
Heute Nachmittag die Kamera aus dem schwarzen Kubus befreit. Hat funktioniert. Um mich meiner nicht nur geistigen Existenz zu vergewissern. Ich spielte mit dem Gedanken, anlässlich der finalen Gelegenheit ein festlich glitzerndes Kleid anzuziehen, hab es auch anprobiert, aber das war nicht das Gebot der Stunde. Am hellichten Nachmittag im silbernen Paillettenkleid Partystimmung vorzutäuschen, wirkt doch recht aufgesetzt. Also wieder ausgezogen. Dann ein anderes, langärmliges, eher kurzes, enganliegendes Kleid angezogen, aus flauschigem schwarzem Nickistoff mit großen roten Mohnblumen drauf. Jawohl, solche Kleider befinden sich in meinem Schrank. Immer wenn ich es anhabe, gibt es ein Kompliment. Ich habe dann ein paar Fotos gemacht und mich wieder umgezogen. In meine komfortablen Abhäng-Klamotten, ein langwärmliges schwarzes T-Shirt mit Charlie Chaplin drauf, eine bequeme, verwaschene Hose aus Nickistoff, die dereinst auch mal schwarz war und darüber ein dunkelblau-grün karierter Flanellponcho, mit anderen Worten: Kraut und Rüben. Dann hab ich die Bilder von der Kamera auf die Festplatte geladen und gemerkt, ich war mit der Situation offenbar noch nicht ganz vertraut. Nicht so toll. Bis auf eins alle Bilder gelöscht. Da die Kamera noch in Griffweite lag, hab ich noch mal von vorne angefangen, in meinen allein-daheim-und-kein-Besuch-zu-erwarten-Anziehsachen. Deswegen wirken die Bilder auch nicht ganz so unnatürlich, weil ich nur dasselbe gemacht habe, wie halt immer. Irgendwie gucken und ab und zu Faxen machen. Und die Klamotten sieht man sowieso kaum. Man muss das alles dokumentieren. Jedenfalls hin und wieder. Die Zeit rast und auf einmal ist man Siebzig oder Hundertsieben und versucht sich zu erinnern. Wie man war. Und alles. Wer, wie, wo, was. Bilder helfen auf die Sprünge. Man sieht dann auch, dass es einem besser geht, als man manchmal denkt. Jedenfalls sehe ich kein armes Schwein. Das beruhigt dann doch. Nun wird das Poesiealbum Zweitausendelf zugeklappt und am ersten Januar ein neues angelegt. Vielleicht wird es ja im neuen Jahr sogar wieder einmal Bilder mit Menschen geben. Ich mag gemeinsame Bilder gerne. Aber dafür kommt natürlich nicht jeder Passant an jeder Ampel in Frage. Mal gucken. Ich hege und pflege mich einfach weiter, dann habe ich mir wenigstens in dieser Hinsicht nichts vorzuwerfen. Das wäre auch so ein Vorsatz. Ich hab ja nie welche, weil gerade neues Jahr vor der Tür steht, sondern immer mal mittendrin welche. Aber das wäre ein guter Vorsatz. So zu leben, dass man sich nichts vorzuwerfen hat. Ein großer Vorsatz. Ich meine jetzt aber nicht etwa vorrangig meinen ökologischen Fußabdruck. So, Ende. FiNiTo.
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30. Dezember 2011
Das geht wohl nicht nur mir so. Diese Anwandlungen, hier und da noch ein bißchen Ordnung in die Dinge zu bringen, gegen Jahresende. Liegen gebliebene Sachen zu erledigen, das Köfferchen fertig zu packen, vor dem anstehenden Geburtsereignis. Man merkt das auch sehr schön in den bunten Blättern. Die Trennungsmeldungen häufen sich, je näher der letzte Tag des Jahres rückt. Ist mir auch schon untergekommen. Sogar mehrfach, wenn ich zurückdenke. zweimal auf der einen Seite, zweimal auf der anderen. Aber ich wollte jetzt eigentlich nicht zuguterletzt aus dem Nähkästchen plaudern. Ich räume nur Sachen auf, keine Menschen. Das ist gerade kein Thema, dafür ist mir das Kultivieren inniger Verbindungen im Augenblick zu fern. Ferner als Australien. Ungefähr so weit weg wie der gute alte Mond. Vielleicht sollte ich nicht so spät bloggen, da gerät die Sache leicht aus dem Ruder. Andererseits gibt es nun auch nicht viel über den Kürbis zu erzählen, den ich auf den Bildern geschlachtet habe. Ich meine natürlich transformiert. Ein bißchen wie Holzschnitzarbeiten. Bildhauerei im Grunde. Bei Aldi habe ich in den letzten Wochen keinen Kürbis gesehen. Schade. Ich hab dann auch schon mal einen bei meinem Superspar in der Rosi gekauft und Kokosmilch. Hat Aldi nämlich auch nie, soweit ich das Sortiment überblicke.

Jedenfalls räume ich nur die letzten Bilder auf, hier in meinem kleinen Archivschränkchen im weltweiten Internet. Morgen auch noch ein paar und dann wäre das auch erledigt. Wieder was vom Tisch! Und dann habe ich ja noch vor, zuguterletzt noch einmal in diesem Jahr ein Bild oder auch zwei von mir zu machen. Schon dreieinhalb Monate ohne aktuelles Gaga Nielsen-Bild, das schleift. Hoffentlich erkennt man mich noch. Ich gehe mal schlafen, damit ich morgen einigermaßen aussehe, fürs Bild. So machen das die Topmodels auch immer, habe ich gelesen. Ausreichend Schlaf und keinen Alkohol. Gute Nacht, Zweitausendelf, du komisches Jahr. Morgen sind wir noch einmal verabredet. Bitte sei recht pünktlich.
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31. Dezember 2011

Ich lebe zwischen
Kränen wo einmal
nichts als Krater
waren. Ich mag all
die vielen Seen
und Bäume, die
sie eng
umstehen.

Ich lieb die
Friedrichstraße,
Pariser Platz und
Kreuzbergs Stau.

Ich mag die
Linden Untern
Linden, die mit
und die noch
ohne Laub.
H. KNEF
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30. Dezember 2011
Das geht wohl nicht nur mir so. Diese Anwandlungen, hier und da noch ein bißchen Ordnung in die Dinge zu bringen, gegen Jahresende. Liegen gebliebene Sachen zu erledigen, das Köfferchen fertig zu packen, vor dem anstehenden Geburtsereignis. Man merkt das auch sehr schön in den bunten Blättern. Die Trennungsmeldungen häufen sich, je näher der letzte Tag des Jahres rückt. Ist mir auch schon untergekommen. Sogar mehrfach, wenn ich zurückdenke. zweimal auf der einen Seite, zweimal auf der anderen. Aber ich wollte jetzt eigentlich nicht zuguterletzt aus dem Nähkästchen plaudern. Ich räume nur Sachen auf, keine Menschen. Das ist gerade kein Thema, dafür ist mir das Kultivieren inniger Verbindungen im Augenblick zu fern. Ferner als Australien. Ungefähr so weit weg wie der gute alte Mond. Vielleicht sollte ich nicht so spät bloggen, da gerät die Sache leicht aus dem Ruder. Andererseits gibt es nun auch nicht viel über den Kürbis zu erzählen, den ich auf den Bildern geschlachtet habe. Ich meine natürlich transformiert. Ein bißchen wie Holzschnitzarbeiten. Bildhauerei im Grunde. Bei Aldi habe ich in den letzten Wochen keinen Kürbis gesehen. Schade. Ich hab dann auch schon mal einen bei meinem Superspar in der Rosi gekauft und Kokosmilch. Hat Aldi nämlich auch nie, soweit ich das Sortiment überblicke.

Jedenfalls räume ich nur die letzten Bilder auf, hier in meinem kleinen Archivschränkchen im weltweiten Internet. Morgen auch noch ein paar und dann wäre das auch erledigt. Wieder was vom Tisch! Und dann habe ich ja noch vor, zuguterletzt noch einmal in diesem Jahr ein Bild oder auch zwei von mir zu machen. Schon dreieinhalb Monate ohne aktuelles Gaga Nielsen-Bild, das schleift. Hoffentlich erkennt man mich noch. Ich gehe mal schlafen, damit ich morgen einigermaßen aussehe, fürs Bild. So machen das die Topmodels auch immer, habe ich gelesen. Ausreichend Schlaf und keinen Alkohol. Gute Nacht, Zweitausendelf, du komisches Jahr. Morgen sind wir noch einmal verabredet. Bitte sei recht pünktlich.
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29. Dezember 2011
Unterwegs in Berlin. Unterwegs in Australien. Unterwegs in Osttimor. Unterwegs im Wohnzimmer. Unterwegs im Kopf. Unterwegs in den Wolken. Unterwegs auf dem Teppich. Unterwegs im Herz. Farin macht das gut. Er fokussiert mit den Augen und drückt mit dem Herzen ab. Aus diesem Grund macht er das gut. Ich habe seine Bilderbücher gerne, auch wegen der kleinen Geschichten von unterwegs. Weil er als Musiker bekannt ist, ist er ab und zu dem Angriff ausgesetzt, dass er mit seinen Bildern nur deswegen professionelle Aufmerksamkeit bekommt, weil seine ergebene Fangemeinde hypnotisiert alles erwirbt, was er produziert, und er deshalb für den Verlag und für Lumas ein verlässlich lukrativer Künstler im Repertoire ist. Von den Lumas-Editionen will ich gar nicht reden, aber die Bildbände sind mit sehr viel Liebe gemacht. Ohne berufsglobetrottermäßigen Anspruch auf Vollständigkeit, gemäß seiner ganz persönlichen Reiseroute und Dramaturgie. Das erwarte ich vor anderem von so einem Bildband.

