Interessant, wie sich Informationen auf einen zubewegen. Vorgestern Nacht wanderte ich – nur in Gedanken – durch meinen Bilderstrom. Ich denke zunehmend über Sinn und Unsinn einer derart umfangreichen fotografischen Dokumentation nach, wie ich es in den letzten Jahren betrieben habe. Besonders in den letzten Tagen ist mir die Zahl fünfzigtausend vor Augen, wenn ich meinen flickr account aufrufe. Die Anzahl der von mir dort hochgeladenen Bilder. Das ist schon eine Zahl. Und dabei handelt es sich nur um die Aufnahmen, die online sind, es gibt noch einige weitere Tausende, die vor diesem account entstanden sind, seit meiner digitalen Existenz. Gar nicht zu reden von den Jahren analoger Fotografie, nur einiges ist davon digitialisiert, vornehmlich Aufnahmen von Reisen, zum Beispiel der Westen von Amerika oder Island. All das ist nicht auf flickr. Aber eben diese fünfzigtausend Aufnahmen seit Mai 2005. Das bedeutet, meine persönliche Lebenschronik in Bildern. Manchmal tauchen Erinnerungen aus versunkenen Tiefen nach oben, von vergangenen Zeiten und Begegnungen, und ich entsinne mich dann bestimmter Ereignisse, was mir dann die Erinnerung an einzelne Bilder beschert. Ich kann sie immer sehr leicht finden, weil ich eine chronologische Archivierung pflege und außerdem alle Bilder mit Suchbegriffen versehe. So fiel mir vorgestern plötzlich ein Musiker ein – eigentlich zwei, es war ein Duo, das sich Minneswing nannte – aber der Gitarrist und Sänger war mir besonders in Erinnerung. Oder vielmehr, dass ich von ihm einige Momente auf der Bühne einfing, die sehr gelungen waren. Ich hatte vollkommen vergessen, wie sein Name war. Das Konzert liegt acht Jahre zurück. In acht Jahren ändert sich manches. Bands lösen sich auf, neue gründen sich. Man kann heutzutage ja alles im Internet verfolgen und rückwirkend nachvollziehen. Die meisten Bands haben auch inzwischen neben ihrer regulären Website eine Bandseite bei facebook, youtube-Channels, das Übliche. Mich interessierte, ob ich die Aufnahmen von ihm auch heute noch als gelungen beurteilen würde oder ob mich meine Erinnerung trügt. Ich sah mir die Bilder an, eine ganze Reihe, manche finde ich immer noch ausgezeichnet, einige leider zu verrauscht, aber auch darunter ein paar, die den Ausdruck sehr schön eingefangen. Ich fand in den tags seinen Namen, der mir entfallen war, und suchte bei facebook auch nach dem Bandnamen, und fand beides. Ebenso bei youtube, wo ich mir einige Clips der letzten Jahre ansah. Leider fast alle aufnahmetechnisch unterirdisch, sowohl visuell als auch vom Ton her. Zwei Videos fand ich am interessantesten, das eine eine Aufnahme vom letzten April aus dem Proberaum, mit einem neuen Bandprojekt, und das andere war ein Amateurvideo, aus dem Publikum mit einem Handy gefilmt, vom letzten Jahr. Der Sänger und Gitarrist, Max Flierl heißt er, tritt in dem Video in einem Lokal in Marbella auf. Er steht vor einem seltsamen Vorhang und spielt Gitarre und singt. Die von ihm vertonte „Ballade vom roten Mohn“, die allgemein gerne als eine Art Übersetzung von Villon-Versen gehandelt wird, was aber nicht gesichert ist, denn der Verfasser der „Ballade vom roten Mohn“, der Schriftsteller, Dichter und Übersetzer Paul Zech, schrieb eine Reihe eigener Verse, die er, um der Zensur zu entgehen, besonders wenn sie erotisch waren, als Übersetzungen aus dem Französischen ausgab. Nun ist diese wunderschöne Ballade vom roten Mohn nicht so heikel und schlüpfrig, dass diese Finte erforderlich wäre, insofern gibt es vielleicht wirklich eine inhaltliche Vorlage bei Villon. Aber in jedem Fall handelt es sich um Nachdichtung, eigene Dichtung, anders lässt sich Dichtung ohnehin nicht in eine andere Sprache übertragen. Ich las ein bißchen über Paul Zech und ließ nebenher mehrmals das Video aus Marbella laufen. Er singt sie sehr schön die Ballade, zu schade, dass die Aufnahme nicht besser ist. Vielleicht sollten wir uns irgendwann verabreden, um eine gelungenere Aufnahme einzufangen.
Im Sommer war das Gras so tief
Daß jeder Wind daran vorüberlief
Ich habe da dein Blut gespürt
Und wie es heiß zu mir herüberrann
Du hast nur mein Gesicht berührt
Da starb er einfach hin, der harte Mann
Weils solche Liebe nicht mehr gibt
Ich hab mich in dein rotes Haar verliebt
Im Feld den ganzen Sommer war
Der rote Mohn so rot nicht wie dein Haar
Jetzt wird es abgemäht, das Gras
Die bunten Blumen welken auch dahin
Und wenn der rote Mohn so blaß
Geworden ist, dann hat es keinen Sinn
Daß es noch weiße Wolken gibt

Es war bereits nach Mitternacht, als ich begann, über Paul Zech zu recherchieren. Als ich im Wikipediaeintrag eine Fotografie der Berliner Gedenktafel in Schöneberg sah, wurde mir bewusst, dass gerade sein Todestag ist. Der siebte September. Er starb am 07.09.1946. Genau vor siebzig Jahren, eben da ich anfing, über ihn zu lesen. Paul Zech lebte also auch eine Zeit lang in Schöneberg. Ich sah mir mit googlemaps die Lage der Gedenktafel in der Naumannstraße an, nicht weit entfernt, wo ich von 1986 bis 1992 gelebt hatte. Dann fand ich eine Seite im Internet, die sich nur mit Berliner Gedenktafeln befasst. Mir kam in den Sinn, dass es mittlerweile Gedenktafeln für Marlene Dietrich und Hildegard Knef an zwei Häusern in der Leberstraße, in denen sie ihre Kindheit verbrachten, gibt, die noch nicht existierten, als ich dort wohnte, weil beide damals noch lebten. Gedenktafeln werden ja leider immer erst nach dem Ableben angebracht. Ich rief mit googlemaps die Positionen der Gedenktafeln auf, und neugierhalber auch, wo meine angebracht wäre, wenn es denn eine gäbe. Meine läge ziemlich genau auf halber Strecke zwischen Hilde und Marlene. Und rechts unten im Ausschnitt des Plans war noch Platz für Paul Zechs Tafel. Ein bißchen geschummelt, denn eigentlich ist die Hausnummer ein paar Meter weiter unten, aber sei’s drum. Und das ist die Geschichte, wie es kam, dass ich zu Paul Zechs siebzigstem Todestag einen Eintrag auf facebook verfasste. Vielleicht der einzige Eintrag, der dazu gemacht wurde.
wichtige Gedenktafeln in Schöneberg

Eine Antwort auf „08. September 2016

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