04. April 2011

Hilfe aus Berlin.
Immer wieder Berlin. Berliner Blau 1706.
Uran 1789. Kernspaltung 1938. Radiogardase 2011.
Nicht nur Astrologen sind sich einig, dass der Stadt Berlin zwei Geburtsdaten zuzuordnen sind, da es zwei nachweisliche Gründungsdaten, gemäß urkundlicher Erwähnungen gibt.

„Im Jahr 1237 wurde Cölln an der Spree gegründet. 7 Jahre später, am 26. Januar 1244 wird Berlin erstmals urkundlich erwähnt. Im Jahre 1307 werden diese beiden Städte vereint; als Gründungsdatum Berlin’s gilt deshalb der 28. Oktober 1237. Beide Städte wuchsen jedoch unmittelbar nach ihrer Gründung durch eine gemeinsame Befestigung und eine Brücke über die Spree zusammen.“

28. Oktober 1237. 26. Januar 1244.
Interessant ist der grundlegende Spannungsaspekt von Skorpion und Wassermann. Die Sonnen stehen in einem nahezu exakten Quadrat auf jeweils fünf Grad des jeweiligen Zeichens zueinander. Vielleicht ist das die elektrische, unruhige Energie, die man hier dauernd spürt. Und die man hasst oder liebt. Das latent Aggressive, die Bereitschaft zum geistigen Kampf. Die verschärfte Ausdrucksweise. Selten ohne Witz. Tatsächlich sind die archetypischen Eigenschaften, die dominante Aura der Stadt, das ganze unwiderlegbare Charisma geprägt von den Energien Skorpion und Wassermann. Tiefschürfend, abgründig, auslotend, düster, leidenschaftlich, unnahbar, einzelgängerisch, triebhaft, jedoch immer kontrolliert, der Skorpion. Visionär, in die Zukunft strebend, verspielt, erfinderisch, unkonventionell, überraschend, optimistisch, das Kollektiv, das Verbindende suchend, der Wassermann.
Starke eigensinnige Kräfte. Das Skorpionische scheint sich oft im Äußeren auszuwirken, ein merkwürdiger Reiz, der die Bewohner mehr als in anderen Städten veranlasst, bei geringstem Sonnenschein mit Velvet Underground-Sonnenbrillen durch die Gegend zu tigern. Immer noch viel Schwarz. Dieser take-a-walk-on-the-wildside-Spirit. Iggys Passenger. Es fiel mir besonders auf, als ich meine Bilder der Demo am vorletzten Samstag anschaute. So viele arschcoole Berliner mit dunklen Brillen. Man könnte stellenweise denken, ich war nur auf irgendeinem coolen Open Air, von einer ziemlich angesagten Band. Wenn da nicht die, nicht ganz so coolen, älteren, bürgerlicheren Berliner dazwischen wären. Aber die sind auch cool, wie sie so absichtsvoll ein bißchen böse gucken. Denn sie sind böse. Und das rechne ich ihnen hoch an. Böse wie Loriot.

Denn es geht um keine lustige Sache. Kein Wochenendausflug um des Ausflugs willen, auch wenn wenn da lauter lustige, bunte Luftballons herumflogen, wie auf einem netten Kindergeburtstag. Ja, es ist auch ein schönes rebellisches Gefühl, ein Banner mit einer widerspenstigen, sinnigen Botschaft hochzuhalten. Es ist völlig legitim, seiner Angst um das Fortbestehen der Menschheit mit einem sehenswerten Auftritt Achtung zu verschaffen. Denn es geht um Achtung. Um Aufmerksamkeit für den Willen, unsere Existenz zu schützen. Damit wir noch ein Weilchen aus Gründen der Coolness Sonnenbrillen tragen dürfen und nicht, um uns vor lebensgefährlichen Strahlungen zu schützen. Ich war sehr glücklich in dieser Meute von jung und alt. Glücklich in Berlin. Ein Vierteljahrhundert schon. Als ich geboren wurde, am 1. September 1965, standen Uranus und Pluto in exakter Konjunktion. Was nicht sehr oft geschieht. Vielleicht ist mir der widerspenstige Geist dieser Stadt auch deswegen gleich so vertraut gewesen, von der ersten Stunde an, am 2. April 1986.
Was mir aber gerade auffiel, gerade eben: dass Pluto, der Herrscher des Zeichens Skorpion und Uranus, der Herrscher des Zeichens Wassermann damit an der Wiege Berlins standen. Pluto, Uranus. Uranium, Plutonium. Wassermann, Skorpion. Berlin, Berlin. Berlin hat die grausame Formel entdeckt. Und Berlin hat ein Gegengift gefunden. Nicht für alles, aber aus dieser Stadt kann Rettung für die Welt kommen. Der Geist ist da. Alle Geister sind versammelt. Sie waren auf der Straße und sie sind in den wissenschaftlichen Labors. Ich las vor einigen Tagen, dass das noch im Aufbau begriffene, größte online-Netzwerk für Wissenschaftler weltweit, eine Art facebook für Forscher, seinen Sitz in Berlin hat. Es gibt schon 800.000 registrierte Mitglieder. Inzwischen werden es noch mehr sein. Wenn ein Wissenschaftler in Japan über einer Formel brütet und nicht weiterkommt, teilt er sein Problem dem weltweiten Netzwerk aus Berlin mit und alle schmeißen ihr Fachwissen zusammen. Die Vorstellung rührt mich. Bitte tauscht euch ganz viel aus und forscht ganz schnell ganz viel über diese blöde Scheiß-Verstrahlung und wie man das Unglück stoppen kann. Bitte.
Ich möchte lieber dafür auf die Straße gehen, dass Knut nicht ausgestopft wird, wie es einige Berliner Knut-Fans am letzten Samstag getan haben. Ich bin auch dagegen, aber die Kraft der Wut fließt gerade woanders hin und man muß auch haushalten. Für läppischere Dinge möchte ich auf die Straße gehen. Für Tante-Emma-Läden, gegen Einkaufs-Silos. Für so Zeug. So Sachen, die nur den Augen weh tun, aber nicht die Existenz der ganzen Menschheit in Frage stellen. Ich lebe gerade so gern. Und immer mehr. Und bin doch so traurig wegen all dem. Wie kann man schwerelos in den Frühling taumeln, wenn gerade ein Teil der Welt untergeht. Und wir mit ihm. Jeden Tag ein kleines Stück. Japan ist nicht weiter weg als vorher. Es ist näher. Auch wenn man es mit aller Kraft wegzuschieben versucht. Man muss in den Abgrund schauen, um herauszufinden, wie tief er ist. Um herauszufinden, wie lang das Seil sein muss, das man brauchen wird, um den abgestürzten Kameraden hochzuziehen, aus der tiefen Schlucht, da unten in Japan. Und wie gut wir uns selber anseilen müssen. Jetzt. Gleich. Sofort. Gestern.

04. April 2011

Hilfe aus Berlin.
Immer wieder Berlin. Berliner Blau 1706.
Uran 1789. Kernspaltung 1938. Radiogardase 2011.
Nicht nur Astrologen sind sich einig, dass der Stadt Berlin zwei Geburtsdaten zuzuordnen sind, da es zwei nachweisliche Gründungsdaten, gemäß urkundlicher Erwähnungen gibt.

„Im Jahr 1237 wurde Cölln an der Spree gegründet. 7 Jahre später, am 26. Januar 1244 wird Berlin erstmals urkundlich erwähnt. Im Jahre 1307 werden diese beiden Städte vereint; als Gründungsdatum Berlin’s gilt deshalb der 28. Oktober 1237. Beide Städte wuchsen jedoch unmittelbar nach ihrer Gründung durch eine gemeinsame Befestigung und eine Brücke über die Spree zusammen.“

28. Oktober 1237. 26. Januar 1244.
Interessant ist der grundlegende Spannungsaspekt von Skorpion und Wassermann. Die Sonnen stehen in einem nahezu exakten Quadrat auf jeweils fünf Grad des jeweiligen Zeichens zueinander. Vielleicht ist das die elektrische, unruhige Energie, die man hier dauernd spürt. Und die man hasst oder liebt. Das latent Aggressive, die Bereitschaft zum geistigen Kampf. Die verschärfte Ausdrucksweise. Selten ohne Witz. Tatsächlich sind die archetypischen Eigenschaften, die dominante Aura der Stadt, das ganze unwiderlegbare Charisma geprägt von den Energien Skorpion und Wassermann. Tiefschürfend, abgründig, auslotend, düster, leidenschaftlich, unnahbar, einzelgängerisch, triebhaft, jedoch immer kontrolliert, der Skorpion. Visionär, in die Zukunft strebend, verspielt, erfinderisch, unkonventionell, überraschend, optimistisch, das Kollektiv, das Verbindende suchend, der Wassermann.
Starke eigensinnige Kräfte. Das Skorpionische scheint sich oft im Äußeren auszuwirken, ein merkwürdiger Reiz, der die Bewohner mehr als in anderen Städten veranlasst, bei geringstem Sonnenschein mit Velvet Underground-Sonnenbrillen durch die Gegend zu tigern. Immer noch viel Schwarz. Dieser take-a-walk-on-the-wildside-Spirit. Iggys Passenger. Es fiel mir besonders auf, als ich meine Bilder der Demo am vorletzten Samstag anschaute. So viele arschcoole Berliner mit dunklen Brillen. Man könnte stellenweise denken, ich war nur auf irgendeinem coolen Open Air, von einer ziemlich angesagten Band. Wenn da nicht die, nicht ganz so coolen, älteren, bürgerlicheren Berliner dazwischen wären. Aber die sind auch cool, wie sie so absichtsvoll ein bißchen böse gucken. Denn sie sind böse. Und das rechne ich ihnen hoch an. Böse wie Loriot.

