27. November 2025

Heute Morgen in der S-Bahn las ich weiter in Ruth Rehmanns „Illusionen“ von 1959. Im nachfolgenden Auszug (S. 206 – 207) geht es darum, wie die neunzehnjährige lebenshungrige Therese, die bei einem Versicherungskonzern in einer deutschen Großstadt als Schreibkraft auf Probe arbeitet, am Sonntag zur Kirche geht und wie sie die Predigt von der Kanzel und die Gemeinde wahrnimmt. Hat mich gefangen. Vergleichbare Empfindungen habe ich auch in Erinnerung. Fortlaufende Gewissheit: „Das ist Literatur.“

„Dann sprach nur noch eine Stimme, die bald nicht mehr ausreichte, um alles zusammenzuhalten, und die Gemeinde bröckelte langsam auseinander. Jeder kroch in seine persönliche Haut, seinen Kragen, Mantel und Schuh zurück. Therese fühlte sich verlassen und ausgesetzt, spürte eine Abkühlung der Atmosphäre, eine zerstreuende Bewegung der Köpfe und Schultern. Schweifende Blicke, müßig wandernde Gedanken zickzackten mit eingeschlossenen Fliegen und schwirrenden Lichtstrahlen durch das gewölbte Schiff, trafen und überkreuzten sich und verfilzten zu einem vielfädigen verworrenen Gespinst, in das die Stimme des Predigers vergeblich eingriff, um zu ordnen, zu strählen, auszurichten: eine einzige Stimme tastend im Labyrinth vielstimmigen Schweigens, er sagte ja selbst, daß das meiste auf den Weg fiel, daß es auf Steine und unter Dornen fiel, von Vögeln gefressen wurde, verdorrte, erstickte, die Chancen waren wahrhaftig gering und er machte sich offenbar keine Illusionen, aber versuchte es trotzdem, das war ja sein Beruf, Therese rutschte auf dem harten Holz herum, schlug ein Bein über das andere, fragte sich, was sie eigentlich hier sollte und blickte mitleidig zu dem Pfarrer auf, der schwarze Krähenflügel über die Kanzelbrüstung schwang, seine Botschaft ausrief, anbot, und keiner nahm es ihm ab, denn die Sache war längst bekannt.

Unermüdlich suchte er nach Inseln guten Landes im Meer schleimräuspernder, schlafatmender, frühstückssatter Unaufmerksamkeit und stach mit spitzem Zeigefinger wahllos hinab: »Dich meint er und dich«, die Angestochenen bewegten nervös die Stirnhaut: Schlafende, die eine Fliege vertreiben. Sie wollten ihre Ruhe haben und auch Therese wurde von Müdigkeit überwältigt beim Anblick der reihenweis ausgerichteten unbewegten Rücken, Schultern, Hälse, Haare und Hüte. Sie versuchte zu zählen, gab es auf und schloß die Augen. Die mühsame Stimme strömte an ihrem Ohr vorbei, sie fing hie und da einen Fisch, der bunter erschien, betrachtete ihn bis er ergraute, warf ihn zurück und der Strom schwemmte ihn fort. Auch Papa und Mama hielten darauf, von Zeit zu Zeit in die Kirche zu gehen, aber man merkte ihnen nichts an, obwohl sie sich beim Mittagessen über die Predigt unterhielten. Mama sagte: »Wir könnten uns wirklich öfter da sehen lassen.« Sie versprach sich etwas von »sehen lassen«.“

24. November 2025

Flashback Januar, Eingangsbereich große Galerie bei Sevenstar.

HUNT. Acryl auf Leinwand, 103 x 123 cm, 7. u. 12. Februar 2006

GHOSTDANCE. Geistertanz. Ausrangiertes Messe-Check-in-Counter-Infoschild „G – K“, Edding, Jalousien-Verpackung, 50 x 100 x 6 cm, 17. Juni, 22. Juli 2018, Staatliche Museen v. Gaganien

23. November 2025

Zweiter Versuch. Ohne Pinsel, direkt aus kleiner Flasche mit Düse aufgetragen. Damit hätte ich die Tasse signieren sollen, die schwarze Linie war auch noch ganz schön zittrig, aber das archaische Motiv mit freier Linienführung verzeiht das eher als meine gestanztes Emblem. Beim Signieren hatte ich den Bogen raus, aber da waren die zwei Stunden dann vorbei und ich nur noch gespannt, wie es sich nach dem Glasieren und Brennen verändert. Die Farben werden viel dunkler nach dem Brennen, was sich aber bei Schwarz und Mauve nicht so sehr auswirkt. Ähnliche Nachdunklung wie Acryl. Es ist übrigens eine recht große Tasse für etwa 400 ml, mein kleines Schiffchen ist zwanzig Zentimeter lang.

23. November 2025

Avanti Dilettanti. Beim morgendlichen Kaffeetrinken sehe ich nun, was man falsch machen kann, wenn man keine Ahnung und Übung im Bemalen von Keramik hat. Ich hatte ein zweistündiges Zeitfenster in einem dieser Keramikbemal-Läden, wo in knappen Sätzen kurz erklärt wurde, wo die Farben stehen und die Pinsel und dass man die Farbe nicht mit Wasser entfernt, wenn man sich auf dem unglasierten Rohling vermalt, sondern nur drüber malen soll. Direkt vermalt hab ich mich zwar nicht, aber mit zittriger Pfote mit einem feinen Pinsel so ein filigranes Motiv, das exakte Linienführung erfordert, zu meistern, war offenkundig zu sportlich. Wenn es diese Keramikfarben auch als Filzstift gäbe, wäre es vielleicht besser geworden. Ich konnte aber auch nicht so richtig gut sehen, das Licht war recht schummrig und ich stand voll unter Sumatriptan und war schlapp und schläfrig. Auch die einfallslose, übertrieben große krakelige Signatur würde ich am liebsten korrigieren. Nun ja, erster Versuch, kein Meisterwerk. Aber passt in meine schwarzweiße Küche. Hab dann noch ein anderes kleines Teil bekritzelt, das ging schon etwas flüssiger. Zeig ich auch noch.

