rotfront; 2016 SO36, Berlin Beat Club; 2018 Stadtklubhaus Hennigsdorf, Release Lüül – „Der stille Tanz“; 2022 Musikbrauerei), Flyer (Jan Sobottka, Emil Nolde, Danielle de Picciotto, Hedwig & The Angry Inch, Nänzi, Nico, Udo P. Klein, Café Bleibtreu), Zeitungsartikel (Kippenberger Paris Bar, van Gogh), Fotos (2 x G. Nielsen), zerstückelter Ethno-Seitenstreifen Orsay-Jeans Achtziger Jahre, orange Linsen, roter Schotter, Blattgold, Kleber, Acryl, Rahmenrückwand, Rahmen, 96 x 54 cm, 1./2./3./15. Mai, 24. August., 24./28./29./30. September, 1./3./4./7./8. Okt., 8./9. Nov. 2023, Staatliche Museen v. Gaganien.

10. November 2023

Novemberlicht, Sonne hinter Wolken. Gestern um halbzwei in meiner Werkstatt, später am Nachmittag alle Lampen angemacht. Was ich nicht als Problem anführen möchte. Es ist eben so in der Jahreszeit, an einem Tag ohne Sonne. Nichts Schlimmeres soll uns widerfahren. Ich bin überhaupt kein Typ, der übers Wetter lamentiert. Regentage finde ich ausgesprochen gemütlich, ich erwarte von mir selbst nicht, mich ohne Not draußen aufzuhalten und kann vor mich hinwerkeln und wursteln. Kommt Sonne durch, ist es auch ok, ich halte das Gesicht dann eine Weile mit geschlossenen Augen in die Sonne und weiter gehts. Also ich raste nicht aus, vor lauter Ekstase über Sonneneinstrahlung. Die höhere Intensität der Farben gefällt mir aber schon auch, wenn die Sonne darauf scheint. Bin ich draußen, schirme ich mich gegen harten Wind mit meiner Sonnenbrille ab. Auf Regenwegen zackig von A nach B, mit Kapuze oder Tüte über den Kopf halten. Für den Winter habe ich spektakuläre (Kunst-)Pelzmützen und ein Potpourri an Stiefeln. Ich lüfte ab und zu durch, damit frischer Sauerstoff in den Räumen ist, aber verziehe mich während des Lüftens immer in einen wärmeren Raum und dann schnell wieder die Balkontür zu. Kalt zu duschen käme mir niemals in den Sinn. Ich glaube nicht an Abhärtung durch kaltes Wasser, abgesehen davon, dass es sich ungemütlich anfühlt. Immer schön warmhalten! Auch den Hals. Mitunter staune ich, mit welcher sportlichen Hartnäckigkeit manche jungen Frauen – es sind eigentlich nur junge Frauen, bei denen ich das beobachte – sich an gefährlich kalten Tagen draußen ohne Schal präsentieren. Die Jacken manchmal nur halb zugezogen, die nackte Haut liegt frei, vom Hals bis zum Brustansatz. Kinder, Kinder! Wenn ihr dann verkühlt und verrotzt im Bett liegt, ist das nicht so sexy. Aber jeder, wie er will. Heute haben wir auch wieder Wolken, aber die gute Sonne versucht sich durchzuarbeiten.

08. November 2023

Zuguterletzt will ich noch erzählen, was Lydia und mich an dem Abend in der Galerie amüsierte. Man läuft so durch die Räume und bleibt dann irgendwann an einer Stelle stehen und kommt ins Gespräch. Wir standen eine längere Weile vor zwei Fotografien, die Katja Flint, die Schauspielerin, die in den letzten Jahren auch mit Fotografie experimentiert, angefertigt hatte. Es war eine freie Ecke, wo man gut den Überblick hatte, wer kommt und geht. Lydia und ich wurden mehrfach einzeln angesprochen, ob wir hier ausstellen und explizit einzeln befragt, ob wir Katja Flint sind. Ich war ja selbst interessiert, Frau Flint mal aus der Nähe zu sehen. Sie kam eine Weile später hinzu und stand dann eben auch so herum und unterhielt sich, aber nicht mit uns und sie stand auch nicht vor ihren Bildern. Sie wirkte auch nicht, wie jemand, der in Gastgebermanier interessiert das neugierige Publikum empfängt und auskunftsbereit ist. Ich nehme an, dass aber Lydia und ich so wirkten. Also absolut kommunikationsbereit. So haben wir ein paar nette Unterhaltungen mit Galeriebesuchern gehabt, mit denen wir uns angeregt über die beiden Fotos von Katja Flint ausgetauscht haben, die hinter uns hingen. Leider wird Frau Flint nie erfahren, was da geplaudert wurde. Es war komplex. Das Erlebnis zeigt, dass die Haltung und Ausstrahlung, mit der man sich in einem Raum bewegt, großes Assoziationspotenzial hat. Neulich erzählte mir eine Freundin, dass ihre Lehrerin, bei der sie Querflötenunterricht nimmt, in jungen Jahren mit ihrem Flötenkoffer unter dem Arm souverän und zielgerichtet durch ihr bekannte Hintereingänge von Konzerthäusern ging, um preisgünstig, sprich gratis, Konzertaufführungen beizuwohnen, die sie interessierten. Sie wurde nie aufgehalten. Nach der Ausstellungseröffnung waren wir noch in der Troya Bar, beide zum ersten mal. Es gab loungige Musik, bei der man sich noch einigermaßen unterhalten konnte. Wir redeten über weite Strecken über Max Frisch und Bachmann und meine diesbezüglichen Recherchen. Das Publikum war altersmäßig in der Kategorie Millenials zu verschubladen. Rauchen ist erlaubt, was mir gefiel, obwohl ich und die meisten Gäste das gar nicht wahrnahmen, daher war es auch nicht verraucht. Ganz entspannt, das Lokal, aber von der Klientel her nicht so wahnsinnig charismatisch, wie man es sich gewünscht hätte. War vielleicht auch noch zu früh. Wir waren nur bis kurz vor Eins da, so in etwa.

08. November 2023

Da war ich ganz gut drauf. Mental und überhaupt. Dass ich das betone, rührt daher, dass ich nach dem Abend einige Tage erholungsbedürftig war, obwohl der Exzess überschaubar war. Ich bin voll der Bewunderung, wenn Menschen in der Lage sind, mehrere Abende hintereinander auszugehen. Mir ist das auch mental zu viel. Schwierig ist nicht einmal, alkoholische Getränke ohne einen Abend Pause einzunehmen, das mache ich daheim häufig, ja regelmäßig, aber da kontrolliere ich die Qualität. Das ist mein Problem. Wenn es überall eine nahezu identische Flaschengärung erster Quälität gäbe, könnte ich Katersymptome umgehen, weil ich mengenmäßig eher selten über die verträgliche Grenze gehe. Aber mental brauche ich Pausen. Das war auch schon früher so, als ich zwanzig war. Da ging ich etwa im Rhythmus alle drei Tage aus, das war schon viel und intensiv. Wenn ich mitunter von gleichaltrigen Zeitgenossen höre „früher konnte ich auch mehr vertragen und mal eine Nacht durchmachen“, halte ich das für Unsinn. Es gibt eine kultivierte Verdrängung der Unbill und Begleiterscheinungen jugendlicher Ausgeh-Exzesse. Es gab dieselben Kopfschmerzen und denselben Kater und dieselbe Erschöpfung und Zwangspause. Es sei denn, jemand hatte entsprechende Drogen parat, die für neue Ausgeh-Motivation sorgten. Ich habe schon immer ein Durcheinander in der Hinsicht vermieden. So will ich es weiter halten. Bin nun wieder ok.

06. November 2023

Jan Sobottka bei Semjon Contemporary. Aktuelle Austellung „en face“, vor einer Fotografie eines anderen Fotografen. Jans Arbeiten sind in zwei anderen Bereichen. Eigentlich nicht meine Art, jemanden in eine Ecke zu stellen. Ich fand den Hintergrund attraktiv, aber es stellt sich sofort eine leichte Verunsicherung ein, ein Nachdenken über den eigenen Ausdruck, der mich nicht so sehr fesselt, wie das unkontrollierte Sein (sozusagen). Dennoch habe ich die vier Aufnahmen beibehalten, schon ausreichend gut.

P.S. die zentrale Portraitfotografie im Hintergrund ist von Mathias Bothor, „Kenaburo Oe“. Bothor machte eine Serie mit geschlossenen Augen der Portraitierten.