Denn es geht um keine lustige Sache. Kein Wochenendausflug um des Ausflugs willen, auch wenn wenn da lauter lustige, bunte Luftballons herumflogen, wie auf einem netten Kindergeburtstag. Ja, es ist auch ein schönes rebellisches Gefühl, ein Banner mit einer widerspenstigen, sinnigen Botschaft hochzuhalten. Es ist völlig legitim, seiner Angst um das Fortbestehen der Menschheit mit einem sehenswerten Auftritt Achtung zu verschaffen. Denn es geht um Achtung. Um Aufmerksamkeit für den Willen, unsere Existenz zu schützen. Damit wir noch ein Weilchen aus Gründen der Coolness Sonnenbrillen tragen dürfen und nicht, um uns vor lebensgefährlichen Strahlungen zu schützen. Ich war sehr glücklich in dieser Meute von jung und alt. Glücklich in Berlin. Ein Vierteljahrhundert schon. Als ich geboren wurde, am 1. September 1965, standen Uranus und Pluto in exakter Konjunktion. Was nicht sehr oft geschieht. Vielleicht ist mir der widerspenstige Geist dieser Stadt auch deswegen gleich so vertraut gewesen, von der ersten Stunde an, am 2. April 1986.
Was mir aber gerade auffiel, gerade eben: dass Pluto, der Herrscher des Zeichens Skorpion und Uranus, der Herrscher des Zeichens Wassermann damit an der Wiege Berlins standen. Pluto, Uranus. Uranium, Plutonium. Wassermann, Skorpion. Berlin, Berlin. Berlin hat die grausame Formel entdeckt. Und Berlin hat ein Gegengift gefunden. Nicht für alles, aber aus dieser Stadt kann Rettung für die Welt kommen. Der Geist ist da. Alle Geister sind versammelt. Sie waren auf der Straße und sie sind in den wissenschaftlichen Labors. Ich las vor einigen Tagen, dass das noch im Aufbau begriffene, größte online-Netzwerk für Wissenschaftler weltweit, eine Art facebook für Forscher, seinen Sitz in Berlin hat. Es gibt schon 800.000 registrierte Mitglieder. Inzwischen werden es noch mehr sein. Wenn ein Wissenschaftler in Japan über einer Formel brütet und nicht weiterkommt, teilt er sein Problem dem weltweiten Netzwerk aus Berlin mit und alle schmeißen ihr Fachwissen zusammen. Die Vorstellung rührt mich. Bitte tauscht euch ganz viel aus und forscht ganz schnell ganz viel über diese blöde Scheiß-Verstrahlung und wie man das Unglück stoppen kann. Bitte.
Ich möchte lieber dafür auf die Straße gehen, dass Knut nicht ausgestopft wird, wie es einige Berliner Knut-Fans am letzten Samstag getan haben. Ich bin auch dagegen, aber die Kraft der Wut fließt gerade woanders hin und man muß auch haushalten. Für läppischere Dinge möchte ich auf die Straße gehen. Für Tante-Emma-Läden, gegen Einkaufs-Silos. Für so Zeug. So Sachen, die nur den Augen weh tun, aber nicht die Existenz der ganzen Menschheit in Frage stellen. Ich lebe gerade so gern. Und immer mehr. Und bin doch so traurig wegen all dem. Wie kann man schwerelos in den Frühling taumeln, wenn gerade ein Teil der Welt untergeht. Und wir mit ihm. Jeden Tag ein kleines Stück. Japan ist nicht weiter weg als vorher. Es ist näher. Auch wenn man es mit aller Kraft wegzuschieben versucht. Man muss in den Abgrund schauen, um herauszufinden, wie tief er ist. Um herauszufinden, wie lang das Seil sein muss, das man brauchen wird, um den abgestürzten Kameraden hochzuziehen, aus der tiefen Schlucht, da unten in Japan. Und wie gut wir uns selber anseilen müssen. Jetzt. Gleich. Sofort. Gestern.

01. April 2011


Einigermaßen überraschender Kommentar in der heutigen B.Z.:
German Angst.

„(…) Aber wie reagieren andere Nationen auf so etwas? Tanzen sie erst einmal Sirtaki, um die mediterrane Lässigkeit zu feiern? (…) „Typisch deutsch“: Dieser genervte Seufzer ist mir in letzter Zeit andauernd begegnet. Ausgestoßen wird er grundsätzlich von Deutschen, die ihre Landsleute wahnsinnig kleinkariert und peinlich finden. Sie selbst sind natürlich ganz anders, sonst würden sie ja nicht so darunter leiden …“Typisch deutsch“ – so wird zurzeit auch die neue Atomkraft-Debatte geschmäht. Über die Gefahren nachzudenken, wird als „German Angst“ belächelt. Während sich etwa die Franzosen die Laune nicht verderben lassen, nehmen die Deutschen das Unglück in Japan doch tatsächlich zum Anlass, ihr eigenes Konzept zu hinterfragen“ Stephanie Jungholt, B.Z. vom 01.04.11
[ durchaus.]

03. April 2011

Probleme kann man niemals mit derselben Denkweise lösen, mit der sie entstanden sind.
Albert Einstein

Gestern Abend einen Haufen Loriot-Interviews angeschaut. An dem Gespräch mit Marianne Koch bin ich besonders hängengeblieben. Ab der dritten Minute fängt Herr von Bülow an, rechtschaffen zu politisieren und hört nicht mehr auf. Sehr eindrucksvoll.
LORIOT: „(…) Wir Wähler, wie wir hier sitzen, wir bestimmen unser Leben – wir bestimmen, wieviele Autos produziert werden, wieviele Campingwagen rumstehen, wir bestimmen, wieviele Büchsen auf der Straße liegen, wie sehr es stinkt oder wie sehr alles in Ordnung ist – wenn das keine Macht ist, weiß ich nicht. Und wenn das nicht politisch ist, dann ist mir auch nicht mehr zu helfen. Das ist Politik. Und darum muss ich den Vorwurf, nicht politisch zu sein, sehr ärgerlich und ernst zurückweisen.“
M. K.: „Satire, hast du gesagt, muss notwendigerweise immer destruktiv und zersetzend sein. „
LORIOT: „Ja. Es ist eine merkwürdige Erscheinung in unserem Land. Ich weiß nicht, wie es woanders ist – Worte wie ‚zersetzend‘ und ‚destruktiv‘ – denen haftet so etwas an wie Pestilenz und Teufel und ’negativ‘.“
M. K.: „‚Terrorist‘. Alles Synonym.“
LORIOT: „Terrorist, links, lange Haare und schlecht rasiert und so was. Dabei ist destruktiv etwas durchaus Positives, wenn das destruiert wird, was es gilt kaputt zu machen, weil es nicht in Ordnung ist.
Ab der Stelle wird es richtig interessant. Einfach selber gucken.

03. April 2011

Es war kein Zufall, dass Farin in diesem schon etwas älteren Video eine kleine japanische Liebesgeschichte gespielt hat. Er hatte das Land immer wieder bereist und auch japanisch gelernt. Die Liebe zu Japan zeigte sich zuletzt in seiner ersten Ausstellung als Fotograf, die den Titel Kuroboshi trug. Es waren Bilder aus einem heilen Land. Seine Songs brechen an irgendeiner Stelle immer die fundamental darunter liegende Sentimentalität. Kaum lässt man sich elegisch auf die dargebotene Traurigkeit ein, kommt er mit einer aus trotzigem Überlebenstrieb geborenen Albernheit um die Ecke. Selbst wenn man gar nicht will, kann man dann ein kleines bißchen lachen, über die ganze verfahrene Situation. Kaum grinst man, bricht er die Albernheit wieder durch eine ernste Sequenz. Ich kenne niemand, der so etwas sonst praktiziert. Er ist schon einmalig. Sicher finden ihn einige einmalig albern, aber er ist für viele ein großer Mutmacher. Ich habe große Achtung vor ihm. Es muss schmerzhaft für ihn sein, zu sehen was in Japan geschieht.

01. April 2011


Einigermaßen überraschender Kommentar in der heutigen B.Z.:
German Angst.

„(…) Aber wie reagieren andere Nationen auf so etwas? Tanzen sie erst einmal Sirtaki, um die mediterrane Lässigkeit zu feiern? (…) „Typisch deutsch“: Dieser genervte Seufzer ist mir in letzter Zeit andauernd begegnet. Ausgestoßen wird er grundsätzlich von Deutschen, die ihre Landsleute wahnsinnig kleinkariert und peinlich finden. Sie selbst sind natürlich ganz anders, sonst würden sie ja nicht so darunter leiden …“Typisch deutsch“ – so wird zurzeit auch die neue Atomkraft-Debatte geschmäht. Über die Gefahren nachzudenken, wird als „German Angst“ belächelt. Während sich etwa die Franzosen die Laune nicht verderben lassen, nehmen die Deutschen das Unglück in Japan doch tatsächlich zum Anlass, ihr eigenes Konzept zu hinterfragen“ Stephanie Jungholt, B.Z. vom 01.04.11
[ durchaus.]