22. November 2025

Unglamouröser Sonnabend, putze die „Kunststein“-Fliesen vom Küchenboden. Teufelszeug. Dachte seinerzeit, wenn ich etwas auf diese fußkalten Fliesen lege, die so so kalt sind wie Marmor, aber eine Oberfläche haben, die Gestein nur imitiert, werden sie ja auch geschont und ich muss das Imitat weder sehen noch fühlen. Auf die Idee, dass sich Latexunterboden von Seegras-Auslegware nach einigen Jahren auflöst und krümelt und eine krustige Vermählung mit den Scheiß-Fliesen eingeht, wäre ich im Traum nicht gekommen. Bräunliche, betonharte Schlieren und Punkte, denen ich nur mit dem Ceranfeldschaber beikomme. Schrubben hat nichts gebracht. Da die Oberfläche der Fliesen auch sauber nicht glatt ist, sondern – mir fehlt das Adjektiv – es ist wie ein Relief aus tausend Pünktchen – für einen matten Effekt vermutlich – kann ich mit dem Schaber nicht zügig drüber, sondern kratze tw. mit den Ecken in die Vertiefungen um die Latexsommersprossen wegzukriegen. Hatte auch schon den Zauberschwamm versucht, Spülmittel, Topfreiniger, WC-Reiniger, Badreiniger, Alkohol, Öl, bringt alles so gut wie nix. Die meisten sind sauber, noch ca. fünf übrig. Das Geräusch ist auch unangenehm, ich hoffe, es dringt nicht zu den Nachbarn durch, ich kratze schon so behutsam wie möglich.

Und dann muss ich noch den neuen Seegrasbelag zuschneiden und darunter diesmal einen weiteren Zuschnitt von so einer Antirutschmatte, die dann beim nächsten Auflösungsprozess mit dem Latex Verlobung feiern kann. Ok, 26 Jahre waren auch lang. Muss nun auch noch denken, dass wenn ich überhaupt noch so lange lebe und hier sein sollte, das jetzt mit Sicherheit meine letzte Aktivität in der Richtung ist. Schon komische Gedanken.

Außerdem denke ich dauernd, wirklich permanent, an diese bemerkenswerten Kessler Zwillinge. Ob sie sich noch mal schön gemacht haben, an ihrem letzten Tag, ich denke schon. Die waren ja so gepflegt und wenn man Besuch zu Hause erwartet, macht man sich ja zurecht. Und ob sie in einem der beiden Schlafzimmer zusammen waren, im selben Bett oder in einem der Wohnzimmer unten. Ich stelle mir vor, sie haben sich an den Händen gehalten. Es soll ja wahnsinnig schnell gehen, sobald das Narkotikum fließt. Zwei Minuten, und weg. Eingeschlafen. Ich verstehe auch, das sie keine Freunde dabei haben wollten und es denen auch nicht gesagt haben, wann genau sie sich verabschieden. Das hätte die nur belastet. Würde ich auch nicht machen. Meine Mama hätte auch gerne so einen Abschied genommen, ich wusste damals gar nicht, dass es inzwischen diese legale Möglichkeit in Deutschland gab. Aber bin auch froh, dass ich nichts in die Wege leiten musste.

Gut zu wissen, dank der umfangreichen Berichterstattung zu den Zwillingen, dass es diese Hilfestellung gibt. Man wüsste ja gar nicht genau, wie man das selbst dosiert und die Kanüle legt. Nur die Preise finde ich einigermaßen übertrieben, angesichts des geringen Preises des Mittels. Na gut, die Beratung und die Gutachten und der Jurist und der Arzt, die haben auch ihren Stundensatz, aber viertausend Euro pro Nase ist schon happig. Man will doch nur schmerzfrei gehen. Jetzt ist da dieses Haus, das sie samt ihrer sonstigen Besitztümer vermutlich zum Verkauf angedacht haben und der Erlös wird dann auf die im Testament verfügten Erben, diverse gemeinnützige Einrichtungen und Vereine verteilt. Aber wer kümmert sich um das Nachlassverfahren? Und die Organisation der Beisetzung? Freundin Carolin? Es gibt wohl keine Angehörigen, jedenfalls keine die nah genug wären, um da angesprochen zu werden. Das ist sicher nicht im Preis der Erlösung inbegriffen gewesen. Ich weiß, dass das Amtsgericht einen Testamentsvollstrecker berufen kann. Das ist eine Funktion innerhalb des Nachlassgerichts. Ich hab mich damit beschäftigt, als ich verschiedene Auskünfte im Nachlassverfahren meiner Mama brauchte, um das ich mich gekümmert hatte. Vielleicht aber haben sie doch eine Vertrauensperson namentlich benannt, der sie es zutrauten. Also das geht mir so alles durch den Kopf dieser Tage.

