
Ist mir noch nicht so aufgefallen, dass ich einen Schutzengel hätte. Aber wenn ich an die vergangenen drei Tage denke und heute. Dreimal in körperliche Gefahr geraten und wundersam unverletzt daraus hervorgegangen. Zuletzt heute morgen, Sprint die steinerne Treppe hoch, zur eben eingefahrenen S-Bahn am Hackeschen Markt, immer zwei Stufen auf einmal nehmend. An der Kante einer Stufe abgerutscht und rückwärts stürzend hingebrettert, Knochen auf die Stufen verteilt.
Kurioserweise zuerst an die Unversehrtheit meiner Sonnenbrille (besser Windschutzbrille, der Herbstwind lässt mich weinen) gedacht, die in eine Stufenecke flog, statt an das Heil meiner Knochen. Dann gedacht, wahrscheinlich merke ich jetzt noch nicht, wieviele Knochen ich mir gebrochen habe, weil man ja unter dem Schock der Verletzung sofort diesen schmerzstillenden Adrenalinschub bekommt. Ein Paar auf der Treppe neben mir, das meinen Sturz sah, stürzte tief erschrocken auf mich zu und streckte vier hilfreiche Arme aus. Dritter Gedanke: „komisch, dass es immer heißt, in Berlin schert sich keiner drum, wenn einem was passiert, die Leute würden einfach weitergehen. So ein Quatsch.“ Ich wagte eine zaghafte Bewegung und konnte kaum glauben, dass ich keinerlei Beeinträchtigung spürte. Noch nicht einmal das Gefühl einer Schürfwunde. Auf die besorgte Nachfrage antwortete ich „scheint alles in Ordnung zu sein – unglaublich aber wahr“.
Aus dem Augenwinkel nahm ich warmes verwundertes und beruhigtes Lächeln wahr und noch mehr Verwunderung darüber, dass ich meinen Sprint sofort wieder aufnahm. Kurz bevor die Tür schloss, stand ich in der wie immer überfüllten S-Bahn, an die Türscheibe gedrückt. Das Abteil war so gedrängt voll, dass es ausgeschlossen war, mich leicht zu bücken, um festzustellen, ob meine Kleidung beim Sturz Federn lassen musste. Als ich ausstieg, sah ich an mir herunter, konnte keinerlei Schaden feststellen und klopfte nur ein bißchen Staub vom Stoff an den Knien. Und dann legte ich eine ziemlich lange, bis jetzt währende Gedenkminute für meinen Schutzengel ein. Etwas Vergleichbares (ohne selbstverschuldetes Risiko durch Gesprinte und Bocksprünge allerdings) widerfuhr mir bereits am Freitag Abend, zweimal kurz hintereinander. Jetzt beim dritten Mal in so kurzer Zeit denke ich, da scheint mich jemand ganz schön gerne zu haben. Wenn ich nur wüsste, wie er aussieht, mein Schutzengel. Bestimmt ist er attraktiv. Und kein Mädchen. Nur so ein Gefühl. Danke.
Mannmann. Nicht überreizen bitte, vielleicht hat der sympathische Typ noch andere Klienten. Wechseln Sie doch besser erst die Schuhsohlen. Oder nehmen Sie die nächste Bahn. (Hier in der Hansestadt heißt es: „Die Durchsage Zurückbleiben, bitte! ist keine Aufforderung zu einem Zehn-Meter-Sprint.“)
Kriegsberichterstattung Die Einschläge kommen näher
21:52 Uhr MEZ Berlin Mitte. Der Feind nähert sich maskiert als tatterige Handbewegung Richtung frisch gefülltes Rotweinglas (St. Emilion) und bringt es mit einem Streich zur Strecke. Nun sind im Gegensatz zur morgendlichen Attacke (exakt zwölf Stunden später – ich durchschaue langsam das System!) erste ernsthafte, ja schmerzliche Verluste zu verzeichnen. Doch Gaga Nielsen lässt sich nicht unterkriegen und vernichtet das blutrote, sich auf dem hellgrauen Teppich ausbreitende Schandesmal des Feindes mit einem Streich! Ha! Geringere Alkoholaufnahme verschafft ohnehin einen Vorteil im Kampf! Außerdem bietet sich durch die nicht ganz einfache Vernichtung des feindlichen Schandfleckes ein hervorragendes Zusatztraining für kommende Kampfeshandlungen. Gaga Nielsen gibt nicht auf! Prost. (in der Flasche mit dem Zaubertrank befindet sich noch ein Rest, der ebenfalls zur Strecke gebracht wird! Her mit den Römern!)