29. März 2011


Das Schiff war fertig am siebenten Tag bei Sonnenuntergang. Was immer ich hatte, lud ich darein: was immer ich hatte, lud ich darein an Silber, was immer ich hatte, lud ich darein an Gold, was immer ich hatte, lud ich darein an allerlei Lebenssamen: steigen ließ ich ins Schiff meine ganze Familie und die Hausgenossen, Wild des Feldes, Getier des Feldes.
Kaum, daß ein Schimmer des Morgens graute, stieg schon auf von der Himmelsgründung schwarzes Gewölk. Eragal reißt den Schiffspfahl heraus, Ninurta geht, läßt das Wasserbecken ausströmen, die Anunnaki hoben Fackeln empor, mit ihrem grausen Glanz das Land zu entflammen. Die Himmel überfiel wegen Adad Beklommenheit, jegliches Helle in Düster verwandelnd; das Land, das weite, zerbrach wie ein Topf. Einen Tag lang wehte der Südsturm. Eilte dreinzublasen, die Berge ins Wasser zu tauchen, wie ein Kampf zu überkommen die Menschen. Nicht sieht einer den andern, nicht erkennbar sind die Menschen im Regen.
Vor dieser Sintflut erschraken die Götter, sie entwichen hinauf zum Himmel des Anu. Die Götter kauern wie Hunde, sie lagern draußen. Es schreit Ischtar wie eine Gebärende, es jammert die Herrin der Götter, die schönstimmige: „Wäre doch jener Tag zu Lehm geworden, da ich in der Schar der Götter Schlimmes geboten! Wie konnte in der Schar der Götter ich Schlimmes gebieten, den Kampf zur Vernichtung meiner Menschen gebieten! Erst gebäre ich meine lieben Menschen, dann erfüllen sie wie Fischbrut das Meer! Die Anunnaki-Götter klagen mit ihr, die Götter sitzen da und weinen.
Sechs Tage und sieben Nächte geht weiter der Wind, die Sintflut, ebnet der Orkan das Land ein. Wie nun der siebente Tag herbeikam, schlug plötzlich nieder der Orkan die Sintflut, den Kampf, nachdem wie eine Gebärende sie um sich geschlagen. Ruhig und still ward das Meer, der böse Sturm war aus und die Sintflut. Ausschau hielt ich einen Tag lang, da war Schweigen ringsum, und das Menschengeschlecht war ganz zu Erde geworden Gleichmäßig war wie ein Dach die Aue. Da tat ich eine Luke auf, Sonnenglut fiel aufs Antlitz mir; da kniete ich nieder, am Boden weinend, über mein Antlitz flossen die Tränen.


1973
Nach Ufern hielt ich Ausschau in des Meeres Bereich: auf zwölfmal zwölf Ellen stieg auf eine Insel, zum Berg Nißir trieb heran das Schiff. Der Berg Nißir erfaßte das Schiff und ließ es nicht wanken; einen Tag, einen zweiten Tag erfaßte der Berg Nißir das Schiff und ließ es nicht wanken; einen dritten Tag, einen vierten Tag erfaßte der Berg Nißir das Schiff und ließ es nicht wanken; einen fünften und sechsten erfaßte der Berg Nißir das Schiff und ließ es nicht wanken. Wie nun der siebente Tag herbeikam, ließ ich eine Taube hinaus; die Taube machte sich fort und kam wieder: kein Ruheplatz fiel ihr ins Auge, da kehrte sie um. Eine Schwalbe ließ ich hinaus; die Schwalbe machte sich fort und kam wieder: kein Ruheplatz fiel ihr ins Auge, da kehrte sie um. Einen Raben ließ ich hinaus; auch der Rabe machte sich fort; da er sah, wie das Wasser sich verlief, fraß er, scharrte, hob den Schwanz – und kehrte nicht um.
Da ließ ich hinausgehn nach den vier Winden; ich brachte ein Opfer dar, ein Schüttopfer spendete ich auf dem Gipfel des Berges: sieben und abermals sieben Räuchergefäße stellte ich hin, in ihre Schalen schüttete ich Süßrohr, Zedernholz und Myrte. Die Götter rochen den Duft, die Götter rochen den wohlgefälligen Duft, die Götter scharten wie Fliegen sich um den Opferer. Sobald wie die Mach herzugekommen, hob sie die großen Fliegengeschmeide empor, die Anu ihr zum Vergnügen gemacht: „Ihr Götter hier, so wahr des Lasuramuletts an meinem Halse ich nicht vergesse, will ich die Tage hier, fürwahr, mir merken, daß ewig ihrer ich nicht vergesse! Die Götter mögen nur kommen zum Schüttopfer! Doch Enlil soll nicht kommen zum Schüttopfer, weil er unüberlegt die Sintflut machte und meine Menschen dem Verderben anheimgab.
Ea tat zum Reden den Mund auf und sprach zu Enlil, dem Helden: „O Held, du Klügster unter den Göttem! Ach, wie machtest unüberlegt du die Sintflut?! Seine Sünde leg auf dem Sünder! Seinen Frevel leg auf dem Frevler! Lockere, daß nicht ganz abgeschnitten werde; Ziehe hin, daß nicht getötet werde! Statt daß eine Sintflut du machst, mag ein Löwe aufstehen, die Menschen zu mindern! Statt daß eine Sintflut du machst, mag ein Wolf aufstehen, die Menschen zu mindern! Statt daß eine Sintflut du machst, mag eine Hungersnot gesandt werden, das Land zu fällen! Statt daß eine Sintflut du machst, mag Era aufstehen, die Menschen zu erwürgen! Nicht aber enthüllt‘ ich der großen Götter Geheimnis! Den Hochgescheiten ließ ich schaun einen Traum! So vernahm er der Götter Geheimnis; schaffet nun für ihn Rat!“
Da hat Enlil das Schiff bestiegen, meine Hand gefaßt, mich einsteigen lassen, lassen einsteigen, knien mein Weib neben mir, hat berührt unsre Stirn, zwischen uns stehend, uns segnend: „Ein Menschenkind war zuvor Utnapischtim; uns Göttern gleiche fortan Utnapischtim und sein Weib! Wohnen soll Utnapischtim fern an der Ströme Mündung!“ Da nahmen sie mich und ließen mich fern an der Ströme Mündung wohnen.


[ Fragmente des Gilgamesch-Epos / 11. Tafel. 2100 – 600 v. Chr. aus dem Raum Babylonien bis Kleinasien überliefert, von Prof. Dr. Albert Schott übersetzt und in das von ihm vermutete Versmaß gesetzt. ]

28. März 2011


Samstag bei die Demo
Da lacht er, der Jürgen. Angela Merkel ist am 17. Juli 1954 geboren. Jürgen Trittin acht Tage später, am 25. Juli 1954. Ich finde, jetzt können mal die jüngeren ran. Außerem habe ich Angela Merkel noch nie bei einem Patti Smith-Konzert getroffen. Ihn schon. Er wurde auch nicht hingeschleppt, sondern ist aus freien Stücken hingegangen. Patti-Smith-Kompetenz ist letztlich die Schlüsselqualifikation für einen vertrauenswürdigen Volksvertreter. Er ist übrigens ziemlich groß. Nicht nur im Reden halten. Politiker sollten nicht nur geistig attraktiv sein. Bin ich streng!

28. März 2011


Samstag bei die Demo
Da lacht er, der Jürgen. Angela Merkel ist am 17. Juli 1954 geboren. Jürgen Trittin acht Tage später, am 25. Juli 1954. Ich finde, jetzt können mal die jüngeren ran. Außerem habe ich Angela Merkel noch nie bei einem Patti Smith-Konzert getroffen. Ihn schon. Er wurde auch nicht hingeschleppt, sondern ist aus freien Stücken hingegangen. Patti-Smith-Kompetenz ist letztlich die Schlüsselqualifikation für einen vertrauenswürdigen Volksvertreter. Er ist übrigens ziemlich groß. Nicht nur im Reden halten. Politiker sollten nicht nur geistig attraktiv sein. Bin ich streng!

26. März 2011

Zwölf Uhr zehn Berlin – das Schild sitzt:


Atomkraft bu!!!
Solarenagie ja jippi

Ich liebe zwar nicht alle Kinder, aber alle Schilder, die Kinder malen. Das rechts von der Schrift sind übrigens nicht die Füße von dem flüchtenden deutschen Adler oder von Donald Duck, wie ich zuerst gedacht habe, sondern Daumen runter und Daumen rauf. Ist ja logisch, eigentlich.

26. März 2011

Zwölf Uhr zehn Berlin – das Schild sitzt:


Atomkraft bu!!!
Solarenagie ja jippi

Ich liebe zwar nicht alle Kinder, aber alle Schilder, die Kinder malen. Das rechts von der Schrift sind übrigens nicht die Füße von dem flüchtenden deutschen Adler oder von Donald Duck, wie ich zuerst gedacht habe, sondern Daumen runter und Daumen rauf. Ist ja logisch, eigentlich.

