22. Juli 2016

09-07-23 (26)
Gestern, Villa Kult. Konstantin, der Kunstkontakter. Herr Schneider hat sich ja nun sehr gefreut mich zu sehen. Beim Geplauder im Garten der Villa fängt er nach einer Weile wieder mit seiner Phantasie-Unterstellung an, er würde sich noch genau erinnern, dass ich mich ja damals, seinerzeit, „mit Sobottka“ – wie hat er es formuliert… „Ich weiß noch genau, es war Winter und Schnee, vor irgendeiner Galerie, und da habt ihr euch, du und Sobottka, mitten auf der Straße – auf dem Boden – gewälzt!“ Ich: „Das hat nur in deiner Phantasie stattgefunden, wir haben niemals auf der Straße gelegen, das bildest du dir ein und das erzählst du mir jedes mal, wenn wir uns sehen.“ Konstantin: „ja ja, Immer JAN JAN JAN, immer nur JAN! Gerade eben hast du ja schon wieder gefragt „Wo ist Jan? Immer nur Sobottka, du bist doch wieder nur wegen Sobottka gekommen!“. Ich: „Ja, natürlich, nur wegen Jan, ich gehe überhaupt nur irgendwohin in der Hoffnung, Jan zu treffen. Genauso ist es. Komm, wir machen mal ein Foto, von uns beiden.“ Konstantin begeistert, JA! Lass uns endlich ein Foto machen von UNS!!!“ Klick, klick, klick. Männlicher Gast fragt, ob er auch ein Foto von uns beiden machen darf. „Ja, mach, gerne.“ Macht Foto, klick klick. Zeigt uns das Ergebnis. Ich schmiege mich wieder mal zutraulich an meinen Fotopartner, wie mir das bei solchen Aufnahmen irgendwie automatisch immer unterläuft, ich kann scheinbar gar nicht anders. Ich bin fast ein bißchen sprachlos, WIE zutraulich. Konstantin juchzt und jauchzt: „Oh mein Gott! Ein Traum! Endlich das ultimative Bild von uns beiden als Paar! Endlich!“ Ich: „OMG…das ist ja unglaublich! Das ist ja nicht zu fassen. Man könnte denken, wir wären uns irgendwie sympathisch! Wahnsinn!“. Na ja, so in etwa lief gestern die Konversation zwischen Frau Nielsen und Herrn Schneider ab. Aber er hat auch wieder launige Anekdoten aus der Kunstwelt parat gehabt, als er einen Zusammenschnitt seiner filmischen Kunstszene-Impressionen der letzten Jahre vorführte. Mit einem Abspann wie ein Nachruf, direkt ein bißchen unheimlich. Und dann noch dazu seine Idee, aufzuhören und als nächste Aktion zu propagieren „Der Kunstkontakter ist nun Kunstgeschichte!“ Obwohl die Idee nicht schlecht ist. Na so oder so, ich hoffe, Konstantin bleibt uns noch lange erhalten. Ich mag ihn wirklich.

22. Juli 2016

»Das Dichten hat für mich immer mehr Fallen. – Der Kampf gegen den Egoismus macht weder ethisch noch ästhetisch besser. Wahrhafte Fruchtbarkeit muß vielleicht immer mit starken Irrtumsmöglichkeiten über sich selbst und hitzigen Interessen verbunden sein.«
[ Franz Werfel, Tagebuch, 7. August 1918 ]

22. Juli 2016

»Es gilt nicht, sich vom Körper zu befreien, sondern ihn zu beseelen gilt es, ihn zum spannungsgewaltigen Bogen an dem Pfeil des Geistes zu machen«
[ Franz Werfel, Tagebuch, 31. Juli 1918 ]

