11. September 2024

[ Reisenotizen 14. Juli 1991 ]

„Sonntag in Griechenland. Die blühende Insel Spetses mit der „clear air“ verursachte mir trotz Willenskraft-Kampf Atemnot zur Schlafenszeit. Meine Eindrücke sind noch nicht so ergiebig verdaut. Natürlich liebe ich alle Griechinnen und auch die Männer. Die Damen haben großes Talent, das wirk-lich Beste auch aus einem weniger eindeutigen Typ zu machen. Frisur, Make up, Haltung – nötigen wohlwollende Zustimmung ab! Anerkenndes Pfeifen! „Innerlich“ quasi…. Schönes Gelabere. Mein übliches Asthma-Ablenkungsmanöver. Ich muß mich halt erst einleben, „ein-atmen“…. Wie der Appartement-Besitzerin-Sohn oder Neffe erklärt hat: „The Cyclades… – the architecture – yes! – it is more striking – but – it’s too dry… it’s better here…. It’ better….”

Und die gigantischsten Bananen-Bäume, die das Auge je erblickt hat… Ein Blatt, das 2 Meter breit ist und um ein Vielfaches länger. Und wilder Wein und Pfirsiche, noch grün, und alle Kräuter und Bäume, viele Kiefern und hohe Gräser und Blüten, die der Insel ein Frühlingsgesicht geben – und das lauteste Grillen-Zirpen als immerwährendes Hintergrund-Geräusch. Schafe zwischen Panama-Gras beim Blick vom weiß-gekalkten – natürlich – Balkon. Der in Ermangelung einer Hanglage des Hauses, nicht vorhandene Meer-Blick (vom Reiseveranstalter übrigens in keiner Weise zugesagt), hat ein deutsches Paar mit Angeber-Attitüde zu einem hysterischen Anfall mit dem einfältigen und nutzlosen Refrain „But we want to see sea, we want to see sea, we want to see sea!“ hingerissen.

Womit sie sich für die Schublade der blöden Deutschen qualifiziert haben. „They make me ill….“ sagte die Lady aus Athen, „Tell me…. What shall we do about them…? Shall we tell them to go to Hydra?…?” Es gibt einen klassischen Athener. Onassis-Style. Tiefdunkle Sonnenbrillen, häufig Goldrand, Das gute 60er-Jahre-Design. Und beige und weiße Polo-Hemden zu beigen oder weißen Baumwollhosen mit Schlag… Dazu beige oder weiße Slipper. Reeder-Look. Und ein sinnlicher, herrischer Mund unter markanten Nasen. Und eine angemessene, goldene Uhr am angenehm-behaarten Handgelenk. Stolz. Sehr…. Der Steward auf dem „Flying Dolphin“ von Piräus nach Spetses…. In blütenweiße Baumwolle gewandet, die nacht-schwarze Brille (die braunen Oberarme…). Eigensinniger Gesichtsausdruck. Stolzer Grieche, gar nicht lächerlich, sondern jedem eingebildeten New Yorker an Coolness überlegen. Da weiß man, was man hat! (…Da wüßte „frau“, was „frau“ hätte…)“

Kleine Fußnote zu diesen in einer schlaflosen Nacht auf dieser blühenden Insel Spetsai entstandenen Notizen: ich hatte bis vor achtzehn Jahren, also bis 2006, seit meiner Kindheit jeweils in den Sommermonaten Juni, Juli und August nächtliche Asthma-Attacken, die mir allnächtlich bis Ende August ab drei Uhr nachts den Schlaf raubten. Ich konnte dann nur aufrecht sitzend einigermaßen atmen oder in seltsam gekrümmten Körperhaltungen und hatte immer entsprechende Aerosol-Sprays parat. Kann sein, dass ich 1991 noch kein Spray hatte. Seit 2006 ist dieses Leiden vollständig verschwunden, seit ich meine Ernährung umgestellt habe. Die Attacken wurden durch die Kombination meines überforderten Immunsystems provoziert, wenn gleichzeitig Blütenpollen flogen und ich mir Getreide einverleibte. Nur jeweils ein Aggressor von beiden konnte von meiner Immunsystem-Verteidigungs-Armee abgewehrt werden, beides gleichzeitig ließ mein Immunsystem kapitulieren. Seither vermeide ich Getreide beim Essen und habe seither keine Asthmaanfälle mehr. Ich habe mich also mit 25, als ich das schrieb, weniger gesund gefühlt als heute. Die Charité hat im Rahmen einer Studie festgestellt, dass sich mein Lungenvolumen seither von 70 auf 120 Prozent erhöht hat. Auch ab und zu eine zu rauchen, macht mir nichts aus. Alle Aerosol-Sprays gegen Asthma-Anfälle habe ich vor fünfzehn Jahren entsorgt. Dagegen ließ mich ein Aufenthalt 2004 in Wüstenregionen von Arizona aufatmen. Die extrem trockene Luft der vegetationsarmen Landschaft war überaus erholsam für mich.

10. September 2024

Neunzehnhunderteinundneunzig hätte ich vielleicht noch als Postkartenfotografin durchstarten können. Aber heute… daher: hier und heute Gratis-Postkarten aus meiner analogen Kamera von Annoknips. Der junge Mann mit Besen stand vor dem Eingang vom „Byzantino“, das heute anders heißt. Das Restaurant gehört auch der Familie, die mein Apartment bewirtschaftete, dem Orloff-Clan. Und er ist einer der Söhne oder Neffen gewesen. Die sind alle in das Geschäft hineingewachsen. Heute haben sie daraus ein noch schickeres Resort gemacht, es ist das umgebaute, frühere Familienanwesen, wo auch mein Häuschen stand, und haben Studios auf Hydra. Das ehemalige Byzantino Restaurant trägt heute den Namen der Familie. Sieht alles sehr einladend aus. Die Geschäftsführer sind die Söhne der Familie, die mich damals in die Hotspots des Nachtlebens von Spetsai begleiteten. Gentlemenlike.

09. September 2024

Die Reise im Juli 1991 nach Spetsai war meine erste Bekanntschaft mit Griechenland. Später, als ich auch andere griechische Inseln besucht hatte, konnte ich erkennen, was besonders an Spetsai war. Der Grieche im Berliner Reisebüro war so Feuer und Flamme, als er mir zu Spetsai riet, dass ich mich einen Moment fragte, ob es sein besonderes Verkaufsgeschick sein könnte, derart viel Enthusiasmus zu zeigen. Zum Geschäftsabschluss gab es einen Metaxa. Ich beschloss, ihm zu vertrauen und sogar ein bißchen zu glauben, dass er selbst am liebsten Urlaub auf Spetsai macht, wie er sagte. Da sich vor Ort alles als sehr vertrauenswürdig erwies und mich die Gastgeberfamilie wie eine ferne Nichte willkommen hieß, hatte sich mein Vertrauensvorschuss als richtig erwiesen. Wenn ich gegen Mittag mein kleines Ferienhäuschen verließ, um zum Strand zu kommen, musste ich einen längeren Weg durch den Garten gehen, vorbei an der Familienvilla, entlang einer Säulenallee über Kieselmosaike. Schöner hätte ich es mir nicht ausdenken können.

09. September 2024

Gut in Athen gelandet! Mich gleich in ein Taxi geschmissen, ich kenne mich ja überhaupt nicht aus hier! Ich muss das Schnellboot kriegen. Das schicke kleine, blau-gelbe, das ist es. „Flying Dolphin“. Hat auch prima geklappt. Vorbei an Hydra, schon sind wir da, auf der Insel Spetsai. Mir ist die genaue Fahrzeit entfallen, aber heutzutage ist die Rede von 2 Std. und 5 Minuten. Kam mir kürzer vor, unter zwei Stunden. Die kleinen Flying Dolphins gibt es nicht mehr, wie ich gerade sehe. Am Hafen stehen adrette Einspänner-Pferdekutschen als Taxi, weil es keine Autos auf der Insel gibt.

Das war mir bekannt und sehr recht. Jetzt aber erst mal zu meinem kleinen Ferienhäuschen. Bin bestimmt hingelaufen, ist auch nicht weit vom Hafen entfernt. Hatte einen Plan aus Papier mit, den mir das griechische Reisebüro in der Kantstraße spendiert hatte. Der Inhaber hat mich auch überhaupt drauf gebracht, nach Spetses zu reisen. Ich wollte eigentlich nach Skorpios, aber der Onassis-Clan hat es mir leider nicht erlaubt. Aber anderen auch nicht. Da kam dem Herrn vom Reisebüro Ilios die Idee, dass Spetses für mich interessant sein könnte, ich hatte noch nie davon gehört und war interessiert, nachdem ich hübsche Bilder gesehen hatte und er mir die Geschichte erzählte, warum Spetses und die kleinere Insel Spetsopoula eine besondere Bedeutung für Stavros Niarchos hat, seit Onassis Skorpios gekauft hatte. Der Hahnenkampf der beiden Reeder-Titanen musste immer auf Augenhöhe bleiben. Als Onassis Anfang der Sechziger Jahre Skorpios erworben hatte, brauchte Niarchos dringend auch eine eigene schicke Insel. Daher kaufte er 1962 Spetsopoula, die kleine Insel vor Spetsai, um die High Society dorthin einzuladen und tolle Feste zu feiern. Da Spetsai mit seinem schönen Jachthafen ganz nah war, konnten dort die herrlichen Schiffe seiner vornehmen Gäste ankern und auch ein Fünf-Sterne-Hotel gab es auf Spetsai. Damals nicht selbstverständlich für eine nicht so sehr große griechische Insel.

Spetses war zudem seit langem ein beliebtes Feriendomizil für die wohlhabenderen Athener Familien, so auch für die Familie von Melina Mercouri. Ihr Vater war der Bürgermeister von Athen und so verbrachte die kleine Melina jeden Sommer ihrer Kindheit auf der Insel mit den vielen Pinien und lauschigen versteckten Buchten.

08. September 2024

Bitte nicht erschrecken. Ich weiß, meine Leser/innen sind nicht gewohnt, dass ich verreise. Ich hoffe auch inständig, dass das Flugzeug nach Athen nicht abstürzt, weil ich als mittlerweile etwas ungeübte Passagierin drin sitze. Der British Airways-Flieger ist bereits gestartet – toi toi toi! Mein Ferienziel ist Spetses, eine Insel im Saronischen Golf. Wir schreiben den 13. Juli 1991. Von Athen muss ich weiter nach Piräus und von da mit dem Schnellboot nach Spetses, manchmal auch Spetsai genannt. Ja ja, 13. Juli 1991 – ich habe mich nicht vertippt! Nachdem ich immer wieder im sehr viel älteren Familienalbum geblättert habe, um anhand von Fotos, aber auch Briefen und Tagebucheinträgen dem Vorleben meiner Mama auf die Spur zu kommen (fast geschrieben „Schliche“…), kam mir nun in den Sinn, ich könnte ja auch einfach mal was von meinem Vorleben preisgeben. Also meinem Vorleben vor der Erfindung des Internets. Es ist immer noch Sommer, Urlaubszeit, hier in Berlin geradezu griechische Temperaturen. Da stünde es meinem Blog doch ganz gut, wenn ich auch mal ein paar Reise- und Urlaubsbilder präsentiere. Dass sie schon etwas älter sind, macht sie ja nicht schlechter. Zusätzlich – oder sogar ursächlich inspiriert hat mich die Konversation der vergangen Tage mit Lydia. Die weilt nämlich gerade auch im Saronischen Golf, auf der Nachbarinsel von Spetses, Hydra. Die Insel, wo Leonard Cohen viele Jahre verbracht hat und seine Initiation als Songwriter hatte. Wir tauschen uns täglich aus – und da kam mir in den Sinn, ich könnte ihr doch mal ein paar Bilder von früher aus dieser Ecke der Welt zeigen. Ich bin zwar nur an Hydra vorbei, aber auf Spetsai war ich dafür umso intensiver. Ich habe heute Nachmittag die beiden Fotoalben teilweise abfotografiert. Da fiel mir so manche Begegnung wieder ein, die mir völlig entfallen war. So, ich muss jetzt Schluß machen, wir landen gleich! Melde mich alsbald wieder.

07. September 2024

Kämmerchen nach der Renovierung rekonstruiert. Mein gestriges Tagwerk im kühleren Altbau meiner Werkstatt, Jalousien runter, angenehmes Werkeln. Dabei einen schönen, großen, alten Fächer gefunden, reparaturbedürftig. Gleich repariert. Wieder daheim, weiter gewerkelt, den angeschlagenen Rahmen des gestickten Bildes meines Großvaters ausgebessert. Ich verbringe die sehr heißen Tage gerne in abgeschotteten Räumen und erledige dies und das. Wenn es in den Abendstunden kühler wird, geh ich vor die Tür, lass mir den schönen lauen Wind um die Nase wehen. Auf dem Weg zum Einkaufen, die Auguststraße entlang, später dann.

06. September 2024


Als Karins kleine Familie zum ersten mal zu dritt mit dem kleinen Jungen Andreas und ihrem Hans Neujahr 1965 gefeiert hatte, kündigte sich wieder Nachwuchs an. Am ersten September war es so weit und ein kleines Mädchen kam auf die Welt. Karins zweites Kind wurde am zehnten Oktober 1965 auf Gabriele Anna Johanna getauft. Im kleinen Taufbüchlein stand der Spruch „Gott sei in dir als unsichtbare Kraft, als stille, innige Freude dein Leben lang.“ Karins Kinderwunsch, einen Jungen und ein Mädchen zu bekommen, hatte sich erfüllt. Sicher gab es auch recht viel Glückwunschpost von der Verwandtschaft zur Geburt vom zweiten Nachwuchs von Karin und Hans, aber die habe ich leider nicht da.

Stattdessen aber fand ich einen Brief von 1967, geschrieben von der Frau von Karins Onkel Gustav. Marie hieß sie glaube ich. Ich habe leider gar keine Erinnerung an sie. Für mich interessant, dass sie anhand von Fotos, die Karin wohl geschickt hatte, meinte, dass ich viel von Alma hätte („Ich meine, sie hat viel von Mutti“). Und dass ich Autofahren nicht vertrage. Das hat sich einigermaßen gelegt, aber als Kind wurde mir bei jeder Autofahrt zu Oma Alma schummrig und schlecht. Es musste immer wieder angehalten werden. Tut mir ja auch leid, aber ich konnte ja nichts daran ändern. Aber Dreirad fahren ging einwandfrei. Ich kann heute auch sehr gut als Beifahrerin vorne im Auto sitzen, ohne dass mir schlecht wird. Zu gern würde ich die Briefe von Alma anläßlich meiner Geburt studieren. Vielleicht sind sie noch in der einen Kiste.

„Nidda 13.5.67

Meine liebe Pate, Hans u. Kinderlein.

Schelte mich nicht, weil ich euch für die wunderschönen Bilder, die Ihr uns geschickt habt, nicht bedankt habe. Also vielen, vielen Dank. Ansehen tun wir die Bildchen öfter. Das kleine Mädelchen ist ja ebenso nett wie Euer goldiger Bub. So habt ihr ja ein liebes Pärchen und glaube, daß Euch dies wunschlos glücklich macht. Hast sicher auch viel Arbeit. Aber es ist doch auch schön, wenn man eine Oma u. einen Opa, und dazu eine lb. Tante im Hause hat. Die haben sicher viel Freude daran. Was treibt Ihr sonst immer? Vielleicht fahrt Ihr Pfingsten wieder zu Eurer Mutter. Es ist nur schade, daß die kl. Gabriele das Autofahren nicht verträgt. Vielleicht gibt sich das noch. Ich habe jetzt gerade die Bilder angesehen, ich meine, sie hat viel von Mutti. Warst Du nicht auch ein lieber Lausbub liebe Karin? Wie die Zeit vergeht, ich kann mir Andreas noch gut als Säugling vorstellen, der war ja so brav. Auf einmal ist er schon so groß. Nun ja, Du fragst auch nach Werner. In der letzten Zeit hatte er nichts wie Prüfungen. Er meinte, es wäre an der

Zeit, daß er einmal ausspannt. So ist er mit noch einem Studenten, der einen Volkswagen hat, auf Fahrt. Wir haben von ihm eine Karte erhalten, wo sie sich zwei Tage aufhalten wollen. Das Endziel soll Rumänien sein. Sie wollten ihre Fahrtroute nicht so ganz festlegen. Ebenfalls haben sie ein kleines Zelt mit. Wegen Freundinnen kann ich Dir nicht so Bescheid sagen. Er läßt sich nicht gern ausfragen. Ich tu es auch nicht. Er hofft, daß er längstens nächstes Frühjahr fertig ist. Wir selbst, uns geht es soweit ganz gut. Eher Sorge habe ich ja wegen Gustl. Er ist mit einer Leiter umgefallen. Bei gewissen Bewegungen tut ihm der Brustkorb weh. Vielleicht Prellungen. Es hätte bös ausfallen können. Tante Liddy hatte am 9. Mai ihren 86. Geburtstag, da kamen verschiedene Leute. Am 10. Mai auch noch. Durch das wird der Brief und die Pfingstkarte verspätet ankommen.

So muß ich gleich sagen, wir hoffen, daß Ihr die Pfingsten gut verbracht habt. Gelt Ihr seid deshalb nicht bös. Denken tun wir oft an Euch. Bleibt alle recht gesund und wohlauf und seid von ganzem Herzen gegrüßt von Deiner Pate, Gustl, Werner, Oma u. Tante Lidy. Grüße mir auch Oma Opa und Tante von uns.

Liebe Grüße u. Küßchen auch an Andreas u. Gabriele von Peter ***** 🐦‍⬛

05. September 2024

Verlassenes Nest auf dem Atelierbalkon. Das nie geschlüpfte Ei Nummer zwei. Das erste Küken hab ich ganze zweimal gesehen, aber nicht fotografiert, obwohl es sehr hübsch war. Hatte die Kamera nicht dabei und Taubenküken ähneln sich auch sehr, wie die Eier. Nachdem ich es zwei, dreimal, angefangen beim Turteln über Legen, Brüten und Schlüpfen bis Füttern und flügge werden erlebt habe und auch fleißig fotografiert, muss ich es jetzt nicht mehr jedes Mal wieder festhalten. Aber ich freute und freue mich am Anblick. Die letzte Geburtstagspost, die ich an Mama schickte, die sie aber wohl erst am Montag oder Dienstag nach ihrem letzten Geburtstag am Sonntag, dem 30. Juni 2024 erhielt, war eine selbstgemachte Karte, in die ich Fotos legte. Ein neues von mir und vom letzten Taubenküken, kurz vor dem Wegfliegen. Und unterschrieb die Karte an Mama mit „Dein Küken“. Daran muss ich jetzt wohl für immer denken, wenn ich so ein Küken bei mir habe.

04. September 2024

Am zehnten Mai 1964 hat Karin es geschafft und ihr erstes Kind zur Welt gebracht! Als ich vor vier Wochen in den einen Karton mit Alben und Briefen griff, ohne zu sortieren, erwischte ich zufällig eine Reihe von Glückwunsch-Mitteilungen zur Geburt ihres Kindes, meines großen Bruders. Von Alma natürlich, ihrer Mutter. Aber auch von Evi, der treuen Freundin, von ihrem Patenonkel Gustav und ihrer Tante Elise. Die Bilder mit dem Kleinen sind am 16. Dezember 1964 entstanden, da war er schon sieben Monate alt und Karin hatte sich gut erholt. Es gibt auch Bilder vom Neugeborenen, aber das Album habe ich leider noch nicht bei mir.

Die frischgebackene Oma Alma schreibt an Karin am 12. Mai 1964 (u. a.), sie weilt immer noch in Oberstdorf zur Kur:

„Oberstdorf am 12.5.

Meine liebe Karin & Hans
als neugebackenes Elternpaar!

Grüße Euch von Herzen und freue mich, daß unser kleiner Andreas viel anständiger zur Welt kam, als seine junge Mutti es einmal tat. Im Telegramm habe ich bereits meine Wünsche übermittelt. Habe bei Frau Held eine Schale mit Kußröschen bestellt, die sind doch so niedlich wie so ein kleiner Erdenwurm. Wie hätte sich Vati gefreut und noch dazu ein Sohn. Gelt, lieber Hans du bist doch bestimmt stolz auf Deinen Sohn und Mutti. Noch dazu wenn das große Glück vor Gesundheit strahlt, wollen wir Gott bitten, daß wir auch in Zukunft nicht vergessen, daß es doch eine höhere Gewalt gibt, die alles zum besten lenkt. Ich habe es schon oft empfinden dürfen. Nun will ich Euch sagen, daß ich genau um 16.45 am Oberjoch in einer Kapelle war und immer an Karin dachte, sie möchte die Geburt leicht und gut überstehen. Und daß mein Gebet zur gleichen Minute erhört wurde, ist sonderbar. Hoffentlich kommen keine Komplikationen dazu. Geht es Euch beiden auch wirklich gut? Oder wollt Ihr mich nur nicht beängstigen. Wenn sich Karin stark genug fühlt, kann sie mir

mal schreiben. Besonders freut mich, daß er Andreas heißen soll. Man kann ihn dann, so Gott will, wieder André oder Andi rufen, als Vati klein war. (…) Mir ist ein großer Stein von meiner Brust genommen worden. (…) Ich dachte immer ich werde gut hinsehen, wenn das Kleine kommt, was für Züge es hat. Liebe Karin wo liegst Du denn im Krankenhaus? Kannst Du alles essen. Kannst Du auch stillen. Stell Dir vor, Du warst noch kleiner. Hast schon einen strammen Jungen mit diesem Gewicht, wie lang cm ist er? Vielleicht kommen wir zugleich nach hause. Ich gehe morgen hier Dauerwellen machen, denn zu hause habe ich dann keine Zeit mehr. Hans wird bestimmt stolz sein, daß als erstes gleich ein Sohn kam. Ich wurde ja hier, als Oma auch geehrt und eine Kerze angezündet und beiligende Karte mit Blumen auf meinem Platz. Nun konntest Du liebe Karin doch richtig Muttertag feiern und dazu ein Sonntagskind.

Nun grüße ich meinen kleinen Enkelsohn mit einem süßen Bussi sowie seine Eltern – Herzliche Grüße Oma Mutti Alma. & Tante Elise, die ja immer dabei sein muß bei solchen Situationen. Liebe Elise, hast mir manche Sorge und Herzklopfen abgenommen.“

Am 14. Mai 1964 schreibt Alma weiter:

„Oberstdorf 14.5.64

Meine liebe Karin und
mein lieber kleiner Andreas!

Mit Freude & besten Dank habe ich heute Deine liebe Karte erhalten. Nun hast Du gekostet, wie es ist Mutti zu werden. Ich hatte keine Ruhe vor Neugierde und da gestern unsere Mütter in das Kino gehen durften, hab ich dafür nach 9 h abends angerufen. Ich konnte lange keine Verbindung bekommen, da die Leitung am Anfang zu sehr in Anspruch genommen wurde. Ich hatte nach langem Warten und laufen von einem Telefonhäusl zum anderen doch noch Erfolg. Hans hatte sich gerade schlafen gelegt und sagte mir, daß der kleine Faulpelz im Schlaf schon gelacht hat. Den ganzen Verlauf hat mir dann Tante Elise erzählt. (…) Ich habe ja so viel für Euch gebetet. Sogar auf die Minute Deiner Entbindung war ich in einer kleinen Kapelle. Vielleicht hat Dir doch der liebe Gott dabei geholfen. (…) Darfst Du Dein Kind bei Dir haben? (…)

Bist Du mit dem Essen zufrieden. Bekommst Du bestimmt auch Erholung. (…) Soeben habe ich Karten von Jetty & Trude bekommen. Trude hat geträumt, Du hättest etwas Kleines. Ich werde nun ein Kärtchen schreiben. Hans hat jetzt so viel zu tun und kann nicht an alles denken. (…) Liebe Karin Du kannst ja nur ein einfaches Pfingstfest feiern. Wir können nur immer wieder Gott bitten, dann gibt er uns auch die Kraft. Wir haben hier am Montag 18.00 gemeinsames Abendmahl. Wie gut, daß Du mit Tante auch noch machst. Ich werde Dir hier ein Gesangbuch mitbringen. (…) Bleibe schön gesund mit Deinem kleinen Andreas (…)

Viele Grüße & Küße Deine Mutti & Oma.“

Tante Elise, Schwester von Alma, die während der letzten Tage vor der Niederkunft zur Unterstützung von Karin und Hans zu Besuch gekommen war, schreibt ebenfalls am 14. Mai 1964:

„14.5.64

Meine Lieben!

Bin gut zuhause angekommen und hab nun allerhand zu tun. Mein Garten ist auch ziemlich vergrast, aber in ein paar Tagen ist das auch wieder gut. Heute habe ich erst Gurken und Bohnen gelegt. Nachmittag war ein ziemlich starkes Gewitter. Wie geht es Euch denn immer, seid Ihr alle gesund? Den kleinen Bubi möchte ich ja zu gerne wieder einmal sehn. Hat er sich denn immer noch gekratzt? Wie geht es Karin, darf sie morgen heim? Morgen kommt ja Alma auch nachhause, dann seid Ihr ja wieder vollzählig, es wird schon eine Umstellung werden. Hans möchte ich bitten, doch vom Kleinen ein Foto zu machen, damit ich auch eins bekomme und möchte mich auch für alles bedanken. (…) Nun haben wir das Pegulan Edith für ihre Küche gegeben und möchte für den Balkon nur Stragula, das

geb ich eben im Winter weg, wenn Ihr vielleicht einen Läufer habt 1 m bis 1,05 m breit (weil ja die Blumenkästen dort stehn) und 6m 60 cm lang, das könnt Ihr dann auch mitbringen. Als ich im Zug saß, ist mir eingefallen, daß ich in Karin ihr Bett kein frisches Bettuch gegeben habe, aber den letzten Tag war ich schon ganz aufgeregt. (…) Nun möchte ich wünschen, daß Ihr alle vier gesund bleibt, dann wird alles gut. Wie schaut denn der Rasen aus, kommen die Hundsviecher immer noch? Liebe Alma, wirst dann schon sehen, was Blumen sind und was Unkraut ist, nehme an, daß die Blumen schon aufgegangen sind, die Radieschen im Kasten sind auch schon zum essen. Gelt ein Geschmier hab ich durcheinander, aber ich muß es hinschreiben, wie es mir gerade einfällt.

Seid nun alle recht herzlich gegrüßt
von Euerer Elise.“

Onkel Gustav, Almas Lieblingsbruder, meldet sich gleich zweimal bei seinem Patenkind Karin, einmal mit einer Postkarte am 14. Mai 1964:

„(…) Ausser dem freudigen Ereignis wünschen wir Euch auch zu Pfingsten alles Gute. Es war wirklich eine frohe Botschaft für Alle, nicht zuletzt für die junge Oma, welche auf Erholung ist. Dass es gerade zum Muttertag war, ist ja umso erfreulicher. Hauptsache jedoch ist, dass Ihr gesund seid. Brief folgt zum Wochenende.“

Und kurz darauf kommt der angekündigte Brief von Gustav und seiner Familie:

„Liebe Karin u. Hans.

Wir legen Euch einen Scheck von 20,- DM bei. Du wirst so viel für den kleinen Jungen bekommen liebe Karin und wir möchten doch nicht irgendwas schicken, was Dir keine Freude macht. Deshalb sucht was aus, was Ihr für Euren Stammhalter braucht. Ist es recht so? Lieber Hans, hast ja Dein Meisterstück gemacht. Aber zu Dir liebe Karin, Dir und dem kleinen Jungen recht viel Gesundheit. Erhole Dich gut. Es ist ein Gottesgeschenk und was Herrliches so ein kleines Lebewesen. Drück ihn für uns einmal. Der lieben jungen Oma aber wünschen wir von ganzem Herzen, daß Dein Enkelkind Dir sehr viel Freude und Zerstreuung bringt und Dir dadurch das Leben wieder lebenswerter macht. Wir wissen nicht, ob Du liebe Alma schon bei Deinen Lieben bist. Sollte Elise noch dort sein, so grüßen wir sie auch auf das Herzlichste. Bei uns ist soweit alles in Ordnung. (…)

(…) Bei Euch wird ja nun allerhand los sein. Das Nürnberger Treffen ist ja Pfingsten. Für uns ist es doch etwas weit und auch zu kostspielig.

Seid nun alle auf das Herzlichste gegrüßt

von Marie, Gustl, Werner
Mutter und Tante.“

Freundin Evi meldet sich auch bei Karin, am 6. Juni 1964 schreibt sie:

„Feucht, 8.6.1964

Liebe Karin!

Zuerst will ich Euch recht herzlich zu Euerem Jungen gratulieren, hoffentlich sei Ihr alle beide recht gesund. Herzlichen Dank für Deine Karte lb. Karin, ich habe allerdings immer noch auf den versprochenen Brief gewartet. Was macht denn der kleine Stammhalter, ist er recht brav. Ich bin mit unserem Sabinchen sehr zufrieden, sie schläft jede Nacht durch und ist auch sonst sehr brav. Bei der Geburt wog sie 5 1/2 Pf und war 50 cm lang, heute ist sie 6 Wochen und hat schon 7 Pf und ist 57 cm. Man merkt schon einen riesigen Unterschied. Wie war denn Deine Entbindung, bei mir ging alles sehr schnell und leicht, ich habe mir es viel schlimmer vorgestellt. Arbeit gibt es ja genügend der Kleinen. Heute regnet es bei uns gescheit und drum will ich Dir auch schreiben, denn raus kann man ja doch nicht. Am Mittwoch fahre ich zu Gert, wir müssen die Vorhänge für unsere Wohnung kaufen. Am 22.6. ziehen wir dann um, ich freue mich schon sehr, daß ich dann

auch endlich meine eigene Wohnung habe. Wem sieht denn Euer kleiner Andreas ähnlich? Unser Schätzchen ist blond und hat sehr viele Haare. Jeder der sie sieht, sagt, daß sie der ganze Gert ist. Von mir hat sie scheinbar gar nichts geerbt. So liebe Karin jetzt will ich wieder Schluß machen, schreib mir doch auch nochmal bevor ich wegziehe. Ich schreibe Dir von droben auch, damit Du dann meine neue Adresse weißt. Mir ist sie bis jetzt auch noch nicht bekannt. Für Dich und Deinen kleinen Sohn wünsche ich Dir alles Gute und vor allem daß ihr gesund bleibt. Herzliche Grüße auch an Deinen lb. Mann und Deine Mama (ist sie auch recht stolz, daß sie Oma ist?)

von Deiner
Evi

P.S. Ich lege Dir ein Bildchen mit dazu, wenn Du auch eins hast liebe Karin, schicke mir doch bitte eins, damit ich Euren kleinen Jungen auch mal sehe.“

03. September 2024

Diesmal rate ich nicht, von wann ein Foto ist, sondern: dieses Holzbild mit den gepressten Blättern verschiedener Laubbäume.