Foto: Farin Urlaub
Auch wenn er selbst selten zu sehen ist. Man sieht, worauf es ihm ankommt und damit erweckt er sofort mein Vertrauen. Gerne könnte es auch noch persönlicher sein. Der Film aus der Kamera und auch der Film aus dem Kopf. Aber das war ja nicht der letzte Streich. Vorausschauend hatte er gleich sein Erstlingswerk mit der Nummer Eins untertitelt. Nun macht er zum Glück sowieso immer weiter, weil er gar nicht mehr anders kann – so sehr wie er Blut geleckt hat – auch ohne den gnädigen Segen der ausgebildeten und spärlicher mit Erfolg gesegneten Kollegen. Tatsächlich zeichnet es die bemerkenswerteren unter den Kunstschaffenden aus, dass sie kein Diktat des Mediums hinnehmen, sich jegliches zueigen machen. So wie Kinder keinerlei Begrenzungen in ihrem Spieltrieb mögen. Und wenn er morgen anfinge, großformatig zu malen, hätte jede Leinwand seine furiose Farin Urlaub-Handschrift.
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Abgesehen davon meine ich durchaus, dass sich in der Handschrift sehr viel von der Kraft und des Potenzials eines Menschen andeutet. Und das begreife ich nicht im engeren Sinne graphologisch. Na gut, vielleicht im weiteren. Aber Wagemut, Kraft und Impulsivität zeigt sich in jedem Strich. Bei jeglichem Gekritzel. Kühner Strich, kühnes Herz. Nein, nein, ich meine keine prätentiösen Angeber-Poser-Kringel. Straight. Um ganz ehrlich zu sein, kann der Eindruck einer Handschrift großes Misstrauen bei mir erregen. Gefährlich sind übertrieben große, bauchige Unterschlaufen. Und auch ausgezirkelt extra große Oberschlaufen wie Luftballons. Nicht die Sorte, die eben auch mal zwischendurch groß wird, weil das Herz beim Schreiben gerade heiß war, sondern aus kultiviertem Prinzip. Ich habe das bei Menschen beobachtet, die gerne mehr in der Welt darstellen wollen, als die Substanz real ermöglicht. Mir auch sehr suspekt, angepasste, ewig gleichförmige kringelige Kleinmädchen-Schriften wie brave Häkelborten. Mit solchen Menschen kann ich keinen Draht finden. Nicht von Herzen. Und nicht vom Geist. Ich glaube ganz sicher, dass sich visionäres Potenzial in jeder Lebensregung und -bewegung Bahn bricht. In jedem Kringel und jedem Krakel. In jedem Strich und jedem Punkt.

28. Dezember 2011
Hey, ich war im Schwimmbad. Leider hab ich meinen Badeanzug vergessen und durfte nur am Beckenrand stehen und zugucken. War aber auch schön. Ich traue mich sowieso nicht vom Turm springen, wie die anderen. Toll, wie die das machen. Ich schaue aber gerne zu. Trauen würde ich mich das nie. Nie im Leben! Der Schwimmkurs, wo ich elf war, hat mir gelangt. Ich kann aber trotzdem ganz gut schwimmen. Am liebsten im Meer. Ganz weit raus. Und ganz allein. Bis man fast schon ein bißchen Kribbeln hat, ob es nicht zu weit ist, weil man muss ja auch noch zurück. Hab es bis jetzt aber immer geschafft. Lange her, dass ich am Meer war und drin geschwommen bin. Die ganzen letzten Ost- und Nordseeferien war mir immer das Wasser zu kalt. Ich bin da zimperlich. In einer sizilianischen Bucht war es schön. Und in ein paar griechischen. Bestimmt fahre ich bald wieder einmal ans Meer. An eins zum Schwimmen. Weil ich ja spare. Ich bin ganz schön gut darin und muss mich selber loben, so zum Jahresende.

Normalerweise kann und darf man ja gar keine Schwimmbad- oder Freibadfotos machen, ohne dass man sich komisch oder zurecht peinlich vorkommt. Aber das war ein besonderer Tag. Alle haben den Schwimmern und Springern begeistert zugeguckt. War nämlich auch ISTAF. Obwohl im Olympiabad gar kein Wettbewerb war, sondern normales Sommerfreibad. Man kann aber toll zugucken vom Olympiagelände, und das ist einfach schön, bei so einem Badewetter. Man fühlt sich gleich erfrischt, an einem heißen Sommertag in Berlin. Kleiner anachronistischer Eintrag, aber chronologisch. Mir ist jedes Wetter recht. Inzwischen. Früher war ich da auch mäkelig und hatte Befindlichkeiten. Aber seit ich weiß, dass Gesundheit viel wichtiger ist als Badewetter, finde ich alles gut, was da draußen so vor sich geht. Was sich der Wettergott so überlegt. Ich bin gewappnet. Hauptsache, ich kann selber bestimmen, ob ich vor die Tür gehe zum Spazierengehen. Das ist das Allerwichtigste. Ich gehe nämlich nie spazieren, wenn es kalt ist. Weil es mir nicht gefällt und ich weinen muss. Wegen der Kälte auf den Augäpfeln. Deswegen ist jetzt wieder Sonnenbrillenwetter für mich. Wenn jemand bei unter zehn Grad eine Frau, die mir ähnlich sieht durch Mitte laufen sieht, mit Brille auf der Nase, weil wieder der gute alte Ostwind weht, bin ich es.
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28. Dezember 2011
Hey, ich war im Schwimmbad. Leider hab ich meinen Badeanzug vergessen und durfte nur am Beckenrand stehen und zugucken. War aber auch schön. Ich traue mich sowieso nicht vom Turm springen, wie die anderen. Toll, wie die das machen. Ich schaue aber gerne zu. Trauen würde ich mich das nie. Nie im Leben! Der Schwimmkurs, wo ich elf war, hat mir gelangt. Ich kann aber trotzdem ganz gut schwimmen. Am liebsten im Meer. Ganz weit raus. Und ganz allein. Bis man fast schon ein bißchen Kribbeln hat, ob es nicht zu weit ist, weil man muss ja auch noch zurück. Hab es bis jetzt aber immer geschafft. Lange her, dass ich am Meer war und drin geschwommen bin. Die ganzen letzten Ost- und Nordseeferien war mir immer das Wasser zu kalt. Ich bin da zimperlich. In einer sizilianischen Bucht war es schön. Und in ein paar griechischen. Bestimmt fahre ich bald wieder einmal ans Meer. An eins zum Schwimmen. Weil ich ja spare. Ich bin ganz schön gut darin und muss mich selber loben, so zum Jahresende.

Normalerweise kann und darf man ja gar keine Schwimmbad- oder Freibadfotos machen, ohne dass man sich komisch oder zurecht peinlich vorkommt. Aber das war ein besonderer Tag. Alle haben den Schwimmern und Springern begeistert zugeguckt. War nämlich auch ISTAF. Obwohl im Olympiabad gar kein Wettbewerb war, sondern normales Sommerfreibad. Man kann aber toll zugucken vom Olympiagelände, und das ist einfach schön, bei so einem Badewetter. Man fühlt sich gleich erfrischt, an einem heißen Sommertag in Berlin. Kleiner anachronistischer Eintrag, aber chronologisch. Mir ist jedes Wetter recht. Inzwischen. Früher war ich da auch mäkelig und hatte Befindlichkeiten. Aber seit ich weiß, dass Gesundheit viel wichtiger ist als Badewetter, finde ich alles gut, was da draußen so vor sich geht. Was sich der Wettergott so überlegt. Ich bin gewappnet. Hauptsache, ich kann selber bestimmen, ob ich vor die Tür gehe zum Spazierengehen. Das ist das Allerwichtigste. Ich gehe nämlich nie spazieren, wenn es kalt ist. Weil es mir nicht gefällt und ich weinen muss. Wegen der Kälte auf den Augäpfeln. Deswegen ist jetzt wieder Sonnenbrillenwetter für mich. Wenn jemand bei unter zehn Grad eine Frau, die mir ähnlich sieht durch Mitte laufen sieht, mit Brille auf der Nase, weil wieder der gute alte Ostwind weht, bin ich es.
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26. Dezember 2011
Tief eingetaucht in Veras Lebenslauf. Manche Tagebuchgedanken und Erkenntnisse über das eigene Schicksal, die Bestimmung, auch im Privaten, so verblüffende gedankliche Parallelen, dass ich sie einerseits hier hinschreiben wollte, andererseits die ungeschützte Darbietung scheue. Als ob der Vorhang vollkommen beiseite gezogen ist, warum die Faszination von Anfang an für mich so groß war. Dieses zutiefst Vertraute. Nun leben wir beide in Berlin, äußerst zurückgezogen, auslotend und transformierend mit der eigenen Biographie beschäftigt. Zunehmend heiter […]. Ziemlich verrückt. Wer Ihre alten Einträge in dem Buch lesen würde, könnte auf diesem Umweg begreifen, wie ich in Vielem ticke. Als ich auch noch las, dass die Insel Spetsai eine besondere Bedeutung hatte in ihrem Leben, in einer tiefen Krise, war ich nur einmal mehr fasziniert. Diese griechische Insel, die mir Anfang der Neunziger etwas bedeutete, kennt niemand, dem ich je begegnete. Sie hatte dort einen entscheidenden Unfall. Einen frei gewählten Sturz von dem die Narbe an ihrem Kinn rührt. Danach wurde vieles leichter.

