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Irgendwann dazwischen, zwischen Singsang heute Nachmittag. Die Sonne verwöhnt Berlin. Vielleicht das ganze Land. Die Berlinale-Gäste werden sich freuen, die schönen Frauen auf dem roten Teppich. Sie können ihre Roben ein paar Minuten zeigen, ohne sich gleich zu erkälten. Man steht immer noch an, wenn man Berlinale-Karten haben will, höre ich. Manche haben Verbindungen und werden beglückt, aber der Rest steht sich die Beine für das begrenzte Kontingent in den Bauch. Ein Glück, dass das an mir vorbeirauscht. Wundert mich selber seit einigen Jahren, dass es mich nicht mehr elektrisiert. Erschreckend, wie ignorant und selbstgenügsam ich mitunter bin. Man darf es gar nicht laut artikulieren. Aber mit Arroganz oder Ignoranz hat es weniger zu tun, als mit einem zunehmenden Geiz, was meine frei verfügbare Zeit angeht. Es ist ja nicht so, dass bei der Berlinale bessere Filme laufen, als im regulären Kinoprogramm, eher im Gegenteil. So ein Festival bietet eben auch eine Plattform für Experimente, bei denen man noch nicht recht weiß, ob sie ein Publikum finden. Viel Freude allen, die sich die Mühe machen, sich damit zu befassen. Sicher auch nicht zuletzt wegen der Elektrizität von Mediendichte, der Hoffnung, irgendeine prominente Figur aus dem internationalen Film zu sehen. Mir ist das zu unpersönlich, so auf Distanz, zum roten Teppich oder dem Podium einer Pressekonferenz. Ich hatte vor zweiundzwanzig Jahren einen Liebhaber, der immer auf der Berlinale zu tun hatte, als Dolmetscher und Übersetzer. Er musste unter anderem auf der parallel laufenden Verleiher-Messe Übersetzungen für noch nicht synchronisierte oder noch nicht untertitelte Filme aus dem Spanischen machen, die er dann dolmetschenderweise während der Film lief, vortrug. So habe ich es zumindest verstanden. Und wenn dann ein spanisch sprechender Filmstar oder Regisseur anwesend war, hat er häufig den Auftrag gehabt, bei Interviews zu dolmetschen. So hatte er regelmäßig mit Carlos Saura und anderen Protagonisten aus Spanien und Lateinamerika zu tun. Mit Saura hat er dann auch abseits der Berlinale freundschaftlichen Kontakt gepflegt. Und wen er da nicht alles noch getroffen hat. Aber ich hatte damit nichts zu tun, das wurde schön auseinanderdividiert. Wie überhaupt auch anderes. Oh ich könnte pikante Sachen erzählen, aber so interessant war er dann doch wieder nicht. Jedenfalls ein Schlitzohr. Meine wenigen Berlinale-Besuche datieren auf die Anfangsjahre, als ich gerade nach Berlin gekommen war, da wollte ich auch diese Luft schnuppern. Was mir sehr eingebrannt ist: die vielen, vielen Kabel auf dem Boden vom Zoopalast, von den ganzen Fernseh-Teams. Und viel Geschnatter, alles sehr voll und viele ernst und wichtig dreinschauende Film-Liebhaber. Bei einem Eröffnungsfilm dabei zu sein, ist schon festlich, dafür lohnt es sich anzustehen, wenn überhaupt. Wozu ich nicht nein sagen würde ist, wenn mich einer zu irgendeinem Empfang mit wirklich hochattraktiven Leuten bitten würde, da würde ich schon aus Berechnung hingehen. Als Gast wohlgemerkt. Aber sich als Fotograf zu akkreditieren, ist ein Zirkus, der mir schon aus Kenntnis aus zweiter Hand in jeder Hinsicht zu viel wäre. Die Geschichten aus der Foto-Lounge, da neben dem Hyatt reichen mir schon. Viel Gedöns um das passende, zulässige Licht für ältere Filmdiven usw. usf. Ich liebe es, solche Geschichten erzählt zu bekommen, aber ich möchte mich nicht an solchen Vorgaben abarbeiten müssen. Und ich bin ja auch viel zu beschäftigt, meine eigene innere Diva ins rechte Licht zu setzen. Was mich mit fortschreitendem Alter auch vor neue Herausforderungen stellt. Ist doch immer wieder interessant, worauf so ein planloser Eintrag thematisch hinauszulaufen beliebt, am Ende. Hätte ich selber nicht gedacht. Aber das Schönste an diesem Wochenende war ein Bild auf offener Straße. Ich war am späten Samstagnachmittag einkaufen in der Brunnenstraße. Als ich an der Ampel Ecke Bernauer Straße warte, dass es grün wird, es war gerade dunkel, höre ich von rechts das Klappern von Hufen. Mit furiosem Tempo fährt eine dunkelgrüne offene Kutsche mit zwei Schimmeln an mir vorüber. Der Kutscher sieht aus wie Johnny Depp in diesem einen Film von Jim Jarmusch, Dead Man. Er ist ungefähr um die dreißig, hat wehendes, braunes, langes Haar, und eine runde, kleine Brille auf, und einen schwarzen Zylinderhut. Verwegen galoppiert er mit seinen beiden Pferden über die dunkle Kreuzung, und ich sehe noch fasziniert, wie synchron die beiden Schimmel ihre Beine in der Kurve bewegen, ungeheuer rasant, und man bangt beinah, dass alles gut geht, mitten auf einer Kreuzung zwischen lauter Autofahrern, die es eilig haben. Ein Bild aus einer anderen Zeit. Da dachte ich, ich sollte vielleicht auch diesen Touristen-Programmpunkt in Wien wahrnehmen. Mit einem Fiaker fahren, Pferde sind so schön. Aber ob so ein Fiaker in Wien genauso verwegen langhaarig und malerisch daherkommen darf, wie dieser wilde Kutscher in der Brunnenstraße, das muss sich noch zeigen. Vielleicht schaue ich mal, wo er seinen Standort hat. Man kann ja überhaupt auch in Betracht ziehen, in der eigenen Stadt Sachen zu machen, auf die sonst nur Touristen kämen. Jedenfalls ging ich nach dem Eindruck dieses Bildes, das wie ein Traumfetzen in die Wirklichkeit trat, die Treppe hinunter zur U-Bahn, um eine Station zum Rosenthaler Platz zu fahren, und merkte auf einmal, dass mir Tränen in die Augen stiegen. So sehr hat mich dieses Bild angerührt. Und weil Berlin immer wieder für mich voller Wunder ist, von denen man vorher gar nichts weiß. Und es immer so sein wird.
edit: ich entschuldige mich für den kitschigen Schluss von diesem gestrigen, nächtlichen Blogeintrag. Wenn ich die Lektorin von diesem Privat-Blog wäre, würde ich das Gefasel ersatzlos streichen! (auch, wenn es stimmt! KEIN PARDON!)