Mein Vater Johann hat es gemacht. Das Holz zugeschnitten, Birnbaum glaube ich, den Rahmen gesägt und geleimt, die Blätter gesammelt und gepresst und es zuletzt lasiert. Aber er hat es nicht signiert. Daß er es weniger als Tablett, sondern mehr als Wandbild gedacht hat, vermute ich wegen der rückwärtigen Aufhängung. Es ist nicht die einzige Holzarbeit von ihm. Es gibt auch hölzerne, zylindrische Gefäße, Vasen, ein kleines Holzintarsienbild, das aus verschiedenen Hölzern die Blätter einer Rose zeigt. Die romantische Seite meines Vaters. Als ich schon auf der Welt war, konnte ich solche Arbeiten von ihm nicht beobachten, da fertigte er praktischere Dinge an, wie Einbauschränke für den Dachboden des Hauses. Sicher liege ich richtig, wenn ich vermute, dass er das in den Anfängen seiner Jahre mit Karin gemacht hat. Und es ihr verehrt hat. Das ist das dritte Erinnerungsstück, das ich vor fast vier Wochen mit nach Hause nahm, neben dem gestickten Bild meines Großvaters und der Hochzeitsvase mit den Verliebten von Raymond Peynet. Ich habe den goldgelben Ton der Lasur immer sehr geliebt, es gerne angeschaut. Man könnte es als Tablett benutzen, aber dafür ist es zu empfindlich, weil die Lasur brüchig geworden ist, im Lauf der Jahre. Vielleicht hat er es sogar 1963/64 angefertigt, als Karin mit dem ersten gemeinsamen Kind schwanger war, meinem Bruder. Im Herbst, Winter und Frühjahr.

03. September 2024

Evi hat wieder geschrieben!

„Feucht, 30.4.1964

Liebe Karin!

Ich möchte Dir nur kurz mitteilen, daß wir seit 27.4. ein kleines Töchterlein haben. Es ist alles gut gegangen und ich fühle mich frisch und munter. Bin ja gespannt, was Du bekommst, hoffentlich schreibst Du es mir auch gleich. Du hast es jetzt auch bald geschafft, die paar Wochen werden schnell um sein. Ich wünsche Dir inzwischen viel Glück und alles erdenklich Gute.

Herzliche Grüße auch an Deinen lb. Mann und Deine Mutti von
Deiner Evi“

Und Alma hatte auch geschrieben, eine Postkarte aus Oberstdorf, wo sie mehrere Wochen zur Kur weilte. Sie schrieb fast täglich an ihre Tochter Karin, wenn sie verreist war. Am 6. Mai 1964: „(…) Wir müßten auch Gladiolen noch setzen o. ist es schon zu spät. Was machen die Vergißmeinnicht – blühen sie schon beim Vati? (…)“

Wieviel man doch aus Briefen nicht nur über den Absender, sondern auch über den Empfänger erfahren kann, wenn es ein sehr persönliches Verhältnis ist. Evi war auch nach Karins Hochzeit offenbar regelmäßig genug mit ihr in Kontakt geblieben, um zu wissen, dass sie sie fast zur gleichen Zeit wie sie selbst ihr erstes Kind erwartete. Karins Kind kam am zehnten Mai 1964 auf die Welt, neun Monate zurückgerechnet, bedeutet das, dass sie um den 10. September 1963 herum schwanger geworden ist, also knapp zwei Wochen nach ihrer Hochzeit. Das ging ja schnell! Was nicht aus Evis Zeilen hervorgeht ist, ob sie um den Tod von Karins Vater wußte, der gut zwei Monate vorher plötzlich zuhause gestorben war, aber ich bin mir sicher, auch wenn sie es nicht erwähnt, sicher hat sie schon früher kondoliert. Karin war unendlich traurig, dass ihr Vater André, der sich riesig auf sein erstes Enkelkind freute, ihr Kind nicht mehr erleben konnte. Das hat sie mir oft erzählt. Wie traurig, zugleich in froher Erwartung zu sein und ihren geliebten Vater begraben zu müssen. Er starb am 17. Februar 1964 mit nur 54 Jahren. Die Zeilen von Alma, drei Monate nach dem Tod ihres geliebten Mannes André, die nun mit achtundvierzig Jahren Witwe geworden war, „Was machen die Vergißmeinnicht – blühen sie schon beim Vati?“ beziehen sich auf die Grabbepflanzung, um die sich Karin auch kümmerte. Karin war nach der Eheschließung nicht sofort von zuhause ausgezogen, sondern ihr Hans zog zu ihr, in das ausreichend große Elternhaus von Karin. Was aber nicht auf Dauer so bleiben sollte, denn die Eltern von Hans waren gerade dabei, ebenfalls ein Haus für die gesamte wachsende Familie zu bauen, mein späteres Elternhaus.

02. September 2024

Am Wannsee. Sitzen. Reden. Schauen. Lachen, ernst sein. Die Sonne sinkt. Erwartete Begegnungen, unerwartete. Als ich kam, da, wo der eine Catering-Truck mit den Getränken steht, rechts, kurz dahinter, kam mir Elvira entgegen. Sie war schon vorbei, ich verarbeitete das Bild und rief ihr hinterher. Ah! Hallo!! Auch ihr Mann dabei und Susanne, unsere Blogger-Freundin Engl. Hallo..!!!

Auch noch andere bekannte Gesichter gesehen, Namen lassen sich nicht immer gleich zuordnen. Den Herrn mit der Literatursendung, der hier immer Hut trägt, Denis Scheck. Letztes Jahr plänkelte er launig mit Jan herum, ich war angenehm überrascht, dass er wirklich witzig war. Ich hielt nach Ina Ausschau, aber sah sie noch nicht. Hauptsache, den Sonnuntergang genießen. Dann aber war sie da und sogar ihre Schwester Mirjam und in einer anderen Ecke Klaus, der Galerist. Last but not least, Gerwin, der ungeheuer erholt aussah, war. Freute mich alles sehr.

02. September 2024

Alexander v. Schlippenbach, gestern Abend für eine gute Stunde im Foyer des LCB. Schlippenbachs filigranes, entgrenztes, selbstvergessenes Spiel hatte eine immens beruhigende Wirkung auf mich. Hätte mich gerne in eine Ottomane sinken lassen.

„Alexander von Schlippenbach (* 7. April 1938 in Berlin) gilt als wichtiger Vertreter der ersten Generation der europäischen Free-Jazz-Musiker. (…) Schlippenbach erhielt Schallplattenpreise der Union Deutscher Jazzmusiker 1980 u.1981, ist Träger des Kunstpreises Berlin 1976, des Albert-Mangelsdorff-Preises 1994, des SWR-Jazzpreises 2007. 2017 wurde ihm das Verdienstkreuz am Bande der Bundesrepublik Deutschland verliehen. Deutscher Jazzpreis sowohl für sein Lebenswerk, als auch in der Kategorie Piano/Tasteninstrumente; erhält den Jazzpreis Berlin 24.“ Wikipedia

01. September 2024

Und was machte Karin am Tag nach der Hochzeit? Ich denke, erstmal ein spätes Kater-Frühstück. Ich habe da selbst keine Erfahrung. Bestimmt schaut man sich am Tag nach der Hochzeit die Hochzeitsgeschenke in Ruhe an. Ich weiß nicht, was Karin und Hans am 1. September 1963 gemacht haben, aber ich weiß ganz bestimmt, welches Hochzeitsgeschenk einen Ehrenplatz in der Vitrine bekommen hat, weil ich es mir später immer wieder angeschaut habe. Leider habe ich vergessen, von wem diese zauberhafte Vase geschenkt wurde. Ich habe sie nach der Beisetzung von Mama als Erinnerungsstück mit zu mir genommen.

Schon als Kind war ich ganz verliebt in das Motiv mit dem verliebten Paar. Zum Glück konnte ich dank der Google-Bilder-Suche herausfinden, wer das Motiv auf der Rosenthal-Vase von 1963 erschaffen hat. Es war der sehr beliebte französische Grafiker und Cartoonist Raymond Peynet, der eine ganze Serie erschuf, Szenen eines Paars, „Les Amoureux“ – „Die Verliebten“.

Er ist ein Dichter, eine Art Minnesänger, der si chimmer wieder aufs Neue bemüht, seine Angebetete zu verzaubern. Inspiriert hatte Peynet ein Chanson von Georges Brassens aus dem Jahr 1953 „Les amoureux des bancs publics“. Die Bilder wurden über Frankreich hinaus so beliebt, dass er auch einen Bildband veröffentlichte und Rosenthal mit ihm eine Studio-Linie mit Porzellantellern und Vasen mit diesen Motiven kreierte, sogar ein Zeichentrickfilm über die Abenteuer der Liebenden wurde gedreht.

Zufällig hatte Raymond Peynet zeitgleich mit der Hochzeit meiner Eltern seine erste Ausstellung in Deutschland vorbereitet, die Anfang September 1963 in Stuttgart eröffnet wurde, worüber der SWR einen Fernsehbericht sendete. Die Fotos sind neulich in meinem Büro entstanden, wo ich sie mit Wiesenblumen bestückte. Ich werde sie für immer in Ehren halten und dabei an ihren Hochzeitstag 1963 denken, zwei Jahre, bevor ich zur Welt kam.

31. August 2024

Heute vor einundsechzig Jahren war die kirchliche Trauung meiner Eltern, am 31. August 1963. Der letzte Hochzeitstag, den sie gemeinsam erleben konnten, war vor vier Jahren. Die Erinnerung an diesen Tag trug Karin bis zuletzt in ihrem Herzen. Ihr großer Herzenswunsch hatte sich an jenem Sommertag erfüllt. Den Brautschleier krönte eine Pillbox aus weißer Spitze. Ein Zeichen der Verehrung für Jackie Kennedy, die damals alle liebten, so auch Karin. Ihre enge Freundin Ingrid, mit der sie verreist war, ist auch auf einem der Bilder, mit Stola, links von Alma, und ich glaube, sie war Trauzeugin. Und die immer fröhliche Tante Walli war auch da, mit ihrem Mann und ihrem Sohn. Mit diesen Bildern schließe ich für heute mein Erinnerungsalbum an Karin – und meinen Vater Hans.

31. August 2024

Das Jahr 1961 war wirklich ein ganz besonderes, besonders schönes Jahr für Karin. Aber auch für ihre Eltern, die am 17. Oktober 1961 mit einer großen Festtafel ihren fünfundzwanzigsten Hochzeitstag feierten. Ich entdeckte vorhin, dass der 17. Oktober auch der Hochzeitstag von Karins Großeltern gewesen war. Und es war auch im Oktober 1961, als sie Johann, genannt Hans, meinen Vater, traf. Knapp zwei Jahre später, am 30. August 1963 sagten sie auf dem Standesamt „Ja“, einen Tag später war die kirchliche Hochzeit, sie traten am 31. August 1963 vor den Altar.

31. August 2024

Willkommen in Zell am Ziller. Am 10. September 1961 wurde also ein Farbfilm eingelegt. Eines der Fotos ist hinten mit dem Datum beschriftet, Karin war da sehr genau. Nur gut zwei Wochen nach ihrer Rückkehr vom Urlaub in Velden und Grado mit ihrer Freundin Ingrid, packte Karin schon wieder ihren Koffer. Diesmal reiste sie gemeinsam mit ihren Eltern ins Zillertal. Es gibt mehrere Außenaufnahmen von der recht schönen Unterkunft. „Unserem Quartier“, wie Karin auf einem Foto schreibt. Leider konnte ich es nicht mit Streetview identifizieren. Ich habe speziell Hotels mit auffälligen (dunkelgrünen) Fensterläden gesucht, da gab es zentral nur eines, das älteste am Platz, Hotel Gasthof Bräu, das aber (heute) im Eingangsbereich sehr viel anders aussieht, nicht so schön wie auf den alten Fotos. Da man sich beim Umbau ja nicht verschlechtern will, denke ich, dass es ein anderes Haus gewesen sein muss. Aber wer weiß, vielleicht war es das doch. Mich treibt ein detektivischer Ehrgeiz, herauszufinden, ob es damalige Hotels noch gibt. Die Adresse ist nicht vermerkt. Wie hilfreich sind doch alte Quittungen! Falls man sich hin und wieder fragt, was man (ggf. digital) aufheben soll: datierte (!) Fotos die Personen inclusive Laden-, Straßen- oder Hinweisschildern zeigen, Tagebücher, Briefe, Postkarten, Eintrittskarten und Hotel-Quittungen für überaus eifrig recherchierende, Detektiv spielende Nachkommen wie mich!

31. August 2024

Am Donnerstag, dem 17. August 1961 unternahmen Karin und ihre Freundin Ingrid einen Tagesausflug nach Grado in Italien, gar nicht so sehr weit weg von Kärnten. Die Quittung vom Reisebüro Fritz Politzky, ansässig am Korso in Velden, klebt in einem weiteren Album. Das waren in meiner Kindheit die Bilder von ihr, die ich mir am liebsten angeschaut habe und Mama immer wieder gefragt habe, ob es dort an der Adria schön für sie war. Ja, war es. Sehr. Ich glaube, 1961 war eines der glücklichsten Jahre ihres Lebens.

31. August 2024

Sommer 1961. Karin macht Ferien und verreist mit ihrer Freundin Ingrid nach Velden am Wörthersee. Von dort schreibt sie am 18. August 1961 bei einer Rast beim Wanden nach Pörtschach diese Ansichtspostkarte an ihre Eltern, in der sie erwähnt, dass der Urlaub nun bald rum ist und sie am 21. August wieder heimkommt.

30. August 2024

Besuch von Andrés Schwestern. Karin ganz rechts, wieder größer als ihre Tanten. Ganz links Walli, die ich nur wenige Male traf und am liebsten mochte, weil sie so gerne lachte wie Alma und außerdem malte, richtige Ölbilder. Und Hüte liebte. Mein Herz flog ihr zu, was auf Gegenseitigkeit beruhte. Immer wieder fragte ich meine Mutter: „Wann kommt denn Tante Walli endlich wieder?“ Die etwas matronenhafter wirkende Trude daneben, sicher auch älter, war mir im Vergleich dazu etwas unheimlich. An die ganz rechts kann ich mich gar nicht erinnern. Sie sieht auch etwas anders aus. Vielleicht doch keine Schwester. Laut Album-Beschriftung auf der Seite der Fotos, angeblich 1959, aber mein Auge für Karins Frisuren und Looks ist inzwischen so geschult, dass ich 1960 oder 1961 für wahrscheinlicher halte. Mein Großvater hat da immer wieder was durcheinandergebracht. Er hat das Album ja auch erst bestückt, nachdem die Ereignisse schon Jahre zurücklagen und hat wohl teilweise so herumgeraten wie ich nun. Der Bub im Matrosenanzug und der Mann gehörten wohl zu (Groß)Tante Walli.

Karin trägt hier das Haar etwas im Stil von von Ruth Leuwerik, von der sie ein ganz großer Fan war. Die Leuwerik erschien mir als unwissendes Kind vor dem Fernseher in den coolen Siebzigern, betulich und altbacken. Mama musste sich ständig rechtfertigen, was sie an der mir bieder erscheinenden Dame so ins Schwärmen brachte. Nun muss ich aber Abbitte leisten. Ich habe letztes Wochenende in meinem Wohnzimmer ein regelrechtes Ruth Leuwerik-Filmfestival veranstaltet, indem ich alle Filme von ihr recherchierte, die in der Gegenwart der Fünfziger spielten, um die Mode und die Frisuren usw. zu studieren. Ich muss nun feststellen, dass ich ihrem gewissen, subtilen, etwas spröden Charme, der viel mit elegantem Understatement zu tun hatte, ebenfalls erlegen bin.

Ein paar Filme kann man gratis komplett im Internet finden. Sie hat zumeist recht eigenwillige, starke Persönlichkeiten verkörpert, oft ist nur das Happy End am Ende der Filme etwas an den Haaren herbeigezogen und dem Zeitgeist geschuldet, etwas zuckrig und altbacken, aber sie selbst eigentlich recht modern. Empfehlen möchte ich die folgenden Kinofilme mit Ruth Leuwerik: „Ein Herz spielt falsch“ von 1953 mit O.W. Fischer und „Bildnis einer Unbekannten“ von 1954, auch an der Seite von O.W. Fischer, in dem sie zudem sehr schön ein paar Chansons vorträgt. Außerdem „Die ideale Frau“ von 1957, geradezu eine cineastische Kampfschrift für die berufliche Emanzipation der Frau, ich war überrascht. Nur das Ende ist etwas arg kompromisshaft, aber egal. Der Großteil des Films zeigt die Leuwerik souverän als erste weibliche Bürgermeisterin, die die Fahne für einen höheren Kultur-Etat schwenkt. Nett, zumal 1957. Dann gibt es noch einen Film, wo sie eine resolute Mathe-Lehrerin spielt, die sich von den jungen Männern nicht auf der Nase rumtanzen lässt, und gewaltigen Respekt erringt, es ist der Film „Immer wenn der Tag beginnt“ ebenfalls aus dem Jahr 1957. Nachdem ich diese Filme nochmals gesehen hatte, wurde mir klar, dass Mama hier kein Frauchen vom alten Schlag verehrte, sondern eine durchaus moderne Frau, die für ein neues Selbstbewusstsein stand, die aber gleichzeitig auch dem Privatleben Raum gab. Liebesfreud- und Leid gehörten immer dazu, sonst wären die Kinosessel leer geblieben. Kluge Mischung. Meine Verehrung, liebe Frau Leuwerik.

30. August 2024

Weiter geht es mit einem sommerlichen Foto vom Rasenmähen. Karin schiebt einen Elektrorasenmäher, aber nicht über den Rasen ihres Elternhauses, sondern bei einem Verwandtschaftsbesuch. Der Apparat kam zwischen 1957 und 1958 in den Handel und galt als der erste elektrische Rasenmäher in Europa. Ich vermute, das Foto ist aus dem Jahr 1960 oder 1961. In meinem Elternhaus gab es hingegen nie einen elektrischen Rasenmäher, nur einen stromlosen. Ich habe oft damit den Rasen gemäht. Mein Vater fand es unnötige Kinkerlitzchen, das elektrisch zu machen. Außerdem war ihm der Lärm ein Graus, den so ein Apparat machte, der schon durch das Rasenmähen der Nachbarn seine Nerven überstrapazierte. Ich gebe ihm heute Recht. Unerträglicher Radau.

30. August 2024

Anfang 1961 erhält Karin einen Brief ihrer Freundin Evi. Leider kann ich nicht verifizieren, ob Evi auf irgendeinem Foto zu sehen ist. Das im Brief erwähnte Gruppenfoto liegt nicht im Brief, der bedauerlicherweise keinen Umschlag mehr hat. Ich vermute, dass die Umschläge, die selten bei den Briefen vorhanden sind, die ich habe, einem Briefmarkensammler übereignet wurden. Das war ja damals ein recht beliebtes Steckenpferd. So schade, dass ich das Foto nicht sehen kann. Vielleicht ist es noch irgendwo und wird zu einem späteren Zeitpunkt von mir exhumiert. Interessant in dem Brief ist für mich, dass Evi ihr tröstende Worte zukommen lässt, die sich offenbar auf das Ende einer Liebelei mit einem Felix beziehen, von dem ich noch nie gehört habe. Meine Mama war natürlich nicht verpflichtet, mir ihr Vorleben ausführlich auszubreiten, aber ihre früheren Schwärmereien für Toni Sailer oder Hansjörg Felmy hat sie mit verklärtem Erinnerungsblick unverblümt preisgegeben. Die Sache mit Felix hat aber vermutlich auf eine Weise geendet, dass sie es vorzugsweise aktiv verdrängt hat, was ja auch ganz gesund sein kann. Im Januar 1961 war Karin siebzehneinhalb Jahre alt.

Die gute Evi vermutlich ähnlichen Alters. Mit dem Zeitraum Januar 1961 exakt korrespondierende Fotos von Karin zu finden, gestaltet sich für mich wieder einmal kompliziert. Es gibt eine Serie undatierter Winterfotos, wo sie unter anderem vor dem Schaufenster vom Einrichtungshaus ihrer Eltern zu sehen ist. Mutmaßlich zwischen 1958 und 1959 aufgenommen. Ein weiteres, späteres Foto (mit einer Doppelbelichtung) könnte auch in etwa hinkommen, Karin mit einem Kind (nicht ihrem), das offenbar eine Faschingsverkleidung trägt. Sie sieht aus, als hätte sie etwas an Gewicht zugelegt oder die dicke Jacke trägt auf. Oder es ist schon ein deutlich späteres Foto von 1963 und sie war schwanger. Ich weiß es nicht. Sie sah also ungefähr so aus, wie auf den Fotos hier, irgendwas dazwischen. Der Junge ist entweder ein Nachbarskind oder vielleicht auch wieder ein Pflegekind von Alma, davon gab es wohl auch mitunter welche, als Karin schon da war.

24.1.1961

Liebe Karin!

Herzlichen Dank für Deinen lb. Brief. Diesmal habe ich Dich ja ziemlich lang warten lassen, aber bitte, sei mir nicht böse. Die Bilder sind ja alle ganz gut. Ich schicke Dir auch eins mit, auf dem wir alle drauf sind. Es ist auf einer Party aufgenommen, die eine von unseren Mädchen gegeben hat. Am Samstag ist von unseren Handballern Faschingsball, da wird es bestimmt ganz toll. Wir maskieren uns auch. Ich eine Zigeunerin, Siggi eine Japanerin. Wir verraten es natürlich keinem, obwohl sie es alle wissen wollen. Sie behaupten zwar, daß sie uns erkennen, aber das wollen wir erst einmal abwarten. Am Sonntag steigt bei mir eine kleine Party, wenn Du Lust hast, kannst Du kommen. Du bist herzlichst eingeladen. Warst Du schon recht viel auf Faschingsbällen? Ich gehe das 2. Mal heuer.

Liebe Karin, das was Du mir von Felix geschrieben hast, ist ja weniger schön, aber die Hauptsache ist ja, wenn Du wieder drüber hinweg kommst. Deine Bemerkung unter der Briefmarke habe ich ja auch entdeckt. Bei mir ist noch alles beim alten. Mit Gerd ist auch alles in Ordnung. Ich hätte nie geglaubt, daß ich es so lange aushalten könnte. Na das kommt halt davon, wenn man sich wirklich verknallt hat. Auch in der lb. Schule hat das seine Auswirkung. Mir wird schon ganz schlecht vor dem Zeugnis. Am Freitag ist Notenkonferenz. Wir gehen mit der Schule in „Faust„. Der Film soll ganz gut sein. Vorigen Samstag waren wir in Altdorf. Unsere Jugend hat gespielt. Hinterher sind wir dann alle in den Sonnenhof tanzen gegangen. Da hat es mir gefallen. Peter sagte mir, daß Gerd und ich doch gar nicht zusammenpassen, denn er ist doch so ernst veranlagt ud ich bin immer so lustig und gut gelaunt. Ich gab ihm darauf zur Antwort, Gegensätze ziehen sich an, was ja wahrscheinlich auch stimmt. Gerd ist noch dazu mein nächster Nachbar, wenn ich zum Fenster rausschaue, kann ich ihm direkt auf den Küchentisch sehen. Gestern war er krank – der Hals – bin gespannt, ob er heute wieder gesund ist. Ich habe ihm gleich, als er über Halschmerzen klagte gesagt, er soll blanken Zitronensaft schlucken, aber auc mich hat er nicht gehört und jetzt hat er den Salat. Eine Karte hat er direkt auch geschrieben vom Skiurlaub. Sie hat 6 Tage gebraucht. Nun muß ihc Schluß machen, denn es ist 1/2 12 h und um 12 h muß ich zum Zug. Schreib doch auch bald wieder! Herzliche Grüße an Deine Eltern!

Bis zum nächsten Mal
Deine Evi

ps. Ich schicke Dir heute von Deinen Bildern nur die Hälfte zurück, die andere folgt das nächstemal. (es folgt Steno:) DAS BILD, DAS ICH DIR MITSCHICKE, ZEIGT VON LINKS NACH RECHTS: HERBERT, INGE, GERHARD, HANNE, ROLAND, KLAUS, ALEXANDER, KARIN, ME, SIGGI, FRANK unten DIETER UND REINER UND OBEN GERD UND STRUPPI (Struppi)

Hoffentlich kannst Du das Geschmier lesen. Laß Dich mal blicken!

30. August 2024

Wieder wildes Datums-Raten. Alma mit einem Kind, aber nicht ihrer Karin. Es muss vor ihrer Geburt gewesen sein, vielleicht ein, zwei Jahre davor, Anfang der Vierziger. Alma hatte manchmal ein Pflegekind, um das sie sich kümmerte. Vielleicht auch, weil ihr Kinderwunsch so lange nicht erfüllt wurde. Aber dann kam ja zum Glück doch noch ein eigener kleiner Wildfang. Auf dem Foto vom Tag der Einschulung, dem 1. September 1949, hält die kleine Karin ihre große Schultüte wie einen Hauptgewinn in die Luft. Aber Almas Hauptgewinn war ganz ohne Frage ihr Töchterlein Karin.

29. August 2024

Die Sonne blendet am 17. Oktober 1949 in Peterskirchen. Goldene Hochzeit der Großeltern von Karin, Marie und Andreas, den Eltern ihres Vaters, der den Vornamen seines Vaters bekam und auf den sie später, im Jahr 1964, ihren Sohn taufen ließ, meinen Bruder.

28. August 2024

(…) vor der Haustür, auf dem Gehweg, lag ein Buch. Wie hingepfeffert, nicht sorgsam zum Verschenken hingelegt. Im Dreck. Ich hob es neugierig auf, überlegte noch, ob das runtergefallen sein könnte. Als ich den Titel sah, steckte ich es ein. Meine Phantasie schlug Purzelbäume. „Der dressierte Mann“ von Esther Vilar. Viel davon gehört, nie gelesen. Eine Hardcover-Ausgabe in rotem Leinen mit schönem Schutzumschlag, graphisch exzellent. Eingerissen, gammelig. Wurde das Buch aus Wut vom Balkon geschmissen? Ging eine hitzige Debatte voraus? War Esther Vilar nicht in den Siebzigern und Achtzigern ständig in Talkrunden mit ihrer Antipodin Alice Schwarzer? Ich muss mal meine Erinnerung auffrischen. Daheim das Buch und den Schutzumschlag gründlich gereinigt und die eingerissenen Kanten vom Umschlag repariert.“

Es folgt meine Bewertung des Buches: sehr gute Bindung, hochwertige, strapazierfähige Papierqualität, exquisiter Entwurf des Schutzumschlages. Nun aber heißt es ja, man soll ein Buch nicht aufgrund seine Umschlages beurteilen. Da ich seit gestern Abend noch keine Zeit hatte, es zu selbst zu lesen und zu urteilen, präsentiere ich meinen Lesern zum einen hier eine Leseprobe des 1971 erstmalig erschienen Werkes. Und zum anderen, die schlechtesten und die besten Bewertungen auf Amazon, Stand heute, 28. August 2024, sowie zuguterletzt eine Verlinkung zum seinerzeit im Fernsehen übertragenen Streitgespräch zwischen Esther Vilar und Alice Schwarzer Anno 1975, das damals recht viel Aufsehen erregte. Interessant auch, dass es vier Jahre nach Erscheinen stattfand. Das bedeutet, dass es kein Thema war, das in einem Sommerloch abgehandelt wurde, sondern eine langjährige Debatte anheizte. Ich finde angenehm, wie sich beide Kontrahentinnen um eine besonnene Kommunikationskultur bemühen, wenn es auch so wirkt, dass sich Alice Schwarzer schwerer tut, sich im Zaum zu halten. Wenn ich beiden folge, kann ich immer wieder nur nicken. Ich verstehe tatsächlich beide Seiten.

Es ist nicht schwarzweiß für mich. Ich stehe da mit einer gewissen Milde moderat zwischen den Stühlen. Das hat auch biographische Ursachen und Bezüge, die mich auch wieder zum Lebensweg meiner Mutter führen, der mich gerade immens beschäftigt. Eigentlich mein Leben lang. Ich wählte ein völlig zu ihr konträres Lebensmodell, allein lebend, unverheiratet, kinderlos, finanziell unabhängig, sehr frei, Familie respektierend, aber nicht als erklärten Lebenssinn definierend. Selbstbestimmte Wohnsituation, unverblümte Meinungsäußerung. Mama hingegen fügte sich in fast allen genannten Punkten in eine gegenteilige Lebensrealität, und nicht immer nur glücklich damit. Dennoch: es war von ihr selbst gewählt und ist daher zu respektieren, von mir nicht zu entwerten.

1-Stern-Rezensionen auf Amazon:

Hexe
Nicht zu empfehlen. Hab nach 13 Prozent aufgehört zu lesen. War nicht zu ertragen. Frauenfeindlicher geht es nicht mehr. Vielleicht in den 70er Jahren aktuell.

Kindle-Kunde
Wie kann man 2016 noch sowas auflegen??? Das ist weder lustig noch in irgendeiner Form erträglich! Egal, ob der Mann oder die Frau dressiert, die stereotype Interprteation der beiden Geschlechter so ganz ohne Ausnahme war m. E. schon 1971 überholt. Schon damals wäre eine differenzierte Betrachtung angebracht gewesen. Und was soll das heute noch? Mehrwert = 0.

julia
Man muss nicht alles lesen… Verstehe die vielen positiven Bewertungen nicht. Ich finde das Buch beleidigend und es liest sich so, als würde Esther Vilar einfach den alten Machos nachplappern. Meiner Meinung nach eine vernachlässigbare Lektüre.

Richard
Antiquierte, stereotype Beurteilung der Geschlechter Thematik vor 50 Jahren vielleicht in gewisser Weise provokant. Heute jedoch überholt und ermüdend.

5-Sterne-Rezensionen auf Amazon:

Amazon Kunde
Top! Tolles Buch

C.
Gut zu lesen, mit Zeitgeist aus den 70ern… Ich habe dieses Buch sehr genossen. Es steckt sicherlich viel Wahrheit in diesem Buch. Jedoch hat mich, nunmehr 40 Jahre nach Erscheinen des Buches, die polemisch-frauenfeindliche Art darin am Ende doch eher amüsiert. Einige Lacher konnte ich mir nicht verkneifen, auch wenn die Aussagen darin einen Wahrheitsgehalt haben. Zur Zeit des aufkommenden Feminismus und der Emanzipationsbewegung ist es schon mutig von Frau Vilar diesen Text geschrieben zu haben. Dieses Buch ist gut zu lesen, amüsant-deutlich und auch lehrreich. Viel Spaß beim Lesen. Allerdings möchte ich in diesem Zusammenhang ein Buch empfehlen, dass sich mit dem Thema Frau und Mann in unfeindlicher und wunderbarer Wiese auseinandersetzt. „Die heilige Ordnung der Mutter“ von Thomas Honsak möchte ich an dieser Stelle empehlen. Es ist ein philosophisch-soziologisches Werk, was die unausgesprochenen Grunddynamiken zwischen Frau und Mann und damit der gesamten Menschheit beschreibt, analysiert und damit gefühltes, unbewusstes, seit Jahrunderten verankertes aus meiner Sicht erstmals und einzigartig verbalisiert und damit sichtbar macht. Und das wunderbare ist – dieses Buch spricht keinem der Geschlechter eine Schuld zu oder wird feindlich, wie bei Vilar. Viele Grüße und danke für das Lesen meiner Rezension.