Davor war ich auch sehr bewegt von einem Buch. Und noch vor jenem las ich Friedrich Holländers Von Kopf bis Fuß, aus dem ich manches zitierte. Seit vielen Jahren hatte ich noch ein zweites Buch von ihm im Regal, beide lagen seit Ende der Neunziger dort, nur kurz angelesen und beiseite gelegt, anderes vorgezogen und beide vergessen. Es war nicht die richtige Zeit, als ich sie kaufte, mir fehlte die Konzentration. Jetzt hatte ich sie. Das Buch nach Holländers Erinnerungen war ein Roman, den er 1941 schrieb, in der deutschen Übersetzung heißt er Menschliches Treibgut. Dieser Roman, zehn Jahre nach der Emigration über Paris nach Amerika geschrieben, hat mich tief bewegt. Ich hätte gar nicht gewusst, was ich daraus zitieren sollte. Der Venedig-Effekt. Man ist dort und legt den Fotoapparat nieder, weil man der Flut der Eindrücke nicht Herr wird. Was soll man zuerst belichten. Jeden Schritt, 360 Grad? Holländer schrieb das Buch auf Englisch (Those Torn from Earth), er suchte die Herausforderung mit der Sprache, aber ich las es auf Deutsch, eine sehr gute Übersetzung, die erst nach seinem Tod entstand. Und sein Ton ist wunderbar getroffen. Eine warme Empfehlung. Mehr noch als seine Autobiographie. Obwohl diese mir noch transparenter und zugänglicher machte, in welchem Ausmaß er über diese Schicksale aus eigener Erfahrung schrieb. Im Nachwort zu Menschliches Treibgut von Volker Kühn, werden die fiktiven Figuren erhellt. Wer sich dahinter verbarg. Für fast jeden Protagonisten gab es das Vorbild eines Emigranten aus Holländers Umfeld. Thomas Mann schrieb betroffen das Vorwort.

Und nun liegt ein schwerer Brocken vor mir, Albert Speers Erinnerungen, nach der Veröffentlichung 1969 innerhalb kürzester Zeit ein Bestseller. Vieles wurde später in Frage gestellt, was er zu seinen Gunsten darstellt. Einer der wenigen Nazis im Büßergewand, dem man nachsagt, er hätte sein Bedauern so geschickt in den Fokus gestellt, dass viele Fakten zu seinen Ungunsten, die er unter den Teppich kehrte, gerne verdrängt wurden. Die Deutschen brauchten nach dem Krieg eine Identifikationsfigur wie Speer. Einen guten Nazi. Dann konnte man auch sich selbst vergeben, wenn er sich vergab, wenn ihm vergeben wurde, konnte man selbst Vergebung erhoffen. Aber wie gesagt, das Buch liegt vor mir. Ich mag das gerade sehr, tieferes Verständnis für Zusammenhänge zu erlangen, in dem ich mich mit Schlüsselfiguren und historischen Schlüsselmomenten beschäftige. Das hat durchaus sehr viel mit mir und meinem eigenen Leben zu tun. Es ist kein fluchtgleiches Verreisen wie ein Tauchgang in ferne Ozeane, mir begegnet währenddessen viel, das in mir und meiner Generation und der Gegenwart fortwirkt. Und es hilft meinem Verstehen über die oftmals, vielfach tragische Dynamik, die Dramaturgie der Zeit. Und des Schicksals.
20. Dezember 2011












http://www.flickr.com/apps/slideshow/show.swf?v=109615
Also nun. Ich war dann auch nicht mehr kompetent, etwas auszusortieren. Ja, das sind viele Bilder. Ich will nur mal zeigen, wie ein Sportereignis im Olympiastadion durch meinen unsportlichen Blickwinkel aussieht. Meine Güte, ich war noch nie bei so was dabei. Das war wirklich schön, nicht nur weil das Wetter schön war, sondern weil dreiundfünfzigtausendirgendwas Berliner auf einen Haufen gute Stimmung verbreiten, zumal wenn die Sonne scheint und ein derartiges Großereignis am Start ist. Unproblematisch und undepressiv. Auch mal schön! Man musste nicht damit rechnen, dass der Banknachbar eine Betroffenheitsdiskussion vom Zaun bricht. Auch die Kinder waren gut drauf und haben nicht genervt, weil sie was zu gucken hatten. Putzig, wie freiwillig konzentriert die kids dem Ganzen gefolgt sind. Alles so freiwillig. Hatte alles überhaupt keine Ähnlichkeit mit meinen Erinnerungen an den Sport- und Turnunterricht mit Trillerpfeife zu Schulzeiten. Freiwillige Körperdisziplin ist eine feine Sache, scheint mir. Die beiden da unten, die am oberen Ring die Eintrittskarten checkten, sind ein Sinnbild für die Stimmung. Ach, was soll ich noch schreiben. Selber gucken. Ich hab nicht so viel herumsortiert wie sonst, da ist viel ähnliches, aber das wird schon nicht gleich Muskelkater verursachen.

18. Dezember 2011

Seit zwei Monaten keine Kamera in der Hand gehabt. Blick auf schönes, selbst gemachtes Essen, besonders gestern. So farbig, der Nachtisch. Wie ein expressives Gemälde. rosa, weiß, violett. Auch die Suppe mit der Sahne, Rote Beete, Ingwer, Tomatenmark für Orange, der Bratling aus der Pfanne. Ich schaue es an, schiebe die Schüsseln auf die kleinformatige schwarze Holzstäbchenmatte. Es sieht überall schön aus. Jeder würde den Fotoapparat holen. Bei den meisten wäre er griffbereit. Nicht hier. Soll ich Wochen später erklären, dass ich das am 17. Dezember gerührt und gebrutzelt habe? Die Kamera, die ich am liebsten nehme, ist in einer schwarzen Schachtel in einem Schrank. Eine Schachtel wie ein matter schwarzer Würfel, mit dem Signet von Versace oben. Glänzend Schwarz auf Mattschwarz. Eine große Tasse war einst darin verpackt, ein sehr stabiler Karton. Wie ein Schatulle. Ideal für die Kamera. Die Tasse geht langsam kaputt vom vielen Kaffeetrinken. Sie hat schon einen Sprung und einen halben. Ja, ich mache mir schönes Essen für den einzigen Blick von mir selbst, nicht für die Nachwelt erhalten. Doch, schon ein bißchen schade. Das hätte einen bunten Blogeintrag gegeben. Ich hätte in Farbe fotografiert. Mich habe ich auch seit September nicht mehr abgelichtet. Seit dem großen Fest der Leichtathletik, am elften September. Also schon mehr als ein Vierteljahr. Aber letztendlich bin ich auch so wahrscheinlich weltweit die Bloggerin mit den meisten Bildern von sich im Netz. Das Jahr neigt sich dem Ende, weniger als zwei Wochen noch. Ich versuche noch die Sachen hochzuladen, die da dämmern, auch wenn mir gerade der Bezug ein wenig verloren gegangen ist, auch wegen der Jahreszeit. Vielleicht gibt es am Ende ja doch noch ein Bild, ein zeitlich näheres. Und vielleicht habe ich mich auch verändert. Mal sehen.
20. Dezember 2011












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Also nun. Ich war dann auch nicht mehr kompetent, etwas auszusortieren. Ja, das sind viele Bilder. Ich will nur mal zeigen, wie ein Sportereignis im Olympiastadion durch meinen unsportlichen Blickwinkel aussieht. Meine Güte, ich war noch nie bei so was dabei. Das war wirklich schön, nicht nur weil das Wetter schön war, sondern weil dreiundfünfzigtausendirgendwas Berliner auf einen Haufen gute Stimmung verbreiten, zumal wenn die Sonne scheint und ein derartiges Großereignis am Start ist. Unproblematisch und undepressiv. Auch mal schön! Man musste nicht damit rechnen, dass der Banknachbar eine Betroffenheitsdiskussion vom Zaun bricht. Auch die Kinder waren gut drauf und haben nicht genervt, weil sie was zu gucken hatten. Putzig, wie freiwillig konzentriert die kids dem Ganzen gefolgt sind. Alles so freiwillig. Hatte alles überhaupt keine Ähnlichkeit mit meinen Erinnerungen an den Sport- und Turnunterricht mit Trillerpfeife zu Schulzeiten. Freiwillige Körperdisziplin ist eine feine Sache, scheint mir. Die beiden da unten, die am oberen Ring die Eintrittskarten checkten, sind ein Sinnbild für die Stimmung. Ach, was soll ich noch schreiben. Selber gucken. Ich hab nicht so viel herumsortiert wie sonst, da ist viel ähnliches, aber das wird schon nicht gleich Muskelkater verursachen.

