entnetzen

Das ist interessant, wenn ein nie gehörtes Wort im Kopf entsteht und man anschließend danach googelt. Interessanter Artikel, in dem einiges steht, was ich ähnlich empfinde. Obwohl mein persönliches „Entnetzen“ (im Übrigen ohne Pathos und Entsetzen), nicht auf social media-Plattformen bezogen zu verstehen ist, weil ich mich da ohnehin zurückhalte. Es ist mehr in das wirkliche Leben greifend gemeint. Dennoch interessierte mich der Artikel und ich las ihn ganz. Mir gefallen einige Sätze darin. Zum Beispiel „(…) Facebook-Konto stillgelegt, weil ich es nicht zusätzlich pflegen wollte und es nicht mag, wenn flüchtige Bekannte als Freund bezeichnet werden. (…)“ Und dieser: „Immer häufiger empfinde ich die Unterbrechung persönlicher Gespräche durch Blicke auf das Blackberry, des Nebenbeimailschreibens oder smsen als Störung.“ „Störung“ finde ich ja noch tiefgestapelt. Eine bodenlose Frechheit stellt das für meine Begriffe dar. Das dürfte sich maximal ein Arzt im Bereitschaftsdienst herausnehmen, auf sein Drecks-Display zu schielen, während mit mir gesprochen wird. Ich glaube es schlägt Dreizehn. Auch schön und wahr: „Tatsächlich raubt das Rauschen der sozialen Netzwerke unglaublich viel Zeit. Unter dem Rauschen verstehe ich den Zeitverlust durch neugieriges aber weitergehend sinnentleertes Herumstöbern in den Netzen (…)“. Ist vielleicht auch eher ein Symptom von Leuten ohne sinnvolle produktive Beschäftigung. Jämmerlich, diese Buhlerei um virtuell nachweisbare Kontakte und dann eine nahezu gegen Null tendierende Resonanz zu beobachten, wenn einer naiv versucht, diese Kontakte in die Realität zu hieven. Am Beispiel von Einladungen an 700 bis 1000 Leute, die längst keine Lust mehr haben, den ganzen Einladungskäse zu sichten. Schon erschreckend. Und dann das enttäuschte Gejammer, soundsoviele auf der Gästeliste hätten nicht einmal reagiert. Ich staune über so viel Naivität, dass jemand nicht begreift, dass Leute, die zahllose Fremde als Kontakte auf der Liste haben, logischerweise mit ähnlich gestrickten Leuten zu tun haben, die nur die Zahl ihres Schall- und Rauch-Netzwerkes pushen wollen. Und dann kommt wieder keiner. Und die zweieinhalb die kommen, wollen keinen Eintritt zahlen. Ist doch alles völlig logisch. Kapier ich nicht, dass das jemand nicht begreift. Aber zum Glück nicht mein Problem. Geht mir schon seit jeher völlig am Arsch vorbei, weil ich da noch nie Erwartungen hatte. Und den Absatz finde ich auch nicht uninteressant: „(…) Ist die virtuelle Ablenkung vielleicht auch eine Ursache für die rückläufige Arbeitsproduktivität, die Volkswirte festgestellt haben wollen. Die Ökonomen David Brackfield und Joaquim Oliveira Martins machen die rückläufige Produktivität sogar als eine Ursache der Finanzkrise aus (…). Sie stellen diesen Produktivitätsrückgang fest anhand statistischer Daten, suchten aber keine Ursache für den Produktivitätsrückgang. Zufällig fällt dieser aber recht genau in die Zeit, in der die Verfügbarkeit des Internets auch am Arbeitsplatz immer leichter wurde.“ Mit Sicherheit war es nie zuvor leichter Arbeit vorzutäuschen, als heute an Computerarbeitsplätzen. Wenn ich ein Unternehmen mit Zuarbeitern (ja ja, Zu-, nicht Mit-, streng hierarchisch, Chef und weisungsbefugt wäre auschließlich ich – kein Witz) hätte, würde ich wahrscheinlich ohnehin nicht nach Arbeitsstunden entlohnen, sondern projektbezogen. Egal, wie kurz oder lange dann einer dafür braucht. Aber das ist wieder ein anderes Thema. Der gefundene Artikel ist wieder so ein Fall von Serendipity. Man sucht nach etwas bestimmtem und findet dabei etwas ganz anderes, was auch interessant ist. Ich wusste das schon, mit diesen komischen Selbsthilfegruppen von einstmals wie von Drogen abhängigen facebook-Ex-Usern. Dass sich jemand davon pathetisch mit viel Gedöns zurückziehen muss, ist ja auch schon so ein Indiz von … na ja. Von mir aus kann das jeder halten wie er will und wenn es jemand schön findet, sechzehn Stunden Newsstreams zu checken, beeinträchtigt mich das in keiner Weise und die Leute sind von der Straße. Ich habe hier und dort eine kleine verblassende Spur und dabei bleibt es. Dann wissen meine Neffen, dass ihre Tante auch den Schuss gehört hat und finden mich weiter cool. Das ist schön. Aber mehr ist halt nicht drin. Keine Zeit, keine Zeit. Und eben auch sonst. Ich beklage das gar nicht. Leider (für die anderen) im Moment ausgebuchter Terminkalender. Lauter Verabredungen mit mir selbst. Aber meldet Euch doch in einem Jahr vielleicht wieder. Ab Zweitausendzwölf sieht es vielleicht etwas anders aus. Mal sehen, wie weit ich dann mit mir bin. Vielleicht brauche ich dann ja mal Tapetenwechsel. Ja, ich bin schrecklich.