Jürgen
Tolles Buch, sollte jeder Mann mal gelesen haben, auch heute noch sehr interessant. Auch wenn das Buch schon älter ist, ist es auch heute noch sehr interessant und lesenswert :-) Auch das Streitgespräch mit Alice Schwarzer sollte jeder mal gesehen haben kann man im Internet anschauen :-)

Michael
Pflichtlektüre für jeden Mann / TOP 5 Sterne. Großen Respekt und Ehre vor dieser Autorin Esther Vilar. Sie sagt genau was Sache ist. Und auch wenn es schon lange her ist. Das Buch wurde ja soweit ich weiß in den 70 Jahren geschrieben. Diese Sachen die sie beschreibt sind so wahr. Man kann es auch auf heute immer noch übertragen. Es hat sich in der Sache nach Jahrzehnte dieses Buches. Nicht viel geändert. Wir haben immer noch so gesellschaftliche Strukturen. Ich finde Frau Vilar ist nicht nur eine Menschenrechtlerin sondern meiner Meinung nach eine tolle herzliche Männerrechtlerin. Nochmal eine Ehre an diese Frau. Sie hat meiner Meinung nach ein Orden verdient. Großen Respekt und Ehre. Ein tolle mutige Frau.

Willy
Die neue Erkenntnis für mich ist, dass Frauen eigentlich die emotionslosen und kalten sind und uns auch nur deswegen so gut kontrollieren können. Besonders hat mich die Frage bschäftigt, warum ich mich als Mann dafür schämen müsste Gefühle zu haben? Auch auf diese Frage habe ich eine Antwort bekommen. Es hat mir auch aufgezeigt, wie feindlich ich mich in meinem eigenen Leben noch gegenüber anderen Männern verhalte und um wieviel wir gemeinsam stärker sein könnten und uns aus Sicht der Frauen etwas „weiblicher“ verhalten würden. Mittlerweile muss ich schon fast lachen, wenn ich eine typische Frau sehe und ihre Versuche, so schön zu wirken. Das durchblicke ich mittlerweile sehr schnell.

Hanno
Gegen den Strich. Ein Klassiker des (Anti-)Feminismus.

Hans
Die Wahrheit. Dieses Buch ist ein Muß! für jeden Mann. Sicher ist zu berücksichtigen, daß es 1971 erschienen ist und Frauen nicht mehr nur „Heimchen am Herd“ sind, sondern auch in Handwerksberufen zu finden sind. Als ärztlicher Psychotherapeut weiß ich, daß Frauen eher in einer Vorstellungswelt leben und versuchen den Mann dahingehend zu manipulieren, daß er ihre Vorstellungen realisiert. Bei Nichterfüllung ist es aus mit der „Liebe“ (Frauen sind auch stärker narzißtisch besetzt und daher eher kränkbar).

B.
Lesenwert. Ein Klassiker des Post-Feminismus, von einer Frau geschrieben. Zeitlos aktuell, sollte Pflichtlektüre in den Schulen werden, ideale Diskussionsbasis.

Anja
Tolles Buch. Schwer zu lesen und nichts für vor dem zu Bett gehen aber toll

Christiane
Absolut geniales Buch. Genau so ist es!! Leider bläut uns die allgegenwärtige Propaganda etwas anderes ein. Ein absolut augenöffnendes Buch, das jede Frau und jeder Mann lesen sollte!

Die legendäre, durchaus gepflegte Auseinandersetzung der Kontrahentinnen Schwarzer u. Vilar auf youtube: „Alice kontra Esther – Alice Schwarzer vs. Esther Vilar – Steitgespräch 6.2.1975“

27. August 2024

Vorhin in meiner Werkstatt gewesen. Gießen (wieder ist der Bambus vertrocknet, wieder ist ein gar nicht mehr so kleines Küken in der beliebten Ecke vom Balkongebüsch). Drei Wochen hatte ich so viel anderes zu tun und im Kopf, nicht da gewesen. Immer noch ist der Schaumstoffblock nicht bezogen. Aber das untere Teil hab ich fertig. Beim oberen habe ich einfach nicht mehr gewusst, wie die Anordnung der drei Teile für den Bezug sein muss. Dann entschieden, nicht weiter herumzupuzzeln. Daheim habe ich Fotos, da sehe ich wie es war, sein muss. So wie es da zuletzt lag, nicht.

Aber das sind ja alles keine großen Probleme. Bin dann runter, vor der Haustür, auf dem Gehweg, lag ein Buch. Wie hingepfeffert, nicht sorgsam zum Verschenken hingelegt. Im Dreck. Ich hob es neugierig auf, überlegte noch, ob das runtergefallen sein könnte. Als ich den Titel sah, steckte ich es ein. Meine Phantasie schlug Purzelbäume. „Der dressierte Mann“ von Esther Vilar. Viel davon gehört, nie gelesen. Eine Hardcover-Ausgabe in rotem Leinen mit schönem Schutzumschlag, graphisch exzellent. Eingerissen, gammelig. Wurde das Buch aus Wut vom Balkon geschmissen? Ging eine hitzige Debatte voraus? War Esther Vilar nicht in den Siebzigern und Achtzigern ständig in Talkrunden mit ihrer Antipodin Alice Schwarzer? Ich muss mal meine Erinnerung auffrischen. Daheim das Buch und den Schutzumschlag gründlich gereinigt und die eingerissenen Kanten vom Umschlag repariert. Morgen Foto.

27. August 2024

Was geschah bei Karin in der Zeit zwischen Ende April 1958 und dem Kennenlernen meines Vaters im Herbst 1961? Ich nehme an, sie besuchte bis ca. 1960 die Handelsschule, traf Freundinnen, ging weiter viel ins Kino und Tanzen und las gerne Zeitschriften, Romane, aber auch gerne die Tageszeitung, und träumte weiter von der großen Liebe, vom Heiraten und einem Kind, während sie noch daheim im Elternhaus wohnte und im Möbelgeschäft mitarbeitete. Anhand von Gruppenfotos kann ich deutlich sehen, dass sie die anderen Frauen überragte, nicht nur wegen der Stöckelschuhe. Sie steht fast ein wenig abseits auf dem Bild, das hinten beschriftet ist mit „Karins Schulfreundinnen bei Radpartie“.

Ob es zusammengewürfelte Schulfreundinnen von früher waren, die sich wie bei einem Klassentreffen nochmals trafen? Ich sehe keine große Nähe untereinander. Hatte eine schon ein Kind? Aber das hätte ja zur Radpartie sicher nicht so einen Sonntagsanzug angezogen bekommen. Ich denke, der Junge gehörte zur Nachbarschaft, war oft bei Karin und ihren Eltern, die vielleicht mit auf ihn aufgepasst haben. Es ist manchmal von einem „Günterle“ die Rede in Karins Tagebuch, und der artige Bub kommt noch auf anderen Fotos vor. Also eher kein Kind von einer der Freundinnen.

Eine der jungen Damen auf dem Foto ist mir impulsiv unsympathisch, die mit den Ringelpullover in der Mitte, die so breitbeinig steht. Der traue ich nicht über den Weg. Vielleicht ist das diese vorlaute Ursel, die Karin manchmal erwähnt, die offenbar auch Haare auf den Zähnen hatte. Aber sie hatte auch einen Plattenspieler und lud Ihre Klassenkameradinnen ein, neue Schallplatten zu hören, was vielleicht ein Grund war, sich mit ihr zu arrangieren, was sie beinah schon wieder sympathisch macht. Das sind wilde Mutmaßungen und Unterstellungen, aber vielleicht hab ich ins Schwarze getroffen. Auf alle Fälle handelt es sich bei den Aufnahmen hier gesichert durchweg um Fotos aus dem Jahr 1959.

Karin war fast sechzehn. Endlich steht einmal ein Jahr auf der Rückseite. Und zwei Fotos, wo sie dasselbe Kleid, nur ohne die Brosche trägt, und auch diesselbe Frisur hat, sind im Album genau datiert, mit 17. April 1959, dem 50. Geburtstag ihres Vaters André.

Auch hilfreich bei meiner Detektivarbeit, die Interessen von Karin aus der Zeit zu erhellen, bevor sie ihre Familie gründete und ich auf die Welt kam, ist das Auflage-Datum der Bücher, die sie kaufte und las. Ich habe ihre Taschenbuchausgabe vom September 1958 von Bonjour Tristesse. Die Verfilmung kam Ende 1958 in die deutschen Kinos. Vielleicht hatte sie die Kino-Vorschau gesehen und sich vorab das Buch gekauft. Oder umgekehrt. Ich las es früh, wie auch andere ihrer Bücher, die sie sorgsam aufbewahrt hatte, so zum Beispiel „Süßer Vogel Jugend“ von Tennessee Williams.

26. August 2024

Den Abschluss meiner kleinen Karin-Tagebuch-Serie bildet die folgende Ausgabe zu Ausgehen, Radiohören, Musik, Tanzen, Träumereien und ersten kleinen Flirtereien der Vierzehnjährigen. Inzwischen bin ich mir recht sicher, dass das Tagebuch aus Gründen der Geheimhaltung im April 1958 nicht weitergeführt wurde. Oder wenigstens nicht in diesem grünen Buch. Vielleicht verlangte die gute Alma Einblick zu erhalten und Karin wollte es nicht. Sie hatte eine verklausulierte Bezeichnung für einen oder mehrere (Englisch-)Lehrer, die sie als „Kandidaten“ bezeichnete. Vielleicht konnte sie sich auf die Weise mit ihren Freundinnen in der Schule über die „Kandidaten“ austauschen, ohne zu erkennen zu geben, dass es sich um angeschwärmte Lehrkräfte handelte. Mir bringen diese Einträge meine Mama so nah, dass sie dadurch unglaublich lebendig für mich wird. Bitte entschuldige Mama, dass ich dafür Deine liebreizenden Aufzeichnungen bei mir verewige.

Sonntag, 30.6.57
Heute zu meinem Geburtstag bekam ich dieses Büchlein, dem ich meine Geheimnisse anvertrauen werde.

Mittwoch, 3.7.57
(…) Abend ging ich mit Christel spazieren und trafen Richard, der vom Bad kam. (…) Um 3/4 9.00 hörte ich Wunschkonzert.

Donnerstag, 4.7.57
(…) Christel (…) kam sie zu mir, sie schrieb mir eine Karte für Frank Forster. Danach einen tollen Liebesbrief, bestimmt dachte sie da an Richard.

Freitag, 5.7.57
(…) Abends kam Christl und sagte, daß sie am Samstag wieder mit Richard auf den Sommernachtsball geht. Ich war schon im Nachthemd, da suchte Eva ihre kleine Katze.

Samstag, 6.7.57
(…) Beim Lange war ich auch, Draxlers Sohn u. dessen Cousin sah ich auch – zwei tolle Burschen, so einen Freund sollte ich mal bekommen. (…) Reisner Claus war heute fesch, er hatte ein gelbes Hemd u. blaue Hose.

Sonntag, 7.7.57
(…) Nach dem Film traf ich Christl, denn sie wartete auf Richard, dieser kam um 1/2 8.00, wir gingen zusammen los. Ich ging dann heim. Um 1/4 10.00 traf ich sie, wie plauderten noch. Da sagte Christa, daß sie ihm den Kopf einmal richtig gewaschen hat.

Dienstag, 9.7.57
(…) Darf vielleicht mit Mutti u. Vati aufs Sommernachtsfest zum Götz, hoffentlich?! Abends ging ich mit Arko (Hund) spazieren. Hoffentlich wird Lissys Beinchen wieder gut.

Freitag, 12.7.57
(…) In der Stadt war ich, als ich beim Kupfer rauskam, rief jemand „Karin“. Da sah ich, daß es Hampel u. noch einer war. Abends spielte ich 10 Min. Federball mit Christel u. Eva, Christl traf Richard. (…) Morgen gehe ich zum Friseur und abends fort mit Mutti + Vati!!!!!!!

Samstag, 13.7.57
(…) zum Friseur. Als ich hinein kam, sagte Frau Opel „Heute wirst Ballkönigin“, ich mußte lachen, denn ich tanze doch nicht. (…) Um 3/4 8.00 gingen wir, Christel ging mit. Ich hatte meinen bunten Rock u. die weiße Bluse an. Es war toll. Erst saßen wir außen, die Lampions brannten, es sah prima aus. Schmids waren auch, Irmgard durfte auch. Christl wollte tanzen, aber niemand sah sie. Wir sagte, sie soll hineingehen, in den Saal. Später ging sie mit Irmgard hinein. Irmgard traute sich erst nicht, denn sie hatte noch nicht getanzt, aber dann klappte es. Es fing zum regnen an, so gingen wir nach oben des Pfarrheims hinauf. Ich war öfters unten, da sagte einer, warum ich nicht eher drunten war. Um 1/2 2.00 gingen wir heim.

Montag, 15.7.57
(…) zur Christa. Sie erzählte mir vom Film, in dem sie mit Richard war. Es duschte u. donnerte, dann ging ich. Hörte bis 9.00 „Ja, wenn die Musik nicht wär“. Ging dann in mein Zimmer.

Freitag, 19.7.1957
(…) um 3/4 8.00 gingen Christl, Richard, Arko u. ich spazieren. Christa kitzelte ihn immer mit Gras. Auch führten sie sich an den Händen.

Sonntag, 21.7.57
(…) Helga (…) Ihren Freund Günther trafen wir auch. Nachmittags waren wir wieder beim Richter. Zwei aus unserem Ort waren auch da, sie sagten allerlei Schmeicheleien, das regte mich auf, und der eine wollte mich umarmen, aber ich machte sofort los. Später gingen wir mit Günther spazieren.

Montag, 22.7.57
(…) ging ich ein paar mal zur Christl, erfuhr ich Mittag, daß Poldi geheiratet hat und in Italien auf der Hochzeitsreise ist.

Dienstag, 24.7.57
(…) um 1/2 9.00 hörte ich Wunschkonzert.

Donnerstag, 25.7.57
(…) Nachmittag ging ich mit Christa in die Stadt einkaufen. Abend gegen 1/2 8.00 gingen wir wieder mit Richard spazieren, wir spazierten im Wald.

Freitag, 26.7.57
(…) Abends war ich bei Hüttner. Christa war jedoch nicht zu Hause. (…) Doch traf ich sie am Abend. Richard war ein paarmal da, aber da hörte sie ihn nicht, jetzt sind sie miteinander spazieren.

Samstag, 27.7.57
(…) in Wittislingen. Inge und Gundi aber waren noch in Bergheim. Vati holte sie, abends kamen auch Adolf u. der Otto. Adolf ist 17 J., ein netter Bursche. Gundi ist reizend.

Sonntag, 28.7.57
Diesmal stand ich um 9.00 auf, Gundi u. alle waren schon auf, wir schliefen im neuen Schlafzimmer. Adolf hatte einen eleganten blauen Anzug an, weißes Hemd. Er wollte in die Kirche, diese war jedoch um 1/2 9.00 angegangen. Er lacht mich immer an, ich glaube, er kann mich leiden. Gundi ging nun schon gern zu mir. Mittags gab es Schnitzel, Wein, um mich drehte sich alles. Nach dem Essen kam Adolf. Wir setzten uns auf die Eckbank, ich tat meine Hand auf die Bank. Adolf saß neben mir, er berührte mehrmals zart meine Hand.

Montag, 29.7.57
(…) Abends gingen Eva, Christa, Arko u. ich spazieren. Christa traf zuvor Richard, sie hatten sich verkracht, wegen Sonntag, er hatte sie angelogen.

Dienstag, 30.7.57
(…) Abend ging ich mit Christa spazieren u. Arko. In der Stadt traf Christa Richard u. sie erfuhr, warum er nicht kam., er wollte mal alleine fort. Er sagte zu Christa, er will, daß es nicht noch mal vorkommt. Vielleicht läßt sich Christa versöhnen.

Mittwoch, 31.7.57
(…) Mittag aßen wir in der Patriziergaststätte, neben Mautkeller. (…) Abends ging ich mit Christa, Arko, Richard spazieren.

Donnerstag, 1.8.57
(…) Abend ging ich mit Christa, Richard spazieren. Morgen schläft Christa bei mir.

Freitag, 2.8.57
(…) um 1/2 9.00 stand ich auf. Dann ging ich in die Stadt, traf die Irmgard Weiß, sie erzählte mir vom Stamminger, mit dem sie geht. Sie war beim Friseur. Ursula grüßte ich im Vorbeigehen. Wie sie grinste. (…) Mit Christa ging ich spazieren, sie liest gerade bei mir am Bett.

6.8. bis 27.8.57
Ich war lange bei Trude und hatte Gundi, sie ist immer so lieb, Trude sagte auch, sie schreibt mir. Mir gefiel es dort gut, weil ich Gundi auch baden durfte, spazierenfahren und Essen geben. Hatte ein Zimmer für mich, es war sehr schön., abends kamen oft Adolf und Inge runter, dann saßen wir alle auf der Couch und es war sehr gemütlich..

Mittwoch, 18.12.57
(…) Als ich heim kam, war Meyer da. Ich hörte Wunschkonzert.

Montag, 23.12.57
(…) Vati lud derweil mit Herrn Reschke Polstermöbel ab, er hatte mich gegrüßt und freundlich zugelächelt, mir wurde richtig warm ums Herz, denn ich kann ihn sehr gut leiden. Paarmal sah ich ihn noch.

Erster Weihnachtsfeiertag 25.12.57
(…) Wir gingen ins Pfarrheim, ins Theater. „Friede auf Erden.“

Sylvester, Dienstag, 31.12.57
(…) Vati mußte zum Möbel Raab. Ich sah Herrn Reschke auch. Ich weiß nicht, ich schwärme geradezu für ihn. (…) Kino (…) Russische Eier (…) Wein (…) Im Radio kam schöne Musik. Punkt zwölf Uhr tranken wir Punsch und wünschten uns gegenseitig ein gesegnetes, gesundes, glückliches Neujahr! 58.

Mittwoch Neujahr, 1.1.58
(…) in die Kirche, der Herr Pfarrer predigte sehr schön. Wir rutschten ganz gut ins neue Jahr, wenn wir nur gesund bleiben, das ist die Hauptsache. (…) Spazieren (…) dann spielten wir zu dritt Quartett. Später gingen Eva und ich in die Stadt (…) am liebsten wär ich nochmal ins Kino gegangen. Um 6.00 ging ich mit Mutti und Vati zum Götz. (…) Aß Schnitzel, H. Grimm war auch dort, er erzählte wieder so laut, und lauter Sachen, die einen gar nicht interessieren. Endlich um 20.00 Uhr kam im Fernseh was Schönes, „Menschen, Tiere, Sensationen“. (…) um 11.00 gingen auch wir.

Freitag, 3.1.58
(…) hörten wir „Das ideale Brautpaar“.

Mittwoch, 8.1.58
(…) In der Straßenbahn war ein hübscher junger Mann, ich glaube, das war ein Steward. Auch sah ich, daß sich unser hübscher Pfarrer bestimmt zu Weihnachten verlobt hat. (…) War auch Wunschkonzert.

Samstag, 11.1.58
(…) Dann ging ich mit Resi, Eva + Arko in die Stadt und zum Seitzinger, holte Kinokarten – denn morgen kommt Helga. Gingen dann noch zum Götz und schauten zu den Fenstern rein, denn es war Werkvolkball.

Montag, 13.1.58
(…) Im Turnen hatten wir Seilspringen, das mach ich ganz gern, Barrenturnen. (…) Abends ging ich mit Resi in die Stadt, weil dort jetzt wieder Tanzkurs ist.

Dienstag, 14.1.58
(…) Nun ist unser Stundenplan geändert und wir haben nun Mittwoch früh Singen u. Religion. Als wir um 1/4 6.00 aus hatten, gingen wir zu viert in die Lesestube in der Burg, dort ist es sehr gemütlich und wir werden jetzt öfter hingehen.

Mittwoch, 15.1.58
(…) ich fuhr mit Ursel + Heidi mit dem Zug und kamen bissl zu spät ins Singen. Raufte mit Hermann Guttendobler, unserem Gesangslehrer. (…) Abends war Eva da, hörte Wunschkonzert mit vielen neuen Schlagern. Um 1/2 10.00 ging ich in die Klappe.

Mittwoch, 22.1.58
(…) um 3/4 8.00 ging ich mit Eva Schlittenfahren im Eichenhain, es war prima, kein Mensch war da hinten und so hell. Wir blieben bis 3/4 9.00 draußen. Eva zog mich am Heimweg. Als ich daheim war, waren Frau Hüttner u. Christa da mit ihrem Kleid. Wir tanzten, hörten auch Wunschkonzert, blieb bis 12.00 auf, denn um 3/4 12.00 sang Herrmann Guttendobler eine Serenade.

Donnerstag, 23.1.58
Heute hatten wir keine Schule, denn es ist Konferenz wegen der Schüler. Nachmittag war ich auch bei Eva, sie hatte heute wieder Tanzkurs, und Resi und ich schauten zu. (…) Wir schauten lange zu, und ich sah immer durchs Schlüsselloch, sah aber viele tanzen, Willi sah ich, Eva, Christa u. viele andere. Um 1/4 10.00 ging ich heim und ging sofort ins Bett.

Sonntag, 26.1.58
(…) ins Kino, nach dem Film heim und aß, war bei Eva, fragte, ob sie mit zum Pfarrheim hinter geht, aber Eva sagte, heute Nachmittag bist Du ja auch nicht mitgekommen. Eva denkt vielleicht, wenn Helga mal kommt, dann soll ich auch mit ihr gehen. Ich schaute bis 9.00 zu, Mühlbauer Monika sah ich auch tanzen.

Montag, 27.1.58
(…) Ich hatte meine Straßenbahnkarte nicht und so mußte ich 80 Pf. opfern. (…) Hörte den Musikalischen Cocktail.

Dienstag, 28.1.58
(…) Im Zug las ich in Ursels Starrevue. Es stiegen zwei hübsche Kerle ein, den einen sah ich schon einmal. Der andere war ein Blonder, mir gefiel er gut. Ursel fragte er, ob er eine Ursel Butsch kennt, wir mußten so lachen, auch sagte der wo neben mir saß, „ja, die haben es schön, sitzen ein paar Stunden in der Schul und dann fahren sie heim“. Er schaute immer in meine Zeitung rein und als Ursel tat, als schliefe sie, sagte er, „ja, die keusche Eva und warum lernt ihr gar so fleißig?“. Als ich ausstieg, blieb ich mit meinem Rock hängen, er sagte „Verzeihung“ und machte die Zugtür zu. (…) Es war schon spät, wie ich zu Bett ging.

Mittwoch, 29.1.58
(…) Hörte ich um 1/4 9.00 Wunschkonzert.

Donnerstag, 30.1.58
(…) Hörte ich abends „musikalischen Cocktail“.

Freitag, 31.1.58
(…) Ging mit Ursel und Heidi ins Kulturreferat, wo ein Trio vom Nürnberger Opernhaus spielte, auch Harfe, es war prima, der Cellospieler schaute oft zu uns herauf u. lächelte. Ursel + ich lachten immer, wenn wir uns ansahen. Um 10.00 war es aus und um 11.00 ging ich ins Bett.

Samstag, 1.2.58
(…) Mutti, Vati, Resi und Ernst gingen zum Faschingsball, ich schaute mit Günter mal hinter, hörte im Radio „Das ideale Brautpaar“.

Sonntag, 2.2.58
(…) Ernst ging um 1/2 12.00 ins Pfarrheim, dort war mit Kupfer beisammen (…) Ernst kam erst um 1/4 6.00 und war so sehr betrunken. Er legte sich in Muttis Bett. Resi kam so die Wut, daß sie ihm eine schmierte. Mutti holte einen starken Kaffee und Zitronensaft, dann wurde es ihm besser.

Dienstag, 4.2.58
(…) abends ging ich mit Resi zum Spelter, Tanzkurs zuschauen.

Mittwoch, 5.2.58
(…) Abends war ich bei Hüttner bis um 1/4 10.00, hörte dort Wunschkonzert.

Freitag, 7.2.58
(…) Nachmittag sang im Radio Guttendobler (…) sah auch den, der neulich mit uns heimfuhr.

Montag, 10.2.58
(…) Heute Abend schauten wir wieder beim Tanzkurs zu. Ich ging erst um 1/2 10.00 heim und Vati lag schon im Bett und sagte: „dafür darfst Du Sonntag nicht ins Kino“. Jetzt ist es 1/4 11.00 Gute Nacht.

Dienstag, 11.2.58
(…) Vati sagte mir auch, daß Reschke bald heiraten wird, eine Blondine, kann man nichts machen, manchmal darf man halt nicht zuviel träumen.

Donnerstag, 13.2.58
Hatten wir erst Mittag Schule, es war schön warm draußen. (…) Heidi war im Zug wieder recht kindisch, es waren mehr Leute da, sie sagte zu den andern „schaut nur, wie vornehm sie lächelt“. Es war furchtbar, man weiß bald nicht mehr, was man machen soll.

Samstag, 15.2.58
(…) Abends tanzte ich mit Resi und 1/4 12.00 gingen wir ins Bett.

Dienstag, 18.2.58
(…) Als wir vom Kino rauskamen, ließen uns die jungen Kerle nicht durch und man war nicht sicher vor Spritzpistolen. (…) Nachmittag zog ein Faschingszug ins Werkvolkheim hinter. (…) Abends hörte ich Radio, um 10.00 begann der „Faschingskehraus im Rundfunkhaus“. Jetzt höre ich noch, gerade war ein Calypso dran. Morgen kommt nach Nürnberg Bahnhof Toni Sailer. Vielleicht sehe ich ihn.

Mittwoch, 19.2.58
(…) Toni Sailer (…) ganz galant, mit braunem Gesicht, schwarzem Haar, grauen Mantel, weißen Hemd und einem Strauß weißen Nelken, ich war ganz begeistert, er gefiel mir sehr gut.

Donnerstag, 20.2.58
(…) am Bahnhof, mußten noch auf den Zug warten. Keks fuhr mit in demselben Abteil, weil Ursel ihn rief. Es war ganz nett.

Freitag, 21.2.58
(…) nach Ansbach zum Durchleuchten. (…) Ich war schon ganz zappelig. Um 11.00 kam der Arzt, dann wurde ich durchleuchtet, er sagte, ich brauche nicht mehr kommen, und meinte „wo willst Du denn noch hinwachsen?“

Sonntag, 23.2.58
(…) Helga erzählte ich auch von Toni Sailer.

Montag, 24.2.58
(…) schneite es, hatten wir Castner Rochus, neulich träumte (8 Wörter in Steno:) ICH VON IHM. ICH WAR MIT IHM VERHEIRATET. (…) Abend ging ich mit Arko spazieren. Schaute schnell beim Tanzkurs bißl zu.

Dienstag, 25.2.58
(…) Träumte vom Toni Sailer. (…) Mittag beim Essen bekam ich von Vati eine ins Gesicht. Weil ich wollte, daß die Katze auf ihrem Kissen liegen darf, weil sie schon wieder eine verletzte Pfote hat. Da bekam ich eine Wut. (…) hörte bis 9.00 Hörspiel. Dann ging ich schlafen.

Mittwoch, 26.2.58
(…) zu Ursel, und gingen dann in den Abend von Igor Baumeister. Ursels Vati ging mit, wir lachten Tränen. Rektor Schürer war auch.

Donnerstag, 27.2.58
(…) Kaufte mir Weltbild mit Toni Sailer, ich bin ganz närrisch nach ihm.

Freitag, 28.2.58
Das war heute so ein Tag, kalt und dann noch Englisch Schulaufgabe, furchtbar. Unsere Kandidaten Boxer, Hartmann und Reck kommen nun nicht mehr. (…) Als wir Mittag heimfuhren, saß in unserem Abteil auch ein Amerikaner, Ursel lachte immer – denn wie die meisten biß er an seinen Fingernägeln. Wollte ich schlafen, so weckte mich Ursel und grinste. (…) Willi fuhr heute nicht heim, weil er noch mit Vati in Nürnberg ist, weil Weiß umziehen.

Samstag, 1.3.58
(…) Abends war es 11.00 als ich schlafen ging, (4 Wörter in Steno:) WEINTE ICH IM BETT.

Sonntag, 2.3.58
(…) Nach dem Kino sah ich auch Ursel, sie wurde schon wieder abgeholt.

Montag, 3.3.58
(…) Abend wollte ich Tanzkurs schauen (…) um 1/4 9.00 ging ich los, Willi ging auch erst später fort, weil sie feiern waren. Aber es war kein Tanzkurs, so ging ich mit Eva wieder heim, und plauderten außen noch.

Mittwoch, 5.3.58
(…) Abends zog ich meinen Mantel an und ging zu Getz. Der Abend war sehr schön mit Stasi, Blasi, Blödl, Gretl Bauer, das Haffner Duo, Christl Jodlerin, Moosacher Trio, gefiel mir der Lange mit dem Cello, den braunen Augen – Thomas Wendlinger

Donnerstag, 6.3.58
(…) im Zug stiegen wir einmal aus, denn es kamen so blöde junge Kerls, als wir in einen anderen gingen.

Sonntag, 9.3.58
(…) nach der Kirche sagte Helga mir, daß sie mit Luise nach Ansbach ins Konzert von den Deutschmeistern geht. (…) Daheim las ich. Mutti weinte und sie wollte allein spazieren gehen, aber ich ging mit, wir trafen auch Fam. Hake u. Frl. Geißler. Um 1/4 5.00 waren wir daheim, ich ging danach ins Kino.

Montag, 10.3.58
(…) Beim Castner in Erdkunde war es wieder schön. (…) Abends schauten wir bis 1/2 10.00 Tanzkurs zu. Mutti stand auf einmal da und ich mußte heim. Willi sah ich auch mit der Kolb.

Donnerstag, 13.3.58
Hatte ich wieder Mittag Schule (…) Hatten wir zum (4 Wörter in Steno:) ERSTEN MAL DEN KANDIDATEN, braun + schwarze Haare.

Freitag, 14.3.58
(…) heute hatten wir den Englisch-Kandidaten nicht. (…) Am Friedr.-Ebert-Platz gab es eine Verkehrsstockung, weil ein Auto mit einer Straßenbahn zusammenstieß, wir waren schon drin, dann stiegen wir aus und gingen zu Fuß zum Zug, hatte nasse Schuhe von dem Schneematsch.

Samstag, 15.3.58
(…) abends hörten wir „Das ideale Brautpaar“.

Sonntag, 16.3.58
(…) hörten Wunschkonzert.

Montag, 17.3.58
(…) Film-Revue (…) Toni Sailer ganz groß.

Dienstag, 18.3.58
(…) Nachmittag Schule (…) Abend fuhren wir mit einem Scheuerlein heim, er erzählte, daß er Ursel kenne, denn er brachte ihrem Vater mal einen Anzug.

Donnerstag, 20.3.58
(…) am Abend fuhren wir wieder mit dem Scheuerlein heim u. Hummel Carola. Wir lachten oft. Wir redeten allerhand Zeug, er ist ein ganz netter Mensch, dann fragte er Ursel, wie alt sie ihn schätze, sie sagte über 30, er schaut aber jünger aus, ich schätzte 25, das stimmt auch. Carola sagte zu ihm „ich hab erfahren, daß dein Geburtstag mit lauter Dreiern zusammenhängt“. Er ist am 3.3.1933 geboren. Er fragte, ob wir morgen wieder mit heimfahren, dann hat er Unterhaltung. Wir fahren morgen aber Mittag heim. Da sagte er „schade“.

