19. Juli 2024

Heute Trauerpost verschickt. Auf dem Weg. Im Grunde wissen es die Empfänger schon. Es ist eine förmliche Geste, aber eine schöne. Förmlichkeiten sind sinnvoll und geben auch Halt. Mir ist die Beschäftigung damit ein ganz tiefes Verarbeiten. Bilder ansehen, auswählen. Der zarte Grünton. „Reseda“. Die Typographie. Früher antwortete Karin auf meine Frage nach ihrer Lieblingsfarbe mit „Grün“. Später fasste sie die Antwort weiter. Türkis mochte sie auch sehr. Blautöne. Alles Frühlingshafte. Über ein Zitat nachzudenken, ging auch tief. Zumal ich eines fand, das so tief trifft. Wolfgang Borchert… auf den Punkt. Fühlt sich richtig an. Ich mag, dass ich nicht zu einer Trauerfeier gehen werde, wo mich irgendein Element befremden wird. Hoffe ich. Dieses „oh je…“, was jeder vielleicht auch schon einmal bei einer Trauerfeier hatte. „Wer hat bloß mit dem Pfarrer gesprochen, wer hat denn die Musik ausgesucht“. Unpassende Gewichtungen, Herausstreichen weniger biographischer Marken, Vergessen anderer wichtiger Momente. Aber gut. Perfektionsanspruch gab es wohl nur bei „Operation London Bridge“. Ist auch alles menschlich und ohnehin vergänglich. Aber so viel Hingabe, Aufmerksamkeit und Angemessenheit hineingeben, wie es einem möglich ist. Würdig. Ich habe die Briefe heute Nachmittag im Briefkasten gegenüber vom Savoy eingeworfen. Dort wurden heute die alten, teilweise mit Damast bezogenen Matratzen ausgeräumt. Hochgestapelt auf dem Gehweg davor. Innen noch Lüster an der Decke, alte Pracht. Holzvertäfelungen. R.i.p, Savoy. Dir widmet keiner Trauerpost. Aber dafür gab es welche im Briefkasten davor – angemessene.

19. Juli 2024

Guten Morgen. Die Erich Kästner-Briefmarke war in der Joachimsthaler Straße leider nicht verfügbar. Sie haben da keine große Auswahl, weil: „Wir sind ja keine Postfiliale, sondern eine Postbankfiliale!“ Wie auch immer. Ich habe dann zwanzig Stück von der derzeit gängigen Marke mit dem Motiv ‚Briefbogen zur Brieftaube gefaltet‘ genommen. Im online Shop der Post gibt es eine recht große Auswahl, aber das hätte mir zu lange gedauert, bis mir die Kästner-Briefmarken mit der Post zugestellt werden. Die kann man sich nicht selber ausdrucken. Auch gibt es eine Sondermarke zum 50-jährigen Bühnenjubiläum von Roland Kaiser. Erstaunlich. Nicht attraktiv für meinen Zweck, die Roland Kaiser-Marke, aber interessant, dass inzwischen auch lebendige Menschen mit eigener Briefmarke geehrt werden. Früher musste man dafür meines (gefühlten) Wissens nach verstorben sein, oder?

19. Juli 2024

Letzte Amtshandlung vor dem Zubettgehen: derzeit in Postämtern erhältliche Briefmarken zu 85 Cent für meine Trauerpost recherchiert. Ich wähle die Erich Kästner-Briefmarke, anlässlich seines 50. Todesjahres – wie ich zunächst dachte – aber nein: anlässlich seines 125. Geburtstags. Auch gut. Post Joachimsthaler Straße: bin unterwegs! Kaufe am Freitag 20 Stück!

19. Juli 2024

Auch ulkig. Ich wollte gerade schreiben, was ich auch ulkig fand. Mir soeben entfallen. Was war es. Was war es. Ah! Ich war gerade am Kühlschrank. Drin ein Glas mit einem Aufstrich (aus Linsen), bei Bio Company erstanden, Marke „Hedi“, auf dessen Etikett behauptet wird, der Geschmack entspräche Teewurst, „vegane Art“. Da ich die Brille wieder mal beim Einkaufen nicht aufhatte, in den Wagen gepackt, ohne den Zusatz „grüner Pfeffer“ zu lesen. Ich liebe Pfeffer, aber nicht grünen. Höchstens auf einem Rumpsteak. Jedenfalls schmeckt der Aufstrich kein bißchen wie Teewurst. Aber: ein bißchen wie feine Leberwurst! Unter dem Geschmacks-Aspekt kann ich auch den grünen Pfeffer tolerieren. Aber Teewurst und grüner Pfeffer: NO. Also der Aufstrich ist nicht schlecht, wenn man Appetit auf Leberwurst hat. ABER NICHT BEI APPETIT AUF TEEWURST! Können die veganen Metzger bitte mal von nicht veganen Metzgern bei der Geschmackskomposition ausgebildet, unterstützt, gecoacht werden? Dass ich überhaupt vor dem Regal bei Bio Company stand, war die Lust auf Abwechslung beim Einkauf, wollte dann gerne den Zwergenwiese-Zwiebelstreich kaufen, der wie Schweineschmalz schmeckt, war aber ausverkauft. Auch von anderen Herstellern. Ist eben ein Renner. Kein Renner hingegen offenbar die Pseudo-Teewurst! Ich hab sie nur gekauft, weil ich irgendeinen Aufstrich im Kühlschrank haben wollte. Ich zeige mich wirkllich für alles offen, aber nicht: Etikettenschwindel.

18. Juli 2024

Da bin ich wieder. Keine Fotos heute – oder doch, eins von gestern Abend. Ich kam erst sehr spät (es dunkelte schon) dazu, den Serverschrank zu fotografieren. Wollte ich heute noch mal bei Tageslicht, wieder nicht dazu gekommen

Heute Vormittag langes Telefonat mit der Pfarrerin, die den Trauergottesdienst macht, über das Leben meiner Mutter. Vorab hatte ich ihr gestern Nachmittag ihre Biographie mit wesentlichen Lebensstationen und Ereignissen in einer zweieinhalbseitigen E-Mail geschildert, damit sie beim Gespräch schon ein Bild hat. Fotos hatte ich ihr auch angehängt. Beim Gespräch bestätigte sie, dass sie alles gelesen hat. Und meinte dann, ihr fehlen ein bißchen die Worte, aufgrund der schweren Schicksalsschläge, die ich in der Mail erwähnt hatte.

Ich bin im Kopf einfach strikt biographisch vorgegangen, angefangen bei der Geburt, und dass sie ein absolutes Wunschkind ihrer Eltern war, das sich erst nach sieben Jahre Ehe einstellte. Das waren anfangs noch ganz schöne Erzählungen. Auch, dass mein Vater, dem gegenüber sie sich erst mal aus Prinzip etwas störrisch zeigte (weil er Musiker war in einer Swingcombo, und der Berufsgruppe in ihren Augen ein windiger Ruf vorauseilte), sie bei jedem Rendezvous mit einer Tafel Lindt-Schokolade becircte, jedes mal einer anderen Sorte. Dass es überhaupt zu den vielen Rendzvous kam, lag wohl an der Verliebtheit meiner Mutter, gegen die sie sich einfach nicht wehren konnte.

Auf jeden Fall ist die zweite Lebenshälfte sehr stark von den Verlusten meines Bruders und ihrem ersten Enkel geprägt gewesen. Über Krankheiten werde ich mich nicht ausbreiten, aber da war ab dem sechzigsten Lebensjahr einiges im Angebot. Also ein tiefes Gespräch mit der Pfarrerin.

Sie klagte mir u. a. ihre Betrübnis darüber, dass in der Gemeinde, wo die Trauerfeier stattfindet, von „der Gemeinde aus“ (also der Verwaltung), eine Auflage besteht, dass Trauerfeiern in der Aussegnungshalle (oder wie sich dieser Raum auch immer nennt, wo das stattfindet) in zwanzig Minuten abgehandelt werden müssen. Das würde sie so strikt und geizig begrenzt von anderen Gemeinden, in denen sie tätig war, nicht kennen. „Ich weiß gar nicht, wo das alles noch hinführen soll!“ wetterte sie.

Manche Familien buchen wohl deshalb ein doppeltes Zeitfenster. Hat mir niemand davon erzählt. Aber wie auch immer – vierzig Minuten schiene mir dann auch wieder lang. Und ich habe den letzten Termin, da kann man keine Einheit dran hängen, ist aber auch so nach hinten nicht sehr tolerant, höchstens 5 Minuten Kulanz.

Wir haben und drauf geeinigt, dass sie ihre Predigt mit allem gesprochenen Wort auf 7 Minuten beschränkt, so als Orientierungsmarke für mich, weil ich unbedingt in der Trauerfeierhalle oder wie dieser gottverdammte Saal heißt, die vier von mir gewählten Musikstücke drin haben will. Also muss ich zusehen, dass ich die auf 13 Minuten einkürze.

Jetzt ist die Dauer 15 Minuten und 35 Sekunden, ich kürze also gut zweieinhalb Minuten, wahrscheinlich bei der Callas Arie, da ist im letzten Drittel eine Stelle, wo das musikdramaturgisch und vom Takt her passt. Also da könnte die Arie auch zu Ende sein, wenn das Orchester und Maria nicht nochmal anheben würden.

Ich muss es noch mal kritisch durchhören. Wenn es mir doch unstatthaft vorkommt, müssen bei Morning of my Life ein paar Takte dran glauben. Ist ja eh der „Auszug der Urne“. Da gibt es keine Vorgabe mehr, festgetackert auf dem Stuhl zu sitzen und bis zum letzten Takt zu hören. Eher Begleitmusik für den Aufbruch.

Das Lied hat ja auch Aufbruchstimmung, atmosphärisch. Ich habe das alles schon mit viel Bedacht und Hingabe gewählt. Was mir die Pfarrerin bestätigt hat. Sie meinte, das gäbe es nicht so oft, dass sich da jemand so viele Gedanken darum macht wie ich, mit dieser Liebe zu jedem Detail. Ist ja auch nicht so eine alljährlich wiederkehrende Sache wie Ostern oder Weihnachten, dass man seine Mutter zu Grabe trägt. (Hallo?)

Außerdem hab ich heute die Trauerpost eingetütet. Den Partezettel. Sagen wohl nur die Österreicher, ist mir aber näher als „Todesanzeige“ Oder „Einladung zur Beerdigung“. Oder wie immer das auch hierzulande heißt. Unter „Todesanzeige“ verstehe ich so ein schwarz umrandetes Viereck in der Zeitung, wo der Name, Geburts- und Sterbedatum steht, ein Sinnspruch und wer die Hinterbliebenen sind und wo und wann die Beisetzung stattfindet. Und dann steht da meistens noch „anstatt Blumenspenden bitten wir um Spenden auf das Konto soundso für Hamster in Not“ (o. ä.).

Bis auf das Letzte, steht das auch alles, was ich aufgeführt habe, auf dem von mir selbstgestrickten Partezettel für meine Mama. Ich habe aber auch noch eine Fotocollage auf der linken Seite gemacht und ein Zitat gibt es auf der Rückseite. Kann man so aufblättern wie eine Klappkarte. Ich bin jedes mal hingerissen, wenn ich das Zitat lese. Weil es so passt und so erhebend ist. Erzähle ich bei kommender Gelegenheit. Aber heute nicht mehr.

Ich stoß noch einmal mit mir an, was ich heute alles geschafft habe. Und zuguterletzt noch mit dem früheren Nachbarn meiner Mama telefoniert, der hatte auch Kontakttelefonnummern für mich. Eine war eine alte Freundin meiner Mutter, die ich auch immer sehr mochte. Die auch gleich noch vorhin spätabends angerufen. Wir haben uns richtig verquatscht.

Sie hatte sie mit ihrem Mann sogar vor acht Wochen noch mal besucht. Ich dachte, sie hätten sich aus den Augen verloren. War schön zu hören. Sie meinte „Karin wirkte richtig munter.“ Das war dann kurz vor ihrem Zusammenbruch Ende Mai. Also hatten sie einen schönen letzten Besuch bei ihr. Morgen muss ich Briefmarken kaufen, dann geht die Post ab.

: :

P.S. Entscheidung ist gefallen. An der Bellini-Arie von Callas wird nicht herumgeschnippelt. So viel Zeit muss sein. Auch nicht am letzten Stück von Esther & Abi, das kann hauchzart ausgeblendet werden, falls überhaupt nötig. Die zweieinhalb Minuten drüber sind ja wohl innerhalb der 5-Minuten-Kulanz in der Halle.

17. Juli 2024

R.i.P. Lanrue. Hab ihn nur einmal live mit Rio und den Scherben erlebt, ca. 1983 im KOMM Festsaal in Nürnberg. Er hatte seinen schwarzen Hut auf und Rio trug einen beigen, alten Trenchcoat auf nacktem Oberkörper. Und Jeans glaub ich, barfuß sowieso. Jetzt gibt’s Ton Steine Scherben im Himmel. Vorher ja noch nicht. Es ist wie mit Mick und Keith. Stones ohne Mick ist wie Scherben ohne Rio. Stones ohne Keith ist wie Scherben ohne Lanrue. Macht es schön da oben, Jenseits von Eden. Wir kommen. Versprochen.

Heiß, heiß, kochend heiß
Heiß, heiß, glühend heiß
Heiß, heiß, hundert Grad
Heiß, heiß, glühend heiß
Jenseits von Eden
Euphrat und Tigris
Allah wollte es so
666
Schütze uns vor Gestern
Eins neun dreiunddreißig
In 3D und Farbe
Dann ist Sendepause
Das war der Wilde Westen
Hält Gott die Zehn Gebote?
Ich will nicht
Dass du in schwarz gehst
Weil ich tot bin

Wo warst du im Krieg?
Weißt du, was ich meine?
Ich war auf der Suche
Du warst auf der Flucht
Hörst du die Räder rollen?
Irgendwann in der Nacht
Durchsichtig und klar
In Musik gebadet
Jede Blume hat ihren Schatten
Zweitausend Lieder
Zweitausend Tode
Mamamama, warum hast du mich geboren
Oder hat mich der Esel im Galopp verloren?

Ach, ich spring‘ ins Leere
Halleluja Schwestern
Ich hab‘ den Text vergessen
Ich bin mein Fragezeichen
Doch ich komm‘ morgen wieder
Gib mir deinen Segen
Liebe, was ist das?
Das ist das Leben in der Stadt
Was soll daran schlecht sein?
Liebe kommt von unten
Liebe hat schwache Worte
Ach, ich bin so müde
Ich geh‘ hier nicht weg
Geh‘ zurück ins Meer
Such‘ mir meinen Engel
Wer ist hinterm Spiegel?