18. Dezember 2011

Seit zwei Monaten keine Kamera in der Hand gehabt. Blick auf schönes, selbst gemachtes Essen, besonders gestern. So farbig, der Nachtisch. Wie ein expressives Gemälde. rosa, weiß, violett. Auch die Suppe mit der Sahne, Rote Beete, Ingwer, Tomatenmark für Orange, der Bratling aus der Pfanne. Ich schaue es an, schiebe die Schüsseln auf die kleinformatige schwarze Holzstäbchenmatte. Es sieht überall schön aus. Jeder würde den Fotoapparat holen. Bei den meisten wäre er griffbereit. Nicht hier. Soll ich Wochen später erklären, dass ich das am 17. Dezember gerührt und gebrutzelt habe? Die Kamera, die ich am liebsten nehme, ist in einer schwarzen Schachtel in einem Schrank. Eine Schachtel wie ein matter schwarzer Würfel, mit dem Signet von Versace oben. Glänzend Schwarz auf Mattschwarz. Eine große Tasse war einst darin verpackt, ein sehr stabiler Karton. Wie ein Schatulle. Ideal für die Kamera. Die Tasse geht langsam kaputt vom vielen Kaffeetrinken. Sie hat schon einen Sprung und einen halben. Ja, ich mache mir schönes Essen für den einzigen Blick von mir selbst, nicht für die Nachwelt erhalten. Doch, schon ein bißchen schade. Das hätte einen bunten Blogeintrag gegeben. Ich hätte in Farbe fotografiert. Mich habe ich auch seit September nicht mehr abgelichtet. Seit dem großen Fest der Leichtathletik, am elften September. Also schon mehr als ein Vierteljahr. Aber letztendlich bin ich auch so wahrscheinlich weltweit die Bloggerin mit den meisten Bildern von sich im Netz. Das Jahr neigt sich dem Ende, weniger als zwei Wochen noch. Ich versuche noch die Sachen hochzuladen, die da dämmern, auch wenn mir gerade der Bezug ein wenig verloren gegangen ist, auch wegen der Jahreszeit. Vielleicht gibt es am Ende ja doch noch ein Bild, ein zeitlich näheres. Und vielleicht habe ich mich auch verändert. Mal sehen.
18. Dezember 2011
WOMEN KNOW YOUR LIMITS
18. Dezember 2011
11. Dezember 2011
DON’T WORRY ABOUT GETTING OLDER.
11. Dezember 2011
DON’T WORRY ABOUT GETTING OLDER.
10. Dezember 2011
Vorhin bei Aldi entdeckt: eine Dose Kidneybohnen, vierhundertfünfundzwanzig Milliliter, für fünfunddreißig Cent. Wenn es mal hart auf hart kommt, gibt es einen Monat lang Kidneybohnen-Diät, jeden Tag eine Dose, an besonderen Festtagen auch mal zwei. Dann müsste man für die Hauptmahlzeiten pro Monat nur noch knapp zehn Euro einkalkulieren. Unglaublich. Aber okay, so weit ist es noch nicht. Ich habe sogar geschafft, das Budget der letzten Woche nicht auszuschöpfen und nun runde zehn Euro bis zum nächsten Umschlag übrig. Ha!
Auf dem Rückweg von der U-Bahn am Rosenthaler Platz über die Linienstraße in meine Straße biegend, die neuere Baustelle schräg gegenüber von meiner Hütte genauer angeschaut. Seltsame Variante von Bauzaun oder wie man das nennen soll, aus rotlackierten Hölzern, so karierte Streben, wie Raumteiler im Chinarestaurant, aber haushoch. Auf das Schild geguckt: David Chipperfield Architects. Dachte erst, die bauen da was im Auftrag in die Lücke. Wunderte mich nur, dass das Objekt nicht wie üblich beschrieben wird, mit „Wohnhaus“ oder „Apartmenthaus“ oder „Bürohaus“. Tatsächlich bauen sie das Berliner Büro des Architekten selbst. Daher keine weiteren Erklärungen am Schild. Wird bestimmt toll. Ein großartiger Architekt. Er hat unter anderem die Dolce & Gabbana Stores entworfen. Ich sehe aus dem Küchenfenster den Kran von der Baustelle, der ist auch besonders schön, kommt es mir vor. So schön, dass ich ihn schon fotografiert habe. So einen hab ich noch nie hier in der Ecke gesehen, und in meiner Ecke gab es viele Kräne in den letzten dreizehn Jahren. Wahrscheinlich der Ferrari oder Rolls Royce unter den Kränen. Ganz schön spannend, was da wohl entsteht. Man sieht nichts, nur diese hohe rote Hölzerwand, wie ein Paravent. Das Haus gefällt mir besonders gut. America’s Cup Pavillon in Valencia. Furiose Baukunst. Das Berliner Architekten Team bringt bestimmt großartige Vibrations in die Ecke schräg gegenüber. Bei visionärer Architektur schlägt mein Herz ganz hoch.
10. Dezember 2011
„Im Schmerz ist für Sentimentalität kein Platz. Nur Wehwehchen machen sentimental. Beim Äußersten an Leid hören die Schnörkel auf. Wenn man nicht seelisch krepieren will, muss man in die tiefste Tiefe des Schmerzes hinabtauchen und sich irgendwann mit beiden Beinen vom Grund abstoßen.“
Erika Pluhar
Ein lesenswertes Interview.
10. Dezember 2011
Vorhin bei Aldi entdeckt: eine Dose Kidneybohnen, vierhundertfünfundzwanzig Milliliter, für fünfunddreißig Cent. Wenn es mal hart auf hart kommt, gibt es einen Monat lang Kidneybohnen-Diät, jeden Tag eine Dose, an besonderen Festtagen auch mal zwei. Dann müsste man für die Hauptmahlzeiten pro Monat nur noch knapp zehn Euro einkalkulieren. Unglaublich. Aber okay, so weit ist es noch nicht. Ich habe sogar geschafft, das Budget der letzten Woche nicht auszuschöpfen und nun runde zehn Euro bis zum nächsten Umschlag übrig. Ha!
Auf dem Rückweg von der U-Bahn am Rosenthaler Platz über die Linienstraße in meine Straße biegend, die neuere Baustelle schräg gegenüber von meiner Hütte genauer angeschaut. Seltsame Variante von Bauzaun oder wie man das nennen soll, aus rotlackierten Hölzern, so karierte Streben, wie Raumteiler im Chinarestaurant, aber haushoch. Auf das Schild geguckt: David Chipperfield Architects. Dachte erst, die bauen da was im Auftrag in die Lücke. Wunderte mich nur, dass das Objekt nicht wie üblich beschrieben wird, mit „Wohnhaus“ oder „Apartmenthaus“ oder „Bürohaus“. Tatsächlich bauen sie das Berliner Büro des Architekten selbst. Daher keine weiteren Erklärungen am Schild. Wird bestimmt toll. Ein großartiger Architekt. Er hat unter anderem die Dolce & Gabbana Stores entworfen. Ich sehe aus dem Küchenfenster den Kran von der Baustelle, der ist auch besonders schön, kommt es mir vor. So schön, dass ich ihn schon fotografiert habe. So einen hab ich noch nie hier in der Ecke gesehen, und in meiner Ecke gab es viele Kräne in den letzten dreizehn Jahren. Wahrscheinlich der Ferrari oder Rolls Royce unter den Kränen. Ganz schön spannend, was da wohl entsteht. Man sieht nichts, nur diese hohe rote Hölzerwand, wie ein Paravent. Das Haus gefällt mir besonders gut. America’s Cup Pavillon in Valencia. Furiose Baukunst. Das Berliner Architekten Team bringt bestimmt großartige Vibrations in die Ecke schräg gegenüber. Bei visionärer Architektur schlägt mein Herz ganz hoch.
10. Dezember 2011
Zwölf Uhr neununddreißig. Wie lange brauche ich eigentlich für so einen Blogeintrag, mal gucken. Ich trödle gerade rum, weil ich gerade ausgekundschaftet habe, dass Aldi in der Brunnenstraße bis 20:00 Uhr auf hat. Die Waschmaschine macht ihre lustigen Geräusche und der Kaffee schmeckt. Gestern neuen geholt, aber nicht bei Aldi sondern bei Edeka am Hackeschen Markt. Superspar heißt der Supermarkt. Die Preise sind allerdings nicht so supersparmäßig, wie ich ja nun gelernt habe. Vier Produkte habe ich gekauft, die nicht bei Aldi erhältlich sind: 1 Kürbis, 1 Dose Kokosmilch, 1 Päckchen Lavazza-Kaffee, 1 Tüte Seitenbacher No. 107. Schon am Gemüsestand bin ich fast mit einem Mann zusammengerumpelt, aber nur fast, der mir irgendwie bekannt vorgekommen ist. Ich weiß aber nicht wo ich ihn hintun soll. Er hat mich irgendwie so vertraulich angelächelt. Man hat gemerkt, dass ich ihm wohl sympathisch bin. Ich war ein bißchen verwundert über die Reaktion, weil es schon ein bißchen mehr war als das übliche Höflichkeitslächeln, wenn man jemandem ausweicht. Vorm Kaffeeregal war er dann auch zufällig zugange und lächelt die ganze Zeit so in sich hinein. An der Kasse standen wir dann parallel an und ich hatte das Gefühl, dass er guckt, was ich gekauft habe und überhaupt. Ich komme einfach nicht drauf wo ich ihn hintun soll. Als ob ich sein Gesicht von irgendeinem Foto kenne. Oder einem Bandplakat. Er passt jedenfalls in das klassische Rockmusiker-Klischee. Der macht bestimmt was mit Musik. Einen Moment überlegte ich, ob er vielleicht Blogs liest und mich von Fotos von meinem Blog her kennt und deswegen so lächelt. Es war schon nah am Grinsen. Irritierend. Er sah ziemlich interessant aus. Attraktiv. Größer als ich und ein bißchen längere dunkle Haare, aber nicht so eine schlimme Hippie-Matte. So Typ Anthony Kiedis in älter, Ende Vierzig – obwohl der ist ja auch nicht mehr so jung. Und irgendwie so ein leichter D’Artagnan-Bart, aber nur minimal, mehr so ausgezirkelt hinrasiert. Na ja, wie auch immer. Ich war relativ ungestylt, aber in der Spiegelung der Schaufensterscheiben hab ich gesehen, dass ich auf eine unprätentiöse Art irgendwie ganz cool rübergekommen bin, mit meiner schwarzen Rocker-Lederjacke und dem schwarzen Nicki-Kapuzen-Teil drunter. Von der morgendlichen Schminke war nicht mehr viel da, aber ich war ganz souverän drauf und das hat man wohl gesehen. Schätze ich mal. Ich entwickle immer mehr so ein Lausbuben-Ego, habe ich das Gefühl. Ganz weit weg von Tussi und Dame. Mehr so Pferdestehlen. So, Eintrag fertig. Sonne blendet gerade auch, ist gerade rausgekommen. Zwölf Uhr siebenundfünfzig. Achtzehn Minuten für den Blogeintrag!