Freitag, 21.3.58
Früh Schule, kalt war es auch, heute hatten wir nicht unseren schönen englischen Kandidaten. Mittag im Zug ging auch der schwarze mit der roten Mütze von Roßtal durch das Abteil.

Samstag, 22.3.58
(…) Resi nahm ich ein Bild von meinem lieben Toni Sailer weg

Sonntag, 23.3.58
Früh ging ich in die Kirche, in der Nacht hatte ich einen (5 Wörter in Steno:) SEHR SCHÖNEN TRAUM MIT WILLI.

Montag, 24.3.58
Schrieben wir keine Erdkunde Schulaufgabe, das war sehr schön von Rochus. (…) Als ich heimkam, sah ich, daß Willi wieder gesund ist. Ich zog mich um, machte Englisch und hörte ich Schlagermusik. Um 1/2 7.00 ging ich ins Kino, wie ich bei der Tür draußen war, hörte ich ein Fenster knarren, drehte mich um und sah gerade noch Willi. Ging zu Ursula, Heidi war schon dort, hörten tolle Schallplatten

Mittwoch, 26.3.58
(…) hatten Singen, Religion. Ich kann immer nur zuhören, wenn unser Pfarrer erzählt. In English hatten wir den Kandidaten.

Samstag, 29.3.58
(…) (7 Wörter in Steno:) FÜRCHTE ICH TRÄUMTE SCHON WIEDER VON WILLI. las (13 Wörter in Steno:) AUCH EINEN BRIEF VON IHM, DAS WAR EIN BRIEF VON SEINER BÄRBL(?)

Sonntag, 30.3.58
(…) ins Pfarrheim (…) Tonfilme (…) Die vorführten, waren schon mal da, blond u. schwarz, groß, hübsch, ich mußte immer wieder hinstarren.

Montag, 31.3.58
(…) um 1/2 8.00 ging ich mit Resi Tanzkurs zuschauen. Willi tanzte oft mit der Kolb.

Dienstag, 1. April 58
(…) Resi sagte mir, daß sie mit Willi morgen ins Kino geht, schön von ihm, daß er ihr eine Freude macht. (…) Willi schickten wir auch in den April. Ich nahm ein weißes Kuvert schrieb seine Adresse und innen „O, diese Enttäuschung – April!“ Er wunderte sich, von wem der stammt.

Mittwoch, 2.4.58
(…) Eva ging nicht mit ins Kino (…) aber sie begleitete mich runter. Zuvor sah ich Willi + Resi hinuntergehen. Kaufte mir Reihe 17. Als ich drinnen war, sah ich die zwei nicht, später kamen sie auch, hatten Reihe 17. Resi setzte sich neben mich, dann Willi. Ich zitterte vielleicht. Der Film „Die Gladiatoren“ war sehr schön, mußte immer an (2 Wörter in Steno:) WILLI DENKEN. (…) Nach dem Kino gingen wir zu dritt heim. Wir erzählten vom Kino. Von Monpti sahen wir die Vorschau. Ich weiß, als wir zwei gar heimgingen, war es mir ganz anders als sonst, Willi sagte, in Ansbach ist das Kino genauso teuer wie da, ich sagte, im anderen ist es schon billiger, aber halt wackelt alles. Dann sagten wir Gute Nacht u. ich ging schlafen, es war 11.00.

Donnerstag, 10.4.58
(…) Resi bekam von Willi einen Roman zum lesen. Ein goldiger Kerl. möchte ihn gerne lesen. (…) um 1/2 10.00 ging ich schlafen. Träumte so wunderschön von (8 Wörter in Steno:) WILLI, ICH WAR VERHEIRATET UND HATTE EIN KIND.

Sonntag, 13.4.58
(…) Beim Geml sah ich Helga und freute mich sehr. Mit ihr ging ich zum Pöverlein, da ließ sie mich einen Brief lesen, von einem Patienten mit Namen Rudolf, hat eine schöne Schrift. Er möchte gerne mit Helga gehen. Sie sagte mir, „morgen muß ich ihm Bescheid sagen“. Dann ging ich heim. (…) Um 1.00 ging ich zu Helga, zog auch leicht meine Lippen nach. Gingen spazieren, die Hauptstraße entlang, da trafen wir E. u. mehr aus G. Bernhard hatte einen Photoapparat dabei und knipste uns. Hoffentlich werden die Bilder nichts. Dann gingen wir zu Helga Kaffee trinken. (…) Abends ging ich mit Mutti und Vati das Theaterstück anschauen, „Die weiße Hand“, um 1/4 12.00 ins Bett.

Dienstag, 15.4.58
(…) Am Abend kaufte ich mit Ursula noch ein, die Schallplatte „Die Brücke am Kwai“.

Mittwoch, 16.4.58
(…) Im Zug standen wir außen, da ist es geheizt, innen saß ein schöner Kerl, schwarz, braune Augen, gelbes Hemd, schaute immer raus, groß. 21 Jahre vielleicht, der gefiel mir gut, hoffentlich sehe ich den nächsten Mittwoch auch. (…) Ich hatte schwarzen Rock, rosa Bluse an. (…) Um 1/4 9.00 hörte ich Wunschkonzert bis 10.00, dann ging ich schlafen.

Freitag, 18.4.58
(…) Am Abend ging ich mit Vati und Mutti zu Götz, hörten wir einen der letzten Bischöfe aus Rot-China, mit Lichtbildern, sehr interessant und traurig, wie die leben, unter den Kommunisten. Wir blieben bis 12.00 noch sitzen, dann gingen wir heim.

Samstag, 19.4.58
(…) Am Abend hörten wir „Das ideale Brautpaar“.

Mittwoch, 23.4.58
Heute fuhren wir 7.07. Ich sah aber meinen Hübschen von vorigem Mittwoch nicht. (…) Hörte Wunschkonzert.

Samstag, 26.4.58
(…) Von Helga bekam ich eine Karte mit Toni Sailer, schrieb, daß sie Samstag kommt…

~ E N D E ~

25. August 2024

Besuchet unverbindlich mein MÖBEL LAGER“. Reklame am Zaun vom Möbelgeschäft. Es finden sich eine Hand voll Erwähnungen in Karins Tagebuch aus den Jahren 1957 bis 1958 zum Geschäft ihrer Eltern: „(…) Kamen Roßmeisel kauften 2 Sessel. (…) aber nun ging es zum RAAB, dort blieb ich im Auto sitzen, Vati lud derweil mit Herrn Reschke Polstermöbel ab. (…) mußten Mutti & Vati bis 12.00 in der Werkstatt bleiben und nähen. (…) mußte Vati zum Möbel Raab. (…) Abends mußte ich zum Götz Schaumstoffkissen hintragen. (…) Als ich heim kam, war eine Kolb da, die bekommt eine Couch in ihr Zimmer. (…) Am Abend kamen Tepalla von P. mit Marieders Freund. Die wollen Einrichtung kaufen. (…) Herr Hüttner holte mein Schränkchen mit vom Zimmer und lieferten es.“

24. August 2024

Mehr aus dem alten Fotoalbum meines Großvaters André. Er hatte seit Anfang der Fünfziger Jahre eine eigene Werkstätte, in der er die Polster von Automobilen bezog, sie auf Wunsch umlackierte, aber auch jegliche Polstermöbel anfertigte bzw. aufpolsterte oder neu bezog und Tapezierarbeiten ausführte. Er hatte in seinem Meisterbetrieb auch einige Angestellte, führte aber selbst viele Arbeiten aus. Weil er den Handwerksberuf des Sattlers erlernt hatte, wusste er auch früh mit jeglichen Nähmaschinen umzugehen und konnte diese Fertigkeit für seine gestickten Bilder anwenden.

Später kamen Verkaufsräume für Möbel hinzu, auch ein Schaufenster. Er bot alle für die Innenausstattung von Räumen erforderlichen Arbeiten an, auch das Nähen von Vorhängen konnte in Auftrag gegeben werden. Ich muss wirklich etwas von ihm geerbt haben, weil ich mir frühzeitig selbst Kenntnisse im Nähen und dem Beziehen von Sitzmöbeln aneignete, um vorhandene alte Möbel zu verändern, ihnen ein neues Gewand zu geben. Das Sofa in meinem Wohnzimmer hat auch einen maßgeschneiderten Bezug, den ich genäht habe. Die 1952 erbaute Werkstatt meines Großvaters stand gegenüber des 1951 errichteten Wohnhauses, in dem er mit seiner Alma und seiner Tochter Karin und immer mindestens einem Schäferhund und einer Katze lebte. Dazwischen lag der Hof, wo bei schönem Wetter draußen gearbeitet werden konnte. Die Fotos „Gunte und Lortar“ ( wohl Gunter und Lothar) … „bei der Arbeit“ hat er gemacht. Fotografiert hat er also auch gerne. Mama sagte, er hätte eine Rechtschreibschwäche gehabt (die er zum Glück weder ihr noch mir vererbt hat), aber dafür konnte er die hin und wieder falschen Buchstaben doch sehr schön schreiben.

23. August 2024

Ich glaube, das ist „Onkel Ernst“ mit seiner Frau Marianne und seinen drei Söhnen. Vielleicht waren sie zu Besuch, weil alle so adrett angezogen sind. Ein Foto aus den Fünfzigern, wie man am Vorhang und am Radiomodell erkennen kann. Und der Ruth Leuwerik-Frisur und dem Bolero-Jäckchen von Tante Marianne!

Ernst war höchstwahrscheinlich einer der Brüder von meinem Großvater André. Den ich, wie erwähnt, nie gekannt habe, weil gestorben, bevor ich auf die Welt kam. Den Onkel Ernst habe ich glaube ich ein- oder zweimal gesehen. Er hieß „Onkel Ernst“, weil Karin so von ihm gesprochen hat, er war ja ihr Onkel. Ich war noch ganz klein. Ich erinnere mich, dass er ein sehr warmherziges Lächeln hatte. Obwohl ich soeben leicht schwanke, ob er nicht doch ein Bruder von Alma war. Das dreht sich alles wie ein Karussell in meinem Kopf. Ich bin gerade wie ein Detektiv mit diesen alten Fotos beschäftigt. Was könnte wann gewesen sein.

Und wer ist wer? Leider Gottes hat mein Großvater, der das Album angelegt hat, oft keine chronologische Reihenfolge beim Einkleben eingehalten. Das macht es mir schwer! Auch ist selten ein Datum hinten vermerkt. Manchmal gibt ein Datum vom Fotolabor, aber das heißt ja nur, dass da der Abzug gemacht ist. Anhand dessen kann man aber immerhin sicher sagen, dass das Aufnahmedatum schwerlich NACH dem Fotolabor-Datum liegen kann! Auf den meisten Fotos ist aber hinten nur so ein blasser Stempel mit dem Schriftzug vom Labor, z. B. „Foto-Schmidt“. Das hilft mir nicht sehr weiter! Ich bin Opa nicht gleich auf die Schliche gekommen, dass er die Bildserien durcheinander eingeklebt hat. Erst bei einem Farbfoto fiel es mir auf, wo meine Mutter schon viel erwachsener war, danach klebte er Fotos von ihrer Konfirmation ein. Manchmal schreibt er ein Jahr auf eine Seite im Album. Das passt dann aber nur zu einem oder zwei Bildern, die übrigen sind offensichtlich aus einer anderen Zeit, nur welcher? Ich vergleiche dann Fotos, die hinten mit Datum beschriftet wurden, schaue mir die Kleider und Frisuren an und suche dann wie beim „Memory“ ein Pendant, das nicht beschriftet wurde, aus der Serie. Klingt kompliziert, ist es auch, aber macht mir auch gerade Spaß, das Detektiv-Spielen.

22. August 2024

Mama und Mode. Heute in meiner Karin-Reihe: was Mama als Vierzehnjährige in den Fünfzigern ihrem Tagebuch über Anziehsachen, den Kauf ihrer ersten „ersehnten“ Stöckelschuhe, Puder, Lippenstift, Friseurbesuche und Körperpflege anvertraut hat. Das erwähnte Buch von Gwinny von Heid habe ich bei mir daheim.

Sonntag, 30.6.57
Heute zu meinem Geburtstag bekam ich (…) von Mutti dieses Büchlein, von Vati 5 Mark (…) und von Mutti noch Strümpfe und Schoko, von meiner Patin Parfüm und ihrer Mutter 1 Paar Perlonhandschuhe. Erika kam Nachmittag auch und brachte Bärbel mit. Von Erika bekam ich sehr netten Blumenstrauß.

Dienstag 2.7.57
(…) Ursel (…) Aufschneiden kann sie – zur Heidi sagte sie, daß sie jetzt eine trägerlose Unterwäsche bekommt. Diese Krämpf!!! Als ich heim kam, badeten wir u. Mutti hatte mir ein neues Kleid genäht, das ich sehr gern anziehe. Otti sagte zu mir, daß ich viel hübscher sei, als die Ursel. Das ist ja schnuppe. Nach dem Baden ging ich mit Christel u. Arko (Familienhund) spazieren (…). Eva konnte nicht mit, weil sie Handschuhe nähen muß.

Samstag, 6.7.57
(…) Reisner Claus war heute fesch, er hatte ein gelbes Hemd u. blaue Hose.

Sonntag, 7.7.57
(…) Nach dem Essen wusch Mutti mir meinen Kopf. Ich legte mich im Badeanzug in den Liegestuhl u. ließ mich braun brennen.

Montag, 8.7.57
(…) Mein Haar sieht furchtbar aus, gestern wurde es gewaschen, jetzt hält es gar nicht.

Mittwoch, 10.7.57
Hatte ich Schule u. bekam ein paar zackige Hausschühchen.

Freitag, 12.7.57
(…) Mußte auch baden. Morgen gehe ich zum Friseur und abends fort mit Mutti + Vati !!!!!!!

Samstag, 13.7
(…) Nach dem Essen ging ich zum Friseur. Als ich hineinkam, sagte Frau Opel „heute wirst Ballkönigin“. Ich mußte lachen, denn ich tanze doch nicht. Um ¾ 8.00 gingen wir, Christl ging mit. Ich hatte meinen bunten Rock u. die weiße Bluse an. Es war toll. Erst saßen wir außen, die Lampions brannten, es sah prima aus.

Donnerstag, 18.7.57
(…) hatte mein blauweiß gestreiftes Kleid an. (…) Nachmittag ging ich in die Stadt, kaufte mir einen weißen breiten Gürtel, kostete 1,90 DM.

Montag, 22.07.57
(…) Ging ich zweimal in die Stadt, kaufte mir Perlon-Kniestrümpfe 3,10 M.

Sonntag, 28.7.57
(…) Adolf hatte einen eleganten blauen Anzug an, weißes Hemd. Er wollte in die Kirche (…)

Montag, 29.07.57
(…) Mutti half ich, sie hatte Wäsche, ich schaute auch zu, wie man es macht. Abend um 1/2 8.00 kam Christa, sie hatte sich ein neues Kleid gekauft, blau, weiß, Bordüren, 19,50 DM.

Mittwoch, 31.7.57
Um 8.00 fuhren wir nach Nürnberg. Frau Merkert auch. Wir gingen in Kaufhäuser, Pöhlmann, Kaufhof. Bekam vom Hertie gelbe offene Schuhe 9,90 DM. 1 Decke zum Sticken. 4,50 DM. Außerdem 1 P. Perlen zum schrauben, Mutti kaufte sich einen Hut (Topfform). (…) dann setzte Vati uns ab auf einer Wiese, wir schauten Frau Merkerts Sachen an, Hausschuhe, Popelinestoff, Kleiderstoff weiß, Seidenleinen mit Laternen. Handtasche, Perlonhandschuhe, Schuhe, Söckchen.

Samstag, 3.8.57
(…) da kam Mutti u. bracht die traurige Nachricht, das Onkel Hubert angerufen u. gesagt hat, Oma sei vor einer Stunde eingeschlafen. Nun habe ich keine Oma mehr, sie war immer so gut.

Sonntag, 4.8.57
Früh ging ich in die Kirche, sie ging um 1/2 10.00 an, ich hatte mich ganz schwarz angezogen. Es predigte ein anderer Pfarrer, er predigte sehr schön. (…) Mutti (…) nähte mir einen schwarzen, engen Rock. Morgen fahren wir fort, denn Dienstag ist das Begräbnis.

Donnerstag, 18.9.57
(…) Hatte m. schw. Rock, weißen Pulli, rote Cordsamtweste an. Gestern bekam ich Wildlederschuhe, eine schöne Farbe, kosteten 33,50 DM.

Mittwoch, 18.12.57
(…) Zuvor war ich mit Ursel im Kaufhof und kaufte mir einen grünen Wildledergürtel.

Montag, 23.12.57
Ich stand heute um 9.00 auf, als ich runter kam, nähte ich den Saum von meinem Kleid. (…) Fuhr ich mit Vati um 2.00 nach Nbg., erst nach Schweinau nach Porzellan und Teeservice. Dann nach Fürth zum Betz, bekam Hüftgürtel, Clips, lange Kette u. Gürtel. (…) Jetzt haben wir gerade gebadet.

Heiliger Abend, Dienstag, 24.12.57
(…) Mutti wusch mir meinen Kopf u. trocknete ihn mit unserem neuen Föhn. Danach zog ich mein neues Kleid an und aßen zu Abend, der Christbaum wurde angezündet. Es gab Karpfen. (…) Dann um 1/2 7.00 ging ich in die Christvesper, wir sangen in der Kirche schöne Lieder, zum Schluß „O du fröhliche“. Um 1/4 9.00 war ich daheim und sah die Geschenke. Schal, Lederhandschuhe, Buch „Meine Welt“, Unterwäsche, Vase, Strümpfe, Pralinen, Schoko, Untertaille, Blusenstoff + viele andere Sachen. Danach sangen wir viele Weihnachtslieder. Um 3/4 11.00 gingen wir ins Bett.

Erster Weihnachtsfeiertag 25.12.57
(…) Nachmittag gegen 4.00 kamen Mühlbauer u. Roglers. Frau Mühlbauer hatte ein schönes Armband, so eines (3 Wörter in Steno:) MÖCHTE ICH MIR auch kaufen.

Sonntag, 29.12.57
(…) ging in die Kirche, Ursel war auch, sie hat zu Weihnachten ihren Plattenspieler bekommen, Schuhe, 3 Untergarnituren, Schlafanzug, 2 Pullover, Pralinen. (…) zog ich mich an, nahm meine Clips, puderte mein Näschen (…) Kino.

Montag, 30.12.57
(…) kam Frl. Schwarz mit Schaumgummiblumen (…) bekam Puderdose.

Sylvester. Dienstag, 31.12.57
(…) Vati mußte zu Möbel Raab. (…) Danach fuhren wir zu Hoffmann + Wagner und ich bekam meine grau/weiß gestreifte enge Hose. 36 DM, sie gefällt mir prima und zog sie daheim gleich an.

Mittwoch, Neujahr 1.1.58
(…) Hatte meinen blauen Cordsamtrock an.

Donnerstag, 2.1.58
(…) Hatte meine graue Hose an.

Samstag, 4.1.58
(…) Nach dem Essen sagte Mutti, sie bräuchte 1 Tube Schauma. (…) In der Drogerie nahm ich auch die Kundenzeitschrift mit (…) Wir badeten, auch Resi wusch sich ihren Kopf.

Sonntag, 5.1.57
(…) in die Kirche, Ursel war auch, natürlich war das Fräulein Brehm angemalt, Lippenstift fehlte nicht, aber das Gesangbuch hatte sie vergessen.

Dienstag, 7.1.58
Stand ich um 1/4 10.00 auf, las im Schlafanzug (…) Mutti hatte Waschtag, hing mit Resi bißl Wäsche auf.

Mittwoch, 8.1.58
(…) kam Frau Hüttner & Christa mit einem Kleid, Mutti gab Ratschläge, wie sie es ändern könnten.

Donnerstag, 9.1.58
(…) Hatte meinen karierten engen Rock an. Mein Haar ist jetzt ganz schön, wenn es nur so halten würde. (…) Hatten heute auch Steno, um 1/4 6.00 hatten wir aus und fuhren bis Hbf, dann gingen wir in die Stadt kaufte (3 Wörter in Steno:) MIR EINEN LIPPENSTIFT, Astor 1,50 DM, Ursula auch, sie kaufte auch grüne Handschuhe. Sah auch schöne Armbänder, so (4 Wörter in Steno:) EINS MÖCHTE ICH MIR auch (1 Wort in Steno:) GERN kaufen.

Freitag, 10.1.58
(…) Gingen nicht in die Nachhilfestunde. Ging nach der Schule mit Elke Freitag und Ursula Koch in Kaufhof + -halle, sah hübsche Armbänder, kaufte (in Steno) MIR EIN Schinkenbrötchen.

Montag, 13.1.58
(…) hatte Hose, Anorak, Wildlederschuhe u. Pulli an.

Montag, 20.1.58
(…) zog meine graue Hose an, denn wir hatten Turnen.

Dienstag, 21.1.58
(…) zog diesmal meine Keilhose an.

Mittwoch, 22.1.58
(…) Nachmittag ging ich mal zu Eva und zweimal in die Stadt. Eva kaufte sich ein Puder wie ich u. Kölnischw.

Montag, 27.1.58
(…) um 2.00 kamen Frau Reger & Frau Mühlbauer, sie blieben bis 5.00. Frau Mühlbauer sagte, daß sie uns ein paar schöne Reste raussucht für Blüschen. Es war ein netter Nachmittag.

Dienstag, 28.1.58
(…) In die Schule durfte ich meinen blauen Cordsamtrock anziehen und hellblauen Pullover mit weißem Einsatz. 1/4 6.00 hatten wir aus, Ursel u. ich kauften uns im Kaufhof ein kleines Seidentüchlein 0,15 DM. Gefällt mir gut. Mein Rock gefiel allen gut, Mutti hat ihn auch sehr hübsch genäht. Ursel sagte natürlich nicht, wie er ihr gefällt. (…) Als ich heimkam, sah ich, daß Mutti in Ansbach war, brachte mir einen roten + gelben Pullover mit, Unterwäsche u. für sich Schuhe.

Donnerstag, 30.1.58
(…) zum Hertie, kaufte Resi und mir noch ein Nickitüchlein.

Freitag, 31.1.58
(…) Hatte meinen neuen gelben Pullover an.

Dienstag, 4.2.58
Fuhren Ursel, Anni und ich mit dem Zug 9.04.1/2 11 geht der Film an vom Schiller. Zuvor gingen Ursel u. ich zu ihren Verwandten, dort bekamen wir jede eine Pralette geschenkt. Es ist ein tolles Haus die Winterthur Versicherung. Wir fuhren mit dem Fahrstuhl, der war sehr gemütlich, dort malten wir unsere Lippen an, furchtbar! Wir fuhren 2 hinauf u. hinunter. Aber dann mußten wir zur Straßenbahn.

Donnerstag, 6.2.58
Hatte ich erst Nachmittag Schule. (…) Nahm mir Geld mit, denn ich wollte mir eine Strumpfhose kaufen. So gingen Ursel und ich nach der Schule einkaufen, wir bummelten durch die Stadt, in der Marmorecke kaufte sich Ursel rote Strümpfe, ich fragte nach einer Strumpfhose, hatten aber nur Gr. 38. Auch im Kaufhof nichts Passendes. Ursel sagte, dann gehen wir morgen nochmal.

Freitag, 7.2.58
(…) Ursel sagte, sie kann nicht mit einkaufen gehen, und so ging ich nach der Schule mit Anneliese Pfeifert. Bei Hertie trieb ich eine Strumpfhose auf, kostete 5,90 DM, kaufte auch ein Armband 2,90 u. Kosmetiktäschchen 0,95 DM. Sah sehr schöne Stöckelschuhe beim Duda. (…) Die Hose paßt mir prima.

Montag, 10.2.58
Zog ich meine Keilhose an u. gelben Pullover. (…) Es war ein schönes Wetter u. ich hatte eine Keilhose an, furchtbar. Ursula hatte ihre roten Strümpfe an.

Dienstag, 11.2.58
(…) Kaufte ich 2 Lippenstifte für Helga u. mich VL kosteten 1,50 je Stück. Hatte grauen Rock, gelben Pullover, rotes Cordsamtwestchen an.

Mittwoch, 12.2.58
(…) Hatte blaukarierten Rock, weißen Pulli u. Cordsamtwestchen an. (…) Ging zu Eva, die nähte mir meine Handschuhe.

Donnerstag 13.2.58
(…) sah wieder schöne Schuhe

Freitag, 14.2.58
(…) Nachmittag ging ich zum Friseur (…) Morgen bekomme ich vielleicht meine langersehnten Stöckelschuhe.

Samstag, 15.2.58
Stand ich um 8.00 auf. Zog mich an und um 9.00 fuhren Vati u. ich nach Nürnberg, um 1/2 11.00 bekam ich meine Stöckelschuhe vom Pöhlmann in der Atlantikpassage, hagebuttenfarbig mit kleinem Pfennigabsatz u. spitz, schmal, stehen mir sehr gut, es ist ganz weiches Leder, kosten 29,50 DM, Dorndorf Modell. Zum Möbel Raab fuhren wir auch. Herr Reschke hatte auch zimtfarbene Wildlederschuhe an. Als Vati beim Möbel Schaufler war, trafen wir Ludwig, er sagte, daß sich Onkel Hubert einen Mercedes gekauft hat. Danach fuhren wir nach Erlangen. Es war so 1/4 1.00 als wir ankamen, ich probierte meine Schuhe, Resi gefielen sie sehr gut. Beim Umräumen machte Günther die große Rosenthalvase kaputt. Schade drum. Resi ärgerte sich sehr, denn dazu war es noch Ernsts Lieblingsvase und so schnell bekommen sie keine, denn die ist sehr teuer.

Montag, 17.2.58
(…) hatte meine Hose an, diesmal hatten wir Bodenturnen und Ballgymnastik.

Freitag, 21.2.58
(…) in die Stadt (…) kaufte ein (…) Rexona

Dienstag, 25.2.58
(…) hatte meinen blauen Cordsamtrock an

Sonntag, 1.3.58
(…) Meine Cordsamtweste ist jetzt fertig. Morgen ziehe ich sie an.

Mittwoch, 5.3.58
(…) Eva (…) ging mit zu mir u. zeigte ihr meine Stöckelschuhe.

Donnerstag, 6.3.58
Ich las bei Hilde „Schwamm drüber„, den Anfang, ein tolles Buch, das will ich mir auch gerne kaufen, von Körperpflege, Mode, Frisur usw.

Freitag, 14.3.58
(…) um 1/2 4.00 ging ich zum Friseur. Ließ mich auch von der Kosmetikerin beraten. Orangenmilch, Gesichtswasser und Lavendelcrem, wenn ich mal Geld hab, schaff ich mir sowas an. (…) Um 1/4 10.00 badete ich, um 1/4 11.00 ging ich ins Bett.

Sonntag, 16.3.58
(…) Meine Haare gefallen mir, aber wer weiß, halten sie bloß ein paar Tage.

Montag, 17.3.58
(…) Hatte meine Hose an, sagten alle ich habe mein Haar toll.

Dienstag, 18.3.58
(…) Ursel strickt an einem schwarzen Pullover für den nächsten Winter. Abends ging ich um 1/2 11.00 schlafen. Morgen haben wir keine Schule. Wirklich pfundig.

19.3.58
Schlief ich mich richtig aus. (…) Ging mal zu Hüttner, nahm auch den „Neuen Schnitt“ mit, weil ich eine Bluse darin sah, zu Frau Merkert ging ich auch und schaute die Modehefte durch. Fand ein Heft mit einer hübschen Bluse. Morgen macht Mutti den Schnitt raus.

Freitag, 21.3.58
(…) Mutti machte sich über meine Bluse. (…) Dann in die Stadt, Knöpfe holen und zu Helga.

Samstag, 22.3.58
(…) Mutti nähte meine Bluse fertig. Ich zog sie an.

Montag, 24.3.58
(…) Im Turnen wurden wir untersucht, Haltung und Zähne. Sagte die Ärztin ordentlich, gut. (…) Helga kaufte sich gestern einen Sommermantel, Rock und Bluse.

Dienstag, 25.3.58
(…) Abends ging ich mit Ursula noch zum Buchholz wegen Gürtel u. Knebelverschlüsse.

Donnerstag, 27.3.58
(…) War es wieder warm, ich schwitzte in meinem 3/4 Mantel.

Freitag, 28.3.58
(…) Dann gingen Ursel, Anneliese und ich einkaufen zum Hertie u. Kaufhof. Ich kaufte mir ein Tuch + die Freundin und 1 Bockwurst. Ursel leihte ich 1,10 DM (…) Nachmittag war ich zweimal in der Stadt, kaufte mir auch das Buch „Immer schön sein“ von Gwinny Heid 4,80 DM. Am Abend badeten wir.

Samstag, 29.3.58
Es war heute schön warm, so zog ich meinen blauen Sommermantel an und meine roten Wildlederschuh.

Sonntag, 30.3.58
(…) Hatte mein rotes Kleid an. (…) Mutti sagte, daß Irmgard kommt (…) Als sie kam, gingen wir zwei spazieren, ich hatte zum ersten mal draußen meine Schuhe mit den hohen Absätzen an. (…) wir gingen dann noch zum Kino hinter, (…) mir taten meine Fußsohlen weh.

Dienstag, 1. April 58
(…) Dann ging ich mit Mutti in die Stadt zum Pöverlein, wegen einem Mantel. Bekam einen schönen, gefällt mir sehr, kostete 86,70 DM, weiß, Taft gefüttert, hochgeschlossen. Vati zeigte ich ihn in der Werkstatt, er sagte „so eine Tischdecke“, aber als ich ihn anzog m. meine Stöckelschuhe, gefiel ihm mein Mantel.

Mittwoch, 2.4.58
(…) Um 4.00 fuhren wir nach Ansbach, Resi + ihre Mama, kaufte sich einen Mantel.

Freitag, 4.4.58
(…) Nachmittag war es sehr warm, zog meinen neuen Mantel an u. m. rote Schuhe. (…) Ursel stand gerade außen, sie rief mich. Probierte meine Schuhe u. kritisierte über meinen Mantel

Samstag, 5.4.58
(…) morgen fahren wir nach Pegnitz.

Ostern Sonntag, 6.4.58
(…) zog meinen Cordsamtrock u. meine Bluse an. Meinen Sommermantel nehme ich mit und meine Stöckelschuhe zog ich an. Nachmittag fuhr ich mit Christl zu Poldi, wir trafen sie aber unterwegs. Fuhren mit dem Auto zu Christas Freundin, holten Eis und machten es uns bei Irmi + ihrer Schwester gemütlich. Nachmittags hatte ich meinen Mantel an und Christa gefiel er sehr gut.