4 Antworten auf „18. Januar 2011

  1. Tja. Aufkleber kann man ja immer weiterverwerten. Man kann damit auch Sachen zukleben. Ich hatte auch ein paar davon, gar nicht wenige. Ich weiß nicht, wo sie sind. Oder verloren gingen. Vielleicht bei einem Auftritt aus der Tasche genommen und liegen gelassen. In irgendeinem Saal oder Club. Jetzt fällt mir ein, ich habe ein paar auf die Beine eines meiner Stative geklebt. Vielleicht waren es ja doch alle, die ich hatte. Und den letzten klebte ich an das Wasserrohr neben meiner Wohnungsklingel. Er klebte lange da. Entweder ist er weg oder verblasst. Ich habe lange nicht mehr hingeschaut.

  2. Vom dem übermäßigen Optimismus habe ich leider nichts gemerkt, muss an mir vorbei gegangen sein. Unerwartete Verluste, ja, die schon.

  3. Man muss sich jetzt nicht vorstellen, dass ich dauernd durch die Wohnung tanze. Das ist sehr relativ. Angesichts dessen, womit ich mich in den letzten Monaten konfrontieren musste, vielleicht eher eine Variante von Galgenhumor. Fünfzehn Jahre früher wäre ich aus dem Fenster gesprungen, nach einer sehr langen, sehr depressiven Phase. Dafür geht es mir heute verhältnismäßig blendend. Ich arbeite sehr hart daran. Mit erstaunlichem Erfolg. Mein Selbstwertgefühl wächst gerade spürbar, damit hat es auch zu tun. Und die Basis ist auschließlich das feedback, das ich mir selbst gebe. Gänzlich unabhängig von der Meinung anderer. Ich finde mich gerade ziemlich super. Solche Superlative erlaube ich mir auch nur, weil ich den Kontext kenne. Eine starke Entwertung braucht eine große Bestärkung. Um einen Ausgleich herzustellen. Ich nehme an, vielen geht es noch nicht schlecht genug, um die schlichte Abwesenheit von schwerwiegenden Erkrankungen, ein Dach über dem Kopf, Intelligenz, Beweglichkeit, Freude an der Natur als Grund zum Optimismus zu betrachten. An dem Punkt bin ich. Das ist ein großes Glück, das offenbar eher sehr alte Menschen, die dem Lebensende näher als dem Anfang sind, in der Form wahrnehmen. Eine Lebensfreude, die unabhängig von menschlichen Bindungen existiert. Ich fiebere keiner Begegnung entgegen, außer der mit mir selbst, wenn ich morgens aufwache. Ich bin mittlerweile eine glückliche Autistin. Komischerweise kommen mir die meisten Menschen, die ich sehe, die in vielerlei Bindungen leben, nicht zufriedener als ich vor. Schon seltsam. Heute morgen, als ich mir die Haare geföhnt habe, musste ich plötzlich über diesen abgedroschenen Spruch lachen, dass man in einer Beziehung gemeinsam Probleme löst, die man alleine nicht hätte. Es ist wirklich wahr. So blöd der Spruch ist. Er stimmt. Meine glücklichsten Momente waren nicht innerhalb von Beziehungen, sondern meine Glücksphantasien, die sich an einem Menschen entzündeten, sich aber nur in sehr seltenen Augenblicken erfüllten. Mit mir Zeit zu verbringen ist die komplette Erfüllung der Phantasie von mir selbst. Ich sitze nicht hoffnungslos hoffend vor dem Spiegel und bete heimlich, dass ich mir einen Wunsch von den Augen ablese. Ich erfülle ihn mir.

    P.S. Unabhängig von Robert Hand sehe ich bei Quadraten mit Uranus eher den Überraschungsaspekt, das Plötzliche. Und nicht im Sinne eines plötzlichen Glücksfalles. Meine Erfahrung ist vielmehr, dass Uranus durch den Spannungsaspekt das Glück brechen kann. Sehr plötzlich. Unerwartet. Quadrate sind in aller Regel schwierig. Ich hätte diesen Aspekt lieber nicht erfahren. Ein Uranus-Jupiter-Trigon wäre mir lieber gewesen. Aber das ist jetzt wieder zu speziell, was ich hier schreibe. Versteht wieder kaum einer, da muss man sich mit der Qualität von Aspekten auskennen. Und ich will auch keine astrologischen Vorträge halten. Ich schreibe das eher für mich auf. Man müsste sich in das Thema sonst einarbeiten. Wenn ich bei einem vergleichbaren Transit in einigen Jahren zurückblättere, und in diesem Blog auf diese Zeitspanne gucken werde, kann ich die Qualität der Erfahrungen vergleichen. Deswegen ist es für mich ganz sinnvoll, das zu vermerken. Ab und zu.

  4. Liebe Gaga,

    Sie sprechen mir – wie schon oft – mit diesen Betrachtungen in ihrem letzten Kommentar sehr aus dem Herzen.

    Es grüßt eine weitere „glückliche Autistin“.

Hinterlasse einen Kommentar