05. Dezember 2011
Warnung – sehr langer Eintrag
Mit Vernunft (…) wird die Fähigkeit des menschlichen Geistes bezeichnet, von einzelnen Beobachtungen und Erfahrungen auf universelle Zusammenhänge in der Welt zu schließen, deren Bedeutung zu erkennen und danach zu handeln – insbesondere auch im Hinblick auf die eigene Lebenssituation (…) Wikipedia

Ich bemühe mich sehr um Vernunft. Mehr als je zuvor. Vernunft kann aber auch sein, über die Stränge zu schlagen, wenn die Kraft einen oben auf der Welle trägt, zu ungeahnten Horizonten. Jetzt ist eine andere Zeit, ich erkenne das. Die Wellen sind nicht furios, nicht sensationell, eher gleichmäßig, unspektakulär. Was war eher da, die Henne oder das Ei? Die Reduktion der Ereignisse oder die Reduktion der Motivation?. Oder beides parallel. Ich glaube ja, mehr oder weniger gleichzeitig. Die Welle zog sich zurück und ich mich mit ihr. Ich kümmere mich um Dinge, die mir sehr lange keinen Gedanken wert waren. Unerwarteterweise erfahre ich bei meiner relativ jungen Beschäftigung mit Preisen für Lebenshaltungskosten eine Art Forscherglück. Ach, das klingt so beschönigend. Es ist vielleicht auch nur deshalb wahr, weil ich es nur aus einem vorübergehenden Engpass betreibe. Vor etwa fünfzehn Jahren hatte ich das auch mal, da war es aber schlimmer und schwieriger in den Griff zu bekommen. Es ist nicht existentiell, das muss man hinzufügen. Wenn man innerhalb einiger Monate mit knallharter Disziplin wieder in den grünen Bereich kommt, ohne außerordentliche Zuwendungen, ist es noch kein Desaster.
Ich war einfach sehr leichtsinnig in den letzten Jahren. Bequem auch, viel unterwegs, viele Taxifahrten, um schneller im Bett zu sein. Ich habe mir allen Ernstes Holunderbeersaft aus der Privatkelterei van Nahmen zu Butter Lindner in der Rosenthaler Straße liefern lassen, vom Catering Service. Eine ganze Kiste. Damit ich möglichst bequem, im Vorbeigehen (ich laufe jeden Tag an dem Laden vorbei) immer mal wieder ein Fläschchen holen konnte. Dass die Flasche zum Preis von knapp sieben Euro mehr als einen Euro oder sogar noch mehr teurer war als in der Feinschmecker-Abteilung von Galeria Kaufhof am Alexanderplatz, war mir die Bequemlichkeit wert. Man muss vielleicht wissen, dass der Kaufhof am Alex nur eine sehr, sehr kurze Haltestelle von dem Butter Lindner-Laden in der Rosenthaler entfernt ist. Aber: hin und zurück inclusive an der Kasse anstehen bestimmt ein halbes Stündchen Lebenszeit.
Aber was ich mache, mache ich ganz. Über die Stränge schlagen oder Klausur. Mit großem Sportsgeist habe ich mir also seit Anfang November auferlegt, mit fünfzig Euro Wirtschaftsgeld pro Woche auszukommen. Bis jetzt hat es prima geklappt. Das Wirtschaftsgeld ist für Lebensmittel und Hygieneartikel zu verwenden. Alles andere wird, bis auf meine BVG-Monatskarte, vom Konto abgebucht. Für den ganzen Dezember habe ich insgesamt 220 Euro zur Verfügung. Ich packe die fünfzig Euro-Scheine für eine Woche immer in einen Umschlag, den ich beschrifte. Ich darf nur noch einmal pro Monat zum Geldautomaten gehen und da hebe ich das ganze mir zustehende Wirtschaftsgeld in einer Transaktion ab. Was für ein Gefühl neulich, nach längerer Zeit keinen Minusbetrag mehr auf der Kontostand-Zwangsanzeige des Sparkassen-Geldautomaten zu sehen. Neuerdings hole ich mir sogar freiwillig Kontoauszüge, was ich in den letzten zehn bis fünfzehn Jahren tunlichst vermieden habe.
Wenn ich dann also das Bargeld habe, gehe ich freudig meine vier bis fünf Briefumschläge für den jungfräulichen Monat beschriften. Und zukleben! Das hat mir vor vielen Jahren schon einmal aus der Misere geholfen. Die Hemmschwelle ist viel, viel größer, als wie wenn das Geld so offen Kraut und Rüben griffbereit im Portmonnaie liegt. Ich würde mich vor mir selber schämen, wenn ich vor der Zeit einen neuen Umschlag öffnen würde. Lieber verzichte ich auf etwas! Es ist ja meistens nur ein paar Tage, bis der nächste Umschlag dran ist. Und wie groß die Freude dann ist! Unter anderem bin ich ja bis vor kurzem mehr oder weniger jeden Tag in dem einen oder anderen gastronomischen Betrieb zu Gast gewesen. Und wenn es nur die durchaus preisgünstige TU Mensa war. Kleinvieh macht auch Mist. Das läppert sich!
Um auf die oben erwähnte Welle zurückzukommen: da trifft es sich ganz gut, dass meine Verfassung im Moment sowieso etwas Klösterliches hat. Das passt eigentlich alles ganz gut zusammen. Schauen, was man wirklich braucht. Ich habe noch nie zuvor einen derartigen Genuss bei einer Tasse Lavazza-Cappuccino mit einer doppelten Portion Espresso oben drauf gehabt, wie in diesen Tagen. Mein größter Luxus nunmehr! Früher: gewöhnlich! Ich habe früher nicht mitgezählt. Was für eine Vorfreude auf kleine Dinge sich entwickeln. Es ist furios. Ich bin in kürzester Zeit eine Top-Fachkraft in Sachen Preisvergleich im Lebensmittelhandel geworden. Noch vor acht Wochen hätte ich nur vage beantworten können, was ein Stück Butter kostet, wenn es preisgünstig ist. Ich habe die Sachen einfach nach Appetit, Qualität und Schönheit der Verpackung ausgeguckt, in den Wagen gelegt und an der Kasse bezahlt. Hat immer einwandfrei geklappt. Bis ich nun doch dahinter gekommen bin, dass ein signifikanter Zusammenhang zwischen meinem Desinteresse am Preisvergleich und meinem unverändert homöopathischen Kontostand bestehen könnte.
Nun habe ich zwar kein Auto aber zwei Mieten zu bezahlen. Das haut schon ganz schön rein. Über die Höhe wollen wir hier nicht sprechen. Des weiteren bin ich seit vielen Jahren im Naturschutzbund stilles, zahlendes Mitglied, damit ordentlich viele Hektar Landschaft für Biosphärenreservate gekauft werden können. Dann habe ich einen Kabelanschluss, obwohl ich seit ungefähr vier Jahren nur noch zweimal im Jahr den Fernseher anschalte. GEZ, Ehrensache. Schließlich höre ich zu gerne die Internetkonserven von Bettina Rusts sonntäglicher Radiosendung. Ob meine zwei Greenpeace Energy-Verträge für die beiden Mietobjekte nun sonderlich preisgünstig sind, weiß ich gar nicht, aber das ist für mich eher ein Politikum, eine Frage, was und auch wen man unterstützen will mit seinem Schotter. Eine Frage der Vernunft.
Sehr wohl allerdings in Frage zu stellen ist mein Vertrag für den Internetzugang. Und hier muss ich endlich Schritte einleiten. Dieser mein Vertrag widerspricht nun jedweder Vernunft. Es ist direkt peinlich zuzugeben. Ich kriege es kaum über die Tasten. Ich habe vor vielen Jahren, zu vielen Jahren, eine Flatrate für Internet und Telefon gebucht, die seinerzeit quasi der Rolls Royce unter den Internetzugängen war. Aber die Zeiten ändern sich! Damals wollte ich einfach nur das schnellste Internet wo gibt, Geld spielt keine Rolle. Sehr freundlich war der Kundendienst zu mir, schon damals waren alle möglichen Extras drin, die ich gar nicht genutzt habe. Hauptsache schnelles Internet! Nun wurden aber alle Internets auf einmal ganz schnell, nicht nur meins mit dem teuren Vertrag. Und auf einmal kam ein Anruf, dass jetzt noch ein Extra dazukommt und ob ich das haben will, der Preis wäre der gleiche.
Oder so ähnlich. Oder nein, es war noch anders, es hieß glaube ich, es gibt jetzt noch ein schnelleres Internet und da ist auch gleich automatisch so ein Entertaiment-Paket dabei, irgendwas für den Fernseher, was mich aber gar nicht interessiert hat, weil ich wollte ja immer noch nur schnelles, schnelles Internet! Also hab ich ja gesagt, mir doch egal, ob da was für den Fernseher dabei ist. Auf einmal liegt irgendwann kurz nach diesem Anruf ein Paketzusteller-Zettel im Briefkasten, ich sollte bei der Schauspieleragentur in der ersten Etage ein Paket abholen. Ich hab mich erstmal gefreut, weil man weiß ja nie, Überraschung, Überraschung! Und bei der Schauspieleragentur im ersten Stock war ich auch noch nie, vielleicht geht die Tür auf und lauter tolle prominente deutsche männliche Schauspieler stehen vor mir, die in echt unerwartet attraktiv und sympathisch ausschauen. Also nichts wie hin und das Paket geholt.
Was soll ich sagen: die Agentur-Inhaberin öffnet die Tür, hinter ihr an der Wand sehe ich lauter Schwarzweiß-Portraitfotos von Schauspielern, sie ist aber leider alleine in den Räumlichkeiten, wie es scheint, da man keine Stimmen hört. Eine sehr attraktive Brünette, die mich angetan anlächelt. Schade, dass ich keine Schauspielerin bin, bestimmt könnte sie viel für mich tun. Aber um zur Sache zu kommen: ich zeige ihr meinen Paketzettel und sie hat das Ding schon gleich griffbereit neben der Tür. Ein nicht zu kleiner Karton. Ungefähr so groß wie die Verpackung für einen ziemlich großen Videorecorder. Also DVD-Player für die Jüngeren. So Stereoanlagen-Receiver-aus-den-Achtzigern-Größe. Um es kurz zu machen: es stand unverkennbar der Name von meiner Internet-Zugang-Firma drauf. Sehr verwirrend. Ich habe es ihr aus der Hand genommen und mich mit einem besonders verbindlichen Lächeln verabschiedet. Man weiß ja nie.
Oben, im fünften Stock mache ich den Karton vorsichtig auf, obwohl ja schon drauf stand, was drin ist. Ich wollte mich nur von der Größe des gewichtigen Objekts überzeugen. Ein großer, schwerer schwarzer Kasten, mit einem eingeschweißten Umschlag mit persönlichen Zugangsdaten für dieses Entertainment-Paket. Kann man irgendwie an den Fernseher anschließen, vorausgesetzt vermutlich, man hat ein besonders neuzeitliches Modell, was ich aber bestimmt nicht besitze. Mir eigentlich auch völlig schnurz. Das Ding hat nichts extra gekostet, weil ich den Vertrag in der Einführungswoche gemacht habe, wo der Kasten umsonst dabei war. Ein Receiver quasi für Fernsehprogramme auf Abruf. So ähnlich, wie man wahrscheinlich jetzt schon seit geraumer Zeit in den Internet-Mediatheken alles mögliche anschauen kann, nur halt weltweiter und unbegrenzter, was weiß ich. Egal. Wohin mit dem Kasten? Nun hat er seit einigen Jahren seinen Platz in der Bettwäschetruhe im Schlafzimmer.
Unangeschlossen. Ich brauche das alles nicht. Es interessiert mich nicht. Ich wollte den Kasten schon verschenken, aber dann bräuchte ja derjenige so einen blöden teuren Vertrag wie ich, so eine Scheiße! Ich zahle also seit ich-weiß-nicht-wann diesen Entertainment-Quatsch für den Fernseher und habe über Jahre überhaupt nicht das immense Spar-Potenzial realisiert, wenn ich den Vertrag nur etwas schlichter halten würde. Nun fällt es mir wie Schuppen aus den Haaren! O.k. ich habe damit Arbeitsplätze gesichert, so was sage ich mir dann immer. Ist auch wichtig! Aber nun sind mal andere dran, ich habe mein Scherflein lange genug dazu beigetragen. Somit ist eines meiner nächsten Lebensziele, diesen komischen Entertainment-Internet-Vertrag meinen tatsächlichen Konsumgewohnheiten anzupassen. Damit könnte sich mein wöchentliches Wirtschaftsgeld glatt um zehn Euro erhöhen, wenn nicht mehr. So viel also zur Haushaltslage. Der Haushalt ist im Prinzip bereits konsolidiert, nun geht es darum Überschuss zu erwirtschaften.
Dann könnte ich vielleicht sogar mal wieder, so wie früher, die eine oder andere extravagante Fernreise in Betracht ziehen. Ich denke, das wird sich alles zur rechten Zeit finden. Im Moment wüsste ich sowieso noch nicht, wo ich als nächstes hinwollte. Es gibt also kein echtes Fernwehproblem. Ich habe noch so viele Bilder von früheren Reisen in mir. Das will alles wohl überlegt sein. Meine Prognose ist, wenn ich genug Extra-Geld auf dem Konto habe, und damit meine ich so viel, dass ich mir auch noch qualitativ hochwertigen Zahnersatz nach der Rückkehr leisten könnte, ohne in den roten Bereich zu kommen, ist es so weit. Dann wird sich alles fügen und plötzlich wird es einen fernen Ort geben, zu dem es mich unweigerlich zieht, ihn zu entdecken. Aber erst mal nicht.
Und das Gleiche gilt für die anderen Dinge. Menschen zu treffen, freiwillig. Mit ihnen zu sprechen. Im Moment muss ich verstehen und begreifen und sortieren. Das braucht viel Zeit. Es ist nämlich so, wenn man wie ich keine Lust auf Geplauder hat, in der Begegnung den Tiefgang sucht, kann das Gegenüber zu Recht erwarten, dass man um diese Qualität zu erreichen, von sich wesentliche Dinge preisgibt, sich offenbart. Was einen im Tiefsten bewegt. Und genau das kann ich im Augenblick nicht bieten. Es ist mir kein Bedürfnis, aus einem Schutzbedürfnis. Über manche Dinge, die man laut aussprach, denkt man später – ich hätte es gar nicht sagen sollen, nicht laut aussprechen. Ich habe es stark damit gemacht. Dem Unwürdigen dadurch Raum und Gewicht geschenkt.
Darum geht es. Darum ist es nicht immer gut, sich auszusprechen. Ich wünschte, ich hätte mich in einiger Hinsicht in den letzten Jahren weniger offenbart. Und ich wünschte, manche hätten mir manches nicht erzählt. Dinge, die ich nicht richtig fand, dass sie mein Ohr erreichten. Indiskretion aus Vertrauen. Nur gut gemeint, aber nicht gut, nicht richtig bei mir angekommen, auf einer filigranen, schwer greifbaren, vielleicht ätherischen Ebene mir nicht gut bekommen. Ich glaube, das ist ein fürchterlich langer Blogeintrag. Ich muss bestimmt ein paar Absätze reinmachen, bevor ich ihn veröffentliche. Die letzten Tage fühlte ich mich zu schwach etwas zu schreiben. Auch physisch. Deswegen ist es jetzt so viel geworden. Man muss die Gunst der Stunde nutzen. Auch beim Bloggen. Beim Schreiben. Immer. Auf der Welle reiten.
05. Dezember 2011
Warnung – sehr langer Eintrag
Mit Vernunft (…) wird die Fähigkeit des menschlichen Geistes bezeichnet, von einzelnen Beobachtungen und Erfahrungen auf universelle Zusammenhänge in der Welt zu schließen, deren Bedeutung zu erkennen und danach zu handeln – insbesondere auch im Hinblick auf die eigene Lebenssituation (…) Wikipedia