Ostermontag, 7.4.58
(…) Christas Freundinnen waren auch da, Christa nähte sich ihr Sackkleid fertig und zog es an, da war es viel zu kurz, sie sagte: „Das zieh ich nicht zum Ostertanz an, und so bat sie Poldi um das rote Samtkleid. (…) Christa machte sich dann zurecht, sie sah gut aus. Ihre Freundinnen holten sie ab, die eine hatte ein flaschengrünes Samtkleid, die andere ein Brokat- mit weitem Rock. (…) Um 22.00 fuhren wir heim.

Dienstag, 8.4.58
(…) Bekamen auf einmal Besuch, Muttis Onkel aus Hof und ein Bekannter aus Selb, Übler, der hat eine Handschuhfabrik, 125 Arbeiter. 1 Villa, 2 Auto, Teppich um 6000 DM. Er war sehr nett.

Mittwoch, 9.4.58
(…) Nachmittag war es nicht besonders schön, meine Haare gefallen mir gar nicht.

Freitag, 11.4.58
(…) Nachmittag ging ich zum Friseur, ließ mir die Haare kurz schneiden, 5 DM + 0,40 Trinkgeld. (…) Mir gefällt jetzt mein Haar besser.

Sonntag, 13.4.58
(…) 1/2 9.00 kam Ottilie mich abholen in die Kirche, hatte ihren neuen Mantel an. Ich auch und das erste mal in die Kirche Stöckelschuh. (…) Um 1.00 ging ich zu Helga, zog auch leicht meine Lippen nach. Gingen spazieren, die Hauptstraße entlang (…) meinen Absatz hab ich furchtbar zusammengerichtet. Weiß Irmgard hat auch einen neuen Mantel + neue Schuhe. Mantel 109,- Schuhe 39,50 DM.

Montag, 14.4.58
(…) tat meine Schuhe zum Schuster.

Dienstag, 15.4.58
(…) Dann zog ich meinen blauen Popelinemantel an; denn es ist sehr warm. Ursel hatte ihren Duffle Coat an. (…) Am Abend kaufte ich mit Ursula noch ein,. Die Schallplatte „Die Brücke am Kwai“ und dann noch einen roten Lederbeutel zu 14,75 DM.

Mittwoch, 15.4.58
(…) es regnete, aber ich zog meinen blauen Mantel an. (…) ich hatte schwarzen Rock, rosa Bluse an.

Sonntag, 20.4.58
(…) in die Kirche. Hatte meinen neuen Sommermantel an.

Montag, 21.4.58
(…) Hatte meinen blauen Sommermantel an.

Donnerstag, 24.4.58
(…) trug meinen Strumpf zum machen.

Freitag, 25.4.58
(…) War beim Lange wegen flache Schuhe. Am Samstag kann ich sie holen.

20. August 2024

Bild von meinem Großvater André, Karins Vater. 1932 entstanden, „mit der Maschine gestickt“ hat Mama auf der Rückseite notiert. Ich erkenne ihre Schrift. „1932“ hat mein Großvater selbst vermerkt und unterstrichen, es ist eine andere Schrift, ein anderer Stift, verblasst, und sie hat die Jahreszahl dann offenbar mit ihrem Kugelschreiber nachgezeichnet, um das Entstehungsjahr zu verdeutlichen. 1932 war er meinen detektivischen Ermittlungen nach, in der Verlobungszeit mit der siebzehnjährigen Alma, die eine ähnliche Haarfarbe hatte, wie das Mädchen auf dem Bild. Er selbst dreiundzwanzig – und so virtuos…! Ich denke schon, dass sie ihn inspiriert hat. Ganz bestimmt. Es war eine große Liebe. Dass unten am Rahmen etwas abgebröckelt ist, überrascht mich. Es muss eine Art Gipsmasse sein, aus der er gefertigt ist. Mir ist, als wäre der Rahmen noch völlig unbeschädigt gewesen, als ich das Bild am Tag der Beisetzung einpackte, durchaus sorgsam, in einem mitgebrachten Kopfkissenüberzug. Als ich dann aber sehr bepackt mit noch einer Umhängetasche und einem Stoffbeutel durch die Gänge des Zugs lief, muss ich angeeckt sein. Aber wieso ist das abgebrochene Stück nicht im Überzug gewesen? Nur ein einziges Mal habe ich es herausgenommen, um es dem Fahrgast neben mir zu zeigen, er war so sehr daran interessiert. Wir kamen sehr schnell in ein sehr tiefsinniges, schönes Gespräch, und ich erzählte von dem Bild und der besonderen Bedeutung für mich. Er machte sogar ein Foto mit seinem Smartphone davon, weil es ihn begeisterte. Auch die Geschichte dahinter. Ich traue mir zu, das zu restaurieren. Mit einer Reparaturspachtelmasse filigran, fein ziseliert nachformen und dezent mit einem blassen, eher stumpfen Silber-Goldton ausbessern. Vollständig nachvergolden werde ich den Rahmen nicht, das würde dann auch zu neu wirken und wäre zu prunkvoll. Ich freue mich, dass ich in meiner an Bildern nicht armen Wohnung noch einen Platz dafür finden konnte, noch dazu so einen schönen, passenden, macht dem Bild meines Großvaters alle Ehre. Nun hütet das verträumte Blumenmädchen von André meinen Schlaf.


P.S. ich habe gerade versucht, zu entziffern, was die stark verblassten Worte unter der Jahreszahl heißen könnten, und ich meine, es könnte sein, dass da steht „Meiner Alma“.

20. August 2024

Gerade beim Steinmetz angerufen, bin jedes Mal kurz irritiert, dass sich mit „Grüß Gott“ gemeldet wird, dabei ist das dort ja normal und üblich. Ich fange mich dann schnell und sage ebenfalls „Grüß Gott“ (auch wenn es mir nach achtunddreißig Jahren in Berlin etwas ungewohnt über die Zunge geht). Sozusagen als regionale Respektsbekundung. Ich bin ja quasi nur eine „Gast“-Kundin in Bayern, als Berliner Auftraggeberin. Wenn ich dann am Ende des Telefonats aber, ohne groß nachzudenken, gewohnheitsmäßig „Tschüs“ sage, wird es auch von der Dame vom Steinmetz-Büro erwidert. Ich weiß gar nicht, ob sie das sagt, um mir in ähnlicher Weise entgegenzukommen oder ob das dort inzwischen auch ein üblicher Abschiedsgruß ist. (Oder doch eher Ciao?) „Auf Wiederhören“ fände ich etwas übertrieben altbacken. Gerade nochmal telefoniert, das abschließende Telefonat, hab mal drauf geachtet, was ich so reflexartig von mir gebe. Meine letzten Worte waren: „Alles Gute, tschüs!“. Daraufhin Fr. Steinmetz: „Tschühüs.“

19. August 2024

EIN Glück, Koje 5 war wirklich reserviert! Erst unser zweites Mal in der Hafenbar und ich erinnerte mich, wie schwierig es beim ersten Mal für Ina und mich war, überhaupt noch reinzukommen und schaute dann immer ganz sehnsüchtig zu der gemütlichen Koje gegenüber der Bühne. Dort saß beim letzten Mal die frühere Clique vom Rickenbackers, mit dem damaligen Chef. Ich war endlich mal schnell genug und bekam den Zuschlag. Doro wollte ich immer schon einmal mitnehmen zum Berlin Beat Club, es hat endlich geklappt, ich denke, jetzt ist sie angefixt. Lydia war auch da und fands gut. Sie kennt es ja schon. Mir war die Setlist mitunter ein bißchen zu gemütlich, aber sie können ja auch nicht immer nur meine persönlichen Top Ten der treibendsten Stücke spielen. War dennoch klasse. Spirit in The Sky, gefiel mir richtig gut. Doro hatte einen Fächer dabei, schöne Idee, für ein ein laues Lüftchen beim Tanzvergnügen. Sie hat auch etwas dazu geschrieben. Wie damals, als wir jegliches Treffen verbloggten. Kleiner Retro-Vibe.

19. August 2024

Das ist nicht Karin. Wir schreiben nicht das Jahr 1957 oder 1958, wenn es mir mitunter auch so vorkommt. Ich bin die Tochter von Karin. Am Samstag, also vorgestern, habe ich mir nicht die Film-Revue gekauft und auch nicht Toni Sailer „um ein Autogramm geschrieben“. Ich war mit drei Freundinnen verabredet, zum Stelldichein in der Hafenbar. Die ist in Tegel. Die meisten von uns sind mit der S-Bahn hingefahren. Wir schreiben das Jahr 2024 und die Verabredung war am 17. August. Um 20.30 hat dort die Gruppe Berlin Beat Club aufgespielt. Sie treten öfter auf und wir gehen sehr gerne hin. Karin hätte ihre Mutti wahrscheinlich um Erlaubnis gefragt. Ich durfte auch ohne gehen. Bin ich auch. War sehr schön.

19. August 2024

Backfisch Karin, die Kino-liebende Autogramm-Sammlerin und Leseratte. Ich präsentiere weitere Tagebuchauszüge, was sie sich für Zeitschriften und Romane besorgte und las. Bevor ich jedoch zur Sache komme, möchte ich kurz erläutern, dass ich es gerade zu meinem Steckenpferd erkoren habe, ihr Tagebuch von 57 und 58 themenspezifisch auszuwerten. Wenn diese Fragmente hier so kurz und telegrammartig, ja beinah getwittert wirken, liegt das daran, dass ich nur die jeweils zu meinem erkorenen Tagesthema passenden Satzfragmente wiedergebe. Sie erzählte grundsätzlich in allen Tagebuch-Einträgen immer einen gesamten Tagesablauf, wann sie aufstand, wann sie zur Schule ging, was sie für Schularbeiten machte, was sie mittags und abends aß, ob sie zur Kirche war, wie sie im Haushalt half, wann sie zu Bett ging. usw. usf. Aber ich will mich hier hauptsächlich ihren ureigenen Interessen, Leidenschaften und Lieblingsbeschäftigungen widmen (jenseits von Verpflichtungen), und in welchem Umfang, was für sie wichtig war. Ich habe auch noch zwei ähnliche Einträge vor, die sich ihrer Beschäftigung mit Mode, Frisuren und Make up, und ersten Anbandeleien, die vor allem Träumereien waren, widmen.

Ihr Leben als Vierzehnjährige bestand also nicht prinzessinnenhaft nur aus Kinobesuchen und Autogrammkartensammeln und Romane lesen, bei weitem nicht. Dies nochmal zur Erläuterung des sehr knapp erscheinenden Stils der folgenden Tagebuchfragmente. Ich widme mich hier in diesem Eintrag somit nur ihrer erwähnten Lektüre, egal ob Zeitschrift oder Roman, und ihrem Hobby Filmstars und Autogrammkartensammeln und Toni Sailer. Sie war nämlich SEHR verliebt in den „Blitz von Kitz“. Der bestaussehendste Filmstar der Fünfziger Jahre. Von einem Autogramm von Toni Sailer schreibt sie nichts, aber von vielen anderen. Bestimmt hatte sie aber eines von ihm, früher oder später. Kann ja gar nicht anders sein. Ich finde ihn auch extrem gutaussehend. Da fehlen mir fast die Worte, ich kann sie verstehen. Überhaupt verstehe ich ganz viel, wenn ich ihr Tagebuch lese. Da steckt so viel von ihrer unverschleierten Emotionalität drin. Warum das Tagebuch Ende April 58 abbricht, kann ich nur vermuten. Vielleicht war sie unsicher, ob ihre Mutter Alma mitliest, obwohl ja ein Schloss daran war. Aber sie ermahnte ihre Tochter einmal, mehr zu schreiben, es nicht zu vernachlässigen. Als hätte Alma hin und wieder ein wenig Einblick genommen. Zaghafte amouröse Andeutungen schrieb Karin mitunter in Stenographie. Zarte Träumereien in ihrer Geheimschrift.

Mittwoch, 3.7. 57
(…) Um 3/4 9.00 hörte ich Wunschkonzert, Steckbrief war Frank Forster. 26 Jahre alt. Ich schreibe ihn um 1 Autogramm.

Donnerstag 4.7.57
(…) Nachmittags las ich ihm Liegestuhl, Christel ging ins Bad. Gegen 8.00 Abend kam sie zu mir, sie schrieb mir eine Karte für Frank Forster. Danach einen tollen Liebesbrief, bestimmt dachte sie da an Richard. Diese Tage sind schrecklich heiß, kein Regen kommt, alles ist so drückend.

Donnerstag, 11.7.57
(…) Bekam ich ein Autogramm von Frank Forster.

Montag, 29.7.57
(…) Nachmittag war ich in der Stadt, kaufte eine Brigitte.

Freitag, 2.8.57
(…) Kaufte eine Brigitte.

Donnerstag 18.9.57
Gestern kaufte ich mir die Jubiläumsausgabe der Filmrevue, kostet 0,60 M.

Dienstag 17.12.57
(…) Von Ruth Leuwerik bekam ich ein Autogramm, Helga schrieb mir auch.

Freitag, 20.12.57
(…) Nachmittag ging ich in die Stadt, traf Ursel, kaufte für Mutti 4711 Puderdose und mir eine Constanze, jetzt ist in ein paar Tagen schon Weihnachten.

Erster Weihnachtsfeiertag 25.12.57
(…) essen (…) danach las ich in Meiner Welt.

Donnerstag, 2.1.58
(…) Nun aßen wir zu Abend. Ich las noch im Hausfreund und FUNK für alle den Roman „Wer liebt, der glaubt“.

Freitag, 3.1.58
(…) In der Drogerie nahm ich auch die Kundenzeitschrift mit. Als ich daheim um 1/2 3.00 sagte, wir könnten eine Funk-Illustrierte kaufen, nun ich mit Resi und Arko nochmal in die Stadt, aber ich bekam sie nicht mehr, nahm 1 Bella mit.

Sonntag, 5.1.58
(…) ich fing den Roman an „Sie kam aus den Bergen“

Montag, 6.1.58
(…) Nach dem Essen las ich meinen Roman fertig, bis 1/2 3.00

Mittwoch, 8.1.58
(…) Kaufte Film-Revue.

Mittwoch, 15.1.58
(…) Hatte Margas Filmschauspieleralbum mit.

Mittwoch, 22.1.58
(…) kaufte mir eine Filmrevue.

Dienstag, 28.1.58
(…) Im Zug las ich in Ursels Starrevue.

Freitag, 31.1.58
(…) schaute ich Nachmittag Hausfreund an.

Dienstag, 4.2.58
(…) Habe auch die Filmrevue gekauft.

Donnerstag, 6.2.58
(…) Abend las ich im Hausfreund. Schrieb an Helga einen Brief und bekam Antwort.

Freitag, 7.2.58
(…) Autogramm an Böhm + Luise Ullrich.

Samstag, 8.2.58
(…) An Karl-Heinz Böhm und Luise Ullrich schrieb ich um Autogramme.

Dienstag, 11.2.58
(…) schrieb ich um ein Autogramm an Marion Michael.

Mittwoch, 12.2.58
(…) Schrieb um Autogramme an Gerhard Riemann u. Elma Karlowa.

Dienstag, 18.2.58
(…) Helga schrieb mir und ich antwortete gleich. (…) Morgen kommt nach Nürnberg, Bahnhof, Toni Sailer. Vielleicht sehe ich ihn.

Mittwoch, 19.2.58
Wir fuhren mit dem 7.07, im Zug redeten wir auch vom Toni Sailer. Heidi sagte, daß er um 13.23 von Würzburg kommt. Ich dachte in der Schule auch daran, geschneit hatte es auch. Aber Heidi u. Ursel gingen schon 5 Min v. 1/2 1 weg u. fuhren mit dem 12.59 heim. Marga ging mit mir, so gingen wir voll Erwartung zum Bahnhof u. sahen, daß beim Ausgang schon viele Leute standen. Ich kaufte mir die Filmrevue, da wurde durch den Lautsprecher gesagt, Achtung, Filmstar Toni Sailer kommt beim Haupteingang raus. So rannten wir alle hinter u. wir hatten einen schönen Platz, es dauerte noch 8 Min. Da sagte Marga zu mir Mensch, toll, ich seh ihn schon, und da kam er auch ganz galant mit braunem Gesicht, schwarzem Haar, grauen Mantel, weißem Hemd, und einem Strauß weiße Nelken. Ich war ganz begeistert, er gefiel mir sehr gut. Dann aber fuhren wir heim. (…) Ich schaute Illustrierte an und las meinen schönen Roman. (…) Um 12.00 ging ich ins Bett.

Freitag, 21.2.58
(…) Danach ging ich in die Stadt, kaufte ein, außerdem einen Stenostift, Paul Hubschmid Starkarte (…) Abends las ich Hausfreund.

Samstag, 22.2.58
(…) Machte Aufgabe. Danach las ich, um 1/2 2.00 ging ich zu Hüttner, schaute Illustrierte an, und dann nahm ich mir einen Roman mit zum lesen. „Zwei dunkelrote Rosen“. Nachmittag daheim las ich ihn, abends badeten wir.

Sonntag, 23.2.58
(…) Um 1/2 1.00 ging ich zur Helga, es schneite, dort las ich einen Roman „Melodie der Sehnsucht“. Um 3.00 tranken wir Kaffee, dann gingen wir zu mir, schauten Album an (…) Helga erzählte ich auch von Toni Sailer.

Montag, 24.2.58
(…) Nachmittag war ich bei Hüttner, holte mir das Buch „Waldwinter“, den Film habe ich schon länger gesehen. Von Karlheinz Böhm bekam ich ein Autogramm.

Dienstag, 25.2.58
Heute stehe ich erst um 1/2 10.00 auf. Ich träumte vom Toni Sailer. Wir trafen ihm beim Hauptausgang, beim Zeitungskiosk. Ursel und ich u. noch eine. Mehr waren es nicht. Ich kaufte ein Bildchen und gab es ihm zur Unterschrift. Er schrieb eine Menge darauf, dann erwachte ich. (…) Am Abend kaufte ich mir 1 Breze und ein Brigitte Heft 0,70 DM.

Mittwoch, 26.2.58
(…) Ich las mein Buch zu Ende, „Waldwinter“, gefiel mir sehr gut.

Donnerstag, 27.2.58
(…) schlief ich bis 1/2 10.00 (…) Um 1/2 12.00 ging ich zum Zug, kaufte mir Weltbild mit Toni Sailer, ich bin ganz närrisch nach ihm. Ich fragte Mutti und sie sagte, ich darf sie mir kaufen. In der Lektürestunde fingen wir die Novelle an zu lesen von Gottfried Kellermann „Kleider machen Leute“. Fuhren mit dem 18.52 heim. Im Zug lachten wir und ich hatte einen mords Hunger, als ich heim kam, dafür gabs daheim Bouillon, Landleberwurst m. Semmel (…) im Wohnzimmer war es warm, ich lernte noch meine Englisch Vokabeln.

Freitag, 28.2.58
(…) in die Stadt, zuvor las ich. Ging in die Drogerie, Kupfer, Menzel, Lotto. Um 1/2 7.00 war ich daheim, las wieder. Um 8.00 ging ich zu Hüttner, schaute Lesezirkel an. Um 1/2 10.00 ging ich heim.

Samstag, 1.3.58
Stand ich um 1/2 10.00 auf (…) Bekamen wir unser Kaffeepaket von Bremen, las ich.

Sonntag, 2.3.58
(…) Ich schaute den neuen Neckermann-Katalog an. (…) Nach dem Kino sah ich auch Ursel, sie wurde schon wieder abgeholt. (…) Um 9.00 ging ich ins Bett, schaute noch Katalog an.

Dienstag, 4.3.58
(…) Kaufte ich mir die Film-Revue. Resi gab ich auch Geld für Filmschauspieler.

Mittwoch 5.3.58
(…) holte mir ein Heft beim Reinhold (…) von Helga bekam ich auch einen Brief, daß sie Freitag oder Samstag kommt.

Donnerstag, 6.3.58
Konnte ich bis 1/2 10.00 schlafen, Resi brachte mir Renate Holm u. Gerhard Riedmann mit, 0,50 DM. (…) Ich las bei Hilde „Schwamm drüber„, den Anfang, ein tolles Buch, das will ich mir auch gerne kaufen, von Körperpflege, Mode, Frisur usw.

Freitag, 7.3.58
Hatte ich keine Lust zum aufstehen. (…) Im Zug las ich fertig die Novelle „Kleider machen Leute“.

Samstag, 8.3.58
Ging ich spät aus meinem Zimmer (…) ging zu Hüttner Illustrierte anschauen

Montag, 10.3.58
(…) kaufte mir beim Lange (?) Maria Schell.

Donnerstag, 13.3.58
Hatte ich wieder Mittag Schule, kaufte ich mir ein Freundin-Heft 0,70 DM.

Sonntag, 16.3.58
(…) las „Laila“.

Montag, 17.3.58
(…) Als ich heimkam, war von Marga eine Karte da und von Luise Ullrich ein Autogramm. Ging ich Nachmittag mit Helga zum Lange kaufte mir 3 Schauspieler/innen, Böhm, Remberg, Damar. 0,75 DM. Die Film-Revue gab es auch, mit den Bambisiegern. Schell, Leuwerik, Schneider, Buchholz, Fischer, Böhm. Ausland, Lollobrigida, Audrey Hepburn, Ingrid Bergman, Rock Hudson, Jean Marais, Tony Curtis. Am Abend schrieb ich meinen Aufsatz fertig. Toni Sailer ganz groß.

19.3.58
Schlief ich mich richtig aus. (…) Ging mal zu Hüttner, nahm auch den „Neuen Schnitt“ mit, weil ich eine Bluse darin sah, zu Frau Merkert ging ich auch und schaute die Modehefte durch. Fand ein Heft mit einer hübschen Bluse. Morgen macht Mutti den Schnitt raus.

Donnerstag, 20.3.58
(…) Abends ging ich um 1/2 9.00 schlafen, las noch einen Roman bis 1/2 12.00

Samstag, 22.3.58
(…) Resi nahm ich ein Bild von meinem lieben Toni Sailer weg, jetzt hat sie eine Wut, wir lachten alle, ich sagte, morgen bekommt sie es wieder.

Sonntag, 23.3.58
(…) zur Helga, las Micky Maus Hefte

Mittwoch, 26.3.58
(…) Ein Autogramm bekam ich von Lilo Pulver.

Freitag, 28.3.58
(…) das letzte mal Schule. ES wurde sehr schön. 1 Stunde Rechnen, darin erzählte uns Professor Haas aus seinem Leben und wie er in Spanien war. Das ist ein Lehrer, so sollten alle sein, ein kleiner Kerl. 1/4 11.00 hatten wir aus. Dann gingen Ursel, Anneliese und ich einkaufen zum Hertie u. Kaufhof. Ich kaufte mir ein Tuch + die Freundin und 1 Bockwurst. Ursel leihte ich 1,10 DM (…) Nachmittag war ich zweimal in der Stadt, kaufte mir auch das Buch „Immer schön sein“ von Gwinny Heid 4,80 DM. Am Abend badeten wir, ich las dann noch, um 10.00 ging ich schlafen.

Samstag 29.3.58
(…) Nachmittags las ich und ging auch zu Hüttner, las im Lesezirkel. (…) Käsebrot mit Bier (…) las

Sonntag, 30.3.58
(…) Nach dem Essen las ich, Mutti sagte, daß Irmgard kommt, und ihr das Buch Bernadette bringt.

Dienstag, 1. April 58
(…) Bei Hüttner war ich auch und holte 3 Bier u. das Buch Monpti.

Mittwoch, 2.4.58
Heute merkte ich, daß ich unwohl war, mir war schlecht. (…) Legte mich ins Wohnzimmer und las Monpti, sehr schön. Bei uns kommt jetzt bald der Film.

Donnerstag, 3.4.58
(…) Es war ein schrecklicher Tag, Vati war sehr wütend (…) Hoffentlich wird alles gut. Kaufte mir auch die Filmrevue.

Dienstag, 8.4.58
(…) Nachmittag las ich mein Buch Rebecca fertig.

Donnerstag, 10.4.58
(…) Resi bekam von Willi einen Roman zum lesen. Ein goldiger Kerl. Möchte ich gerne lesen.

Freitag, 11.4.58
Vormittag las ich versteckt den Roman, lernte zwischendurch. (…) Nachmittag ging ich zum Friseur, ließ mir die Haare kurz schneiden 5 DM + 0,40 Trinkgeld. (…) Mir gefällt jetzt mein Haar besser. (…) Ich las meinen Roman gar fertig, von Bettina, der Prinzessin und Harry, dem Amerikaner.

Dienstag, 15.4.58
Um 9.00 stand ich auf, las Zeitung (…) Kaufte mir die Filmrevue.

Donnerstag, 24.4.58
(…) Kaufte mir die Freundin.

Freitag, 25.4.58
(…) Las im Lesezirkel

Samstag, 26.4.58
(…) Von Helga bekam ich eine Karte mit Toni Sailer, schrieb, dass sie Samstag kommt…

18. August 2024

Karin im Kino. Nachdem ich gestern Nachmittag feinsäuberlich die Tagebuchfragmente abtippte, in denen es um Kinobesuche ging, erkannte ich ein System! Sie ging fast jeden Sonntag. Wenn sie an einem Sonntag nicht am Nachmittag ins Kino ging, hinderte sie ein Besuch bei Verwandten oder weil sie mit den Eltern in einem Konzert oder im Theater war. Oder weil Oma gestorben war. Sogar am Tag einer Konfirmationsfeier kämpfte sie um den Kinobesuch und bekam ihren Willen. Sie war recht willensstark, das hätte jeder bestätigt, der sie kannte. Sie konnte gefährlich gucken, wenn es nicht nach ihrem Willen ging. Wie ein wilder Stier. Ich habe versucht Fotos zu identifizieren, die zeitlich in die Tagebuchphase fallen und klebe sie hier dazu. Für vierzehn sieht sie mitunter recht erwachsen aus. Man sieht deutlich das Erwachen der jungen Frau.

7.7.1957
(…) Dann kaufte ich mir eine Kinokarte und ging in den Film „Musikparade“. 2 Reihen vor mir saß Klaus. Ich saß fast ganz alleine in der Reihe. Eva war auch. Nach dem Film traf ich Christl.

Samstag, 20.7.1957
(…) um 1/2 7.00 holte ich Christa vom Bahnhof ab. Da kamen wir auf die Idee, daß wir ins Kino gehen könnten. Er hieß „Husarenmanöver“. Lustiger Film um 1/2 11.00 war ich daheim.

[ längere Pause im Tagebuch, von 19. September bis 16. Dezember 1957, ihre Oma väterlicherseits war am 3. August 1957 gestorben, vielleicht hatte sie auch keine Lust zu schreiben, aber ins Kino ging sie ganz sicher weiter jeden Sonntag ]

2. Weihnachtsfeiertag 26.12.57
(…) Um 4.00 ging ich in die Stadt u. zum Seitzinger kaufte mir eine Kinokarte u. ging mit Irmgard u. Annelie spazieren um 5.00 ins Kino. Der Film „Verlobung am Wolfgangssee“. (…) Um 8.00 gingen wir zu Schmid Fernsehen mit Marika Rökk, Hans Moser u. vielen andere. Danach kam eine Eisrevue.

Samstag 28.12.57
(…) Lernte English, Steno. Resi ließ immer die Tür offen. Da ließ ich vor lauter Wut den Füller fallen. Und es gab Kleckse, Mutti schimpfte und sagte, ich darf nicht mehr ins Kino.

Sonntag, 29.12.57
(…) spielten bei mir Quartett. Auf einmal kam Helga + Christl ich freute mich, sie spielten mit. Als wir aufhörten, zog ich mich an, nahm meine Clips, puderte mein Näschen und wir gingen zu Häßlein, dann holte ich mit Helga Kinokarten. Um 5.00 gingen wir in den Film „K + K Feldmarschall“, sehr lustig mit Gretl Schörg, Vogel & Gobert.

Sylvester, Dienstag 31.12.57
(…) Es gab russische Eier zum Abendbrot. Dann half ich Resi abspülen. Resi sagte, wir könnten ins Kino gehen, also gingen wir, auch Eva. „Der Fremdenführer von Lissabon“. Um 1/4 11.00 war es aus, um 11.00 waren wir daheim, Mutti bereitete den Punsch zu. Tranken zuvor Wein, Tarragona (…) Im Radio kam schöne Musik.

Sonntag, 5.1.58
(…) Um 1/2 2.00 kam Eva, wir gingen in die Stadt und holten Kinokarten (…) um 3/4 5:00 gingen Eva & ich in den Film „Saison in Oberbayern!“

Sonntag, 12.1.58
(…) Helga + Christl. Wir gingen spazieren, traf Erika, Irmgard und Annelie, gingen dann zu Helga, um 5.00 ins Kino, „Der Bettelstudent“, mit Gerhard Riedmann, Waltraud Haas, Elma Karlowa u.v.a. Ottilie u. Heidi waren auch. Nach dem Film schneite es.

Sonntag, 26.1.58
(…) Mit Helga kauften wir Karten für den Film „Johannisnacht“, auch gingen wir spazieren und dann zu mir Kaffeetrinken.

Sonntag, 2.2.58
(…) um 5.00 ging ich ins Kino „Wer die Heimat liebt“.

Dienstag, 4.2.58
(…) Fuhren Ursel, Anni u. ich mit dem Zug 9.04. Um 1/2 11 geht der Film an vom Schiller. Der Film von Friedrich Schiller war sehr schön, es spielten mit Lil Dagover, George, Horst Caspar, Hannelore Schroth, Paul Dahlke, Hans Nielsen.

Sonntag, 9.2.58
(…) Mit Helga gingen wir zum Seitzinger, Karten holen für den Film „Pulverschnee nach Übersee“. Danach gingen wir zu mir. Vor dem Kino gingen wir noch spazieren (…) der Film war sehr schön, wir hatten letzte Reihe 17. Eva + Resi waren auch. Es war ein Farbfilm mit Adrian Hoven, Marianne Hold, Mara Lane, Beppo Brehm, u. a. Fred Bertelmann sang „Riviera, Traumland der Liebe“, es war sehr schön und ich freute mich sehr.

Mittwoch, 12.2.58
(…) Am Dienstag gingen wir alle ins Kino in den Atlantik-Palast. Um 9.00 „Rosemarie räumt auf“.

Dienstag, 18.2.58
(…) Wir hatten keine Schule, nur Kino „Rosemarie räumt auf“! Im Atlantik-Palast, ein schönes Kino. Mit Erika Remberg, Gunnar Möller, Adrienne Gessner, Oskar Sima u.v.a. Als wir vom Kino rauskamen, ließen uns die jungen Kerle nicht durch, man war nicht sicher von Spritzpistolen.

Sonntag, 23.2.58
(…) um 3.00 Uhr tranken wir Kaffee, dann gingen wir zu mir, schauten Album an, aber zuvor kauften wir unsere Kinokarten „Manöverball“. War recht lustig.

Sonntag, 2.3.58
(…) um 3/4 5.00 ging ich ins Kino „Kleiner Mann ganz groß“, mit Oliver Grimm, Karin Dor, Joachim Fuchsberger u. a. Ursel war auch, sie saß auf Reihe 12 außen, ich in Reihe 14, das Kino war sehr voll. Es war ein herrlicher Film. Es kamen auch schöne Pferde vor. Nach dem Kino sah ich auch Ursel.