21. Juli 2016


Ich liebe dieses Bild von Wolfram Adalbert Scheffler. Gesehen, geliebt. Geht so schnell wie mit Menschen. Gesehen, geliebt. Na gut, manchmal auch erst auf den zweiten Blick, wenn man genau hinsieht, hinsehen kann, nichts den Blick verstellt. Interessant, wie kleine Details die Empfindung sofort umkehren können. In der S-Bahn vor einigen Tagen wieder bemerkt. Ein Mann, vielleicht Mitte, Ende Dreißig, durchschnittlich groß, nicht klein, schlank, stand halb angelehnt, las ein Buch, mit geneigtem Kopf. In dem Winkel wirkte er ganz attraktiv, ich sah durch die Neigung mehr vom oberen Teil des Kopfes, die Stirn, die Nase. Da ich selbst stand, ich bin ja ziemlich groß, war mein Blickwinkel etwa auf Augenhöhe mit dem Mann. Sein Blick war gesenkt. Als die S-Bahn hielt, seine Station gekommen war, kam er in Bewegung, packte das Buch in die Tasche und hob den Kopf, ich sah das ganze Gesicht. Die Augen und die Mund- und Kinnpartie. Ich war innerhalb des Bruchteils einer Sekunde sofort desinteressiert. Der Blick drückte keinerlei Scharfsinn aus, eine völlig humorlose Ausstrahlung, der Mund leicht verkniffen, schmal, beinah geizig, nichts war aus dieser Perspektive mehr anziehend. Es fiel mir in diesem Moment wieder so deutlich ins Bewusstsein wie selten, wie Gesichtszüge, Blick und Ausstrahlung in der Summe in kürzester Zeit zu dem Urteil führen, dass einem jemand interessant oder uninteressant erscheint. Keine neue Erkenntnis, ich weiß. Aber dieser Moment war dennoch interessant, weil mein eingeschränkter Blickwinkel zunächst zu einer anderen Einschätzung kam. Kann man metaphorisch weiterspinnen, die Sache mit dem eingeschränkten Blickwinkel. Dass man mitunter vielleicht auch einen sehr attraktiven Eindruck von sämtlichen äußerlichen Parametern hat, Dank eines umfassenden Betrachtungswinkels. Aber man sieht immer noch nicht, was in einem Menschen vorgeht, man kann nur eine Ahnung bekommen, in einem Moment. Wenn jemand möchte, dass Bereiche unsichtbar bleiben, ist das leicht hinzubekommen, leichter, als etwas Äußeres zu verbergen. Ich denke, dass jeder Dinge verbirgt, auch vor den Menschen, die einem näher oder sogar sehr nahe stehen. Auch ich. Es gibt Dinge, die sind zu filigran, um sie zu äußern, man gibt den Dingen damit auch mehr Gewicht, als man in der Welt haben möchte. Nur einer von vielen Gründen, die es dafür geben kann. Oder man möchte etwas schützen. Möchte etwas nicht diskutieren und bewahrt deshalb Stillschweigen. Ich verurteile das nicht. Die Sache mit der absoluten Wahrheit existiert nur als nobles Dogma. Es gibt viele Wahrheiten. Was als offene Struktur, materialisiert, manifestiert sichtbar ist, zu Tage tritt, kann zwar als solche als „real“, „wirklich“, definiert werden, dennoch kann es darüberhinaus ein Innenleben geben, das dieser äußerlich sichtbaren Struktur widerspricht. Ich gebe ein Beispiel. Ein altes Ehepaar in einem Restaurant, das nicht miteinander spricht, auf das bestellte Essen wartet, den Blick aus dem Fenster richtet, nicht sehr glücklich erscheint. Ein frisch verliebtes Paar am Nebentisch, das innigen Bickkontakt zueinander sucht, turtelt, sich an den Händen fasst, könnte denken, „hoffentlich werden wir nie so, das ist ja furchtbar, warum sind die überhaupt noch zusammen“. Es könnte sein, dass das alte Ehepaar sich in Jahrzehnten schon alles in Wiederholung erzählt hat und zurückblickt, einfach nur sinniert und auch im Augenblick ist, nachdenklich vielleicht. Und es eine Bindung auf einer Ebene gibt, die sich nicht in Händchenhalten und unablässigem Reden ausdrückt. Das gibt es. Das ist nur ein Beispiel einer nicht sofort sichtbaren Ebene einer inneren Wahrheit. In dem Fall einer gemeinsamen inneren Wahrheit. Und es gibt individuelle innere Wahrheiten. Und so trägt jeder das Wissen um seine eigenen innersten Lebenswahrheiten in sich, in all ihrer Vielfalt, die nicht jeder andere, nicht jeder Außenstehende wissen muss, kann, soll. Das ist völlig normal und es gibt immer einen guten Grund dafür.