21. November 2025

Eben gelesen, eine langjährige Freundin von Alice und Ellen Kessler, Gabriele Gräfin zu Castell-Rüdenhausen (eine der zwei Töchter von UFA-Filmstar Luise Ullrich) erinnert sich: „Wir sind jahrelang jeden Samstag joggen gegangen. Und zwar so schnell, dass keiner mithalten konnte. Einmal war sogar Carlos Kleiber, der Dirigent, dabei – der hat gleich aufgegeben“, erinnert sie Gabriele Castell. „Wissen Sie, die beiden waren so rein, in ihrem Erscheinen, wie in ihren Gedanken. Nur ihre Witze waren dreckig.“

20. November 2025

Dr. Nicolai van der Meer wirkte ganz anders, als ich aufgrund seines Fotos erwartet hatte. Introvertierter. Mir sehr angenehm. Er ist vollumfänglich im Thema. Interessant, dass er meinte, es gäbe seines Wissens sehr viele Neurologen, die selbst unter Migräne leiden. Ich erwähnte den Hirnforscher, der u. a. identifiziert hatte, dass bei Migräne-Patienten durchgängig höhere Gehirnaktivitäten messbar seien, wie ein unausgesetzter Starkstromfluss. Bzw. bemühte jener Forscher den Vergleich eines Porsche im Kopf, der permanent die Höchstgeschwindigkeit ausfährt; van der Meer ergänzte, dass ein weiterer kleinster gemeinsamer Nenner sei, dass es sich um extrem gewissenhafte Personen handele. Wenn ich mir diejenigen vor Augen führe, von denen ich weiß, dass sie damit zu tun haben, fällt mir die eng getaktete Wahrnehmung von allem, was sich in der Umgebung tut auf, als ob ständig ein 360-Grad-Scan stattfindet. Das Gegenteil von jemandem, dem ganz viel schnuppe ist. Ergebnis des heutigen Besuchs: zwei andere Triptane testen, inclusive Spray und Hausaufgabe Kalender führen.

17. November 2025

MANGO-MUFFLON MARLENE. Handtaschenverschlussteile, Budapester Schuh-Fragmente, Rotwein-Etikett, Samtband, Leder-Schnürschuh-Fersenstücke, Ess-Stäbchen, dunkelgrüne Blumentopf-Stäbchen, Griffe von drei abgearbeiteten Pinseln, Furnierholz-Brett von Mango-Schrank-Verpackung, Kleber, 50 cm x 90 cm, 25. und 28. August u. 6. September 2023, Staatliche Museen von Gaganien. Ausstellung Jan. 2025, Sevenstar Gallery.

NEMRUT. Unterlagekarton Pouring Mitte August bis September 2019, Finish: Acryl, Goldmarker, Blattvergoldung Rahmen, 26. und 27. Oktober 2019, 45 x 55 cm, Staatliche Museen von Gaganien

16. November 2025

GAGA-ECHSE. Königreich Gaganien, 21. Jh., Rahmenrückwand, Metallteile vergessener Herkunft, gold-gesäumte Spiegelpaillette, allerletztes 10-Pfennig-Stück, Verpackung von YSL-Lippenstift, YSL-Puderrouge, YSL-Nagellack, YSL-Wimperntusche, 29 cm x 35 cm, 7. April 2002 Auguststraße, Staatliche Museen von Gaganien. Ausstellung „Welcome to Gagania“, Jan. 2025, Sevenstar Gallery.

15. November 2025

„Noch im Schlaf versuchte sie immer wieder, ein Stück der Decke an sich zu ziehen, aber er hatte sie ganz für sich genommen, lag in sie eingewickelt, leicht schnarchend, abgewandt. Sie fror, zog die Beine an sich und erwachte, als etwas ihr Gesicht streifte, nicht seine Lippen oder seine Hände, sondern die Gardine im Morgenwind. Graues Licht vom Fenster her begann in sie heineinzufließen und die träumerische Wärme abzukühlen. Das war unangenehm, etwa wie das langsam Einfließen kalten Wassers in ein warmes Bad. Sofort kniff sie die Augen wieder zu und versuchte, in den Leib des gemeinsamen Schlafes zurückzukriechen. Behutsam zerrte sie die Decke unter seiner Seite hervor und schmiegte sich eng an seinen gekrümmten Rücken, machte sich ganz breit, flach und porös, um soviel wie möglich von seiner Haut zu berühren, Wärme und Schlaf mit den Poren zu trinken und das Wehen des Schlafatems in sich hineinzunehmen. ……………………………………………… Aber es ging schon nicht mehr. Zuviel Haut dazwischen, zuviel Schlaf auf seiner, zuviel Wachheit auf ihrer Seite. In die Zärtlichkeit bei der Berührung ihrer kühl gewordenen mit seiner warmen Haut mischte sich eine Spur Dégoût, eine ganz leise Regung von Aversion. Dabei wartete sie schmerzlich darauf, daß er sich umwende und unter schläfrigem Gemurmel Brust und Schoß mit seinen Händen umschließe und sie so wieder annähme und dem grauen Licht entzöge, aber schon trieb die gewendete Strömung sie von ihm weg. Kühl blinzelte sie über seine Schulter, den schwärzlichen Flaum, der sich im Wind ihrer Atemzüge bewegte und nahm stückweise mit wachsendem Widerwillen die Details der ausrinnenden Nacht zur Kenntnis: Die beiden Gläser Rotweinrest, Aschenstange der vergessenen Zigarette, deren Erinnerung als fade parfümierte Süßigkeit im Dunstgemisch der Gerüche hing, verstreute Kleider und Wäschestücke, von Hand und Fuß fiebernd in die Nacht geschleudert und nun kläglich und deformiert wieder auftauchend, wie Trümmer und Tang aus der zurückweichenden Flut. Verstreut auch sie: Hand vom Bettrand herabhängend, Brust achtlos vor den Spiegel geworfen und im Glas wiederholt, Haar auf der Schwelle verschüttet, Augen wie abgestreifter Schmuck aus Bodenritzen leuchtend. Wahrhaftig, man sollte Ordnung herstellen, ehe der Tag die Decke wegzieht. Sie rückte heftig von ihm ab, die winzige Flamme träger Zärtlichkeit in ihrem Schoß erlosch unter einem kalten Guß, denn nun saß sie aufrecht, umfaßte alles mit einem Blick, auch ihn nur als ein Stück Trümmer im allgemeinen Verfall, und nahm sich entschlossen heraus, mit steilem Rücken und wachsam erhobenen Kopf, die Haare mit dem wiedergefundenen Band so fest zurückbindend, daß es wehtat.“