16. Juli 2024

Kämmerchen reloaded. Wiederherstellung meines pinken Schatzkämmerchens im Atelier. Heute die fertig gemalerten Wände begutachtet, für Vermieterin fotografiert, dabei gesehen, dass der Maler nicht so perfektionistisch veranlagt ist, wie ich wäre, hätte ich den Auftrag, eine Wand zu verspachteln und zu malern. Unten, wo oberhalb der Fußleiste Rohre entlanglaufen, hat er sich mit dem Malern des Zwischenraums zur Leiste einen schlanken Fuß gemacht. Sieht nicht richtig gut aus. Auch in der einen Ecke unten, wo der Schimmel sein Verrottungswerk erledigt hat, ist noch ein bröckeliges Loch. Ob ihm da die Spachtelmasse ausgegangen ist? Oder hatte er keinen Nerv, sich hinzuknien und runterzubeugen?

Ich fürchte, anhand der Fotos wird die Vermieterin not amused sein und es eventuell nicht abnehmen. Ich könnte das ruckzuck selber machen, wo er geschlampert hat, aber die Fotos sind schon bei ihr. Ich hab keine Lust auf noch einen Termin mit ihm. Sie besteht darauf, das persönlich abzunehmen, bevor sie die Rechnung bezahlt. Auch nachvollziehbar. Habe ihr vorhin per Mail einen Termin morgen oder übermorgen Abend vorgeschlagen.

Ich habe trotzdem schon mal einige Bilder wieder aufgehängt, im ganz oberen Bereich, in fast drei Meter Höhe, wo ich nur mit Balanceakt auf der Leiter rankomme. Die unteren Wände und der Rest vom Kämmerchen bleibt noch leer, bis auf weiteres. Außerdem hat er fast alle Nägel rausgezogen, anstatt einfach drüberzumalern. Jetzt muss ich wieder die Nagel-Positionen neu ermitteln. Manchmal finde ich noch eine Ahnung von dem Loch. Er ist wohl ohne Nachzudenken so vorgegangen, als ob er die Wohnung von jemandem malert, der auszieht und dann jungfräuliche Wände ohne Nägel drin an dern Vermieter übergeben muss.

Der Holzfußboden und die Türschwelle waren nicht ganz frei von Farbspritzern, habe ich vorhin geschrubbt. Dazu milchige Farbschlieren auf der Edelstahlspüle. Musste auch kräftig gewischt werden. Mir standen kleine Schweißperlen im Gesicht, siehe Foto. War auch wieder schwül heute. Sonne, Regen, Sturm, Sonne, Regen, schwül. Usw. usf.

Bin ich ungewöhnlich pingelig, dass ich mich nicht trauen würde, nach dem Malern meine Arbeit als fertig zu erklären, wenn da weiße Farbspritzer auf einem hellbraunen Holzfußboden sind? Ruhen sich manche Handwerker darauf aus, dass sie wissen, sie sind schwer zu kriegen? Ich komme da nicht mit. War keine willkommene Abwechslung, sondern vor allem anstrengend. Aber ich bin halt auch angeschlagen. Zu allem wenig Lust auf Alkohol. Blöd. Ich esse noch eine Dose Thunfischsalat Mexicana. Dazu vielleicht wenigstens ein Jever, vorm Einschlafen. Als Betthupferl.

16. Juli 2024

Mein Großvater André (17.04.1909 – 17.02.1964), der das Bild um 1932 gestickt hat. Und seine Inspiration, geliebte Muse, Verlobte und spätere Frau, meine Oma Alma (23.08.1915 – 24.03.1982).

16. Juli 2024

(Aus einem Kommentar bei Facebook)

„(…) Ich empfinde Parallelen zwischen mir und meiner Oma Alma und ihrem Mann André, dem Großvater, den ich nie kannte. Meine Mama hat mir auch oft gesagt, dass ich viel von ihrem Vater André habe. Insbesondere, was den ausgeprägten Hang angeht, sich kunsthandwerklich auszudrücken (er hat mit einer Maschine Bilder gestickt, auf denen Elfen auf Wiesen saßen und tanzten).

Das einzige in der Familie erhaltene, gestickte Bild von meinem Großvater André. Meine Mama hat es mir noch zu Lebzeiten zugedacht, weil ich es so liebte, konnte es noch nicht holen. (…)“

15. Juli 2024

Hochzeitstag meiner Eltern, nach der Zeremonie. Die kirchliche Trauung war an einem Samstag, dem 31. August 1963. Die standesamtliche Eheschließung am Tag vorher, Freitag, 30. August. Ich musste heute das Datum der standesamtlichen Eheschließung in ein Formular für das Nachlassverfahren eintragen. Auch viele Geburts- und drei Sterbedaten. Letztere, von meinem Bruder, seinem erstgeborenen Sohn und meinem Vater. Und dazu von allen die letzte Wohnadresse. Bei meinem Bruder kam ich durcheinander. Ich wusste noch, dass er zuletzt in der Tetzelgasse in St. Sebald in Nürnberg mit seiner kleinen Familie lebte. Aber auf dem Papier war er in Berlin gemeldet. Bei mir. Ich musste also auch meine alte Adresse in Schöneberg ins Formular eintragen. Er war 23 und hätte noch zum Wehrdienst eingezogen werden können. Das konnte man mit einer Meldeadresse in Berlin umgehen. Deshalb hatte ich in den Achtzigern immer junge, männliche Pazifisten aus Nürnberg als Untermieter in Schöneberg.

15. Juli 2024

Gerade mit der Bestatterin telefoniert. Die Einäscherung meiner Mutter war am Freitag, 12. Juli 2024. Die Urne ist schon im Bestattungsinstitut. Ich hatte es am Freitag im Gefühl. Irgendwie so, die unsichtbare Nabelschnur. Heute war ich vergeblich mit der original Sterbeurkunde und der original vom Notar beglaubigten Vorsorgevollmacht (auch zu Vermögens- und Bankangelegenheiten), die explizit über den Tod hinaus gilt, und einer Kopie des beim Notar hinterlegten Testaments bei der Postbank. Ich wollte den Tod der Kontoinhaberin zur Kenntnis geben und mich über zu kündigende Daueraufträge usw. informieren. Die Schalter-Dame meinte, ich sei dazu nicht befugt, wenn ich keine Konto-Karte und keine auf genau das Postbankkonto ausgestellte Vollmacht und auch keinen Erbschein vorlegen kann. Ich war sprachlos, da mir letzte Woche ein Berater am Telefon gesagt hatte, die original Sterbeurkunde würde genügen, um den Tod eines Kontoinhabers anzuzeigen. Ich wollte ja kein Geld abheben. Wieder daheim habe ich wieder bei der Hotline angerufen, der Berater meinte, was ich dabei hatte, hätte genügen müssen, aber neuerdings kann man den Tod eines Kontoinhabers nur bei einem vereinbarten persönlichen Termin mit einem Berater anzeigen. Der ist nun erst am 1. August 2024. Bin gespannt, ob ich dann weiterkomme. Schon Ende letzter Woche hatte ich Post vom zuständigen Amtsgericht, einen Fragebogen zur Ermittlung der Erben innerhalb des Nachlassverfahrens. Dort sind u. a. Eintragungen zum Vermögen und den Bestattungskosten zu machen. Ich habe sechs Wochen Zeit, das auszufüllen. Ich versuche ja schon so viel wie möglich alleine rauszukriegen, um nicht dauernd Valerian damit zu behelligen. Übrigens gehört zu den Bestattungskosten nicht nur das, was auf der Rechnung vom Bestatter steht, sondern auch die Gebühren für das Öffnen des Grabs, Friedhofsgebühr, Kaffeetrinken danach. Soll man alles aufheben, wird dann als Bestattungskosten von dem Nachlass abgezogen. D. h. der Verstorbene zahlt seine Beisetzung mit allem Drum und Dran im Grunde selbst. Außer bei Mittellosigkeit. Ich fände es schäbig, an schönen Blumen zu sparen, nur weil man denkt, dann bleibt mehr vom Nachlass übrig. Mir unsympathisch.

14. Juli 2024

Ungelenkes Lächeln für den Fotoapparat, vorhin. Nicht ganz leicht. Die Anstrengung der letzten Woche(n) steht mir im Gesicht. Wie kleine Bleigewichte an den Muskeln, die sich sonst wie von selbst für ein Lächeln, heben, mühelos. Aber kommt schon wieder. Wenn die Bürokratie ad acta liegt. Es fehlt mir mitunter, mich spontan austauschen zu können, wenn mir etwas in den Sinn kommt. Ich meine nicht über emotionale Dinge, das mache ich mit mir alleine aus. Oder schreibe davon hier. Eher meine ich damit, so ein bißchen aufgefangen werden, von jemandem, der auch damit zu tun hat. Da wäre ein Ehemann gar nicht schlecht. Oder ein Bruder. Leider beides nicht im Sortiment. Da kann auch gerade keine Freundin helfen, weil nicht unmittelbar verstrickt. Ich will jetzt aber nicht rumjammern, sondern nur ein bißchen innere Bewegungen erhellen. Ich weine wenig, aber jeden Tag erwischt es mich einen Moment. Bei einem Lied oder dem inneren Bild einer Erinnerung.

Ich laufe nicht mit verquollenen Augen herum, wie es ganz bestimmt nach dem Tod meines Bruders vor siebenunddreißig Jahren war. Wochenlang. Ach – ewig. Musste vorhin an Marie Theres Relin denken. Ihre Mutter, Maria Schell. Weil es da Parallelen gibt. Aber nicht, was die glorreichen Zeiten angeht. Ich fühle mich sehr der Diskretion verpflichtet, was meine Mama angeht. Sie hätte nicht gewollt, dass Details ihres Zustands öffentlich kund getan werden. Würde ich für mich auch nicht wollen. Gar nicht. Auf einer Sterbeurkunde steht auch die Uhrzeit, wann der Tod festgestellt wurde. Ich weiß nicht, ob es die Uhrzeit ist, zu der jemand einen verstorbenen Menschen antrifft, also zum Beispiel eine Pflegekraft. Oder ob es eine geschätzte, wahrscheinliche Uhrzeit vom Arzt ist, der den Totenschein ausstellt, anhand des Zustands des verstorbenen Menschen, Körpertemperatur. usw. Obwohl es auch nicht auf die Minute ankommt. In der Sterbeurkunde meiner Mutter steht 7. Juli 2024, 17:35 Uhr. Am letzten Sonntag. Heute vor einer Woche. Eine Pflegekraft hat es bemerkt. Die andere hochbetagte Dame, die mit ihr im Zimmer lebte, wohl nicht. Die hat geschlafen. Also hat sie vielleicht auch geschlafen und war ganz ruhig. Wünschte ich mir.

14. Juli 2024

Und die unsichtbare Rückseite. Warum hat das neun Tage gedauert. Eigentlich hätte ich es an drei oder vier Tagen hinbekommen können. In den letzten sieben Tagen habe ich nur in kurzen Etappen daran gearbeitet. Das letzte, was ich an dem jeweiligen Tag machte, für einen inneren Tapetenwechsel, aber mir ist natürlich kein einziger Gedanke durch den Kopf gegangen, der nicht damit zu tun hatte, was ansteht, wenn man einem sehr nahen Menschen einen angemessenen, guten letzten Weg bereiten will.

14. Juli 2024

JOUE“ (in memoriam Mama). Serverschrank- oder Tür-Behang, Wärmeschutzrollo, Textilnetz von Deko-Tischläufer, Kleber, Acryl, Blattgold, 1. Juli und 2., 3., 4., 5., 6., 7., 8., 9., 10., 11., 12. und 13. Juli 2024, 80 cm x 200 cm, , Staatliche Museen von Gaganien.

Gestern fertiggestellt, heute fotografiert, an meiner Wohnungstür. Der Serverschrank, für den der Behang ist, steht woanders. Geht aber auch als Türbehang. Er hängt gerade noch dran, auf einem Hochzeits-Sari. Ich habe in meiner Wohnung alle Türen vor 25 Jahren behängt oder verkleidet, weil sie mir zu profan aussahen.

13. Juli 2024

Juli 1967, vor siebenundfünfzig Jahren. Mein großer Bruder drei, Tante 36, Mama 24, ich eindreiviertel und halte mich an Mamas Beinen fest. Ich habe nie „Mutti“ zu meiner Mama gesagt. Mein Bruder auch nicht, das Wort war uns fremd. Mama. Das Planschbecken war in ganz hellem Orange und innen am Boden indigoblau und der schwarze Reifen war von einem Autoreifen.

Im Juli 1967 war „Puppet on a String“ von Sandie Shaw auf Platz 1 in der Hitparade. Mein Lieblingslied 1967, das weiß ich noch genau. Ich habe rumgewackelt, wenn es im Radio gekommen ist. Weitere Hits 1967 waren „A Whiter Shade of Pale“ von Procol Harum und „San Francisco“ von Scott McKenzie. Und „Massachusetts“ von den Bee Gees. Hat mir auch alles prima gefallen. Und Esther & Abi Ofarim waren gleich mit zwei Alben auf Platz Eins der LP-Charts! Das waren die Lieblings-Stars meiner Mama. Wenn die beiden im Fernsehen kamen, haben ihre Augen geleuchtet, sie hat geseufzt.

Ich hatte als Kleinkind immer kurz geschnittene Haare, weil es wohl praktisch war und mein Vater es lustig fand, dass ich damit aussehe wie ein „Lausbub“. Haareschneiden hat mir nicht gefallen. Dann trat Mireille Mathieu im Fernsehen auf und sang „Martin“ usw. Mireille Mathieu fanden meine Eltern auch gut. Ich bekam dann ungefähr ab vier die Mireille Mathieu-Frisur, die ich auch ganz o.k. fand, weil mir „Martin“ und „Es geht mir gut, Chéri“ und „An einem Sonntag in Avignon“ und „Hinter den Kulissen von Paris“ gut gefallen hat. Weil ich nicht zum Haareschneiden wollte, haben mein Vater und die Friseurin immer zu mir gesagt, dass ich danach aussehe wie Mireille Mathieu. Hat aber nicht gestimmt.

In den Siebzigern wurden meine Haare dann kinnlang und dann schulterlang und dann noch länger. Ich durfte selbst bestimmen, welche Frisur ich habe. Lang! Wie Katja Ebstein und Dahlia Lavi! Ich wollte Mama auch zu langen Haaren überreden, aber sie hat nicht gewollt. Sie hat immer geglaubt, mein Vater fände kurze Haare an ihr besser. Ich habe aber mitbekommen, dass er auch Frauen mit Langhaarfrisuren im Fernseher zugelächelt hat, deswegen habe ich es nicht verstanden. Viel später, sie war schon über Siebzig, hat sie die Haare dann ein klein wenig länger getragen, auch nicht lang, aber keine Kurzhaarfrisur. Das gefiel mir an ihr besser, ich hab es ihr gesagt und sie meinte, eigentlich hätte sie etwas längere Haare auch immer schon schöner gefunden.

13. Juli 2024

Eben, beim Einloggen in mein gmx-Mailpostfach, ich klickte stark getriggert von „Beauty-OP“ auf die folgende „News“:

„Antonia Hemmer hapert schon seit Längeren mit ihrem Aussehen. Die „Make Love, Fake Love“-Bekanntheit hat sich nun die Augenlider straffen lassen.“

Da hapert es wohl etwas mit der qualifizierten Auswahl der „Redakteure“. Aber vielleicht ist das Kriterium für die Beschäftigung als gmx-Online-Redakteur oder Redakteurin, dass es nicht mit dem Aussehen hapert, es somit keinen Grund gibt, damit zu hadern!