22. März 2011


Ach stimmt, jetzt fällt mir der Name dazu ein. Das war Werner Sonne. Wenn man sich so vom Fernsehangebot zurückgezogen hat wie ich, hat man mitunter noch alte, haften gebliebene Profilbilder im Kopf. Profile, mit denen ich mich nie eingehend genug beschäftigt habe, um heute noch sofort unzweifelhaft den Namen zuordnen zu können. Wie Luc Jochimsen. Vor fünfundzwanzig Jahren vielleicht schon. Aber gestern wusste ich nicht gleich wohin. Das Gesicht ist zwar sehr bekannt, wie ein Stempel auf der inneren Festplatte eingraviert, aber mir fielen bei mehreren Gästen falsche oder gar keine Namen ein. Ich dachte bei ihr an Liz Mohn, aber die hat ja eine ganz andere Frisur und sieht auch überhaupt in jeder Hinsicht anders aus, aber halt auch ein Kaliber, gesellschaftlich. Wahrscheinlich dazu das innere Bild des dreibuchstabigen Vornamens, der mit einem L anfängt. Gerade gesehen, dass Luc Jochimsen inzwischen Parteipolitik macht. Für die Linke. Ich bin halt nicht auf dem Laufenden. Auf jeden Fall ist sie ein Hingucker. Man glaubt noch die Aura der Ära der Siebziger zu spüren, die vermutlich eine starke Spur hinterlassende Zeit für sie war. So ein Gefühl, Kontinuität des Augen-Make ups. Werner Sonne könnte als Dressman für die Zielgruppe extrem agiler Senioren durchgehen. Obwohl das Wort Senioren schon viel zu ältlich klingt. Ganz hervorragende Körperspannung, Vorbildcharakter. Und dann diese unglaublich sitzende, perfekt geschnittene silberweiße, geföhnte Frisur. Man muss sich zwingen, nicht hinzugucken. Der ästhetische Zwang war beim Rest der Gäste geringer, obwohl sie eher jünger waren. Aber was heißt das schon. Jünger ist im Zweifel sowieso immer langweiliger. Es sei denn so ein junges Wesen ist auf eine besondere Art rasant visionär, ansteckend lebenshungrig und versprüht sein Feuerwerk in alle Himmelsrichtungen. Aber das gibt es nicht so oft. Und wenn, findet man es auch noch in späteren Jahren. Ich bin der beste Beweis. Ha! Übrigens gestern nur einmal aus einem Glas, das nicht einmal meines war, einen halben Schluck Rotwein versucht, gekostet, nur testweise, ob etwas passiert, vielleicht Interesse an einem zweiten Schluck. Nicht einmal in die geringste Versuchung gekommen. Ich meine: es gab keinen inneren Kampf, es erschien mir einfach nur attraktiver, einen klaren, leichten Kopf zu behalten. Aber die anderen haben sich ordentlich bedient. Dafür habe ich zwei von den wunderbaren Jubiläumszeitungen fürs ewige Archiv mitgenommen. Sieht man auch auf den Bildern, später irgendwann. Demnächst in diesem Theater. Ach ja, das da oben ist kein Bild von gestern, so ekstatisch war ich unter dem Einfluss des Sprudelwassers dann ja doch nicht. Gibt aber ein paar andere schöne Bilder, auf denen auch nicht geweint wird. Das war Ende August in der Villa am Wannsee, als Angela Winkler beim Suhrkamp-Fest ein paar Lieder sang. Das ist mir nur heute in die Hände gefallen, weil einer in meinem Flickr-Account herumgeguckt hat und das zu seinen Favoriten geklebt hat. Ein mir völlig unbekannter Mensch. Eigentlich fast schon pervers, dass sich Wildfremde intensiver mit Bildern von mir befassen, als sämtliche Menschen, die ich je wirklich kannte. Verrückte Welt. Ganz und gar. Verdreht. Gaga. Denke eben noch beim Durchlesen, wenn Jan das liest, der gestern auch dabei war, kommt er vielleicht wieder mit dem Spruch, ich könnte eigentlich eine gute Gesellschaftsreporterin abgeben, so Richtung Gala und Bunte. Dann muss ich immer lachen und zeige ihm einen Vogel, obwohl er natürlich recht hat. Das Problem ist nur, ich hätte keine Lust, das ohne Unterlass zu betreiben, eben halt nur nach Lust und Laune und das wird wohl keine Redaktion befriedigen. Dann bleibe ich lieber die fotografierende Berliner Patti Smith, wie mich gestern einer der anwesenden, schwer bewaffneten Fotografen getauft hat. Und die macht ja bekanntlich, was sie will.

23. März 2011


Ende letzter Woche antwortete ich einer Freundin, wir haben uns sehr lange nicht gesehen, auf eine nachfragende Mail, in der sie mir einen Gruß sandte. Wie ich es in der letzten Zeit meistens mache, versuchte ich mich dafür zu entschuldigen, dass ich mich im Moment nicht in der Lage fühlte, mich zu treffen, mit anderen. Besser gesagt, es ist für mich tatsächlich einfacher, flüchtigen Bekannten bei einer Feier wie vorgestern im Einstein zu begegnen, die kein ernsthaftes, aufrichtiges und vertrauensvolles Gespräch von einem erwarten. Nichts muss erklärt werden, erzählt werden. Obwohl es dadurch auch banal ist, ist es angenehmer, dass an nichts gerührt wird…
(…) Du bist also immer noch da, und ich hab dich immer noch nicht dort besucht. Viel ist passiert, viel Aufregendes und auch viel Trauriges. Im Moment bin ich sehr zurückgezogen, auch wegen des furchtbaren Unglücks in Japan, das uns ja alle betrifft und noch viel mehr betreffen wird, sehr traurig. Ich staune, dass man bei manchen Menschen das Gefühl hat, sie glauben, dass sie aufgrund der Entfernung nicht betroffen sind. Als ob die Strahlung nicht durch die Gewässer und die Wolken und den Regen über die Erde verteilt wird. Ich muss auch gerade ein paar private Verluste verarbeiten, über die es mir schwer fällt zu sprechen. Deswegen bin ich nicht so recht in Stimmung zum Plaudern, was aber nicht immer so bleiben wird. (…)
Das schrieb ich ihr unter anderem. Ich musste gerade daran denken, dass es tragisch ist, wenn man gerade damit beschäftigt war, unter anderem herauszufinden, welche Nahrung man idealerweise für den eigenen Organismus wählt, um Belastungen und Abwehrreaktionen möglichst gering zu halten, trotz der vielfältigen Mutationen, Manipulationen in der Erzeugung. Und nun stehen wir alle vor der Frage, wie wir die schleichende Kontamination der Nahrung und des Wassers mit der im Augenblick noch nicht ganz für uns greifbaren Radioaktivität aus dem Unglücksherd in Japan umgehen. Wie kann man die Gewässer der Welt schützen, diese unfassbar große Verkettung. Die Wolken, der Regen, die Winde. Das Grundwasser. Es gibt ja keine Schutzmauer. Kann man den Erdboden des havarierten Kraftwerks unterhöhlen und versiegeln, und wer soll das wann tun? Mit Beton und Sand von unten und oben, irgendwann, später, wenn schon alles durchtränkt davon ist, das ganze Land dort und über die Grenzen hinaus. Ach… Eine gigantische Käseglocke aus Blei darüber, zwei Kilometer hoch? Oder eine riesige Stahlröhre ins All, durch die die Strahlung abgeleitet wird, oder der Dreck ins Weltall katapultiert? Ins All, das Unendliche? Wie werden wir das nur wieder los. Ich glaube, durch dieses Unglück müsste auch der Letzte begriffen haben, dass die alten Brennstäbe sehr, sehr lange noch weiter aktiv sind, umso mehr, je geringer die künstliche Kühlung von außen ist. Das wird einem jetzt wie im Schulbuch vor Augen geführt. Ich kann den Satz „Reaktor XY hat wieder Strom“ nicht mehr hören. Was hat denn da Strom? Da wurde irgendeine Starkstromleitung gelegt, die sich zwar lokalisiert „am“ Reaktor XY befindet, aber nicht an ihn angeschlossen werden kann, weil da ja alles hinüber ist, wie wir mit jeder neuen Meldung lernen, wenn es auch nebulös verscheiernd offen gehalten wird. Bis jetzt konnte noch kein Reaktor-immanentes Kühlsystem wieder aktiviert werden, wenn ich das richtig herausgelesen habe. Aber das haben ja auch sicher schon andere außer mir begriffen, dass die Kühlversuche von außen der sprichwörtliche Tropfen auf den heißen Stein sind. Ach. Aber genug für heute jetzt dazu. Ich muss jetzt schlafen gehen, weil morgen früh aufstehen.
Gute Nacht aus Berlin.