05. November 2023

Ein wichtiges Merkmal für eine Freundin ist für mich, dass sie sich gut als Fotomodell eignet, damit ich immer frisches Material für meine Blogeinträge habe! Das gilt auch für männliche Freunde. Mit Leuten, die sich vor der Kamera zieren, kann ich nichts anfangen. Ich brauche immer frisches Bildmaterial! Im Gegenzug zeige ich mich großzügig, was die Posen angeht, jeder darf seine eigenen Posen machen, die von mir nicht zensiert werden. Dabei kommen hübsche Sachen heraus. Ich wäre zum Beispiel nie auf die Idee gekommen, Lydia zu bitten, das rechte Bein abzuspreizen und den Fuß auf die Ferse zu setzen. Gefällt mir ausgezeichnet. An dem Abend wollte sie überhaupt nicht gerne fotografiert werden, aber ich nehme an, sie wollte es sich mit mir nicht verscherzen. Gut so! Jan hat auch brav mitgemacht. Der Galerist Herr Semjon ebenfalls.

04. November 2023

Gestern bei Semjon Contemporary, heute verkatert. Lydia und ich suchten nach der Ausstellungseröffnung noch die Troya Bar von Anna Müller und Herrn Liechtenstein auf, die sehr praktisch um die Ecke liegt. Zu mehr Berichterstattung bin ich heute nicht fähig. Umso mehr schade, als ich für heute Abend eine Einladung gehabt hätte. Ich muss mich schelten, dass ich zwischendurch Weißwein mir unbekannter Provenienz getrunken habe. Das war ganz bestimmt der Fehler. Eine andere Ursache kann es nicht geben.

03. November 2023

Es wird intim! Ich präsentiere meine Sockenschublade. In meinem Besitz befinden sich fünfundvierzig Sockenpaare. Meistens trage ich schwarze Socken bzw. ursprünglich schwarze Socken. Ich bin keine Freundin von „lustigen“ Socken, aber es gibt ein paar gemusterte Exemplare. Am ausgefallensten ist das schwarze Paar mit den Gitarren drauf. Die Socken habe ich aus der „Socks Gallery“ im Europa-Center. Als ich gestern die frisch gewaschenen Socken sortiert und ordentlich zusammengelegt und eingeräumt habe, ist mir bewusst geworden, dass die von mir ungeliebte Beschäftigung ja doch ein Ausdruck äußerst friedlicher Zustände ist, die einen zufrieden stimmen sollten. In aller Ruhe frisch gewaschene Socken zusammenlegen zu können und in eine Wäschekommode zu packen, bedeutet, ein dauerhaftes Dach über dem Kopf zu haben, eine Waschmaschine und eine warme Unterkunft, in der die Socken auch schön trocknen. Da will ich mich nie wieder über Socken sortieren und zusammenlegen müssen beschweren. Trockene, saubere Socken (ohne Löcher!) in fast allen Farben. Luxus. Frieden. Ich wünsche allen Socken und dem Rest der Welt ein friedliches Wochenende. Schwerter zu Socken!

01. November 2023

Heute früh, halbzehn. Jetzt Abend, dreiviertelzehn. Das war sehr praktisch, als ich vor siebenunddreißig Jahren aus dem fränkisch-bayrischen Süddeutschland hierher gezogen bin, dass ich die Uhrzeiten nicht neu lernen musste. Versteht man nicht in allen sechzehn Bundesländern. Weiß aber nicht, wo noch und wo nicht.

01. November 2023

Drücke mich gerade davor, die nun trockenen schwarzen Socken zu sortieren, die ich gestern gewaschen habe. Ungefähr vierundzwanzig oder fünfundzwanzig. Beim Kauf waren sie alle tiefschwarz, jetzt sind sämtliche Schattierungen zwischen Anthrazit, Dunkelgraublau und Hellschwarz darunter. Manche gehen auch ins Bräunliche. Nun heißt es, passende Paare finden und ordentlich in die Wäscheschublade einsortieren. Keine Lust! Evt. später, wenn ich leicht angetrunken bin.

30. Oktober 2023

Vorhin den gestrigen Tatort aus München in der Mediathek geschaut. „Königinnen“. Kurzweilig, habe mich gut unterhalten gefühlt. Spielt im Milieu von süddeutschen Honig- Milch- und Weißwurschtköniginnen. Sehr gut in der Hauptrolle des übergriffigen Chefs der Landwirtschaftsvereinigung (oder so ähnlich), Wolfgang Fierek. Ganz großer Mime. Mir hat die kecke Mischung aus Satire mit zugespitzen Klischees in kitschiger Kostümierung mit ernstem Hintergrund gut gefallen. Die Kombination hat das Potenzial auch Publikum zu erreichen, das an sich am Sonntagabend zur Prime Time keine Lust auf Metoo-Abhandlungen hat. Dem tut auch der mit sämtlichen Königinnen flirtende Assistent der Kommissare keinen Abbruch. Im Gegenteil. Seine Szenen haben den Charme von Fünfziger-Jahre-Peter-Alexander-Possen mit Hintersinn. Geht Richtung Dietl. Mein Verbesserungswunsch wäre hauptsächlich: Dialekt-Rollen bitte nur mit Schauspielern besetzen, die die Mundart wirklich im Blut oder mit der Muttermilch aufgesogen haben. Das war leider bei der Zwiebel- und der Honigkönigin nicht sehr überzeugend, da ist immer wieder das Schauspielschul-Hochdeutsch durchgebrochen. Ferres war ganz gut besetzt, bin kein Fan von ihr, aber war recht passend, als geschäftstüchtige Organisatorin vom Königinnen-Tag. Einige Kritiken – oder sogar die Mehrzahl – bemängeln die vermeintliche Unstatthaftigkeit, satirische Versatzstücke und lustige Elemente mit dem zentralen thematischen Sachverhalt sexueller Übergriffigkeit launig zu vermischen. Das sei ihnen gestattet, denn wir haben ja zum Glück Meinungsfreiheit. Dieser bemerkenswerte Tatort ist in der Mediathek, gerne machen Sie sich selbst ein Bild.

29. Oktober 2023

„Wer einmal über sechzig ist, hat es gelernt, Fragen zu beantworten mit treffenden Antworten auf Fragen, die nicht gestellt sind; so entsteht der Eindruck geistiger Regsamkeit.“

Max Frisch (Tagebuch 1971)

28. Oktober 2023

So sieht der Balkon auf der Nordseite jetzt aus. Die Hortensien wie aus einem alten Poesiealbum aus dem letzten Jahrhundert. Mein Einkaufszettel. Lücke unter Kaffee, falls mir noch was einfällt, was ich von Rewe holen könnte, weil die unteren beiden Sachen, Kleber und Klopapier, hole ich im Drogeriemarkt. Wenn ich mich dann mal langsam aufraffe. Ich bleibe an so einem Herbsttag am allerliebsten daheim. Schwarzer Tee, Stövchen, lesen. Kuschelig.

26. Oktober 2023

Anti-Alkoholiker bitte wegschalten. Lernwillige Freunde alkoholischer Spezialitäten dürfen weiterlesen. Bitte das Vokabelheft herausholen und eintragen: „OVERPROOF RUM“ Normalerweise befasse ich mich recht wenig mit hochprozentigen Spirituosen, aber da ich gerade so schön und speziell angenehm angetrunken bin: ich habe Overproof Rum intus. Ursprünglich 75 % (!), habe das Destillat aber mit destilliertem Wasser verdünnt, etwas aromatisiert (Zitronenschalenabrieb-Tinktur, Orangenaromakonzentrat, Vanille) und mit Kokos-Sahne-Likör und einem Hauch Kakaopulver gemixt. Grandios. So angenehm trunken war ich lange nicht. Der hochprozentige weiße Rum war Beifang von – kann ich jetzt nicht erklären, ohne indiskret zu werden. Ich schaue mir jetzt dann Voice of Germany an und lese in den Werbepausen weiter im mittlerweile fundiertesten Bachmann-Archiv in Berlin (meine Wohnung). Demnächst melde ich mich beim Großen Preis mit Wim Thoelke als Kandidatin an. Thema: die wahre Drogen-Biographie von Ingeborg Bachmann. Cheers!

25. Oktober 2023

Stelle fest, mit Zitaten von Max Frisch ließen sich über Tage und Wochen zufriedenstellende Blogeinträge von tadelloser Qualität fertigstellen. Wäre auch bequem für mich und inspirierend für die Anderen. Heute will ich einmal bequem sein:

„Man sollte die Wahrheit dem anderen wie einen Mantel hinhalten, daß er hineinschlüpfen kann – nicht wie ein nasses Tuch um den Kopf schlagen.“

Max Frisch (1911 – 1991)

24. Oktober 2023

Ich betreibe hier in meinem Wohnzimmer gerade derart obskure Recherchen, dass es mich fast schon selbst befremdet. Und zwar bohre ich mich gerade in eigentümliche biographische Bachmann-Details. Im Zuge des Besuchs der Bachmannfilm-Premiere sah ich mir wieder einmal Originalaufnahmen an, die die Autorin sprechend zeigen. Bei Lesungen ist ja klar, dass sie abliest. Jetzt kamen mir aber auch interview-artige Dokumente unter, wo sie Fragen beantwortet, die eine Stimme aus dem Off stellt. Dabei schaut sie so leicht nach unten, wie auf Notizen. Sie hat sich offenbar nicht zugetraut, frei zu antworten oder konnte das nicht mit ihrem schriftstellerisch ambitionierten Anspruch an vollendeten sprachlichen Ausdruck vereinbaren. Das wirkt alles seltsam hölzern und geschraubt, wenn auch bemerkenswert formuliert. Es ist mir noch nicht gelungen, ein Filmdokument zu finden, wo sie natürlich oder gar impulsiv aus dem Stegreif zu antworten scheint oder mit natürlicher Lebhaftigkeit spricht. Ob es das überhaupt gibt? Ihr Bruder Heinz Bachmann, der noch lebt und ihr ungeheuer ähnlich ist, auch vom Akzent her und von der Mimik, beschrieb sie als ganz natürlich und einfach im privaten Umgang. Nun sind das aber ja meist Filmdokumente aus den Sechziger Jahren, die da zu finden sind.