Sonntag, 9.3.58
(…) spazieren (…) Um 1/4 5.00 waren wir daheim, ich ging dann ins Kino, Reihe 16 „Das Mädchen Marion“. Karin Dor, Dietmar Schönherr, Winnie Markus, Carl Raddatz. Eine Liebe zu den Pferden und eine junge Menschenliebe.

Montag, 10.3.58
(…) Helga holte mich vom Bahnhof ab. Sie sagte, dass sie am Sonntag auch noch im Kino war, „Wenn Frauen schwindeln“ mit Bibi Johns. Fred Bertelmann sang in dem Film.

Sonntag, 16.3.58
(…) kochte Kaffee, dazu gab es Cremeschnitten. Helga schmeckte es. Um 4.00 gingen wir ins Kino zum Götz. „Von der Liebe besiegt“ mit Wolfgang Preiss, Marianne Hold, Robert Freitag, Luis Trenker.

Sonntag, 23.3.58
(…) Helga wollte erst am Abend ins Kino, aber sie ging dann doch mit mir, E. ging, aber kurz vor dem Film fand ich meine Karte nicht. Da zahlte sie mir der E., meine erste gezahlte. Der Film hieß „Wenn wir alle Engel wären“ mit Marianne Koch, Dieter Borsche, Hans Söhnker u.v.a. Nach dem Film kam Christel mit meiner Karte, die habe ich bestimmt bei Häßleins gelassen, vor dem Kino tranken wir bei Helga Kaffee und aßen Torte.

Montag, 24.3.58
(…) Um 1/2 7.00 ging ich ins Kino (…) Ursula, Heidi, Helga (…) Mutti kam auch. Der Film war von Knorr (?) prima, Das Kätchen ein Heilbronner Mädchen.

Sonntag, 30.3.58
Heute ist Konfirmation, um 9.00 begann der Gottesdienst (…) um 1/2 4.00 gingen wir zu Schmidt, ich wollte ins Kino, aber Irmgard durfte nicht, da ging ich auch nicht. Es gab Kaffee und Kuchen, sahen auch ein bißchen Fernseh, wir gingen dann noch zum Kino hinter, um 6.00 mußte sie heim. (…) Am Abend ging ich mit Mutti ins Pfarrheim, Tonfilme von Adalbert Stifter anschauen. Die vorführten, waren schon mal da, blond und schwarz, groß, hübsch, ich musste immer wieder hinstarren.

Mittwoch, 2.4.58
(…) Heute merkte ich, daß ich unwohl war. (…) Legte mich ins Wohnzimmer und las Monpti, sehr schön. Bei uns kommt jetzt bald der Film (…) Es war mir viel besser (…) Eva ging nicht mit ins Kino (…) zuvor sah ich Willi + Resi (…) Kaufte mir Reihe 17. Als ich drinnen war, sah ich die zwei nicht, später kamen sie auch, hatten Reihe 17. Resi setzte sich neben mich, dann Willi. Ich zitterte vielleicht. Der Film „Die Gladiatoren“ war sehr schön, mußte immerzu
(3 Worte IN STENO GESCHRIEBEN:) an Willi denken. Er handelte vom Gewand Jesus, von Petrus, Demetrius u. Messalina u. Lucia, der Kaiser, ein grauenhafter Kerl. Nach dem Kino gingen wir zu dritt heim. Wir erzählten vom Kino. Von Monpti sahen wir die Vorschau. Ich weiß, als wir zwei gar heimgingen, war es mir ganz anders als sonst, Willi sagte, in Ansbach ist das Kino genau so teuer wie da, ich sagte, im anderen ist es schon billiger, aber wackelt halt alles. Dann sagten wir Gute Nacht u. ich ging schlafen es war 11.00.

Ostermontag, 7.4.58
(zu Besuch bei Verwandten in Pegnitz) (…) Nachmittags schauten wir Fernseh, „Die Familie Buchholz“. (…) Um 7.00 aßen wir zu Abend belegte Brötchen und Tee. (…) wir wollten um 20.00 heimfahren, waren schon angezogen. Da kam im Fernseh „Schlag auf Schlag“ mit Rolf Bendix., René Franke (?) u.a. Um 22.00 fuhren wir heim.

Dienstag, 8.4.58
(…) Am Abend gingen Mutti und Vati und ich zum Götz, schauten uns das Fernsehstück „Hauptsache glücklich“ mit Heinz Rühmann, Herta Feiler an.

Samstag, 12.4.58
(…) Am Abend ging ich mit Eva ins Kino, „Monpti“ ab 16 Jahre, Mutti sagte ich es nicht. Hatte meine Stöckelschuhe an. Lehrer Hake saß neben Eva. Ein bezaubernder Film.

Sonntag, 20.4.58
(…) Nachmittag ging ich mit Eva spazieren und in den Film „Die Prinzessin von Sankt Wolfgang“ mit Marianne Hold, Gerhard Riedmann, Wolfgang Preiss, Michael Ande, Annie Rosar u. a.

17. August 2024

Die vielen Gesichter von Karin. Hier aus den Jahren 1953 bis 1956. Auf dem Bild mit dem Karo-Kostüm mit ihren ersten Pumps mit dreizehn. Ihre Haarfarbe mäanderte zwischen dunkelblond und hellbraun. Auf einigen Fotos wirken sie dunkler, als sie waren. Sie hat mir ihre Haarfarbe vererbt. Aber ihre Haare waren etwas dicker.

17. August 2024

Karin als artiges Schulkind über einem Buch mit geflochtener Kronenfrisur, 1950. Karin bei einem Faschingsumzug mir Zöpfen, vielleicht 1952. Was für ein Karnevals-Kostüm das vorstellen soll, ist mir nicht ersichtlich, aber sehr hübsch. Karin bei einer Schulaufführung als Schneeflocke mit Haarreif mit weißen Bommeln, die langen Haare sind weg, vielleicht 1954 oder 55. Auf Gruppenfotos ist sie immer das größte Kind. Das war mir gar nicht so bewusst, dass sie wie ich auch, in ihrer Schulzeit alle überragte. Mama war als erwachsene Frau 1,73 cm. Nicht so riesengroß eigentlich, aber offenbar im Verhältnis zu den anderen jungen Frauen. Noch dazu trug sie ab vierzehn leidenschaftlich gerne Stöckelschuhe, die erwähnt sie auch ab und zu im Tagebuch, das sie mit vierzehn schrieb, aber das taten die anderen ja auch. In dem Alter fing sie damit an. Aber auf den Bildern hier, wo sie zwischen sieben und zwölf war, gabs noch keine Stöckelschuhe.

16. August 2024

Zum Wochenende präsentiere ich ein launiges Foto von circa 1957 oder 1958. Das ist NICHT meine Mutter. Es muss eine enge Freundin von ihr gewesen sein, sie hatte mehrere Freundinnen, die sie in ihrem Tagebuch aus der Zeit erwähnt. Eine Evi kommt immer wieder vor, von der gibt es auch hinterlassene Briefe von Anfang und Mitte der Sechziger. Also ich tippe mal auf Evi, eigentlich Evelin. Nicht mit Ypsilon geschrieben. Scheinbar hat „Evi“ in einer Art Wohnheim gewohnt, dem eher nicht sehr privat wirkenden Mobiliar nach zu urteilen. Vielleicht ein Wohnstift für unverheiratete Mädchen, die zur Ausbildung in Nürnberg waren? Mir ist dunkel in Erinnerung, dass meine Mutter in Nürnberg eine Handelsschule besucht hat. Da konnte sie dann vermutlich mit dem Regionalzug von ihrem Elternhaus in der Nähe von Ansbach zur Schule nach Nürnberg fahren, eine knappe halbe Stunde Fahrzeit schätze ich.

Sehr apart ist der Wandschmuck. Eine so damenhafte Erscheinung mit gestärkter Bluse und Bleistiftrock auf dem Bett und dann schwärmerisch Starfotos übers Bett gepinnt, wie ein Backfisch. Ein Potpourri der Stars der Fünfziger, eine herrliche Auswahl – und ich erkenne sie alle! Im Uhrzeigersinn, angefangen bei fünf nach zwölf bzw. bei eins: Sophia Loren. Dann bei drei: Tony Curtis (schon sehr fesch). Bei sechs: sexy Elvis. Bei halbacht: Stewart Granger. Bißchen oberhalb von neun: nochmal Tony Curtis. Zwischen elf und zwölf: Horst „Hotte“ Buchholz. Und ein bißchen mittig, zwischen Tony Curtis und Stewart Granger, vermutlich ein Star-Kalender, aufgeschlagen bei Karlheinz Böhm. Erst dachte ich beim flüchtigen Gucken Peter Kraus, aber dann habe ich nochmal geschaut und Sissis Franzl einwandfrei identifiziert. Dass das Zimmer kein privates Mädchenzimmer gewesen sein kann, führe ich vor allem auf das Lazarett-hafte Bett und die bestimmt kratzige Wolldecke mit der Nummer 50/53 zurück. Solcherlei möchte man nicht in seinem Mädchenzimmer haben – zumal 1957 oder 1958.

Die rot angemalten Lippen korrespondieren auch mit den Tagebuch-Einträgen meiner Mutter. Lippenstift war ein Must Have. Wenn es sich um Evi handelt, waren die beiden oft im Kino und lasen die „Filmrevue“ oder „Filmillustrierte“ Eine wichtige Lektüre für Karin. Vielleicht mache ich mir den Spaß, auszuwerten, an wievielen der ca. zweihundertfünfzig Tage, die sie das Tagebuch schrieb, von einem Kinobesuch die Rede ist. Mir kommt es bald so vor, als wäre sie jeden zweiten oder dritten Tag dort gewesen. Ihre Eltern hatten dazumal noch keinen Fernsehapparat, das wäre eine Erklärung. Und bestimmt war es recht preisgünstig, ins Kino zu gehen. Aber ich weiß es nicht. Mich befremdet etwas, das ich mich absolut nicht erinnern kann, dass meine Mutter jemals im Kino war. Weder alleine, noch mit einer Freundin, noch mit meinem Vater. Das Filmegucken hat sich dann wohl komplett auf das Wohnzimmer verlagert, als es in den Sechziger Jahren bald einen großen Schwarzweiß-Fernseher gab. Illustrierte über Filmstars hat sie auch nicht mehr gelesen. Als wäre das eine andere Person gewesen. Wobei es in den Siebzigern gar nicht mehr solche ausgewiesenen Zeitschriften über Filmstars gab. Die wurden von Gong und Hörzu abgelöst. Unglamouröse Fernsehzeitungen für die ganze Familie. Da war kein Lippenstift mehr erforderlich. Schade.

15. August 2024

Meine Mutter, das unbekannte Wesen. Häufige Friseurbesuche waren für die zwölfjährige Karin wohl ziemlich selbstverständlich. Alle Bilder ungefähr 1955/56. Nachdem ich in ihrem Tagebuch von 1957 – 1958 geblättert habe, ist mir klar geworden, wieviele Gedanken sie sich um Kleider und Details gemacht hat. Vor nicht sehr langer Zeit fragte ich sie, ob sie einen Berufswunsch hatte, der unerfüllt blieb. Ja, sie wäre am allerliebsten Friseurin geworden. Aber das Schicksal wollte es, dass sie sich familiären Interessen beugte und anfing, sich im familieneigenen Betrieb für Innenausstattung im Büro nützlich zu machen. Bis sie ihren Hans traf und mit zwanzig Mutter wurde. Nur anderthalb Jahre später kam ein zweiter Schreihals, nämlich ich. Obwohl sie nie gesagt hat, dass ich viel herumgeschrien hätte. Eher war sie besorgt, weil ich meine kindlichen Kräfte darauf verwandte, Gläser zu zerbeißen.

14. August 2024

Sommer 1955, „Wilhelma“, Stuttgart. Karin zwölf, mit Ponyfrisur.

Als Kind haben mich die Riesen-Seerosenblätter an das runde Backblech erinnert, das Mama benutzt hat, wenn sie Biskuitboden buk. Für Kuchen mit Erdbeeren aus dem Garten und Schlagsahne.

13. August 2024

Last but not least für heute, ein Karin-Bild aus den mitgenommenen Fotoalben. Die meisten Fotos konnte ich noch erinnern, weil ich als Kind leidenschaftlich gerne in den alten Alben geblättert habe. Aber bei ein paar Fotos hatte ich so gar kein Déjà-vu. Wie bei diesem zum Beispiel. Das Foto ist nicht datiert. Ganz sicher ist, dass es ungefähr Mitte der Fünfziger Jahre entstanden ist. Die herrliche, abstrakte und für damalige Zeiten supermoderne Tapete! Der Weltempfänger, der hochgeschlossene Pullover, der Gummibaum. Ich tippe auf Anfang 57. Da wäre sie dreizehneinhalb gewesen, obwohl ich finde, sie sieht älter aus. Eher wie fünfzehn oder sechzehn. Aber das korrespondiert wieder nicht mit den nachweislichen Bildern aus den späteren Jahren. An ihren Frisuren kann ich es ein bißchen eingrenzen. Wie auch immer, ich bin fasziniert, wie sehr der Charme der Fünfziger in diesem Bild konserviert ist, ich liebe es. Und auch, dass sie so erheitert blickt.

Soeben fällt mir noch auf, dass beim Radio die eine Taste runtergedrückt ist, vielleicht spielte es gerade Schlager-Musik. „Steig in das Traumboot der Liebe“ von Caterina Valente oder „Weißer Holunder“ von Gitta Lind. Die Fotos hat meistens Karins Vater André gemacht. Der die romantischen Bilder gestickt hat.

13. August 2024

Erste Male. Gerade die Endabrechnung vom Bestattungsinstitut im Briefkasten gehabt. Vor einer halben Stunde. Erst mal Blumen gegossen. Gerätselt, wieso der Umschlag so dick und gepolstert ist, als wären nicht nur DIN A-4-Blätter drin.

Im Umschlag eine mit dunkelblauem Samt bezogene Mappe zum Aufklappen. Darauf mit Goldprägung das Logo des Bestattungsinstituts. Wie man es von gehobenen Restaurants kennt, wenn die Rechnung übergeben wird. In der Mappe, die auf jeder Seite ein Fach hat, um etwas einzuschieben, die Endabrechnung und weitere Einzelrechnungen, die in die Endabrechnung eingeflossen sind. Für Überführungen, die organisatorischen Bestatter-Einzelleistungen, den Sarg, die Einbettung etc. die Einäscherung, die Urne, die Blumen, die Musikanlage, div. Gebühren, Sterbeurkunden, Kirchengebühr.

Bei der Abrechnung für die Einäscherung steht auch die Uhrzeit der Einäscherung am 12. Juli 2024. Um 8:09 Uhr. Und seltsamerweise in Hohenburg, in der Oberpfalz. Ist ja nicht gerade um die Ecke, da hat sie nochmal eine richtige Reise unternommen. Ich hatte irgendwo gelesen, dass Verstorbene aus dem Landkreis meiner Mutter angeblich immer im Krematorium Nürnberg eingeäschert werden. Aber vielleicht hatten die keine Kapazitäten mehr, die sind wohl pro Jahr begrenzt. Macht mich neugierig. Und ich hatte mir bereits ganz hingegeben Fotos vom Krematorium Nürnberg angeschaut, das eine ganz hübsche, barocke Architektur hat.

Gleich mal googeln, wie das Krematorium Hohenburg aussieht. Aha – mehr wie ein flacheres, weißes Ferienhaus. Gibt dort auch einen Abschiedsraum und die Gelegenheit für eine Trauerfeier mit anschließendem Leichenschmaus. Das ist ja wirklich noch mal ein Ausflug in eine Ecke mit Urlaubsqualität. Sie ist ja in den letzten Jahren nicht mehr unterwegs gewesen. Kein Marienbad oder Franzensbad mehr, da war sie gerne öfter mal, wie ich ihren Notizbüchern entnahm. Hatte sie mir bestimmt auch erzählt, aber ich hatte es wieder vergessen oder es war auch lange her.

Die Queen hatte ja auch eine bemerkenswerte Reise-Aktivität nach ihrem Tod. War das nicht von Balmoral nach Edinburgh und sogar noch irgendein Flug dazwischen und dann eine ewige Autofahrt mit Anne hinten als Begleitung? Morgen mache ich einen Termin mit der Bank, um die Überweisung vom Nachlasskonto auszuführen. Heute garantiert kein Bestattungscontent mehr, versprochen.

13. August 2024

Hausaufgabe für meine Leser/innen:

fragt bitte Eure Eltern, Ehegatten, Geschwister und sonstige Angehörigen, für die Ihr dereinst bestattungspflichtig werden könntet, welche Informationen auf dem Grabstein graviert werden sollen. Nur der Vorname und der Nachname? Auch das Geburts- und Todesdatum? Oder auch noch zusätzlich der Geburtsname bei verändertem Familiennamen durch Eheschließung? Oder womöglich auch noch der Geburtsort? Und dann vielleicht auch noch der Sterbeort? Die meisten (rückwärtigen) Inschriften begnügen sich heutzutage mit Vorname, Nachname, Geburts- und Sterbedatum.

Ich musste mir auch gerade Gedanken machen. Ich hatte dann beschlossen, bei dem bestehenden Familien-Grabstein auf der Rückseite im selben Stil weiterzumachen, wie die beiden letzten Inschriften darüber waren. Vorname, Nachname, Geburtsdatum, Sterbedatum. ABER: im Nachhinein – noch rechtzeitig – fiel mir ein, dass meine Mama sehr an ihrer Herkunftsfamilie und deren Namen hing, sie sogar bei der Eheschließung am liebsten weiter so geheißen hätte, aber das war damals unüblich, auch gar nicht machbar. Also habe ich den Auftrag um den Zusatz „geb. (… Mädchenname)“ ergänzen lassen. Ein Buchstabe beim Steinmetz (also bei diesem, der nicht der Teuerste ist) kostet 12,50 €. Das ist vermutlich auch ein Grund, wieso heutzutage keine sehr wortreichen Gravuren gemacht werden. Früher hat man ja gerne auch mal den Beruf dazugeschrieben. Bei den ersten beiden Gravuren, ganz oben auf dem Grabstein, der für meine Großmutter väterlicherseits, steht auch noch ihr Geburtsort, der nicht im heutigen Deutschland war, das war den Hinterbliebenen, in dem Fall in erster Linie meinem Großvater, offenbar wichtig. 1975 war die Gravur sicher auch noch günstiger. Aber bei seiner Gravur darunter, fiel schon ein zweiter Ortszusatz weg, dann bei der nächsten Gravur, der für meinen Bruder, ging es kurz und knapp weiter, keine Rede mehr von einem Geburtsort. Ebenso wenig bei der darauffolgenden Gravur für den Sohn meines Bruders, da ist auch nicht ersichtlich, wo er geboren wurde. Das nahm ich dann zum Anlass, die noch fehlenden Gravuren für meinen Vater und für meine Mutter ebenso zu gestalten. Davon ausgehend, dass mein Vater diese Gravuren für seinen Sohn und seinen Enkel beauftragt hat. Wenn er da nun der Meinung war, Geburtsort egal, muss er jetzt auf seiner Wolke akzeptieren, dass ich bei ihm nicht wieder anfangen werde, den Geburtsort en detail einmeißeln zu lassen.

Die Gravuren für die Daten meiner Eltern und das Abheben der Grabplatte und erneut Auflegen, belaufen sich auf 937,13 Euro. 19 % MwSt schon eingerechnet. Davon entfallen nur 125 Euro auf das Anheben und Auflegen der Grabplatte. Die notwendigen Buchstaben hauen rein. Und es sind sehr kleine Buchstaben, die da rückwärtig graviert werden. Punkte und Kommas werden nicht berechnet. Aber Sterne und Kreuze. Das sind mitunter Gewissensfragen, was für einen Toten von Bedeutung sein könnte. Also: fragt mal, in einer launigen Stunde, bei einem Gläschen Wein.

12. August 2024

Die Trauergesellschaft im Café, ich habe mal durchgezählt. Angelika, Alexandra, Claudia, Elvyn, Felix, Gabi, Gaga, Hans, Katharina u. Baby, Lothar, Luise, Lutz, Monika, Namping, Nik, Sabrina, Ulla, Valerian. Wir waren achtzehn. Darunter sechzehn Erwachsene und zwei Babies. Bei der Beisetzung waren es mehr, aber nicht alle konnten oder wollten mitkommen. Ich hatte so kleine Kärtchen vorbereitet, auf denen die Uhrzeit und die Adresse des Cafés stand und hab sie dann noch auf dem Friedhof spontan verteilt. Ich hatte telefonisch bei der Tischreservierung schon mal zwei Sorten Mineralwasser geordert, die auf der langen Tafel bereitstanden, was auch willkommen geheißen wurde. Dann musste ich aber immer wieder auffordern, sich bitte auch noch etwas nach Belieben, egal ob Getränke, Kuchen oder eine sonstige Mahlzeit von der Karte zu bestellen. Einige waren da etwas schüchtern, was ja an sich sympathisch ist. Aber da es keine hundert Leute waren, und man bei so einem Anlass nicht knauserig werden sollte, war mir daran gelegen, dass sich jeder etwas nach Belieben gönnt. Ich wollte mich ja auch nicht vor dem Café blamieren, indem nur preisgünstiges Wasser verzehrt wird. Nach und nach wurden dann doch verschiedene Sachen bestellt. Ich war dann doch recht zufrieden mit meinen Gästen! Ich selber habe mir endlich ein Pils gegönnt und dann noch eins und noch eins. Hunger hatte ich am Nachmittag um drei noch nicht, nach meiner Speisenfolge im ICE.

Es gibt schon noch ein paar mehr Gruppenfotos, aber ich zeige hier nur dieses unscharfe, wegen Diskretion. Nur bei einem noch ziemlich neuen Erdenbürger, meinem kleinen Großneffen Elvyn, möchte ich mir gerne eine Ausnahme erlauben. Ich habe den Sohn von Valerian und Sabrina zum allerersten mal in echt gesehen, vorher nur auf Fotos, und der kleine Großneffe und die große Großtante mussten natürlich „bonden“, wie es heute so modisch heißt. Wir haben uns also beschnuppert und keiner hat sich voll Abscheu abgewandt. Das war auch sehr schön. In meinem vorvorletzten Telefonat mit Karin, am Muttertag war das, hatten wir auch über ihren Urenkel gesprochen, den sie noch einmal sehen konnte. Er ist ja erst im März geboren worden und schon so groß!

Sie meinte zu mir „Man sagt ja immer…wenn die einen kommen, gehen die anderen…“ Da sprach Bewußtsein aus ihr, dass sie wusste, dass ihre Zeit auf Erden in nicht ferner Zukunft abgelaufen ist. Und wie süß sie ihn findet, hat sich auch noch gesagt. Für mich war auch schön zu sehen, wie innig das Verhältnis zwischen Valerian und seinem kleinen Sohn ist, seinem ersten Kind. Ein absolutes Wunschkind. Er geht so souverän mit ihm um, hat soviel Nähe und Körperkontakt, das erinnert mich ganz stark an meinen Bruder, wie er mit seinem erstgeborenen Sohn spielerisch hantierte, permanent zärtliche Nähe suchte und pflegte. So schön.

Nach dem Kaffee gab es noch einen kurzen Aufenthalt im Elternhaus, wo ich bald sichten will, was Mama noch an Familienerinnerungen aufbewahrt hat. Briefe, Fotos und natürlich noch mehr Notizbücher, meine kleine Liebhaberei. Ihr dunkelgrünes Tagebuch aus den Fünfziger Jahren hatte ich sofort in einem Karton erkannt, mit goldenem Schloss ohne Schlüssel (inzwischen geknackt), und auch eine Handvoll Briefe aus den Sechzigern und Siebzigern, die ihre Mutter Alma an sie geschrieben hatte. Ein Vielschreiberin! Von einem Aufenthalt in Oberstdorf im Frühling 1964, schrieb sie täglich einen Brief, fieberte mit ihrer hochschwangeren Tochter Karin mit. Aber davon später. Und ich habe das gestickte Bild von meinem Großvater mit nach Berlin genommen und ein schönes, selbst gezimmertes Holzbild von meinem Vater, sieht aus wie ein Tablett, mit gepressten Blättern von Laubbäumen unter der Lasur. Kein Gold, kein Silber, keine Diamanten, keine Aktien, keine Wertpapiere. Nur Briefpapier, Tinte, Stoff, Pappe und Holz. Gedanken und Gefühle. Für mich unermesslich kostbarer. Bekommt Ihr alles bald zu sehen.

12. August 2024

Die Pfarrerin sprach die alten Worte Asche zu Asche, Erde zu Erde, Staub zu Staub. Dabei kniete sie und nahm auch Erde in die Hand. Und dann einige Blütenblätter. Das Blumenduett für zwei Soprane aus der Delibes-Oper Lakmé erklang. Dann war es an mir, an uns, meiner Mutter Karin einen letzten Blumengruß auf den Weg zu geben. Ich warf ihr einen Kuss hinterher. Ins Blütenmeer.

12. August 2024

Ich lief neben Valerian hinter Mamas Urne hinterher. Die Sonne schien. In der Wettervorhersage war für die Zeit eventueller Regen avisiert, aber der kam nicht. Was angenehm war. Bei der Beisetzung meines Vaters hatte es ununterbrochen geregnet. War auch im Sommer, am 9. Juli 2021. Das machte es noch trauriger.

Während die Urne versenkt wurde, sprach die Pfarrerin Gebete. Ich dachte, da würde das „Blumenduett“ gespielt werden, aber das kam erst ein wenig später, als die Blütenblätter gestreut wurden.

11. August 2024

Ich betrat die Aussegnungshalle, in der vor drei Jahren auch die Trauerfeier für meinen Vater stattgefunden hatte. Er war katholisch, mit einem katholischen Priester. Meine Mama blieb zeitlebens evangelisch. Aber beide haben die gleiche blaue Urne mit dem goldenen Lebensbaum. Ich ließ meinen Blick kurz durch die Reihen schweifen und erblickte eine Frau in meinem Alter, die mir zweimal bei Besuchen bei meiner Mutter begegnet war. Sie saß in einer der hinteren Reihen mit einer tiefschwarzen Sonnenbrille und reagierte nicht auf mich. Ich sprach sie direkt an, „Schön, dass Du auch gekommen bist“. Weder sagte sie hallo, noch kondolierte sie mir. Sie stand auch nicht auf, sondern murmelte nur knapp: „das hab ich ihr ja versprochen.“ Ende der Unterhaltung. Ich nahm sehr stark wahr, wie sie sich sperrte und war leicht perplex. Sie hatte meine Mutter im Zuge des Besuchs der alten Dame kennengelernt, mit der sie freundschaftlich verbunden ist, die das Zimmer mit meiner Mutter teilte. Was praktischerweise zu einem solchen Kontakt mit meiner Mutter führte, dass sie kleine Besorgungen für sie machte, wenn sie ohnehin welche für die andere alte Dame erledigte. Ich war immer freundlich zu ihr, obwohl mir ihre Angewohnheit etwas suspekt war, mit erwachsenen Frauen einer älteren Generation wie mit Kleinkindern zu sprechen. Was diese aber vielleicht genossen. Für mich war meine Mutter bis zur letzten Minute eine als erwachsene Persönlichkeit zu respektierende Frau geblieben, auch wenn sie nicht mehr alles selbst machen konnte.

Ich kehrte um und nahm es hin und suchte mir meinen Platz, der für die nächsten Angehörigen immer in der vordersten Reihe ist. Ich hatte unmittelbar den Impuls, möglichst genau gegenüber der Urne zu sitzen, mittig. Valerian wollte mich zur anderen Seite rüberwinken, wo er mit den anderen der Familie saß, aber ich wollte unbedingt genau da, so nah wie möglich, Auge in Auge mit ihr sein. Meine Tasche stellte ich auf den Stuhl neben mir ab. Das Fach mit den Tempotaschentüchern griffbereit. Brauchte ich auch.

Ich wusste ja, was zumindest musikalisch nun zu erwarten war. Der Auftakt mit Maria Callas. Ah non credea mirarti. Eine Aufnahme aus meinem Geburtsjahr 1965. Schon bei den ersten Takten ging es los. Ich konnte nicht mehr an mich halten. Die Tränen flossen, als wäre eine Schleuse geöffnet. Die Musik war berührend und tröstlich, genau richtig. Ich glaube, dass auch andere es so empfanden. Sie sagten es mir ja später. Die Pfarrerin sprach sehr, sehr einfühlsam. Dann wieder Musik, Harry Belafonte, Try to Remember. Bei den folgenden Worten der Pfarrerin trat zutage, wie tief sie sich mit dem Text des Liedes beschäftigt hatte, sie schlug schöne Bögen zur Biographie meiner Mama, welchen Trost auch das Erinnern an frühere, hellere Tage in einem Leben bedeuten kann, wenn es sich zum Ende neigt. Und sie zitierte hingebungsvoll das von mir gewählte Zitat von Wolfgang Borchert.

„DIE ERDE SINKT ZURÜCK, DIE FESSELN UND DIE SCHMERZEN: ICH BIN AM HIMMEL STERN GEWORDEN UND FÜHL IM ALL DEN SCHLAG VON GOTTES WEITEM HERZEN.“

Esther und Abi Ofarim sangen ihr Schlaflied „hush-a-bye“. Abschiedsworte. Dann Auszug der Urne. Zuerst wird der Urnenkranz abgehoben und nach draußen getragen, dann die Urne selbst. Alle erheben sich, um zu folgen. Auf dem Weg nach draußen die Klänge von Esther und Abis „Morning of My Life“.

11. August 2024

Noch eine halbe Stunde bis zur Trauerfeier. Ich setzte mich auf eine der drei Wartebänke auf den Hof, da wo auch der Aushang ist, welche Trauerfeiern anstehen und wartete auf die ersten Gäste. Von den engsten Angehörigen, also Valerian, seiner Frau, den zugehörigen Eltern und seinem Bruder mit dessen Frau wusste ich sicher, dass sie kommen. Auch von einem langjährig mit meinen Eltern befreundetem Ehepaar und dem Nachbars-Ehepaar und zugehörigen Kindern. Alle übrigen Gäste würden eine kleine Überraschung sein. Mit dem Fahrrad trudelte eine Frau um die Vierzig ein, die sich als die Pfarrerin entpuppte. Mit ihr hatte ich lange gesprochen, auch schriftlich Input zum Lebensweg meiner Mutter gegeben. Sogar Fotos gemailt. Sie war bestens im Bilde.

Eine sehr sympathische, auch gutaussehende Pfarrerin. Hätte Karin glaube ich gefallen. Dann kamen der Nachbar und seine Frau, die beiden waren auch in der vorherigen Trauerfeier und klärten mich, wie schon erwähnt, über den Grund der saloppen Bekleidung der anderen Trauergesellschaft auf. Sie waren aber beide förmlicher gekleidet. Sie hatte eine leichte, cremeweiße, geschlossene Bluse mit längeren Ärmeln und eine schwarze Hose an, er einen dunkleren Anzug. Wir begrüßten uns warm. Nach und nach stellten sich weitere Besucherinnen ein, meistens weiblich und meistens erkannte ich sie nicht. Ich fragte dann höflich, mich entschuldigend, dass ich es leider nicht wüßte. Überwiegend hatten sie Post von mir erhalten. Ich konnte nun einige Namen aus dem Adressbuch meiner Mutter Gesichtern zuordnen. Bei manchen hatte ich ein bißchen déjà-vu. Wenn sie dann den Namen sagten, machte es klick bei mir. Die Jahrzehnte des nicht-mehr-gesehen-Habens haben einfach bei allen gearbeitet. Mich erkannten auch die meisten gar nicht, was sie mir auch sagten.

