High on Rebellion

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»Der Künstler ist immer vollkommen in die Gesellschaft integriert, aber nicht in die Gesellschaft seiner Zeit, sondern in jene der Zukunft.« Ein Zitat von Ernesto Cardenal, einem nicaraguanischen, vom Papst wegen seiner politischen Aktivitäten suspendierten katholischen Priester und Dichter. Passt sehr gut unter das Bild von Trak Wendisch da oben. Er steht vor einem Selbstportrait, 1984 in Ostberlin entstanden, mit einem Koffer in der Hand. Das Bild heißt auch „Mann mit Koffer“. Symbolträchtig. Es hängt seit zwei Tagen in der großen Ausstellung „Gegenstimmen“, eine Retrospektive rebellischer Kunst in der DDR. Trak Wendischs Bild ist seit vielen Jahren Bestandteil der ständigen Sammlung der Berlinischen Galerie. Insofern könnte das Zitat kaum passender sein. Aber auch auf die gesamte Ausstellung bezogen. Sehr sehenswerte Exponate. Einer der beiden Kuratoren, Christoph Tannert erklärt: „Das ist eine Verbeugung vor den Künstlerinnen und Künstlern, die sich in erster Linie nicht haben einsacken lassen und vereinnahmen für ideologische Vorhaben“. Rebellion hat einen eigenen Sex Appeal, dem man sich – oder ich mich – nicht entziehen kann. Radikalität ist immer Symptom einer großen Kraft, die irgendwohin will, wo sie sich unbeschnitten entfalten darf. Ein Ausdruck von Potenz, wenn man so will. Wo die Kräfte mittelmäßig vor sich hinplätschern, gibt es keine anschwellenen Wellen, keine Aufregung, da wird niemand nass. Und auch schön, das Zitat dort, an die Wand genagelt: „Die Freiheit wird nicht kommen, Freiheit wird sich rausgenommen“ von Bert Papenfuß. Man muss das auf sich wirken lassen. Für eine alles entschuldigende Opferhaltung bleibt da nicht mehr viel Platz. Daher: High on Rebellion. Übrigens hätte ich das wieder gar nicht mitbekommen, wenn mich Jan nicht ein, zwei Stunden vorher deswegen angepostet hätte. Die einzigen Ausstellungen, die ich in diesem Jahr besucht habe, waren eine Finissage von Rosa von Praunheim und dann diese seltsame Installation in einer Schöneberger Privatwohnung mit Exponaten, Notizen und Collagen von Wolf Wondratschek. Inspirierend, diese Ostberliner Rebellen.

Eine Antwort auf „17. Juli 2016

  1. fb ~ 17.07.16 Gaga Nielsen
    Zitat. Berühren Sie das Bild.

    Jan Sobottka
    sehr schön!

    Gaga Nielsen
    Danke, Jani

    Georg Cosmic N.
    Wer sich zuviel Freiheit nimmt, stiehlt sie einem Anderen. (Cosmic) :-D

    Gaga Nielsen
    die eigene Freiheit geht bis zur Grenze des persönlichen Bereichs eines anderen Individuums. Innerhalb von diesem Radius kann man frei agieren. Man muss aber auch realisieren WIE weiträumig dieser Radius ist. Ich nehme an, du beziehst dich auf das Zitat aus einem anderen Post, aber in dieser Bilderreihe ist es auch drin. Daher habe ich es überhaupt, aus dieser Ausstellung.

    Georg Cosmic N.
    ja, vielleicht könnte man für diesen persönlichen bereich auch den Begriff Meinheit verwenden. Auf jeden Fall ist es ein grosses Problem, dass Individuen als auch Institutionen zuwenig acht darauf geben, wieviel Freiheit dem Ganzen gut tut oder nicht. Ein „ich bin so frei“, kann auch schnell eine Unverschämtheit werden.

    Ina Weisse
    Warum fällt jemandem bei dem Wort Freiheit gleich das Wort zuviel ein. Und ausgerechnet dann, wenn von der DDR die Rede ist. Vielleicht sollte er das doch nboch mal erklären….

    Georg Cosmic N.
    Ina Weisse meinst du mich mit jemand?
    es gibt noch eine andere Erklärung, wie man Freiheit verstehen kann. sie funktioniert nämlich nicht ohne Unfreiheit, jedenfalls nicht in unserer Welt. Es gibt das eine nicht ohne das andere.

    Gaga Nielsen
    ja, Ina, ich denke Georg fehlt der Kontext meines Postings, ich war (und bin) befeuert vom Wagemut der Künstler in dieser Ausstellung, man muss an und auch über Grenzen gehen, in der Kunst. Ich rede hier nicht von privaten Beziehungsgeflechten. Gerade hier geht es ja darum, dass ein System mit seinen rigiden Kontrollinstrumenten versucht hat, sensible, kreative Freiräume zu zügeln und damit eben – wie du es nennst – Freiheit gestohlen hat.