Das ist aber nicht das, was ich mit obskuren Recherchen meine. Sondern, kam ich auf den Gedanken, dass das Hölzerne, etwas Abgestumpfte, Statische mit dem gleichförmig mechanischen Duktus auch auf einen Zustand der Sedierung zurückzuführen sein könnte. Das Ergebnis des Cocktails aus Psychopharmaka, Beruhigungs- und Schlafmitteln, den sie über Jahre täglich zu sich nahm. Das stärkste Mittel, Seresta, war dasjenige, welches die starken Entzugserscheinungen mit epileptischen Anfällen bei ihrem Todeskampf verursachte, das bis einen Tag vor ihrem Sterben vom persönlichsten Umfeld verheimlichte Medikament. Nun habe ich den bizarren Ehrgeiz entwickelt, herauszufinden, wann sie angefangen hat, das zu nehmen. Meine Recherche hat zutage gefördert, dass Seresta 1960 auf den Markt kam und zwar in der Schweiz.

Im Briefwechsel mit Frisch schreibt Bachmann an ihn im November 1960, dass die befreundete Schweizer Arztgattin Heidi Auer ihr ein Medikament als Therapie nahelegt, das ihr gut helfen könnte. Es wird nicht namentlich genannt. In der Folge erwähnt sie dann ab und zu in Briefen an Frisch, dass sie noch ihre Tabletten nehmen muss und die schon ganz gut anschlagen. Es geht um ihre Angststörung, genau dafür ist Seresta gedacht, ein starkes Beruhigungsmittel mit dem Wirkstoff Oxazepam, das schnell abhängig macht und persönlichkeitsverändernde Wirkungen hat, wie eine gewisse Gleichgültigkeit. Auf der Seite der Betty Ford-Klinik heißt es zur Wirkweise bei langfristigem Konsum u. a.: „So klagen viele Abhängige über eine stetig wachsende Emotionslosigkeit, Erinnerungslücken, kognitive Einschränkungen, Halluzinationen und bisweilen sogar über Psychosen. Das Leben verläuft gedämpft und wird wie unter einer Glasglocke wahrgenommen.“ Für mein Empfinden passt das zu der marionettenhaften Sprechweise von Bachmann. Max Frisch hat ihren fortschreitenden Konsum von Psychopharmaka besorgt beobachtet, heißt es.

Ich will mal weiter auskundschaften, ob es Film-Aufnahmen vor 1960 gibt. Bachmann hat Frisch 1958 getroffen, vielleicht spielte bis dahin nur Alkohol eine Rolle. Das drogenaffine Schweizer Paar Heidi und Dr. Fred Auer gehörte zum Freundeskreis von Frisch und war durchgängig die Quelle für die Besorgung sämtlicher Medikamente. So viel zu meinen detektivischen Aktivitäten zur Abendstunde.

P.S. Spannend finde ich den von mir vermuteten Sachverhalt, dass Bachmanns Hardcore-Psychopharmaka-Konsum nicht etwa NACH und WEGEN der Trennung von Frisch zwecks Trennungstrauma-Therapie forciert wurde, sondern die ganze Beziehung annähernd von Anbeginn begleitete und zunehmend belastete. Frisch trennte sich demnach von einer schwerst Drogen-Abhängigen und wandte sich einem vitaleren Geschöpf zu. Nebenbei auch kein dummes Püppchen, diese Marianne Oellers, spätere Frisch. Sie hatte Germanistik, Philosophie, Romanistik und Theaterwissenschaften studiert und arbeitete als literarische Übersetzerin. Herausgestrichen wird immer, dass Oellers dreißig Jahre jünger als Frisch war, als sei das ihre einzig attraktive Eigenschaft für den damals Anfang-Fünfziger gewesen. Auch Bachmann war wesentlich jünger als er, der Altersunterschied betrug fünfzehn Jahre. Nur fürs Protokoll und jenen ins Gebetbuch, die sich über Gebühr mit Altersdifferenzen bei Paaren aufhalten.

21. Oktober 2023

Die Namen der Damen, von hinten links im Uhrzeigersinn: Saskia, Jenny, Doro, Gaga. Der Mann hinten in der Ecke gehörte nicht zu uns. Er war in Begleitung einer jüngeren Frau, die neben ihm am Fenster saß. Merkwürdigerweise verfolgten beide von Anbeginn interessiert unser Vierer-Gespräch, ohne selbst jemals ein Wort miteinander zu wechseln. Als ob wir eine Vorstellung für sie geben würden. Es war aber auch interessant, was wir zu erzählen hatten. Tabulose Frauengespräche! An einem Punkt war seine Reaktion so deutlich amüsiert-interessiert, dass ich ihn darauf ansprach, dass das offenbar ein sehr interessantes Gespräch sei, dem er hier folgte, was er nun bestätigte. Er begann selbst zu sprechen und es trat zutage, dass er ebenfalls bei der Bachmann-Premiere zugegen gewesen war. Er war mit der Darstellung von Frisch nicht d’accord, was mir im Zuge seiner Erklärungen zunehmend plausibel schien, wenn ich auch nicht alles verstanden habe. Also akustisch, ich saß am weitesten von ihm weg. Jennys Phantasie schlug Purzelbäume, was die private Konstellation des schon etwas älteren Herrn anging. Sie tippte auf Professor und Studentin, die Richtung in etwa. Ich tippte auf gar nichts, weil es mir relativ schnurzpiepegal war und ist, wenn Paarungen starke Altersunterschiede aufweisen. Es fasziniert mich eher, als dass es mich besorgt. Immer auch ein Kompliment für einen fortgeschritten älteren Menschen, wenn ein jüngerer noch Lust am erotischen Diskurs zeigt. Meine Haltung amüsierte Saskia, Jenny und Doro. Sie fanden diese Betrachtungsweise wohl originell bis kurios. Ich unterhalte gerne!

21. Oktober 2023

Leute in der Paris Bar, bestimmt Schauspielerinnen! Sehen und gesehen werden! Teuren Wein im Glas und Lippenstift und Schminkspiegel im Anschlag. So normale Leute würden sich gar nicht trauen, in einem französischen Restaurant ihr Make up aufzufrischen. Aber Schauspielerinnen wissen natürlich, die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken, speziell, wenn sie eine Kamera sehen! Habe dann ein paar Fotos gemacht, um die Eitelkeit der beiden Grazien zu befriedigen. Die leben ja vom Scheinwerferlicht! Ich war bloß froh, dass beide ziemlich attraktiv waren, sonst hätte es mir keinen Spaß bereitet – ich hätte Interesse heucheln müssen!

21. Oktober 2023

Das war also die Berliner Kino-Premiere von Margarethe von Trottas neuem Film „Ingeborg Bachmann – Reise in die Wüste“. Im ausverkauften Delphi-Filmpalast fanden wir im hinteren Bereich fünf Plätze nebeneinander. Fünf Freundinnen, die Interesse an Bachmann und ihrer Beziehung zu Max Frisch hatten. Jede hatte ihren eigenen Wissenstand zu Bachmann und Frisch mitgebracht.

Ich zum Beispiel habe über Jahrzehnte immer wieder über die beiden gelesen, auch was sie selbst als Autoren verfassten. Es rutscht aber auch manches wieder in die Vergessenheit, meine Auffrischung war Anfang der Woche das Büchlein des Bruders von Ingeborg Bachmann. Den Briefwechsel von Bachmann und Frisch habe ich nur deswegen noch nicht gelesen, weil er erst im kommenden Frühjahr als Taschenbuchausgabe erhältlich ist und mir die Hardcoverausgabe unterwegs zu schwergewichtig ist. (E-Reader schmälern mein Lesevergnügen.)