12. Juli 2024

Oh, hoppla – (sorry – schon wieder Thema Bestattung) gerade gelesen, gelernt, dass es in Deutschland nur ein Bundesland gibt, nämlich Bayern, in dem Nichten und Neffen bestattungspflichtig gegenüber ihren verstorbenen Tanten und Onkeln sind. Also sich um die Beisetzung kümmern müssen. Sollte die in Bayern wohnende und amtlich gemeldete, verstorbene, alleinstehende Tante oder der verstorbene Onkel ohne eigene Nachkommen mittellos gewesen sein, muss die Nichte oder der Neffe auch die Bestattungskosten tragen. Unerheblich ist dabei, wo die Nichte oder der Neffe lebt.

Und auch unabhängig davon, ob die Nichte oder der Neffe von der in Bayern ansässigen Tante im Testament bedacht wurde. Wobei grundsätzlich Bestattungskosten immer aus dem hinterlassenen Vermögen der verstorbenen Person zu begleichen sind. Hat die Nichte oder der Neffe Kinder, also „Abkömmlinge“ (Bürokratensprech) und ist selbst verstorben, ist der Abkömmling bestattungspflichtig für die Tante, den Onkel, der rückt dann nämlich an die Stelle des verstorbenen Neffen oder der NIchte. Yay – it’s complicated! Und komplex.

In allen andern Bundesländern in Deutschland, so auch in Berlin, ist das anders. Da sind Nichten und Neffen nicht verantwortlich für die Bestattung von Onkel und Tante. Was die Kosten anbelangt, können sie nur für die Bestattungskosten verantwortlich gemacht werden, wenn sie von der verstorbenen Tante oder dem Onkel den Nachlass erben und damit die Kosten begleichen können.

D. h. anhand meines Beispiels: ich, in Berlin lebend, bin bestattungspflichtig gegenüber meiner Tante, die in Bayern lebt. Aber umgekehrt, ist mein Neffe, der in Bayern lebt, nicht bestattungspflichtig, was mich, seine in Berlin lebende Tante angeht. Da kann er mit den Schultern zucken und sagen: tut mir leid, bin nicht zuständig. Es sei denn, ich hätte ein Erbe, das ich ihm vermacht hätte, von dem hätte er dann die Kosten für die Bestattung zu begleichen, müsste meine Bestattung aber nicht organisieren, das würde der Staat, also die Stadt Berlin übernehmen und ihm dann die Kosten in Rechnung stellen. Wenn ich ihm nichts zu vererben habe, muss er nichts bezahlen.

Ich schreibe solche Sachen hier ja auch ins Internet, weil einige meiner Generation auch demnächst mal mit solchen Fragen konfrontiert werden, wenn es nicht schon geschehen ist. Ich kann übrigens versprechen, dass ich jetzt nicht monatelang über den Tod meiner Mutter und die zugehörigen bürokratischen und verwaltungstechnischen Angelegenheiten zu schreiben gedenke. Gerade beschäftigt mich das alles akut, weil es akut ist. Da bin ich dann sehr gründlich. Und dann hake ich das Thema auch ab.

Natürlich nicht die wertschätzende Erinnerung, aber den detaillierten Palaver über die Begleitumstände. Der Countdown läuft. Gebt mir mir vier Wochen. Und währenddessen lernt ihr eine ganze Menge mit mir, was vielleicht einmal für Euch selbst eine kleine Hilfestellung, Handreichung, Unterstützung sein wird.

12. Juli 2024

Tja, Kinder. Bestattung ist kein Wunschkonzert. Es sei denn, man hat ein premium Fünf-Sterne-Boutique-Bestattungsinstitut an Land gezogen, oder macht viel in Eigenleistung. Wenn man das vorher weiß, was NUR der Bestatter machen darf, kann man es darauf beschränken und sich selbst alles Mögliche in diversen Online-Shops zusammenshoppen. Aber wer hat dafür den Nerv.

Man könnte z. B. aber schon mal die Schleifen für die Gestecke zu Lebzeiten online bestellen. Mit Wunsch-Typo und Wunsch-Farbe. Den Toten abholen und gekühlt bis zur Einäscherung oder Erdbestattung zu lagern, würde ich unbedingt den Profis überlassen wollen. Auch die hygienische Versorgung etc. Da ist jeder anders, ich möchte da nicht mitwirken.

In meiner Phantasie war das bislang alles so, dass ein Angehöriger stirbt, der Bestatter abholt und man dann zusammen im Wohnzimmer bei einer Tasse Kaffee sitzt und der Bestatter seine ganzen Kataloge auspackt und auf den Wohnzimmertisch legt, wo dann alle Sarg- und Urnenmodelle, sowie Gesteckvarianten und Schleifensorten wie im Quelle-Katalog durchgeblättert werden können. Mag es geben.

Nun bin ich mit meinem Wohnzimmer ja weit weg. Mein Institut macht schon solche Besuche bei den Angehörigen zur Abstimmung aller Belange, das passiert bei mir jetzt eben telefonisch und virtuell. Die Bestatterin hat mir einen Link zu den Floristen gemailt, die sie für mich am ehesten sinnvoll fand, vom Leistungsspektrum her. Aufgrund des Links habe ich dann Kontakt aufgenommen. Die hatten auf der Website aber keinen Onlinekatalog für Schleifen.

Zugegeben bin ich etepetete, was Details und Zubehör und das Erscheinungsbild angeht. Jedenfalls gibt es die Schriftart, die ich gerne auf den Schleifen gehabt hätte, nicht im „Schreibprogramm“ für die Schleifenbeschriftung, aber was anderes Kursives. Sieht jetzt mehr so aus wie die Schrift vom Einband eines Fünfziger-Jahre-Kochbuchs. Hat einen gewissen Retro-Charme.

Jetzt muss ich noch vorsichtig anteasern, dass bitte unter die Urne mit dem Kranz und unter die anderen Gestecke im Saal der Trauerfeier kein roter Teppich gelegt wird. Ich habe von der Bestatterin ein paar Fotos gesehen, wo sie mir nur Schleifen-Beispiele zeigen wollte, und da lag jeweils ein roter Läufer oder Teppich unter allem. Ich fands supergruselig. Lieber nackter Fußboden. Passt überhaupt nicht zu den Farben der Gestecke.

Ich möchte an keiner Stelle die Farbe Rot oder Braun oder Schwarz. Und bitte auch kein herzförmiges Tablett mit flackernden Teelichtern. In einer evangelischen Kirche erwarte ich hohe Kerzenhalter mit dicken, weißen Kerzen. Oder muss ich auch noch die übliche Kirchenausstattung bestellen? Ich bin ja anderthalb Stunden vor der Feier vor Ort, wenn mein ICE nicht Verspätung hat, und kann dann evt. notfalls noch kleine Anpassungen erbitten.

12. Juli 2024

Vorderseite des Serverschrank-Behangs. Fortschritt. Die ganze weiße Bahn elfenbeinfarben übermalt, die Konturen der Cut-outs mit Blattgold belegt, dahinter das Netz fixiert. Farbkrümelreste, die noch auf den Fotos sind, inzwischen abgekehrt. Kleine Flocken. Hatte plötzlich gestern beim Anblick ein Adjektiv aus meiner Teeniezeit Ende der Siebziger, Anfang der Achtziger im Sinn. „Flockig“. Das war mal kurze Zeit Mode, jemanden, den man sexy fand, als „flockig“ zu bezeichnen. Kam aber bald wieder aus der Mode. Ich weiß nicht, ob man das nur in Mittelfranken benutzt hat. Wenn man jemanden so als Gesamtpaket reizvoll fand, speziell erotisch. Also nicht, weil einer einen guten Charakter gezeigt hat oder dergleichen. Guter Charakter war für „flockig“ komplett irrelevant. Die Flocken vom Behang sind jetzt weg, muss die Blattvergoldung der Konturen teilweise nachbessern. Bald fertig.

12. Juli 2024

Die Rückseite des Serverschrank-Behangs. Fotos von gestern Nacht um 1.05 Uhr. Ich werkle auf Autopilot an dem Teil. Während die Hände ihr Werk ausführen, rauschen mir tausend Gedanken durch den Kopf, die Beisetzung betreffend, wen ich noch erreichen will, was ich noch nicht erledigen konnte… Wenn ich todmüde bin, geh ich ins Bett und bin dann auch gleich weg. Es tut mir gut, immer noch ein paar Handgriffe zu machen, die nichts mit der Organisation zu tun haben. Ein klein wenig Normalität im Aufruhr.

12. Juli 2024

Gerade den gesamten Blumenschmuck beauftragt. Musste Vieles geändert werden, weil es nicht jede Blume in jeder Jahreszeit gibt, aber farblich und von der Richtung her wird es so, wie ich es gewünscht habe. Gibt einen blau-weißen Urnenkranz ohne Schleife, je ein großes Herz mit weiß-blauen bzw. weiß-gelben Blumen von mir und von Valerian und seiner Liebsten und seinem Sohn. Ein Gesteck von der Schwägerin von Karin und eine Schale mit bunten Blütenblättern neben dem Grab.

Wer sich also Kornblumen und Vergißmeinnicht als Grabschmuck erträumt, muss im Frühsommer das Zeitliche segnen. Habt Ihrs mal gehört! Auch die Typographie und Laufrichtung des Textes auf den Schleifen war ein Thema. Bzw. ich hab eins draus gemacht, weil ich auf keinen Fall irgendeine altertümliche oder Comic-Schriftart und auch keinen Zeilenumbruch wollte. Und keine gelbgoldenen Fransen. Auch keine schwarzen, sondern schräg abgeschnitten.

Ich möchte eine feine klassische Kursiv-Schreibschrift, wollte gerne Dunkelgrau auf cremeweißer Schleife. Der Floristen-Drucker kann aber nur gold und schwarz. Dann eben gold. Habe jetzt alles direkt mit dem Floristen abgesprochen, Rechnung geht aber ans Bestattungsinstitut. Man kann auch selber Schleifen nach gusto im Internet bestellen, aber das war mir jetzt zu blöd, das Zubehör selber heranzuschaffen. Die verschiedenen Floristen kümmern sich um die Schleifen, wenn sie die Bestellung für die Gestecke bekommen. Wieder was abgehakt.

11. Juli 2024

Es geht voran, sogar flott. Gerade Zugticket hin und zurück für die Beisetzung am 7. August gekauft. Zwischendurch versucht, Kontakte, also Freunde und Bekannte meiner Eltern zu erinnern. In den letzten Jahren, nach dem Tod meines Vaters, sind auch die letzten Freundschaften verweht… bzw. sind die allermeisten leider auch schon tot, teilweise schon lange. Ein Paar, das mir noch in Erinnerung ist, wo er mit meinem Vater musizierte und auch bei seiner Beisetzung ein Ständchen spielte, will ich gerne zur Beisetzung einladen.

Nun bin ich aber von der schnellen Truppe und mitunter ungeduldig und kann oft nicht abwarten, bis jemand auf meine Bitte hin aktiv wird und mir Stunden oder Tage später antwortet. (Ich will den organisatorischen Kram abhaken und erledigt wissen, und ein bißchen Zeit für Ruhe und Besinnlichkeit haben. Daher.)

Ich habe schon den langjährigen Nachbarn vom Elternhaus angemailt, ob er mir die Adresse oder Tel.-Nr. von dem musikalischen Weggefährten besorgen kann. Parallel hab ich aber natürlich zusätzlich im Internet geguckt und herausgefunden, dass er auch noch in einem altehrwürdigen Männerchor zweite Tenorstimme singt. Im Impressum steht eine Mailadresse vom Vorstand, also dorthin gemailt mit der Bitte, meine Beisetzungsmitteilung an ihn weiterzuleiten. Zumindest scheint er noch zu leben!

Es gab ein Foto vom Chor, um einen Auftritt im Juli zu avisieren, da ist er noch mit drauf. Also lebendig genug zum Singen! Er hat zufällig am gleichen Tag Geburtstag wie meine Mama hatte. Am 30. Juni. Aber ob im selben Jahr 1943 weiß ich nicht. Aber auch so die Liga, altersmäßig. Hält sich aber gut. Mir ist so diffus, als hätte meine Mama sogar ein bißchen für ihn geschwärmt. Sie hat sich aber auch gut mit seiner Frau verstanden und sogar manchmal gemeinsame Kurzreisen unternommen. Ich fand die beiden auch immer recht sympathisch. Von der Frau ist mir leider der Vorname entfallen. Denke, die werden sich schon bei mir melden, wenn sie den Betreff von der Mail lesen „(…) Todesfall Karin…“. Puh.

Dann noch ausgecheckt, dass die Beauftragung vom Steinmetz bei den Eigentümern der Grabstelle liegt, gehört also nicht zum Bestatter-Service. Jedenfalls nicht bei meinem Institut. Da gibt es wohl einen Steinmetz direkt neben dem Friedhof. Hat mans mal gehört. Muss ja nur auf der Rückseite was in den Granit gefräst werden, geht vermutlich ruckzuck. In dem Grab liegen bislang meine Großeltern väterlicherseits (Erdbestattung) und die Urnen von meinem Bruder, meinem Neffen und meinem Vater. Gibt also schon ein bißchen Text auf der Rückseite. Aber kein Brimborium, nur die Namen und Geburts- und Sterbedaten, keine erbaulichen Sprüche oder Bibelzitate.

Apropos Zitate – hab schon mal geguckt, was gerne so für Kalendersprüche auf Traueranzeigen zitiert werden. Zweieinhalb aus einer Litanei von ungefähr hundert im Internet, fand ich ganz okay. Mal sehen. Auch eher was Kurzes, aber nichts Weinerliches denke ich. Jetzt auch keinen Kalauer, schon angemessen, mehr so Haiku-Style. Dafür habe ich auch schon ein paar Fotos für eine kleine Collage zusammengesammelt. Sechs Bilder sagen mehr als tausend Worte.

Ich gönne mir nach all den organisatorischen Großtaten jetzt mal eine Pause und esse und trinke was und arbeite dann ein bißchen an dem Serverschrank-Behang weiter, der nebenbei auch gute Fortschritte macht, auf dem Wohnzimmerteppich liegenderweise, auf Abdeckplanen…

Der Maler, der im Atelier die Wand repariert und weißt, müsste heute Abend auch fertig werden, hat er gestern am Telefon gemeint. Kann ich also morgen mal hinschauen, wie es geworden ist und dort weitere Großtaten verbringen. Mit dem neuen Ministaubsauger saugen und die ganzen pinken Bilder zurückhängen und den Schaumstoffblock mit dem reparierten Überzug beziehen und wieder an Ort und Stelle im Kämmerchen platzieren. Tja. Arbeit, Arbeit, Arbeit… Sex & Drugs & Rock’n’Roll – was war das nochmal?