22. März 2011


Ach stimmt, jetzt fällt mir der Name dazu ein. Das war Werner Sonne. Wenn man sich so vom Fernsehangebot zurückgezogen hat wie ich, hat man mitunter noch alte, haften gebliebene Profilbilder im Kopf. Profile, mit denen ich mich nie eingehend genug beschäftigt habe, um heute noch sofort unzweifelhaft den Namen zuordnen zu können. Wie Luc Jochimsen. Vor fünfundzwanzig Jahren vielleicht schon. Aber gestern wusste ich nicht gleich wohin. Das Gesicht ist zwar sehr bekannt, wie ein Stempel auf der inneren Festplatte eingraviert, aber mir fielen bei mehreren Gästen falsche oder gar keine Namen ein. Ich dachte bei ihr an Liz Mohn, aber die hat ja eine ganz andere Frisur und sieht auch überhaupt in jeder Hinsicht anders aus, aber halt auch ein Kaliber, gesellschaftlich. Wahrscheinlich dazu das innere Bild des dreibuchstabigen Vornamens, der mit einem L anfängt. Gerade gesehen, dass Luc Jochimsen inzwischen Parteipolitik macht. Für die Linke. Ich bin halt nicht auf dem Laufenden. Auf jeden Fall ist sie ein Hingucker. Man glaubt noch die Aura der Ära der Siebziger zu spüren, die vermutlich eine starke Spur hinterlassende Zeit für sie war. So ein Gefühl, Kontinuität des Augen-Make ups. Werner Sonne könnte als Dressman für die Zielgruppe extrem agiler Senioren durchgehen. Obwohl das Wort Senioren schon viel zu ältlich klingt. Ganz hervorragende Körperspannung, Vorbildcharakter. Und dann diese unglaublich sitzende, perfekt geschnittene silberweiße, geföhnte Frisur. Man muss sich zwingen, nicht hinzugucken. Der ästhetische Zwang war beim Rest der Gäste geringer, obwohl sie eher jünger waren. Aber was heißt das schon. Jünger ist im Zweifel sowieso immer langweiliger. Es sei denn so ein junges Wesen ist auf eine besondere Art rasant visionär, ansteckend lebenshungrig und versprüht sein Feuerwerk in alle Himmelsrichtungen. Aber das gibt es nicht so oft. Und wenn, findet man es auch noch in späteren Jahren. Ich bin der beste Beweis. Ha! Übrigens gestern nur einmal aus einem Glas, das nicht einmal meines war, einen halben Schluck Rotwein versucht, gekostet, nur testweise, ob etwas passiert, vielleicht Interesse an einem zweiten Schluck. Nicht einmal in die geringste Versuchung gekommen. Ich meine: es gab keinen inneren Kampf, es erschien mir einfach nur attraktiver, einen klaren, leichten Kopf zu behalten. Aber die anderen haben sich ordentlich bedient. Dafür habe ich zwei von den wunderbaren Jubiläumszeitungen fürs ewige Archiv mitgenommen. Sieht man auch auf den Bildern, später irgendwann. Demnächst in diesem Theater. Ach ja, das da oben ist kein Bild von gestern, so ekstatisch war ich unter dem Einfluss des Sprudelwassers dann ja doch nicht. Gibt aber ein paar andere schöne Bilder, auf denen auch nicht geweint wird. Das war Ende August in der Villa am Wannsee, als Angela Winkler beim Suhrkamp-Fest ein paar Lieder sang. Das ist mir nur heute in die Hände gefallen, weil einer in meinem Flickr-Account herumgeguckt hat und das zu seinen Favoriten geklebt hat. Ein mir völlig unbekannter Mensch. Eigentlich fast schon pervers, dass sich Wildfremde intensiver mit Bildern von mir befassen, als sämtliche Menschen, die ich je wirklich kannte. Verrückte Welt. Ganz und gar. Verdreht. Gaga. Denke eben noch beim Durchlesen, wenn Jan das liest, der gestern auch dabei war, kommt er vielleicht wieder mit dem Spruch, ich könnte eigentlich eine gute Gesellschaftsreporterin abgeben, so Richtung Gala und Bunte. Dann muss ich immer lachen und zeige ihm einen Vogel, obwohl er natürlich recht hat. Das Problem ist nur, ich hätte keine Lust, das ohne Unterlass zu betreiben, eben halt nur nach Lust und Laune und das wird wohl keine Redaktion befriedigen. Dann bleibe ich lieber die fotografierende Berliner Patti Smith, wie mich gestern einer der anwesenden, schwer bewaffneten Fotografen getauft hat. Und die macht ja bekanntlich, was sie will.

20. März 2011

Denkzettel []

Ich gedenke, vor Mitternacht die Bettruhe zu suchen. Das ist der Gesamtkonstitution und auch dem Teint zuträglich. Eventuell noch ein Glas Fliederbeersaft und eine Tasse Nerventee. Möglicherweise kommt es sogar zum Äußersten und ich ziehe morgen Absatzschuhe und transparente Strümpfe an, das erfordert eine gewisse Konstitution. Aber nichts Genaues weiß man nicht. Morgen um zwanzig Uhr siebzehn betritt der Mond das Tierkreiszeichen Skorpion.
Sie wissen ja, ich habe angelegentlich diesen Tick, und hänge nach Lust und Laune der Sternendeutung an. Mal so, mal so! Im Kalendarium ist außerdem Frühlingsanfang vermerkt. Und da dachte ich so bei mir: geh doch mal wieder unter Leute, wo du eigens so eine schöne Einladung von Herrn Gerald erhalten hast. Es wird einem ja immer von allen Seiten geraten, aber ich zeige mich da etwas schwierig. Offen gestanden bin ich etwas aus der Übung in gesellschaftlichen Dingen und fühle mich daher gehemmt. Auch bin ich oft unsicher, ob ich einen wertvollen Beitrag zum Gespräch leisten kann. Häufig musste ich feststellen, dass ich den im Gespräch verhandelten Belangen bislang keinerlei Interesse entgegengebracht hatte, was mir demzufolge keinen konstruktiven Gesprächsbeitrag erlaubt. Also bleibe ich oft lieber gleich zu Hause und sorge damit für einen ungestörten Gesprächsablauf.
Meine Teilnahme an der Kundgebung da unlängst, beim Bundeskanzlerpalast, gegen diese unappetitliche Atomkraftsache war zwar auch ein gesellschaftlicher Anlass, aber doch mehr eine repräsentative Verpflichtung. Ich weiß schließlich, was von mir erwartet wird, und das kann man auch von mir erwarten. Ich musste einfach nur auffällig herumstehen und das kann ich schon von jeher gut. Geredet haben die anderen, also die Leute. Demzufolge hatte ich kein Problem, bin dann aber zeitig wieder heimwärts.
Da nun aber der Caféhausbesitzer vom Café Einstein Unter den Linden ein besonders warmherziger Gastgeber ist, der es mit seiner besonderen Art versteht, mir meine angeborenen Hemmungen zu nehmen, habe ich mich entschieden, eine Ausnahme zu machen und meine Teilnahme am großen Geburtstagsfest entrichtet. Auch sind die gebotenen Speisen und Getränke sowie die anderen geladenen Gäste stets von hervorragender Qualität. Das wollen mir allerlei gute Gründe scheinen. Daher! Oh, schon spät! Gute Nacht.

19. März 2011

[…]
Vor ein paar Tagen standen unter dem ersten Eintrag, den ich da oben verlinkt habe, der mit dem c’est la vie, noch ungefähr die Worte „ich hätte auf der Stelle kotzen können“. Ich fand diese Reaktion und den Zusatz in seiner leider einsamen Art und Weise angemessen. Von wegen „Lage in Kraftwerk stabilisiert. Am Sonntag könnte wieder Strom in die Reaktoren fließen“. Könnte. In das Kühlsystem, das in dem infernalischen Szenario durch ein irrwitziges Wunder intakt geblieben sein soll? Und dann? Krabbelt einer durch den Schrott und versiegelt den zerfressenen Boden, damit der Dreck nicht weiter das Grundwasser verseucht? Mit höchst wackeligen Aktionsplänen unwägbaren Ausgangs falsche Hoffnungen schüren und das Volk ruhig halten. Lage stabilisiert. Dass ich nicht lache weine. Als läge unter dem Leichentuch des hochverstrahlten Schrotthaufens nur ein leicht mitgenommener Patient mit ein paar leichten Kratzern und ansonstem stabilem Kreislauf. Alles halb so schlimm. Ging ja noch mal gut. Es soll ja auch Menschen geben, die an Osterhasen glauben. Opium für’s Volk. Hoch die Tassen, Verstand versaufen. Ich könnte kotzen.

P.S. auch sehr passend dazu: zu dem Vorfall, dass vor wenigen Tagen Tausende von Litern radioaktiv verseuchten Wassers aus einem Leck eines kanadischen Atomreaktors in den Ontario-See geflossen sind, findet der Sprecher der Betreibergesellschaft, wie könnte es anders sein, salbungsvolle Worte der Beschwichtigung: „Der Vorfall habe aber nur „vernachlässigenswerte Auswirkungen auf die Umwelt und keine Auswirkungen auf die Gesundheit von Menschen“, hieß es in einer Erklärung des Kraftwerksbetreibers Ontario Power.“ Schon klar.

19. März 2011

Und jetzt auch noch Knut. Weiß nicht, irgendwie passt das alles. Schon so traurig der Anfang seines Lebens, von der Mama abgelehnt. Sein Pfleger so plötzlich gestorben. Einsames Eisbärenleben. Ist bestimmt schöner im Eisbärenhimmel, auch ohne Eistorte. Ich hab ihn damals auch einmal besucht. Und einen kleinen Stofftier-Eisbären gekauft. Die Berliner Abendschau hatte dann ein Blog für ihn eingerichtet, wo jeden Tag erzählt wurde, so geschrieben, als würde er selbst erzählen, was er neues erlebt hat. Ich hab auch mal was gebloggt über ihn, so eine kleine Liebeserklärung. Deswegen hat er mich dann auf seine Blogroll genommen. Mann, waren das auf einmal viele Zugriffe, über die Knut-Blogroll. Mir wurde ganz schwindelig, als ich in die Statistik guckte. Das hat sich dann alles bald beruhigt. Wie es oft so ist. Knut wurde ein großer, nicht mehr ganz so tapsiger Spielzeug-Bär, aber tauchte immer noch in der Zeitung auf. Wenn er Geburtstag hatte. Hoffentlich wird er nicht ausgestopft. Mir ist das ein bißchen unheimlich. Es gibt im Naturkundemuseum in Berlin einen ausgestopften kleinen Elefanten, der war auch so ein Popstar, aber irgendwie macht mich das traurig, weil die Tiere keine richtige Totenruhe haben. Ich weiß jetzt auch kein gutes Ende für diesen kleinen Gedenktext und will nur sagen, dass ich jetzt auch deswegen ein bißchen noch mehr traurig bin, als sowieso schon.