Nun gab es also einen Film, der auf meinem Kenntnisstand über die beiden beruhte, da Trotta weder vor noch bei den Dreharbeiten Einblick in den Briefwechsel der beiden nehmen durfte, trotz aller Bemühungen und der Fürsprache von Bachmanns Bruder. Der Suhrkamp-Verlag blieb eisern. Im Nachgang las ich in Rezensionen, dass eine bemerkenswerte Neuigkeit sei, dass Max Frisch keineswegs autokratisch in Gutsherrenmanier in „Mein Name sei Gantenbein“ Beziehungsdetails ausgeplaudert und verarbeitet hat, sondern vielmehr Bachmann von Anbeginn eingebunden war, lektoriert hat und er jegliche Änderungswünsche ihrerseits berücksichtigte. In der Tat bemerkenswert, weil es nicht in die Opferrolle der vermeintlich rücksichtslos von Frisch für seine literarischen Zwecke ausgebeuteten Bachmann passt, die bis dahin gepflegt wurde.

Aber nun zum Film. Durchaus ein Erlebnis, vor allem visuell. Grandios die Auswahl der Filmmusiken, Selbstläufer, ganz dichte, elegante Bilder und Ausstattung. Ich hätte mir doch ein wenig mehr äußerliche und ausstrahlungsmäßige Ähnlichkeit von der Hauptdarstellerin Vicky Krieps erhofft, die im Vergleich mit Bachmann etwas stabiler rüberkommt. Ich meine das mental. Bachmann war äußerst willensstark, hatte aber eine damit kontrastierende hohe Empfindlichkeit, die auch schüchterne Anklänge hatte. Ich sehe das in Original-Filmdokumenten, wo sie lesend zu hören und zu sehen ist. Auch ein leichter österreichischer Akzent hätte mir überaus gefallen.

Aber ich sehe auch die Herausforderung, eine Schauspielerin zu finden, die all das erfüllt und der Rolle auch intellektuell gewachsen ist. Von Trotta erzählte in einem Interview, dass sie nicht explizit nach einer idealen Bachmann-Darstellerin gesucht hat, sondern schon längere Zeit einmal mit Vicky Krieps arbeiten wollte, weil sie sie besonders gut fand. Die Verbindung bot sich dann an.

Es ist kein Film, der den Anspruch hat, Ingeborg Bachmanns gesamtes Leben nachzuzeichnen. Margarethe von Trotta wurde Bachmann – so vermittelte sie es zumindest im Gespräch nach der Filmvorführung – als Filmprojekt von Produzentenseite angetragen, und sie hatte freie Auswahl, welchem Lebensabschnitt sie sich widmet. Die fehlende Detailkenntnis über die Beziehung mit Frisch wurde dann mehr oder weniger frei mutmaßend so ausgefüllt, dass es in etwa dem allgemeinen Kenntnisstand vor der Veröffentlichung des Briefwechsels entsprach. Überzeichnungen nach Gusto von Produzentenseite und Regie inbegriffen.

Mir fiel erst später, gestern, wieder ein, dass ich meine, in einem Buch, nämlich in „Wer war Ingeborg Bachmann?“ von Ina Hartwig gelesen zu haben, dass Bachmann sich während ihrer Beziehung zu Max Frisch gelegentlich Blumen in die gemeinsame Wohnung und auch einmal ins Krankenhaus schicken ließ (ihr wurde die Gebärmutter entfernt), und sie nebulös im Dunkeln ließ, dass sie selbst die Auftraggeberin war und keineswegs ein bewundernder Verehrer. Das erwähne ich deshalb, weil im Film immer wieder – fast schon ein running Gag – Blumensträuße unbekannter Herkunft der Aufhänger für Max Frischs angebliche übersteigerte Eifersucht sind. Der sehr geschätzte Ronald Zehrfeld hat hier leider eine etwas undankbare Rollenaufgabe, indem er im Spiel sein Potenzial plakative Eifersucht darzustellen, ausloten muss. Was dann auch zu allgemeinen Lachern im großen Publikum führte. Er kann sich in den Szenen nicht ultimativ wohlgefühlt haben, dafür kommen sie zu aufgesetzt rüber. Was ich von Zehrfeld eigentlich nicht kenne: aufgesetzt wirkendes Spiel.

Der Film arbeitet durchgängig mit Rückblenden. Ausgangssituation ist ein Ägypten-Urlaub im Mai 1964, ein Jahr nach Ende der Beziehung mit Frisch, über das sie nicht hinwegkam, er verließ sie für eine andere. Bachmann reiste mit ihrem neun Jahre jüngerem Freund Adolf Opel nach Ägypten, bekanntlich ein Wüstenland, daher „Reise in die Wüste“. Es wird als kathartisches Reise-Erlebnis vermittelt, die Reise in die Wüste, die Frisch ihr zu Beziehungszeiten in Aussicht gestellt hatte, die aber nie unternommen wurde. So sehen wir allerlei schöne Wüstenbilder und nordafrikanische Innenausstattung, was auch für den Kinozuschauer Urlaubsqualität hat.

Ich habe den Film genossen und freundete mich nach und nach auch mit Vicky Krieps Spiel an, weil sie doch eine einigermaßen angemessene Wahl vom Spielpotenzial ist. Am besten fand ich sie, als sie auf einem Podium vor vielen Männern in Schlips und Anzug, mit um Festigkeit ringender Stimme einen ihrer ernsten und durchaus politischen Texte las. Die Ausstattung, die Kamera, Kostüm, alles Augenweide, man kann es nicht oft genug sagen. Durchaus eine Empfehlung, dieses visuell opulente Werk von Trotta.

Was ich nicht gebraucht hätte, war die sich stark vom Film und vom Bachmann-Frisch-Thema entfernende Diskussion mit drei hinzugeladenen Damen, die sich dezidiert auf patriarchalische Zustände Anno Dazumal und heute fokussierte. Da saß Zehrfeld als einziger Vertreter seines Geschlechts und wurde kaum in das Gespräch einbezogen. Ich hätte lieber ein paar Anekdoten rund um die Dreharbeiten gehört. Aber Trotta amüsierte mich mit ihren teilweise resoluten bis unwirschen Entgegnungen. Sie ist schon eine Klasse für sich.

Später in der Paris Bar, wir tauschten uns angeregt über das Gesehene und auch die Diskussion aus, ließ Saskia ihrer Vermutung Raum, dass Margarethe von Trotta etwas verschleiert und unter den Teppich gekehrt haben könnte, dass sie durchaus eine persönliche Beziehung zur Bachmann-Frisch-Konstellation haben dürfte. Wir sahen im Foyer ihren langjährigen Gefährten Volker Schlöndorff. Wie allgemein bekannt, auch ein ehemaliges Paar von Alphatieren mit gleicher Profession. Und Schlöndorff war mit Frisch befreundet. Aber auch hier können wir nur mutmaßen.

19. Oktober 2023

Der folgende Eintrag korrespondiert mit meinem Abendprogramm. Zur Einstimmung auf den heutigen Filmabend mit geschätzten Freunden im Delphi-Filmpalast, las ich die vergangenen beiden Tage das schmale, gerade erschienene Buch von Heinz Bachmann, „Ingeborg Bachmann, meine Schwester“, Piper Verlag 2023. Es folgen zwei Stellen, die mich beschäftigten und berührten. In der ersten Passage ist die Rede von Briefen, die Max Frisch an Ingeborg Bachmann schrieb.

Seite 75

„Das Scheitern der Beziehung überraschte mich nicht und hat mit der Ungleichheit der Beteiligten zu tun. Ingeborg, die die Utopie eines Neuanfangs leben wollte, ein Ideal, das scheitern musste, und Frisch, der im Jetzt zu leben schien und einen Mangel an Empathie und Mitgefühl hatte. Ganz abgesehen von seiner Eifersucht, die allgemein als extrem bekannt war. Was mich beim Lesen der Briefe noch heute verwundert, ist, dass er meiner Schwester oft Durchschriften, nicht die Originale schickte. Wer macht so etwas?“

S. 85

„Vater beschreibt im zweiten Teil des Heftes die Schrecken des Zweiten Weltkrieges, von Standgerichten, dem Chaos des Rückzuges und der Feigheit der SS, die nur ihre Haut retten wollte und sich auf der Flucht um niemanden kümmerte. Vater erzählt bis zur Einkesselung in Prag und der Flucht aus der Stadt mit seinen Untergebenen. Seine Haltung zum Krieg war klar, und er berichtet in seinen Aufzeichnungen von einem Gespräch mit einem Kollegen aus der Schule: »Ich bedaure nichts, was war«, sagte der, und Vater antwortete: »Ich verfluche diese Zeit.« Interessant war, dass dieser Kollege nie »eingerückt« war. Mir gegenüber sagte mein Vater: »Es war fürchterlich, ich kann nicht darüber reden.« Das Schreiben ist ihm leichter gefallen. Er litt unter Albträumen und schlief zum Leidwesen unserer Mutter sehr unruhig und schrie häufig im Schlaf. In seinen Aufzeichnungen besteht eine große Lücke zwischen Jugend, Erstem Weltkrieg und dem Zweiten Weltkrieg. Ingeborg muss wohl auch auf dieses Kapitel gewartet haben, das unser Vater anscheinend nie geschrieben hat. Denn im Gespräch war das sehr klar: »Papa, ich brauche deine ganze Lebensgeschichte.« Ganz allgemein war das Geplänkel der »Tagespolitik« in Gesprächen oder sonst am Esstisch kein Thema. Aber geschichtlich wichtige Hintergründe, das war etwas, das immer wieder aufkam. Die verlorenen Lebensjahre in sinnlosen Kriegen vergeudet, das hat er sich selbst nicht verziehen.“

Bewegend. Wir sehen heute in Anwesenheit von Margarethe von Trotta und des Casts und der Filmcrew, ihren neuen Film Reise in die Wüste. Hier ist der Trailer. Ich berichte.