Ruth Rehmann, Illusionen, 1959 bei Suhrkamp erschienen, S. 102, 103. Passage aus dem Kapitel „Das erste Kleid“, das sie 1958 beim Treffen der Gruppe 47 in Großholzleute las und dafür beinah den Preis der Gruppe bekommen hätte. Günter Grass las auch, aus der unveröffentlichten Blechtrommel, erhielt den Preis. War aber knapp. Anhand der Rezensionen, die betonen, dass es sich um eine Art Portrait der Wirtschaftswunderzeit handelt, hatte ich nicht mit derart intensiven emotionalen Notizen und für mein Gefühl völlig zeitlosen Empfindungen gerechnet. Gefällt mir sehr.

14. November 2025

Bisschen müde, bisschen traurig. Aha, Davina Shakira Geiss hat sich die Brüste machen lassen. Und die Nase. Vermute, Nase ist auf Dauer harmloser. Allerdings weiß ich nicht, womit die Oberweite erweitert wurde. Solche Neuigkeiten erfahre ich nebenher, wenn ich mich bei gmx einlogge. War ein anstrengender Tag, obwohl es eine Etappe gab, die mir eigentlich lag. Zwei Keramik-Rohlinge bemalt, nächste Woche gebrannt. Ich fehle leider bei Saskias heutigem Konzert im Terzo Mondo, bin einfach zu erschöpft. Den Teppichzuschnitt vorhin abgeholt, sauschwer, so eine Rolle von 180 x 320 cm Seegras-Bodenbelag mit der U-Bahn inclusive Umsteigen zu transportieren. Ich schätze 30 bis 40 Kilo. Morgen Küche ausräumen, den Tisch, die Stühle, zuschneiden, verlegen. Ideale Beschäftigung bei Rückzugsverfassung. Heute Mittag Migräneattacke früher mit Sumatriptan angegangen, aber entsprechend müde, macht mich einfach schläfrig. Der Termin beim Neurologen nächste Woche ist übrigens deswegen. Mal was Neues andenken, soll wohl auch eine vierteljährliche Spritze geben. Wenn die prophylaktisch wirken würde, Hoffnung in Sicht.

13. November 2025

Nichts Besonderes. Auf der Treppe nach oben zum S-Bahnsteig Hackescher Markt mit der baumelnden Tasche verheddert, auf den letzten Stufen ins Straucheln gekommen und hingefallen. Zwei sehr freundliche junge Männer halfen mir beim Aufstehen. Nix gebrochen, aber wieder ein Schrecken. Konnte in der S-Bahn nicht lesen, alles hat geflimmert, bin aber nicht auf den Kopf gefallen. Buch weggelegt, gehofft, dass es nur die insgesamte Erschütterung war. Nach zwei Stunden hat es sich wieder beruhigt und ich konnte wieder normal sehen, ohne Flimmern. Ist wohl auch deswegen passiert, weil ich auf der Treppe erinnerte, dass ich früher immer genau da zwei Stufen auf einmal nahm, mit Elan, mühelos. Kurz Tempo zugelegt, keineswegs um das noch mal zu versuchen. Aber genug von derlei seniorenhaften Begebenheiten.

Der eine der beiden jungen Männer, dunkelhaarig, wirkte äußerlich türkisch, der andere war dunkelblond, strahlte komplett Urberliner aus. Kann ich schwer beschreiben. So eine Art, sich souverän wie im Wohnzimmer zu bewegen und ein bisschen frech-charmantes Grinsen. Beide waren zauberhaft und nahmen sich Zeit, mir auf die Beine zu helfen. Endlich mal keine Rüpel!

Was vor ein paar Tagen auch noch erfreulich war: eine junge Kollegin, die ich sehr mag, sie ist ca. 27 und hat arabische Wurzeln, in Berlin aufgewachsen, erzählte mir mit ihren noch mehr als sowieso schon funkelnden Märchenprinzessinnen-Augen begeistert von ihrem Urlaub in Los Angeles und San Diego, wo sie auch Familie hat. Sie war nicht zum ersten mal da. Ihre Begeisterung war derart groß, dass ich sie fragte, ob sie sich vorstellen könne, hinzuziehen. Sie: „JA!!! Sofort! Das ist genau mein Ding – ich sage Dir….! Ich liebe es total, alle positiv und locker, genau mein Vibe!“ Und fügt leiser hinzu: „aber meine Mutter, weißt Du, die möchte ich nicht alleine lassen“ (ihr Vater starb vor vier Jahren, wie meiner, aber ihrer war erst sechzig).

