


Ich hatte zu wenig gelesen, bevor ich loszog, um sofort zu wissen, wofür diese bizarr verrottende Plattensiedlung auf dem Gelände des Olympischen Dorfes gebaut wurde. Ich ließ mich treiben und sah plötzlich verlassene Mietskasernen ohne Fensterscheiben. Man konnte bunte Kacheln erkennen und in frohen Farben gestrichene, verbleichende Wände, bröckelnde Farbschichten. Durchblicke zu den weiter entfernten Bäumen. Lichtreflexe, so kraftvoll, dass ich einen Moment bedauerte, alleine da zu sein. Ich hätte gerne jemanden an die Wand gestellt und abgeschossen. Man wäre einfach durch die Fenster eingestiegen und hätte das letzte Sommerlicht auf einem Gesicht eingefangen, einer maigrünen oder blauen Wand. Tiefes Blau mit Weiß wie auf Postkarten aus Santorin. Griechenland spielen oder Portugal. Und Zitronengelb, verwaschen vom Regen. Himmel arizonablau. Ich lese später, dass es Unterkünfte für die Offiziere der russischen Armee und deren Angehörige waren. Man hat gar nicht so viel Gelegenheit, Verfall an unspektakulären Bauten zu studieren, weil sie meistens abgerissen werden, bevor sich diese wunderlichen Dinge einstellen. Wenn ich es recht erinnere, zogen die sowjetischen Truppen 1993 ab. Siebzehn Jahre. In dieser Stunde war das Licht am schönsten.
http://www.flickr.com/apps/slideshow/show.swf?v=71649

Elstal III Russische Armeeunterkünfte
Sapadnaja gruppa wojsk. Abzugskowitsch: 31.8.1994.
/wir müssen uns wohl daran gewöhnen, dass das wunder der östlichen/westlichen öffnung auch schon wieder ein wunder ist, welches altert. alternde wunder sind irgendwann unwesentlich. manchmal frage ich mich, wen das eigentlich noch interessiert, von den jungen? ich war in diesem vorsommer – gottlobskerowa – noch einmal in den Beelitzer Heilstätten, bevor sie – obwohl denkmalgeschützt – endgültig verfallen werden (so meine bescheidene restauratorische einschätzung). auch diese waren ja bis 1995 von der sowjetischen armee als hospital genutzt worden, haben aber noch eine weiter zurückreichende lungenheilgeschichte. in den leeren fluren hört man noch das husten.
und überhaupt, diese verschachtelungen der historie. und dann überall die abblätternde und sich aufrollende wandfarbe, deren karma man vielleicht bildlich gar nicht wirklich einfangen kann, außer in der persönlichen erinnerung, den verschnürten eigenen blicken. wahrscheinlich kann man orte nicht festhalten, man muss dort gewesen sein mit augenschein, um sich zu erinnern. und sorge ist in brandenburg sowieso fehl am platze, schon lange.
gleichwohl: ich bewundere ihr fotographisches schaffen! wie sie ja wissen, schaue ich immer gerne hier herein, nach neuigkeiten in wort, sternen und bild. ich stelle mir übrigens oft gedruckte und eher kleinerformatige bildbände vor, zweifingerdick jeweils, mit dem nielsen’schen blick in SW, wohlgeordnet, archiviert, beinahe almanachisiert. sammelbände supersubjektivistischer jahrbücher, schätze des durchlaufens der (und irgendeiner) zeit. das wäre schön!
(haben sie schon mal über soetwas nachgedacht? ach, bestimmt!)
PS: da ihr bilderalbum ja übertitelt ist mit „Russische Armeeunterkünfte“, so stellte ich mir sie heute abend, weil sie ja auch öfters auftauchen im bilde, zunächst als angehörige ebenjener streitkräfte und in funktion ‚gebäudebewachend‘ vor: in dunkelblauer uniform also und mit einer gehörig funktionierenden handwaffe, umgehängt, gesichert. ich hätte dann also beispielsweise versucht, ihnen einen preisgünstigen (beispielsweise) west-Mp3-player unbeobachtet in ihre (ost)-hand zu drücken, dann hätten sie mich doch bestimmt aufs gelände gelassen und zwei augen zugedrückt, oder?