11. Juli 2024

Der Termin für die Trauerfeier meiner Mama steht fest.
Es ist Mittwoch, der 7. August 2024 um 14 Uhr.

Ich habe den letzten Termin an dem Tag von der Uhrzeit her bekommen können.

Nächste Woche spreche ich mit der Pfarrerin. Nun ist es doch eine Pfarrerin aus der Gemeinde vom Elternhaus. Meine Mama war immer noch dort gemeldet. Hab schon ein Foto googeln können, sieht sehr nett aus.

Ich buche nun meine Zugverbindung.

11. Juli 2024

Die Bestatterin schickt mir immer ein aktualisiertes Gesprächsprotokoll über die Vereinbarungen zur Trauerfeier. Dabei habe ich ein ganz neues Wort gelernt (bzw., dass es nicht nur eine Schokoladenmarke ist). Unten ist ein kurzer Auszug aus dem Protokoll. Bei der Zeile „Prediger: evang. Sprengel aus Stein“ dachte ich, „Sprengel“ sei der Name des evangelischen Predigers.

Habe ergebnislos nach evangelischen Pfarrern mit Namen „Sprengel“ in der Region gegoogelt. Dann bin ich drauf gekommen, dass er vielleicht noch gar nicht namentlich feststeht und Sprengel bedeutet: aus dem Einzugsbereich der zuständigen Gemeinde. So ist es. Wikipedia hat einen umfangreichen Eintrag zu dem Begriff „Sprengel“ und der Herkunft des Wortes. Hatte usprünglich mit Weihwasser sprengen zu tun. Also bin gespannt, was für ein Pfarrer es wird. Es muss einer sein, der dem letzten amtlich gemeldeten Wohnort der/des Verstorbenen zugeordnet war.

Man kann also nicht sagen: „Der Pfarrer Gotthelf aus Kleinkirchheim hat das doch immer so schön gemacht, und schon den Opa unter die Erde gebracht, der soll das machen!“ So läuft es nicht. Meine Mama war zuletzt in einer Pflege-Einrichtigung und auch dort amtlich gemeldet, das ist bei einem zeitlich unbefristeten Langzeitaufenthalt gesetzlich angeordnet. Deswegen muss es nun ein Pfarrer aus Stein sein, obwohl sie mit dem Ort Stein bei Nürnberg in ihrem Leben vorher nicht so sehr viel zu tun hatte. Aber die Trauerfeier und Beisetzung im Familiengrab findet davon unbeeinträchtigt im angrenzenden Nachbarort statt (der zu einem anderen Landkreis und damit „Sprengel“ gehört“), wo sie bis vor drei Jahren den größten Teil ihres Erwachsenenlebens verbracht hat. Da, wo mein Elternhaus steht. Das heißt, der Pfarrer aus Stein muss einen Ausflug in einen anderen Sprengel machen.

Die saphirblaue Urne mit dem goldenen Baum habe ich gewählt, weil sie meine Mutter auch für meinen Vater am schönsten fand und sie mir auch bei der Beisetzung meines Vaters gut gefiel. Dann haben sie eine letzte Verbindung im Grab.

Die Reihenfolge der Musik habe ich mir ausgedacht, die Musikauswahl – in Kenntnis ihrer Vorlieben – auch. Bei der Live-Version von Belafontes „Try to Remember“ habe ich davor und danach den Applaus weggeschnitten. Es ist die Version, die mir am besten von allen gefällt, das war mir die Mühe wert. Dazwischen gibt es entsprechend der Liturgie die Predigt und Erinnerung und die Aussegnung. Wenn die Urne heruntergelassen wird, singen (quasi) die Engel. Das wundervolle Blumenduett aus der Oper Lakmé von Delibes. Daneben gibt es eine Schale mit bunten Blütenblättern. Meine Mama war eine leidenschaftliche Gärtnerin und liebte Blumen über alles. Das wird schön.

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Feier

Prediger: evang. Sprengel aus Stein
Schmuckurne: Bio Tec, saphirblau 52811161
Musik: Anlage



Einzug: Maria Callas, Arie „Ah, non credea miriarti

Harry Belafonte „Try to Remember

Esther und Abi Ofarim „Hush-a-bye

Auszug: Esther und Abi Ofarim „Morning of my Life

Am Grab beim Ablassen der Urne: Delibes – Lakmé „Flower Duet

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10. Juli 2024

Noch ein Bild. Drunter steht „bei Onkel Hubert in Pegnitz 1959 – 1960“. Ich tippe eher auf 1960. Ich habe weder „Onkel Hubert“ noch das Städtchen Pegnitz je besucht. Keine Ahnung, wer der Onkel war. Wenn es vielleicht August 1960 war, wie oben drüber als Bildunterschrift zu einem anderen Bild steht, war Mama da gerade siebzehn. Das Tupfenkleid gefällt mir sehr. Ich glaube, es war Altrosa. Es gab in meiner Kindheit viele Kleider in Mamas Schrank, die aus ihrer Jugend waren, oft von der Schneiderin geschneidert, an denen sie sentimental hing, auch wenn sie nicht mehr passten. Damals hat man nicht so viel von der Stange gekauft – oder auch nicht kaufen können. In den Fünfzigern galt es nicht als Extravaganz wie heute, sich ein maßgeschneidertes Sommerkleid anfertigen zu lassen. Meine Oma Alma, die Mama von Karin, hat sehr gut schneidern können, vielleicht hat sie das Kleid genäht. Ich dachte erst, das Foto sei im Hof meines Elternhauses aufgenommen, weil es da auch solche Torbögen gibt, aber mit der Bildunterschrift haut das nicht hin. Zumal sie meinen Vater da ja noch gar nicht kennengelernt hatte, das war erst im Spätsommer oder Herbst 1962, nach der Urlaubsreise mit ihrer Freundin nach Velden am Wörthersee und Grado. Auch ist der Grundriss mit der Tür anders, aber verblüffend ähnlich, der Bogen.

10. Juli 2024

Kuriose Entdeckung als Beifang der Beisetzungsvorbereitungen für meine Mama: habe online Trauer-Briefumschläge recherchiert und bestellt. Bei den Suchergebnissen gab es auch folgendes Modell: weißer Briefumschlag mit schwarzem Rand und in der linken oberen Ecke Pfotenabdrücke. Also Tier-Trauerumschläge. Ist vermutlich vorwiegend für große und kleine Hundehalter interessant. Wenn der Wauwau verstorben ist, kann z. B. die Bekanntschaft vom Gassigehen in Kenntnis gesetzt werden und der andere Hund kann dann auch zur Beisetzung kommen. Oder wenn Kinder andere Spielgefährten, die gerne mit dem eigenen Tier gespielt haben, wenn sie zu Besuch kamen, über den Verlust informieren wollen und seelische Unterstützung am Tiergrab brauchen können. Ich weiß schon, dass z. B. ein Hund oder eine Katze wie ein Familienmitglied geliebt und dementsprechend betrauert werden kann. Hat mich trotzdem überrascht, weil so förmlich. Ich habe Kuverts mit einer dreifachen schwarzen Nadelstreifenlinie rundum und mit schwarzem Seidenfutter bestellt.

Fällt schon auf, wenn man es aus dem Briefkasten nimmt, wirkt getragen, aber nicht so düster, wie die mit schwarzem, dicken Rand. Es gab auch noch eine modische Variante mit nur einem dicken, schwarzen senkrechten Strich auf der linken Umschlaghälfte. Sieht zwar gut aus, aber mir etwas zu modisch.

09. Juli 2024

to do:

  • Termin für die Urnen-Beisetzungsfeier abstimmen (ein Fr. im August? Vormittag? Oder gibt es auch Nachmittagstermine?)
  • Sterbeurkunde, sobald vorhanden, an div. Stellen
  • Partezettel machen, drucken
  • Parte per Post to whom it may concern
  • Blumengruß mit Schleife von Valerian etc. (außer schon bestelltem Urnenkranz, meinem Blumenherz und Blütenschale) abstimmen
  • Gespräch mit evangelischem Pfarrer wg. Musik-Reihenfolge u. Lebensstationen in der Rede.
  • danach Restaurant? Café? (Hauptsache angenehm)

Also ich bin gut beschäftigt, außer dem, was sonst sowieso immer zu tun ist. Ist aber auch mental gut, weil sinnvoll und nützlich und auch ein letzter Liebesdienst. Und hilft beim Begreifen, dass der verstorbene Mensch jetzt keinen Anlass mehr für sorgenvolle, auch ängstliche Gedanken gibt, weil ja erlöst von Kümmernis um Bedürfnisse von Leib und Seele. Wenn es sich über Jahre hingezogen hat, sackt das erst nach einer Weile. Das sind dann helle Momente.

Man kann es sich so vorstellen: wenn an einer Körperstelle, z. B. einem Gelenk, chronisch etwas weh tut, und man deshalb in eine Schonhaltung geht, immer in Furcht vor stärkerem Schmerz, verinnerlicht man diese Schonhaltung. Wie ein ängstliches Häschen, das sich vor dem Feind der Wildnis versteckt.

Wenn dann plötzlich der chronische Schmerz weg ist, er keine physische Grundlage mehr hat, weil geheilt, traut man dem Frieden nicht sofort und lauert auf die Rückkehr des innerlich als Normalzustand akzeptierten Leidens. Erst nach einer Weile der unbeeinträchtigten Nutzung des geheilten Körperteils wird eine neue, schönere Normalität verinnerlicht. So ähnlich geht es mir gerade, aber nicht körperlich, sondern mental, seelisch. Ich muss jetzt nicht mehr dauernd mit latenter innerer Anspannung lauern, dass die nächste Hiobsbotschaft meine Mama betreffend kommt.

08. Juli 2024

Mir schwirrt der Kopf. Was alles benötigt wird vom Bestattungsinstitut, worauf ich in Berlin keinen Zugriff habe… u. a. Eheschließungsurkunde der Eltern… Sterbeurkunde des Vaters – heute Vormittag die Überführung ins Bestattungsinstitut veranlasst, dann Absprachen zur Beisetzung, Formulare müssen unterzeichnet werden, die Zustimmung zur Einäscherung… irgendwann ist man als „Kind“ in der vordersten Reihe. Musik hab ich auch ausgewählt, ging schnell (weil schon lange darüber Gedanken gemacht). Und den Blumenschmuck. Kornblumen, Vergißmeinicht und Schleierkraut. Ich weiß, was ihr gefallen hätte. Sowohl Musik als auch Blumen. Muss was essen. Und trinken.

07. Juli 2024

Gute Reise, Mama. An Deinem Geburtstag letzten Sonntag konnten wir noch einmal miteinander sprechen. Du warst schon sehr schwach und ich hab dir eines Deiner Lieblingslieder vorgespielt, „Morning of my life“ von Esther und Abi Ofarim. Jetzt ist Dir leichter. Die letzten schweren Jahre fallen ab und verwehen im Sommerwind. Ich wollte Dich noch fragen, ob das Foto mit dem Fensterladen auf einem Balkon der Villa Bulfon in Velden aufgenommen wurde. Ob Du da ein Zimmer hattest. Es sieht so aus, aber ist nicht so wichtig. Nur, dass Du dort sehr glücklich warst. Deswegen hab ich das Foto auch so gerne, weil ich es immer gespürt hab. Im Fotokurs in der Schule hab ich in der Dunkelkammer einen Abzug gemacht. Der hängt in meinem Flur.

Meine Mama, Karin Maria. 30. Juni 1943 – 7. Juli 2024.

07. Juli 2024

Ich war gestern doch nicht völlig tatenlos. Habe die Cut-outs für den erwähnten Behang für die Front eines großen Serverschranks gemacht und die Ränder mit einer erhabenen Klebstoffkante fixiert. Die Ränder müssen noch plastischer werden, mir ist aber der Klebstoff in der Wohnung ausgegangen, daher fahre ich wohl noch in meine Werkstatt. Normalerweise würde ich das nicht auf dem Wohnzimmerteppich bearbeiten, aber da seit Donnerstag und auch morgen wieder der Maler im meiner Werkstatt malert, kann ich das daheim ungestörter machen. Muss ich eben den Teppich mit Plastikfolie abdecken. Dann will ich die ganze Bahn noch mit einem weniger kalten Weißton übermalen und die erhabenen Kanten mit Blattgold belegen. Hinter die Cut-outs kommt ein transparenter Stoff, eine Art Netz mit diffusen Blattgold-Fragmenten. Das müsste ein Hingucker werden, für den brummenden Serverschrank. Ich konnte den Schriftzug vom Hersteller nicht genau entziffern, ich lese JOUE, finde aber keinen Serverschrank-Hersteller mit dem Namen. Wie auch immer – so heißt das Werk dann. Joue ist das französische Wort für Theaterstücke. Wird jedenfalls ein theatralisches Stück, das Teil!

06. Juli 2024

Gruß aus Rom. Römische Hitze in Berlin. Die Dinge ganz langsam angehen, wenn überhaupt. Es ist Samstag und ich muss nichts. Nirgendwo hin, nichts erledigen. Was gemacht werden könnte, geht auch ein andermal. Sonnenbad genommen. Gerade einen Handstaubsauger mit Kabel bestellt. Fürs Atelier. Ohne Batterie und Akku. Reinstecken und unbegrenzt loslegen, ist mir lieber, als alle zwanzig Minuten aufladen. Ist ja auch nur für eine staubige oder krümelige Ecke hier und da, nichts Aufregendes. Klein und unauffällig. Den bröckelnden Anstrich der Holzverschalung in der Balkongaube zu streichen, habe ich bislang nicht die geringste Lust, aber immerhin schon Farbe und Pinsel. Dann liegt noch eine Bahn eines zweckentfremdeten weißen Rollos auf dem Teppich im Wohnzimmer. Ich habe ein Muster hineingeschnitten, dann wieder von hinten verklebt. Ich will noch weitere Cut outs machen und dies und das. Format 80 x 200 cm, kommt vor einen blinkenden Serverschrank mit einer verglasten Tür, der exakt die Größe hat.

05. Juli 2024

Deutschland im Viertelfinale gegen Spanien gescheitert. Also am 14. Juli kein deutsches Fanfest im Olympiastadion… aber vielleicht ein türkisches. Die machen ja auch Stimmung. Kann morgen Abend beim Viertelfinale Türkei gegen die Niederlande schon mal studiert werden, ist auch im Berliner Olympiastadion. Wenn die Türkei gewinnt, ist auf den Straßen die Hölle los, der Kudamm und die Hermannstraße ein Riesenkonvoi mit Hupkonzert. Ich verfolge diesmal gar kein Fußballspiel, nur heute bißchen was mitgekriegt. Deutschland hat neben Schottland den ältesten Kader, der türkische Kader ist der jüngste. Hatte mich schon gewundert, dass ich überhaupt noch drei Spielernamen (von früher) kenne. Kroos, Müller, Neuer. Muss auch komisch sein für Kroos, bei seinem letzten Spiel für die deutsche Nationalelf ausgerechnet gegen den Kader seiner Wahlheimat Spanien zu verlieren. Bestimmt wird er von den Kollegen von Real Madrid getröstet, wenn er zurückkommt. Weinende Fans finde ich immer herzig. Wenn die dicken Tränen über die Backen mit der Kriegsbemalung kullern. Wenn große, starke Männer wegen einem verlorenen Fußballspiel weinen. Frauen dito. Einfach schön. I like. Intensive Gefühle, aber kein wirklich tragischer Anlass. Wenn hingegen wegen schlimmer Katastrophen geweint wird oder wegen Tod oder existentieller Verluste, finde ich das gar nicht schön. Lieber wegen Fußball!