10 Antworten auf „10. Februar 2014

  1. Ja, oft kann man über Dreharbeiten stolpern. Das wird immer mehr. So vor zwanzig Jahren habe ich das nicht derart häufig erlebt. Neulich bin ich auch wieder in Charlottenburg an einer Absperrung vorbeigekommen, da war gerade irgendein Hollywoodfilm mit großem Aufgebot in Arbeit, besonders viele Techniker. Ich hatte an dem Tag meinen (fake) Kuhfell-Mantel an, die Kameraleute und Beleuchter genehmigten sich eine Kaffee- und Zigarettenpause. Als ich vorbeigelaufen bin, in ungefähr fünfzehn Meter Entfernung, haben sie alle „muuuuhhhh!“ gemacht und breit gegrinst. Schon ein lustiges Völkchen. Ich bin auch mal unverwartet in einem Gebäude über Dreharbeiten mit Uschi Glas gestolpert, als ich aus dem Fahrstuhl kam. Sie saß auf einem Stuhl davor und wartete, bis sie wieder dran war. An der Scheibe klebte ein Schild „Polizeipräsidium“. Tatsächlich war es aber ein Gebäude-Teil der TU Berlin. Und dann fällt mir noch ein, wie ich einmal den Dreh einer Straßenszene über eine Weile im Blickwinkel hatte, interessant war besonders, dass eine junge Frau in High Heels und Kostüm eine Szene mit irgendeinem bekannten Kommissar hatte, und immer wenn die junge Schauspielerin warten musste, bis sie wieder dran war, hat sie sich große, flache Moonboots angezogen, um dann bei Dreheinsatz fluchs wieder in die Pumps zu schlüpfen.