Wir haben einen echten Draht und erzählen uns oft Sachen wie Freundinnen, ich habe nie das Gefühl, dass wir diesen großen Altersunterschied von dreiunddreißig Jahren haben, sie behandelt mich auch nie so. Und ich sie auch nicht. Jedenfalls meinte sie dann noch zu mir: „ich weiß, das wäre dort auch GENAU DEIN DING, wir beide passen da total hin!“ Das rührte und freute mich so, dass sie mich wie eine Seelenschwester gedanklich vereinnahmte, auf kompletter Augenhöhe positionierte. Fühlte mich in dem Moment auch wie siebenundzwanzig und verstanden und gesehen wie selten. Ob das dort wirklich in allen Aspekten mein Ding wäre, sei dahingestellt, aber ich habe mich in Amerika, zumindest im Südwesten, unendlich wohl gefühlt, gar nicht fremd. Alles easy. Oder vielleicht besser gesagt, es war so ein Grundempfinden, dass man sich das Leben nicht ohne Not gegenseitig schwerer macht, als es sowieso schon ist. Dennoch habe ich keinerlei Auswanderungspläne. Aber dass ich noch nie in Kalifornien war, ist schon komisch, muss ich bald mal nachholen. Wo sie doch meint, dass ich auch ein California Girl bin. So süß.



12. November 2025

Happy Birthday, Neil Young. Ich fange gar nicht an zu erklären, wie mich seine Musik begleitet hat. In den Siebziger Jahren, dass ich die erste LP von ihm bekam. Harvest… Jahre gehört. Alle davor und die meisten danach. Cowgirl in the Sand, Ohio, Hey Babe, Tell me why, Helpless helpless, hE-hE-lpless, After The Goldrush. Rust never Sleeps am offenen Fenster im holzverschalten Dach zum Sommerhimmel meiner Jugend. You can’t live on Sugar Mountain. Powderfinger, Cortez, Pocahontas. Better to burn out, Trasher. Harvest Moon, Comes a Time. Dann nicht mehr so verfolgt, This Old Guitar, aber das Gewitter der Gitarre für Dead Man am Southrim des Grand Canyon …like a Hurricane. You are the Ocean, Neil Young. Keep on rockin in the free world, LOTTA LoVE.

10. November 2025

Richard Burton und Liz Taylor. Aufgenommen 1967 von Henry Clarke für Vogue in Saint-Jean-Cap-Ferrat, Villa La Fiorentina. Die beiden spielten Gin Rummy, ein Kartenspiel. Ob sie heute auf Smartphones blicken würden? Immerhin für mich (beruhigenderweise) noch unvorstellbar, dass ein Fotograf heute eine Paaraufnahme inszenieren würde, die beide in die jeweils eigene Social Media Welt vertieft zeigen würde, obgleich heutzutage vielfach Alltag. In einem herausgehobenen, fotografischen Setting eher nicht. Keine Idealvorstellung, im selben Raum zu sein und sich mit anderen zu beschäftigen, anstatt dem Gegenüber. Obwohl man zugestehen muss, wenn Zweisamkeit über weite Strecken Alltag ist, phasenweise nachvollziehbar. Bei unregelmäßiger Zweisamkeit weniger. Heute, am 10. November wäre Richard Burton hundert Jahre alt geworden, geboren am 10. November 1925. Er wurde nur achtundfünfzig Jahre alt. In der deutschen Presse habe ich keine Erwähnung gefunden. Die BBC hat eine neue Dokumentation anlässlich des großen Geburtstags und es gibt ein Biopic über ihn und Liz, auch in der ARD zu sehen. Hat mich aber nicht gepackt, Helena Bonham Carter hat keinen Funken der Ausstrahlung von Liz, wenn sie auch in anderen Rollen brillieren mag. Keine Empfehlung. Lieber die Originale würdigen.

08. November 2025

Und der Wetterbericht für Berlin ist heute komplett falsch! Es gibt keinen allerwinzigsten Sonnenstrahl, Wetter-Seiten behaupten „vorwiegend sonnig“. Gelogen! Vorhin in meinem Eintrag ein Zitat vergessen. S. Matthiessen erwähnt im Buch ihr Lebensmotto, das mich immerhin amüsierte: „(…) Ich nehme nur das Nötigste mit. Ich gehe davon aus, dass ich in einem halben Jahr mit Sicherheit wieder Arbeit habe und mich dann bis zur Rente auch wieder finanzieren kann. Ein paar Anziehsachen, meine Lieblingsbücher, darunter auch das alte Poesiealbum sowie das Foto von meiner Mutter und mir bei der Einschulung, das kleine Schild mit meinem Lebensmotto »REVANCHIER DICH! IM GUTEN WIE IM BÖSEN!«“

