„(…) Aber was sie beim Lieben sucht, schon damals mit noch glatter Haut und reinem Herzen, und es bis heute sucht, ist nicht der Schauer, den Anderen in sich zu spüren, und auch nicht die Auflösung am Ende, das Sichverströmen im Zeitraum eines Hundertmeterlaufs, wenn es denn glückt. Nein, was sie wieder und wieder sucht, ist das Schöne, auch wenn es sich nicht anpeilen lässt, nur manchmal finden, indem man es nicht sucht, wie sie es früher im Wald gefunden hat, im Duft nach Harz und dem Klopfen eines Spechts und in den Sonnenstrahlen zwischen hohen Tannen, über den Wipfeln blauer Himmel, im Erhabenen, ohne dass sie damit klein wurde, ganz im Gegenteil. Und nichts anderes nimmt sie als Idee mit in den Schlaf: noch einmal zu wachsen, als gäbe es dafür ein Depot, das sich jetzt erst öffnet, und noch einmal zu staunen, als wäre alles um sie herum neu -„
Bodo Kirchhoff, „Nahaufnahmen einer Frau, die sich entfernt„, Seite 486