  2. Genau, so ist es. Letzte Woche hat ein junger Mann mit Augenaufschlag die Passanten in den Sophie-Gips-Höfen becirct, bitte ein paar Minuten stehen zu bleiben, bis irgendeine Szene in dem pinkfarbenen Lichttunnel im Kasten ist. Das war noch mit persönlicher Ansprache, ein Filmstudentenprojekt. Da bleibt man natürlich gerne stehen, um die jungen Leute zu unterstützen. Was ich immer interessant finde, bei den großen Produktionen, dass in dem ganzen Tross neben den Lastern mit dem Equipment und Maskenwagen und Wohnwagen für die Stars auch immer große Catering-Fahrzeuge dabei sind, auch wenn in Straßen gedreht wird, wo Unmengen Gastronomie direkt vor Ort ist. Alles straff durchorganisiert. Und die großen Scheinwerfer für Nachtdrehs sind auch imposant!

    Komisch, obwohl mir die Vorstellung von einer Hochzeitskutsche wie ein abgedroschenes Bild vorkommt, habe ich das bislang nur auf Fotos gesehen. Und bei Kate und William natürlich. Aber blumengeschmückte Hochzeitsautos mit viel Gehupe kann man ab und zu noch auf dem Kudamm und im Wedding erleben. Aber auch nicht mehr oft. Gilt wahrscheinlich als ein bißchen prollig. Meins wäre es auch nicht. Überlege gerade, ob es unter überzeugten Fahrradfahrern auch Hochzeitsschmuck für den Lenker gibt. Wenn man dann noch ein veganisches Hochzeitspaar ist, darf man ja auch nicht Kutsche fahren! Obwohl ich nicht reiten kann und keinen Bräutigam habe, könnte es mir gefallen, hoch zu Ross mit meinem Prinzen heimwärts zu reiten! Ich stelle mir das einfach noch fotogener als mit Kutsche vor. Dynamischer! Mehr sexy! Es soll schon rocken, wenn man dringend Mords-Gedöns machen will!

  3. Sie sind auch mein Vorbild in Sachen Premium-Content. Ich übe ja bislang nur. Dabei predige ich seit Jahren: BRECHEN! Man muss alles immer brechen!

  4. oh… vielleicht kommen die Berlin-Träume, wenn man sich den anderen gequirlten Quark aus Vorzeiten bei Tageslicht ultimativ vor Augen führt. Bis es kein Potenzial für nächtliches Erleben mehr birgt, oder schwächer… bei mir vermischt sich alles. Ich bin überall und hier und dort, die Toten sind wieder lebendig und sprechen mit mir, wie die Kassiererin bei Rossmann oder ein letzter Liebhaber. Alles ist gleichzeitig da. Nur erinnern kann ich mich nur ungenau… Man kann Berlin ja auch am Tag träumen. Das ist gar nicht schwer. Nicht für mich. Nicht für jemanden, der Feuer gefangen hat. Wie du…! Oder man lädt die Träume extra ein, die einem überdrüssig sind. Sie werden rebellisch sein, und die Performance verweigern, womöglich…! Es käme auf ein Experiment an.

  5. Marilyn hat ja auch immer sehr viele Klappen gebraucht, und das noch nach Jahren. Kein Hinderungsgrund für eine große Karriere. Ich habe ja auch so meine Probleme, mir Text zu merken, deswegen Stummfilm. Jetzt wüssten wir natürlich alle gerne, in welchen Serien der Altmeister gespielt hat und in welcher Rolle! Vielleicht ein winzig kleiner Hinweis…?

  6. hm…. Jahrgang 1950? Kommt im Serientitel mit Michael Fitz ein vegetarisches Lebensmittel vor? Wenn das der (immer noch gut aussehende) Schauspieler ist, an den ich denke, kann ich nur sagen: mir sehr sympathisch! Wenn er seine Bekanntheit einem experimentellen Regisseur zu verdanken hat, dessen Vorname mit K. anfängt, weiß ich wer!

  7. Die Problematik ist ja oft zusätzlich nicht nur, sich den eigenen Text zu merken, sondern den der anderen, damit man seinen Einsatz nicht verpasst. Bei Filmaufnahmen kann man ja so lange am Rand stehen und den Dialog mit dem Zettel in der Hand verfolgen. Aber auf dem Theater! Katastrophe! Was hätte aus mir für eine große Bühnenkünstlerin werden können, wenn diese Texte nicht wären! Ich bin schier daran verzweifelt! Heute spreche ich, wenn überhaupt, nur noch meine eigenen Texte, frei improvisiert. Das hat sich bewährt, so fahre ich am besten!

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