04. Juli 2024

Der Maler, der den Auftrag hat, den Schaden im Mauerwerk vom Atelierkämmerchen zu spachteln und dann neu zu streichen, war gerade bei mir an der Wohnungstür, um sich die Schlüssel zu holen. Er sieht die Bilder hinter mir, an der Wand vom Flur, und hält mir eine Predigt: „Da sin ja ooch überall Bilder!!! Sie solln die verkoofen! Nich allet selber behaltn!“ Ich: „Jaja, kommt schon noch dazu…“ Er war neulich zur Besichtigung des Schadens in meiner Werkstatt und hat sich im Wortsinne ein Bild gemacht.

Gestern im sehr hörenswerten Spotify-Podcast von Tanja Valérien (hatte Beate mal empfohlen) das Gespräch mit Bibi Johns angehört. Bibi ist schon 95 und immer noch ziemlich fit. Sie malt auch schon sehr, sehr lange und Tanja sprach sie darauf an, woran es läge, dass sie bei ihren Ausstellungen nur Lithographien verkauft, keine Originale. Sie kann sich schwer trennen und antwortete „Aber das sind meine Kinder! Ich verkaufe doch nicht meine Kinder!“. Einmal hätte sie es gemacht, fünf Bilder, die alle von einem Ehepaar gekauft wurden und es hat sie traurig gemacht, obwohl das Paar die Bilder in Ehren hält.

Tanja Valérien outete daraufhin, dass sie ebenfalls lange malt und bei einer Ausstellung befremdet von den Gesprächen über ihre Bilder war. Seither hält sie alles unter Verschluss. Ganz so ist es bei mir ja nicht – mich amüsieren Gespräche über meine Bilder, egal, was da geäußert wird. Und ganz unzugänglich sind sie ja auch nicht alle. Dann kam das Gespräch auf Museen, im weitesten Sinne den öffentlichen Raum. Da zu hängen, ist natürlich klasse, da kann man dann ja auch selbst immer hin. Also wir waren uns recht einig, auch wenn ich an dem Gespräch nur in Gedanken beteiligt war.

Und für alle, die es noch nie gehört haben: Picasso hat seine Bilder nur äußerst ungern veräußert. Seine Lieblinge hat er für sich behalten und auch immer wieder Bilder zurückgekauft. Ebenso Françoise Gilot. Sie hat oft fleißig mitgesteigert, wenn ein Bild von ihr bei Christie’s oder Sotheby’s unter den Hammer kam. Weil sie Sehnsucht danach hatte, es wieder um sich haben wollte, zu jeder Zeit betrachten… Also so eine Exotin bin ich nicht, wenn ich die Kinderschar zusammenhalte. Der Abschied ist ja sowieso irgendwann unvermeidlich. Aber Reproduktionen – immer gerne.

04. Juli 2024

Fast übersehen…! Die Aloe blüht wieder – die einzige von ca. ungefähr siebzehn Exemplaren und dieselbe wie im letzten Jahr. Das ist mir einen morgendlichen Eintrag wert! Zumal ich eine recht faule Gärtnerin bin. Am liebsten hab ich Pflanzen, die nicht viel Aufmerksamkeit brauchen, eigensinnig vor sich hinwachsen und sich ohne mein Zutun vermehren. Daher meine kleine Aloen-Farm. Wie die Ringeltäubchen, die brauchen mich auch nicht, ich gucke nur zu und lasse sie ansonsten in Ruh. Ist wohl der Hippie in mir!

02. Juli 2024

Statt in den Baumarkt zu fahren, weiße Holzlasur und ein Pinselset zum Anstreichen online prime bestellt. Ich gehe ganz gerne ab und zu in den Baumarkt, aber bei der Regenprognose, die mich hindert, das gleich heute zu verarbeiten, doch nicht. Der Südbalkon hat bröckelnde Farbe auf der Wetterseite. Ich streiche lieber selber drüber, als den Handwerker zu bestellen, ist entspannter und keine Wissenschaft. Der eine Balken sollte schon vor bald fünf Jahren mal ausgewechselt werden, ist nie zum Ausführungstermin gekommen, jetzt ist es mir auch langsam egal. Irgendwann kommt wieder der Rundumschlag-Termin für Außenanstrich und dann wird es neu aufgegriffen, nehme ich an. Bei Dachgeschoss, also Balkontüren- und Gauben-Holzverschalungs-Außenanstrich, müssen die Handwerker immer durch die Wohnung. Die Wohneinheiten unter mir haben sowas nicht, da gibts nur Außenfenster, die übers Gerüst gestrichen werden können. Nachteil einer Wohnung unterm Dach.

Apropos Baumarkt, beim Bachmannwettbewerb war ein Text dabei, der im Baumarkt spielt, den fand ich recht gut. „Die Möglichkeit einer Ordnung“ von Dennis Pfabe. Außerdem arbeitet der Autor tatsächlich drei Tage die Woche im Baumarkt. Die Jury hatte auch Lobendes vorzutragen, meine Aufmerksamkeit wurde auch recht gut gehalten, aber den Bachmann-Preis hat er nicht gekriegt. Schade.

Ich hatte sogar mitgevotet, aber nicht für den, weil ich dachte, der ist eh eine Erfolgsgeschichte, sondern für einen Text einer Österreicherin, der für mein Empfinden zu sehr unterging. „Schwestern“ von Ulrike Haidacher. Da ging es um den Besuch einer Enkelin bei der sterbenden Oma im Krankenhaus, dort trifft sie auch auf ihre Mutter. Der ganze Prozess wird minutiös beschrieben, was ihr da durch den Kopf geht, Ängste, schlechtes Gewissen, die Beziehung zur eigenen Mutter, die auch nicht einfach ist. Gefiel mir, weil glaubwürdig, dicht und unaffektiert. Auch der Vortrag war packend, im österreichischen Alltags-Duktus.

Ich konnte nicht verifizieren, wie das Ranking des Publikums-Votings war. Gewonnen hat den Publikumspreis ein vielgelobter, satirischer Text der Österreicherin Johanna Sebauer um „Das Gurkerl„, eine Posse in volkstümlichem, leicht zugänglichem Schreibstil. Ein Unfall eines Zeitungsreporters mit einer Essiggurke, bei dem ihm der Essig schmerzhaft ins Auge spritzt, wird von ihm zu einem Drama von Weltrang hochstilisiert, was ihm als Pressevertreter möglich ist. Woraufhin alle Welt Position pro oder contra Gurke (Gurkenverbot) beziehen muss und leidenschaftlich bezieht. Ein Sinnbild für Aufregungsmechanismen in unserer Zeit, Thema fast schon wurscht. Ich bin mir allerdings recht sicher, dass viele, die dem Text und dem Vorführen der zuweilen grotesk ausufernden Empörungsdynamiken Beifall zollen, auch nicht frei von Beteiligung an diesen Dynamiken sind.

Sei es pro oder contra Impfen, Maske, Gendern, Zuwanderung, Klimapolitik. Dezidierte, schulmeisternde Rechthaberei ist halt offenbar für viele ein befriedigendes Element der Äußerung und des sich Positionierens in der Welt. Thomas Strässle von der Jury (übrigens einer der vier Herausgeber des Bachmann-Frisch-Briefwechsels), bemängelte, dass sich der Text nicht mit Ursachenforschung dieser Dynamik befasst, sondern nur das Phänomen vorführt.

Ich ganz persönlich glaube, dass es vielen Menschen Sicherheit gibt in einer unsicheren Welt, sich auf eine Seite zu schlagen und an der Zementierung einer bestimmten Sichtweise zu bauen. Zudem spürt man sich intensiver, wenn man eine leidenschaftliche Äußerung vorbringt, auch die Reibung belebt, sorgt für erhöhte Intensität in einem langweiligen Alltag. Außerdem bietet es die Möglichkeit von Gruppensolidarität, sich eingebunden fühlen in die Gruppe, die den vermeintlich richtigen und einzigen Weg für das Menschheitsglück und damit das eigene kennt. Also ist es ein Beruhigungsmittel für alle, die Angst vor dem Verschwommenen, Diffusen, Unklaren und Unwägbaren haben. Vermute ich mal. Und die halt noch nicht die Weisheit der Queen haben, die als Alterserkenntnis wissen ließ: „Life is full of contradictions.“

Der zuletzt im Wettbewerb vorgetragene Text „Luft nach unten“ von Tamara Stajner konnte meine Aufmerksamkeit auch noch einigermaßen fesseln. Abermals das Thema Mutter-Tochter-Beziehung. Die Autorin hatte schon beim Lesen eine Körperhaltung, dicht über das Papier gebeugt, die klarmachte, wie autobiographisch es im Text zugeht, gegen Ende konnte sie stellenweise kaum weiterlesen, musste Tränen wegdrücken. Aber das war ihr persönliches Risiko, sie wusste ja selbst wie aufwühlend das Ganze für sie ist. Ich sehe nicht, dass man sie da hätte vor der Kamera-Situation schützen müssen und womöglich abbrechen, wie es auch z. T. Stimmen gab. Sie ist erwachsen und mündig und nicht gezwungen, derart filigrane Bekenntnisse in einem im Fernsehen übertragenen Wettbewerb darzulegen.

Außerdem fand ich „Eine Treppe aus Papier“ von Henrik Szanto über die Autobiographie eines Mietshauses über Jahrzehnte recht gelungen. Hat überraschenderweise auch keinen der Preise erhalten.

Zu den übrigen Texten und Vorträgen mag ich mich nicht äußern, weil sie entweder durchgerauscht sind oder mein Nervenkostüm strapaziert haben. Manches ist gehypt worden, was mir zu modisch und prätentiös daherkam, sowohl inhaltlich als auch stilistisch. Der Preisträger des ultimativen Bachmann-Preises hatte wohl auch einen ganz guten Text, ich konnte aber nicht die erforderliche Konzentration aufbringen, um ihn vollständig zu verfolgen.

01. Juli 2024

Auf dem Heimweg in der S-Bahn links von mir eine Urberlinerin, die mit ihrem erwachsenen Sohn telefoniert. Ich habe ihr so gerne zugehört, dass ich mich nicht auf mein Buch konzentrieren konnte. Es ging drum, dass Oma, also ihre Mutter, ein Problem mit dem Fernseher hat, die Batterien von der Fernbedienung sind wohl alle und keiner weiß, ob irgendwo in der Küche noch welche liegen. Auf jeden Fall sieht man sich ja morgen bei Oma – er soll bitte Batterien mitbringen, „dicke und schlanke! Dann kann Oma heute eben mal nicht fernsehen! Denn isset eben so. Und nu guck weiter Fußball!“

30. Juni 2024

Habe gerade geschaut, was im Sommer 1961 für Schlager in der Hitparade in Österreich waren und demzufolge aus dem Transistor-Radio der beiden Urlauberinnen gekommen sind. Auf jeden Fall immer dabei: „Schöner fremder Mann“ von Connie Francis. Kennt ja jeder, ebenso „Weiße Rosen aus Athen“ von Nana Mouskouri. Die folgenden drei Hits waren mir aber nicht auf Anhieb geläufig: „Wie damals in Paris“ von den Blue Diamonds , „Pepito“ von Los Machucambos und „Sucu Sucu“ von Ping Ping – da kommt nostalgische Partystimmung auf, man möchte abwechselnd den Petticoat oder die Rumbakugeln🪇herausholen!

30. Juni 2024

August 1961, Mama mit Freundin in Kärnten, in Velden am Wörthersee. Sie waren achtzehn und hatten ein gemeinsames Zimmer in einer Frühstückspension, „Haus Kirchheim“ (o. ä.), mit Frühstück auf dem Balkon, in der Nähe zum Strandbad Bulfon. Das war schön, hat sie gerade gesagt. Die Freundin ist die mit der Sonnenbrille. Damals waren Kurzhaarschnitte modern, und zum Schlafen ein Baby Doll anzuziehen. Das war ein sommerlicher Schlafanzug aus einem Baumwollbatisthöschen mit Rüschen und einem passenden kurzen, ärmellosen Oberteil, das auch Rüschen an den Säumen hatte. Und kleine, aufgenähte Schleifchen. Must have! Den bunt gestreiften Bademantel finde ich auch ganz schön. Im Fotoalbum klebt außerdem eine Taxi-Quittung vom 17.08.1961 auf den Namen der Freundin, da haben sie einen Tagesausflug nach Grado in Italien gemacht. 185 km, Preis 260,- Schilling, das waren ca. 40 Mark. Von Grado gibt es auch Fotos vom Strandbad.

29. Juni 2024

Guten Morgen aus dem Badezimmer. Nun aber im Wohnzimmer. Demnächst in der Küche. Lasse nebenher die Übertragung des Bachmann-Wettbewerbs aus Klagenfurt laufen, von 3sat in Kooperation mit dem ORF im Stream übertragen. Gerade liest ein Herr, dessen Herkunft ich der Schweiz zuordne. Das Zuhören strengt mich etwas an, weil die Konsonanten so schwer und zögerlich über die Zunge kommen, als habe er sperrige, hinderliche Gegenstände im Mund, die den Lesefluss beeinträchtigen. Sein Text wirkt auf mich streng konstruiert und langweilt mich leider Gottes. Ich könnte nicht in einem Satz zusammenfassen, wovon er handelt. Im weitesten Sinne philosphische Betrachtungen über dies und das. Über Leichtigkeit und Schwerkraft gerade. Der Mann heißt Semi Eschmamp und häkelt gerne Metaphern, wie den Vergleich einer Sonnencremetube mit Angst. Die Angst macht Urlaub am Meer. Tja. In seiner Kurzbiographie ist zu lesen: „Semi Eschmamp wurde am Zürichsee geboren(,) wuchs dort auf. Er studierte darstellende Kunst in Bern, lebt und arbeitet seit fast 20 Jahren in Berlin. Wobei die Arbeit mehr lebt, als das Leben arbeitet.“ Wer Wortspielereien und allerlei Metaphern liebt, ist bei dem Text evt. gut aufgehoben.

28. Juni 2024

Kreuzfahrtschiff Mitte. Gruß vom Oberdeck, von der Reling, heute Morgen. Um sechs kurz aufgestanden, um einen Schluck Wasser in der Küche zu trinken, hatte den Wasserbecher neben dem Bett vergessen. Der Blick aus dem Fenster erinnerte mich an das Deck eines Kreuzfahrtdampfers. Oder wie ich es mir vorstelle. Der Schornstein vom Dach gegenüber. Ich morgens auf einem Schiff in Mitte. Bin dann noch mal für ein Stündchen schlafen gegangen.