Ich bemühe mich sehr um Vernunft. Mehr als je zuvor. Vernunft kann aber auch sein, über die Stränge zu schlagen, wenn die Kraft einen oben auf der Welle trägt, zu ungeahnten Horizonten. Jetzt ist eine andere Zeit, ich erkenne das. Die Wellen sind nicht furios, nicht sensationell, eher gleichmäßig, unspektakulär. Was war eher da, die Henne oder das Ei? Die Reduktion der Ereignisse oder die Reduktion der Motivation?. Oder beides parallel. Ich glaube ja, mehr oder weniger gleichzeitig. Die Welle zog sich zurück und ich mich mit ihr. Ich kümmere mich um Dinge, die mir sehr lange keinen Gedanken wert waren. Unerwarteterweise erfahre ich bei meiner relativ jungen Beschäftigung mit Preisen für Lebenshaltungskosten eine Art Forscherglück. Ach, das klingt so beschönigend. Es ist vielleicht auch nur deshalb wahr, weil ich es nur aus einem vorübergehenden Engpass betreibe. Vor etwa fünfzehn Jahren hatte ich das auch mal, da war es aber schlimmer und schwieriger in den Griff zu bekommen. Es ist nicht existentiell, das muss man hinzufügen. Wenn man innerhalb einiger Monate mit knallharter Disziplin wieder in den grünen Bereich kommt, ohne außerordentliche Zuwendungen, ist es noch kein Desaster.
Ich war einfach sehr leichtsinnig in den letzten Jahren. Bequem auch, viel unterwegs, viele Taxifahrten, um schneller im Bett zu sein. Ich habe mir allen Ernstes Holunderbeersaft aus der Privatkelterei van Nahmen zu Butter Lindner in der Rosenthaler Straße liefern lassen, vom Catering Service. Eine ganze Kiste. Damit ich möglichst bequem, im Vorbeigehen (ich laufe jeden Tag an dem Laden vorbei) immer mal wieder ein Fläschchen holen konnte. Dass die Flasche zum Preis von knapp sieben Euro mehr als einen Euro oder sogar noch mehr teurer war als in der Feinschmecker-Abteilung von Galeria Kaufhof am Alexanderplatz, war mir die Bequemlichkeit wert. Man muss vielleicht wissen, dass der Kaufhof am Alex nur eine sehr, sehr kurze Haltestelle von dem Butter Lindner-Laden in der Rosenthaler entfernt ist. Aber: hin und zurück inclusive an der Kasse anstehen bestimmt ein halbes Stündchen Lebenszeit.
Aber was ich mache, mache ich ganz. Über die Stränge schlagen oder Klausur. Mit großem Sportsgeist habe ich mir also seit Anfang November auferlegt, mit fünfzig Euro Wirtschaftsgeld pro Woche auszukommen. Bis jetzt hat es prima geklappt. Das Wirtschaftsgeld ist für Lebensmittel und Hygieneartikel zu verwenden. Alles andere wird, bis auf meine BVG-Monatskarte, vom Konto abgebucht. Für den ganzen Dezember habe ich insgesamt 220 Euro zur Verfügung. Ich packe die fünfzig Euro-Scheine für eine Woche immer in einen Umschlag, den ich beschrifte. Ich darf nur noch einmal pro Monat zum Geldautomaten gehen und da hebe ich das ganze mir zustehende Wirtschaftsgeld in einer Transaktion ab. Was für ein Gefühl neulich, nach längerer Zeit keinen Minusbetrag mehr auf der Kontostand-Zwangsanzeige des Sparkassen-Geldautomaten zu sehen. Neuerdings hole ich mir sogar freiwillig Kontoauszüge, was ich in den letzten zehn bis fünfzehn Jahren tunlichst vermieden habe.
Wenn ich dann also das Bargeld habe, gehe ich freudig meine vier bis fünf Briefumschläge für den jungfräulichen Monat beschriften. Und zukleben! Das hat mir vor vielen Jahren schon einmal aus der Misere geholfen. Die Hemmschwelle ist viel, viel größer, als wie wenn das Geld so offen Kraut und Rüben griffbereit im Portmonnaie liegt. Ich würde mich vor mir selber schämen, wenn ich vor der Zeit einen neuen Umschlag öffnen würde. Lieber verzichte ich auf etwas! Es ist ja meistens nur ein paar Tage, bis der nächste Umschlag dran ist. Und wie groß die Freude dann ist! Unter anderem bin ich ja bis vor kurzem mehr oder weniger jeden Tag in dem einen oder anderen gastronomischen Betrieb zu Gast gewesen. Und wenn es nur die durchaus preisgünstige TU Mensa war. Kleinvieh macht auch Mist. Das läppert sich!
Um auf die oben erwähnte Welle zurückzukommen: da trifft es sich ganz gut, dass meine Verfassung im Moment sowieso etwas Klösterliches hat. Das passt eigentlich alles ganz gut zusammen. Schauen, was man wirklich braucht. Ich habe noch nie zuvor einen derartigen Genuss bei einer Tasse Lavazza-Cappuccino mit einer doppelten Portion Espresso oben drauf gehabt, wie in diesen Tagen. Mein größter Luxus nunmehr! Früher: gewöhnlich! Ich habe früher nicht mitgezählt. Was für eine Vorfreude auf kleine Dinge sich entwickeln. Es ist furios. Ich bin in kürzester Zeit eine Top-Fachkraft in Sachen Preisvergleich im Lebensmittelhandel geworden. Noch vor acht Wochen hätte ich nur vage beantworten können, was ein Stück Butter kostet, wenn es preisgünstig ist. Ich habe die Sachen einfach nach Appetit, Qualität und Schönheit der Verpackung ausgeguckt, in den Wagen gelegt und an der Kasse bezahlt. Hat immer einwandfrei geklappt. Bis ich nun doch dahinter gekommen bin, dass ein signifikanter Zusammenhang zwischen meinem Desinteresse am Preisvergleich und meinem unverändert homöopathischen Kontostand bestehen könnte.
Nun habe ich zwar kein Auto aber zwei Mieten zu bezahlen. Das haut schon ganz schön rein. Über die Höhe wollen wir hier nicht sprechen. Des weiteren bin ich seit vielen Jahren im Naturschutzbund stilles, zahlendes Mitglied, damit ordentlich viele Hektar Landschaft für Biosphärenreservate gekauft werden können. Dann habe ich einen Kabelanschluss, obwohl ich seit ungefähr vier Jahren nur noch zweimal im Jahr den Fernseher anschalte. GEZ, Ehrensache. Schließlich höre ich zu gerne die Internetkonserven von Bettina Rusts sonntäglicher Radiosendung. Ob meine zwei Greenpeace Energy-Verträge für die beiden Mietobjekte nun sonderlich preisgünstig sind, weiß ich gar nicht, aber das ist für mich eher ein Politikum, eine Frage, was und auch wen man unterstützen will mit seinem Schotter. Eine Frage der Vernunft.
Sehr wohl allerdings in Frage zu stellen ist mein Vertrag für den Internetzugang. Und hier muss ich endlich Schritte einleiten. Dieser mein Vertrag widerspricht nun jedweder Vernunft. Es ist direkt peinlich zuzugeben. Ich kriege es kaum über die Tasten. Ich habe vor vielen Jahren, zu vielen Jahren, eine Flatrate für Internet und Telefon gebucht, die seinerzeit quasi der Rolls Royce unter den Internetzugängen war. Aber die Zeiten ändern sich! Damals wollte ich einfach nur das schnellste Internet wo gibt, Geld spielt keine Rolle. Sehr freundlich war der Kundendienst zu mir, schon damals waren alle möglichen Extras drin, die ich gar nicht genutzt habe. Hauptsache schnelles Internet! Nun wurden aber alle Internets auf einmal ganz schnell, nicht nur meins mit dem teuren Vertrag. Und auf einmal kam ein Anruf, dass jetzt noch ein Extra dazukommt und ob ich das haben will, der Preis wäre der gleiche.