08. November 2025

Ein derartiges Rückzugsbedürfnis hatte ich lange nicht. Viel inneres Verarbeiten. Verfassung zwischen orientierungslos und Weitermachen und sich nicht aufgeben. Wenn Du denkst, es geht nicht mehr, kommt irgendwo ein Lichtlein her. Soll jetzt auch nicht zu dramatisch rüberkommen, Entschuldigung. Meine Eckdaten sind ja gut. Denke nur an genau vor einem Jahr, als am siebten November die Möglichkeit einer großen Ausstellung konkrete Formen annahm, und mich von da an ununterbrochen auf eine schöne, aufregende Art beschäftigte. Im Augenblick gibt es keinerlei Dynamik in eine ähnliche Richtung. Emotional hänge ich irgendwo im Nirgendwo. Da können auch liebe Freunde wenig ausrichten. Nein, ich muss nicht unter Leute, wenn mir nicht danach ist. Aber kommt schon wieder, keine Sorge. Nun lese ich auch noch ausgerechnet ein Buch einer Frau meiner Generation, Susanne Matthiessen, geboren 1963, deren beide autobiographischen Sylt-Bücher ich zuletzt las, sie hat noch ein drittes Buch veröffentlicht. Sie zog ein Jahr später (1987) als ich (1986) nach Berlin, nach einem Intermezzo in Kiel, arbeitete als Journalistin, heute vor allem freie Autorin, soweit ich es identifiziere. In Berlin ist sie völlig anders gelandet als ich, obwohl ich auch ein Intermezzo in Kreuzberg hatte, aber nur sechs Wochen lang. Mein Auftakt im aufgeräumten, beschaulichen Zehlendorf mit regelmäßigen Ausflügen ins hedonistische Schöneberger Nachtleben, hatte so gar nichts mit der rebellischen Szene gemein, die alljährlich zum ersten Mai Thema in der Tagesschau war. Susanne Matthiessen landete allerdings in genau dieser Szene, und zwar dem feministischen Ableger. Im Buch Lass uns noch mal los erzählt sie davon, wie sich aus den Bestrebungen nach einem autonomen feministischen Leben ein Wohnprojekt nur für Frauen entwickelte, das sie im Buch „Die Burg“ nennt. Es gibt in Kreuzberg ein vergleichbares Projekt, den „Beginenhof„, die Eckdaten entsprechen dem, was sie beschreibt. Habe gut die Hälfte hinter mir. Ihre Schreibe liest sich so weg. Allerdings wird es inhaltlich offenkundig zunehmend fiktiver mit derart schrägen Begebenheiten in diesem Haus, dass es teilweise Richtung Slapstick driftet. Wie auch immer – im Buch verliert sie kurz vor ihrem sechzigsten Geburtstag ihren wichtigsten Job, der ihre Existenz sichert (unklar, ob fiktiv). Sie erhellt ihre um diese Einschnitte kreisenden Gedanken, gezwungenermaßen zusätzlich durch die sie umgebenden alternden Mitbewohnerinnen verursacht, unter denen inzwischen auch Hochbetagte sind. Als ich das Buch anfing, hatte ich keinerlei Kenntnis darüber, dass es in der feministischen Kreuzberger Szene verankert ist, erhoffte vielleicht mehr Parallelen zu meinen Erinnerungen. Lesen ist jedenfalls im Augenblick großer Teil meiner Freizeitbeschäftigung.

Mein Gesichtsausdruck auf dem Foto hier von gestern Nachmittag bringt meine Verfassung gut rüber. Ich gucke ein bisschen wie das gestrandete, mutterlose Robbenkind am Roten Kliff, das wohl auch nicht wusste, wie ihm gerade geschieht, als es in eine Wanne gesetzt und von einem der Robben-Retter mitgenommen wurde.

07. November 2025

Gewebtes Seegras mit Fischgratmuster „Fine Arrowhead“. Heute vor Ort bei Teppichkontor in der Gneisenaustraße bestellt. So angenehm, wenn man barfuß darauf läuft. Der Belag in meiner Küche, auch Seegras, hat nach sechsundzwanzig Jahren zunehmend kleine Löcher. Der alte hat ein einfacheres Webmuster, aber Fischgrat hat mir schon immer am besten gefallen. Kann ich Mittwoch abholen, verlege ich wieder selbst. Dafür vorhin die große schwere Schere aus dem Atelier geholt, damit geht das gut. So ein Gewebe lässt sich nicht mit einem Teppichmesser effizient und exakt zuschneiden. Ich bin da überaus perfektionistisch veranlagt.

06. November 2025

Neuigkeiten: „CURD JÜRGENS WAR DER BRUDER VON UDO JÜRGENS“ verkündete der Google-Mastermind gestern. Ganz starke Kombinationsgabe! Ich entdeckte gestern einen mir bis dato unbekannten Film aus dem Jahre 1956 mit Curd Jürgens: „Ohne Dich wird es Nacht„, bei dem Curd Jürgens – übrigens kein Künstlername – selbst Regie führte und auch die Hauptrolle übernahm. Er spielt einen morphiumsüchtigen Rechtsanwalt, seine versteckte Sucht ist Thema des Films. In einer Szene in einer Bar setzt er sich als Gast ans Klavier und spielt einige Takte Bach. Trotz des interessanten Themas spielt er etwas hölzern, nicht Klavier, seine Rolle, auch dramaturgisch insgesamt etwas lahm, dieser Film. Mich interessierte, ob er tatsächlich Klavier spielen konnte oder nur mimte. Der Google-Trottel meinte, es sei nicht bekannt, dass er je Klavier gespielt hätte, aber SEIN BRUDER, UDO JÜRGENS, der könne sehr wohl Klavier spielen. Ich kann das nicht mehr kommentieren. Allerdings möchte ich anmerken, dass Curd Jürgens in dem ebenfalls 1956 erschienen Film „Teufel in Seide“ abermals am Klavier erscheint, er spielt einen Komponisten. Auf FemBio ist im Portrait der Sängerin, Pianistin und Filmproduzentin Elfi von Dassanowsky erwähnt, dass Prof. Elfriede Maria v. Dassanowsky Curd Jürgens Klavierstunden gab. Ob der Unterricht Früchte trug, kann ich nicht beurteilen. Seinen „Bruder“ Udo können wir leider Gottes nicht mehr fragen.