20. Juli 2016


Gefährlicher Zustand. Nah am löschen. Warten, bis sich die innerliche Wellenbewegung beruhigt. Wird sie. Wahrscheinlich die Hormone. Zuviel Testosteron. Ich habe sowieso ziemlich viel davon. Nein, kein übermäßiger Haarwuchs. Das andere. Aggression, Kraft, Lust. Ich wäre wahrscheinlich als Mann nicht unattraktiv. Ich habe mal gehört, dass die Ernährungsweise den Hormonspiegel beeinflussen kann. Angeblich fördert eiweiß- und fettreiche Nahrung den Testosteronspiegel und kohlehydratereichere Nahrung den Östrogenspiegel. Ich bin eindeutig Fleischfresser. Fresserin. Bei der Auswahl von einer Tafel Schokolade und einem Grillteller müsste ich nie lange überlegen, eindeutig den Grillteller. Oder zwei. Unglaublich befriedigend. Ich habe sehr gute Schokolade daheim aber überhaupt keine Lust mehr darauf, früher regelmäßig. Seltsam. Vielleicht kommt das mal wieder, aber im Augenblick brauche ich Fleisch. Raubtiergelüste. In vielen Aspekten, manchmal aber auch blinde Aggression, die ich nicht auslebe, nicht ausagiere. Nur in Bewegung transformiere. Oder in solche Einträge. Ebbt schon etwas ab. Habe auch zu wenig geschlafen, zu viel geraucht (für meine Verhältnisse, ich rauche ohne Regel, habe wenn, seltsamerweise nur am Abend diesen Drang, dann aber ungeheuer gierig) und vielleicht ein halbes Glas mehr getrunken, als ideal. Ist nicht immer so leicht zu erkennen, erspüren, wenn man im Flow ist, schon leicht angetrunken, auch euphorisiert, und es schmeckt, dass die Grenze erreicht ist, wo man keine Nebenwirkungen am Tag danach spürt. Das alte Thema mit dem virtuos Trinken, das ich seit geraumer Zeit auslote. Na ja, wer nicht. Im Moment kenne ich keinen einzigen konsequenten Antialkoholiker. Manche Freunde, die mit dem Auto unterwegs sind, halten sich manchmal zurück aber auch nicht radikal, oder wenn es mal eine gesundheitliche Einschränkung oder Krise gibt, die dazu zwingt, aber sonst nicht. Meine anderthalb Jahre ohne einen Tropfen Alkohol zwischen November 2010 und Mai 2012 waren definitiv auch nicht glücklicher, ich hatte niemals einen Kater, woher auch, aber sonst fühle ich mich jetzt insgesamt besser und zufriedener. Ich brauche diese Rituale, ich liebe sie. Total. Auch ohne Gesellschaft. Ich trinke und rauche allein, das macht mich gerade bei den ersten Gläsern und Zügen regelrecht euphorisch. Dafür sind Drogen schließlich da. Danke Gott für diese hervorragende Erfindung. Man muss sich ab und zu darüber klar werden, wofür man dankbar sein kann. Zum Beispiel dafür. Und noch ganz viele andere Dinge, die ebensowenig profan sind. Euphorische Zustände sind keine profane Sache, ganz und gar nicht. Ich sehe da vielmehr einen Zugang zu religiösen Gefühlen, das meine ich ganz ohne Ironie. Stufen der Ekstase, Entzückung. Glückliche Auflösung. Die Lösung, Ablösung, Erlösung von allem, das einen nüchtern beschwert, den Zugang zum Glück verwehrt.

19. Juli 2016

Keine Lust, nur Englisch zu reden. Dieses äh – nennen wir es „Portal“, auf das mich die Freundin gebracht hat, wird ausschließlich englischsprachig betrieben, was zwar einerseits den Vorzug hat, dass sich dort Berliner einfinden, die zumindest ausreichend sprachbegabt sind, um den Fragenkatalog abzuarbeiten und die Datenmaske auszufüllen, sich demzufolge offenbar nicht komplett vor der Regelschulzeit gedrückt haben, was andererseits aber auch Herrschaften anzeigt, die kaum oder nur geringfügig Deutsch beherrschen, aber durchaus Kontakte zu deutschen Frauen suchen. Ich kann ja wohl von einem ausländischen Bewerber verlangen, dass er mich – um sich für die nächste Runde ziu qualifizieren – mit flüssig vorgetragenen Versen aus der klassischen deutschen Lyrik zu beeindrucken versucht. Ein Foto habe ich ja weiterhin nicht hochgeladen, auch keinerlei Hobbies oder Interessen angegeben. Na gut, man konnte bei den Vorgaben an die Männer schon ein bißchen eingrenzen, wo so das untere Limit ist, also habe ich bei der Frage nach dem Aussehen angegeben „überdurchschnittlich gut“. Körpergröße 1,86 bis 1,96, Alter 29 – 52. Man möchte sich ja auch nicht verschlechtern. Nun hat mir einer – obwohl er ja nichts über mich weiß, außer dass ich „38“ bin und ‚fit‘ eine Message geschickt, in der er fragt, was ich bei dem – ich übersetze mal „schwierigen Wetter“ so treibe. Ich gehe also auf das Profil, man sieht nur ein kleineres Bild (es wäre wohl größer zu sehen, wenn ich selber ein Bild eingestellt hätte), auf dem man jemand mit Sonnenbrille sieht, mutmaßlich nicht hässlich, 38 (also wie ich, falls es stimmt!), schreibt im Profil was von engineering und audio field, also wohl Toningenieur. Spricht flüssig Englisch, etwas Französisch und wenig Deutsch. Wohnt in Mitte. Klingt ja eigentlich nicht unattraktiv. Aber ich habe keine Lust, mich nur auf Englisch zu unterhalten! Ich brauche jemanden, der mir verwertbares Material für meine Blogeinträge liefert, ich kann mir nicht immer alles nur selber ausdenken. Da muss sich ordentlich artikuliert werden, so dass es quasi eins zu eins verwertbar ist. Ich habe das Portal seither auch nicht mehr besucht. Ja, was dachten Sie denn, wofür ich Kontakte suche? Für irgendwelchen Schweinkram oder was? Die reine Liebe zur Literatur treibt mich an, das hehre Wort, geistig hochstehender Austausch, die Hingabe an die Poesie! Dass ich dabei den einen oder anderen Anspruch an das Erscheinungsbild habe, hat rein künstlerische Aspekte. Sie wissen ja, ich fühle mich der visuellen Dokumentation verpflichtet, da muss die ganze Performance stimmen. Es geht hier langfristig um das Werk, und was ich der Welt einmal hinterlassen werde.