27. Juni 2024

Und dann habe ich Abschied genommen vom Nesthäkchen. Vielleicht ist es heute Abend schon flügge geworden und wenn nicht, bestimmt morgen. Ich werde nicht dabei sein. Ein paar mal hab ich mich noch umgedreht und bin immer noch mal zur Balkontür, um einen letzten Blick auf das Jungtier zu werfen. Es ist mir doch ein bißchen ans Herz gewachsen. Das geht genauso schnell wie mit dem flügge werden, dass man die Tierkinder ins Herz schließt. Vielleicht kehrt es ja einmal zurück und bekommt eigene Küken. Und das könnte schon im nächsten Frühling sein.

27. Juni 2024

Heute früh. Ich hab damit gerechnet, dass das Nest leer ist und beide Taubenküken flügge geworden sind, aber das jüngere Geschwisterkind ist noch da. Ganz allein hat es das Nest für sich und schaut in alle Richtungen. Dass ich näher gekommen bin, hat es nicht gestört. Kein aufgeregter Flügelschlag. Nur vier Tage war ich nicht da und so groß ist es geworden, ein richtiger Teenager!

27. Juni 2024

In aller Herrgottsfrüh. Fotos von 6:41 Uhr. Bin gestern dermaßen früh schlafen gegangen, dass ich so früh aufgewacht bin, dass ich gegen meine sonstigen Gepflogenheiten sehr früh auf bin. Bei angenehmer Temperatur, 23 Grad, alle Fenster und Balkontüren weit auf. Ein frisches Lüftchen weht durch die Wohnung. Und nun sogar schon gebloggt! Vielleicht fahr ich noch zum Gießen in meine schlummernde Werkstatt. Ob die Täubchen schon flügge sind und weg? Ins Büro fahr ich noch nicht. Will meine Kollegen nicht erschrecken, die gewohnt sind, dass ich zwischen halbzehn und zehn eintrudle. Lieber später hin und länger in den angenehm temperierten Räumen weilen, wenn es draußen so tropisch ist, wie gestern. Hat mir auf den Kreislauf geschlagen, die plötzliche Hitze. Aber jetzt gut erholt. Sogar gefrühstückt, mach ich sonst auch nie!

26. Juni 2024

Eine Baustelle weniger. Der Klempner war gerade da und hat in meiner Küche eine neue Armatur installiert. Die zweite, seit das Haus 1997 erbaut wurde. Hab vormittags gearbeitet, als ich ins Treppenhaus kam, saß der Installateur schon auf den Stufen vor meiner Wohnung. Hat sich mit seinem Smartphone beschäftigt und so sicher keine Langeweile gehabt. Er war schon vor dem Termin um 14 Uhr da, ich auch, er konnte gleich loslegen. Nun keine vollgetropfte Plastikwanne mehr unter der Spüle, weil die Armatur oben und unten leckt. Heiß heute in Berlin, hab alle Rollos an meinen Fenstern runtergezogen. Ich leg mich für eine Siesta hin.

25. Juni 2024

Heimkommen, nach Sieben, zum Balkon, Blümchen gucken. Gießen. Ausziehen. Kaltes Getränk eingießen. Ausruhen. Sehe gerade eine Episode von Chris O’Dells Chick Chats-Youtube Channel, wo sie sehr familiär Weggefährtinnen aus den Sixties und Seventies interviewt. May Pang gerade, die Assistentin von John und Yoko, mit der John Lennon später einer Affäre hatte, mit quasi Segen von Yoko. Was haben diese Frauen erlebt und gesehen, was für Ikonen getroffen. Und dann wieder bei der Lektüre von Chris O’Dells Buch realisiert, was für eine riesige Rolle Drogen gespielt haben, kaum ein Bühnen-Alphatier, das nicht permament bekifft, angetrunken, auf Koks oder Heroin oder sonstigem war. Ist eigentlich keine riesige Neuigkeit, aber diese detaillierten Erinnerungen trichtern die Dimension noch einmal ein. Da wird es dann auch beliebig und bedauerlich. Aber was haben Drogen für einen wahnsinnigen Booster und Einfluss und Motor dargestellt. Was wäre ohne diese Exzesse alles verschüttet geblieben. Wir wissen es nicht. Chris O’Dell war auch immer wieder drauf – bis sie vor vielen Jahrzehnten zur Drogenberaterin wurde. Also Beratung im Hinblick darauf, ohne Abhängigkeit von Substanzen zu leben.

24. Juni 2024

Die zwei Beiden. Immer dicht aneinander gekuschelt. Wagen sich keinen Schritt aus dem Nest. Die Eltern sind unterwegs. Das jüngere Küken ist auf den Bildern immer weiter hinten. Der Schnabel ist noch dunkler und der Kopf noch kleiner und nicht so rund. Sie sind aber nicht mehr als ein, zwei Tage nacheinander geschlüpft, also ziemlich gleich alt. Aber weil die Entwicklung so turboschnell ist, sieht man schon bei einem Tag Altersunterschied ein anderes Entwicklungsstadium. Habe inzwischen einen geschulten Blick dafür entwickelt. Ganz unbeabsichtigt. Ich bin ja wie die Jungfrau zum Kind zum Ringeltauben-Studium gekommen. Weiterhin habe ich weder eine Vogeltränke, noch biete ich Futter. Aber eine ruhige Balkon-Wohnung mit viel Grün. Nicht schlecht! Übrigens geben weder die Kids noch die Eltern irgendwelche Geräusche von sich. Weder wird gepiept, noch gezwitschert, noch geschnattert, noch gekräht, noch gegurrt. Absolut idyllische Stille.

24. Juni 2024

Sonntagsbesuch. Gestern nach dem Rechten gesehen. Vielleicht sind das schon wieder die letzten Bilder. Beim Annähern hat das das ältere Taubenkind, hier zu sehen, die Flügel angehoben, wie es bald sein wird, wenn es wegfliegen kann. Noch ist es nur ein ungelenker Flügelschlag ohne Folgen, mit aufgeplusterten Federn.

23. Juni 2024

Die letzten Nähte gingen dann recht flott. Gestern den kaputten Überzug vom Schaumstoffblock repariert und neu eingefärbt, heute noch eine Reihe der weißen Borte ans Kleid angennäht. Fadenspannung richtig hinbekommen. So viel habe ich in meiner Jugend genäht, das steckt alles noch in mir drin. Ich konnte auf eine schlummernde Routine zurückgreifen, wie die Maschine funktioniert und wie sie am Schnürchen läuft. Eventuell verlängere ich noch andere Teile. Mir kam wieder in den Sinn, dass mir, bevor ich selber nähte, in den Siebzigern manche Schlaghosen unten mit Meterware von bunt bestickten Borten verlängert wurden, damit sie keine Hochwasserhosen waren. Meine Beine wuchsen so schnell, ich war immer das allergrößte Mädchen in der Klasse. Hochwasserhosen waren peinlich! Die Borten waren aber auch nicht so richtig cool. Manche passten farblich gar nicht zum Rest!

23. Juni 2024

Mein Sonntagskleid. Heute fertig und spazierengeführt. Es war noch Spitze für den himmelblauen Taschengurt übrig. Soeben noch einen himmelblauen Panama-Strohhut dazu bestellt. Wenn ich Glück habe, ist es das gleiche Blau, dann bekommt er noch ein Hutband dazu, vom letzten Spitzenrest. Jetzt hat das Kleid die richtige Länge. Bei Maxikleidern dürfen im Stehen nur ein bißchen die Schuhspitzen hervorgucken. Nie der Schuh und die Knöchel.

21. Juni 2024

Jetzt TV – VOX, Goodbye Deutschland, dann Nachtcafé. Ich fand es heute drückend, schwül. Gab kurzes Gewitter, mal Regen. Unattraktive Witterung. Gruselig hohe Luftfeuchtigkeit – bei jetzt 21 Grad bei 94 Prozent. Heimgekommen, hingelegt, Schläfchen gemacht von sieben bis halbneun. Jetzt wieder wach. Wiener gegessen. Fühle mich etwas erholt. Keinerlei Ehrgeiz, mich heute dem Haushalt zu widmen. Außer, mein überschaubares Geschirr abspülen. Aber das mache ich ja sowieso immer, im Vorbeigehen nebenher, gleich nach dem Verzehr. Da bleibt nie etwas liegen.

20. Juni 2024

Neue Fotos von Gaga Grzimek! Heute früh das doppelte Lottchen besucht. Bitte sehr. Der schwarze Schnabel von den Kleinen ist jetzt schon heller geworden. Sie haben ganz aufgeregt geatmet, als ich mit der Kamera und beim Gießen näher gekommen bin und sie konnten sich nicht wehren, die armen kleinen Dinger! Ich will doch nichts Böses, nur mal allen zeigen, wie Ringeltaubenkinder aussehen. Das struppige Dunenkleid ist fast schon weg, es geht alles so schnell. Heute früh war wieder Besichtigung vom Wasserschaden an der Wand vom Kämmerchen im Atelier, diesmal hatte die Vermieterin den Maler mit einbestellt. Aber gemalert werden konnte noch nicht. Es wurde festgestellt, dass das durchfeuchtete Mauerwerk mit abgeklopft werden muss und dann gespachtelt und geweißt. Das werden drei Dates mit dem Maler. Er erklärte, dass jeder Arbeitsschritt gründlich durchtrocknen muss, daher gehts nicht mit einem mal. Ich habe gesagt, dass ich das ein bißchen kenne, mit dem Durchtrocknen der verschiedenen Schichten, Geste zu den Bildern. Er grinste quasi kollegial und die Vermieterin freute sich: „Da können Sie Beide ja fachsimpeln!“ Na ja, wie auch immer, Hauptsache, es wird bald gemacht. Und nächste Woche habe ich auch noch Handwerker in Mitte, in der Küche. Der Klempner muss die Küchenarmatur erneuern, die tropft irreparabel aus dem Gewinde. Wundere mich nur, dass meine Waschmaschine nach 25 Jahren immer noch tadellos wäscht. Ein Wunder! War das billigste Modell damals, was Italienisches, „Indesit“, und sah von den Billigsten am besten aus. Toi toi toi…!

19. Juni 2024

Heute präsentiere ich zwei Beobachtungen in meinem Oeuvre:

Netto hat die Selbstbedienungskassen wieder abgeschafft, weil die Kundschaft in großem Umfang beim Scannen beschissen hat. Ich habe das nie benutzt, dachte mir aber immer schon mal, dass bei einer gewissen Klientel bestimmt nicht jede Sardinenbüchse gescannt wird. So wars dann auch. Hatte nachgefragt, als mir neulich der Rückbau des Kassenbereichs auffiel. War die Netto-Filiale an der Endhaltestelle U8, Hermannstr., in der Einkaufspassage.

Zweite Beobachtung (über Jahrzehnte!): auch Männer haben Wechseljahre, die da nun Andropause getauft wurden. Ist mir schon klar, dass ältere Herrschaften kein großes Interesse haben, dass das Nachlassen der Manneskräfte und Muskelspannung etc. pp. im breiten Bewusstsein derart zementiert wird, wie es bei den Damen der Schöpfung in geradezu aufdringlicher Weise mit den Wechseljahren der Fall ist. Aber bitte: man sieht es ja. Der Verfall macht vor keinem Geschlecht halt!

Zitat:

„Im Unterschied zu den Frauen treten die Wechseljahre des Mannes allerdings nicht plötzlich, innerhalb weniger Jahren auf. Vielmehr ist dies ein schleichender Prozess, der in der Zeit zwischen dem 40sten und 50sten Lebensjahr eintreten kann. Über die Jahre hinweg nimmt die Produktion des Testosterons ab bzw. nehmen die Testosteronwerte durch verminderte Durchblutung im Hodenbereich ab (die Hoden produzieren über 95 Prozent des Testosterons beim Mann). Auch die Zunahme von schlechtem Bauchfett (viszerales Bauchfettgewebe), der Verlust von Muskulatur, körperliche Inaktivität und Umweltgifte wie bspw. Nikotin tragen zu dieser Hormonumstellung bei. Bei den Wechseljahren des Mannes kommen häufig Symptome wie bspw. Nachlassen der Konzentrations- und Belastungsfähigkeit am Arbeitsplatz auf. In diesem Fall haben die Männer vor allem am Nachmittag häufig ein Tief. Weitere Symptome sind Abgeschlagenheit und Müdigkeit sowie Lustlosigkeit, abnehmende Sexualität und sexuelle Probleme.“ usw. usf.

Speziell den nachlassenden Muskel-Tonus habe ich öfter beobachten dürfen. Fazit: wir sind alle gleich arm dran! Im Grunde können Männer und Frauen eine Selbsthilfegruppe gründen, da die nachlassenden Hormone auf beiden Seiten eh zu einer gewissen Gleichmacherei führen. Auch sehe ich viele Parallelen in dem Aspekt, dass sich ältere Männer gerne mit knackigen Frauen jüngerer Jahrgänge beschäftigen und ältere Frauen ebenfalls nicht selten gerne mit jüngeren männlichen Exemplaren mit sehr guter Körperspannung. Personen jüngeren Alters jammern zwar auch gerne, aber über ganz andere Sachen. Das lenkt angenehm ab.

18. Juni 2024

Heute in Fake Chanel. Es ist noch perfider, als man meinen möchte – nicht etwa hat ein frecher Bekleidungshersteller dieses Shirt produziert. In der Hermannpassage oder wie dieser Shoppingcenter am U- und S-Bahnhof Hermannstraße heißt, gibt es einige überaus preisgünstige Klamottenläden. Einer davon hatte ein glitzerndes schwarzes Shirt, das mich neugierig machte. Das Motiv war das klassische Trauungs-Symbol: zwei ineinander verschlungene Ringe. Ich erkannte sofort Potenzial. Links und rechts ein paar Pailletten demontiert und fertig war mein Chanel-Shirt. Für zehn Euro, da kann man nicht meckern. Das hatte ich heute an. Wieder ein langer Arbeitstag. Zwischendurch gelesen, dass Anouk Aimée gestorben ist. Ganz zauberhafte Schauspielerin. Ihr letzter Film von 2019 „Die schönsten Jahre eines Lebens“ (franz. Original: Les plus belles années d’une vie) von Claude Lelouch mit Trintignant ging mir sehr zu Herzen, ich war damals mit Jenny im Kino, total hingerissen. Ach ja, und Jenny schickte mir vorhin ein Foto, dass sie Post von mir bekommen hat. Ich schickte ihr gestern einen Stoff, den ich nicht verwenden konnte, und aus dem sie etwas ganz Großartiges schneidern wird.