19. März 2011

[…]
Vor ein paar Tagen standen unter dem ersten Eintrag, den ich da oben verlinkt habe, der mit dem c’est la vie, noch ungefähr die Worte „ich hätte auf der Stelle kotzen können“. Ich fand diese Reaktion und den Zusatz in seiner leider einsamen Art und Weise angemessen. Von wegen „Lage in Kraftwerk stabilisiert. Am Sonntag könnte wieder Strom in die Reaktoren fließen“. Könnte. In das Kühlsystem, das in dem infernalischen Szenario durch ein irrwitziges Wunder intakt geblieben sein soll? Und dann? Krabbelt einer durch den Schrott und versiegelt den zerfressenen Boden, damit der Dreck nicht weiter das Grundwasser verseucht? Mit höchst wackeligen Aktionsplänen unwägbaren Ausgangs falsche Hoffnungen schüren und das Volk ruhig halten. Lage stabilisiert. Dass ich nicht lache weine. Als läge unter dem Leichentuch des hochverstrahlten Schrotthaufens nur ein leicht mitgenommener Patient mit ein paar leichten Kratzern und ansonstem stabilem Kreislauf. Alles halb so schlimm. Ging ja noch mal gut. Es soll ja auch Menschen geben, die an Osterhasen glauben. Opium für’s Volk. Hoch die Tassen, Verstand versaufen. Ich könnte kotzen.

P.S. auch sehr passend dazu: zu dem Vorfall, dass vor wenigen Tagen Tausende von Litern radioaktiv verseuchten Wassers aus einem Leck eines kanadischen Atomreaktors in den Ontario-See geflossen sind, findet der Sprecher der Betreibergesellschaft, wie könnte es anders sein, salbungsvolle Worte der Beschwichtigung: „Der Vorfall habe aber nur „vernachlässigenswerte Auswirkungen auf die Umwelt und keine Auswirkungen auf die Gesundheit von Menschen“, hieß es in einer Erklärung des Kraftwerksbetreibers Ontario Power.“ Schon klar.

19. März 2011

Vierzig Kilometer von Wien entfernt liegt das Dörfchen Zwentendorf, in dem Österreichs einziges Atomkraftwerk steht, baugleich mit Fukushima. Der Widerstand der Bevölkerung provozierte einen Volksentscheid am 5. November 1978, der zugunsten der AKW-Gegner ausfiel. Das fertig gebaute Kraftwerk wurde nie in Betrieb genommen. Österreich hat ein Atomsperrgesetz („Bundesverfassungsgesetz für ein atomfreies Österreich“) erlassen. Das unbenutzte Kraftwerk kann bis in den Reaktor-Kern besichtigt werden und dient zu Schulungszwecken für Ingenieure (es gibt in Deutschland fünf baugleiche Kraftwerke). Auf dem Gelände befindet sich mittlerweile eine Photovoltaik-Anlage, die Sonnenenergie produziert und zugleich ein Forschungsprojekt darstellt, in dem getestet wird, welche Solarzellen-Paneele am effizientesten für die Bedingungen in Österreich sind.
Ich habe gestern eine äußerst sehenswerte ORF-Dokumentation über die Historie des Widerstands in den siebziger Jahren in Zwentendorf gefunden, hier in vier Teilen zu sehen:

„Die Akte Zwentendorf „

[ Teil 1 ] [ Teil 2 ] [ Teil 3 ] [ Teil 4 ]

19. März 2011

Vierzig Kilometer von Wien entfernt liegt das Dörfchen Zwentendorf, in dem Österreichs einziges Atomkraftwerk steht, baugleich mit Fukushima. Der Widerstand der Bevölkerung provozierte einen Volksentscheid am 5. November 1978, der zugunsten der AKW-Gegner ausfiel. Das fertig gebaute Kraftwerk wurde nie in Betrieb genommen. Österreich hat ein Atomsperrgesetz („Bundesverfassungsgesetz für ein atomfreies Österreich“) erlassen. Das unbenutzte Kraftwerk kann bis in den Reaktor-Kern besichtigt werden und dient zu Schulungszwecken für Ingenieure (es gibt in Deutschland fünf baugleiche Kraftwerke). Auf dem Gelände befindet sich mittlerweile eine Photovoltaik-Anlage, die Sonnenenergie produziert und zugleich ein Forschungsprojekt darstellt, in dem getestet wird, welche Solarzellen-Paneele am effizientesten für die Bedingungen in Österreich sind.
Ich habe gestern eine äußerst sehenswerte ORF-Dokumentation über die Historie des Widerstands in den siebziger Jahren in Zwentendorf gefunden, hier in vier Teilen zu sehen:

„Die Akte Zwentendorf „

[ Teil 1 ] [ Teil 2 ] [ Teil 3 ] [ Teil 4 ]

11. März 2011

Die unbekannten Leser. In irgendeinem jüngeren Lied bezeichnet sich Wolf Biermann als Legende ohne Totenschein, wie er da so durch altvertraute Straßen um den Hackeschen Markt schlendert, sich zurück erinnert. Als ihm die Ecke Heimat war. An sich gefällt mir das Prinzip, die eigene Legende noch beobachten, reflektieren und kommentieren zu können besser. Besser, als von einer Wolke erste und zugleich letzte kondolierende Kommentare zu entziffern. Man braucht dann ja auch ein gutes Fernrohr. Öffentlich gemachte schwere Körperkrankheiten mit dem Risikopotenzial kurzfristigen Ablebens sind geeignet, die Zunge zu lösen. Hingegen öffentlich gemachte gute Körpergesundheiten mit dem Risikopotenzial langfristigen Weiterlebens sind eher geeignet, unkommentiert zu verpuffen. Wobei ich persönlich inzwischen mehr daran interessiert bin, zu erfahren, wie es sich im Detail anfühlt, mit sehr gesunden Zellen ein dreistelliges Geburtstagsjubiläum vorzubereiten.
Allerdings gebe ich zu, dass ich intensive Lesephasen mit autobiographischen Büchern hatte, die dramatische Krankheiten zu Gegenstand hatten. Alle denkbaren Ängste inbegriffen, die solche Menschen durchstehen. Eigentlich war aber nur ein Buch dabei, das tödlich endete. Zwangsläufig aus der Perspektive einer Beobachtenden geschrieben, nur indirekt Betroffenen. Es war Isabel Allendes Paula, über den langen Tod ihrer Tochter. Sehr bewegendes Buch. Die anderen Krankengeschichten gingen gut aus, soweit ich mich erinnere. Mut machend. Eines ist mir besonders in Erinnerung, irgendwann ausgeliehen in einer Bücherei. Den Titel habe ich vergessen. Es ging um eine Frau mit einer Brustkrebserkrankung. Nach der Operation, in ihrem Fall eine Amputation, ließ sie sich eine Rose auf die lange Narbe tätowieren und sich wie eine Amazone ablichten. Schöne, starke Geste. Wie kommt es, wie kam es, dass du dich so stark damit beschäftigst, fragte mich Jan vorhin am Telefon. Er meinte diese geradezu wissenschaftlich akribische Beschäftigung mit der Wirkkraft der Nahrung, aus denen die nächsten Zellen gebildet werden. Ich sagte, es läge unter anderem daran, dass ich zunehmend mit Krankheitsbildern konfrontiert bin, bei Menschen meiner Generation, die mich erschrecken. Wohlstandsverwahrlosung. Ein selbstkritisches Reflektieren, wo man immer noch in übernommenen Traditionen verhaftet sein könnte, die einem nicht gut tun. Und das sind oder besser waren, trotz jahrzehntelanger, vermeintlich autonomer, eigenmächtiger Entscheidungen, viele. Sehr viele. Die zu hinterfragende Tradition gutbürgerlicher, mitteleuropäischer Ernährungsweise, dem Nutzen ihrer Bestandteile, abgesehen von hedonistischen Genusserwägungen.

Interessante Situation heute. Eine Einladung zu einem Frühstück, die ich wegen der Konstellation der Gäste wahrnahm. Es gab sehr liebevoll zubereitete Häppchen mit feinen Belägen. Eine Vanille-Joghurt-Creme mit Pflaumen, Obstspießchen. Ich bestellte einen Cappuccino und sondierte, was für mich dabei wäre. Als ich darum bat, sich bitte nicht zu wundern, wenn ich von dem und dem nichts essen würde, weil soundso, bekam ich dieselbe freundlich respektvolle Reaktion wie die anderen Male im Laufe des letzten Jahres, als ich offenbarte, dass ich bestimmte Substanzen nicht mehr esse, weil nach dreißig Jahren Leiden beschwerdefrei. Interessant auch zu sehen, wie bekannt oder unbekannt dieses bislang durch keine prominente Untersuchung* bei mir nachweisbare Phänomen** ist, das ich seit geraumer Zeit an mir studiere.
*) Patientin (Allergietest-Profi) = Besitzerin eines in Anbetracht der Realität in vielerlei Hinsicht widersprüchlichen „Allergiepasses“, der keine diesbezügliche Unverträglichkeit ausweist, dafür vorgeblich andere, die ich zum größten Teil noch nie bei mir beobachten konnte.
**) Asthma, Heuschnupfen, Herzrhythmusstörungen, Migräne weg.