Also waren wir sozusagen quitt. Ein weiterer Mitarbeiter vom Bestattungsinstitut hatte nun den Blumenschmuck, bis auf das Körbchen mit den Blütenblättern, die am Grab gestreut werden sollten, in die Aussegnungshalle getragen. Die Pfarrerin kam im langen schwarzen Talar mit weißem Kragen auf mich zu und fragte mich, ob wir noch warten sollen. Es fehlten nämlich noch meine nächsten Angehörigen, sprich Valerian mit seiner Frau, seinem kleinen Sohn, den Schwiegereltern und seinem Bruder und dessen Frau. Ich überlegte kurz, sagte dann, dass es schon wichtige Gäste für die Feier sind und sie eigentlich jeden Moment kommen müssten. Und so war es. Kaum hatte ich es ausgesprochen, kamen sie alle auf einmal durch den Eingang auf den Hof. Wir drückten uns alle und es konnte doch recht pünktlich losgehen.

11. August 2024

Während die andere Trauerfeier noch lief und ich Fotos von den wartenden Blumen machte, kam mir ein schwarz gekleideter Mann mit dem eingestickten Logo des Bestattungsinstituts auf seinem schwarzen Polohemd entgegen, ich stellte mich vor und er begrüßte mich aufs Herzlichste und kondolierte. Ich kannte ihn noch nicht, bisher hatte ich mit zwei Mitarbeiterinnen zu tun, die aber nicht vor Ort dabei waren, was mir aber vorher bekannt war.

Ich sagte ihm, dass ich mich sehr über die Blumen freue, und ganz besonders über den schönen Urnenkranz, den ich mir nicht schöner hätte vorstellen können, in blau und weiß mit ein bißchen violett. Ich hätte ihn mir am liebsten auf den Kopf gesetzt, so schön fand ich ihn. Wir plauderten noch ein bißchen, stimmten ein letztes Detail zur Musik am Grab ab (wann genau sie einsetzen soll) und er kümmerte sich dann weiter um die Vorbereitung. Ein Trauergast der anderen Beisetzung, eine Dame, hatte die Aussegnungshalle verlassen, obwohl die Feier noch lief und schaute sich die Blumen an, vor allem den Blumenwagen für Karin. Sie schenkte mir einen mitfühlenden Blick und las die Schleifen. Ich informierte sie, dass das die Blumen für eine andere Beisetzung sind, also die danach.

Es war ihr peinlich, sie machte eine entschuldigende Geste. Mich hatte es gar nicht gestört, dass sie die Blumen so anerkennend begutachtete, im Gegenteil, aber das Lesen der Schleifen fand sie wohl unstatthaft. Mich erheiterte es beinah, dass sie den anderen Wagen, der zu „ihrer“ Toten gehörte, kaum ansah, obwohl große, pompöse Kränze daran hingen. Die Trauerfeier für die Stadträtin war wie geplant, nach zwanzig Minuten zu Ende und die Trauergesellschaft verließ angeführt von dem Urnen- und dem Kranzträger die Halle Richtung Friedhof und Grab. Aha. So läuft das. Ich wunderte mich und war sogar fast etwas pikiert, dass die Damen unter den vorbeiwandernden Trauergästen durchweg luftige, ärmellose, bunte, auch kurze Sommerkleider und offene Sandalen trugen, die Herren keine Anzüge, sondern eher sportive Alltagskleidung, T-Shirt, farbige Hose, Turnschuhe, Sandalen. Ich hatte noch vorher zuhause recherchiert, wie der übliche Dresscode für Trauergäste ist, insbesondere an einem sehr warmen Sommertag, wie wir ihn hatten. Es wurde stets betont, dass Ärmelloses, Ausgeschnittenes, überhaupt alles, was zuviel Haut zeigt, so auch offene Schuhe, die nackte Zehen präsentieren, zu vermeiden sind. Daran hatte ich mich selbst gehalten. Warum diese Gesellschaft diesen üblichen Dresscode komplett ignoriert hatte, klärte sich später auf. Ein Trauergast war bei beiden Beisetzungen und zeigte mir die Traueranzeige für die Stadträtin, in der ausdrücklich stand, dass KEINE Trauerkleidung erwünscht sei. Ich hoffe, dass es das Vermächtnis der Verstorbenen selbst war und keine lockere Mutmaßung eines lockeren Hinterbliebenen.

11. August 2024

Ich spazierte zur Aussegnungshalle und fand im Innenhof glücklicherweise gleich die Besuchertoiletten. Bei „Damen“ war der Wasserhahn kaputt. Ich ging zum Händewaschen zu „Herren“. Ich schaute mich ein wenig um. Gegenüber der Aussegnungshalle steht die evangelische Kirche, in der ich gemeinsam mit meinem Bruder konfirmiert wurde. Schöne, wilde Wiesenblumen überall. Ich setzte mich eine Weile auf eine Bank davor, die immerhin Halbschatten hatte und trank ein bißchen etwas. Die Glocken läuteten. Sie schlugen für die Trauerfeier, die vor der meiner Mutter, um 13 Uhr stattfand. Eine Frau Mitte Sechzig, die auch im Stadtrat war, wurde beigesetzt. Auf ihrem Blumenwagen auf dem Hof der Aussegnungshalle waren mehr Blumengrüße, als auf dem für meine Mama, aber die waren bei weitem nicht so schön. Ich war nicht neidisch. Außerdem hatte ich ja die Blumengestecke selbst bestellt und ausgesucht und war sehr zufrieden mit dem Ergebnis. Es ist ja doch eine kleine Überraschung, weil man am Ende nicht genau weiß, welche Blumen gerade jahreszeitlich verfügbar sind und gesteckt werden, wenn man nicht gerade den immer erhältlichen Klassiker Rosen ordert. Aber ich habe ganz gute Vorgaben gemacht, wie zum Beispiel „wildromantische Blumenwiese“, in abgesprochenen Farben. Sommerlich und leicht. Freundlich. Und dazu bitte cremeweiße Schleifen ohne Fransen.

11. August 2024

Nach gut zehn Minuten Fahrt von Nürnberg war ich am kleinen Bahnhof angelangt. Daheim in Berlin, hatte ich mir zur Sicherheit auf einem DIN A4-Blatt den Fußweg bis zum Friedhof aufgemalt, weil ich so lange nicht mehr dort herumspaziert bin. Aber eigentlich war er ganz einfach, einmal vom Bahnhof abbiegen und immer geradeaus und dann rechts. Ich lief in der heißen Mittagssonne an vielen kleinen Vorgärten vorbei, es gab kaum Schatten. Es war viel näher, als ich gedacht hatte, und meine Gedächtnis reichte noch weit genug zurück, um den Hintereingang vom Friedhof über den kleinen Seitenweg zu erinnern. Dann könnte ich das bereits geöffnete Grab schon einmal sehen, das würde mich später gefasster machen. So geschehen. Die schwere, linke Granitplatte der dreigeteilten, großflächigen Steinabdeckung war abgehoben worden und lag gut einen Meter links vom Grab auf dem Rasen.

Hinten am Grabstein lehnte wie vergessen, die Schaufel, was ich kurios fand. Ich wusste nun, dass die Urne meiner Mama mehr oder weniger im gleichen Bereich wie die meines Vaters ruhen würde, entweder nebeneinander oder übereinander, das konnte ich nicht sehen. Der Bereich, wo ihre Urne versenkt würde, war durch ein Stück Kunstrasen mit einem Loch bei der Vertiefung versehen. Wegen mir hätte es das nicht gebraucht, ich fand es eigentlich kitschig, hatte ich auch nicht bestellt, aber das ist vermutlich der übliche Standard, über den nicht gesprochen wird, wenn man es nicht von sich aus thematisiert. Auf die Idee wäre ich gar nicht gekommen. Aber auch nicht so wichtig. Ich lief weiter, in Richtung der Aussegnungshalle. Ich hatte noch mehr als eine Stunde Zeit.

10. August 2024

Am Fenster vom ICE 1105. Berlin – Halle – Erfurt – Nürnberg. Berlin – Brandenburg – Sachsen-Anhalt – Thüringen – Bayern. Ich war innerlich sehr angespannt. Die Tram fuhr schon mal pünktlich zum Hauptbahnhof, der ICE fuhr auch pünktlich los. Er war schon da, als ich zum Bahnsteig kam. Ich wanderte durch die zweite Klasse zum Speisewagen, der fast leer war, bis auf ein paar geschäftig schnatternde Businessfrauen vor ihren Notebooks. Meine Anspannung war nicht nur dem bevorstehenden Abschied geschuldet, sondern auch der Unsicherheit, ob ich zeitig ankomme.

Deswegen hatte ich bei der Zugverbindung schon einen Puffer von gut anderthalb Stunden eingeplant. Um 8:13 fuhr der ICE los, um 12 Uhr sollte er ankommen. Alles lief gemäß Fahrplan. Im Bordbistro bestellte ich mir für meine Verhältnisse ungewöhnlich viel, in recht kurzen Abständen und zu Uhrzeiten, wo ich sonst noch nichts esse, um nicht bei der Beisetzung hungrig zu werden. Meine erste Bestellung war eine kleine Flasche Tonic. Kaffee hatte ich gerade noch zuhause reichlich getrunken. Dann orderte ich das Käseomelett. Des weiteren eine Flasche Coke Zero. Kaum war ich mit dem Omelett fertig, das recht klein war und sehr gut geschmeckt hatte, blätterte ich schon wieder in der Speisekarte, um zeitig eine frühe Mittagsmahlzeit zu bestellen. Ich schwankte zwischen Gemüse-Curry mit Basmatireis und dem Linseneintopf und wählte dann das Curry. Während ich noch an der Cola trank, überlegte ich, ob ich mir – weil sowieso schon in jeder Hinsicht Ausnahmezustand war – zur Mittagsmahlzeit um 11 schon ein Pils dazu bestelle. Aber darauf hatte ich dann nach dem vielen Cola gar keine Lust. Schade eigentlich, aber vielleicht besser so.

Die Business-Damen gingen mir mit ihren lautstarken Gesprächen reichlich auf den Keks, vor allem weil sie bis auf eine Italienerin einen mir ganz unsympathischen Tonfall an den Tag legten. So einen leicht abgehackten, zickigen Duktus, mit nicht einmal unterschwelligem Befehlston. Ein Gespräch drehte sich um Gehaltsgruppen, es wurde offenkundig, dass man sich hier in höheren Gehaltsgruppen bewegte. Meine Vorurteile bezüglich Personen in sogenannten Führungspositionen wurden kräftig untermauert. Sehr unentspannt und wichtigtuerisch, die vier Grazien. Much Ado About Nothing. Altersmäßig Ende Dreißig, Anfang Vierzig. Eine dreiviertel Stunde vor Ankunft wurde es mir zu bunt, die eine telefonierte in einer Lautstärke mit einem Kunden, als hätte sie dem gesamten Abteil einen Vortrag zu halten. Ich bat sie darum, leiser zu sprechen, wenn sie schon meinte, hier das Zugabteil zu ihrem Home Office machen zu müssen. Was an sich schon sehr unhöflich sei. Ich war ja gut drei Stunden komplett ruhig gewesen, abgesehen von meinen nicht wortreichen Bestellungen beim DB-Servicemitarbeiter. Ich las ein wenig in meinem Buch, machte eine Handvoll Fotos aus dem Fenster, aber guckte hauptsächlich sinnierend auf die vorbeifliegende Landschaft, ohne einen Mucks von mir zu geben. Die eine war direkt in meiner Blickrichtung und schaute manchmal so leicht neugierig. Sie hatte eine besonders unangenehme Stimme. Knödelig-gequetscht und ungeduldig tönten die Laute aus der Führungskraftschnute. Als ich meine Ansage gemacht hatte, klappten vier Kinnladen runter.

Die dachten wohl bislang, ich sei taubstumm. Die extra laut telefonierende, die mit der Knödelstimme, stand impulsiv mit ihrem Telefon auf, kam an mir vorbei, beugte sich kurz runter und zischte mir irgendetwas Unverständliches ins Ohr (evt. eine Boshaftigkeit?) und verließ das Abteil, ich glaube Richtung Klo, wo sie im WC so laut weiter telefonierte, dass es bis nach draußen auf den Flur drang. Ich war satt, vom Essen und von dieser unerquicklichen Gesellschaft, bezahlte und machte mich auf den Weg in ein anderes Abteil. Die Damen in gehobenen Positionen hatten sich jeweils ein einziges Getränk bestellt, wodurch sie ihren Aufenthalt im Speisewagen legitimierten. Ich schämte mich regelrecht für sie. Bis zur Ankunft in Nürnberg setze ich mich noch für eine Weile in die zweite Klasse, auf einen letzten Platz von vier. Links von mir eine sehr alte Dame, die mit seitlich geneigtem Kopf schlief. Ich dachte an meine Mutter. Gegenüber von mir eine junge Frau, vielleicht fünfundzwanzig, die mich freundlich anlächelte, ihren Rucksack justierte, um mir mehr Platz zu machen. Ich lächelte zurück und winkte ab, nicht nötig. Neben ihr ein weiterer Fahrgast, der sich nicht wichtig machte. Lauter angenehme Menschen.

Bei der Ankunft in Nürnberg um zwölf empfing mich der gleiche Hochsommertag wie in Berlin. Bis zur Weiterfahrt mit der S-Bahn in den Vorort von Nürnberg, wo der Friedhof ist, hatte ich noch gut zwanzig Minuten. Ich holte mir als Proviant eine Flasche Tonic im Bahnhofs-Rewe. Die S-Bahn mit Fahrtrichtung Ansbach kam pünktlich. Ich musste aufs Klo und hatte auf die Schnelle im Bahnhof keines gefunden. Erfreut sah ich, dass die S-Bahn in Nürnberg eine Toilette hat. Früher fuhr auf der Strecke, die auch mein Schulweg war, eine Regionalbahn, die hatte natürlich auch ein WC. Da habe ich mal einen aufklappbaren Aschenbecher abgeschraubt, weil er mir so gut gefiel und dann wohl in meinem Zimmer irgendwo angeschraubt. War natürlich geklaut. In der S-Bahn gibt es keine Aschenbecher. Macht nichts, ich rauche nicht.

10. August 2024

Im ICE 1105 nach Nürnberg. Kurzer Halt Erfurt. Ich staune über den Schriftzug WILLY BRANDT ANS FENSTER. Ich lese später, dass das Gebäude ein Hotel war, der „Erfurter Hof“. Willy Brandt besuchte im März 1970 Erfurt und logierte dort. Er hatte viele Fans unter den DDR-Bürgern, die ihn in echt sehen wollten und die sammelten sich vor dem Hotel und riefen begeistert nach oben „Willy Brandt ans Fenster!“. Das gab eine Menge Aufruhr und die Ordnungshüter der DDR mussten einschreiten. Willy Brandt, der Zeit seines Lebens vom Mauerfall träumte, war der Superstar.

10. August 2024

Los ging meine Reise zu Mamas letzter Reise um Viertel vor acht am Rosenthaler Platz. Ich wartete in der Sonne auf die Tram M8. Sie braucht nur zehn Minuten zum Hauptbahnhof am Europaplatz.

09. August 2024

Ich fange mal von hinten an. Danach waren wir beim Elternhaus, wo die Weinreben übers Garagendach zur Terrasse wachsen. Da hatte ich den schweren Gang hinter mir. Morgen schreib ich mehr.

06. August 2024

Eine neues Kapitel in meinem fortgesetzten Fotoroman. Heute: von Amts wegen. Einblicke in meine heimische Amtsstube. Den abgebildeten Ordner mit feinsäuberlich alphabetisch beschriftetem Register gab es bis gestern noch nicht. Zuerst hatte ich die wichtigen Dokumente, die teilweise unbedingt im Original aus Büttenpapier mit Notar-Siegel und Kordel vorzulegen sind, in einer losen Pappmappe mit mir geführt.

Obwohl keine Notwendigkeit besteht, jegliche Kündigung und deren Bestätigung auszudrucken, beruhigt mich das. Es gibt dann dadurch nämlich bereits jetzt Registerabteilungen, die ich mit einem kleinen Erfolgserlebnis überblättere, weil sie (voraussichtlich – hope so…!) als abgeschlossen gelten dürfen, wie das Register zur Hansemerkur-Zahn-Zusatzversicherung. Ich fühle mich dadurch auch angenehm tatkräftig, was ein besseres Gefühl ist, als ohnmächtig und leicht verwirrt, weil ohne Ein- und Durchblick in den Bürokratiekram.

Ein Register ist noch komplett leer, nämlich „Steinmetz“. Außerdem fehlen im Register „Sterbeurkunden (…)“ noch die Sterbeurkunde meines Vaters (von der ich wohl nie ein Exemplar hatte – oder habe ich es damals angegruselt extra weit hinten in ein Regal geschoben?) und die Eheschließungsurkunde, aber die musste ich beide bislang nicht vorlegen. Bisher reichte immer die Sterbeurkunde meiner Mutter und die Vorsorgevollmachten beider Elternteile.

Was bin ich dankbar und froh, dass sie die beim Notar beurkunden ließen, formvollendet, mit Wirkung über den Tod hinaus. Warme Empfehlung für Alle in Richtung ihrer Eltern: Vorsorgevollmachten ausfertigen lassen, notariell beglaubigte. Vor ein paar Tagen hatte ich mich doch mal auf die Suche nach einer eventuell bei mir vorhandenen Sterbeurkunde meines Vaters gemacht, aber nur noch nicht abgelegten Bürokratieschriftwechsel von mir selbst gefunden. Auch da mal wieder Ablage gemacht.

Ich habe meine eigenen amtlichen Angelegenheiten betreffend, nur einen einzigen superdicken Ordner, schwarzbraun mit goldenem Schriftzug „Harley Davidson“. Ich brauchte mal so einen Ordner und den fand ich schick. Also da sind meine eigenen Sachen wie Mietverträge und Stromverträge und Krankenversicherungszeug und Bankkonten etc. abgeheftet. Steht in meinem Schlafzimmer oben auf dem einen Kleiderschrank mit dem Spiegel, wo auch die vielen Bücher stehen, ganz links. Eigentlich ist der Ordner so dick, dass man drei draus machen könnte, aber darauf habe ich keine Lust. Bei Bürokratie habe ich es gern griffig und überschaubar.

Das Register mit zwanzig Abteilungen für den Nachlass meiner Mama ist im übrigen das „kleine Besteck“. Wenn das Elternhaus noch nicht an Valerian überlassen worden wäre, kämen da wohl nochmal so viele Abteilungen dazu – und der Nachlass von meinem Vater ist da eigentlich auch nicht mit drin, auch wenn ich es so beschriftet habe, damit war ich vor drei Jahren nur insofern konfrontiert, als mir durch den Notar die Endergebnisse mitgeteilt wurden. Und da ist auch das gemeinsame Testament meiner Eltern in Kopie dabei.

Sie hatten das vielzitierte und gern praktizierte „Berliner Testament“, wo der erstversterbende Ehepartner dem hinterbliebenen Ehepartner alles vermacht, unabhängig davon, ob Kinder oder „Abkömmlinge“ existieren. Wenn dann der andere Ehepartner stirbt, erben die Kinder bzw. Abkömmlinge zu entsprechenden Anteilen. Sofern es etwas zu erben gibt.

Die erwähnte Vorsorgevollmacht über den Tod hinaus ist auch deswegen so wertvoll, weil man sich vor Testamentseröffnung einen Überblick verschaffen kann, was in etwa vorhanden ist, falls man sich da nicht ständig auf dem Laufenden halten konnte oder wollte, als die Verstorbenen noch lebten. Wenn man erst einen sogenannten Erbschein beantragen muss, um Einblick in Konten zu bekommen, hat man das Erbe bereits angenommen – und im Zweifel die Erblast von Schulden. Also Vorsicht vor dem voreiligen Beantragen eines Erbscheins.

Für mich ist der bürokratische Akt jetzt für ein paar Tage im Ruhemodus. Ich konzentriere mich heute nur noch aufs mentale Kräftesammeln für morgen, wenn der letzte Weg ansteht. Um vierzehn Uhr beginnt die Trauerfeier. Meine Zugverbindung hat einen guten Puffer einkalkuliert, falls der ICE irgendwo eine Verzögerung haben sollte. Und ich habe sicherheitshalber die Musik noch mal auf zwei USB-Sticks gezogen, falls irgendwer irgendwas vergessen haben sollte. Die Musik-Dateien habe ich schon vor längerer Zeit per Mail an die Bestatterin und die Pfarrerin übermittelt.

Und dann will ich noch anprobieren, was ich morgen anziehe. Ich hab eigentlich schon eine recht klare Idee vor Augen. Morgen, am 7. August, ist es genau elf Jahre her, dass mein Neffe beigesetzt wurde. Damals trug ich ein aufwändig mit Ornamenten besticktes, schwarz-weißes, indisches Oberteil. Meine Mama sah sich damals nicht in der Verfassung mit zur Beisetzung zu kommen, aber wir besuchten sie davor und danach und sie wurde nicht müde, mein Oberteil zu bewundern, immer wieder sagte sie, wie sehr es ihr gefiele, sie kriegte sich gar nicht ein deswegen. Ich hatte ihr noch dazu erklärt, dass in Indien die Trauerfarbe Weiß ist. Sie fand das aber gar nicht erklärungsbedürftig und bei der Trauerfeier für meinen Vater habe ich dann ohnehin mitbekommen, dass sie kein Fan von komplett schwarzer Kleidung bei Trauerfeiern ist. Sie trug damals schwarz und rosa. Ich auch. Und mein Vater im Sarg übrigens auch, aber er war da schon eingeäschert.

Obwohl ich keine besondere Beziehung zu Indien habe (vom Gefallen an Kunsthandwerklichem abgesehen), fand ich es damals schön, angemessen und passend. Das würde ihr also ganz sicher gefallen, wenn ich es morgen auch anziehe, ihr zur Freude und zu Ehren. Da oben, wenn sie auf ihr Edel-Hippie-Küken runterguckt.

04. August 2024

Notizen Karin. 1976, 1999, 2006, 2014, 2015, 2021, 2023. All die Jahre dazwischen sind vielleicht noch in Kartons auf einem Dachboden oder Keller (hoffe ich..) – oder entsorgt, weil der Wert (den sie nur für mich haben) nicht offensichtlich schien. Taschenkalender, Gratis-Zugaben, Werbegeschenke. Keine edlen Büchlein aus einer Papeterie.

Ich habe sie gestern aber in sehr edles Papier gebunden und beschriftet. Auf den ersten Blick banale, triviale Alltags-Notizen. Beim genaueren Hinsehen existentielle Dinge. In früheren Jahren waren es für sie auch kleine Haushaltsbücher, wo sie ihre Einkäufe und Ausgaben notierte. Damit hat sie in späteren Jahren aufgehört.

Dazwischen auf einmal eine private Notiz „Theater mit Hans“. Und was er gesagt hatte. Da ging es nicht um ein gemeinsam besuchtes Theaterstück, sondern einen Streit, der sie so beschäftigt hatte, dass sie es festhielt. Was mich auch berührt, dass sie im September 1999 – ich glaube am 7. notierte: „1987 Urne Andi gekommen“ Die Urne ihres Sohnes, meines Bruders, die überführt werden musste, da sein Autofunfall in der damaligen DDR passierte. Das Datum muss sich ihr so eingebrannt haben, dass sie es zwölf Jahre später einfach abrufen konnte und eintrug. Und darunter „Wäsche gew.“ und „nachmittags schön geregnet.“

An anderer Stelle Kleinigkeiten wie „nachmittags herrliches warmes Wetter. Belians mit Rädern gekommen. Tranken außen Kaffee. Terrasse.“ Dann wieder eine Todesnotiz: „Tante Marie früh gestorben ca. 4.15 Krankenhaus.“ (Tante Marie… kannte ich sie?)

Und der Tod meines Vaters 2021, in ein neues kleines Notizheft, ließ sie den möglicherweise ersten Eintrag in dem ganzen Jahr machen. „Juni 2021. 7.6. Hans gestorben Nbg. Nordklinikum 6:30 Alles sehr schlimm! (…)“ Im Anschluss an seinen Tod schrieb sie fortlaufend in das Heft, was im Zuge der Beisetzung geschah, auch wer da war oder verhindert war, wer Blumen geschickt hatte. Das half mir gestern beim Lesen noch einmal dabei, noch zwei weiteren Adressaten Trauerpost zu senden, die ich bisher gar nicht als nennenswerte Kontakte präsent hatte. Sie vermerkte auch immer exakt die Uhrzeiten, wann ich ankam oder wann wir telefonierten.

Ende 2022 erhielt sie als Weihnachtsgeschenk vom eng befreundeten Nachbarn einen neuen, großformatigen Notiz-Kalender für 2023. Darin hat sie nur ganze zwei Notizen gemacht. Ihre vielleicht letzte in einem Kalender, 9. Februar 2023, dass sie eine Unterschrift zur „Überlassung des Grundstücks“ an ihren Enkel gemacht hatte. Vier Monate später hatten wir deswegen einen Termin beim Notar. Da konnte sie nicht selbst dabei sein. Ich musste dem auch zustimmen und reiste deswegen an, und wir besuchten sie danach, in ihrem letzten Zimmer. Ich hatte extra darum gebeten, den Termin auf ihren Geburtstag zu legen, was auch geklappt hatte.

Als ich die Büchlein gestern in feines Papier band, überkam mich Bedauern, dass ich ihr nie schöne Notizbücher geschenkt habe. Vielleicht dachte ich, das hätte sie ohnehin schon alles doppelt und dreifach und sie kann ja immer nur in eines schreiben. Oder mir war auch gar nicht bewusst, dass sie das immer noch pflegte. Ich hoffe, sie kriegt jetzt irgendwie mit, wie sehr ich ihre Notizen in Ehren halte.

Bei der Beisetzung meines Vaters vor drei Jahren, wir saßen in ihrer Küche, damals war sie noch in meinem Elternhaus, holte ich aus dem Fach in der Eckbank auch einen Notizkalender aus den Siebzigern, wo sie mir erlaubt hatte, auch einmal etwas hineinzuschreiben. Ich las es ihr vor. Sie lächelte. Und ich fragte sie auch, ob sie noch mehr solcher Kalender hat, weil es mich so sehr interessiert. Sie antwortete wahrscheinlich „ja, ja – bestimmt irgendwo.“ Für sie war das so eine alltägliche, beiläufige Sache wie Kaffeetrinken, nichts was sie als ein „Hobby“ oder dergleichen bezeichnet hätte.

Aber für mich ist das jetzt wertvoller, als wenn in dem Karton eine goldene Halskette gewesen wäre. Viel, viel wertvoller. Diese knappen Notizen lösen einen Flashback nach dem anderen aus. Dinge, Namen, Orte, die ich längst vergessen hatte. Kindheitsbilder kommen hoch. Danke Mama für Deine kleinen Notizen, in denen Du mir so unendlich nah und gegenwärtig bist. Und immer bleibst.

03. August 2024

Zebragras. Hochsommer. So starkes Sonnenlicht, dass der Schatten vom Zebragras auf der Rückseite des gar nicht transparenten Rollos erscheint. Die Polster auf den Balkon gelegt, aber doch zu heiß für ein Sonnenbad. Angenehmer im Schatten.

Ein Samstag ohne Vorsätze. Essen ist im Kühlschrank, Getränke auch. Vielleicht lese ich ein bißchen im Notizkalender von 1976 von Mama. Vorgestern ging mir plötzlich ein Restaurant durch den Kopf, wo wir, meine Eltern und mein Bruder, als ich Kind war, manchmal Schaschlik aßen. Es war ein Grillrestaurant in einem modernen Flachbau und relativ edel, mit ganz geradlinigem Siebziger-Jahre-Interieur. So schwarz-beige-orange. Keine Ahnung, wo das genau war. Man fuhr eine Weile mit dem Auto und mein Vater kannte die Inhaberin des Restaurants, weil er entweder dort auch mal Auftritte hatte oder nach irgendwelchen Gigs dort mit seinen Musikerkollegen aß. Er wurde immer sehr familiär mit Handschlag, wie ein guter alter Bekannter begrüßt. Und dann gab es Schaschlik für alle. Es galt als das beste weit und breit. Ich habe es von da an geliebt, das war genau mein Geschmack. Ein bißchen scharf, mit den gerösteten Zwiebelringen. Es war immer etwas Besonderes, wenn wir dorthin fuhren. Mir gefiel, wie modern das Restaurant ausschaute, auch weil es sonst in der ganzen Region nur eher rustikale Gastwirtschaften gab, die wahrscheinlich seit den Fünfziger Jahren unveränderte Inneneinrichtung im einheitlichen Wirtshaus-Stil hatten. Vielleicht gibt es in dem Taschenkalender von 1976 irgendwo einen Eintrag, wo sie einen Besuch in dem Lokal erwähnt. In ihrem typischen Telegramm-Stil, der in Stichworten festhielt, was sie zum Abendessen gekocht hat oder wer zu Besuch kam, oder wo sie auswärts unterwegs war.

02. August 2024

Gucke jetzt Nachtcafé im SWR. Thema „Liebe“. Erholung nach Bürokratie-Marathon. Zusatzversicherungen, Daueraufträge, Einzugsermächtigungen gekündigt. Habe alle Unterlagen inclusive Sterbeurkunde und Vorsorgevollmachten bis Montag im Büro gelassen. Aktenfreies Wochenende. Habe soweit alles erledigt, jetzt sind die empfangenden Behörden meiner Post am Zug. Noch fünf Mal schlafen bis zur Beisetzung. Aber jetzt Nachtcafé gucken.

01. August 2024

Kleine Freuden meiner Beschäftigung mit Bestattung und Nachlass: nie vorher vernommene Wörter aus dem Erbrecht kennenlernen:

„URKUNDENUNTERDRÜCKUNG“ u. „KRAFTLOSERKLÄRUNG“.

UND: Pflegekräfte im Pflegeheim dürfen nicht von Heimbewohnern erben. Interessant.

01. August 2024

Gibt viel zu verarbeiten. Puh. Ich meine vor allem auch Bürokratie post mortem. „Gast“ bei einer Beisetzung, auch von ganz nahen Angehörigen zu sein, ist etwas völlig anderes, als für jegliches erste Adresse, Ansprechpartnerin zu sein – und auch ab- und zuliefern zu müssen. Respekt und Verneigung vor allen, die das schon mal im Alleingang gewuppt haben.

Was mich angeht, sind da keinerlei zeitliche oder psychische Kapazitäten mehr für andere Freizeitinteressen übrig. Ich laufe innerlich dauernd auf Hochtouren, habe das Gefühl, ich verbrenne viel mehr Energie als sonst. Wie in einer Art Prüfungssituation.