18. Oktober 2023

Vor einem halben Jahr erwähnte ich meine damalige Lektüre, eine Sammlung von Kurzgeschichten von Zelda Fitzgerald, „Himbeeren mit Sahne im Ritz“ (Penguin Books Taschenbuch, ins Deutsche übersetzt von Eva Bonné). Damals machte ich fünf bis sechs Eselsohren. Gestern las ich nochmals die geknickten Stellen und entschied mich für die folgenden drei Passagen. Also: Prädikat 3 Eselsohren.

Erstes Eselsohr S. 7

„Gracie war hübsch, für ein Mädchen von zwanzig Jahren allerdings ein wenig zu füllig. Ihr flachsblondes Haar hätte herrlich glatt und glänzend sein können, geradezu schön, wenn sie es nicht aufgedreht und über den Ohren festgesteckt hätte, bis ihr Kopf vollkommen deformiert aussah. Ihre blasse Haut schimmerte, ihre großen blauen Augen traten leicht hervor. Ihre Zähne waren klein und sehr weiß. Sie wirkte so warm und feucht wie aus heißem Milchschaum geboren, was sich nicht ausschließen ließ, immerhin hatte niemand je ihre Mutter gesehen. Sie bewegte sich so sinnlich wie die Diva einer Burlesque-Show, jedenfalls in ihren eigenen Augen; hätte Mr. Ziegfeld‘ (von dem Gracie nie gehört hatte) sie telegrafisch in seine Revue eingeladen, sie wäre nur wenig überrascht gewesen. Im Stillen erwartete sie Großes vom Leben, und zweifellos war das einer der Gründe, warum das Leben ihr Großes gewährte.“

Beim zweiten Eselsohr geht es immer noch um die kesse, lebenshungrige Gracie aus New Heidelberg in Minnesota. Sie arbeitet im Familienbetrieb, einer Grillbude, wo regelmäßig ein feiner Herr aus dem größten Kaufhaus der Stadt sein Hühnchen verzehrt. Gracie glaubt irrtümlich, er sei der Blue Ribbon-Kaufhaus-Besitzer, aber er ist nur der Geschäftsführer. Sie träumt manchmal davon, im Kaufhaus anstatt in der Grillbude zu arbeiten und verwickelt ihn in ein Gespräch.

Zweites Eselsohr Seite 11 – 12

„(…) Gracie hatte nicht nur seiner Person geschmeichelt, sondern seiner Stellung im Leben. Er strahlte über das breite Gesicht. Für einen kurzen Moment hielt er vollkommen still und sah Gracie an, ohne auch nur ein Mal zu blinzeln. «Nicht ganz», sagte er und fing erneut zu schwanken an, ich bin nicht der Besitzer. Ich bin der Geschäftsführer. Blue Ribbon hat das Geld, ich habe den Verstand.» Mr. Pomeroys Stimme steigerte sich zu einem selbstbewussten Grölen, und Gracie war trotz ihrer Enttäuschung sehr beeindruckt. «Sind Sie mit ihm verwandt?», fragte sie neugierig. «Nicht ganz», sagte Mr. Pomeroy, «aber fast – wir sind sehr eng.» Womit er andeuten wollte, dass sie sich sehr nahestanden, wenn auch in diesem Moment nicht physisch. «Können Sie einfach hingehen und sagen: Das gefällt mir. Ich glaube, ich nehme das und dann aus dem Laden mitnehmen, was Sie wollen?» Sie war von dem Mann jetzt ganz gefesselt. Auch ihr Vater hörte aufmerksam zu. «Nicht ganz», musste Mr. Pomeroy zugeben. «Um genau zu sein, kann ich die Sachen nicht einfach mitnehmen, aber ich bezahle zwanzig oder fünfundzwanzig Dollar weniger als jemand, der keinen Einfluss genießt und nicht dort arbeitet.» «Ah, ich verstehe», sagte Gracie begeistert und überreichte dem wichtigen Gast einen Teller Hühnchenfleisch. «Deswegen arbeiten die Mädchen da. Ich würde das selbst gern mal probieren. Ich würde billiger kaufen, was mir gefällt, und dann würde ich kündigen.» «O nein, das würden Sie nicht», sagte Mr. Pomeroy mit vollem Mund. «Sie würden nicht kündigen. Das sagen Sie jetzt nur.» Er fuchtelte mit einem fettigen Hühnerbein vor Gracies Gesicht herum. «Ich frage mich, woher Sie das wissen wollen!», rief Gracie empört. «Wenn ich sage, ich kündige, dann kündige ich. Ich kann ja wohl kündigen, wann ich will.» Der Gedanke an die Kündigung erregte sie sehr. Sie sehnte sich leidenschaftlich danach, zu kündigen, und sie hätte zweifellos auf der Stelle gekündigt, hätte es etwas zu kündigen gegeben.“

Drittes Eselsohr, Seite 127, andere Geschichte

„Doch für Eloise war Tatkraft ein Gottesgeschenk, auf das man warten muss wie ein Gefangener auf die Gerichtsverhandlung; bis dahin ist man von Hoffnung erfüllt oder von dunklen Vorahnungen.“

Jetzt bin ich erstmal fertig mit alten Eselsohren!

17. Oktober 2023

Helmut Krausser, „Einsamkeit und Sex und Mitleid“ Dumont Taschenbuch. So lala, trallala, bißchen platt, bißchen flach, bißchen grell, mir zu schnell. Slapstick. Prädikat: 1 Eselsohr, S. 147

»Sag mal, (…) wann sehen wir uns eigentlich wieder?« Uwe dachte einen Augenblick zuviel nach. »Wir rufen uns einfach zusammen, oder?« Janine dachte: Pustekuchen. (…) »Gut, machen wir, gibst du mir noch mal deine Nummer? Ich hab sie, fürchte ich, verschlampt.« Uwe überlegte zwei, drei Sekunden, schrieb dann eine Nummer auf einen Bierdeckel und reichte ihr den, wie man als Dealer beim Blackjack eine verdeckte Karte gibt. Janine nahm den Bierdeckel, steckte ihn in ihre Handtasche, (…) stürzte den halben Shake in einem Zug hinunter und entschuldigte sich, sie müsse noch einen Termin wahrnehmen, der ihr entfallen sei. Mit diesen Worten verließ Janine das Lokal (…). Sie hätte gern jemanden, irgendeine neutrale Instanz, gefragt, mit der Bitte um ehrliche Antwort, ob sie sich lächerlich gemacht hatte. Andererseits: Scheiß drauf. Es gab so viele Menschen. So viele. Milliarden. Und alle würden in hundert Jahren tot sein. Sie war nur einer davon. Für Uwe traf nichts anderes zu.

16. Oktober 2023

Die Geburtsstunde von „Wild Horses“.

»A welcome ceremony awaited Marlon back at Cheyne Walk, including a musical tribe of mystics from Bangladesh. They chanted as the baby was brought into the house, dropping rice and rose petals from the oak balustrade. Robert Fraser was there with a crib hand-painted in psychedelic colors. „Everybody was slashing me when I had Marlon,“ Anita told Victoria Balfour, „saying, „You must be crazy to have children.““ They criticized everything, even the milk bottles she used to feed him.