16. März 2011


„Meine Frau hat nur gefragt: „Was willst Du denn da machen?“, erzählt er. Ganz genau habe er das zu diesem Zeitpunkt selbst nicht gewusst. Aber er wollte helfen, irgendwie. (…) „Wir hatten genug Medikamente und Material dabei, um eine Gruppe von 2000 bis 3000 Menschen 14 Tage lang behandeln zu können.“ Aber so weit kam es gar nicht. Schon am Flughafen war Schluss für den Katastrophenmediziner. Es habe einfach keine Möglichkeit gegeben, die Unglücksregion überhaupt zu erreichen, erzählt der 72-Jährige. Außerdem hatte sich die Lage an den Atomreaktoren während des langen Flugs deutlich zugespitzt. „Man hätte Schutzanzüge und Masken haben müssen, aber die hatten wir nicht.“ (…) Überall liefen Fernseher mit den Berichten über die sich zuspitzende Lage in den Atomreaktoren. „Irgendwann mussten wir uns dann eingestehen: Das hat keinen Sinn.“ Nach 72 Stunden auf dem Flughafen von Tokio reiste der Tübinger Arzt nach Deutschland zurück. Enttäuscht sei er, weil er nicht helfen konnte.
dpa

12. März 2011

Angesichts dieser unkontrollierbaren Kettenreaktion plutonischer Zerstörung regt mich das noch vor einigen Stunden verlautbarte, systematisch beschwichtigende „äußerstenfalls“ sei mit einer Kernschmelze zu rechnen“ von Röttgen auf (für später lesende Generationen: das war damals der deutsche Bundesminister für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit). Äußerstenfalls aber keinesfalls schlimmer. Die berechneten Feinheiten der Beschwichtigungssprache. Na dann.
Furchtbar alles. Die japanischen Behörden haben inzwischen die Kernschmelze im Atomkraftwerk Fukushima bestätigt. Ich erinnere mich an 1986, als der Kern im Reaktor von Tschernobyl geschmolzen war. Wir sind vergleichsweise mit einem blauen Auge davon gekommen. Das war immer der Hauptkritikpunkt an dieser Form der Energiegewinnung, die Unkontrollierbarkeit im Zerstörungsfall. Vielleicht denken immer noch einige, in Deutschland und den umliegenden Ländern wären die Sicherheitskontrollen akribisch genug, dass man von hundertprozentiger Sicherheit ausgehen könnte. Nun ist das aber in einem Land passiert, das für einen führenden High Tech Standard steht. Gegen Erdbeben und Tsunamis hilft aber leider keine Disziplin der Welt. Vielleicht denken einige bei der nächsten Wahl neu darüber nach, ob man Parteien unterstützen kann, die diese Form der Energiegewinnung unverändert tolerieren.
Davon abgesehen erschüttert. Ich blogge im Augenblick ja nicht mehr so dicht, dahinter steht keine besondere Absicht, aber irgendwie will man doch seiner Anteilnahme, Bestürzung Ausdruck verleihen. Ich war noch nie in Japan, noch nie in Asien. Mein Interesse an dieser Erdregion ist erst in den letzten Jahren gewachsen. Auch eine Bewunderung für Teile der Kultur, die oft so schönen, friedliebenden Menschen. Eine bestimmte verfeinerte Anmut, die Menschen aus Asien in einem besonderen Maß haben. Viel mehr als wir hier. Was mir so alles durch den Kopf geht gerade. Schmerzhafte, plutonische Zerstörung.

16. März 2011

Montag vor dem Kanzleramt. Fast in Wowi gerannt. Wie ein gemütlicher Bär guckt er in die Runde der Mikrofonhalter und sagt ungemütliche Sachen. Auf dem Hinweg noch schnell den Ausweis griffbereit in der Brusttasche der Lederjacke deponiert. Hätte ja sein können, dass Personalien aufgenommen werden wollen, so wie früher. Das neue Dunkelblau steht ihnen gut, den Berliner Polizisten. Auch die Mützen sehen fescher aus. Irgendwie mehr wie eine königliche Wache. Freundlich nickend und ruhig stehen sie abseits im Hintergrund. Alles friedlich. Zwei schwer bewaffnete Fotografen gehen auf einmal in die Hocke und knattern los, wie man das nur kennt, wenn der Star des Abends den Raum betritt. Ein kleines Kind. Ich sehe zuerst nur den Rücken. Auf dem kleinen Anorak klebt ein DIN A 4-Blatt mit der Atomkraft-Nein Danke-Sonne. Drumherum so asiatische Zeichen statt der bekannten Buchstaben. Atomkraft Nein Danke auf Japanisch, denke ich. Das Kind sieht ein bißchen asiatisch aus. Ich frage die Mama, ob das denn wirklich Japanisch ist? Sie lacht und meint: „Ja, das ist Japanisch. Und das Kind auch.“ Dann erkenne ich, dass sie auch ein asiatisches Gesicht hat. Wegen der großen Mütze und den eher hellen Haaren habe ich es nicht sofort erkannt.

Später, auf dem Nachhauseweg Christian Ströbele lieber nicht beim Telefonieren gestört, obwohl er gerade besonders fotogen versteckt mit seinem Fahrrad hinter dem geparkten ARD-Hauptstadtstudio-Auto stand und mich immer noch jedesmal an Mick Jagger erinnert. Da an der Kreuzung zur U-Bahn Bundestag. Ein bißchen überlegt hab ich schon. Ach nein, so etwas tut man nicht, jemanden beim Telefonieren unterbrechen. Seit zwanzig Jahren läuft er mir immer mal über den Weg und immer hat er sein Fahrrad dabei. Ach, nicht so wichtig. Hauptbahnhof. S-Bahn zum Hackeschen Markt. Noch zu Roßmann. Auf dem Nachhauseweg fallen mir plötzlich ganz andere Sachen ein. Da links, in der Tapas-Bar in der Rosenthaler Straße war ich zweimal, nicht allein. Ich schiebe die Erinnerung weg, obwohl sie sich gerade schwer schiebt. Ich gehe schnell weiter, zum marokkanischen Laden in der Sophienstraße. Vor ein paar Tagen sah ich morgens im Vorbeieilen aus dem Augenwinkel zwei Schälchen im Schaufenster. Blau mit einem weißen Muster, wie Federn. Ich hatte gerade meine kleine Lieblingsschüssel mit dem Seemannsanker und dem Segelschiff, die ich auf der Insel Föhr gekauft hatte, zertöppert und könnte eine in der Größe brauchen. Aber sie sind gar nicht aus Marokko, sondern aus Kopenhagen. Wie unfassbar sorglos und luxuriös es mir plötzlich vorkommt, zwei Schälchen aus Kopenhagen kaufen zu können und in eine heile Wohnung zu kommen. Ganz unzertrümmert. Heil und warm. Daheim mache ich das Fenster zur Auguststraße weit auf. Dunkelblaue Nacht. Ich hole tief Luft. Ganz mild ist die Abendluft. Man kann sie tief einatmen, ohne Angst haben zu müssen. Ohne Mundschutz. Die Berliner Luft vor meinem Fenster am vierzehnten März Zweitausendelf.
http://www.flickr.com/apps/slideshow/show.swf?v=71649

13. März 2011

Uran wurde 1789* von dem deutschen, in Berlin lebenden Chemie-Professor und Apotheker Martin Heinrich Klaproth aus dem Mineral Pechblende isoliert. Es ist nach dem Planeten Uranus benannt, der acht Jahre zuvor durch Friedrich Wilhelm Herschel entdeckt worden war. Am 24. September 1789 gab er die Entdeckung in einer Ansprache vor der Preußischen Akademie der Wissenschaften bekannt.“ Wikipedia
*) im Laboratorium seiner ‚Bären-Apotheke‘, Spandauer Straße 25 in Berlin Mitte.
[big planetary change: Uranus enters Aries, 2011 – 2019. Samstag, 12. März 2011, 00:53 UTC Uranus betritt (Feuerzeichen) Widder, ca. 10:00 UTC Explosion, Kernschmelze Fukushima]

13. März 2011

Uran wurde 1789* von dem deutschen, in Berlin lebenden Chemie-Professor und Apotheker Martin Heinrich Klaproth aus dem Mineral Pechblende isoliert. Es ist nach dem Planeten Uranus benannt, der acht Jahre zuvor durch Friedrich Wilhelm Herschel entdeckt worden war. Am 24. September 1789 gab er die Entdeckung in einer Ansprache vor der Preußischen Akademie der Wissenschaften bekannt.“ Wikipedia
*) im Laboratorium seiner ‚Bären-Apotheke‘, Spandauer Straße 25 in Berlin Mitte.
[big planetary change: Uranus enters Aries, 2011 – 2019. Samstag, 12. März 2011, 00:53 UTC Uranus betritt (Feuerzeichen) Widder, ca. 10:00 UTC Explosion, Kernschmelze Fukushima]

13. März 2011


„Aufgrund des entscheidenden Experiments am 17. Dezember 1938* schloss Otto Hahn auf ein „Zerplatzen“ des Urankerns in mittelschwere Atomkerne. Dies war die Entdeckung der Kernspaltung. (…) Bis zu seinem Tode wurde er nicht müde, eindringlich vor den Gefahren des nuklearen Wettrüstens der Großmächte und einer radioaktiven Verseuchung der Erde zu warnen.“ Wikipedia
*) im „Kaiser-Wilhelm-Institut für Chemie“ in der Thielallee 63 in Berlin-Dahlem, heute Hahn-Meitner-Bau

