Ich kann mich nicht aufraffen. Dachte, es wäre ein erster Schritt zur Tat, aufzuschreiben, was ich bis morgen noch alles machen muss. Der Countdown läuft. Ich habe keine Lust aufzulisten, was ich noch machen muss. Dass ich es geschafft habe „to do:“ links oben auf das Blatt zu schreiben, ist fast schon ein kleines Wunder. Aber dann war der Elan auch schon wieder verpufft. Im Grunde war er ohnehin nicht da. Aber erstaunlicher Anflug von Schwung bei der Idee, das leere Blatt Papier hochzuladen und mein Problem der Welt mitzuteilen. Das ist doch krank. Oder einfach nur ein Zeichen von Kontaktbedürfnis. Kontakt mit Menschen, die nichts mit dem Zeug zu tun haben, das da auf die blöde Liste gehört und demzufolge auch keine Veranlassung haben, meine Untätigkeit zu kritisieren. Wie haben wir das eigentlich genannt, als prokrastinieren noch kein Modebegriff war? Ich nenne es Verschieberitis. Aber morgen dann, auf den letzten Drücker. Ach, morgen ist ja auch noch ein Tag. Der wird ganz der Arbeit gewidmet. Heute fühle ich mich einfach nicht in Form. Ich muss ein paar Telefonate führen, das reicht mir schon für den Rest des Nachmittags. Ich telefoniere gar nicht gerne, obwohl die Leute gerne mit mir telefonieren. Na ja, kommt drauf an. Wenn jemand plötzlich unsachlich wird, auf so eine charmante Art, gefällt mir das in der Regel schon recht gut. Dafür bin ich immer zu haben. So ein bißchen herumwitzeln, ein paar Wortspielereien. Jetzt nicht unbedingt Dreideutigkeiten, aber so die grobe Richtung, das gefällt mir. Aber auch wieder nur, wenn ich jemanden entweder überhaupt nicht kenne und nicht weiß, wie er ausschaut, dann kann man ja in der Phantasie einen wahrlichen Traummann dazu visualisieren, da solche Gespräche nicht unbedingt zu Verabredungen oder geschäftlichen Treffen führen, wo dann wohl oder übel verifiziert wird, ob die Wahrheit weit oder sehr weit von der Phantasievorstellung entfernt ist. Oder wenn ich sehr genau weiß, dass derjenige durchaus attraktiv ist, aber aufgrund der bekannten Lebensverhältnisse geklärt ist (also er ist idealerweise liiert oder unter der Haube), dass das kein Auftakt für irgendetwas weiterführendes ist, sondern nur ein kleiner amüsanter Zeitvertreib. Einmal hatte ich einen Mann am Hörer, der eine Wahnsinnsstimme hatte, die ging mir durch und durch, ich war richtig motivert, das Gespräch künstlich zu verlängern, er aber auch, es war fast schon aufregend, ich hatte keinen Schimmer, wie er aussieht, er wollte eigentlich auch jemand anderen sprechen, aber ich ging ran. Als ich der eigentlich gewünschten Ansprechpartnerin mitteilte, dass Herr Westerwald* angerufen hatte, reagierte sie im völligen Gegensatz zu meiner Verfassung komplett unaufgeregt, ja geradezu gelangweilt.. Sie nahm den Zettel mit der Notiz mit müdem Blick zur Kenntnis. Ich erwähnte, dass er eine sehr attraktive Stimme hatte und sehr, also wirklich SEHR sympathisch rüberkam. Sie fragte mich beiläufig, ob ich Herrn Westerwald schon mal gesehen hätte. Nein, wieso? Wie sieht er aus? Statt einer Antwort googelte sie ein Foto von Westerwald. Die Stimme war aber trotzdem toll. Wie komme ich jetzt darauf. Ach ja, telefonieren. Ich hatte mal vor Jahren eine Liebe in der Ferne, vor Skype und so weiter, da hat man schon mal fünf bis sechs Stunden am Stück telefoniert, das kam öfter vor. Wir hörten uns einfach gegenseitig auch gerne. Zu erzählen habe ich immer was, merkt man ja hier, an meinen Einträgen. Hatte er aber auch. Das war mehr so eine kreative Konversation, die auch absurde Phantastereien nicht scheute. Aber für so pragmatische Dinge, wie sich zu verabreden, brauche ich kein Telefon, das mache ich lieber online. Freitag Nacht, wir warteten in einer kleinen Gruppe auf die S-Bahn, und es trat wieder einmal zutage, dass ich als einzige kein Handy habe, da meinte einer der Männer, ein Maler, zu mir: „hey….! WIE SEXY ist das denn!“. Ich: „Finde ich auch!“. Er war wahnsinnig stark behaart, fällt mir gerade wieder ein. Das Brusthaar quoll bis zum Halsansatz. Vielleicht fast schon ein bißchen zu viel Wolle. Jedenfalls hat er meinen Ansatz kapiert. Es geht mir natürlich darum, mit allen Mitteln meinen Sex Appeal zu steigern. Es ist unglaublich, wie viele Menschen ich in den letzten Jahren kennengelernt habe, mit denen ich noch nie telefoniert habe. Die haben nicht mal meine Telefonnummer. Ich ihre oft auch nicht, oder die hängt als Randbemerkung in irgendeinem online-Chat. Geht auch ohne, sieht man ja an mir. Ist aber auch abtörnend, wieviel dussliges Zeug von den Leuten in ihre Apparate gequatscht wird. Wenn die das per sms oder whatsapp oder fb-chat machen ist mir das auch lieber, dann muss man das dumme Zeug nicht zur Kenntnis nehmen. Diese desillusionierenden, pragmatischen Gespräche aus dem aufregenden Spektrum Kinder-Küche-Kontrollanruf. Koitus ist ja eher nicht das Thema, außer bei Frischverliebten und die treiben in einer anderen Sprache Konversation, wie es sich gehört. Und das Thema Kirche kommt natürlich auch zu kurz. Also im Grunde alles, was mich interessiert, haha. Im Ernst, in mir steckt eine Religions- und Ekstase-Forscherin, das wissen aber eben leider nur die, die meine 3536 Blogeinträge der letzten zwölf Jahre lückenlos gelesen, ja ich möchte sagen: studiert haben, oder die die exclusive Gelegenheit hatten, mich mehrfach persönlich zu treffen und zu sprechen. Die anderen müssen leider dumm sterben oder sich eben doch noch mal von Anfang bis Ende hier durcharbeiten. Natürlich gibt es bei meiner wissenschaftlichen Forschungsarbeit auch Projekte, über die ich mich hier nicht äußern darf, da noch keine wasserdichten Ergebnisse vorliegen. Aber früher oder später werde ich alle Studien veröffentlichen und mein Herrschaftswissen mit der Welt teilen. Ich bin nämlich in jeder Hinsicht ein sehr großzügiger Mensch. Ein besonders schöner Charakterzug, wie ich finde. Man muss sich auch ab und zu selbst loben, und die Vorzüge ein wenig herausstreichen. So, genug Text. Ich wünsche gute Unterhaltung.
* e r f u n d e n !

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