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Vor ein paar Tagen standen unter dem ersten Eintrag, den ich da oben verlinkt habe, der mit dem c’est la vie, noch ungefähr die Worte „ich hätte auf der Stelle kotzen können“. Ich fand diese Reaktion und den Zusatz in seiner leider einsamen Art und Weise angemessen. Von wegen „Lage in Kraftwerk stabilisiert. Am Sonntag könnte wieder Strom in die Reaktoren fließen“. Könnte. In das Kühlsystem, das in dem infernalischen Szenario durch ein irrwitziges Wunder intakt geblieben sein soll? Und dann? Krabbelt einer durch den Schrott und versiegelt den zerfressenen Boden, damit der Dreck nicht weiter das Grundwasser verseucht? Mit höchst wackeligen Aktionsplänen unwägbaren Ausgangs falsche Hoffnungen schüren und das Volk ruhig halten. Lage stabilisiert. Dass ich nicht lache weine. Als läge unter dem Leichentuch des hochverstrahlten Schrotthaufens nur ein leicht mitgenommener Patient mit ein paar leichten Kratzern und ansonstem stabilem Kreislauf. Alles halb so schlimm. Ging ja noch mal gut. Es soll ja auch Menschen geben, die an Osterhasen glauben. Opium für’s Volk. Hoch die Tassen, Verstand versaufen. Ich könnte kotzen.

P.S. auch sehr passend dazu: zu dem Vorfall, dass vor wenigen Tagen Tausende von Litern radioaktiv verseuchten Wassers aus einem Leck eines kanadischen Atomreaktors in den Ontario-See geflossen sind, findet der Sprecher der Betreibergesellschaft, wie könnte es anders sein, salbungsvolle Worte der Beschwichtigung: „Der Vorfall habe aber nur „vernachlässigenswerte Auswirkungen auf die Umwelt und keine Auswirkungen auf die Gesundheit von Menschen“, hieß es in einer Erklärung des Kraftwerksbetreibers Ontario Power.“ Schon klar.
Haben die den Verkauf von Lebensmitteln aus der Provinz Fukushima denn inzwischen tatsächlich verboten? BBC meldete nämlich am Nachmittag eine Korrektur dieser Meldung, die Behörden zögen das nur in Erwägung:
BBC 16:20 [GMT]: „The IAEA has issued a correction to its earlier statement that Japan had banned food originating from Fukushima prefecture because of the risk of radioactive contamination. It now says that the authorities are merely considering a ban.“
Bislang habe ich kein weiteres Update dazu gelesen. Radioaktives Jod im Trinkwasser wurde auch bereits in Tokio festgestellt:
BBC 13:21 [GMT]: „Trace amounts of radioactive iodine have also been detected in tap water in Tokyo and five other areas, according to the Associated Press. The Japanese government says the amounts did not exceed government safety limits – but usual tests show no iodine.“
Über die Werte der Verseuchung in Tokio wird wie gewohnt verharmlosend noch als ungefährlich geschwafelt. Als wäre die Meldung an sich nicht schon alarmierend. Aber das war abzusehen, das ist erst der Anfang. Wenn sie dem noch braven, ohnehin hilflosen Volk die unbeschönigten Konsequenzen servieren würden, würde womöglich doch der gesunde Fluchtreflex in einem stärkeren Maß als bisher erwachen. Am besten Richtung Südamerika. Argentinien ist von den Koordinaten das am weitesten entfernte Festland. Mir ist noch nie zuvor in diesem Ausmaß die Manipulation mit verharmlosenden Adjektiven aufgefallen. Demnächst setzt die japanische Regierung vielleicht die zulässigen Höchstwerte zulässiger Radioaktivität in Lebensmitteln und Wasser auf die doppelte Höhe, dann gäbe es wieder einen Grund mehr von keinem Anlass zur Sorge wegen Verstrahlung zu berichten. Oder vielleicht ist das ja gerade schon passiert und deswegen wurde die Meldung korrigiert.
Diese Doku?
Ja, diese Doku. Noch mehr interessante Links und einen Download gibt es bei Alternativlos.
(Link von hartmut b ause via Don Alphonso)
Und wie man die Belastungswerte von verstrahlter Milch nach unten bekommt, wissen wir doch schon: Man kippt einfach so viel unbelastete Milch dazu, bis die Grenzwerte wieder unterschritten werden. Notfalls könnten sie sie dann immer noch nach Nordkorea liefern. Japaner an sich sollen es ja eh gar nicht so mit Milch und Joghurt haben.
Von dem Film The China Syndrom habe ich noch nie gehört, klingt aber interessant. Einige der Kommentatoren bei YouTube lobten den Film sehr – und wiesen darauf hin, dass er zwölf Tage vor dem Unfall in Three Mile Island in den USA in die Kinos kam.
Der Film war sehr erfolgreich, sicher auch wegen der erschreckenden, zum Zeitpunkt der Produktion nicht absehbaren Parallele zu Harrisburg, aber nicht nur. Ich habe ihn einmal im Fernsehen gesehen, sehr fesselnde Dramaturgie. Jack Lemmon wurde für seine Leistung in Cannes ausgzeichnet und es gab mehrere Oscar- und Golden Globe-Nominierungen. Jane Fonda ist sehr überzeugend besetzt, zumal sie auch privat politisch sehr aktiv war. Genial auch, Jack Lemmons Popularität für dieses ernste Thema zu nutzen. Es war der erste Film, mit dem er in die Öffentlichkeit trat, der eine politische Botschaft hatte, vorher kannte man ihn nur aus heiteren Unterhaltungsfilmen. Sehr großartigen allerdings.
„Der Film war für vier Oscars nominrt: Für die besten Hauptdarsteller, weiblich (Jane Fonda) und männlich (Jack Lemmon), sowie für das beste nicht adaptierte Drehbuch und die Ausstattung. Weitere Auszeichnungen beinhalten fünf Golden-Globe-Nominierungen, eine Auszeichnung für Jack Lemmon als besten Schauspieler in Cannes 1979 und zwei BAFTA Awards für Jack Lemmon und Jane Fonda plus zwei BAFTA-Nominierungen für das Drehbuch und als besten Film. Die Writers Guild of America zeichnete das Drehbuch 1980 in der Kategeorie Bestes Originaldrehbuch (Drama) aus.“
Den Film kann man uneingeschränkt empfehlen. Traurigerweise leider bislang zeitlos. In diesen Situationen scheint sich immer dasselbe zu wiederholen. Zurückhalten von existentiellen Informationen über die tatsächliche Gefahrensituation, bis es sich nicht länger aufschieben lässt.
Ähnlich brilliant (wie die Besetzung von Jack Lemmon, Jane Fonda und Michael Douglas) die Entscheidung, Meryl Streep in der Rolle der Karen Silkwood zu besetzen. Wer sieht sich sonst schon freiwillig einen Film mit einem vermeintlich drögen Thema wie den subversiven Aufklärungsaktivitäten einer gewerkschaftlich engagierten, plutoniumverstahlten Arbeiterin und ihrem mysteriösen Unfalltod an.