25. Oktober 2017

Fats Domino ist gestern gestorben. Ein household name, wie der Amerikaner so sagt. Jemand, von dem man keine Platten hat. Offen gestanden hätte ich nicht einmal sicher sagen können, ob er noch lebt. In den letzten Jahren sind auch so viele gestorben. Ich erinnere mich noch an den aufgebahrten James Brown. Ein goldener, offener Sarg, wenn ich mich recht entsinne. Und Michael Jackson hatte später das gleiche Modell. Wenn der Blick so die Titel streift, die Fats Domino der Welt geschenkt hat, kennt man doch eine Menge und hat gleich den Refrain im Ohr. Wie bei diesem hier zum Beispiel. Ain’t that a shame? Der Text ist in seiner direkten Schlichtheit schon irgendwie auch besonders. Wer würde sich heutzutage trauen, solche Verse zu schreiben. Das kann man noch nicht einmal als Satire wagen. Viel zu platt. Farin Urlaub brächte das vielleicht zustande. Der macht ja auch Lieder wie OK („Ich hasse dich„). Und ich vermute, Farins Song hat einen sehr ehrlichen Ursprung. Und dieser hier von Fats Domino auch. Darauf kann man unbesorgt wetten. Antoine Domino hieß er also. Und der Co-Autor ist Dave Bartholomew. Hat man den Namen auch mal gehört. Hier ein schönes Video mit Texteinblendung, zum Mitsingen. Ein kleines Farewell für den großen Fats Domino.


You made me cry when you said goodbye
Ain’t that a shame?
My tears fell like rain
Ain’t that a shame?
You’re the one to blame
You broke my heart when you said we’ll part
Ain’t that a shame?
My tears fell like rain
Ain’t that a shame?
You’re the one to blame
Oh well, goodbye
Although I’ll cry
Ain’t that a shame?
My tears fell like rain
Ain’t that a shame?
You’re the one to blame
You made me cry when you said goodbye
Ain’t that a shame?
My tears fell like rain
Ain’t that a shame?
You’re the one to blame
Oh well goodbye
Although I’ll cry
Ain’t that a shame?
My tears fell like rain
Ain’t that a shame?
You’re the one to blame

ANTOINE DOMINO, DAVE BARTHOLOMEW 1955

21. Oktober 2017

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Ina wartete bereits im Kaminsaal vom Literarischen Colloquium am Wannsee in den Stuhlreihen, und hielt mir einen Platz frei. „Wer war Ingeborg Bachmann?“ hieß die Veranstaltung, die uns beide sehr interessierte. Benannt nach dem Buch, das erst im November erscheinen wird. Wieder hat sich jemand eindringlich mit ihr beschäftigt, diesmal Ina Hartwig. Sie hat viele Zeitzeugen befragt und die neueren Erkenntnisse, aufgrund der vor kurzem erschienen Briefe Ingeborg Bachmanns an ihre Ärzte miteinbezogen. Ich hatte nur einen Blick auf Fragmente der Autorin und ihrer Gesprächspartnerin auf der Bühne, aber wenn ich es darauf angelegt hätte, wäre es möglich gewesen, diskret Bilder zu machen. Um ehrlich zu sein, hat mir das Herzblut gefehlt. Mich verbindet nichts mit der Autorin des Buches, außer dem Interesse an Ingeborg Bachmann. Und die war ja leider aus bekannten Gründen nicht anwesend. Würde sie leben, wäre sie einundneunzig. So bewahren wir für immer das Bild einer jugendlichen Frau, weil uns ein anderes nicht zugänglich oder vorstellbar ist. Sie legte immer Wert auf ihre Erscheinung, zum Glück wurde man nicht mit Bildern überfordert, die sie auf der Intensivstation in der Klinik in Rom mit den Brandwunden zeigen, da, wo sie am 17. Oktober 1973 starb. Es wird seither gemutmaßt, ob ihr Leben zu retten gewesen wäre, hätten die behandelnden Ärzte gewusst, von welchem Psychopharmaka ihre schweren Entzugserscheinungen rührten. Aber was wäre das für eine Ingeborg Bachmann gewesen, die innerlich ohnehin gebrochen war. Mehrfach. Verstümmelt und vernarbt wie ihr vielffach zerrissenes Herz. Das wäre noch tragischer gewesen, als das furchtbare Ende. Wir saßen nach der Lesung und den Gesprächen noch eine Weile in dem Raum mit der Bar, es gab Gulasch- und Kartoffelsuppe, ich hatte Gulasch, Ina die mit den Kartoffeln, sehr gut und heiß. Es war schon herbstlich. Dazu Wein. Das Buch ist noch nicht erschienen, weil die Autorin noch nicht die erforderlichen Freigaben aller Zeitzeugen für die Texte hatte. Bei der Gelegenheit erzählte sie auch, dass sich die Gesetze international sehr unterscheiden, was die Veröffentlichung von Interviews in gedruckter Form angeht. Sie sagte, in den USA gelte das gesprochene Wort, ein Interviewpartner könne keine Abnahme mit eigenmächtigen Änderungen, in Form von gestrichenen Passagen des Gesprächs verlangen. Ina hatte einen sehr speziellen Blickwinkel auf die Passagen, die zu Gehör gebracht wurden, da sie selbst an einem biographischen Buch mit einer mehr oder weniger öffentlichen Person arbeitet und im Zuge dessen auch viele Interviews führt. Wir sprachen darüber, ob es nicht eher eine Verlegenheitsgeste mangels inhaltlicher Substanz darstellt, wenn der Autor, die Autorin, seine persönliche Herangehensweise im Buch mit verarbeitet, beispielsweise, was ihr durch den Kopf ging, während des Flugs nach New York, um einen bestimmten Zeitzeugen zu treffen. Dieses Drumherum. Ich kann damit viel anfangen, weil es eine Verwandtschaft zur Herangehensweise beim Schreiben eines Blogeintrages hat, der in meinem Fall zumindest auf gar keinen Fall den Anspruch hat, sich mit maximaler Distanz oder gar Sachlichkeit einem Subjekt zu nähern. Ich empfinde dann viel mehr, dass ein Text atmet, mir erschließt sich dann das Gesamte organischer, ich mag das. Aber dazu muss man sich selbst wahrscheinlich auch ein bißchen wichtig nehmen. Als Blogger darf man das nicht nur, man muss es sogar, sonst entsteht kein Profil oder Wiedererkennungswert. Es gibt ja genug sachbezogene Seiten im Internet, das hat alles seine Berechtigung. Inas Perspektive ist eine andere, professionellere. Ich mache das ja ohne die geringste Rücksprache mit irgendwem.