Keith had an easier time. „Keith would pick him up from his crib and whisper to him about all the things they would do together one day once he got a little bigger. ‚You and me baby….. We’ve got the whole world together. We don’t need nobody else.“ But Keith’s time with the baby was cut short. He was needed in LA with the rest of the band to record their new album, Let It Bleed. And the Stones‘ American tour-their first in over three years-was due to start on November 7, 1969. A fragile newborn couldn’t join him on the road. Keith would have to leave his lady at home. Keith hated abandoning Anita at this hour. They’d been doing so well together, and last year’s heartbreak seemed forgotten and resolved. Now his heart broke again over the looming departure, and he poured all that longing into writing „Wild Horses.“ „I wrote this song because I was doing good at home with my old lady,“ he would tell Stanley Booth in December 1969. „I wrote it like a love song.“

Keith ignored the troops of groupies that trailed him that tour. „Whenever we got to a hotel, he was calling her,“ confirmed Sam Cutler. „He desperately missed Anita. He pined for her…. He was never unfaithful to her. I was with him every minute of the day of the 1969 tour and he was never with any other women. He was a one-woman-man – a great romantic and a gentleman.“«

Elizabeth Winder, Parachute Women, S. 191

15. Oktober 2023

Nahaufnahme der Mauer, die auf dem Landschaftsfoto ganz klein rechts hinten zu sehen ist. Da war ich nun am anderen Ende angelangt und es gab keinen Ausgang, nur ein Loch im Mauerwerk, da hätte ich unten, am Erdboden entlang durchschlüpfen können, wollte mir aber meinen Mantel nicht versauen. Dann weiter nach links, da saß im Gebüsch in der Sonne ein Junkie, der sich gerade eine Spritze setzte, er schien mich gar nicht zu bemerken, ich ging einfach vorbei. Das ist ja doch irgendwie ein intimer Vorgang. Ich musste kurz an meine Lektüre denken, „Parachute Women“, über die Stones Frauen. Gerade in den letzten Kapiteln, wo ich nun bin, gibt es keine drogenfreien Passagen. Vor allem bei Keith und Anita. Alles keine Neuigkeiten, relativiert aber zwangsläufig die Beurteilung von Junkies. Tristesse in allen Gesellschaftsschichten. Mir sind Junkies emotional näher als Kokser, weil ich glaube, dass Heroin von Sensibelchen bevorzugt wird, Koks aber von Macht- und Erfolgsfixierten. Ich bin zum Glück für beides nicht verführbar. Ich ging weiter und hielt noch mal Ausschau nach einem Hinterausgang. Die Mauer ging in einen Zaun über, da war dann ein verschlossenes Tor, ich ging wieder Richtung Hermannstraße.

15. Oktober 2023

Die für mich noch größere Überraschung bei meinem Rundgang ist hier zu sehen und erklärungsbedürftig. Für Unwissende muss das ein beliebiges, nicht weiter aufregendes Bild von einer uncharakteristischen Durchschnittslandschaft mit Bäumen und blauem Himmel sein. Man muss sich das Areal ungefähr in der Größe von einem Fußballfeld vorstellen. Ein wilder Acker mit Gras, Gestrüpp und Disteln, komplett menschenleer. Zumindest auf den ersten Blick. Die Überraschung besteht darin, dass sich dieses verlassene Stück Natur ungefähr dreieinhalb Minuten Fußweg von der U-Bahn-Halte Leinestraße befindet, einer Ecke von Berlin, die komplett das Gegenteil von menschenleer und verlassen ist. Es ist ein Gewusel ohne Ende. Auf einmal hörten innerhalb des mit einer Mauer begrenzten Friedhofs die Gräber auf, und es gab nur noch diese große, freie Fläche mit sich überlassener Natur und mich.

15. Oktober 2023

Gemütliche Herbststimmung. Die erste Überraschung habe ich nicht fotografiert, nämlich einen Bereich, wo vorwiegend Gräber mit türkischen Namen sind. Die Überraschung ist in dieser Ecke von Berlin freilich nicht, dass zahlreiche Menschen mit türkischem Ursprung hier ihre letzte Ruhe gefunden haben, oder dass Fotos auf den Grabmalen sind. Neu ist mir die ausgiebige Möblierung mit modernen Outdoor-Lounge-Möbeln als Sitzgelegenheiten an den Gräbern. Bequeme Sessel und Sofas, die mit maßgeschneiderten Regenschutzumhüllungen bekleidet sind. Es war recht gut besucht.

15. Oktober 2023

Ungeplanter Streifzug gestern. Ich nehme auf dem Weg zu meinem Atelier jetzt meistens die U8-Haltestelle Leinestraße mit dem Ausgang Richtung Thomasstraße, und laufe dann eine Weile die Hermannstraße nach Süden, bis zur Ecke Schierker Straße. Am Samstagnachmittag gab es warme Herbstsonne und ich wollte mal anders laufen. Meine Idee war ein Schlenker über den St. Thomas-Friedhof, bis ganz nach hinten, in der Hoffnung, dass da ein Ausgangstor ist, und dann nach rechts bis zur Schierker. Verlief etwas anders, aber schön und überraschend. Das barocke Eingangsportal an der Hermannstraße erfreut mich immer wieder.

14. Oktober 2023

Bin wiederhergestellt und besuche nach fünf Tagen meine Werkstatt. Die Sonne blendet mich, während ich das tippe, also raus vor die Tür. Ich habe ein Album angelegt, in dem zu sehen ist, was ich dort die vergangenen acht Jahre fabriziert habe. Ganz schön viel! Ich mache mir Gedanken.

13. Oktober 2023

Helmut Krausser „TRENNUNGEN. VERBRENNUNGEN.“ Eselsohr Seite 151, Piper Taschenbuch

Leo und Iris verbrachten Sonntagnachmittage im Spätherbst gewöhnlich mit einer Netflix-Serie und Honig-Ingwer-Tee. Sie mußten oft lange suchen, bis sie eine Serie fanden, die beide gleichermaßen interessierte. Für Iris kam nichts mit Mord und Zombies und Fantasy in Frage, Leo hatte nichts für Sozialdramen und Comedy übrig. Irgendwie hatte man sich stets auf etwas geeinigt, das erträglich war, aber keinen von beiden wirklich begeisterte. An diesem Sonntag wurde Leo bewußt, daß sich eine gute Beziehung gar nicht so sehr im Bett wie vor dem Fernseher entscheidet. Irgendwann, überlegte er, werden die Kompromisse auf dem Mittelweg zuviel. Eine Begeisterung, die man mit dem Partner nicht teilen kann, schrumpft, wenn man sie quasi in sich hineinfressen muß. Sie liegt dann schwer im Magen, und statt Euphorie stellt sich das Gefühl ein, nicht verstanden, nicht beachtet zu werden. Hinzu kam, daß Iris aß. Nicht nur, daß sie vorhin im Café ihren ganzen Frühstücksteller, von diesem Alibi- Toast mal abgesehen, leergefuttert hatte, eben hatte sie vor dem Fernseher einen halben Liter Haselnuẞeis verdrückt, und jetzt holte sie sich auch noch getrocknete Feigen. Entweder war das, fand Leo, eine Kriegserklärung oder extrem unaufmerksam an einem Tag, an dem er sie, wenige Stunden zuvor, darum gebeten hatte, ein bißchen auf sich achtzugeben. Er reagierte, indem er nicht wie vorgesehen die siebte Staffel der Mad Men aufrief, sondern die erste Staffel der von ihm heißgeliebten Walking Dead. Die wollte er sich immer schon ein zweites Mal reinziehen. Iris machte große Augen.

12. Oktober 2023

EVOLUTION II. Die goldenen Leitlinien. Gaga-Maluntergrund: Unternehmensberatungs-Klimbim Firmen-Leitlinien auf sieben Merktafeln; vier Tafeln 30 cm x 30 cm (maigrün, lilablassblau, cyan, schlumpfblau), drei Tafeln 30 cm x 50 cm (grasgrün, swimmingpoolblau, indigo), Acrylgold, Flambierbrenner, 28. Januar 2023, Staatliche Museen v. Gaganien, Sammlung Fasanenstraße.

11. Oktober 2023

Böse kleine Hexe. Statt bei Albans Event in der Dt. Oper, auf halbacht im Wohnzimmer. Wärmflasche im Rücken. Hab sie fast eine Stunde gesucht, so lange nicht gebraucht. Stöhne ab und zu. Fenster ist gerade nicht auf. Später zum Schlafengehen. Könnte neidische Nachbarn geben. Dabei hatte ich mich heute Morgen schon opernfein gekleidet, auch die Kamera eingesteckt, weil ich eh tagsüber in der Nähe in Charlottenburg war. Blöd. Ich hab auch ein geerbtes Wärmegel, aber das brennt mir auf der Haut. Lieber gute alte Wärmflasche.

