Noch ein Sommertag. Balkon. Bilder, Filmsequenzen. Kaum Texte. Ich vermute, es war um die Jahrtausendwende, als ich damit aufhörte, Tagebucheinträge auf Papier zu schreiben. Bis dahin betrieb ich das seit meinem elften Lebensjahr äußerst intensiv. Also gut und gerne fünfunddreissigzwanzig Jahre. Mit einer inhaltlich anderen Intensität, als ich je wagte, Blogeinträge zu verfassen. So nackt und ohne Rücksicht auf Verluste, wie man nur sich selbst etwas erzählen kann. Ich spüre einen Drang, mehr von dieser Qualität zuzulassen, doch das ist öffentlich nicht möglich, ohne Grenzen zu überschreiten, die ich nicht zu überschreiten bereit bin. Also schreibe ich weniger. Aber es gibt auch keine nur für mich bestimmten, privaten Einträge, Das ginge ja auch digital. Eine Datei. Obwohl ich sehr gerne mit der Hand auf Papier schrieb.

Das Dilemma ist, wenn ich mich so hineinschreibe, auch nur für mich, und ich mich an der Intensität des Beschriebenen berausche, empfinde ich Bedauern, dass es privat bleiben sollte. Ich meine der womöglich virtuose Text. Also schreibe ich nichts, behalte alles Ungesagte in mir. Alles Gedachte, Erinnerte, Erträumte, Phantasierte, Verfluchte. Der Dreh wäre, vorgeblich fiktiv zu werden, einen anonymisierten Fortsetzungsroman zu schreiben. Herrje. Unter Pseudonym womöglich. Nein Danke. Oder Songtexte. Ach nein. Wer soll die singen? Ich bestimmt nicht, obwohl ich gerne singe. Jemand anders? Wäre ja noch schöner. Kommt überhaupt nicht in Frage. Ein Dilemma. Idealerweise sorgt man für Lebensverhältnisse und Befindlichkeiten, die jedem 1000-Watt-Scheinwerfer stand halten. Andererseits – so ein makellos präsentierbarer Zustand, was gäbe es da noch zu berichten, was von Interesse ist? Kein Dilemma, keine Selbstzweifel, immer nur die Wahrheit und nichts als eine harmlose Wahrheit? Der Drang nach intensivem Empfinden lockt vermutlich auf innere Wege, die schwieriges Terrain nicht aussparen. Immerhin Meta-Texte lassen sich in aller Unverblümtheit schreiben.
16-09-17 SIR (57)
Scheißdreck. Ich dachte innerhalb der letzten beiden Wochen ungefähr dreimal darüber nach, was ich denn da schreiben würde, nähme ich mir eine private Datei vor, oder ein Blatt Papier. Ich glaube, ich möchte das gar nicht lesen, ich will so manches gar nicht manifestiert wissen. Nicht auch noch in Worten auf Papier. In gewisser Weise hofiert man damit etwas, was nicht in allen Aspekten gefeiert werden muss. Und wenn ich diese Aspekte ausspare, was bleibt? Wahrscheinlich Pornographie. Haha. Kapiert kein Schwein, egal. Denken Sie sich einfach etwas Schönes. Ich tus auch. Mit tropfender roter und schwarzer Zaubertinte in Abertausende Zellen meiner Erinnerung geschrieben.

2 Antworten auf „25. September 2016

  1. schöner Verschreiber eigentlich (guten Tag Herr Freud), eben korrigiert: „und ich mich an der Intensität der des Beschriebenen berausche“. Also nicht DER Beschriebenen in persona plural und auch nicht DES Beschriebenen in persona singular sondern DES beschriebenen Sachverhaltes. Nicht wahr.

  2. Noch eine Korrektur „gut fünfundzwanzig Jahre“ (nicht fünfunddreißig). So alt bin ich ja nun auch noch nicht. Der Siebzigste steht noch nicht vor der Tür. Obwohl Uschi Obermaier, die ja gestern Siebzg wurde, auch noch sehr gut in Schuss ist (ich liebe sie).

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