05. November 2025

Das Geheimnis des Brieföffners. Kein neuer Krimi von Edgar Wallace († 1932), sondern ein echtes Mysterium. Diesen schwer in der Hand liegenden Brieföffner unbekannter Provenienz fand ich vor einigen Jahren zufällig in einem Tohuwabohu ausrangierter Büro-Utensilien, die in einem Karton gelandet waren, die meisten kaum mehr verwertbar. Ich nahm mich des zeitlosen Stückes an, da ich keinen Brieföffner mehr besaß. Nur besondere Post öffne ich damit. Keine Betriebskostenabrechnungen. Vorgestern wollte ich ihn anderweitig benutzen, nämlich ein Buch damit aufhalten, das ich las, während ich es mir auf dem Teppich in der Sonne gemütlich gemacht hatte. Dabei fiel mir zum ersten mal die kleine Gravur ins Auge. Vielleicht ist das Symbol auch aufgedruckt. Ich war plötzlich neugierig, ob ich anhand des Zeichens den Hersteller ermitteln konnte. An keiner anderen Stelle war ein Hinweis. Ich machte diese Fotos und zeigte sie der Google Bildersuche. Und von da an wurde es wirr. Bevor dieses Hilfsmittel bei den Suchergebnissen mit pseudo-intelligenten Texten über den Vergleichs-Fotos angereichert wurde, hatte man direkt passende Bilder vor der Nase. Nun wird man mit fragwürdigen zusammengewürfelten und zu einem hohen Prozentsatz falschen Behauptungen beglückt, worum es sich vorgeblich handelt. Das Falsche liegt zumeist im Detail. Immerhin war beim ersten Foto, das ich für die Suche angeboten hatte, noch korrekt „Brieföffner“ identifziert worden. Einen kurzen Moment war ich von der Aussage fasziniert, es handle sich um einen Brieföffner der Marke Montblanc. Bekanntermaßen ein hochpreisiger Hersteller von Schreibgeräten. Das Symbol auf dem Brieföffner hat nicht die allerkleinste Ähnlichkeit mit dem Montblanc-Firmenlogo, auch nicht mit historischen Ausführungen. Danach lud ich das Bild hoch, das nur den Anschnitt des Griffs zeigt. Prompt kam die Mitteilung, es handele sich um ein Zippo-Feuerzeug, Modell Soundso. Ich lud wieder ein anderes Foto hoch, Brieföffner in anderer Perspektive, Symbol sichtbar, dritte Antwort: es sei ein Kugelschreiber der Marke XY, irgendwas französisches aus der „Bee“ Edition oder so ähnlich. Setzen, Sechs. Ich bot nun nur das Logo an, ohne Drumherum. Allen Ernstes wurde behauptet, es sei das alte Symbol der Medizin, der Äskulap-Stab. Hilfe. Dann machte ich mir die Mühe, das Logo nachzuschärfen und nochmals hochzuladen.

Ich erhielt nunmehr die Antwort, es sei das Logo einer finnischen Universität, nämlich der „Tampere University of Applied Sciences“. Das konnte ich nicht ultimativ verifizieren, auf der Website der Universität kommt dieses Zeichen nicht vor. Aber immerhin auf ungefähr fünf Bachelor-Arbeiten, die dort eingereicht wurden. Vielleicht ist es ein altes Logo, das auf den Vorlagen für die Bachelor-Abschlussarbeiten vorgegeben ist. Hier ist eine verlinkt, das Symbol entspricht dem von meinem Brieföffner. Aber vielleicht ist es auch einfach nur ein beliebtes Deko-Element, das früher häufig zur Auswahl stand. Unter den gefundenen Fotos von Google Lens fand ich nur einen etwas ähnlichen Brieföffner aus dem Hause Faber Castell, mit abweichenden Details. Aber Faber Castell-Produkte haben durchweg den Faber Castell-Schriftzug an irgendeiner Stelle. Womöglich waren solche Brieföffner mal ein Abschiedspräsent an emeritierte Professoren der Universität in Tampere und einer von ihnen hatte eine Affäre mit einer Berlinerin und schenkte den Brieföffner als Andenken an sie weiter. Hat ja auch etwas symbolischen Wert, so ein quasi kleines „Schwert“.

Ich werde es wohl nicht mehr herausfinden, aber das war wieder einmal eine Bestätigung, dass man mit diesen übergeholfenen, unausgereiften Zusatz-Klugscheißereien in den Suchergebnissen vor allem Zeit verliert und wenig plausibles Wissen erhält, das man nicht auch anderweitig erlangt hätte. Ist aber auch keine Neuigkeit. Mir wird nur ganz anders, wenn ich mir vorstelle, wie viele denkfaule Leute das erstbeste Ergebnis dieser zum Teil hanebüchenen Behauptungen als das Ergebnis fundierter Recherche fehlinterpretieren. Ich hatte auch schon absurde Debatten mit diesen Tools, wenn ich mal die Muße hatte, zu widersprechen. Ein Schwall von Entschuldigungen, ein einzigartiges devotes Gewinsel und die nächste Falschbehauptung. Hätte ich fast gespeichert, so absurd war es.