11. Oktober 2023

Zweite Hälfte Best of Kirchhoff „Die Liebe in groben Zügen“

S. 429, 430

Sie fuhr und fuhr, Mannheim, Karlsruhe, Freiburg, die Autobahn fast voller als bei Tag, sie kam nicht voran, wie sie wollte, und sprach dafür vor sich hin, was sie wollte, alles, was sie sich in Wilfingers Büro verkniffen hatte oder auf das sie gar nicht gekommen war in seiner Gegenwart, aber jetzt kam. Warum war Schluss mit mir und den Mitternachtstipps, sagen Sie’s einfach. Aber er sagte nur Scheiße, und nicht einmal das richtig. Also, warum nicht: Scheiße, Sie sind zu alt, Vila, bald dreiundfünfzig, aber unsere Zuschauer um diese Nachtzeit, die sind dreißig und jünger. Und sehen nicht irgendwelche Zeichen oder Dinge, die sie weiterzappen lassen, sondern Ihre konkreten Fältchen, wenn Sie es genau wissen wollen, am Hals, um die Augen, am Brustansatz, wo’s zu den Titten geht, die Sie immer verstecken. Das ist wie Schmutz auf dem Schirm, wie Fussel auf einem sauberen Flatscreen. Das hätte er sagen können, und sie hätte ihn samt seiner Schreckensfrau und Hobbydesignerin nie zu ihrem Sommerfest eingeladen. Hat sie aber, obwohl alles so gemeint war, nur warum hat sie’s dann? Weil er sie an ihren Vertrag erinnert hat auf seiner Silvesterparty, Und wissen Sie: Ob Sie nun vor der Kamera sind oder dahinter, Sie sind es mit einem festen Vertrag! Sagt er so, meint Renz. Ein paar Neujahrsworte zu einer festen Freien. Oder freien Festen, auch nur Worte. Dann lieber frei sein, aber festgehalten. Sie konnte Wilfinger nicht mehr ausladen, nur ertragen. Vila, wie jung Sie wirken!, noch ein Silvesterknaller. Aber was sagt dem Dreißigjährigen dann bei ihrem Anblick, dass er weiterzappen soll? Ihr Mund wohl kaum, auf den hat Wilfinger ständig gestarrt. Auch nicht die Frisur, ihre Nachfolgerin geht zum selben Friseur. Bleibt neben den Schmutzfältchen nur der Blick, das muss es sein, (…)

S. 435

Renz war ja mehr ein Gelegenheitsvater: wenn die Kleine erst ausgehen kann, wird alles nachgeholt, ein ewiger Spruch. Einen Scheiß hat er nachgeholt, als sie fünfzehn war. Zeit blieb nur für eine neue Serienheldin, seine Dorfschullehrerin Zeisig, auch noch ihre Idee, dieser zündende Name Stella Zeisig. Die sie sich jeden Mittwochabend beim ersten Glas Wein in einem Fernseher auf der Küchenkommode ansah, während Renz mit keiner Wimper zuckte, ihre Dummheit in Kauf nahm – wer keine Ahnung hat, der ist dumm. Zwei ganze Jahre lang war sie dumm. Sechsundzwanzig Folgen, je dreizehn in jedem Winter, mittwochs vor der Tagesschau: die Idiotinvilastunde. Er sah seine Geliebte, sie sah die Zeisig. (…) Nach der letzten Folge hatte die Heldin genug von Renz, und er ließ sich häuslich trösten, sie reisten noch einmal durch Marokko, (…) Ein Versöhnungstrip, sie machten es in jedem Hotel, neben dem Bett eine Wasserflasche (…) Es war seine Versöhnung, nicht ihre. Und in Erfoud, am Rand der Wüste, hat sie es aus ihm herausgeprügelt, sein gescheitertes Liebesding mit der Serienfotze: ihr Erlösungswort in der Sache. Renz heulte, und sie heulte mit. Und jetzt hängt sie an ihm, weil ihre Zeit in ihm steckt, ihre Tränen. Und genauso seine Zeit in ihr.

S. 525

Es gibt ein Sofa, einen Büchertisch, Bilder, die sie gemeinsam gekauft haben; die Sofakissen in den Farben Italiens, seiner alten Städte, das blasse Rot, blasse Gelb. Immer noch nackt, legt sie sich zwischen die Kissen. Jedes Buch auf dem Tisch, ein legendärer Titel, in diesem Sommer wird sie nichts davon lesen. Sie ist selbst am Kern des Lebens.

S. 587

Und Liebschaft, eins ihrer Zufluchtsworte. Wie Glück. Oder Schönheit. Nur war Schönheit für sie Bewegung, Bühls Gang, seine Gesten, seine Blicke, er konnte einen ansehen, als werde man getauft. Ich taufe dich im Namen des weiblichen Geistes, der kranken Sehnsucht, des Verlangens. Und Glück, das waren solche Taufen, die sich nicht fassen ließen, auch nicht hinterher.

S. 638

Mit dem Verschwinden des geliebten Anderen verschwindet immer auch eine Idee von Liebe, weil der Andere im Grunde nicht genug von ihr hält, weil er von sich selbst nicht genug hält. Also geht er samt der Idee, die er mit in die Welt gesetzt hat, verflüchtigt sich wie die Rücklichter eines Überholenden im Nebel.

S. 639

Renz räumt die Kabine auf, schon für den nächsten Sommer (…). Das Boot schwankt, und sie springt in den See, ihr Körper leuchtet beim Schwimmen, sie hat es auf einem Video gesehen, die Beine gehen auf und zu, immer wieder ihr Schoß, seine Aue: ein frühes Renzwort, schon lang außer Gebrauch, aber sicher noch in ihm. Und irgendwann vielleicht das Letzte, das er vor Augen hat, als Wort und Bild in einem, während die Augen schon nichts mehr sehen.

10. Oktober 2023

KALEIDOSKOP III – AUSGEHEN. „Es handelt sich um Abmalerei“ – „Paris Bar“ (Götz Valien gewidmet). Memorabilia: Tickets (Nick Cave & The Bad Seeds; 2018 Waldbühne, Rolling Stones; 2018 Olympiastadion, Rotfront; 2016 SO36, Berlin Beat Club; 2018 Stadtklubhaus Hennigsdorf, Release Lüül – „Der stille Tanz“; 2022 Musikbrauerei), Flyer (Jan Sobottka, Emil Nolde, Danielle de Picciotto, Hedwig & The Angry Inch, Nänzi, Nico, Udo P. Klein, Café Bleibtreu), Zeitungsartikel (Kippenberger Paris Bar, van Gogh), Fotos (zweimal G. Nielsen), zerteilter Ethno-Seitenstreifen Orsay-Jeans Achtziger Jahre; Schloßstr., orange Linsen, roter Schotter, Blattgold, Kleber, Acryl, Rahmenrückwand, Rahmen, 96 x 54 cm, 1./2./3./15. Mai, 24. August, 24./28./29./30. Sept., 1./3./4./7./8. Oktober 2023, Staatliche Museen v. Gaganien.

10. Oktober 2023

Im Frühjahr las ich „Die Liebe in groben Zügen“ von Bodo Kirchhoff. Ich erwähnte die Lektüre und was mir daran nicht zusagte, in einem Eintrag am 3. Mai 2023. Was ich damals leicht genervt schrieb, wird dem Werk aber nicht abschließend gerecht. Ich fand nämlich durchaus einige Passagen, die mich bewegten und bis zum Ende dranbleiben ließen. Die Routine, die Franz von Assisi-Passagen konsequent zu überblättern, hatte ich beibehalten. Ich habe die Angewohnheit an Stellen, die ich bemerkenswert finde, ein Eselsohr zu knicken, um noch einmal darauf zurückzukommen, wie jetzt mit diesem Eintrag. Hier kommt der erste Teil der Passagen in Kirchhoffs Buch, die mir gut gefielen.

S. 12

Beide kennen sich seit Ewigkeiten, ihre eigenen Worte. Vila wurde schwanger, und man blieb zusammen, gleich um Geld bemüht. Er, anfangs Filmkritiker, geht zu Drehbüchern für Vorabendserien über, sie, irgendwie beim Fernsehen, PR-Arbeit, schafft den Sprung in ein Kulturmagazin, Mitternachtstipps. Da ist Katrin, die Tochter, schon in der Schule, ein Haus am größten See Italiens (dem Kleinen Meer) zur Hälfte bezahlt, und sie wohnen in der häuslichsten Ecke Frankfurts, ruhige Straßen, nach Malern benannt, schöne Altbauten, hohe Bäume, das nahe Mainufer und seine Museen; nah auch die lebhafte Schweizer Straße, ihre Lokale, ihre Läden. Dazu ein Kreis von Freunden wie komponiert, besonnene Paare mit ein, zwei Kindern, Ärzte, Therapeutinnen, Medienleute, Gründer kleiner innovativer Firmen – gemeinsame Abende, gemeinsame Urlaube, ein Leben, für das es kein Ende zu geben scheint. Alles, was uns zerstören kann, existiert bereits, sagt Renz gern, wenn er beim Aufräumen der Küche weitertrinkt. Der Mensch, den wir mehr lieben werden, als er uns liebt, die Wahrheit, die einen fertigmacht, das Messer, in das wir rennen.

S. 101

LIEBE kommt auf uns zu, nicht andersherum, wir können ihr nur davonlaufen, sie als trauriger Sieger abhängen, oder den Atem anhalten, wenn sie plötzlich wie etwas Drittes neben uns und dem anderen steht: ein Schrecken fast ohne Vorzeichen, wohl der heilsamste, den das Leben bereithält.