16. Juni 2024

Änderungsschneiderei für große Mädchen, mein Tagwerk. Borte mit Lochstickerei zwecks Verlängerung (mit der uralten, noch gut funktionierenden „Privileg“-Nähmaschine aus meiner Jugend) an Kleid genäht. Kommt noch eine dritte Reihe unten dran und der andere Ärmel kriegt auch noch adrette Borte. Dann ist das Kleid nicht mehr midi sondern maxi! Kann ich erst in der kommenden Woche fertig nähen, wenn die mir noch fehlende Borte geliefert ist.

15. Juni 2024

Abendverabredung abgesagt, nicht viel zustande gebracht. Außer Abendhimmelfoto. Ungewohnt in der Himmelsrichtung, im Norden. Im Westen war der Himmel ganz blass. Bin heute zu erschöpft für Gesellschaft und Konversation oder gar „Party“. Im abgedunkelten Schlafzimmer im Halbschlaf gewartet, dass die Triptane wirken, bevor der Kopfschmerz aus der Hölle seine Folterarbeit verrichtet. Kollegin, die im Thema steht, erzählte mir von einer Studie, die erhellt hat, dass Personen mit Migräne messbar erhöhte Gehirnaktivitäten haben. Nun denn. Hätte dann doch lieber ein anderes Status-Symbol zwecks Leute beeindrucken. Dass ich im Kopf immer hochtourig laufe, merke ich selber. Hat zwei Seiten.

15. Juni 2024

Guten Morgen gegen Mittag! Berlin abwechselnd leichter Regen, Wind und Sonne. Ich will nachher meine betagte Nähmaschine anwerfen, den kaputten Überzug vom Schaumstoffblock vom Atelier ausbessern. Stoffrest ist besorgt, danach neu Pink einfärben. Und ein neueres himmelblau-weiß groß geblümtes Lieblingskleid, das nach dem Waschen kürzer geworden ist, beträchtlich verlängern, indem ich unten eine Stoffbahn aus Baumwollstoff mit Lochstickerei, und auch an den Ärmeln eine passende Borte annähe, so dass es am Ende bodenlang wird. War mir eh einen Tick zu kurz. Falsche Kleiderlänge sieht einfach nicht aus. Saum kurz unterhalb vom Knie oder wadenlang bei glockigem Rock wirkt ganz schlimm plump und trutschig. Lieber richtig maxi!

Am späteren Abend verabredet zum Sommerfest im Literaturhaus in der Fasanenstraße. Lydia und Ina und Jan kommen sicher auch.

14. Juni 2024

Um mehr als „Gute Nacht“ zu schreiben – weiterhin viel, viel zu tun. Freizeitprogramm wenige Stunden am Abend zuhause, verpasste Sendungen in Mediatheken laufen lassen, dabei essen, trinken, einen kurzen Blogeintrag wie diesen. Außerdem kleines Freizeitintermezzo: in der S-Bahn oder beim Mittagessen ein Kapitel lesen. Chris O’Dell hat nun einen Orga-Job im Management der Rolling Stones angeboten bekommen. Mick kannte sie schon über eine Freundin, die ihm in London den Haushalt gemacht hat.

13. Juni 2024

Oh my goodness… ich fand gestern am Lieferantenzugang von einem großen Gebäude ein Smartphone auf dem Boden, eingeschaltet, mit einem unfassbar großen Konvolut von Messages, war aber nicht kenntnisreich genug, selbst zu eruieren, wer der Besitzer sein könnte. Hab es in der Sicherheitszentrale des Gebäudes abgegeben. Mir wurde ganz schwindelig angesichts des derart dichten Austauschs vom Messages mit unfassbar vielen verschiedenen Personen, hatte nur mal kurz durchgescrollt und quergelesen. Wie kann man nur privat derart viele Kontakte pflegen. Allerdings hab ich nicht das jeweilige Datum angeguckt. Vielleicht ist es doch weniger dicht, aber der unsortierte Kraut- und Rübeneingang hat mir das Gefühl vermittelt: GOTT SEI DANK bin ich nicht diese Person, der der Apparat gehört. Ich hatte interessanterweise sofort den Vibe, dass es das Smartphone von einem Mann ist. Der schnelle, pragmatische Duktus vielleicht. Hat sich gerade verifiziert, der Eigentümer hat mich kontaktiert. Ein Mann, so Mitte dreißig. Aus einigen Messages konnte ich auch herauslesen, dass es um Absprachen zur Kinderbetreuung ging, wer wann X abholt und dann da und dahin fährt. Was für ein anstrengendes Pivatleben, dachte ich mir. Wie geradezu eremitenhaft hingegen meine privaten Kontaktaktivitäten und Konversationen sind. Ich bin die personifizierte Entschleunigung.

12. Juni 2024

Danke Küken…! Für mich bist Du sehr süß. Ich weiß, dass Viele im Internet schreiben, dass Taubenküken nicht schön aussehen, manche sagen sogar hässlich – wie gemein! Sie haben eben keinen kugelrunden Kopf und nicht das Kindchenschema mit großen Kulleraugen. Mehr so punkig. Aber süß und unschuldig sind sie trotzdem. Ich könnte so einem Taubenküken nie etwas zuleide tun. Gut, dass die Eltern so gut aufpassen. Ich hab mich sehr gefreut, das Gesicht zu sehen. Das zweite Taubenbaby, das ich sehe. Bis zum letzten Jahr habe ich überhaupt keine Ahnung gehabt, wie frisch geschlüpfte Tauben aussehen. Weil sie so gut versteckt sind! Was hab ich für ein Glück, dass ich so ganz nah zuschauen kann, wie sie groß werden. Es gibt ja noch ein zweites und ich hab den Hintern gesehen! Das später geschlüpfte kuschelt sich noch unter Mama, aber es ist da! Wenn ich wieder dort bin, gibt es schon zwei aufgeregte Schnäbelchen und vielleicht kann ich Fotos vom Füttern machen. Da schnäbeln die Kleinen in den Schnabel der Eltern, nicht nur Mama, auch Papa Taube, um die Kropfmilch zu trinken. So geht das Füttern, wenn sie noch klein sind. Es ist eine bestimmte Milch, die im Hals von den Eltern für die Kleinen gemacht wird. Dafür müssen die Eltern viel Wasser trinken.

11. Juni 2024

Aber dann sehe ich ein flaumiges Hinterköpfchen, das an Mamas Bauch nach oben schlängelt. Ganz aufgeregt. Ich hoffte inständig, ich kriege noch ein unverwackeltes Foto zustande, wo man das zappelige Taubenküken von vorne sehen kann. Bleiben Sie dran!

11. Juni 2024

Es geht weiter. Gestern war ich also für den Stromzählerableser um zwölf Uhr mittags in meinem Atelier. Gleich zum Balkon! Gießen, aber vor allem gucken, was sich getan hat. Zuerst hat es wie am Sonntag ausgeschaut. Taube wie dicke Henne auf Küken. Ich konnte nicht sehen, was mit dem zweiten Ei ist, ob da auch was geschlüpft ist. Beim Gießen war die Taube wieder in Habachtstellung, nicht so relaxed wie vorher beim Brüten. Hat sich ein bißchen in Drohgebärde augeplustert, obwohl sie ja nun gelernt haben könnte, dass ich wirklich nur den Bambus gieße, der jetzt auch wieder schön grün ist. Auch mein anderes Gestrüpp, ganz herrliches Versteck für die Täubchen. Bis der Ableser gekommen ist, war noch ein bißchen Zeit zum Beobachten. Bleiben Sie dran!

09. Juni 2024

Status quo. Frau Nielsen heute Nachmittag. Ich glaube, gestern hat ein Scammer unter einem deutschsprachigen Eintrag von mir auf Facebook, über den Kinobesuch beim Ingeborg Bachmann-Film vom Oktober 2023, einen Kommentar abgesetzt, englischsprachig, der nicht das geringste mit dem Beitrag zu tun hatte. Außerdem den Beitrag geliked, von dem er mutmaßlich keine Silbe versteht. Der Name war leicht zu googeln, ein grauhaariger britischer Banker, der vermutlich für einen Scammer als Fake Profil herhalten muss. Hab den Kommentar gelöscht. Ich bin ja mitunter naiv, aber so dann doch nicht. Abgesehen davon bin ich weder mit Bankern, noch mit „Silber-Rücken“ zu verlocken.

09. Juni 2024

Nach dem Gießen und nach den Täubchen gucken, habe ich die noch im Kämmerchen hängenden pinken Bilder abgehängt und im großen Zimmer an der Wand abgestellt. Nun kann der Maler malern. Im Grunde könnte ich die Wände auch selber weißen, aber das kostet Zeit, die ich nicht habe. Kann ruhig der Fachmann ran. Dann noch den kaputten pinken Bezug vom Schaumstoffblock abgezogen und mit der Nähmaschine mitgenommen. Daheim in die Waschmaschine, dann wird repariert, ein Stück Stoff eingesetzt, wo der Stoff schon vom Schimmel verrottet war. Zum Glück eine Ecke vom Bezug, die man eh nicht sieht. Deswegen hab ich ja lange nichts von dem Schaden bemerkt. Seit Jahren die Nähmaschine nicht benutzt, hoffe sie geht noch. Wie es geht, weiß ich noch, gelernt ist gelernt. Muss noch ein Stück Stoff finden, dann wird ausgebessert und pink übergefärbt. Habe momentan den Eindruck, mein Leben besteht zu einem großen Teil aus Arbeit, Schadensbegrenzung und Reparaturarbeiten und Handwerker-Terminen, die völlig meine Zeit und Kraft beanspruchen. Dazwischen nur essen, trinken, schlafen, Haushalt und bißchen youtube gucken. Und bloggen natürlich. Ein bißchen Sonne tanken auf dem Balkon dazwischen. Die Europa-Wahl hab ich auf dem Weg zum Atelier dazwischengequetscht. Der eine Wahlhelfer am Begrüßungstisch war ein ganz junger, hipper, eventuell gerade mal volljährig, wenn überhaupt. Es durften ja auch schon Sechzehnjährige wählen, vielleicht durften die auch wahlhelfen. Er hatte gelbe Sachen an, längere Haare und lila lackierte Fingernägel und war leicht verpeilt. Hab DIE PARTEI angekreuzt.

09. Juni 2024

Erstes Kuscheln unterm aufgeplusterten Federkleid. Vielleicht ist das erste Küken heute geschlüpft oder gestern. Noch so klein. Ich habe den Kopf nicht gesehen, nur ein Stückchen vom kleinen schwarzen Schnabel. Morgen schau ich wieder hinein. Der Stromableser kommt gegen Mittag. Vielleicht sind es dann zwei.

09. Juni 2024

Vorhin, am Nachmittag. Behutsame Annäherung beim Gießen. Mir fiel sofort auf, dass die Taube so aufgeplustert aussieht, ganz anders wie beim normalen Eier-Brüten. Als ob sie in Habacht-Stellung ist und trotzdem auf keinen Fall wegfliegen möchte. Wie eine Henne saß sie da, eine Glucke. Und ich ahnte schon, warum.

09. Juni 2024

Nachher: Wahllokal Kastanienbaumschule in der Gipsstr., Atelier: Bambus gießen, höchstwahrscheinlich frischgeschlüpfte Küken gucken, Baby-Fotos. Restliche Bilder im Kämmerchen für Malern nach Wasserschaden abhängen, Kreuzschraubendreher und Nähmaschine und kaputten Überzug vom Schaumstoffblock mitnehmen. Bestellen: Simplicol Pink. Überzug waschen, ausbessern, Pink nachfärben. Denkzettel: Maler kommt mit Vermieterin am 20. Juni um 8 Uhr zur Besichtigung des Schadens, könnte meinethalben gleich malern. Morgen mal meine Vermieterin fragen, ob das drin wäre, ein Aufwasch.

09. Juni 2024

Ach… schade – ich habe gestern Wahl-O-Mat gemacht und bei der Parteien-Auswahl nur CDU, SPD, FDP, Linke, Grüne, Piraten, und DIE PARTEI angeklickt. Jetzt hätte mich spaßeshalber doch interessiert, wieviel Prozent Übereinstimmung ich mit der AfD gehabt hätte. Aber die Browser-History hat mein Ergebnis nicht gespeichert. Die Fragen nochmal durchzugehen bin ich zu faul, zumal ich nicht davon ausgehe, dass ich die höchste Übereinstimmung mit der vergessenen Partei gehabt hätte.

Mein Ergebnis-Ranking war dergestalt (Prozente grob erinnert):

  1. DIE PARTEI ca. 96 Prozent
  2. Piraten ca. 92 Prozent
  3. Grüne um die 80 Prozent
  4. Linke ähnlich
  5. SPD weiß nicht mehr
  6. FDP weiß nicht mehr
  7. CDU 60 Prozent (hätte mehr erwartet)

Interessant war für mich als Selbsterkenntnis beim Beantworten der Fragen, dass ich mich im Zweifel immer für die maximale Toleranz entschieden habe, obwohl ich im Laufe des Älterwerdens in manchen Aspekten konservativer als früher denke. Bei einigen Fragen, wo es um Steuern ging, habe ich teilweise „neutral“ geklickt, weil ich zu faul war, mir eine qualifiziertere Meinung zu bilden. Bei Ukraine in die EU habe ich ja angekreuzt. Eigene Währung für Deutschland will ich jetzt auch nicht mehr. Den Ökokram wie Solarzellen bei Neubauten unterstütze ich. Freie, straffreie Selbstbestimmung über Schwangerschaftsabbruch dito.

08. Juni 2024

To do-Liste, Montag

  • verrotzte Teppichfliesen austauschen, beide Büros nebenan, meins
  • Frontleisten graues Flurregal m. dc-fix weiß kaschieren
  • Schlieren an der Wand radieren
  • Bilder vor Oberlichter hängen, Streifenbild an Säule etc.
  • zwei bis drei übrige Tolomeo-Lampen verteilen, anschließen
  • Gastro-Roll up u. Prospekthalter zweckentfremden (ggf. Bilderhalterung in Dachschräge?)
  • Hängung „Evolution“ eruieren (Trennscheibe 7B hinter Drucker oder komplette Wand gegenüber, falls Wand, checken, ob die beim Umbau im Juli entfernt wird, dann irrelevant)
  • Kraut- und Rüben-Material auseinanderdividieren, aussortieren
  • schwarze Stativ- u. Roll up-Taschen verschenken bzw. mitnehmen
  • alten Lampenfuß wegschmeißen
  • Bilder vor Büroscheiben zur Küche testen, wo die Schrankrückwände zu sehen sind, falls passend, Holzrückwand weiß kaschieren, ggf. mit Rückseiten von aussortierten Posterrollen am Lastenfahrstuhl, falls noch nicht entsorgt
  • übrige Bilder positionieren, (ausreichend Haken?) hängen
  • Bohrlöcher Sichtfronten und Fehlbohrungen Fliesenspiegel Unisex-WC (Dübel ziehen) spachteln, kaschieren
  • Verbleib der aussortieren 40 cm schmalen, weißen Regale in der 7. oder im 2. OG eruieren, für Position ganz hinten, rechts vom Server-Schrank ausprobieren.
  • Flasche u. blaue Blume für S. deponieren (Budget? A. fragen)

06. Juni 2024

Hat nicht sollen sein. Das gestern gelegte Ei wurde über Nacht wieder geraubt. Nun wieder leeres Nest in meinem Taubenschlag in Mitte.