Ich sah eine Folge „Voice of Germany“, in der die Coaches ihre Schützlinge in einem schicken weißen Schloß coachten, das man kurz aus der Drohnenperspektive in der Totale sehen konnte und dann die hochherrschaftlichen Innenräume. Ich war neugierig, welches Schloß das ist. IMDB hat keine Info parat gehabt, in der Sendung wurde es nicht erwähnt. Ich war mir sicher, dass es in der Nähe von Berlin oder in Brandenburg sein müsste, weil die Sendung überwiegend in Adlershof produziert wird, jedenfalls in Berlin und Umland. Ich googelte „Voice of Germany 2025 Coachings weißes Schloß Brandenburg.“. Als Ergebnis erhielt ich die Antwort, dass die Sendung im Studio aufgezeichnet wird und nichts von einem Schloss bekannt ist. Ich widersprach, dass ich es ja soeben selbst gesehen hätte, dass in einem WEISSEN Schloß gedreht wurde. Nun lenkte der programmierte Schwachkopf ein und diente mir als Antwort an, es könnte vielleicht doch sein und es würde sich um Schloß Soundso handeln. Ein ockergelbes Gebäude, wie ich feststellte. Ich daraufhin: „Nein, das ist es nicht, das Schloß ist WEISS“. Es folgte die nächste falsche Antwort, aber nie mit der Einschränkung: „dann könnte es vielleicht das und das sein…“ Ich wurde pampig und teilte mit, dass ich es verantwortungslos fände, im Brustton der Überzeugung Dinge zu behaupten, die nicht den Tatsachen entsprechen und dass die Programmierer mal ihre Schularbeiten machen sollten, schönen Gruß. Daraufhin wieder eine endlose Entschuldigungslitanei „Es tut mir so leid, das ist alles so bedauerlich, ich bitte vielmals um Entschuldigung, ja Sie haben Recht, ich werde es meinen Entwicklern mitteilen.“ In mir wurde langsam die Domina wach. Ich forderte forsch: „Machen Sie einen Screenshot von der Sequenz, das Schloß ist in den ersten fünf Minuten der Sendung zu sehen und geben Sie das Foto bei Google Lens ein!“ Antwort: „Es tut mir leid, ich kann keine Screenshots machen. Das ist leider nicht möglich, es tut mir so leid, dass ich Ihnen nicht helfen kann.“ Mir langte es. Ich sah die Sendung live und hatte keine Lust auf joyn zu gehen und die Konserve aufzurufen und das selbst zu machen, was ich dem KI-Trottel andienen wollte. Stattdessen googelte ich nochmal „Schlösser in Brandenburg“, Bildersuche. Es gab einen Artikel über die fünf besuchenswertesten Schlösser in Brandenburg, da war es dabei. Habe es sofort erkannt, Schloß Neuhardenberg. Auch die zur Vermietung stehenden Prunksäle entsprachen den Räumen in der Sendung. Das konnte ich natürlich nicht für mich behalten und drückte es dem KI-Hiwi auf. Er bedankte sich in der üblich unterwürfigen Art und gelobte Besserung, aber ich glaubte ihm kein Wort. Kein einziges. Niemals.

04. November 2025

Heute neues Buch angefangen, „Diese eine Liebe wird nie zu Ende gehen“ von Susanne Matthiessen, Untertitel „Roman einer Sylter Jugend“. Anfang Oktober hatte ich ihr erstes autobiographisches Sylt-Buch gelesen, „Ozelot und Friesennerz“, das von den Siebzigern auf Sylt handelt, wo sie inmitten des elterlichen Pelzgeschäfts aufwuchs, seinerzeit erste Adresse, Hot Spot in Sachen Pelze. Lektüre mit großem Gewinn. Der Nachfolgeroman schließt in den Achtziger Jahren an, von ihr erinnert und verfasst zur Corona-Sperre, was eingangs thematisch einfließt. Unter anderem erwähnt sie einen Kalauer, der im Lockdown die Runde machte. Ging so: Treffen sich zwei Friesen. Sagt der eine: „ich bin froh, wenn hoffentlich bald die Ein-Meter-fünfzig-Abstandsregel wieder aufgehoben wird.“ Sagt der andere: „Dann können wir endlich wieder auf unsere gewohnten vier Meter zurück.“

04. November 2025

Heiligenschein der Kunst. Schrein. Nach zehn Monaten bin ich dazu gekommen, die noch nicht gezeigten Bilder meiner Ausstellung vom Januar hochzuladen. Ich bin selbst wie erschlagen, was ich nur in der langen, großen Galerie im Erdgeschoss veranstaltet habe. Der Abtransport steckt mir bis heute mental in den Knochen. Am Ende bleiben Fotografien und Erinnerungen. Und die weiterhin existierenden Exponate. Das war nur ein Raum bei Sevenstar, aber neben der Kellerbar der größte. Jetzt ist alles online, außer den Filmsequenzen, die es auch gibt.

03. November 2025

»(…) „Diese Carmen Viol, eine interessante Person“, sagte er aus der köstlichen Distanz des losgelösten Wochenendes, während sie durch die Straßen schlendern, wie zwei unternehmungslustige junge Männer durch die Straßen schlendern, mit flatterndem Schal, Hut ins Auge gerückt, Mantel über dem linken Arm, mit der Rechten freizügig gestikulierend und Zigarettenrauch verstreuend. „Eine Frau, die sehr schön gewesen ist und es immer noch sein könnte, wenn sie daran glauben würde, aber sie kann es nicht glauben, sie hat Angst.“ (…) Obwohl er ab und zu die Notwehr gebraucht, Umstände verantwortlich zu machen, sind alle Schichten seines Wesens von dem unausgesprochenen, unausgedachten Wissen durchtränkt, daß Umstände nur Reflex eigener Ausstrahlung sind, die er aus zweiter Hand in Form von Widrigkeiten und Handicaps aller Art zurückerhält.«

Ruth Rehmann, „Illusionen“ S. 22; S. 24, Aviva 2022; Erstausgabe Suhrkamp 1959

01. November 2025

Lese „Die Tapetentür“ von Marlen Haushofer aus dem Jahr 1957. Schonungslose Selbstreflektionen über die Gefühle einer jungen Bibliothekarin, die sich auf eine zweite Ehe mit einem abgeklärten Juristen einlässt, schwanger wird, sich in frühere Zustände zurückträumt, ihre ambivalenten Gefühle notiert. Möglicherweise sehr gewagt für die damalige Zeit. Ich lese eine antiquarische Jubiläumsausgabe von Zsolnay, ebenfalls von 1957.