Oder so ähnlich. Oder nein, es war noch anders, es hieß glaube ich, es gibt jetzt noch ein schnelleres Internet und da ist auch gleich automatisch so ein Entertaiment-Paket dabei, irgendwas für den Fernseher, was mich aber gar nicht interessiert hat, weil ich wollte ja immer noch nur schnelles, schnelles Internet! Also hab ich ja gesagt, mir doch egal, ob da was für den Fernseher dabei ist. Auf einmal liegt irgendwann kurz nach diesem Anruf ein Paketzusteller-Zettel im Briefkasten, ich sollte bei der Schauspieleragentur in der ersten Etage ein Paket abholen. Ich hab mich erstmal gefreut, weil man weiß ja nie, Überraschung, Überraschung! Und bei der Schauspieleragentur im ersten Stock war ich auch noch nie, vielleicht geht die Tür auf und lauter tolle prominente deutsche männliche Schauspieler stehen vor mir, die in echt unerwartet attraktiv und sympathisch ausschauen. Also nichts wie hin und das Paket geholt.
Was soll ich sagen: die Agentur-Inhaberin öffnet die Tür, hinter ihr an der Wand sehe ich lauter Schwarzweiß-Portraitfotos von Schauspielern, sie ist aber leider alleine in den Räumlichkeiten, wie es scheint, da man keine Stimmen hört. Eine sehr attraktive Brünette, die mich angetan anlächelt. Schade, dass ich keine Schauspielerin bin, bestimmt könnte sie viel für mich tun. Aber um zur Sache zu kommen: ich zeige ihr meinen Paketzettel und sie hat das Ding schon gleich griffbereit neben der Tür. Ein nicht zu kleiner Karton. Ungefähr so groß wie die Verpackung für einen ziemlich großen Videorecorder. Also DVD-Player für die Jüngeren. So Stereoanlagen-Receiver-aus-den-Achtzigern-Größe. Um es kurz zu machen: es stand unverkennbar der Name von meiner Internet-Zugang-Firma drauf. Sehr verwirrend. Ich habe es ihr aus der Hand genommen und mich mit einem besonders verbindlichen Lächeln verabschiedet. Man weiß ja nie.
Oben, im fünften Stock mache ich den Karton vorsichtig auf, obwohl ja schon drauf stand, was drin ist. Ich wollte mich nur von der Größe des gewichtigen Objekts überzeugen. Ein großer, schwerer schwarzer Kasten, mit einem eingeschweißten Umschlag mit persönlichen Zugangsdaten für dieses Entertainment-Paket. Kann man irgendwie an den Fernseher anschließen, vorausgesetzt vermutlich, man hat ein besonders neuzeitliches Modell, was ich aber bestimmt nicht besitze. Mir eigentlich auch völlig schnurz. Das Ding hat nichts extra gekostet, weil ich den Vertrag in der Einführungswoche gemacht habe, wo der Kasten umsonst dabei war. Ein Receiver quasi für Fernsehprogramme auf Abruf. So ähnlich, wie man wahrscheinlich jetzt schon seit geraumer Zeit in den Internet-Mediatheken alles mögliche anschauen kann, nur halt weltweiter und unbegrenzter, was weiß ich. Egal. Wohin mit dem Kasten? Nun hat er seit einigen Jahren seinen Platz in der Bettwäschetruhe im Schlafzimmer.
Unangeschlossen. Ich brauche das alles nicht. Es interessiert mich nicht. Ich wollte den Kasten schon verschenken, aber dann bräuchte ja derjenige so einen blöden teuren Vertrag wie ich, so eine Scheiße! Ich zahle also seit ich-weiß-nicht-wann diesen Entertainment-Quatsch für den Fernseher und habe über Jahre überhaupt nicht das immense Spar-Potenzial realisiert, wenn ich den Vertrag nur etwas schlichter halten würde. Nun fällt es mir wie Schuppen aus den Haaren! O.k. ich habe damit Arbeitsplätze gesichert, so was sage ich mir dann immer. Ist auch wichtig! Aber nun sind mal andere dran, ich habe mein Scherflein lange genug dazu beigetragen. Somit ist eines meiner nächsten Lebensziele, diesen komischen Entertainment-Internet-Vertrag meinen tatsächlichen Konsumgewohnheiten anzupassen. Damit könnte sich mein wöchentliches Wirtschaftsgeld glatt um zehn Euro erhöhen, wenn nicht mehr. So viel also zur Haushaltslage. Der Haushalt ist im Prinzip bereits konsolidiert, nun geht es darum Überschuss zu erwirtschaften.
Dann könnte ich vielleicht sogar mal wieder, so wie früher, die eine oder andere extravagante Fernreise in Betracht ziehen. Ich denke, das wird sich alles zur rechten Zeit finden. Im Moment wüsste ich sowieso noch nicht, wo ich als nächstes hinwollte. Es gibt also kein echtes Fernwehproblem. Ich habe noch so viele Bilder von früheren Reisen in mir. Das will alles wohl überlegt sein. Meine Prognose ist, wenn ich genug Extra-Geld auf dem Konto habe, und damit meine ich so viel, dass ich mir auch noch qualitativ hochwertigen Zahnersatz nach der Rückkehr leisten könnte, ohne in den roten Bereich zu kommen, ist es so weit. Dann wird sich alles fügen und plötzlich wird es einen fernen Ort geben, zu dem es mich unweigerlich zieht, ihn zu entdecken. Aber erst mal nicht.
Und das Gleiche gilt für die anderen Dinge. Menschen zu treffen, freiwillig. Mit ihnen zu sprechen. Im Moment muss ich verstehen und begreifen und sortieren. Das braucht viel Zeit. Es ist nämlich so, wenn man wie ich keine Lust auf Geplauder hat, in der Begegnung den Tiefgang sucht, kann das Gegenüber zu Recht erwarten, dass man um diese Qualität zu erreichen, von sich wesentliche Dinge preisgibt, sich offenbart. Was einen im Tiefsten bewegt. Und genau das kann ich im Augenblick nicht bieten. Es ist mir kein Bedürfnis, aus einem Schutzbedürfnis. Über manche Dinge, die man laut aussprach, denkt man später – ich hätte es gar nicht sagen sollen, nicht laut aussprechen. Ich habe es stark damit gemacht. Dem Unwürdigen dadurch Raum und Gewicht geschenkt.
Darum geht es. Darum ist es nicht immer gut, sich auszusprechen. Ich wünschte, ich hätte mich in einiger Hinsicht in den letzten Jahren weniger offenbart. Und ich wünschte, manche hätten mir manches nicht erzählt. Dinge, die ich nicht richtig fand, dass sie mein Ohr erreichten. Indiskretion aus Vertrauen. Nur gut gemeint, aber nicht gut, nicht richtig bei mir angekommen, auf einer filigranen, schwer greifbaren, vielleicht ätherischen Ebene mir nicht gut bekommen. Ich glaube, das ist ein fürchterlich langer Blogeintrag. Ich muss bestimmt ein paar Absätze reinmachen, bevor ich ihn veröffentliche. Die letzten Tage fühlte ich mich zu schwach etwas zu schreiben. Auch physisch. Deswegen ist es jetzt so viel geworden. Man muss die Gunst der Stunde nutzen. Auch beim Bloggen. Beim Schreiben. Immer. Auf der Welle reiten.
04. Dezember 2011
Das Frag den Abendwind-Lied gefällt mir noch besser. Aber da ist nicht so eine tolle Ansage* von Thomas Fritsch drin. Schon lange die alten Françoise Hardy-Schallplatten nicht mehr gehört. Françoise Hardy hat mir schon immer gut gefallen, nicht nur wie sie singt. Sie guckt immer so eigenwillig. Dass sie super aussieht, immer schon sehr modern und untussimäßig, kommt noch erschwerend hinzu. So wollte ich von klein auf werden. Hosenanzüge haben mir immer schon besser gefallen als Kostüme. Vielleicht weil die Hosenanzug-Frauen nicht nach Mutti, Tante und Kaffeeklatsch sondern mehr nach schicken Abenteuern, Safari und um-die-Welt-Reisen ausgeschaut haben. Aber ohne Drei-Wetter-Taft. Und bunte Minikleider und lange Partykleider mit wilden Paisley- und Pucci-Mustern wollte ich auch noch anziehen.