Gestern war ich bei der „Geführten Biofilm-Therapie“. Nie gehört? Ich auch nicht bis dato. In meiner Zahnarzt-Praxis standen drei dreidimensionale Großbuchstaben auf einem Regal im Behandlungsraum: GBT. Habe den Dental-Hygieniker gefragt, was die bedeuten. Genau das, was er gerade bei mir macht, war seine Antwort. Zahnreinigung mit einer bestimmten Technologie. Seit die Praxis das neue Equipment hat, tut es nie mehr weh. Kein Gestochere, ich bin fast eingeschlafen, mit meiner orangen Brille auf der Nase. Ich empfehle die „Geführte Biofilm-Therapie“.

Schönster Moment heute, bis jetzt: auf dem S-Bahnsteig am Hackeschen Markt eine Gruppe mit kleineren Kindern, Jungen und Mädchen gemischt, vielleicht kurz vor Einschulung oder schon erste, zweite Klasse und ein Lehrer oder Erzieher. Die Mäuse saßen zu ungefähr zehn auf einer Bank, auf der sonst vier Erwachsene Platz finden. Jedes Kind hatte ein Grashüpfer-grünes Hütchen auf dem Kopf. Super Idee, um gleich zu sehen, wenn ein Kind ausbüxt und es wieder einzusammeln. Sah putzig aus, die zehn grünen Hütchen nebeneinander.

05. Juni 2024

Regen-Ei. Ich will hier wirklich nicht mit einem weiteren Taubenei langweilen, aber als Hobby-Psychologin finde ich es schon nicht uninteressant, dass die Ringeltauben-Fachleute sagen, dass ein ausgeraubtes Nest bis auf weiteres als Brutplatz gemieden wird. Nun wurde Ende April, also vor gut vier Wochen, bei mir in Mitte auf dem Nordbalkon, in DEM Nest ein Ei gelegt und wenige Stunden später geraubt. Das Taubenpaar hat sich zurückgezogen. Heute Abend, es regnet, hat sich mein Blick einmal wieder zum verwaisten Nest gerichtet, ich mache die Balkontür auf, schreckhaft fliegt ein Täubchen auf. Und nun das. Es geht wieder los. Ist das ein anderes Paar oder ist das Trauma nach vier Wochen geheilt? Entweder wurde es gestern oder heute gelegt. Geburtstermin von Ei eins also um den 20. Juni. Morgen kommt ein zweites dazu. Weil die Täubchen ja immer zwei legen, im Abstand von ein bis zwei Tagen. Und bei meinen brütenden Täubchen am Atelierbalkon ist zwischen heute und 10. Juni Geburtstermin. Ich werde keine Elternzeit beantragen. Ich füttere auch nicht, Wassertränke gibts auch nicht. Ich gieße ja in unmittelbarer Nähe die Blumen, da fällt immer was ab, gehe ich mal von aus. Solche Haustiere sind doch reizend. Sehen putzig aus, machen so natürliche Sachen und mir keine Arbeit. Schon nett. Und nun genug für heute von Vögeln.

04. Juni 2024

Palmberg und Lindemann. Palmberg hat fünfstellige Schlüsselnummern. Lindemann vierstellige. Lindemann, Palmberg. Palmberg, Lindemann. Lindemann, Lindemann, Lindemann. Kann man auch rappen. Berliner Büromöbelhersteller. Habe die vergangenen Tage echte Expertise entwickelt, ob ich Lindemann oder Palmberg vor mir habe. Nun ist der Umzug vorbei und jetzt kommen die weniger anstrengenden, finalen Verschönerungen. Ich baue (wieder) eine (gar nicht so) kleine Galerie auf einem langen Flur mit schöner, langer, leerer weißer Wand auf. Dass sie leer ist, habe ich veranlasst, indem ich drei Lindemanns ins Möbel-Lager versetzen habe lassen. Muss aber eine Petersburger Hängung machen, wenn ich die ca. fünfzig Bilder an der Wand unterbringen will. Wird schon.

Der Schaden am Fallrohr im Atelier wurde direkt bei der ersten Begehung behoben, habe der Vermieterin meinen Schlüssel vertrauensvoll überlassen, der Installateur hat irgendein Teil am Rohr ausgewechselt und sie saß daneben in der Atelierküche, wo hauptsächlich Bilder im Farbspektrum Grün-Gelb hängen. Sie schrieb mir danach, dass es für sie eine Oase war, da zu sitzen, weil Grün ihre Lieblingsfarbe ist. Sie fand sehr wertschätzende Worte. War für mich interessant, weil sie noch nie in meinem Atelier war. Früher hat ihr verstorbener Mann alles mit den Mietern und Handwerkern erledigt. Sie ist genauso fair und gewissenhaft, wie er. Jetzt muss noch ein Termin zum Malern vereinbart werden. Aber sie holt erst einen Kostenvoranschlag ein.

03. Juni 2024

Heute:

8:00 Uhr Atelier, Besichtigung Wasserschaden Fallrohr mit Vermieterin und Gas-Wasser-Installateur Wolter.

Hernach Büro, Bestandsaufnahme Umzugs-Ergebnis, was fehlt noch wo (zweiten Schrank Flur ausräumen, Abtransport beide Schränke, Austausch Schränke 7B 06, 7B 07, ggf. Schreibtisch, Check Bedarf diverse Tageslichtlampen, Besucherstühle mit den schöneren Holzstühlen aus der Möbel-Etage tauschen, anderer Tisch im Besprechungsraum), Info Kollegen, meine Docking-Station anschließen, Zeug aus den Kartons, usw. usf.

02. Juni 2024

Vokabelheft:
„squander“ – verschwenden

Eine der vielen Vokabeln, die man nicht in der Schule gelernt hat. Gerade bei einer amerikanischen Youtuberin gehört, die das Wort innerhalb von zwei Minuten zweimal benutzt hat.

01. Juni 2024

Samstag am Gipsdreieck. Aus meinem Fenster. Gar nicht so viel los heute da unten. Keine große Zusammenkunft, im Vergleich zu anderen Wochenden. Eventuell fehlen die Fußball-Anhänger, die Real Madrid gegen Borussia Dortmund geguckt haben. Ich habe lieber aus dem Fenster, statt in den Fernseher geguckt. Fotografiert gegen 20:30 Uhr, kurz bevor ich los bin, meinen unerledigten Wochenendeinkauf bei Edeka in der Gr. Hamburger nachzuholen.

30. Mai 2024

Büro-umzugsbedingt zwölfeinhalb Stunden freiwillig gearbeitet, nun rechtschaffen müde. S-Bahn komische Unterbrechung Friedrichstraße, erst zum Ende von GNTM daheim. Hab noch gesehen, dass Fabienne weiter ist und Kadidja raus. Krasse Enscheidung, wo sie die meisten Jobs hatte. Letzte Amtshandlung vorhin: die Hängepositionen von fünf Bildern messen. Kommen wieder auf die gleiche Position, dann gehts schneller. Die Einzelbüros in einem bestimmten Abschnitt des Gebäudes sind baugleich. Morgen dann der eigentliche Umzug. Auch wenn die Etage bleibt, der Aufwand ist der gleiche wie beim Umzug nach sonstwohin. Die anderen sind morgen alle im Homeoffice. Hab sie dahin geschickt, damit sie nicht im Weg rumstehen. Ich mache sehr gerne praktische Arbeiten wie Küchenschränke einräumen. Vorhin auch schon erledigt. Ich sortiere dann die eine oder andere Sammelsurium-Kraut- und Rüben-Tasse aus, die mir nicht gefällt. Wegschmeißen ist immer wieder schön. Besonders, wenn die Sachen unansehnlich geschmacklos sind. Am Ende vermisst keiner den Schrott. Auch ein Hobby von mir: durchs Haus geistern und nach passenden Möbeln für bestimmte Lücken Ausschau halten. Habe da schon die tollsten Zufallsentdeckungen gemacht und habe dann großen Ehrgeiz, das Möbel von A nach B zu kriegen. Resteverwertung, bis alles schick ist. Habe auch immer ein Maßband und entsprechendes Werkzeug dabei. Ich bin eine richtige Hobby-Hausmeisterin. Ich freu mich auf den morgigen Tag. Keine Mails beantworten, niemanden beraten, nicht langweilig herumdenken, keine Video-Calls, nur herumwirtschaften. Die Leute vom Facility-Management wollten mich schon mal (im Scherz) abwerben, weil ich so perfektionistisch drauf bin und mir öfter mal das Zwölfer-Set mit den Inbus-Schlüsseln hole. Die Sechskant-Dinger. Es heißt Inbus, wenn auch alle „Imbus“ sagen (ich auch). Mir gefallen Arbeiten am allerbesten, wo man an einem visuellen Vorher-nachher-Effekt mitwirken kann. Das ist genau mein Ding.

29. Mai 2024

Wenn es um Krankheiten geht, bin ich so Karl Lagerfeld… ich wollte auch – wenn es mich beträfe – auf KEINEN FALL detaillierte Berichterstattung über mein Elend. Das hat so eine unerquickliche Note, dass es mich gruselt. Deshalb kann ich auch niemals Details über Körperlichkeiten von mir und auch nicht von Anderen abhandeln. Ich stelle mir immer vor, dass das doch nicht schön für die ist. So ein Krankheitselend wie ein Brandmal zu manifestieren. Das ist doch nicht, wie man jemanden erinnern und ehren will. Habe da einen ungeheuren Schutzreflex in ganz viele Richtungen. Palaver über eine Sache ist auch immer Hypen, finde ich. Deswegen schreibe ich zum Beispiel auch nicht über politisch Geistesgestörte etc. Muss schon wieder über mich selber lachen. Gottseidank bin ich nicht auch noch depressiv. Grund gäbe es. Aber halt auch für das Gegenteil. Ich trinke nun ein weiteres Gläschen.

29. Mai 2024

Die Büchse der Pandora. Fuck! Wie soll man erahnen, dass dahinter auf einmal aus dem Nichts Schimmel die Wand hochkriecht? Das Leuchtobjekt aus Papier hat etwas Schaden genommen, eine sehr fragile Papier-Mosaik-Arbeit. Aber ich kanns reparieren. Ich hab es ja erschaffen und weiß, wie es gemacht ist.

29. Mai 2024

Scheiße. Auch das noch. Heute Nachmittag Anruf meiner Atelier-Vermieterin, Herr K. aus dem EG hat Schimmelflecken im Bereich seines Werkstatteingangs. Ob ich auch irgendwas in der Richtung hätte. Ich erstmal: bei mir sieht eigentlich alles gut aus, war vor drei Tagen da, nichts festgestellt. Dann fahr ich hin, Blumengießen, Ringeltäubchen brütet weiter die Kleinen aus. Blick in die Speisekammer, die bei mir eher eine Bildergalerie mit loungigem Schaumstoffblock ist. In dem rechten toten Winkel, den ich nie anschaue, vor dem eine Papierskulptur steht, schaue ich genauer hin. Dahinter schwarzer Schimmel. Ich könnte kotzen. Alles ausgeräumt. Der Bezug vom Schaumstoffblock in der Ecke schon verrottet, das Dielenholz unten schwarz, Schimmel hinter gehängten Bildern. Zwar ein überschaubarer Bereich, aber eklig. Und wohl wieder mit Wand-Aufstemmen verbunden. Das Fallrohr wurde vor drei Jahren erneuert, das war so eine Sauerei. Ich musste die ganze Küche auf Empfehlung freiräumen. Bad sowieso, Kämmerchen eh. Gerade meiner Vermieterin das Elend geschrieben. Zu all dem anderen (Mama… Scheißkrankheit) nun auch noch das. Ich brauche Alkohol.

29. Mai 2024

Valentinswerder ~ kleiner Epilog. Sieben, fast acht Jahre danach, habe ich in den vergangenen vierzehn Tagen in achtundfünfzig Einträgen die 254 Bilder meines Ausflugs nach Valentinswerder, einer der Inseln im Tegeler See verarbeitet, der nur ein Spaziergang von vier Stunden war. Jeder Eintrag bescherte mir ein Gefühl von Ferien, auch wenn ich ihn an einem Tag mitten in der Woche verfasste. Es war erholsam. Besonders wenn in der Gegenwart persönlich Aufwühlendes passiert (was gerade nicht in die Öffentlichkeit gehört).

Während ich die Bilder auf mich wirken ließ und die Erinnerung an das Erleben ins Gedächtnis rief, stellte ich mir die Frage, ob diese Insel ein Ort für regelmäßige Aufenthalte für mich sein könnte. Wenn mir jemand dort ein Häuschen anbieten würde oder gar vererben oder schenken – würde ich mich dort immer wieder hinbegeben? Die Antwort fiel mir sehr leicht: nein. Ein Häuschen auf Valentinswerder, auch nur für Ferien, wäre für mich nicht erstrebenswert. Außer als Geldanlage. Aber da ich nicht in die Immobilienwirtschaft oder Ferienhausvermietung strebe, nicht relevant. Der Rundgang hat mir gezeigt, dass es kaum einladenden Sandstrand gibt und die Anfahrt ist mir viel zu kompliziert. Auch vermisse ich ein, zwei Lokale, Lebensmittel- und andere kleine Geschäfte und so weiter und so fort. Autos allerdings gar nicht.

Der Hype um das Inselchen kommt mir ein bißchen aufgebauscht vor, was aber daran liegen mag, dass einige Bewohner Medienkontakte pflegen und es dadurch ein wenig zum Status-Symbol hochgezüchtet wurde, sich dort niederzulassen. Ich stelle mir nur vor, wie die bekannte Berliner Choreographin, die dort lebt, die lange Anfahrt von Mitte hinter sich bringt. Wirklich Tag für Tag? Es ist wohl doch eher auch ein zusätzlicher Wohnsitz, nehme ich an.

Ich träume aber auch nicht von einem eigenen Boot (egal welcher Größe), das dann dort ankern könnte. Als Entdeckung habe ich diesen Ausflug sehr genossen und finde schon, dass es sich lohnt, sich selbst von der Idylle zu überzeugen, die ich auf den Bildern eingefangen habe. Soweit sie mir zugänglich war. Vielleicht mache ich in kommenden Sommern Ausflüge zu den anderen Inseln im See. Immer eine schöne Idee.

Die Geschichte mancher der verschiedenen Inselbesitzer hat mich erheitert. Einer war der Hofopernsänger Blume. Ich lese über ihn: „1840 erwarb der Hofopernsänger Blume das Inselchen. Da dieser wegen seines „umständlichen“ Arbeitsweges dauernd zu spät zu den Vorstellungen kam, wurde er von Friederich Wilhelm III. in sein altes Saatwinkler Jagdhaus „zwangsumgesiedelt“. Wer die umständliche Anfahrt nicht scheut, auf der Homepage von Valentinswerder sind die Fahrzeiten der kleinen Fähre.

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