12. März 2011

Angesichts dieser unkontrollierbaren Kettenreaktion plutonischer Zerstörung regt mich das noch vor einigen Stunden verlautbarte, systematisch beschwichtigende „äußerstenfalls“ sei mit einer Kernschmelze zu rechnen“ von Röttgen auf (für später lesende Generationen: das war damals der deutsche Bundesminister für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit). Äußerstenfalls aber keinesfalls schlimmer. Die berechneten Feinheiten der Beschwichtigungssprache. Na dann.
Furchtbar alles. Die japanischen Behörden haben inzwischen die Kernschmelze im Atomkraftwerk Fukushima bestätigt. Ich erinnere mich an 1986, als der Kern im Reaktor von Tschernobyl geschmolzen war. Wir sind vergleichsweise mit einem blauen Auge davon gekommen. Das war immer der Hauptkritikpunkt an dieser Form der Energiegewinnung, die Unkontrollierbarkeit im Zerstörungsfall. Vielleicht denken immer noch einige, in Deutschland und den umliegenden Ländern wären die Sicherheitskontrollen akribisch genug, dass man von hundertprozentiger Sicherheit ausgehen könnte. Nun ist das aber in einem Land passiert, das für einen führenden High Tech Standard steht. Gegen Erdbeben und Tsunamis hilft aber leider keine Disziplin der Welt. Vielleicht denken einige bei der nächsten Wahl neu darüber nach, ob man Parteien unterstützen kann, die diese Form der Energiegewinnung unverändert tolerieren.
Davon abgesehen erschüttert. Ich blogge im Augenblick ja nicht mehr so dicht, dahinter steht keine besondere Absicht, aber irgendwie will man doch seiner Anteilnahme, Bestürzung Ausdruck verleihen. Ich war noch nie in Japan, noch nie in Asien. Mein Interesse an dieser Erdregion ist erst in den letzten Jahren gewachsen. Auch eine Bewunderung für Teile der Kultur, die oft so schönen, friedliebenden Menschen. Eine bestimmte verfeinerte Anmut, die Menschen aus Asien in einem besonderen Maß haben. Viel mehr als wir hier. Was mir so alles durch den Kopf geht gerade. Schmerzhafte, plutonische Zerstörung.

11. März 2011

Die unbekannten Leser. In irgendeinem jüngeren Lied bezeichnet sich Wolf Biermann als Legende ohne Totenschein, wie er da so durch altvertraute Straßen um den Hackeschen Markt schlendert, sich zurück erinnert. Als ihm die Ecke Heimat war. An sich gefällt mir das Prinzip, die eigene Legende noch beobachten, reflektieren und kommentieren zu können besser. Besser, als von einer Wolke erste und zugleich letzte kondolierende Kommentare zu entziffern. Man braucht dann ja auch ein gutes Fernrohr. Öffentlich gemachte schwere Körperkrankheiten mit dem Risikopotenzial kurzfristigen Ablebens sind geeignet, die Zunge zu lösen. Hingegen öffentlich gemachte gute Körpergesundheiten mit dem Risikopotenzial langfristigen Weiterlebens sind eher geeignet, unkommentiert zu verpuffen. Wobei ich persönlich inzwischen mehr daran interessiert bin, zu erfahren, wie es sich im Detail anfühlt, mit sehr gesunden Zellen ein dreistelliges Geburtstagsjubiläum vorzubereiten.
Allerdings gebe ich zu, dass ich intensive Lesephasen mit autobiographischen Büchern hatte, die dramatische Krankheiten zu Gegenstand hatten. Alle denkbaren Ängste inbegriffen, die solche Menschen durchstehen. Eigentlich war aber nur ein Buch dabei, das tödlich endete. Zwangsläufig aus der Perspektive einer Beobachtenden geschrieben, nur indirekt Betroffenen. Es war Isabel Allendes Paula, über den langen Tod ihrer Tochter. Sehr bewegendes Buch. Die anderen Krankengeschichten gingen gut aus, soweit ich mich erinnere. Mut machend. Eines ist mir besonders in Erinnerung, irgendwann ausgeliehen in einer Bücherei. Den Titel habe ich vergessen. Es ging um eine Frau mit einer Brustkrebserkrankung. Nach der Operation, in ihrem Fall eine Amputation, ließ sie sich eine Rose auf die lange Narbe tätowieren und sich wie eine Amazone ablichten. Schöne, starke Geste. Wie kommt es, wie kam es, dass du dich so stark damit beschäftigst, fragte mich Jan vorhin am Telefon. Er meinte diese geradezu wissenschaftlich akribische Beschäftigung mit der Wirkkraft der Nahrung, aus denen die nächsten Zellen gebildet werden. Ich sagte, es läge unter anderem daran, dass ich zunehmend mit Krankheitsbildern konfrontiert bin, bei Menschen meiner Generation, die mich erschrecken. Wohlstandsverwahrlosung. Ein selbstkritisches Reflektieren, wo man immer noch in übernommenen Traditionen verhaftet sein könnte, die einem nicht gut tun. Und das sind oder besser waren, trotz jahrzehntelanger, vermeintlich autonomer, eigenmächtiger Entscheidungen, viele. Sehr viele. Die zu hinterfragende Tradition gutbürgerlicher, mitteleuropäischer Ernährungsweise, dem Nutzen ihrer Bestandteile, abgesehen von hedonistischen Genusserwägungen.

Interessante Situation heute. Eine Einladung zu einem Frühstück, die ich wegen der Konstellation der Gäste wahrnahm. Es gab sehr liebevoll zubereitete Häppchen mit feinen Belägen. Eine Vanille-Joghurt-Creme mit Pflaumen, Obstspießchen. Ich bestellte einen Cappuccino und sondierte, was für mich dabei wäre. Als ich darum bat, sich bitte nicht zu wundern, wenn ich von dem und dem nichts essen würde, weil soundso, bekam ich dieselbe freundlich respektvolle Reaktion wie die anderen Male im Laufe des letzten Jahres, als ich offenbarte, dass ich bestimmte Substanzen nicht mehr esse, weil nach dreißig Jahren Leiden beschwerdefrei. Interessant auch zu sehen, wie bekannt oder unbekannt dieses bislang durch keine prominente Untersuchung* bei mir nachweisbare Phänomen** ist, das ich seit geraumer Zeit an mir studiere.
*) Patientin (Allergietest-Profi) = Besitzerin eines in Anbetracht der Realität in vielerlei Hinsicht widersprüchlichen „Allergiepasses“, der keine diesbezügliche Unverträglichkeit ausweist, dafür vorgeblich andere, die ich zum größten Teil noch nie bei mir beobachten konnte.
**) Asthma, Heuschnupfen, Herzrhythmusstörungen, Migräne weg.

02. März 2011

http://vimeo.com/moogaloop.swf?clip_id=76823171&color=55514e&server=0&title=0&byline=0&portrait=0&fullscreen=1&autoplay=0&loop=0
►watch on youtube
Opus 50. RAdiO GAGa. Wenn man auf das viereckige kleine Kästchen rechts unten draufklickt, kann man den kleinen Film in ganz groß anschauen. Wenn man den Film auf youtube anschauen will und was kommentieren will, kann man auch da drauf klicken. Wenn man immer schon mal die super sonore Stimme von kid37 hören wollte, muss man den Schieber auf 8:45 schieben. Und wenn man immer schon mal wissen wollte, wie es so bei Radio Fritz mit Marcus in der Sendung trackback ist, und was wir geplappert haben, als das Mikro zu war, muss alles anschauen. Und wenn man wissen will, was das alles soll, muss man da und da drauf klicken und noch mal nachlesen. Und wenn man wissen will, warum das Filmchen jetzt erst, nach eineinhalb Jahren zu sehen ist, muss man Verständnis zeigen. Und wer nix zu tun hat, kann da drauf klicken und alle fünfzig Filmchen hintereinanderschauen, bis die Augen viereckig sind. Viel Freude dabei.
Ach ja, und das war das Lied.

02. März 2011

http://vimeo.com/moogaloop.swf?clip_id=76823171&color=55514e&server=0&title=0&byline=0&portrait=0&fullscreen=1&autoplay=0&loop=0
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Opus 50. RAdiO GAGa. Wenn man auf das viereckige kleine Kästchen rechts unten draufklickt, kann man den kleinen Film in ganz groß anschauen. Wenn man den Film auf youtube anschauen will und was kommentieren will, kann man auch da drauf klicken. Wenn man immer schon mal die super sonore Stimme von kid37 hören wollte, muss man den Schieber auf 8:45 schieben. Und wenn man immer schon mal wissen wollte, wie es so bei Radio Fritz mit Marcus in der Sendung trackback ist, und was wir geplappert haben, als das Mikro zu war, muss alles anschauen. Und wenn man wissen will, was das alles soll, muss man da und da drauf klicken und noch mal nachlesen. Und wenn man wissen will, warum das Filmchen jetzt erst, nach eineinhalb Jahren zu sehen ist, muss man Verständnis zeigen. Und wer nix zu tun hat, kann da drauf klicken und alle fünfzig Filmchen hintereinanderschauen, bis die Augen viereckig sind. Viel Freude dabei.
Ach ja, und das war das Lied.