Es gibt Studien, dass die hohe Konzentration und Anspannung während einer Prüfung zu nachweislich höherem Kalorienverbrauch führt. Wenn im wahrsten Sinne des Wortes der Kopf raucht. Ich versuche das runterzukühlen, indem ich sonstige soziale Kontakte, die nicht unmittelbar mit der Beisetzung in Verbindung stehen, eine Weile auf Eis lege. Nur von ganz seltenen Chats unterbrochen, keineswegs täglichen.

Aber ich bin auch ein Typ, der das, was ansteht, gerne mit voller Konzentration durchzieht, um es hinter sich zu bringen. Damit es schneller erledigt und vorbei ist. Daher hat jetzt alles an praktischer Organisation für mich Vorrang, nicht etwa erst mal trauern, entschleunigen, Trauerarbeit machen, sich Zeit dafür geben. „Me-Time“ oder ähnlichen Emo-Luxus. Nö. Nicht bei mir.

Das Emotionale läuft nebenher, aber auch nicht erst seit dem Tod meiner Mama, sondern seit Jahren, um nicht zu sagen: Jahrzehnten. Der (innere) Dialog findet jetzt auf einer etwas anderen Ebene statt. Aber nicht mal so sehr unterschiedlich. Es hat mir nicht den Boden unter den Füßen weggezogen. Viel mehr schmerzte mich, als ich vor Jahren realisieren musste, dass es nicht nur physisch, sondern auch psychisch nicht mehr bergauf ging. Der Tod war nur die logisch folgende, nächste und letzte Stufe, nach der es nicht weiter bergab gehen konnte. Um aus meinem emotionalen Nähkästchen zu plaudern.

Ich bin jetzt daheim, hatte von 16 Uhr an, ein zweistündiges Gespräch bei der Postbank, wo sie ihr Konto hatte, zur Kontenklärung und Übermittlung der Sterbeurkunde und Vorlegen der Vorsorgevollmacht usw. usf. Das zieht jetzt wieder weitere Aktivitäten durch mich nach sich, wie Daueraufträge zu eruieren und zu kündigen. Eine bislang nicht bekannte Krankenzusatzversicherung (wofür?) bei einer anderen Krankenkasse, als der mir bislang einzig bekannten. Regelmäßige Spendenabbuchungen für eine humanitäre Organisation. Dies und das.

Aber glücklicherweise auf einen ganz mitfühlenden und kompetenten Postbankmitarbeiter getroffen, der jetzt fester Ansprechpartner für das Nachlassverfahren ist. Ihm werden dann an Ende die gesamten Abrechnungen der Bestattungskosten vorgelegt usw. usf., um die Bezahlung der Bestattung als einzig zulässige Kontobewegung zu ermöglichen. Aufgelöst kann das Konto erst nach dem abgeschlossenen Nachlassverfahren, nach der Testamentseröffnung werden. Da gehen in der Regel Monate ins Land.

War alles konstruktiv. Ein relativ junger Mitarbeiter, also Ende Dreißig, Anfang Vierzig, schätzungsweise, der aber seit vielen Jahren mindestens einmal die Woche mit so einem Verfahren zu tun hat, und auch in der eigenen Familie Erfahrungen gesammelt hat. Genug Berichterstattung hierzu für heute. Auch die ist nicht unanstrengend, aber sinnvoll. Ich ordne damit noch einmal innerlich die Dinge zusätzlich für mich. Ich mag Ordnung und klare Strukturen. Das gibt mir ein wenig Halt. Oder sogar viel. Ja, – viel.

31. Juli 2024

Memory Box Mama. Gestern noch einmal in ihr Adressbuch vertieft. Bei Namen und Adressen, die nicht durchgekreuzt waren, und auch nicht das „gestorben“-Kreuz-Symbol hatten und kein Sterbedatum, habe ich versucht, über online Telefonbücher und googeln herauszufinden, ob diejenigen noch leben könnten.

Wie alt die einzelnen Adresseinträge sind, ist schwer zu sagen. Wenn es bereits eine fünfstellige Postleitzahl gab, immerhin aus diesem Jahrhundert, habe ich Hoffnung, dass es ankommt. Und sie hat bis zuletzt aktualisiert, wie ich ja auch an Sterbedaten der letzten fünf Jahre sehen kann. Ich freue mich über jeden Adresseintrag ohne Sterbedatum.

Schlimmstenfalls kommt es zurück – aber ich hoffe, dass es auch beständige Einträge gibt. Wer will denn im hohen Alter noch zig mal umziehen, ohne Not. Bis jetzt ist nur eine Post zurückgekommen, heute habe ich noch mal vier verschickt und morgen noch mal zwei. Die beschrifte ich gleich. Gehen an zwei Adressen, die so weit weg vom Ort der Beisetzung sind, dass es auch keine Überrumpelung ist, wenn sie es eine knappe Woche davor erfahren, weil es höchst unwahrscheinlich ist, dass sie eine größere Reise deswegen auf sich nehmen.

Wenn ich schon gar nicht weiß, um wen es sich bei manchen Einträgen handelt, können es auch keine engeren Kontakte der letzten Jahre gewesen sein. Sie hat ja nur noch wenige neue private Begegnungen gehabt. Und die nennenswerten sind mir bekannt, die sind alle längst unterrichtet.

Vorgestern hatte ich sogar eine Antwort-Mail von einem Herrn aus dem Adressbuch, dem Sohn von einem verstorbenen Ehepaar, das viele Jahrzehnte eng mit meinen Eltern befreundet war. Besonders seine Mutter mochte ich sehr gerne. Er machte eine mich überraschende Bemerkung in seiner Kondolenz-Mail. Sein Vater hat mit meinem Vater jahrzehntelang bei vielen Auftritten gemeinsam musiziert.

Er schrieb: „Meine Eltern, mein Vater und Hans, standen sich ja sehr nah durch ihrer beider Leidenschaft, die Musik. Da mussten die Frauen oft etwas zurückstehen. (…)“ Hat mich irgendwie irritiert, die Einschätzung des Sohns. Ich kann mich nicht erinnern, dass meine Mutter meinem Vater seine häufige abendliche Abwesenheit aufgrund seiner musikalischen Verpflichtungen vorgeworfen hätte. Das wusste sie ja schon, als sie ihn geheiratet hat.

Diesen Schreiber, den Sohn des Paars habe ich meiner Erinnerung nach nie oder nicht bewusst getroffen. Ich weiß weder, wie alt er ist, noch wie er aussieht. Vielleicht ist es mir in den Jahrzehnten auch entfallen. Es ist nicht unbedingt oft der Fall, dass befreundete Ehepaare nach dem Tod des Paars noch nennenswerten Kontakt zu deren Kindern haben, zumal wenn sie erwachsen und eigenständig sind.

Aber meine Mutter scheint einen sporadischen telefonischen Kontakt zum Schreiber der Mail gepflegt zu haben. Seine Mutter war immerhin eine gute Freundin meiner Mutter. Und sie hat in ihrem Adressbuch an einer Stelle notiert, wann sie zuletzt mit ihm telefoniert hat, das war relativ wenige Jahre her, daher schickte ich ihm Post. Zur Beisetzung kann er leider nicht kommen, seiner Frau geht es nicht gut, da muss er sich kümmern.

So, nun will ich endlich die beiden letzten Umschläge beschriften, die morgen auf den Postweg gehen. Die Notizbücher und Briefe und losen Fotos, die ich zurückbekam, sind alle in der Schachtel. Und in anderen Kisten, auf dem einen oder anderen Dachboden oder Keller, wartet noch so manches andere. Aber damit will ich mich zu einem späteren Zeitpunkt beschäftigen. In Ruhe, eilt nicht.

30. Juli 2024

Ich lese seit geraumer Zeit „Wonderful Tonight. Die Lebens-Erinnerungen von Pattie Boyd, Model, Fotografin, Ex-Frau von George Harrison und Eric Clapton. Die beiden Beatles-Songs aus der Feder von Harrison „I Need You“ und „Something“, sowie die großen Clapton-Erfolge „Layla“ und „Wonderful Tonight“ waren allesamt Liebeserklärungen an Pattie Boyd.

Das Buch korrespondiert inhaltlich stark mit meiner vorherigen Lektüre „Miss O’Dell“ von Chris O’Dell. Beide, Pattie Boyd und Chris O’Dell, sind bis zum heutigen Tag innigste Freundinnen. Sie haben die letzten Jahre der Beatles gemeinsam erlebt, sogar zusammen unter einem Dach gewohnt, in Friar Park, George Harrisons riesigem, viktorianischen Anwesen in Oxfordshire, das sich bis heute im Besitz seiner Nachfahren befindet.

Zunächst hatte ich ein wenig Schwierigkeiten, in den Leseflow zu kommen, weil ich das unmittelbare, enthusiastische Feuer von Chris O’Dells Schreibe vermisste. Bei Chris O’Dell war ich direkt in der Zeit und den Begebenheiten, als würde es gerade geschehen – mir geschehen. Bei Pattie Boyd hingegen ist es eine klare Rückschau, Blick auf Vergangenes.

Ich überblätterte die Anfangskapitel, die sich um ihre Kindheit in Afrika drehten. Weder interessierten mich Details zu ihren Vorfahren, noch ihre Kindheitserlebnisse dort. Das mache ich zunehmend häufiger (und ohne schlechtes Gewissen) bei der Lektüre von Autobiographien, wenn der Vollständigkeit halber, von mich absolut nicht interessierenden Vorfahren wie Uroma, Uropa, Großtante und Großonkel und allerlei Familien-Anekdoten die Rede ist.

Ich las erst ab dem Kapitel, wo sie mit dem Modeln anfing, jedoch auch das nur flüchtig quer, und stieg erst richtig tief ein bei ihrer ersten Begegnung mit Beatle George. Denn das ist es doch, was alle – und so auch mich interessiert! Sie lernten sich 1964 bei den Dreharbeiten zu „Yeah, Yeah, Yeah“ kennen und wurden ganz schnell ein festes Paar. Von der Stelle an las ich kontinuierlich und konzentriert (vorwiegend bei U-Bahn- und nun auch Regionalbahnfahrten, denn die S-Bahn fährt immer noch nicht durch zum Zoo).

Ich kann jedem Beatles- und Stones-Fan die Bücher der Damen nur warm ans Herz legen. In beiden Werken spielen die vielen Begegnungen und gemeinsamen Aktivitäten innerhalb der sich stark überschneidenden Freundeskreise der Beatles und Stones immer wieder eine Rolle. Für hardcore Beatles- und Stones-Fans ein Must Have! Es kommt viel Atmosphäre, Lifestyle bis in die kleinsten Einzelheiten dieser Zeit über die Rampe, so dass es sich beim Lesen wie ein Film anfühlt. Ein ganz privater Super-8-Film, den man ohne Heimlichkeiten gucken darf.

Und dabei wird noch mein Englisch etwas aufpoliert. Das ist jetzt EVENTUELL etwas peinlich, dass ich es nicht wusste, aber ich vertraue darauf, dass es manch anderen ebenso geht. Pattie Boyd verwendet auffallend oft das Wort „eventually“. Mir fiel recht bald auf, dass es keinerlei Sinn ergibt, wenn ich es im schnellen Leseflow mit „eventuell“ oder „möglicherweise“ zu übersetzen versuche. Ich lese englische Texte oder Bücher ohne Wörterbuch daneben und komme meistens ganz passabel zurecht. Aber das wollte ich nun doch einmal amtlich übersetzt wissen. „Eventually“ heißt sinngemäß ins Deutsche übersetzt „schlussendlich“,oder „endlich“ oder „zuguterletzt“ oder „letztlich“ oder „letztendlich“.

Gratulation allen, die das bereits in der Grundschule gelernt und seither ohne Festigung durch einen Auslandsaufenthalt behalten haben. Eventuell habe ich es sogar in der Schulzeit mal im Unterricht gehört, und dann EVENTUALLY wieder vergessen!

29. Juli 2024

Und ein Blick unters Kleid des unvermeidlichen Server- und Netzwerkschranks. Schwarzes Loch mit Strippen und Geblinke.

Ich praktiziere kein Home Office, sondern das genaue Gegenteil. Nicht hält die Arbeit Einzug in meine private Umgebung, sondern ich verändere seit einigen Jahren die Arbeitsumgebung innerhalb meiner Gestaltungsmöglichkeiten und meines Radius so, dass sie ästhetisch eher meinen privaten Vorstellungen und Bedürfnissen entspricht. Davon profitieren auch alle anderen. Seither bilde ich mir ein, dass ich neben meiner Wohnung in Mitte und meinem Atelier in Neukölln, private Räume in Charlottenburg bewirtschafte.

28. Juli 2024

Letzte Dinge. Drei Taschenspiegel. Eine Sonnenbrille. Acht Lesebrillen. Ein Necessaire. Sechs Nagelscheren. Zwei Pinzetten. Eine Feile. Eine Uhr. Ein Poesiealbum. Zwölf Geburtstags-, Oster-, Weihnachts-Briefe, -Karten von mir. Vierzehn von anderen. Sieben Notizbücher. Ein Adressbuch. Sieben davon gerahmt.

26. Juli 2024

Märchenhafte Eröffnungsfeier der Olympischen Sommerspiele in Paris. Mir fehlen die Worte. So viel Kunst. Die Tänzerinnen in Pucci-haften Kostümen auf den hohen Stangen auf der Pont Neuf. Gerade die Metal Band mit dem Blutregen aus roten Schleifen und den geköpften Marie Antoinettes aus allen Fenstern. Wahnsinn. Zufällig zugeschaltet, als ich im Live Ticker auf gmx davon las, was schon alles bei der Eröffnung geschah. Sport-Begeisterung nicht von Nöten, um das großartig zu finden. Trotz Regenwetter in Paris. Ich gucke mal weiter. Möchte sehen, wie das Olympische Feuer entzündet wird. Sport ist mir ansonsten relativ schnuppe, aber das ist groß. Sehe ich mir später in der Mediathek noch mal von Anfang an. Jetzt live im Ersten. Unbedingt gucken!

26. Juli 2024

[ Einblick in mein Gefühlsleben, aus zwei Chats von gestern. Zuerst mit Lydia, später mit Georg ]

„(…) ich habe gerade das Paket mit den Sachen meiner Mutter geöffnet, so viele Notizbücher… das wird mich die nächsten Tage beschäftigen… Adressen zu finden, wem ich noch Trauerpost sende… aufwühlend gerade.

(…) gucken, was Mama ins Notizbuch geschrieben hat. Auf einem Umschlag, vielleicht der letzte mit ihrer Handschrift, vom März 2024, die Geburtsdaten ihres Urenkels und sein Gewicht und die cm, wie groß er ist, und darunter schrieb sie Geburts- und Todesdaten ihres Sohns und meines Vaters… ich war erst irritiert, dass sie schrieb „Opa – Andreas, geb. 10.05.1964, gest. 04.07.1987“ Ich kriegte das nicht zusammen… „Opa“ mit meinem Bruder. Aber ja. Er wäre im März zum ersten Mal Großvater, also Opa geworden. Ich war perplex. Dachte erst, meine Mama war zuletzt vielleicht doch verwirrt, aber sie hatte recht. Muss das alles verdauen, was ich da in Händen halte… so viel – und passt doch in zwei Stoff-Einkaufsbeutel. Das Existentielle, was ihr etwas bedeutet hat, die Bilder, Briefe, Notizen ihrer Lieben… und hatte natürlich Fotos von mir im Portemonnaie…

Wenn man als Pflegefall ins Pflegeheim, Seniorenheim kommt, ist es nicht wie bei rüstigen Alten, die noch Möbel mitnehmen oder so. Da gibt es nur noch das Pflegebett, einen Einbauschrank und ein Nachtkästchen. Und ein paar eigene Bilder an der Wand. Das wars. Und dann, irgendwann…. Adieu.

Ich pack jetzt die Sachen aus und leg sie auf den Teppich und sortiere… die mindestens 8 Lesebrillen, ca. 5 Nagelscheren, Handspiegelchen…. alles doppelt und dreifach. Aber am allerallerwichtigsten, ihre kleinen Notizen, die sie immer in Taschenkalender gekritzelt hat. Sogar ihr Poesiealbum aus ihrer Kindheit ist dabei. Aber leider nicht das Tagebuch aus ihrer Jungmädchenzeit. Darin las ich heimlich als Kind. Wo mag es nur sein…“

[ einige Stunden später an Georg ]

„(…) gerade – bis jetzt – sechs Stunden die Notizbücher und Post (und das uralte Adressbuch) meiner Mutter der vergangenen Jahre (im Pflegeheim) detektivisch untersucht und ausgewertet… wer hat ihr noch zum Geburtstag gratuliert… könnte ich eine Parte schicken… Die allermeisten Adressen sind durchgekreuzt und rechts davon steht das Todesdatum. Puh. Sehr spezielle Lektüre. Krass. Und die eigenen Briefe und Karten zurückzubekommen. Hab ihr schon recht oft bildschöne Liebesbotschaften zukommen lassen… Selbstberuhigung…. durchaus gerechtfertigt bei kontroverser Mutter-/Elternbeziehung. Am Ende auf alle Seiten Frieden. Wichtig im Kleinen wie im Großen. Love & Peace. Allenthalben.

26. Juli 2024

DU LIEBE ZEIT… aus meinem Alltag: heute ausnahmsweise mal den Schienenersatzverkehr Richtung Zoo ausprobiert. Ein endloses Herumgegurke. Ich war falsch programmiert, als ich aus der Wohnung ging. Normalerweise bin ich die letzten Tage (S-Bahn zwischen Alex und Zoo wg. Bauarbeiten außer Betrieb) mit der U-Bahn vom Rosenthaler Platz gefahren. U 8 bis Osloer, dann umsteigen in die U 9 Richtung Rathaus Steglitz. Dauert 30 Minuten, wenn’s gut läuft. Aber vorhin war ich so in Gedanken an die Notizbücher meiner Mutter, die gestern mit dem Paket kamen, dass ich gemäß meiner sonstigen Werkseinstellung gelaufen bin. Also Richtung S-Bahn Hackescher Markt.

Als mir der Fehler auffiel, war ich schon so nah am Hackeschen, dass ich beschloss, mal den angebotenen Schienenersatzverkehr zu benutzen. Kann ich nachher mitreden. Los ging es schon mal damit, dass ich überfordert war, die Bushaltestelle Spandauer Straße zu finden. Die ist ja nun nicht gerade in unmittelbarer Nähe vom Hackeschen Markt, eher gefühlt schon Alex. Die beträchtliche Entfernung ist vermutlich auch der Grund, dass man sich hier gespart hat, die sonst üblichen gelben Schuhsohlenaufkleber auf den Fußweg zur Schienen-Ersatz-Halte zu kleben. Wäre teuer geworden.

Aber da war ja eine Tram, die ich sonst auch nur alle Jubeljahre benutze. Stand „M5“ und „Hauptbahnhof“ dran. Nur zwei Minuten warten. Na, geht doch. Die Tram hält ungefähr an jeder Milchkanne, Empfehlung als Stadtrundfahrt. Monbijouplatz, S-Bahn Oranienburger Str., U-Bahn Oranienburger Tor, vorbei am Brechthaus, Naturkundemuseum. Zuckel, zuckel, gähn.

Angekommen am Hauptbahnhof, ich (vermeintlich) souverän, aber schwerfällig, Richtung Bahnsteig. Drückende Luft. Hier war ich nun falsch. Denn leider hat mein gefühltes-Wissen-Gefühl versagt. Ich dachte, die Unterbrechung wäre nur zwischen Alex und Hauptbahnhof. Da wollte ich dann gerne zur S-Bahn wechseln. Aber auch am Hauptbahnhof fährt keine S-Bahn. Demzufolge komplette Unterbrechung zwischen Alex und Zoo.

Ich wieder den Hauptbahnhof verlassen und Ausschau nach dem Schienenersatzverkehr-Bus gehalten. Inzwischen war ich locker eine halbe Stunde unterwegs. Recht bald kam der Bus. Braucht für die Strecke, die es mit der S-Bahn dauert, mindestens die doppelte Fahrzeit. Der Bus schwankte und ruckelte, mir wurde leicht schlecht, wie früher als Kind beim Autofahren. Lesen natürlich komplett unmöglich. Ich hatte auch keine Kotztüte dabei.

Irgendwann nach viel Zickzack durch Charlottenburg kam der Bus am Zoo an. Hält ganz hinten, beim Eingang vom Tiere-Zoo. Schlurf, schlurf. Nach einer guten Stunde kam ein einmaliges Reiseerlebnis zu seinem Ende. Einmal und nie wieder! Ein Glück, dass es die U-Bahn gibt. Soll noch bis 29. Juli gehen. Ab 30. Juli dann hoffentlich wieder S-Bahn. Muss noch mal recherchieren, nicht dass mir hier abermals mein unzuverlässiges gefühltes Wissen einen Streich spielt.

26. Juli 2024

Hi Mick.

Happy Birthday! Schön, dass es Dich gibt. Fast hätte ich geschrieben „noch“. Aber das wäre makaber, um nicht zu sagen geschmacklos. Weißt Du, meine Mama war Dein Jahrgang, sie ist jetzt auf der anderen Seite. Bei Charlie (u.s.w.). Sie war nur 27 Tage älter als Du. Ich fand es schon sehr blöd, dass sie nicht das Feuer hatte, sich so superfit zu halten wie Du. Obwohl sie auch viel Löwe-Feuer im Horoskop hatte. Und Zwillinge. Sie war eher mental feurig unterwegs. Da brannte die Hütte mitunter. Well. Well. Well…

Aber heute soll es ja um Dich gehen. Mick: Du bist der König. Nicht der ganzen Welt, und nicht der King – das war ja nun mal Elvis, aber aller Rockband-Frontsänger in diesem Universum. Ja, da gab und gibt es andere Alphatiere. Aber DU warst der Early Adopter, der erste, der allen mit seiner total freien Attitude gezeigt hat, dass es keine Begrenzung des Bühnenausdrucks geben muss – State of Art. Und ist es bis heute. Ich liebe und verehre Dich. Lass Dich weiter von Deinen Lieben und dem irdischen Leben inspirieren und mit ihnen das Leben hier genießen. Bis zur Neige.

25. Juli 2024

Bild von gestern. Maler hat die reparierte Wand fertig gemalert. Habe ein paar kleinere Nacharbeiten, u. a. da, wo das Kabel verläuft, und die die Vermieterin (verständlicherweise) erbeten hatte, beaufsichtigt. Vorher wurde immer in meiner Abwesenheit gewerkelt. Diese Baustelle ist nun immerhin keine mehr. Jetzt wieder alles zurück räumen. Aber noch nicht geschehen, vielleicht am Wochenende.

Und gestern die Zusage für die angefragte Tischreservierung für das Kaffeetrinken nach der Beisetzung bekommen. Die Servicemitarbeiterin, der ich den Zusammenhang meiner Reservierung und den Anlass erklärte, staunte, als ich ihr sagte, dass ich alles von Berlin aus organisiere. „Ach? Das geht?“.

Mit Bestattung organisieren verbinden viele, dass dafür persönliche Präsenz beim Bestatter erforderlich sein müsste. Mag hier und da hilfreich sein, wenn man vor Ort ist, es so ein Gespräch beim oder mit dem Bestatter gibt, wo Prospekte angeschaut werden, aber das, was es so gibt, ist ja auch alles im Internet abgebildet. Wenn es eine Abschiedsfeier am Sarg geben soll, ist auch eine gewisse Eile mit Präsenz vor Ort geboten.

Aber das ist bei meiner Konstellation nicht die Frage gewesen. Es gibt nicht mehrere Abschiedsrituale und Feiern, sondern ein einziges, den Trauergottesdienst mit der Urne, die unmittelbar danach beigesetzt wird. Ich hätte auch keine Lust auf so ein zerstückeltes Abschiednehmen in mehreren Episoden gehabt. Es ist für mich besser zu verdauen, sich auf den einen, einzigen Termin zu fokussieren und den als DAS Abschiedsritual zu verstehen. Das können andere natürlich anders empfinden.

Außerdem erwarte ich ein Paket mit den Siebensachen meiner Mama, die sie bis zuletzt in ihrem Zimmer hatte. Persönliches, Briefe, Notizen, Karten, gerahmte Fotos. Ihren Personalausweis. Ihr letztes Portemonnaie. Ihre Lesebrillen. So viele Lesebrillen. Nicht dass sie eine Elton-John-mäßige Brillen-Diva gewesen wäre, die aus modischen Gründen jeden Tag ein anderes Gestell farblich passend zum Nachthemd hätte wählen wollen, gar nicht.

Irgendwie hat sie es trotz ihres begrenzten Bewegungsspielraums offenbar immer wieder geschafft, die Lesebrillen, die sie hatte, so unauffindbar weggeräumt zu bekommen, dass auf ihren Wunsch immer neue besorgt wurden. Ich habe ihr auch einmal eine geschickt. Hatte sie am Telefon gefragt, ob die Brille angekommen ist. „Ja, habe ich bekommen – aber der Soundso (befreundeter Nachbar von früher) hat mir gestern auch schon eine mitgebracht.“

Meine Mutter war übrigens nicht dement, sondern geistig durchweg präsent. Nun wurden vergangene Woche alle Winkel vom Schrank und das Nachtkästchen ausgeräumt und siehe da: acht Brillen kamen zum Vorschein. Kann natürlich sein, dass die Pfleger beim Aufräumen alles Mögliche in den Wandschrank gepackt haben, an den sie gar nicht rankam.

Da sie zuletzt dieselbe Lesebrillenstärke wie ich hatte, habe ich nun erst einmal keinen Notstand, falls ich eine meiner Brillen verlege oder zertrete. Denn auch ich habe mehr als eine Lesebrille (womöglich acht), aber nicht aus Versehen, sondern weil ich ab und zu mal eine im Internet bestellte, die ich besonders schick fand und dann aber doch nicht trug, weil ich am liebsten ein- und dasselbe Brillenmodell von dm benutze: ein leichtes Kunststoffgestell mit den besten Gläsern aller Discounter-Lesebrillen. Habe quasi Blindverkostung gemacht: eine nach der anderen aufgesetzt und damit einen Text am Notebook betrachtet. Die von dm war trotz identischer Dioptrien auffallend besser, schärfer, auch als manche hochpreisigere.

Mein ermitteltes Vorzugsmodell hatte ich dann auch an Mama mit der Post geschickt, im Briefumschlag. In den Kasten mit der Spätentleerung in der Großen Hamburger Straße gesteckt, da vor dem Hedwigs-Krankenhaus. Am nächsten Tag war sie da. Und jetzt kommt die Brille wieder zu mir zurück. Das ganze Paket ist wohl fünfzehn Kilo schwer. Vielleicht kommt es schon heute zu mir.

23. Juli 2024

Alma (1915 – 1982) mit ihrem neugeborenen Wunschkind Karin, meiner Mama, 1943 auf die Welt gekommen. Da war Alma schon siebenundzwanzig, bald achtundzwanzig. Eine späte erste Mutter. Ließ auf sich warten, die Kleine und blieb auch das einzige Kind. Wie groß die Freude bei Alma war, dass Karin ihr zwei Enkelkinder schenkte. Meinen Bruder und mich. Eine liebere, warmherzigere Oma hat es nie auf der Welt gegeben. Sie hat uns immer angestrahlt, als wäre es der schönste Tag ihres Lebens. War er ja auch. Gab dann viele davon. Wenn wir zu Besuch gekommen sind, immer auch in den Schulferien, manchmal für mehrere Wochen ohne unsere Eltern, gab es dauernd Hähnchen. Das mochten mein Bruder und ich am allerliebsten. Knuspriges Hähnchen. Und Schwarzwälder Kirschtorte. So wie sie ihrer kleinen Karin den herzigen Spielanzug genäht hat, so hat sie auch mir mit Hingabe Kleider gemacht. In den Siebziger Jahren gab es eine Zeit lang die Mode, dass Kleider „gesmokte“ Oberteile hatten und Puffärmel. Das war nicht so leicht zu nähen, aber sie hatte alle Nähtechniken drauf, weil gelernt ist gelernt. Im Krieg hat sie sich mit Näharbeiten über Wasser gehalten, wenn ihr geliebter André an der Front war. Zum Glück ist er zurückgekommen. Wenn auch nur mit einem Bein. Das andere hat er 1940 in den französischen Ardennen verloren, bei der Schlacht um Sedan. Es war ihm ein Graus in den Krieg zu ziehen, er hatte gar keine Lust, seine junge Alma allein zu lassen. Aber er konnte sich nicht entziehen. ich nehme an, hoffe, dass er als Kriegsinvalider nicht mehr zurück an die Front musste. So konnte die kleine Karin entstehen und er konnte wieder Bilder einer heilen Welt mit Blumenwiesen und tanzenden Elfen sticken.

22. Juli 2024

In alten Alben blättern. Heute vor fünfzehn Jahren. 22. Juli 2009. Georg bei einem Interview in Friedrichshain, anlässlich seiner Kandidatur für die Piraten. Er noch 44, ich gerade noch 43. Ich machte die Fotos für die „Friedrichshainer Chronik“. Ich erinnere mich daran, dass er mich einmal fragte, nachdem wir nebeneinander durch die Hackeschen Höfe gelaufen waren, ob mir auch auffiele, dass die Leute irgendwie so gucken, wenn wir ihnen entgegenkommen. Wenn ich die Fotos heute betrachte, kann ich es umso mehr verstehen. All die vielen Reihen, Alben von damals.

21. Juli 2024

Gestern habe ich etwas Schönes entdeckt. Vor fünf Jahren gab es auf dem Youtube Channel der amerikanischen Zeitschrift GLAMOUR eine Reihe mit dem Titel „YOU SANG MY SONG„. Bekannten (hauptsächlich weiblichen) Sängerinnen/Songwriterinnen wurden in der jeweiligen Folge youtube-Fan-Covers ihrer bekanntesten Hits vorgespielt und ihre Reaktion darauf gefilmt und das wurde dann den Amateur-Sängerinnen und Sängern gezeigt. Die wurden wiederum bei ihrer Reaktion auf das Feedback des Stars gefilmt. Lauter ausrastende Sängerinnen und Sänger, die sich nicht mehr einkriegen, dass ihr Idol ihr Cover gesehen hat und kommentiert. Ganz entzückend. Wobei es schon ulkig ist, dass die covernden Youtuber so ganz überrascht Sachen sagen wie „I’m freakin out! What?!?“ Sie werden ja wohl von der Zeitschrift Glamour vorab grob instruiert worden sein, worum es in etwa geht. Aber egal, die Reaktionen sind einfach schön zu sehen. Manche sagen Sachen wie „This is the best day of my life!“ oder „Now I can die!“. Am lustigsten ist bei den Star-Reaktionen Billie Eilish anzusehen. Wie sie die Augen aufreißen kann! So sieht Begeisterung aus. Pink ist auch witzig. Alicia Keys singt mir ein bißchen zu viel mit und lenkt damit die Aufmerksamkeit auf sich selbst. Aber sie ist natürlich auch supertoll. Also ich empfehle die Folgen mit Billie Eilish, Pink und Alicia Keys. Und Dolly Parton natürlich! Aber komisch, dass das eingestellt wurde und kaum Folgen mit männlichen Stars gab. Sehr schade – hätte mir an diesem gewittrigen Sonntag amüsante Stunden bereiten können.