Mini und Maxi hat man damals dazu gesagt. Midi war uninteressant. Nicht Fisch, nicht Fleisch. Total spießig. Aber lange Partykleider, rückenfrei. Einfach super. Leider habe ich nie eines gehabt. Mangels Party-Einladungen in meiner Kindheit. Und später dann waren lange Partykleider auf einmal unmodern. Nie wäre man in die Disco mit langem Kleid gegangen, die Hippiezeit war auch schon vorbei. Schade. Und jetzt wo ich groß bin, läd mich auch keiner zu Parties mit langen Kleidern ein. Ganz schön blöd.
* „…im schwarzen Smoking von Yves Saint-Laurent, dem letzten Modeschrei.“
04. Dezember 2011
Das Frag den Abendwind-Lied gefällt mir noch besser. Aber da ist nicht so eine tolle Ansage* von Thomas Fritsch drin. Schon lange die alten Françoise Hardy-Schallplatten nicht mehr gehört. Françoise Hardy hat mir schon immer gut gefallen, nicht nur wie sie singt. Sie guckt immer so eigenwillig. Dass sie super aussieht, immer schon sehr modern und untussimäßig, kommt noch erschwerend hinzu. So wollte ich von klein auf werden. Hosenanzüge haben mir immer schon besser gefallen als Kostüme. Vielleicht weil die Hosenanzug-Frauen nicht nach Mutti, Tante und Kaffeeklatsch sondern mehr nach schicken Abenteuern, Safari und um-die-Welt-Reisen ausgeschaut haben. Aber ohne Drei-Wetter-Taft. Und bunte Minikleider und lange Partykleider mit wilden Paisley- und Pucci-Mustern wollte ich auch noch anziehen.

Mini und Maxi hat man damals dazu gesagt. Midi war uninteressant. Nicht Fisch, nicht Fleisch. Total spießig. Aber lange Partykleider, rückenfrei. Einfach super. Leider habe ich nie eines gehabt. Mangels Party-Einladungen in meiner Kindheit. Und später dann waren lange Partykleider auf einmal unmodern. Nie wäre man in die Disco mit langem Kleid gegangen, die Hippiezeit war auch schon vorbei. Schade. Und jetzt wo ich groß bin, läd mich auch keiner zu Parties mit langen Kleidern ein. Ganz schön blöd.
* „…im schwarzen Smoking von Yves Saint-Laurent, dem letzten Modeschrei.“
02. Dezember 2011
– – zu erschöpft für Text – – –

Foto: catonbed, 19. Juni 2008
Danke für dieses Bild, Jan.