S. 209

DAS Dilemma jedes Erzählens: ganz bei den Tatsachen bleiben, auf die Gefahr hin, nichts Besonderes zu erzählen (Das ist der Herbst, willkommen in der Pfalz …), oder eine eigene Wahrheit schaffen, mit dem Risiko, dass andere sie abtun können, als pure Erfindung. Was bleibt einem bei dem Dilemma? Man kann nur schweigen oder weitererzählen, und dann hilft es, wenn Fakten und Erzählerwahrheit gelegentlich ein und dasselbe sind.

S. 215, 216

„Es gibt mich wieder, seit es dich gibt“schöne Worte, keine beruhigenden. Und Worte, die man nicht speichern musste, die sich von allein einbrannten, in einem weiterwirkten, andere Worte erzeugten, ich weiß jetzt, was ich bin für dich, nur weiß ich nicht, was daraus folgt, ich weiß ja nicht, wer du bist, es geht mir wie dem Erzähler, der sich in seine Figuren tastet und ihnen nur andichten kann, was er mit sonst wem erlebt hat oder von sich selber kennt, mit der Möglichkeit, dass es am Ende nicht passt, kein Ganzes ergibt, nur scheitert. „Dich auf der Welt zu wissen, tut gut“, schrieb er zurück. „Ich esse real und küsse in Gedanken, B.“ Etwas mehr als eine Kurznachricht, schon ein Billett, so expressiv wie alle Botschaften zwischen Liebenden, die Breitschaft, sich in einen Rausch zu stürzen, auszuliefern.

S. 241

Sie nahmen die Autobahn Richtung Rom, eine Tour im Regen, man sah fast nichts, die Beifahrerin hatte den Kopf an der Fahrerschulter, ein Wagen ohne Konsole, zwischen den Vordersitzen die Handbremse, sonst nichts; bis zur Ausfahrt Perugia nur das Geräusch der Scheibenwischer, dann sagte Vila „Komm, erzähl mir etwas“: die alte Bitte, wenn der andere noch ein Rätsel ist, und Bühl erzählte von seiner Nacht im Freien, fast verpasste er die Straße nach Assisi.

S. 293

Sie lachte mit ihrem breiten Mund, und er küsste den Mund: den Teil von ihr, den er retten würde, wenn ihm ein Gott die Chance gäbe, sich etwas auszusuchen zwischen Sohle und Scheitel, das durch seine Wahl überlebt – war er verzweifelt, weil es diesen Gott nirgends gab? (…) In Marlies‘ Nähe fiel er in eine Art Traumwelt, in ein Leben hinter dem Leben, als Renz im Wunderland. Er war nicht Mitte sechzig, er war sechs oder sieben, nur ohne Eltern. Sein Vater, der noch im Krieg war, zuletzt in Belgien, der belesene Allgemeinarzt, der alles wusste und nichts ändern konnte, war mit Mitte siebzig an Prostatakrebs gestorben, da blieben ihm keine zehn Sommer mehr am See. Und auch wenn es weit jenseits der Siebzig passierte, würde er noch ohne das Polster der Weisheit sterben. Nicht das wahre, das gefühlte Alter, von dem alle reden, flößte ihm Grauen ein. Er würde bis zum letzten Atemzug am Leben hängen, am Sehen, am Spüren, am Haben: dass er jemanden streicheln wollte und einen Mund wie Marlies‘ Mund küssen, Blicke sehen wollte, die ihm galten, ihm allein, und den Sommer in seiner Fülle erleben, einmal und noch einmal und immer wieder.

S. 308

Die drei Uraltpaare hatten jedes Jahr ihre Uralttische beim Frühstück und ihre Uraltplätze am Strand, Paare ohne Kinder oder mit erwachsenen Kindern, seit Jahren über Weihnachten in dem Hotel und von Vila und Renz mit speziellen Namen versehen. Nummer eins: das Paar des Grauens, Italiener, sie spindeldürr mit Leopardenleggins und Plateauschuhen, eine Greisinnennutte, er mit geschwärzten Locken, Flickenjeans und Goldkettchen an jedem Gelenk, ein Greisenzuhälter. Dann das Norman-Rockwell-Paar, wie von dem berühmten Illustrator gemalt, zwei Alte aus Houston im ewigen Golfdress, die gern ihre Ansichten über die Verbrecher in Washington und den New Yorker Künstlersumpf loswurden. Und drittens: das Idealpaar, aus genau diesem Sumpf, beide schlank und faltig, der Mann mit Stirnband und einem Lächeln wie Ben Gazarra in The Killing of a Chinese Bookie, sie mit gewaltigem Haar, immer eine Tasche voller Bücher dabei, als hätte Susan Sontag ihre Krankheit überlebt. Und die drei saßen auch schon auf der Frühstücksterrasse, als Vila am anderen Morgen Kaffee bestellte, vor sich nur den Strand und ein glattes Meer, bis Renz dazukam und sie plötzlich Uraltpaar Nummer vier waren, jeder für sich noch ansehnlich, ein Bild von Frau und Mann, aber zusammen das Anti-Paar, mit seinen Strandliegen oft meterweit auseinander und abonniert auf das größte Zimmer in dem kleinen Hotel.

S. 415

Eine großartige Idee, sagte Renz, das war schon nach dem Espresso, als er dem Gast noch die Wohnung zeigte, ihr gehobenes Zuhause inmitten einer Stadt, die als Transitgebilde für Leute galt, die nur ans Weiterkommen dachten, ein Gang, den Vila nicht mitmachte, weil sie seine Wohnungs- und mehr noch die Hausführungen hasste, für ihn noch einmal Gelegenheit, auf Marlies zu kommen – eine schwierige Frau, nicht wahr, auch für Sie? Renz strich an den dunklen, grabsteinhaften Flurregalen mit all seinen ausgedienten Büchern über Filme und Schauspieler, Regisseure und Kameramänner entlang, und die Antwort ein O ja, als er schon die Tischlampen in den vorderen Räumen anmachte, Räume, in die die Sonne nur am späten Nachmittag ein paar schräge Strahlen schickt: Vilas nüchterne Sicht. Also hielt er mit den vielen Lampen dagegen, jede mit warmem Schein, von safrangelb bis blassrot; er hatte auch die Möbel gewählt, passend zur alten Stuckdecke, eine Mischung aus nachgemachtem Biedermeier und Jugendstil und auch halbherzig Neuem wie großen Schwarzweißfotografien anstatt Bildern. Und in der Gegend brauchen Sie nicht einmal Sicherheitsschlösser, sagte er. Der einzige Ärger ist die Parkplatzsuche. Wie ging das mit Marlies auseinander, ungut? Renz nahm eine Flasche Grappa von einem der falschen Jugendstiltische, er füllte drei Gläser und reichte eins weiter, Kilian-Siedenburg roch an dem Grappa. Was geht schon gut auseinander? Es hat nicht einmal richtig gut angefangen.

09. Oktober 2023

Auf den letzten Metern im Britzer Garten, nah am Ausgang Mohriner Allee. In meiner kleinen Sammlung Britzer Garten sind alle Fotoalben vom Geburtstagsausflug. Ich war nicht überall, aber die Highlights sind dabei. War sehr schön und überraschend.

08. Oktober 2023

Vor vielen Jahren war ich in der Arktis, am Nordpolarmeer, auf der nördlichsten Vesterålen-Insel Andøya. Da gibt es viele große Farne in den Wäldern und dieses leuchtende Gelb-Grün. Die Ecke vom Britzer Garten erinnerte mich daran. Außerdem war das die einzige Stelle in dem riesigen Britzer Garten, wo ich ein richtiges Déjà vu hatte, wo echte Erinnerung zurückkam, dass ich da schon mal war, also im Britzer Garten. Die Gesteinsformation, wo ein Wasserrinnsal runtertröpfelt, die gabs schon in den Achtziger Jahren, als ich zum ersten mal in Britz war. Und seither nicht mehr. In Britz hat man einfach nie zu tun. In Britz gibt es noch das Schloss Britz, das ich mir auch mal anschauen will, war ich auch noch nie. Wäre mal ein goldener Herbstausflug. Jetzt ist er nämlich gekommen, der gute alte Herbst. Heute wärmende Oktobersonne.

07. Oktober 2023

Gibt auch einen Pavillon, falls man ganz unter sich sein möchte. Wer zuerst kommt, hat ihn für sich. Ich käme niemals auf die Idee, mich in den Pavillon zu setzen, wenn da schon Leute sind, die eine private Unterhaltung führen. Nur im absoluten Notfall, wenn plötzlich ein ganz schlimmer Regen runterkäme. Aber sonst nicht.

06. Oktober 2023

Ein anderer zauberhafter Teil der Britzer Gartens. Hinter Hecken lässt sich gut verstecken. Ich stelle mir vor, ein idealer Treffpunkt für ein erstes Date mit einer Internet-Bekanntschaft. Überall geheime Ecken mit diskret gestellten Bänken. Bester Zugang: Tauernallee, im Plan da, wo „Themengärten“ und „Kneipp-Armguss“ steht. Und eine gute Flasche Rotwein nicht vergessen.