    Georg Cosmic N.
    Ja, ich meine DICH mit jemand. Wusste nicht genau wie ich dich anreden sollte. Und ich bleib dabei, auch ohne Kontext. Es ist einfach sprechend, welche Assoziationen einem zuerst in den Sinn kommen.

    und woher weisst du jetzt, was mir zuerst in den sinn kommt? aber egal… ich hab diesen freiheits Spruch schon vor ein paar tagen bei Gaga gelesen. kann also gut sein, das mir in der Zwischenzeit ganz viel durch den sinn ging diesbezüglich. hab eben jetzt erst einen funken spontan reingeschrieben. muss man auch nicht überbewerten. alles gut. Kunst regt zum denken an, und dann tut man das halt. im besten Falle tauscht sich der Mensch dann auch drüber aus. Aber mehr ist es dann auch nicht.

    Gaga Nielsen
    ich finde es schon interessant und inspirierend, vor allem, weil ich dabei keine Einschränkung der Freiräume anderer im Sinn hatte oder habe, sondern die Erweiterung der Freiräume jedes einzelnen, man muss sich tänzerisch virtuos dabei bewegen, es soll ja am Ende alles rocken und nicht der Lärm und das Leid in der Welt vermehrt werden. Ich glaube schon, dass einige die Ermutigung brauchen, zu realisieren, dass man Grenzen, die man für betoniert hält, verschieben kann. Die Welt und die eigenen Möglichkeiten sind verhandelbar, man muss aber auch in Frage stellen dürfen, wer die Grenzen wie eng definiert. Manchmal ist man es nämlich selbst. Mitunter baut man sich den eigenen Käfig. Da lohnt es sich darüber nachzudenken.

    Georg Cosmic N.
    ja

    Gaga Nielsen
    peace & love! (…& freedom!) <3

    Georg Cosmic N.
    oder peace, love & understanding

    Gaga Nielsen
    ja unbedingt auch. Auch. Ich bin immer für „und“ und „auch“, nicht „entweder oder“.

    da könnte man jetzt noch ganz viel ergänzen, hui! „Romantik Liebe (hatten wir schon, aber doppelt hält besser) Rebellion“!

    und Elektritzität! und Intensität!

    Jan Sobottka
    Jean-Jacques Rousseau:
    ‚Die Freiheit des Menschen liegt nicht darin, dass er tun kann, was er will, sondern, dass er nicht tun muss, was er nicht will.
    … mal ein anderer Aspekt

    Gaga Nielsen
    Noch ein Zitat, mit dem auch mein Eintrag im Blog beginnt, das in diesen Zusammenhang passt, weil die Be- oder Verurteilung von vermeintlicher Anmaßung und Grenzüberschreitung von Künstlern in ihrer Zeit oft evolutionsbedingt gegenstandslos wird. Zum Glück. „»Der Künstler ist immer vollkommen in die Gesellschaft integriert, aber nicht in die Gesellschaft seiner Zeit, sondern in jene der Zukunft.« Ein Zitat von Ernesto Cardenal, einem nicaraguanischen, vom Papst wegen seiner politischen Aktivitäten suspendierten katholischen Priester und Dichter. “

    Jan Sobottka
    DDR

    Die Verfassung der Deutschen Demokratischen Republik von 1949 schützte in Art. 34 formal die Kunstfreiheit: „Die Kunst, die Wissenschaft und ihre Lehre sind frei.“[1] Diese Kunstfreiheit stand jedoch nur auf dem Papier. In der Praxis war die Kunst den Vorgaben der Staatspartei SED unterworfen. Neben einem Verbot von Kunstformen, die Kritik an der herrschenden Ordnung ausdrückten, schränkte vor allem die Vorgabe, dass Kunst dem sozialistischen Realismus entsprechen müsse, die Kunstfreiheit massiv ein (siehe hierzu Formalismusstreit).

    In der Verfassung von 1968 wurde konsequenterweise die Kunstfreiheit nicht mehr aufgenommen. Art. 18 erwähnt die Kultur nur noch als „sozialistische Kultur“ bzw. „sozialistische Nationalkultur“ und macht so deutlich, dass nur Kunst im Dienste des Sozialismus einen Schutz durch die Verfassung und eine Förderung durch den Staat genoss. Laut Verfassung galt: „Das künstlerische Schaffen beruht auf einer engen Verbindung der Kulturschaffenden mit dem Leben des Volkes“. Welche Kunst diesem Anspruch entsprach, war Entscheidung der Regierung.[2] Eine freie Kulturausübung konnte als zu bekämpfende „imperialistische Unkultur“ definiert werden.

    Gaga Nielsen
    Danke für diese Erhellung, ich kannte diese Paragraphen nicht. „sozialistische Nationalkultur“ – ohne Worte. Dann schon lieber „Autoperforationsartistik“ (…)
    http://www.bpb.de/geschichte/deutsche-geschichte/autonome-kunst-in-der-ddr/55816/autoperforationsartistik
    Autoperforationsartistik – Dossier: Autonome Kunst in der DDR

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